Anforderungen an Führungspersonen, hier beim Spiegel, und Agreeableness

Ein interessanter Artikel beleuchtet Führungspositionen beim Spiegel:

Brinkbäumers Kritiker sollen dem 51-Jährigen vorgeworfen haben, dass er die Reform des Hauses nicht mit der nötigen Willensstärke betreibe. Print- und Online-Redaktionen arbeiten beim «Spiegel» zwar enger zusammen als früher, aber es sind nach wie vor getrennte Welten mit unterschiedlichen Gehaltsstrukturen und Kulturen. Dazu kommt der Rückgang der Auflage. Gedruckte Medien verlieren überall Leser, aber beim «Spiegel» ist die Entwicklung dramatisch. Im zweiten Quartal lag die harte Auflage (Einzelverkauf plus Abonnements) nur noch bei rund 530 000 Exemplaren. Das entspricht einem Minus von fast acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Brinkbäumer habe Eigenschaften, die einen angenehmen Kollegen, aber nicht unbedingt einen guten Chefredaktor ausmachten, hört man aus der Redaktion. Der hochgewachsene Journalist sei im Umgang nett und sanft. Daran, dass er mal gebrüllt hätte, kann sich niemand erinnern. Wohl auch aufgrund solcher Eigenschaften hat sich Brinkbäumer lange in der zweiten Reihe der Chefredaktion halten können.

Jetzt weiß man natürlich nicht, ob es stimmt. Aber es passt wunderbar dazu, dass man ein gewisses Maß an „Disagreeablness“ braucht, um oben mitzuspielen bzw das dies eine sehr gewünschte Führungseigenschaft sein kann.

Das sie gerade beim Spiegel gesucht wird, der damit gewissermaßen eine gewisse „Toxische Männlichkeit“ fordert, hat eine gewisse Ironie

19 Gedanken zu “Anforderungen an Führungspersonen, hier beim Spiegel, und Agreeableness

  1. Als Chef muss man auch manchmal der Arsch sein. Wenn dich alle für nett halten, dann hast du was falsch gemacht, tatsächlich ist es so, dass sich möglicher Hass gegen den Chef richten muss, so dass die Belegschaft zusammenhält. Allerdings darf es nicht so viel sein, dass alle auf einmal kündigen. Generell ist Personalführung die Hölle (vor allem für mich).

    • Mal auf den Tisch hauen hat meiner Meinung nach nichts mit Arsch sein zu tun. Man kann Leuten auch auf eine Weise in den Arsch treten die trotzdem fair ist. Arsch ist man erst, wenn man Leute unfair behandelt und ohne Grund heruntermacht. Das ist zumindest meine Ansicht.

  2. Das ist einer der Aspekte, die eine Führungsposition so anstrengend machen.
    Man muss manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen und durchsetzen. Dies ist leider oft unvereinbar mit dem Ziel, mit allen Beteiligten gut auszukommen.
    Wem es vor allem wichtig ist, beliebt zu sein, wird solche Entscheidungen nicht durchhalten.
    Man kann nicht jeder Bitte von Mitarbeitern nachgeben und jeden Wunsch erfüllen, sondern muss abwägen. Das gefällt nicht jedem.
    „Nettigkeit“ kann sich auf Dauer nur der erlauben, dessen Worte überhaupt keine Konsequenzen nachsichziehen.

  3. Ja, nee – es geht ja nicht allein um die Führung. Sondern „der Spiegel“ soll neu organisiert und strukturiert werden, vor allem soll der rapide Rückgang der Auflage gestoppt, wenn möglich sogar umgekehrt werden.

    Das sind große Ziele, die eine starke Hand und einen großen Weitblick erfordern.

    Wenn man jetzt berücksichtigt, daß es unter den Mitarbeitern des „Spiegel“ ja diverse Gruppen und Lager gibt, die teilweise seit Jahrzehnten bestehen und die bestimmte ideologische Ausrichtungen und eben auch massive Interessen vertreten, wenn man zudem berücksichtigt, daß es gewisse Mitspracherechte der Belegschaft gibt, dann ist klar, daß diese beiden Ziele nur mit erheblichen Opfern erreicht werden können – Opfer, die in der Regel andere Leute erbringen müssen.

