Hajo Schumacher: Die flächendeckende Abwertung der Männer geht mir gegen den Strich

Im Spiegel schreibt, wie Arne auch schon berichtete, Hajo Schumacher etwas über die gegenwärtige Abwertung von Männern:

Nennt mich „Pussi“, „Weichei“ oder „Spaßbremse“, aber mir geht die flächendeckende Abwertung des Mannes gehörig gegen den Strich. Gleichstellung heißt doch nicht, das Kanonenrohr einfach umzudrehen. Frauen beharren zu Recht darauf, abwertende Sprache zu identifizieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Gilt aber auch umgekehrt.

Sollte man meinen und denken denke ich die allermeisten so. Aber im intersektionalen Feminismus gibt es ja keine Diskriminierung des Feindes und ihn anzugreifen ist quasi legitime Selbstverteidigung. Oder es wird als „Spiegel vorhalten“ deklariert: Da seht ihr mal wie es uns jeden Tag geht, es ist gut, dass ihr das auch mal erlebt.

Unsere Kinder lernen schon in der Kita, dass es rassistisch sei, wenn man Gruppen Merkmale zuordnet: Schweizer stinken nach Knoblauch, Amerikaner bauen tolle Armbanduhren, Türken sind dick und wählen Idioten. Wir achtsamen Menschen wissen, dass derlei Gruppenurteile fast zwangsläufig im Alltagsrassismus enden. Respekt ist ein universeller Wert, unabhängig von Herkunft, Rasse, Geschlecht, Alter.

Das man im Feminismus eine  ungerechtfertige Ausnahme von dem, was eigentlich eine selbstverständliche Regel des Zusammenlebens in einer zivilisierten Gesellschaft sein sollte macht, ohne dies wirklich zu begründen (abseits dubioser „alle Männer/Weiße/heterosexuelle/ haben Macht), ist in der Tat eine der Punkte, die man gar nicht oft genug herausstellen kann.

Nur bei einer Gruppe sehen wir über die Grundregeln guten Miteinanders hinweg: bei Männern, bevorzugt weißen Männer. Seit Trump ist das kollektive „die Männer“ gesellschaftsfähig als Chiffre für „das Böse“. Diskriminierungsregeln gelten nicht. So gleitet eine komplexe Geschlechterdebatte in die billige Polarisierung.

Nicht erst seit Trump. Aber Trump als ein „Antimodell“ dessen, was die intersektionalen Feministen gerne gehabt hätten, hat diesen Trend sicherlich begünstigt. Aber die intersektionalen Theorien an sich, mit ihrer starren Einteilung in Privilegierte und Marginalisierte nach Gruppen in den jeweiligen Kategorien wie Rasse, Geschlecht etc haben dazu noch weit mehr beigetragen und haben vielleicht eher als Trump sie auch Trump begünstigt. Denn ist sorgen dafür, dass linke Politik letztendlich auch häufig auf diese Merkmale abstellt und damit fast zwangsläufig die Mehrheit der Wähler zu ihrem Feind erklärt.

Zugleich fallen womöglich gerade bei den Einsamen und Frustrierten letzte Hemmungen, tatsächlich eine toxische Männlichkeit zu leben, schon aus Trotz gegen Abwerten und Verächtlichmachen.

Ja, das ist ein Effekt, der auch dazu kommt: Wer wegen seines Seins, also als Mann oder als Weißer oder als Heterosexueller angegriffen wird, der wird sein Sein verteidigen. Der wird sich ungerecht behandelt fühlen. Der wird, wenn er meint, dass andere zu seinen Lasten bevorzugt werden, eben auch schnell diese dafür verantwortlich machen. Und wenn eh schon normales Verhalten stark verurteilt wird, dann kommt es zum einen schnell zu einem Gegensteuern und zum anderen dazu, dass auch Kritik an stärkeren Verhalten als ungerechtfertigt empfunden wird.

Es ist verführerisch auf die Abwertung von weißen Männern hin anzuführen, was diese alles Gutes gemacht haben und was andere schlechtes gemacht haben, um hervorzugeben, dass die Kritik ungerecht ist.

