Mafiafrauen eher Exit-Strategien bieten?

Arne verlinkt auf einen Artikel, in dem ein Mafia-Experte befragt wird. Dieser führt an:

Sie haben mit Ihrem Verein „Mafia? Nein Danke“ einen 5-Punkte-Plan gegen die organisierte Kriminalität erstellt. Was ist jetzt wichtig?

Exit-Möglichkeiten zu schaffen wie bei rechtsextremen Gruppen, auch und besonders für Frauen. Solche Strukturen bestehen bisher nicht. Nicht alle Frauen wollen ihre Familie hinter sich lassen, manche aber schon – sie stecken in archaischen Clanstrukturen fest, sehen aber dank der Medien, was für ein freies Leben sie führen könnten. Es gibt außerdem Modelle, bei denen straffällige Jugendliche selbst entscheiden können, ob sie ins Gefängnis wollen oder an einem Ersatzprogramm teilnehmen, das ihnen ein Leben außerhalb der kriminellen Sphäre überhaupt erst zeigt. Der Fall von Nidal R. belegt: Gefängnisaufenthalte wirken nicht resozialisierend.

Ein Leser bei Arne merkte an:

Warum denn „besonders für Frauen“? Die sind doch als Akteure im Bereich organisiertes Verbrechen sehr, sehr deutlich in der Minderzahl? Wäre es nicht sinnvoller und effektiver, besonders den Männern, den Tätern und potenziellen Tätern den Ausstieg aus der organisierten Kriminalität schmackhaft zu machen und zu erleichtern?

Ich vermute mal, dass eine Exitstrategie für Frauen nicht interessant ist, um sie als Akteure auszuschalten, sondern um sie als Zeugen zu gewinnen. Die Männer stecken oft zu tief drin, gerade wenn sie höher eingebunden sind. Es gibt zwar in Deutschland eine Kronzeugenregelung aber die führt auch nur zu einer Strafmilderung. Und wenn ein Ex-Mafiosi in den Knast kommt und die Organisation an sich noch funktioniert, dann könnte die Milderung evtl nicht viel bringen.

Die Ehefrauen sind hingegen meist von Verbrechen unbelastet. Sie profitieren zwar von den erzielten Gewinnen, aber sie haben selbst erst einmal nichts gemacht. Allenfalls kann man sie als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung oder als Beihilfetäter bestrafen. Sie aus der Mafia herauszubringen kann daher durchaus interessant sein, gerade wenn sie ein hohes Insiderwissen haben.

Dazu auch von der Seite des Vereins:

Anfang Februar wurden Dank der Ermittlungen der Antimafia-Ermittlungsbehörde Dia in Neapel unter der Leitung von Giuseppe Linares zahlreiche Mitglieder der Camorra verhaftet. Darunter befinden sich auch die beiden Töchter und die Schwiegertochter von Francesco Bidognetti, altbekannter Capo des Clan dei Casalesi des Francesco Schiavone. Dieser Boss wiederum, im Jahre 1993 festgenommen, sitzt noch heute nach Zusatzartikel 41 im Gefängnis von Aquila. Den drei Frauen, die alle nicht vorbestraft sind, wird nun zur Last gelegt, Teil einer kriminell- mafiösen Organisation gewesen zu sein, sowie Hehlerei und Erpressung betrieben zu haben.

Es handelt sich also um den strategischen und entscheidenden Kern des Clans, allesamt Frauen, der Gruppe Bidognetti des Clan dei Casalesi; Als Zeugin unverzichtbar für die Ermittlungen war die Frau des Bosses Bidognetti und Mutter der beiden Mädchen. Sie arbeitet seit 2007 mit der Justiz zusammen.

Dass eine Gruppe von Frauen eine derart herausgehobene Rolle hat, ist überraschend, galten die italienischen Mafia-Organisationen doch lange Zeit als reine Männerorganisationen. Lange Zeit waren Frauen überhaupt nicht im Fokus der Ermittler, auch wenn sie als Vertretung immer wieder auch höhere Funktionen innehatten.

Die Ehefrauen anzulocken könnte auch den zusätzlichen Vorteil haben, dass es das Mafia-Dasein schon deswegen schwieriger macht, weil es Misstrauen in die Familie trägt. Die eigene Frau kann man aber wesentlich schlechter ausschließen als jemanden, den man aus anderen Gründen nicht mehr traut. Und die Frauen sind auch weniger aus eigenen Willen in die Sache gekommen und haben auch nicht per se so viel davon, wie die Männer. Sicherlich können sie auch nicht immer so viele Informationen geben, wie tatsächlich aktive Mitglieder, aber ich halte den Ansatz durchaus für erfolgsversprechend.

Interessant wäre bei aktiven Mitgliedern oft Frauen eher „singen“, wenn sie erwischt werden. Einige Geschlechternormen und Verhaltensweisen könnte Männer da verschlossener machen. Aber das wäre wahrscheinlich eher eine Frage des Einzelfalls.