    Durch wen sollen diese Opfer durchgesetzt werden?

    Es gab ja schon eine ganze Reihe von erfolgreichen Konzernen, die dann irgendwann abgerutscht sind, z. B. IBM. Wie hat man das bei denen gemacht? Soweit ich mich erinnere, hat man alle paar Jahre einen Manager (oder mehrere auf verschiedenen Hierarchie-Ebenen) angeheuert, und die waren dann hauptsächlich damit beschäftigt, jeder auf seine Weise, bestehende Strukturen in der Firma – in der Regel historisch gewachsen – auf rabiate Weise zu zerstören. Dann kann der nächste Manager und hat was andere kaputt gemacht …

    Und irgendwann kamen dann neue Leute in die Firma, die haben den ganzen Scherbenhaufen neu aufgebaut. Ich weiß nicht, ob diese Methode beim „Spiegel“ funktionieren würde.

  4. Verstehe die Probleme der Bildzeitung für Abiturienten im Deutschland des Pisaschocks und der Exzellenzinflation gar nicht. Wo doch der Bild eben auch die Auflage wegbricht.
    Da muss man schon ganz spezielle Talente haben um in der Situation des Spiegels zu enden.

    • „Verstehe die Probleme der Bildzeitung für Abiturienten im Deutschland des Pisaschocks und der Exzellenzinflation gar nicht. Wo doch der Bild eben auch die Auflage wegbricht.“

      Wie oben steht: „Gedruckte Medien verlieren überall Leser“.
      Typische BILD-Leser haben wahrscheinlich noch weniger Prob damit, ihre „Infos“ aus den Twitter- und Facebook-Foren zu extrahieren, als die typischen SPIEGEL-Leser.
      Aber im Wunsch nach einer besonders korrekten Einstellung hat gerade die SPIEGEL-Redaktion genau ihre Leserschaft – auch als WHM bezeichnet – besonders oft und besonders kräftig ans Bein gepinkelt. Das lässt sich auf Dauer allenfalls ein begeisterter Masochist gefallen.
      Hinzu kommt eine sinkende Qualität der Informationen. Ich habe auf dem Dachboden noch etwa einen Zentner alte Spiegel, von Mitte der 80er bis heute. Daher kann ich den Qualitätseinbruch nachvollziehen und bestätigen.
      Ich war selbst frülher ein stolzer SPIEGEL-Leser, hatte jede Ausgabe von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen. Nach der Jahrtausendwende wurde es erst langsam, dann immer schneller weniger. Mein letztes Exemplar ist die Ausgabe 12/2018 und daraus hab ich nicht einmal einen ganzen Artikel geschafft, ohne die Illustrierte(!) genervt in die Ecke zu schmeißen.
      Genervt von dem Gefühl, nicht informiert, sondern manipuliert zu werden.

        • „Draus lerne ich nur, das typische Bildleser die kürzere Leitung haben.“

          Da hast Du sicher recht.

          „WAS MEINT SIE SIND ERHEBLICH KLÜGER.“

          Damit ebenso sicher nicht.

          Als ich seinerzeit meinen Prof für „Recht und Wirtschaft“ mal in der Mensa mit einer BILD traf und meiner Verwunderung Ausdruck verlieh, klärte er mich schmunzelnd auf: „Ich lese die BILD nicht, weil ich wissen will, was in der Welt passiert, sondern weil ich wissen will, was ich GLAUBEN soll, was in der Welt passiert. Das ist mindestens so wichtig wie Ersteres!“
          Das war ein ebenso beeindruckendes wie überzeugendes Argument.
          Inzwischen nähert sich der SPIEGEL dieser Philosophie der BILD (die sie immer noch unverändert hat) anscheinend immer weiter an.

          • „weil ich wissen will, was ich GLAUBEN soll, was in der Welt passiert.“

            Unter diesem Leitaspekt sollte man *jede* Information betrachten, egal aus Bild, Spiegel, NZZ. Dann lernt man auch ganz gut, die informative Spreu vom Weizen zu trennen.