Nach dem Wahlsieg Donald Trumps reiste der Unternehmer und Blogger Sam Altman durch die USA, um Stimmen von Trump-Wählern zu sammeln. Eine ständig wiederholte Forderung dieser Männer lautete: „Hört auf, euch über uns lustig zu machen, hört auf, uns Idioten zu nenne, hört uns zu.“ Verhöhnte Männer driften auch nach rechts, weil sie kein anderes gesellschaftliches Zuhause finden.

Das ist dann eben auch nur wieder toxische Männlichkeit aus der Sicht der Intersektionalen, aber aus anderer Sicht eben eine ganz normale Reaktion: Wenn alle einen abwerten, dann hält man sich an die, die das nicht machen.

 

Ähnliches berichtet die SPD-Politikerin Petra Köpping aus Sachsen, die etwas Unerhörtes tat – sie ließ Männer reden. Köpping traf Arbeiter, Ingenieure, Führungskräfte, Verwaltungsfachleute. Viele empfanden das Leben nach dem Mauerfall nicht als Glück, sondern als Erniedrigung, als Abstieg, als Entmännlichung. Dieses Empfinden kann man mit großstädtischem Hochmut belächeln oder aber als sozialemotionalen Sprengstoff betrachten.

In der Tat werden solche Leute, die ja erst einmal nicht schlechtes gemacht haben, aber dann plötzlich durch politische Umstürze die Grundlagen ihres Leben verlieren, wenig empfänglich für Theorien sein, nach denen es gut ist, dass sie endlich ihre Privilegien verlieren, weil sie ja auch nur weiße Männer sind. Sie werden sich nicht als Ausbeuter von Schwarzen sehen, schon weil es ja kaum welche gibt,  wo sie leben. Sie werden sich eher selbst als marginalisiert wahrnehmen, als Verlierer eines Prozesses, bei denen „die Mächtigen“ sie und ihre Probleme mißachten und sich lieber damit schmücken Fremde zu fördern, die sich dann – aus deren Sicht – auch noch schlecht benehmen.

Was würden Feministinnen sagen, wenn Frauen eine um fünf Jahre geringere Lebenserwartung hätten, aber eine mehr als dreimal so hohe Selbstmordrate wie Männer? Das Land würde beben und nach Auswegen suchen, und zwar zu Recht.

Das Feministinnen das so einfach unter den Tisch fallen lassen oder eben schlicht den „Nachteilen des Patriarchats“ zuordnen ist schon erstaunlich. Aber in ihrem binären System ist eben nur Platz für einen Unterdrückten in der Kategorie Geschlecht. Und der Mann ist schon der Unterdrücker.

Es geht nicht um Kleinreden oder Aufrechnen, sondern um Aufmerksamkeit, sobald „der Mann“ reflexhaft zum Täter erklärt wird. Der promovierte Islamwissenschaftler Alexander Will, Nachrichtenchef der Oldenburger Nordwestzeitung, schrieb nach der Bundestagswahl 2017: „Es gibt Tage, an denen möchte man […] sich den Unflat von der Haut schrubben. Wir Ostdeutsche sind zum Buhmann des Juste Milieu […] geworden. Auf uns – das ist Konsens – kann man einprügeln, ohne ernsthaft Widerspruch erwarten zu müssen.“

Wie leicht es ist Ostdeutsche als marginalisierte Minderheit, unterdrückt durch Wessis darzustellen hatte ich ja schon in einem Artikel geschildert. 

Was war passiert? Ein offenbar mathematikunkundiger Reporter hatte ermittelt, dass das gute Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl vor allem ostdeutschen Männern zuzuschreiben sei. „Ost-Mann = versoffener Neonazi“, das passte in die Reihe von Trottel, Grabscher, Gröhler, Psychopath. Der oft originelle Jan Böhmermann hatte stumpf eingestimmt und sprach von „spektakulär ignoranten Asozialen“. Eine Anmaßung, wenn man bedenkt, wie viele dieser Ost-Männer in der ersten Hälfte ihres Lebens versuchten, Familie und Staatsmacht, Integrität, Angst und Würde zu vereinbaren.

