67 Gedanken zu “Wer ist Karl Marx?

      • Für die „Bewertung des Inhalts“ ist aus quellenkritischer Perspektive immer zu prüfen, WER hier WAS aus welcher PERSPEKTIVE und mit welcher ABSICHT sagt. Diese Vorgehensweise ist vor allem dann angebracht, wenn der „Quellenproduzent“ selbst sich im konservativen Spektrum verortet und damit seine soziale, kulturelle und ideologische Standortgebundenheit deutlich macht.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Quellenkritik
        Außerdem ist es ausgesprochen plump, agitatorisch und dümmlich, eine bedeutende Person der Geistesgeschichte, die ein umfassendes Werk über mehrere Jahrzehnte hinterlassen hat, auf einen kurzen Comic zu reduzieren. Dies gilt übrigens auch für große Geister aus dem eher entgegengesetzten politischen Spektrum – seien es nun Hayek, Nietzsche oder Carl Schmitt -, weil da am Ende nur (im Zweifel denunziatorische) Karikaturen herauskommen, welche den verschiedenen Facetten ihres Werkes nicht gerecht wird.

          • @ Sandale
            Alle Quellen – egal, aus welcher politischen Richtung und aus welchen soziokulturellen Kontexten sie kommen – unterliegen der Quellenkritik. Kein „Quellenproduzent“ agiert kontextlos und eine kontextlose Wahrnehmung sozialer Zusammenhänge gibt es nicht, weil sich sämtliche erkennenden Subjekte in sozialen, kulturellen und in sich kontingenten historischen Kontexten bewegen, aus deren Perspektiven sie die Wirklichkeit wahrnehmen. Objektivierende Methoden, die Beachtung hermeneutischer Grundsätze und das Widerspiel von Kritik und Antikritik führen dann dazu, was man „Stand der Forschung“ oder intersubjektive Konsense nennt, die aber immer nur vorläufig existieren, da menschliche Erkenntnisse ja prinzipiell unabschließbar sind.

          • „Alle Quellen – egal, aus welcher politischen Richtung und aus welchen soziokulturellen Kontexten sie kommen – unterliegen der Quellenkritik.“

            Scheinbar bei manchen erst dann, wenn sie korrigiert werden.

            „Diese Vorgehensweise ist vor allem dann angebracht, wenn der „Quellenproduzent“ selbst sich im konservativen Spektrum verortet und damit seine soziale, kulturelle und ideologische Standortgebundenheit deutlich macht.“

            Wasser predigen und Wein saufen.

  1. Der Inhalt ist natürlich ziemlich unterirdisch, lauter Behauptungen ohne Belege. Welche Daten soll Marx denn gefälscht haben?

    Damit wir uns nicht missverstehen: Behauptungen zu belegen, Quellen für Zitate anzuführen, ist keine „marxistische“ Anforderung, sondern wissenschaftlicher Mindeststandard.

        • So ein Hitpiece funktioniert unter der Voraussetzung, dass die kulturelle Hegemonie auf Seite des jeweiligen Hitpieces ist.

          Strukturell (und auch ästhetisch übrigens) unterscheidet es sich daher nicht von ARD/ZDF-„Faktencheck“-Hitpieces gegen vermeintliche und echte Rechte, Rassisten, „Islamophobe“ etc.

          Auch ein Marxgegner leistet sich meines Erachtens einen Pyrrhussieg, wenn er sich solcher Denunziationsrhetorik bedient. Denn diese kann sich unter Verschiebungen der kulturellen Hegemonie schnell gegen ihn selbst richten.

          Wünschenswert wäre eine echte Debattenkultur, in der der Gegner respektiert und mit Argumenten bekämpft wird.

          • „Wünschenswert wäre eine echte Debattenkultur, in der der Gegner respektiert und mit Argumenten bekämpft wird.“

            Ist im Moment nicht en vogue. Immer mehr wünschen sich „echte“ Schlachtfelder.
            Die Ähnlichkeit mit der Zeit von vor 1914 ist beunruhigend. Der Frieden findet immer weniger Anhänger.

          • @carnofis
            kommt mir auch so vor: Kaiserreich, „Schlafwandler“, „Stahlgewitter“-Begeisterung. Opfergehabe.
            Das ist eine viel bessere Analogie als zu den 1920ern, die viel brutaler waren.

    • „Welche Daten soll Marx denn gefälscht haben?“

      Ich würde „manipulate data“ iin diesem Zusammenhang nicht mit „fälschen“ übersetzen, behauptet wird wohl eher, dass er sich die Daten immer so hingedreht hat, dass sie zu seinen Theorien passen.
      Auch diese Behauptung wird natürlich nicht belegt, und generell handelt es sich offenkundig um ein Video, dem es um die Botschaft und nicht um argumentative Überzeugung geht, hat mit Wissenschaft offenkundig nichts zu tun.
      Der Punkt, dass jeder Versuch der Umsetzung marxistischer Theorien bislang gescheitert ist, bleibt allerdings. Und solange mir nicht jemand schlüssig darlegen kann, wie die wiederkehrenden Fehlentwicklungen in der Praxis vermieden werden können, halte ich die Argumentation, es sei halt nur noch nie richtig gemacht worden, für sehr problematisch.

  2. Was KÖNNTE denn mit „Marx hat Daten gefälscht“ gemeint sein? Der Vortragende ist ja nicht irgendein Penner, sondern ein bekannter US-Politologe bzw. Historiker

  3. Gott sei Dank ist 2018 bald vorbei, ich bekomme Ausschlag, wenn ich nur was von Marx höre. Und das ist nicht gesund, hat er sich, in Form der Geburtsstadt, doch sogar in meinen Ausweis geschmuggelt…

  4. Hier mal einige grundsätzliche Bemerkungen: Auf diesem Blog wird immer wieder über die tatsächlichen oder angeblichen wissenschaftstheoretischen Defizite der Gender Studies räsoniert, aber wenn ich mir dann die Beiträge anschaue, die sich mit „Linken Bashing“ beschäftigen, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass jene wissenschaftstheoretischen Ansprüche, die man gegenüber den Gender Studies einfordert, für die eigenen Position nicht gelten lassen will. Stattdessen kommen dann solche indiskutablen Comics wie oben, oder es wird der maskulinistische Billy-Graham-Verschnitt Jordan Peterson als der große Welterklärer präsentiert, der frei von politikwissenschaftlichen und ideengeschichtlichen Kenntnissen in seinen Youtube-Videos herumschwadroniert, ohne je in schriftlicher Form und mit einem wissenschaftlichen Anmerkungsapparat versehen ein theoretisch in sich schlüssiges Konzept der Verbindung von postmoderner Philosophie und dem Marxismus in all seinen Verästelungen vorgelegt vorgelegt zu haben, das auch der wissenschaftlichen Kritik durch die scientific community zugänglich ist. Wenn man den Gender Studies wissenschaftliche Dünnbrettbohrerei und ein methodisches Durcheinander vorwirft, dann sollte man in der Replik nicht ebenfalls auf Dünnbrettbohrer zurückgreifen, was dann nur in wechselseitige keifende Rechthaberei ausartet.

