Männliche Politiker werden auf Twitter eher beleidigt als weibliche Politiker

 

Schönheitsideale, Haare und intrasexuelle Konkurrenz unter Frauen

Eine Autorin organisiert einen queer-feministischen Event und entdeckt dort Leute, die sich nicht an die gängigen Schönheitsideale halten:

Nachdem ich hallo gesagt und mich hingesetzt hatte, schaute ich mich um: Ich sah Baseballcaps, rasierte Köpfe, Irokesen und Undercuts, Tattoos und Piercings. Einige hatten Skateboards unter dem Arm. Während der Vorstellungsrunde war ich beruhigt, dass sich nur wenige untereinander kannten. Die meisten waren neu, wie ich. Wir kamen schnell ins Reden. Was wir uns von einem solchen Festival erhofften , was wir wichtig fanden, warum wir hier waren. Ich wusste nicht ganz genau, warum ich hier war, aber ich wusste, dass ich mich wohl fühlte. Die Art der Kommunikation gefiel mir, man hörte einander zu und ließ den anderen aussprechen, gegenteilige Meinungen wurden gehört und diskutiert. Es ging um Machtverhältnisse und gewaltfreie Räume, um Vernetzung, Solidarität und Empowerment. Am Ende des Abends war mir klar, dass ich mitmachen wollte.

Für mich tat sich damit eine neue, eine revolutionäre Welt auf. Eine Welt, die mehrheitlich von Frauen bevölkert war. Frauen, die mein Konzept von Weiblichkeit komplett auf den Kopf stellten. Frauen, die sich dem gängigem Schönheitsideal widersetzten, auf unterschiedlichste Weise. Frauen, die extrem androgyn aussahen. Frauen, die weich und rund waren und die ihre vermeintlich unperfekten Körper, ihre Bäuche und Oberschenkel nicht versteckten. Frauen, die Haare hatten – überall.

Das ist eben das Schöne an sexueller Selektion: Sie regelt recht abstrakt, was schön ist. Genauso wie trocken Brot und ein Schluck Wasser einem Hungernden als leckere Mahlzeit erscheinen können, weil sie in seinem Umkreis das leckerste sind, was es gibt. Insofern ist es natürlich möglich eine Welt mit abweichenden Schönheitsidealen zu erstellen. Die Kriterien der Schönheit können dort die gleichen bleiben, etwa wenig Haare an weiblichen Beinen, nur muss sich niemand so stark darum kümmern, weil die Konkurrenz es auch nicht macht. Es ist sozusagen ein Waffenstillstandspakt, der eben auch umgesetzt werden muss: „Tussis“, die sich an die gängigen Schönheitsnormen halten, sich schminken und rasieren, würden eben auch deswegen in einem solchen Kreis wahrscheinlich auf Dauer schlecht ankommen, zumindest bei dem heterosexuellen Teil der Frauen, die um Männer konkurrieren.

Am Anfang starrte ich jeden behaarten Unterschenkel ungläubig an. Ein Frauenbein in kurzen Hosen, das einem Männerbein in nichts nachstand, hatte ich vorher nie gesehen. In der Welt, in der ich aufgewachsen war, rasierten sich alle jungen Frauen Achseln und Beine. Meine Ballettlehrerin hatte uns, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht hatten, beigebracht, dass sie Stoppeln unter den Armen nicht akzeptierte. Tänzerinnen hatten schön zu sein, und das hieß: perfekt enthaarte Achseln. Ich weiß noch, wie ich mit Anfang zwanzig meine frisch rasierten Beine panisch nach einzelnen Haaren absuchte – und das Tag für Tag.

Natürlich kann das wiederum stressig sein, einem höheren Standard genügen zu müssen, dass ist nicht die Frage.

Die Frauen in meinem neuen Freundeskreis waren anders. Sie lösten Grenzen auf, Grenzen, an deren Klarheit ich mich schon lange gestoßen hatte. Und je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte, desto selbstverständlicher wurde für mich diese andere Form von Weiblichkeit. Irgendwann setzte ein Effekt ein, den ich fast nicht in Worte fassen kann: Ich verstand die Norm plötzlich nicht mehr, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hatte. Ich verstand nicht mehr, warum ein Frauenbein nicht behaart sein durfte. Ich verstand nicht mehr, warum ein durchtrainierter Körper schöner sein sollte als ein fülliger Körper. Ich fragte mich, warum irgendein Körper schöner sein sollte als ein anderer, und wer oder was dieses „Schönersein“ bestimmte. Ich sah Verschiedenartigkeit. Ich sah Frauen, die sich in ihrer Körperlichkeit genauso zeigten, wie sie waren, und fand darin eine eigene Schönheit, die mutig war und gelassen.

Das eine Frau dies als Befreiung wahrnimmt kann ich mir durchaus vorstellen. Genauso befinden sich viele dicke Leute gerne in der Gesellschaft von anderen dicken Leuten, weil sie sich da weniger verurteilt fühlen etc. Es wäre interessant, ob sie ihr Schönheitsempfinden tatsächlich so ändern konnte oder einfach nur die dortige Atmosphäre mochte, verbunden mit dem Wunsch, einen geringeren Druck ausgesetzt zu sein, was Schönheit anging.