Auch hier wird eben lieber Virtue Signalling betrieben als sich darüber Gedanken zu machen, was das auslösen kann. Das Feindbild zeichnet sich zu einfach. Schon weil die Ostdeutschen eben weiß sind, es Männern angelastet wird und ihnen Rassismus vorgeworfen werden kann. Dass diese Vorwürfe das Problem eher verschärfen könnten ist egal, die Botschaft des eifrigen Bekämpfers der Nazis ist weitaus wichtiger. Und damit auch das Hochhalten des Feindbildes. Um so mehr Feind, um so wichtiger der Kampf und damit die eigene Arbeit.

„How Male Bashing is Killing Our Sons“ heißt ein Beitrag im Blog der amerikanischen Mutter Melissa Edgington, die sich fragt, ob es lustig sei, Männer mit einem guten Wein zu vergleichen – damit er genießbar werde, müsse man erst einmal ordentlich zutreten und ihn zerstampfen. Nein, nicht komisch. „Wir fügen unseren Söhnen und Männern Schmerzen zu“, erklärt die gläubige Melissa etwas melodramatisch, aber im Kern zutreffend.

Es geht für mich weniger um einzelne Witze als die Art, wie sie angebracht werden. Es ist kein freundliches Geplänkel, sondern zu oft ist schlicht Männerhass dahinter, wenn Feministinnen oder Feministen sich über Männer oder Weiße aufregen. Und es wird als um so unwitziger wahrgenommen, wenn dann gut erkennbarer Hass noch verteidigt wird – als richtig und wichtig, weil man eben dem Mann so einen Spiegel vorhält oder eben weil die Gruppe Mann die Macht hat.

Warum haben wir denn mühsam die Abwertungsorgien der vergangenen Jahrzehnte bekämpft, all die Polen-, Türken-, Ossi-, Blondinenwitze? Wenn wir aber Geschlechterscherze auf Kosten von Frauen oder Homosexuellen überholt finden – warum dann kollektives Gewieher über Plattheiten wie die der Unterhalterin Carolin Kebekus, die sich sich in Barth-hafter Künstlichkeit über fußballschauende Männer „mit behaarten Bierbäuchen“ mopst, die „sich gegenseitig an der Kimme riechen“. Brüller. Wie soll gesellschaftlicher Fortschritt funktionieren, wenn ausgerechnet Comedy-Frauen den konservativsten Part in der Geschlechterdebatte übernehmen?

Es ist eine Verletzung des Gerechtigkeitsgefühlt, wenn eine Gruppe einseitig für Abwertungen freigegeben wird und bei anderen bereits Kleinigkeiten für einen großen Aufruhr sorgen. Dazu kommt, dass politisch korrekter Humor selten witzig ist, die Abwertungen haben meist keine gute Pointe, sind keine Vorhaltung von Eigenarten, sondern leider eher oft der Versuch zu erziehen.

Gegenseitiger Respekt ist alternativlos, auch bei kleineren Angelegenheiten, dem Penis zum Beispiel. In einem ihrer hellsichtigeren Texte hat die Feministin und Spon-Kolumnistin Margarete Stokowski angenehm unironisch das Ende der Pimmelwitze gefordert. Interessanter Ansatz. Während die Menstruation als Universalerklärung für weibliches Verhalten zu Recht geächtet ist, verzeichnet das männliche Geschlechtsorgan derzeit eine mediale Dauererektion.

Ist aber dann inzwischen schon wieder out, da transfeindlich. Denn ein Penis ist eben nichts weibliches.

Die Atombomben-Fetischisten Donald Trump und Kim Jong Un dürften Väter aller Neo-Schwanzvergleiche sein. Die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling schlug einem Internet-Troll auf Twitter eine Penisvergrößerung vor. Der beliebteste Kommentar unter einem Beitrag über die weltweit erste Penis-Transplantation drehte sich um Porsche-Fahrer. Nur mal so gefragt: Wäre irgendwer auf die Idee gekommen, Konflikte beim Brexit mit einem Körbchenvergleich von Angela Merkel und Theresa May zu illustrieren?