    @ Christian
    Da Du ja es so mit „Alles Evolution“ hälst und m. E. Deine Beiträge mitunter eine leicht biologistische Schlagseite aufweisen, so empfehle ich Dir mal zur Lektüre und Besprechung den konservativ-reaktionären (und dazu noch NS-bekleckerten) Soziologen Arnold Gehlen mit seinem bekannten Werk „Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen“, Athenäum, Bonn 1956, das einen Blick auf die Menschwerdung innerhalb der Evolution wirft. Ausgangspunkt ist die These vom Menschen als „instinktarmes Mängelwesen“. „In seinen anthropologischen Überlegungen zählt Gehlen sowohl körperliche als auch psychisch-geistige Unangepasstheiten an die Umwelt auf. Zu den körperlichen Mängeln gehören zum Beispiel das Fehlen von Angriffsorganen (Klauen, geeignetem Gebiss) und eines Körperbaus, der eine schnelle und ausdauernde Flucht ermöglichen könnte, sowie seine Schutzlosigkeit gegenüber der Witterung (durch unzureichende Körperbehaarung). Für psychische Nachteile hält er den >fast lebensgefährlichen Mangel an echten Instinkteninmitten der gefährlichsten RaubtiereWeltoffenheitsich [zu] entlasten, d.h. die Mängelbedingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfristung um[zu]arbeiten.Prometheus< erschaffene Ersatz-Natur bezeichnet Gehlen als Kultur."
    https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4ngelwesen
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43062618.html
    Ich nenne hier bewusst einen konservativen Autor, der die Akzente doch ein wenig anders setzt als hier auf dem Blog üblich. Und in seiner wissenschaftlichen Leistung ist er dem – ebenfalls konservativen – dummdreisten Ignoranten aus Toronto gewiss überlegen.

    • Da am Schluss einiges beim Kopieren verrutscht, hier noch einmal. Ich hoffe, es kommt jetzt hin:

      Die genannten Mängel der Reizüberflutung bieten dem Mängelwesen Mensch aber auch Vorteile. Durch seine „Weltoffenheit“ wird der Mensch dazu gezwungen „sich [zu] entlasten, d.h. die Mängelbedingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfristung um[zu]arbeiten.“ Anstatt sich seiner Umwelt anzupassen, was aufgrund seiner physischen Eigenschaften oft nicht möglich ist, verändert er selbige, so dass sie seinen Zwecken dienlich ist.

      Der Mensch kann also nur durch die Umwandlung der Natur in eine Ersatz-Natur überleben, darüber hinaus ist es ihm möglich, da er ein nicht spezialisiertes Wesen ist, unter verschiedensten Bedingungen zu leben. Die von ihm als „Prometheus“ erschaffene Ersatz-Natur bezeichnet Gehlen als Kultur.

      • Eine kleine Kritik am Kritikschreiber: Gender Studies sind offizielle Wissenschaft und müssen daher darüber betrachtet werden, da ihr Wort als wissenschaftliche Autorität gilt. Das Blog hier ist primär Politik und diskutiert Interessen und Sichtweisen, verlinkt Ideen und Studien. Für dieses Vorgehen gilt keine Wissenschaftlichkeit, da es nicht selbst Wissenschaft ist und Politik um Interessen geht und diese nicht wissenschaftlich beantwortet werden können.

        • Und Peterson ist hochrenomierter viel zitierter Wissenschaftler, wenn er Wissenschaft macht. Und wenn er gerade nicht Wissenschaft macht, sondern andere Dinge, da ist er nicht wissenschaftlich, da er da im Moment eben keine Wissenschaft macht, sondern Ratschläge gibt, Politik betreibt, rumdiskutiert, usw.

          • @ Blub

            „Und Peterson ist hochrenomierter viel zitierter Wissenschaftler, wenn er Wissenschaft macht.“

            Jordan Peterson ist kein „hochrenomierter viel zitierter Wissenschaftler“, auch nicht in der Psychologie. Er war – bevor er berühmt wurde (was nicht wegen wissenschaftlicher Leistungen geschah) – außerhalb der Persönlichkeitspsychologie weitgehend unbekannt und auch innerhalb der Persönlichkeitspsychologie war er keiner der bekanntesten und anerkanntesten Psychologen innerhalb dieser psychologischen Sub-Disiziplin.

            Der bekannte Kognitionswissenschaftler und naturalistische Philosoph Paul Thagard, der u.a. ein Lehrbuch der Kognitionswissenschaft verfasst hat, hält Jordan Petersons Bücher in empirisch-wissenschaftlicher Hinsicht für weitgehend wertlos:

            https://www.psychologytoday.com/au/blog/hot-thought/201803/jordan-petersons-murky-maps-meaning?amp

        • @ Blub

          Nur weil für dich wissenschaftliche und ethische Standards Fremdworte sind, heißt das nicht, dass jeder auf diesem Blog das genauso sieht.

          • Peterson hat über 10,000 zitationen auf google scholar:
            https://scholar.google.com/citations?hl=en&user=wL1F22UAAAAJ&view_op=list_works

            Zum Vergleich:
            Brian Greene >11,000
            Neil deGrasse Tyson > 100
            Steven Pinker ~50,000
            Harald Lesch > 3000
            Geoffrey Beattie ~6000
            Brian Cox ~33,000
            Lawrerence Krauss ~ 10,000
            Richard Dawkins ~60,000
            Martin Seeligman ~ 168,000
            Paul Thagard > 28,000,
            Stephen M. Kosslyn > 55,000
            Robert Trivers ~ 45,000
            (nicht normalisiert auf zB Publikationsjahre, und google scholar hat auch im Vergleich zu SCOPUS oder ISI rel. viele Falschpositive).

            Zum Vergleich ein paar dt. aktuelle Philosophen/Psychologen von der allseits geschätzten HU Berlin:
            Michael Pauen (HU Berlin) ~ 1,600
            Norbert Kathmann (HU Berlin) ~ 6,900
            Denis Gerstorf (HU Berlin) ~ 6,400
            Werner Sommer (HU Berlin ~ 8,400

            Unabhängig davon, was man von Peterson halten mag, ist er natürlich ein exzellenter Wissenschaftler mit viel zitierten Publikationen, der in bedeutenden Einrichtungen studiert und gelehrt hat. Sein Publikationsvolumen würde für einen Direktorenposten an einem Max-Planck-Institut mehr als qualifizieren.