            Eine ähnliche, aber eingeschränktere, Erklärung, warum Leute Bild lesen, die ich hörte war: Ich will dem Volk doch aufs Maul schauen. Aber er schaut natürlich nur einer Redaktion auf Maul, die versucht den authentischen Ton des Volkes zu finden. Kleiner, aber erheblicher Unterschied.

          • Sehe ich genauso – der Prozess des „dumbing down“ des Spiegel ist unverkennbar.

            Hatte mir entgegen meiner Überzeugung „Frauen, Männer und alles andere“, Heft 2 2018, zugelegt und war über das intellektuelle Niveau nur noch erschrocken.
            Substanzloser Quatsch auf allerniedrigstem Niveau die Artikel zum Titel (!), die nicht einmal die Frage „Männer, Frauen und alles andere“ behandelten, sondern genderistischen Müll herunter beteten.
            Welcher beinhaltet, dass der Gegenstand des Artikels gar nicht existiert, weil keine Geschlechter existieren. Tadaaaa!

            Übrigens kann man m.E. Hohlköpfe untrüglich an folgender Einleitung erkennen: „So einfach ist es aber nicht!“

            Ich habe dann einige Artikel quer gelesen und keinen einzigen als auch nur als durchschnittlich gut empfunden – zumindest wenn diese mit dem Niveau des Spiegel der 70er Jahre vergleicht.
            Auf einem Flohmarkt in den 90ern hatte ich einen Packen Spiegel von Anfang bis Mitte der 70er für wenig Geld erstanden und war baff, denn auch der Spiegel der 90er war im Vergleich schlechter.
            Die Artikel hatten einen deutlich geringeren Umfang, die Sätze waren kürzer, dafür hatte die (nichtssagende) Bebilderung zugenommen.

            Seit der Jahrtausendwende und der Existenz von Spon hat sich die intellektuelle Talfahrt aber deutlich beschleunigt.
            Das Personal, welches bei Spon kommentiert – z.B. Berg, Stokowski und Diez – hätten im Spiegel der 70er noch nicht einmal einen Job erhalten.
            Meine These ist, die Messlatte für das Personal ist ein ganzes Stück tiefer gehängt worden und das wiederum zog auch das Niveau (weiter) nach unten.

            Wo ich dir recht gebe, was ich jedoch nicht verstehe: „Aber im Wunsch nach einer besonders korrekten Einstellung hat gerade die SPIEGEL-Redaktion genau ihre Leserschaft – auch als WHM bezeichnet – besonders oft und besonders kräftig ans Bein gepinkelt.“

            Haben sie sich im Kampf um eine neue Leserschaft einfach verzockt, weil sie dachten, die Zuwächse bei der Gruppe der Frauen und junge Leser würde die vergraulte Leserschaft des WHM überkompensieren?
            Dann haben sie sich niemals für die Zusammensetzung der Bevölkerung interessiert.
            Natürlich gibt es unglaublich viele WHM, denn die geburtenstärksten Jahrgänge waren die zwischen 1961 und 1966 mit jeweils über 1,3 Millionen Geburten.
            Von den ca. 8 Millionen Menschen dieser Jahrgänge werden 2018 wohl ca. 3,9 Millionen Männer im Alter zwischen 57 und 52 Jahren sein.
            Die Generation der Anne Wizoreks, Jahrgang 1981 – also 37 Jahre alt – brachten es im Vergleichszeitraum von 1981-86 nur auf 5 Millionen Geburten.
            Selbst wenn sie diese Generation von Frauen gewönnen, wäre die Nettobilanz ausgesprochen negativ, wenn sie zeitgleich die WHM verlören.

