Sophie Passmann: “ Niemand wird uns dabei helfen, die Machtfrage zu stellen. Das müssen wir selbst hinbekommen“

Aus einer Rede von Sophie Passmann anlässlich dieses Anlasses:

Auf Einladung von ZEIT ONLINE treffen sich an diesem Wochenende 1.000 engagierte Menschen zwischen 20 und 29 Jahren beim Festival Z2X18 in Berlin. Dieser Text von der Autorin und Comedian Sophie Passmann war als Blitzvortrag Teil des Programms. Nach welchen Regeln wir als Veranstalter über das Festival und unsere Weltverbesserer-Gemeinschaft Z2X berichten, lesen Sie hier.

Aus dem weiteren Vortrag:

Männer sind nicht dumm. Sie werden uns Frauen nicht fördern. Sie werden nicht jeden Tag Anstrengung und Ressourcen verschwenden, um ihre Konkurrenz zu fördern. Das ist unser Kampf, liebe Frauen, wir müssen ihn selbst kämpfen. Keiner wird uns helfen.

Da sieht man recht deutlich das ein Nullsummenspiel der Betrachtung zugrunde liegt. Männer und Frauen werden als gegeneinander agierend dargestellt. Tatsächlich sind alle Menschen gleichzeitig potentielle Konkurrenten und potentielle Verbündete. Man muss immer schauen, in welchem Kontext sie sich treffen und sich eben auch selbst als Verbündeter anbieten.
Tatsächlich ist die Wahrhscheinlichkeit, dass einer Frau Männer einfach so helfen wahrscheinlich größer als in den anderen Konstellationen.
Ein Appell, dass Frauen etwas selbst tun müssen, wäre ja aber grundsätzlich zu begrüßen.
Wir müssen besser sein. Schneller, klüger, größer, großmütiger, mehr da, länger, früher, besser. Wir müssen opportunistisch und mutig sein, nicht darauf warten, dass Männer uns ausreden lassen.
Auch das ja nicht falsch. Zumindest wenn man es auf das Individuum bezieht. Sie müssen sich in der Konkurrenz durchsetzen und besser als diese sein, sei sie weiblich oder männlich.

 

Unterbrecht Männer, wenn sie euch gerade die Welt erklären. Sie tun das, weil sie insgeheim glauben, dass diese Welt nicht eure ist. Das, was wir wollen und das, was die meisten Männer wollen, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Ich hatte dazu schon einmal getwittert:

Die Passage hat für mich etwas von Verfolgungswahn. Als würden Männer nur Frauen unterbrechen und Frauen nie Männer. Und das auch noch bezogen auf alle Männer und Frauen. Zwar wollen Männer und Frauen häufig verschiedene Dinge. Aber häufig genug wollen sie auch das Gleiche (zB eine gute Lösung in einem Team) oder sie kämpfen alle um das Gleiche, etwa eine höhere Position. Und darum kämpfen sie nicht als Männer gegen Frauen, sondern als der Einzelne gegen alle anderen.

Wir können uns die machtpolitische Teilhabe an der Gesellschaft wie einen Kuchen vorstellen. Bis vor wenigen Jahrzehnten saßen wir Frauen nicht mal mit am Tisch, an dem der Kuchen serviert wurde. Wir waren nicht mal im selben Raum, wir haben durch die offene Tür in der Küche gehört, wie die Männer Witze drüber machen, dass wir in die Küche gehören.

Das Wahlrecht der Frauen besteht übrigens nicht seit wenigen Jahrzehnten, sondern seit 100 Jahren. Und freie demokratische geheime Wahlen hätten sie natürlich dazu nutzen können, dass sie die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen gestalten.
Tatsächlich sind aber natürlich viele Elemente unserer Gesellschaft auch unter Berücksichtigung der Vorstellungen der Frauen gestaltet. Auch weil ein männlicher Politiker oder ein männlicher Dax-Vorstand nicht Männerinteressen umsetzen muss, sondern Wählerinteressen vertritt, bei denen die Frauen die Mehrheit bilden, oder Konsumer von sich überzeugen muss, was auch wieder zu einem großen Teil von Frauen praktiziert wird. Und natürlich gestaltet auch ein Geschäftsführer die Gesellschaft weitaus weniger als andere Faktoren, eine Frau kann beispielsweise eine erhebliche Macht über ihren Mann haben und aus dem Zusammenspiel vieler können sich Regeln für den Umgang mit einander ergeben, die dann genauso davon bestimmt sind, was Frauen gut und richtig finden wie Männer. Es geben nicht „die Mächtigen“ von oben etwas vor, sondern häufig genug springen die oben schlicht auf den Zug auf, der durch Aushandlungen auf ganz anderer Ebene entsteht.

Mittlerweile sitzen wir nicht nur am Tisch, wir haben auch eine Kuchengabel, einen Teller und, liebe Männer, nehmt euch das zu Herzen: Wir haben auch ein Messer.

Dieser Kampf um den Kuchen wird noch anstrengend, er wird entbehrungsreich, es wird noch viele, viele Jahre dauern, bis die Männerrunde am Cafétisch versteht, das die Regeln, nach denen sie eingeladen haben, irreparabel überholt sind. Wer Feminismus als zu anstrengend, langwierig oder unsympathisch empfindet, hat den Feminismus nicht verdient.

Tatsächlich wird der „Kuchen“ häufig ganz einvernehmlich verteilt und viele Kuchenstücke sind für viele Frauen gar nicht interessant. Sie wollen häufig die Kuchenstücke, um die sich Männer streiten gar nicht, weil sie lieber ein kleineres, aber mit weniger Arbeit verbundenes Kuchenstück nehmen, dass ihnen mehr Raum für Familie etc lässt und nehmen dann auch gern noch ein Stück des Kuchens, welches ihr Mann erkämpft hat dazu.