            Wieviel Zitationen hat Leszek denn so?

          • @ Nouse

            „Peterson hat über 10,000 zitationen auf google scholar:“

            Die dürften sich aber überwiegend nicht auf seine beiden Bücher beziehen, sondern auf veröffentlichte Studien in persönlichkeitspsychologischen Zeitschriften. Jordan Petersons Bücher werden in der empirisch-wissenschaftlichen Psychologie in der Regel nicht rezipiert.

            Jordan Peterson ist, was die Disziplinen der Psychologie angeht, schwerpunktmäßig Persönlichkeitspsychologe. Ich habe gesagt, dass er außerhalb dieses disziplinären Feldes (bevor er aus nicht-wissenschaftlichen Gründen in der Öffentlichkeit bekannt wurde) kaum bekannt war. Ich interessiere mich schon lange für Psychologie und bin im Laufe der Jahre niemals in Büchern, Lehrbüchern oder Zeitschriften auf ihn gestoßen. Selbst in einem Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie, das ich besitze, wird er nicht erwähnt (in einem Lehrbuch zur Klinischen Psychologie auch nicht). Als eine der zeitgenössischen Größen der Psychologie galt (und gilt) Jordan Peterson sicherlich nicht, sondern lediglich als ein Persönlichkeitspsychologe von vielen.

            „Unabhängig davon, was man von Peterson halten mag, ist er natürlich ein exzellenter Wissenschaftler mit viel zitierten Publikationen, der in bedeutenden Einrichtungen studiert und gelehrt hat. Sein Publikationsvolumen würde für einen Direktorenposten an einem Max-Planck-Institut mehr als qualifizieren.“

            Das mit dem Publikationsvolumen ist tatsächlich eine nicht ganz unproblematische Sache in der Psychologie. Es gibt für Psychologen, die Karriere machen wollen, einen relativ starken Publikationsdruck bezüglich Studien. Dabei ist es zur Zeit leider so, dass viele Studien zu publizieren für einen Psychologen, der seine Karriere voranbringen will, vorteilhafter ist als weniger Studien, die dafür eine sehr hohe Qualität haben. Dieser Mechanismus gilt in der wissenschaftlichen Forschung zur Qualität psychologischer Studien als eine Hauptquelle für Mängel bei Studien in der Psychologie. Ein hohes Publikationsvolumen ist also nicht zwangsläufig auch eine Garantie für hohe wissenschaftliche Qualität. Kann der Fall sein, muss aber nicht der Fall sein.

          • @nouse
            „Peterson hat über 10,000 zitationen auf google scholar“

            Nur die Originalarbeiten zählen! Das sind viel, viel, viel weniger.
            Die Anzahl der Publikationen hat aber absolut nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun, das Argument mit der Anzahl der Zitate ist unwissenschaftlich. Man muss nur die Originalbeiträge bewerten. Am besten dadurch, das selbst gelesen zu haben.

          • @Leszek
            „Ein hohes Publikationsvolumen ist also nicht zwangsläufig auch eine Garantie für hohe wissenschaftliche Qualität.“

            Sicher ist der Publikationsdurchfall sogar eine der Geisseln der Wissenschaft 😦
            Wissenschaft kann auch in Stuss eingewickelt werden, und dadurch irrelevant gemacht werden.
            Es wäre sicher von Vorteil, wenn mehr auf höherwertige, und weniger, Arbeiten gesetzt werden würde.

          • Ich habe gerade nochmal in mehreren aktuellen deutschsprachigen Lehrbüchern zur Persönlichkeitspsychologie mittels der Vorschau-Funktion bei Amazon im Personenregister oder Literaturverzeichnis nachgeschaut, ob Jordan Peterson dort erwähnt wird.
            In den meisten Fällen war entweder ein Personenregister oder Literaturverzeichnis in den Lehrbüchern zur Persönlichkeitspsychologie bei Amazon abrufbar, Jordan Peterson war dort aber nicht aufgeführt.
            Also, der große Star der zeitgenössischen Persönlichkeitspsychologie ist Jordan Peterson offenbar nicht.

          • Als jemand mit einer zweistelligen Zahl von peer-reviewed-en Artikeln (+ google scholar profil ;)) in den Biowissenschaften masse ich mir hier mal ein Urteil an. Vielleicht können hier auch Missverständnisse zwischen MINT und den Humanities aufgeklärt werden.

            1. „Dürften sich nicht auf seine zwei Bücher beziehen.“ Ja, Hoffentlich!

            Kein Mensch zitiert aus Büchern. Peterson ist Kliniker, dH er arbeitet u.a. experimentell. Seine wichtigsten Arbeiten wird man daher nicht in Bücher finden. Bücher sind im Schnitt 5-10 Jahre veraltet, wenn sie auf den Markt kommen, und daher allenfalls für die Lehre zu gebrauchen. Man sieht das ja auch deutlich an Peterson’s GS-Profil: Seine meistzitierten Arbeiten sind Research Items in Fachjournalen. Und ein Research-Paper mit fast 1000 Zitationen ist Weltklasse.
            Mit Verlaub, das sind die Sachen, auf die es ankommt. Kein Schwanz zitiert in MINT aus Büchern (ich zähle die klinische Psychologie mal spasseshalber zu den MINT). Ich weiss gar nicht, wie man auf solche Gedanken kommt? Was habt Ihr immer mit Euren Büchern?!

            2. „Nur Originalarbeiten zählen.“ Das ist totaler Unfug.

            Da weiss man gar nicht, wo man anfangen soll. Was soll eine Originalarbeit sein? Nur Erstautorenschaften? Und die anderen armen Trottel, die beispielsweise Daten geliefert und Analysen gemacht haben, die zählen dann nicht, oder wie? Natürlich sind Erstautoren die Leute, die den Kram geschrieben und die meiste Arbeit gehabthaben, und daher auch zu Recht die meisten Lorbeeren einheimsen, aber in Wahrheit will niemand Manuskripte schreiben. Ist nämlich ein absoluter Alptraum, die Sonderwünsche von 10+ Co-Autoren im Manuskript unterzubringen. Daher sind Erstautoren (ausser bei wirklich, wirklich, wirklich wichtigen Sachen) fast immer Doktoranden oder junge PostDocs, die noch selber im Labor stehen. Danach will man eigentlich möglichst weit hinten in der Autorenliste stehen. Petersen wird analog dazu ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt gar keine Erstautoren mehr haben. Weil ab dann nämlich seine Doktoranten die Manuskripte geschrieben haben!
            Petersen’s meistzitiertes Paper bspw. stammt von einem Colin DeYoung. Was weiss Wiki über Dr. DeYoung (heute tenured an der Uni Minnessota)?