Ich fing an, mich auszuprobieren. Ich schnitt mir die Haare ab und hörte auf, meine Achseln zu rasieren. In meinem neuen Freundeskreis fühlte ich mich damit wohl in meiner Haut. Dort konnte ich eine Art jungenhafte Weiblichkeit verkörpern, die ich mochte, mit der ich mich ansonsten aber oft alleine fühlte. Sobald ich diesen Freundeskreis verließ, spürte ich den Druck nur allzu deutlich. Meine kurzen Haare stießen vor allem bei Männern auf Ablehnung – wobei Ablehnung vielleicht das falsche Wort ist. Sie reagierten größtenteils überhaupt nicht mehr auf mich. Weil ich doch lesbisch sei, hörte ich manchmal. An meinen Achselhaaren nahmen vor allem meine Freundinnen Anstoß. Die meisten von ihnen fanden die Tatsache, dass sie nicht glattrasiert waren, eklig, und verpassten keine Gelegenheit, mich darauf hinzuweisen.

Das verdeutlicht gut, dass es eben um intrasexuelle Konkurrenz geht. Die Männer ordnen sie schlicht in eine uninteressante Kategorie ein, eine, die Männern nicht gefallen will und sich eher für Lesben interessant macht.

Und die Frauen verstehen nicht, warum sie sich so tief in der intrasexuellen Konkurrenz aufstellt und befürchten vielleicht auch, dass sie selbst dadurch abrutschen. Wer Freundinnen hat, die nicht einmal solch einfache Regeln der intrasexuellen Konkurrenz beherrschen, der kann selbst nicht sehr fit auf dem Gebiet sein.

Diese Reaktionen provozierten mich. So sehr, dass ich in den darauf folgenden Jahren immer wieder versuchte, konventionelle Merkmale von Weiblichkeit abzulegen. Ich schor mir den Kopf. Mehrere Jahre lang trug ich ausschließlich Turnschuhe und entsorgte meine High Heels nach und nach. Irgendwann versuchte ich, mir die Beine nicht mehr zu rasieren. Ich wollte das können. Ich wollte mich der Norm, die ich glaubte, durchschaut zu haben, widersetzen. Aber ich konnte es nicht. Irgendwas tief in mir drin weigerte sich. Wenn ich nach draußen ging, schämte ich mich für die dunklen Haare auf meinen Unterschenkeln.

Weil es eben Normen mit Hintergründen sind, gerade bei Haaren. Sie hat erkannt, dass es einen gewissen Prozess dahinter gibt, aber eben nicht den Prozess selbst erkannt: Sie befand sich in zwei Gruppen, die sich auf einen anderen Standard in der intrasexuellen Konkurrenz geeinigt hatten, auch weil sie teilweise andere Schönheitsmerkmale bedient haben (Die Schönheitsideale von Lesben scheinen mir weit eher als die der Schwulen Merkmale des Geschlechts, auf das sie eigentlich nicht stehen, also bei Lesben Männlichkeit zu enhalten).

In der anderen Gruppe traf sie hingegen auf die übliche Konkurrenz unter Frauen, in der es diese anderen Vorstellungen und das Stillhalteabkommen nicht gab.

Ich begriff, dass ich es mir zu leicht gemacht hatte. Dass ich mein eigenes Konzept von Weiblichkeit finden musste. Dass ich nicht einfach ein bereits vorhandenes übernehmen konnte. Dass gelernte Normen tief sitzen und sich nicht einfach so über Bord werfen lassen, nur weil man es sich einmal vorgenommen hat.

Sie sitzen sogar tiefer als sie denkt, nämlich bereits in den Genen. Und da kann man sie weitaus schwerer über Bord werfen.

[…]

Anders zu sein, erfordert Mut – egal in welcher Welt. Heute trage ich Shorts, die die Dellen an meinen Oberschenkeln nicht verdecken, und habe Haare unter den Armen. Ich habe einen Deal mit mir selbst gemacht: Ums Beinerasieren komme ich nicht herum, dann erspare ich mir wenigstens die Achselrasur. Ich fühle mich wohl damit. Ich versuche, meine eigene Weiblichkeit zu finden und fremden Vorstellungen zu misstrauen. Das ist ein anstrengender Prozess, der vielleicht niemals abgeschlossen sein wird. Ich weiß jetzt, dass mir Normen nicht egal sind. Dass die Reaktionen meiner Umwelt einen sehr starken Einfluss darauf haben, wie wohl ich mich mit mir selbst fühle. Aber ich habe am eigenen Körper gespürt, wie brüchig, wie durchlässig und wandelbar diese Normen sind. Ob ich sie erfülle oder nicht, ist eine Entscheidung, die ich treffen kann und sollte. Manchmal jeden Tag aufs Neue.

Und das steht ihr natürlich frei. Diese Wahl hat jeder, keiner muss sich an den innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz entwickelten Regeln halten. Wenn sie das nicht will, dann ist das ihr gutes Recht. Allerdings ist sie damit weitaus weniger Revolutzer als vielmehr schlicht jemand, der sich aus der intrasexuellen Konkurrenz ausgliedert ohne damit viel zu ändern oder zu verbessern.

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