Der Penisvergleich steht ja letztendlich dafür, dass Männer sich eher messen, eher einen Kampf darüber austragen, wer der bessere ist, während Frauen das eher nicht machen. Das wird aber nur im negativen anerkannt, im positiven hat es natürlich auch Nebenfolgen wie den Umstand, dass Männer deswegen auch eher an Karriere und Aufstieg interessiert sind und mehr dafür machen, sich eher einer Konkurrenz stellen etc. Da hingegen wird es nicht anerkannt. Der Unterschied ist bekannt, weswegen es einen Schwanzvergleich, aber keinen Körbchenvergleich gibt.

Es ist völlig gleichgültig, wer anhand körperlicher Merkmale verspottet wird – stets werden alte Rollenbilder wiederholt. Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, Feministin durch und durch, befand 2001, dass das sinnlose Abwerten des Männlichen so sehr Teil unserer Kultur geworden sei, dass es kaum noch auffiele. Stimmt. „Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen“, so lautete das Motto des Weltwirtschaftsforums 2011. Putzig auch die Glas Cliff Theory, derzufolge Frauen ranmüssen, weil die Jungs mal wieder alles verbockt haben. Wer genau rettet uns demnächst: Sahra Wagenkecht? Alice Weidel?

Die Lösung „Frau“ oder „Diversität“ erscheint in der Tat vielen als Allheilmittel. Nur weniger weiße Männer, dann muss es doch besser werden. Denn Männer selbst haben keinen Anteil an erzielten Erfolgen, sie verdanken sie nur ihren Privilegien, dem Umstand, dass sie eher an eine bestimmte Stelle gesetzt werden.

Dass das dann im Endeffekt nicht stimmt, dass Frauen weitaus häufiger die Positionen hoch oben gar nicht wollen, weil sie mit sehr viel Arbeit und Stress verbunden sind und die Frauen, die es wollen, dann häufig auch nicht anders agieren als Männer, kommt dabei nicht zur Sprache. Frau/sonstige anerkannte Minderheit an sich bringt Fortschritt. Oft wird, wie gerade in diversen Filmen, darüber vergessen, dass es gar nicht so einfach ist und man dennoch eine vernünftige Rolle schreiben muss.

Männer und Frauen sind in etwa so gegensätzlich wie ein gelbes und ein grünes T-Shirt. Es gibt nicht den einen großen Geschlechterunterschied, sondern viele Unterschiede zwischen Menschen, zwischen Einwanderern und Ureinwohnern, Städtern und Landbewohnern, Jüngeren mit Jahresverträgen und Alten mit Lebenszeitjobs. Werden Frauen immer und überall schlechter bezahlt? Nein, in den USA verdienen Frauen in Führungspositionen deutlich mehr als Männer. Frauen können keine Seilschaften? Von wegen. In Norwegen ist das Netzwerk der „Goldröcke“ gefürchtet, das sich infolge einer konsequenten Quotenpolitik gebildet und in Unternehmen breitgemacht hat, wie es angeblich nur Männer vermögen. Nein, keine Spitze zu Asia Argento.

Das Bild der in einem Bereich ausschließlich priviligierten Gruppe, der eine andere ausschließlich marginalisierte Gruppe gegenüber steht, ist eben schlicht falsch. Es ist eine äußerst simple Betrachtung, die bei so heterogenen Gruppen und so unterschiedlichen Aufteilungen von Vorlieben und Arbeitsbereichen und Unterschieden in den Fähigkeitsausprägungen sowohl im Schnitt der Gruppe als auch zwischen Individuen schlicht nicht mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen ist. .

Die Probleme der Zukunft lösen nicht Männer oder Frauen, sondern gute Frauen und gute Männer gemeinsam gegen die anderen.

Und leider haben sich die Feministen davon verabschiedet zu den Guten zu gehören.