            „He obtained his M.A. and Ph.D. in Psychology in 2000 and 2005, respectively, at the University of Toronto[1] where he studied under Canadian clinical psychologist and a professor of psychology Jordan B. Peterson.“

            Wie vermutet, er war Peterson’s Doktorand. Peterson hat seine Projekte (co)-designed, das Geld besorgt und seine Arbeiten begutachtet. Manche Leute (vor allen Dingen Professoren) würden sagen, ihm gebühre daher mehr Respekt als DeYoung selbst.
            Solche Beispiele wird man vermutlich haufenweise in seiner Publikationsliste finden.

            3. Der berühmte „Publikationsdurchfall“. Jein.
            Stört mich immer ein bisschen, wenn der Vorwurf von aussen kommt, und wenn er als eine Art „true scotsman“ missbraucht wird, um jemandes Arbeit zu diskreditieren.
            Ja, es wird zu viel publiziert. Ja, das hängt auch eng mit den Promotionsordnungen zusammen, die viele Doktoranden kumulativ promovieren lassen, und mit Forschungsgeldern, die vornehmlich nach Reputation verteilt werden. Das sagt alleine aber noch gar nichts über die Güte der veröffentlichten Arbeiten aus. Murks wird vor allen Dingen von murksigen Unis und murksigen Wissenschaftlern veröffentlich, vor allen Dingen in murksigen Journals. Das betrifft leider oft Wissenschaft aus Ländern mit wenig Geld, deren Ergebnisse dann im Albanian Journal of Biotechnology veröffentlich werden. Sorry für meine weisse* Arroganz.
            Man kann sehr davon ausgehen, daß Arbeiten, deren Zitierungen sich mind. im zweistelligen Bereich bewegen, auch entsprechend abgeklopft wurden, BEVOR sie zitiert werden, spätestens im post-publication peer-review (wer mal sehen will, wie sowas läuft, wenn sich Wissenschaftler wie Hyänen auf falsche Ergebnisse stürzen, google mal GFAJ-1). Wissenschaft ist Konkurrenz. Wir zitieren nicht einfach so Kollegen, die auf die selben grants spekulieren wie man selbst. Wenn wir Murks wittern, werfen wir unsere Kollegen mit einem freudigen Lächeln im Gesicht den Hyänen zum Frass vor (–> retraction watch).

            Wie auch immer, wer angesichts eines scholar profils mit einem hirsch-index von 51 (d.h. er hat 51 VÖs, die mindestens 51 mal zitiert wurden) von „Publikationsdurchfall“ reden mag, der hat das eigentliche Problem offenbar nicht so gut verstanden.
            Bei der angesprochenen Publikationsschwemme geht es gar so sehr um die guten, soliden Sachen. Da geht es um a) die zigtausend Paper mit kleinen „n“s und schlechter Statistik, die gegen viel APC in Plos One oder Frontiers (oder schlimmer) veröffentlicht werden, die aber kein Mensch braucht, und die – wenn es gut läuft – mit 5, im Normalfall aber mit NULL Zitierungen nach Hause gehen, und b) um den Umstand, daß Wissenschaft desto kirschenpflückiger wird, je besser die Journale werden, in denen man publiziert. Die höchsten Retraktionsraten findet man in Nature und Science (auch, weil diese so prominent sind, daß hier besonders genau hingeguckt wird). Geld aus den Forschungstöpfen gibts halt nur gegen Top-Paper (und weil jeder Gutachter eines Forschungsantrages selbst Wissenschaftler ist und daher um die Probleme mit dem „Publikationsdurchfall“ weiss, ist die Sache dann eben auch weniger schlimm, als man denkt. Ein gutes Nature-Paper gewinnt halt gegen 10 x PlosOne).

            Beides liegt bei Peterson nicht vor. Im Gegenteil: Seine Top-Paper übertreffen den Impact-Factor ihrer Journals ums Vielfache.

            tl/dr:
            Aus meiner Erfahrung als veröffentlichender Wissenschaftler, nur ausgehend von seinem google-scholar Profil, ohne jemals etwas von ihm gelesen zu haben.
            „Nouse“ hat Recht. Petersen scheint ein wirklich exzellenter, viel zitierter Wissenschaftler zu sein.
            Peterson ist bestimmt nicht der Messias in allen Lebenslagen, für den ihn viele halten, aber ICH wäre unfassbar stolz, würde ich am Ende meiner Karriere sein Zitationsprofil aufweisen können. In Deutschland wäre das oberstes Top-Niveau.Als klinischer Psychologe scheint er spitze zu sein.

          • @ kendraM

            „Ich weiss gar nicht, wie man auf solche Gedanken kommt? Was habt Ihr immer mit Euren Büchern?!“

            Jordan Petersons Bücher mit ihrer christlich-konservativen Interpretation jungscher Psychologie sind für empirisch-wissenschaftliche Psychologen oft schwer verdaulich. Daher hat Paul Thagard Jordan Petersons Bücher in seinen Rezensionen ja auch verrissen.

          • Welche Thesen von Peterson sind denn in seinen Büchern gerade christlich konservativ?
            Das man sein Zimmer aufräumen soll?
            Das Menschen durch Evolution entstanden sind und daher Hierarchien Teil ihrer Natur sind?
            Das man dafür sorgen soll als selbstbewusst wahrgenommen zu werden?

          • Petersn ist kein Christ. Er kann sich tausendmal so nennen. Macht ihn trotzdem nicht zu einem.
            Wer die Auferstehung leugnet ist ein Antichrist.

          • @ KendraM

            „Als jemand mit einer zweistelligen Zahl von peer-reviewed-en Artikeln (+ google scholar profil ;))“

            Ich finde es natürlich schön, dass du ein erfolgreicher Naturwissenschaftler bist. 🙂

            „Kein Mensch zitiert aus Büchern.“

            Also in manchen wissenschaftlichen Disziplinen tut man das schon. 🙂
            Aber, wie gesagt, ging es mir bei dieser Formulierung darum, dass Jordan Petersons Bücher nicht den Ruf haben, Beiträge zur empirisch-wissenschaftlichen Psychologie zu sein, sondern dass sie unter anderem der Propagierung seiner verschrobenen Weltsicht dienen.

            „Peterson ist Kliniker, dH er arbeitet u.a. experimentell. Seine wichtigsten Arbeiten wird man daher nicht in Bücher finden.“

            Also er selbst scheint seine Bücher allerdings schon zu seinen wichtigen Arbeiten zu zählen.