Leider nennt sie die vermeintlichen Regeln nicht.

Ich würde ihr aber zustimmen, dass ich den heutigen Feminismus mit seiner Einteilung in binäre Gruppen innerhalb der Kategorien, den sich daraus ergebenen stereotypen Betrachtungen dieser Gruppen und den einseitigen Schuldzuweisungen nicht verdient habe.

Dieser Kampf um den Kuchen ist kein Kampf von Männern gegen Frauen. Er ist das Symptom eines größeren Kampfes. Die Welt unterteilt sich in zwei Gruppen. Diese zwei Gruppen sind aber nicht Mann und Frau. Diese zwei Gruppen sind weißer, gesunder, christlicher, wohlhabender Mann, der die Erzählungen schreibt, den Kuchen backt und uns die Welt erklärt. Die zweite Gruppe sind alle anderen.

Da sieht man es auch gleich. Also der weiße, gesunde, christliche, wohlhabende Mann gegen alle anderen. Gut, dass ich Atheist bin und damit einer der Anderen.

Das ist herrlich bescheuert. Jetzt sind die meisten Weißen Männer schon in einem Kampf gegen eine bestimmte Sorte Mann? Ist dann die Daimler AG besser geworden, seit Chinesen und Kuwait Anteile erworben haben? Oder weil viele der Aktien in einem Streubesitz sind und damit auch Leuten aus der „Anderen Gruppe“ (vielleicht sogar Frauen!) gehören? Kämpft Merkel als Vertreter der „Anderen“?

Der Feminismus ist kein Hobby für akademische Frauen, die CEO werden wollen oder den Feminismus als hippes T-Shirt tragen.

Das dürfte für den CEO stimmen. Die wenigsten heutigen Feministinnen wären dazu befähigt oder hätten auch nur etwas in diese Richtung studiert.

 

Er ist Solidarität. Feminismus ist der einzige Weg, jede Gruppe an den Tisch mit dem Kuchen zu bringen, die gerade nur davon träumen kann, überhaupt ins Haus gelassen zu werden.

Viele der Leute dort wollen gar nicht mit Feministinnen an einem Tisch sitzen. Diverse arabische und islamische Staaten würden die Feministinnen eher auspeitschen lassen oder – wie jetzt wohl bei einer Frauenrechtlerin geplant – hinrichten lassen, wenn sie sich mit ihnen unverhüllt an einem Tisch setzen würden.

Viele afrikanische Länder haben eine ganz klare Vorstellung von der Rolle der Frau und „Vorstandsposition“ ist davon nicht umfasst. Und auch China und andere asiatische Länder würden die feministischen Frauen dort wohl eher mißachten, statt sich von ihnen und mit Hilfe ihrer Theorien Platz am Tisch schaffen zu lassen.

Ganz zu schweigen davon, dass sie mit den anderen Hautfarben per se zusammen arbeiten würden um diese an den Tisch zu bekommen.

Es geht hier um ein Bekenntnis zum Wandel, ein progressives Abnicken der Zukunft, ohne Angst, nur mit offenem Herzen und Respekt vor den Neuerungen. Ein radikal zu Ende gedachter Feminismus bedeutet, dass jeder Mensch gleich ist, egal, wo er herkommt, wie er aussieht, an wen oder was er glaubt, wen er liebt, welches Geschlecht er hat. Männer, die den Feminismus aus Angst vor den eigenen Entbehrungen aufhalten, wollen keine gerechte Gesellschaft, sie wollen eine bequeme Gesellschaft.

Jeder ist gleich, nur der Mann oder bestimmte Männer sind der Feind. Und das muss man ihnen eben auch sagen. Auch wenn sie gar nichts machen, sondern die angegriffene Gruppe wohl die liberalsten und freiesten Gesellschaften hervorgebracht hat.

Männer können denke ich mit Gleichberechtigung gut leben. Sie wollen aber nicht der Sündenbock und Buhmann für alles sein und sich grundlos abwerten lassen. Sie wollen auch nicht wegen vermeintlicher Diskrimininierungen, die schlicht auf anderem Verhalten beruhen abgestraft werden. Gegen diesen radikalen Feminismus, der solche Theorien vertritt, wehrt man sich.

Frauen, um das zu erreichen, müssen wir besser sein. Schneller, klüger, größer, großmütiger, mehr da, länger, früher. Wir müssen opportunistisch und mutig sein, nicht darauf warten, dass Männer uns ausreden lassen. Unterbrecht sie, seid unverschämt, nicht ängstlich, seid höflich dabei. Aber bitte wartet nicht auf eine Eingebung, einen Zeitpunkt, eine Einladung. All das wird nicht kommen. Niemand wird uns dabei helfen, die Machtfrage zu stellen. Das müssen wir selbst hinbekommen. Es wäre traurig und beschämend, wenn wir das nicht täten.

Ja, dann stellt sie doch endlich. Worauf wartet ihr, ihr habt alle Möglichkeiten und Rechte dazu. Arbeitet euch in Spitzenpositionen tot. Verbringt eure Stunden nach Feierabend in Kreisausschüssen und politischen Besprechungen. Studiert Studiengänge nach Gehalt und Macht. Interessiert euch für Männer, die euch den Rücken freihalten und selbst keine Karriere machen wollen. Seid einverstanden damit euer Leben der Karriere unterzuordnen.

Die meisten Männer haben nichts gegen eine faire Konkurrenz. Aber dann nicht mit Quoten, sondern in der Arbeit