„Gleichberechtigung: Sind Ostfrauen emanzipierter?“

Auf einem feministischen Treffen redet man über Unterschiede zwischen Ost- und Westfrauen und dem Feminismus:

Der Raum war voll, es war stickig und heiß, einige Ostfrauen hatten gerade von sich erzählt, von ihren Müttern und Großmüttern und wie diese den Jüngeren vorlebten, dass Erwerbsarbeit so selbstverständlich war wie der Wunsch nach Kindern, die selbstredend in die Kita gingen. Und dann sagte die Frau diesen Satz: „Ich will Ihre gute Laune ja nicht stören, aber mich regt die Mythologisierung der Ostfrauen total auf.“

Das muss die Feministinnen auch echt stören: Frauen, die emanzipiert leben und den Gender Pay Gap auf 8% drücken und in einigen Städten sogar einen „umgekehrten Gender Pay Gap“ haben. Sie lassen die Westfrauen schlecht aussehen und es sieht fast so aus als könnte man mit eigener Verhaltensänderung einiges an Unterdrückung und Patriarchat ablegen. Dabei sind doch eigentlich die Männer an allem schuld. Und dann sind die Männer da auch noch alle Nazis. Die Frauen müssten da eigentlich noch unterdrückter sein.

Stille. Irritierende Blicke. Die Frau schaute sich um, dann nach vorn und erzählte: Kurz nach der Wende sei sie aus beruflichen Gründen mit der Familie aus dem Westen in den Osten gezogen. Sie hatte sich darauf gefreut, zu erleben, was im anderen Teil Deutschlands vor sich ging. Vor allem aber war sie – als Feministin – neugierig auf die Frauen aus dem Osten und den emanzipatorischen Schwung, den sie aus allen Zeitungstexten über die DDR herauslas und aus allen Erzählungen heraushörte. Sie hatte das Bild von Kämpferinnen im Kopf, von Frauen, die Widerworte geben, um ihre Rechte ringen, die angriffslustig sind. Aber dann traf sie auf graue Gestalten, die von ihrem Alltag gestresst waren und den Männern im Haushalt nichts abforderten, die keine Ahnung vom Feminismus hatten und statt gelassen eher verbittert waren. Was soll daran bewundernswert, emanzipiert sein? Sehen so Vorreiterinnen in der politischen Auseinandersetzung um gleiche Rechte aus, im Kampf für Abtreibung und mehr weibliche Sichtbarkeit?

Ah, die Rettung! Sie sind doch noch unterdrückt, irgendwie. Wobei das eigentlich auch wieder den feministischen Theorien widerspricht. Sollte nicht die berufliche Emanzipation auch dafür sorgen, dass Frauen in anderen Bereichen emanzipierter sind?

Manche Frauen rutschten auf ihren Stühlen hin und her, Raunen, Arme schnellten in die Höhe, jede wollte etwas sagen. Aus manchen brach es förmlich heraus: Wir mussten nicht um unsere Rechte kämpften, wir hatten sie einfach. Wir konnten uns vom Partner trennen, wenn wir das wollten, und hingen nicht – wie viele Frauen aus dem Westen – in männlicher Abhängigkeit fest. Kitas mögen von 6 bis 18 Uhr geöffnet gewesen sein, weil Frauen ihre Arbeitskraft voll dem Staat zur Verfügung stellen sollten, aber wir konnten eben arbeiten, auch in leitenden Positionen. Insgesamt hatten Frauen im Osten, so das Fazit, gegenüber Frauen im Westen eben doch einen emanzipatorischen Vorsprung: Während Ostfrauen weitgehend gleichberechtigt lebten, ohne darüber in jeder Sekunde nachzudenken und das zu theoretisieren, hatten Westfrauen zwar feministisches Basiswissen, in der Regel aber keine Chance, das in die Realität umzusetzen.

„Keine Chance, das in die Realität umzusetzen“ ist wirklich erstaunlich. Aber immerhin auch ein Eingeständnis, dass sie etwas umsetzen müssten. Und die armen Frauen im Osten hatten keinen Zugriff auf feministische Theorie und deswegen konnte sich anscheinend die positive Wirkung der Gleichberechtigung nicht entfalten.

Auch eine schöne Aussage: Eine Unterdrückungserfahrung gab es natürlich schon immer auf allen Seiten.  Beide waren eben nur verschieden. Auch wenn eine Seite wesentlich weniger Gehaltsunterschied gehabt hat. Und weswegen man da auch nur anführen kann, dass ihr „das feministische Bewußtsein“ fehlt. Sie waren anscheinend nicht genug Opfer. Man kann noch nicht einmal benennen, was sie im praktischen weniger haben, insofern scheint ihre Reaktion auf die „Wessis“ zutreffend, die ihnen, die wesentlich weiter sind, anscheinend vorwerfen, dass sie nicht aus den richtigen Gründen weiter sind und gefälligst von ihnen, die wesentlich schlechter stehen, lernen sollen.

Man könnte das „Wessisplaining“ nennen.

Auch interessant: Die Ossis sind etwas mehr in die Unterdrückung rein, obwohl aus dem „emanzipierteren System“ kommend (da mit kleineren Gender Pay Gap).

In der Tat sollten die Westfeministinnen eher schauen, welche Theorien die „Ostfeministinnen“ so vertreten (vertreten haben). Leider sind die wahrscheinlich nicht so gut für einen Opferkult: „Studier als Frau dann eben einfach Ingenieurwesen“ wäre ja viel zu simpel

Da schütteln die Frauen mit ihrem Gender Studium kritisch den Kopf: Da lassen die sich einfach Ingenieur nennen und passen sich so unkritisch an! Hätten die doch lieber Gender Studies studiert, dann wären sie zwar keine Ingenieure, aber sie wüßten, dass sich weibliche Ingenieure mit Ingenieurin anreden lassen müssen, wenn es zu einer Gleichberechtigung kommen soll.

Feminismus – so wichtig!

Auch faszinierend: Die Westfrauen wissen also, dass eine Theorie von ihnen, mit 23% Lohunterschied, im Osten Lohnungleichheit verbirgt, bei 8% Unterschied. Das ist schon erstaunlich. Die Daten scheinen ja eher das Gegenteil darzulegen.

„Das private ist politisch“ ist in letztendlicher Konsequenz auch für die meisten Westdeutschen Frauen nicht politisch. Schlicht weil sie eben nicht hart daran arbeiten, den Gender Pay Gap zu senken, indem sie zB Ingenieur werden, möglichst viele Überstunden machen, einen Mann, der die Kindererziehung übernimmt und weniger verdient heiraten etc. Es ist nur politisch, sofern es ihnen passt.

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