            „ (ich zähle die klinische Psychologie mal spasseshalber zu den MINT).“

            Psychologen an Universitäten sehen sich selbst oft als Naturwissenschaftler, was mit bestimmten traditionellen wissenschaftstheoretischen Diskussionen innerhalb der Psychologie zu tun hat. Faktisch liegt die Psychologie m.E. aber in einem gewissen Schnittfeld zwischen Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften und ich würde sie eigentlich eher den Sozialwissenschaften zuordnen.

            Die Klinische Psychologie ist jene Teildisziplin der Psychologie, die sich mit der Erforschung psychischer Störungen befasst. Jordan Peterson beschäftigt sich m.W. auch mit Klinischer Psychologie, meistens wird aber eher die Persönlichkeitspsychologie als sein wissenschaftlicher Arbeitsschwerpunkt genannt. Die Persönlichkeitspsychologie ist eine andere Teildisziplin der Psychologie als die Klinische Psychologie und beschäftigt sich mit der Erforschung individueller Unterschiede bei persönlichen Merkmalen.

            „3. Der berühmte „Publikationsdurchfall“.“

            Der Druck möglichst viele Studien zu publizieren, um die eigene Karriere voranzubringen, gilt in der wissenschaftstheoretischen Diskussion innerhalb der Psychologie neben der fehlenden Verpflichtung VOR Experimenten den konkreten Ablauf der Experimente im Internet zu veröffentlichen als wesentliche Quelle wissenschaftlicher Mängel bei Studien.
            Auch bezüglich solcher Studien, die in anerkannten Fachjournalen oder Lehrbüchern veröffentlicht wurden, deren Ergebnisse sich dann aber bei einer Überprüfung nicht reproduzieren ließen, werden diese beiden Aspekte als Erklärung herangezogen.
            Hier wären also zwei wesentliche Aspekte, die potentiell genutzt werden könnten, um die Forschung zu optimieren.

            „Wir zitieren nicht einfach so Kollegen, die auf die selben grants spekulieren wie man selbst. Wenn wir Murks wittern, werfen wir unsere Kollegen mit einem freudigen Lächeln im Gesicht den Hyänen zum Frass vor (–> retraction watch).“

            Tja, siehst du, und wenn ein Jordan Peterson außerhalb seiner Fachdisziplin bei sozialwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Themen Murks erzählt – und das tut er im Rahmen seiner rechten Propagandastrategie ständig – dann muss er eben auch damit leben, dass er dafür kritisiert wird.

            Ein paar lesenswerte Texte hierzu:

            Tisias – Historicizing with a Bulldozer. The misinformation of Jordan Peterson

            View this collection on Medium.com

            Shuja Haider – Postmodernism Did Not Take Place: On Jordan Peterson’s 12 Rules for Life

            https://www.viewpointmag.com/2018/01/23/postmodernism-not-take-place-jordan-petersons-12-rules-life/

            Përke Ndencën – Jordan Peterson: The Distortions of an Ideologue. Understanding Jordan Peterson’s Postmodernism

            View at Medium.com

            Zachary Woodman – Jordan Peterson’s Ignorance of Postmodern Philosophy

            https://notesonliberty.com/author/thefatalconceitum/

            Gregory Desilet Answers Jordan Peterson on Derrida

            https://auticulture.com/blog/2018/04/04/gregory-desilet-answers-jordan-peterson-on-derrida-prisoner-of-infinity-primer-video/

            Ich verweise an dieser Stelle auch nochmal auf meinen eigenen Artikel zum Thema:

            https://man-tau.com/2018/05/30/kritik-an-jordan-peterson-antwort-von-leszek-auf-genderama-leserbrief-zu-jordan-peterson-vom-16-mai-2018-eine-kleine-artikelserie-1-teil/

            „Als klinischer Psychologe scheint er spitze zu sein.“

            Ich bin da zwar erstmal skeptisch, denn als Political-Correctness-Kritiker ist Jordan Peterson derart unwissenschaftlich, verlogen und verantwortungslos, dass es schwer fällt sich vorzustellen, dass er sich bei anderen Themen zusammenreißen und wissenschaftliche Standards einhalten kann, aber da Menschen meiner Überzeugung nach ja stets mehrere und auch widersprüchliche Persönlichkeitsanteile haben können, ist es natürlich möglich, dass er im Feld der Persönlichkeitspsychologie oder der Klinischen Psychologie trotzdem dazu in der Lage ist wissenschaftlich zu arbeiten.
            Sobald bei Jordan Peterson politische oder philosophische Themen in den Vordergrund rücken, ist es mit wissenschaftlicher Kompetenz bei ihm allerdings schnell vorbei.

            Nun fände ich es aber tatsächlich eine interessante Frage, warum er in deutschsprachigen Lehrbüchern der Persönlichkeitspsychologie nicht erwähnt wird.

            Liegt dies etwa an einer von Jacques Derrida gegen Jordan Peterson initiierten Verschwörung der „postmodernen Neomarxisten“?

            Oder sind Jordan Petersons wissenschaftliche Beiträge doch nicht so bedeutend, wie du glaubst?

            Oder sind sie so extrem fachspezifisch, dass sie zur Erwähnung in Lehrbüchern nicht geeignet sind?

          • „Jordan Petersons Bücher nicht den Ruf haben, Beiträge zur empirisch-wissenschaftlichen Psychologie zu sein, sondern dass sie unter anderem der Propagierung seiner verschrobenen Weltsicht dienen.“

            Was genau sind denn deine wesentlich Aussagen in seinen Büchern und welche davon findest du verschroben?

            12 Rules For Life ist ein Selbsthilfe Buch, welches einen dazu anhalten soll, die Schuld nicht bei ändern zu suchen, sondern sein Leben selbst in den Griff zu bekommen.
            Dazu erläutert er unter anderem biologische Grundlagen, die unser Leben prägen. Wenig verschroben aus meiner Sicht

          • @ KendraM

            „Nur Erstautorenschaften? Und die anderen armen Trottel, die beispielsweise Daten geliefert und Analysen gemacht haben, die zählen dann nicht, oder wie? Natürlich sind Erstautoren die Leute, die den Kram geschrieben und die meiste Arbeit gehabthaben, und daher auch zu Recht die meisten Lorbeeren einheimsen, aber in Wahrheit will niemand Manuskripte schreiben. Ist nämlich ein absoluter Alptraum, die Sonderwünsche von 10+ Co-Autoren im Manuskript unterzubringen. Daher sind Erstautoren (ausser bei wirklich, wirklich, wirklich wichtigen Sachen) fast immer Doktoranden oder junge PostDocs, die noch selber im Labor stehen. Danach will man eigentlich möglichst weit hinten in der Autorenliste stehen. Petersen wird analog dazu ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt gar keine Erstautoren mehr haben. Weil ab dann nämlich seine Doktoranten die Manuskripte geschrieben haben!
            Petersen’s meistzitiertes Paper bspw. stammt von einem Colin DeYoung. Was weiss Wiki über Dr. DeYoung (heute tenured an der Uni Minnessota)?“

            Tatsächlich müssten wir für eine diesbezügliche Beurteilung genauer wissen, wie diese Sache speziell in der Psychologie aktuell gehandhabt wird.
            Liest man sich die Reihenfolge der Autoren bei den Studien, an denen Jordan Peterson teilgenommen hat, durch, dann fällt auf, dass er in vielen Fällen nicht der „Lead author“ ist.