            Wenn sie inzwischen zu doof sind, solche einfachen Sachverhalte zu verstehen, dann haben sie ihren Untergang verdient.
            Darwin Award und noch einmal kräftig nachtreten. 🙂

          • @crumar
            „Haben sie sich im Kampf um eine neue Leserschaft einfach verzockt“

            Im Glanze der neuen allein seeligmachenden Weltanschauung hat man mE den realistischen Kontakt zur Zielgruppe verloren. Das konnte man sich auch lange leisten, da neben dem Leser zum grossen (ich glaube sogar grösseren) Teil Unternehmen die Zeitschrift durch Werbeeinnahmen finanzieren.
            Diese ideologisierten Nachrichten sind mE vor allem deshalb abschreckend, da sie schrecklich langweilig sind, denn sie wiederholen gebetsmühlenhaft immer die gleiche Botschaft, es scheint immer wieder das gleiche zu passieren.

          • „Das konnte man sich auch lange leisten, da neben dem Leser zum grossen (ich glaube sogar grösseren) Teil Unternehmen die Zeitschrift durch Werbeeinnahmen finanzieren.“

            Gut, dass Du mich daran erinnerst.
            An Nichts kann man die Zielgruppe eines Printmediums besser erkennen, als an der darin geschalteten Werbung.
            In den 80ern warb der SPIEGEL für teuere Autos, Uhren, Cognac, …
            BILD warb für Penny und Lidl.

            Heute wirbt BILD immer noch für Penny und Lidl – und der SPIEGEL weitgehend nur für sich selbst.
            Es ist also nicht nur bei uns angekommen, dass man dort in der Redaktion an der Zielgruppe vorbeischreibt, auch die Werbekunden verabschieden sich.

            Es ist ein Schande!

  5. „Ich will dem Volk doch aufs Maul schauen.“

    Welchem Volk?

    Springer war stramm rechts in der CDU zu verorten. Kaum mehr, als ein Parteiorgan.
    Nicht zufällig wurde der BILD in den 80ern gerichtlich verboten, sich „Tageszeitung“ zu nennen, weil die Mindeststandards an eine solche allzu deutlich unterschritten wurden.
    Bis tief in die 80er Jahre wurde fast täglich gegen Linke allgemein und gegen Friedensaktivisten und Umweltschützer gehetzt.
    Das Attentat gegen Rudi Dutschke war auch das direkte Resultat eines Aufrufs der Springer-Presse, das Recht gegen die Kommunisten in die eigene Hand zu nehmen, wenn die Polizei daran gehindert sei.

    Ich habe die Demos um Brokdorf und den Hamburger Kessel selbst miterlebt – und was die BILD daraus für eine wirklichkeitsverzerrende Berichterstattung draus machte.
    Die Redaktion hatte schon zweimal gelogen, bevor sie einen Satz geschrieben hatte.

    BILD schaute also allenfalls dem bajuwarischen CSU-Provinzler aufs Maul, ganz sicher aber nicht dem Volk – wie man am Erstarken der Grünen in den 80ern erkennen kann.

    • „Das Attentat gegen Rudi Dutschke war auch das direkte Resultat eines Aufrufs der Springer-Presse, das Recht gegen die Kommunisten in die eigene Hand zu nehmen, wenn die Polizei daran gehindert sei.“
      Gibt es dafür Belege? Meines Wissens hatte der Attentäter Verbindung zur Neonnazi-Szene. Der Vorwurf gegen den Springer kam zwar durchaus, mir sind aber keine belastbaren Beweise dafür bekannt, dass das Attentat tatsächlich durch die Bildzeitung motiviert war.

        • „Sicher ist nur, dass Bild das politische Klima massgeblich mit aufheizte, konkret auch gegen Dutschke.“

          So ist es.

          „… mir sind aber keine belastbaren Beweise dafür bekannt, dass das Attentat tatsächlich durch die Bildzeitung motiviert war.“

          Den rauchenden Colt hat uns BILD natürlich nicht präsentiert. Aber der Zusammenhang war schon damals ein selbst von Dutschkes Gegnern anerkanntes Faktum.

    • „Welchem Volk?“

      Er meinte den Populismus der Bildzeitung, der so daherkommt: „Wir alle wissen doch ….“ (aus dem Off: Volkes Stimme)

  6. Pingback: Geschlechterunterschiede im Bereich „Agreeableness“ („Verträglichkeit“) | Alles Evolution

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