            „In many academic subjects (…) the lead author of a research article is typically the person who carried out the research and wrote and edited the paper. The list of trailing co-authors reflects, typically, diminishing contributions to the work reported in the manuscript.“

            https://en.wikipedia.org/wiki/Lead_author

            Falls der Umstand, dass Jordan Peterson in vielen Fällen nicht der „Lead author“ ist, auch damit einhergehen würde, dass er bei diesen Studien nicht der „Lead researcher“ war, dann könnte das nämlich erklären, warum man in Lehrbüchern nicht auf ihn stößt.
            Denn falls er oft nicht der „Lead researcher“ war, also viele Studien, an denen er teilgenommen hat, nicht primär von ihm durchgeführt wurden, sondern von einer anderen Person, dann wäre nachvollziehbar, warum Jordan Peterson trotz der Anzahl der Zitationen keine so bekannte Größe als Wissenschaftler in der Psychologie ist.

      • Nun, aus „Sicht“ der Evolution gibt es keine „Mängelwesen“ — sondern nur biologische Strukturen, die funktionieren, und solche, die es nicht tun, erstere bleiben erhalten, letztere nicht.

        Jede Art hat eine bestimmte „Überlebensmasche“, bei Raubtieren sind es gute Angriffswerkzeuge (Zähne, Krallen) sowie exzellenter Geruchs- und Hörsinn, bei Primaten und insbesondere beim Menschen das Gigant-Zentralnervensystem. Letzteres bietet offensichtlich immense Selektionsvorteile — Stichwort Zähne, Krallen und Muskeln gegen Schießpulver + Flinte. Die Mutation, die unserem Gehirn zugrundeliegt, hat sogar phantastische Überkapazitäten in uns eingebaut, die weit über das zum reinen Überleben und sich Fortpflanzen nötige hinausgehen.

        https://img.zeit.de/wissen/umwelt/2015-11/schimpansen-tierversuche-affenversuche/wide__820x461__desktop

        ^^einige Prozent Genomunterschied.

        Als Mängelwesen ließen sich allenfalls Lebensformen ansehen, deren Überlebenskniff extreme Spezialisierung ist: Nur eine bestimmte Futterpflanze, nur ein mögliches Habitat, etc. Der Mangel äußert sich dann darin, dass schon geringe Änderungen der Umweltbedingungen zum Aussterben führen. Solange keine Änderungen eintreten, funktioniert die „Masche“, da es das entsprechende Lebewesen sonst gar nicht gäbe, Klimaumschwünge, geologische Verschiebungen u.ä. lassen solche Arten sofort verschwinden.

        https://www.novo-argumente.com/artikel/der_grosse_panda_in_der_engen_sackgasse

        Die Evolution denkt nicht, plant nicht, optimiert nicht — sie ist ein stochastischer Prozess, dessen Erfolge wir sehen, die Misserfolge nicht.

        • Ich sehe die Evolution eher als polyempirischen Prozess, das erspart die Binärzuweisungen „Erfolg“ und „Mißerfolg“.
          Kurz Evolution ist fuzzy. Mehr oder weniger ….

        • Sehe ich genauso. Arnold Gehlen ist zwar ein interessanter Philosoph, aber er hat die Operationsweise von Evolution nicht so ganz verstanden.

    • „…ohne je in schriftlicher Form und mit einem wissenschaftlichen Anmerkungsapparat versehen ein theoretisch in sich schlüssiges Konzept der Verbindung von postmoderner Philosophie und dem Marxismus in all seinen Verästelungen vorgelegt vorgelegt zu haben, das auch der wissenschaftlichen Kritik durch die scientific community zugänglich ist.“

      Dies ist Voraussetzung dafür, Kritik an aktuellen Zuständen äußern zu dürfen? Oder eher eine willkommene Möglichkeit, Peterson zu delegitimieren, ohne sich mit seinen eigentlichen Aussagen auseinandersetzen zu müssen?

      • @ Blub

        Was unterscheidet denn „eigentliche“ von „uneigentlichen“ Aussagen? An welchen Kriterien machen wir fest, wo Peterson sich „eigentlich“ oder „uneigentlich“ äußert. Wenn ich Deinen Post richtig verstehe, dann lohnt sich nur die Auseinandersetzung mit seinen „eigentlichen“ Aussagen, während wir die „uneigentlichen“ beiseite lassen können. Aber wenn dem so ist, warum beschränkt er sich dann nicht auf das „Eigentliche“ und lässt uns mit seinem „Uneigentlichen“ in Ruhe?
        Nun müssen aber auch Petersons „eigentliche“ Aussagen (nach dem wir sie aus dem „uneigentlichem“ Rest herausgefiltert haben) darauf prüfen, ob sie überhaupt wissenschaftliche Substanz haben, Da dem nicht so ist, so haben wir es hier lediglich mit jemandem zu tun, der seine Ressentiments einfach mal nur so rausrotzt.

        Damit ich nicht falsch verstanden werde: Das Rausrotzen von Ressentiments fällt in den Bereich der freien Meinungsäußerung und ist grundrechtlich geschützt. Allerdings sollten solche „Rotznasen“ dann nicht ihre Ergüsse als Wissenschaft drapieren. Jeder von uns gibt Meinungen im Alltag kund, die keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben und auch Ressentiments enthalten. Dies gilt selbstverständlich auch für Jordan Peterson, dem es freisteht, als maskulistischer Erweckungsprediger seine Gläubigen um sich zu scharen wie die evangelikalen Tele-Pfaffen in den USA – wo aber wissenschaftlich nichts zu „delegitimieren“ ist, weil eine Legitimation (außerhalb der Gläubigenschar) nie existierte. Insofern war mein Vergleich mit Billy Graham schon gerecht und seinem Wirken angemessen.

        • „Allerdings sollten solche „Rotznasen“ dann nicht ihre Ergüsse als Wissenschaft drapieren.“

          Tut er das denn?

          Ich verfolge den Streit über Peterson schon lange nicht mehr, weil ich den Eindruck habe, mich zwischen Schützengräben zu bewegen.
          Einiges von Peterson erschien mir vernünftig und durchdacht, ob es „wissenschaftlichen Standards“ genügt, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen. Als gestandener F&Eler steh ich solchen Standards eh skeptisch gegenüber, weiß ich doch aus eigener Erfahrung, dass sie selbst in den MINT-Fächern teilweise einer Mode unterliegen.

          Soweit ich Petersons Hintergrund verstehe, verdient er einen Teil seines Einkommens über solche Internet-Publikationen. Je mehr er veröffentlicht, desto mehr verdient er. Das legt zumindest mir den Verdacht nahe, dass nicht ALLES Substanz hat, oder wissenschaftlichen Maßstäben genügen kann.
          Immerhin treibt er sich bei seinen Diskursen auch auf Gebieten herum, die nicht zu seinem Berufsschwerpunkt gehören.
          Aber das tue ich in diesem Moment auch und trotzdem hoffe ich, dass man sich mit meinen Thesen ernsthaft auseinandersetzt.

        • @Friedhelm Grützner – ich bin nicht Blub.

          „Wenn ich Deinen Post richtig verstehe, dann lohnt sich nur die Auseinandersetzung mit seinen „eigentlichen“ Aussagen, während wir die „uneigentlichen“ beiseite lassen können.“

          Dann hast du meinen Post nicht wirklich verstanden. Worum es mir geht, ist, dass sich Kritiker wie du und Leszek hauptsächlich daran abarbeiten, Petersons Verwendung des Begriffs (kultur-)marxistisch sei nicht wissenschaftlich exakt. Das mag sein oder auch nicht, aber dass Petersons Argumentationen sämtlichst mit der Frage stehen und fallen, ob eine „Verbindung von postmoderner Philosophie und dem Marxismus in all seinen Verästelungen“ nachweisbar ist oder nicht, kann man m.E. nicht redlicherweise behaupten, und wer trotzdem dies zum Anlass nimmt, Peterson ohne weitere Argumente in Bausch und Bogen zu verwerfen, ist für mich kaum ernstzunehmen, da er offenkundig nicht an einer erkenntnisorientierten Auseinandersetzung mit Petersons Positionen interessiert ist, sondern es ihm nur darum geht, jemanden mit missliebigen Ansichten zu bekämpfen.

          • @ Hugor

            Erstmal Entschuldigung für die Namensverwechslung.
            Wenn jemand eine Verbindung von Marxismus und postmoderner Philosophie behauptet, aber diese nicht nachweisen kann, dann existiert diese Behauptung nur als substanzloses Ressentiment. Ich warte immer noch auf eine substanzielle und mit Belegen versehene Verknüpfung von der marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie zur postmodernen Diskursanalyse. Solange diese nicht vorliegt, bin ich so frei, Jordan Peterson und andere Vertreter dieser Auffassung die Berechtigung abzusprechen, die Gender Studies wissenschaftstheoretisch zu widerlegen, weil ihnen einfach dazu das intellektuelle Rüstzeug abgeht. Was sie vorzutragen haben, mögen sie dann an irgendwelchen Stammtischen tun.

          • Siehst du, genau das meine ich. Du sprichst Peterson ab, die Gender Studies „wissenschaftstheoretisch“ zu widerlegen, und denkst offenbar, dass damit alles erledigt sei. Glaubst du tatsächlich, dass alles, was nicht wissenschaftstheoretisch hieb- und stichfest ist (wer beurteilt das eigentlich?), kein valides gesellschaftspolitisches Argument sein kann und deshalb ignoriert werden sollte?

          • „Wenn jemand eine Verbindung von Marxismus und postmoderner Philosophie behauptet, aber diese nicht nachweisen kann“

            Es ist *nicht* Petersons These, dass auf theoretischer Ebene eine Verbindung zwischen Marxismus und postmoderner Theorie besteht, die sich per Quellenstudie herleiten lässt.
            Es ist Petersons These, dass viele Menschen heute sich freizügig sowohl aus dem marxistischen als auch aus dem postmodernen Lego-Kasten bedienen und somit gleichzeitig Marxisten als auch Postmoderniker sind. (Obwohl das theoretisch nicht möglich sein sollte.)

            Das kannst du mit „Foucault hat nie das Wort X verwendet“ nicht widerlegen. Das braucht zur Bestätigung auch nicht den Nachweis von „Hier hat Derrida aber Y geschrieben“.

            Du argumentierst also auf einer anderen Ebene über einen völlig anderen Inhalt.

          • @ Only_me

            „Es ist *nicht* Petersons These, dass auf theoretischer Ebene eine Verbindung zwischen Marxismus und postmoderner Theorie besteht, die sich per Quellenstudie herleiten lässt.
            Es ist Petersons These, dass viele Menschen heute sich freizügig sowohl aus dem marxistischen als auch aus dem postmodernen Lego-Kasten bedienen und somit gleichzeitig Marxisten als auch Postmoderniker sind. (Obwohl das theoretisch nicht möglich sein sollte.)“

            Du hättest noch erwähnen können, dass diese „These“ von Jordan Peterson – die bei Einhaltung geltender wissenschaftlicher Standards in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften falsch ist – von Jordan Peterson durch die übliche politisch korrekte Masche einer falschen Verwendung bzw. ideologisch motivierten Umdefinition von Begriffen legitimiert wird. Jordan Peterson verwendet bei Begriffen wie „Postmodernismus“ und „Neomarxismus“ einfach selbst erfundene Privatdefinitionen, die nicht viel mit dem zu tun haben, wie diese Begriffe in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften verwendet werden.
            Würde allgemein so mit Begriffen umgegangen, wie er es tut, dann wäre keine Wissenschaft möglich.

    • „maskulinistische Billy-Graham-Verschnitt Jordan Peterson als der große Welterklärer präsentiert“

      Peterson diskutiert sehr unterhaltsam und das ist es, was die Leute mögen. Und es ist sicher besser, als extrem vieles in der Öffentlichkeit heute 😉

      Der Vergleich passt aber wirklich nicht, mit Graham. Er ist eben eine eigene Figur, der Peterson.

      Was das Beste an ihm ist, ist dass er die Leute neugierg macht und inspiriert. Das mit dem Religiösen ist natürlich aber nicht ernst zu nehmen.

      • Oben las ich noch diesen Bezug Friedhelms zu Graham:

        „Jordan Peterson, dem es freisteht, als maskulistischer Erweckungsprediger seine Gläubigen um sich zu scharen wie die evangelikalen Tele-Pfaffen in den USA“

        So ist der Vergleich absolut passend. Ich dache, es sei etwas vom Menschen her, was besonders gleich ist. Das Bedürfnis, sowas wie „die Wahrheit“ zu predigen, ist aber typisch für allzuviele Leute.

  5. Ein unnötiger Kasperle, dessen Ideen 1. nicht funktionieren und infolgedessen 2. dazu beigetragen haben, dass Millionen Menschen ermordet wurde.

      • Ich frag mich ja immer noch, ob da die Umlaufgeldkommunen gemeint sind, die die Faschisten natürlich – wer sonst, platt gemacht haben.

      • @ only_me

        „Hätte leszek das 1917 in Russland organisiert, hätten wir längst Utopia.“

        1. Ich bin kein Marxist. In meinem politischen Weltbild steht der Anarchismus im Zentrum. Im Anarchismus geht es nicht darum, dass Einzelpersonen etwas organisieren, sondern es geht darum die demokratische Selbstorganisation der Menschen zu fördern. Gemäß anarchistischer Theorie führen politische und ökonomische Machtkonzentrationen stets in eine Katastrophe.
        Anarchisten und Bolschewisten waren in Russland Gegner.

        Wenn du dich für die Theorie und Praxis der Anarchisten während der russischen Revolution interessierst, dann sei diesbezüglich z.B. auf folgende beiden Bücher verwiesen:

        Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum (Volin) – Die unbekannte Revolution

        https://www.amazon.de/unbekannte-Revolution-Wsewolod-Michailowitsch-Eichenbaum/dp/3000430571/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1538406641&sr=1-2&keywords=volin+revolution

        Philippe Kellermann (Hg.) – Anarchismus und Russische Revolution

        https://www.bol.de/shop/home/artikeldetails/ID45429492.html?retn=blhisenh:q1

        2. Karl Marx gilt zu Recht als ein Klassiker der Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft. Karl Marx war Demokrat, aber er hat sich zu der Frage, wie seiner Ansicht nach eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft organisiert sein sollte, kaum geäußert, um solche Dinge geht es in Marx Werk nicht.
        Die Interpretation von Sozialismus als Parteidiktatur geht auf Lenin zurück.

          • Und zwar so gut, daß aus blanker Angst und purem Neid dann schnell der Faschismus installiert wurde in Europa um dem unseligen Treiben ein Ende zu bereiten. =)

          • „Hast du ein Beispiel wo der Anarchismus auch in der Praxis funktioniert hat?“
            In kleineren Gemeinschaften funktioniert er als ( auch nicht so bezeichnete ) Basisdemokratie ganz wunderbar. Fast alle bekannten Dorf-MCs sind so organisiert.
            So ungefähr ab 600 Individuen ohne entsprechend entwickelte höhere Organisationsform, setzt dann das ein, was ich als „Calhouneffekt“ bezeichnen möchte. Es bilden sich hierarchische Gruppenzwangsstrukturen und freie Abstimmungen werden durch „repräsentative Wahlen“ ersetzt, was dann zu Schichtenbildung und unemanzipierten weiteren Zwangsverhaltensmustern und Rollen führt.

            Kurz: Letztendlich sind Menschen kaum kultivierter als Ratten.

            Aber wir üben ja auch erst seit max. ein paar Jahrtausenden an Modellen für größere und zentraler vernetzte Gemeinschaften, haben also eigentlich noch gar nicht so richtig angefangen.

          • @Fiete
            „Dorf-MCs“

            Ihr ridert easy über Berg und Tal…

            „ab 600 Individuen…“

            Naja, die Schweizer halten große Stücke auf ihre Graswurzeldemokratie — haben aber dennoch ein Parlament.
            Vielleicht könnte es glücken, auch in großen Nationen Entscheidungsfindung durch pausenloses Abstimmen durchzuführen. Mit dem Internet wäre es möglich — stellt sich natürlich die Frage: inwieweit manipulationssicher?
            Ich denke, die meisten Leute sind ganz froh, nicht ständig in die politische Entscheidungsfindung einbezogen zu werden. Nicht aus Faulheit oder Desinteresse — sondern einfach, weil sie in ihrem Leben andere Prioritäten haben, als entscheiden zu müssen, wie hoch die Gewerbesteuer sein soll oder ob mehr Naturschutzgebiete benötigt werden.

  6. Zu dem Video — das Werk eines Philosophen in wenigen Minuten zusammenzufassen und zu kritisieren versuchen, ist natürlich Grütze.

    Nicht alle Ideen von Marx waren neuartig. Schon in der Antike gab es das Konzept des absolut gerechten, idealen Staatswesens, in dem die Bürger von einer Elite von Philosophenkönigen gelenkt, geformt und zu besseren Menschen erzogen werden.
    Neu war bei Marx der dialektische Materialismus, der kulturelle Entwicklungen als Resultat des Konflikts zwischen Produktionsmittelbesitzern und Proletariern („die, die nur ihre Kinder besitzen“) deutet.

    Das Argument „alle modernen Versuche, eine kommunistische Gemeinschaft zu errichten, endeten als Tyrannis“ ist möglich, aber relativ schwach. Marxisten könnten nämlich einfach schnoddrig erwidern: „Was meinst du denn, wie oft Flugzeuge in der Frühphase der Luftfahrt abgestürzt sind?“ Etwas zugkräftiger finde ich das Gegenargument, dass, wenn ein Idealstaat sinnvoll und möglich wäre, im Laufe der letzten 2400 Jahre genug Gelegenheit bestanden hätte, einen solchen zu errichten — und wo wäre der denn…?
    Letztlich scheitert der Marxismus aus meiner Sicht daran, dass er überall manisch nach Problemen und Leid sucht, um zu zeigen, dass der Kapitalismus überwiegend schadet. Doch diese Behauptungen sind immer schwerer aufrechtzuerhalten. In den Staaten, die ihre Wirtschaft zumindest teilweise auf Wettbewerb gründen, herrscht weniger Analphabetismus, niedrigere Kindersterblichkeit, bessere medizinische Versorgung, höhere Lebenserwartung als anderswo.
    Ob der Wettbewerb auf alle Wirtschaftsbereiche ausgeweitet werden sollte, ist natürlich sehr diskutabel. Ich z. B. bin durchaus Anhänger staatlicher Infrastruktur, Eisenbahn, Stromversorgung u.ä.

    • „In den Staaten, die ihre Wirtschaft zumindest teilweise auf Wettbewerb gründen, herrscht weniger Analphabetismus, niedrigere Kindersterblichkeit, bessere medizinische Versorgung, höhere Lebenserwartung als anderswo.“

      Als Ergänzung hierzu: Der globale Neoliberalismus schadet zwar der Mittelschicht in den Ländern der 1. Welt, aber er nützt der Unterschicht in den Ländern der 3. Welt und in den Schwellenländern. Ist verblüffend.

      Bedeutet natürlich nicht, daß in der 3. Welt schlagartig alle Menschen der Unterschicht im Wohlstand leben, aber prozentual sind da enorme Fortschritte erzielt worden in den letzten 15 Jahren.

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