Religion als gutes Meme

Als Atheist und jemand, der davon ausgeht, dass die Evolutionstheorie keinen Raum für einen Gott lässt, der die Welt und den Menschen geschaffen hat, und der auch davon ausgeht, dass alle „Wunder“ eine rationale Erklärung haben, würde ich dennoch vertreten, dass Religion häufig sehr gute Memes bietet.

Damit meine ich nicht entsprechende Bilder sondern eher etwas auf der Grundlage der Memetheorie von Dawkins:

Religionen passen sehr zu unserem Denken und sind damit sehr verführerisch, was ihnen eine hohe Haltbarkeit gibt.

Zum einen geben einem Religionen einen festen Halt, ein Gut und Böse, wobei das Gute meist auf der eigenen Seite ist, wenn man nicht einer Religion folgt, die weniger auf Moral als auf Macht abstellt, die dann auch aus der „Bösen“ Seite folgen kann (aber natürlich damit gerechtfertigt werden kann, dass man überlegen ist).

Sie bedient häufig unser Bedürfnis Gründe zu erkennen, Sachen einen Sinn zu geben, sie erlaubt ein Verhandeln und Zwigespräche, wenn es eigentlich nichts zu verhandeln gibt („Bitte Gott, lass mich diese Klausur bestanden haben, dann werde ich in Zukunft ein guter Mensch sein.“)

Sie ordnet einen in eine Hierarchie ein, in der man über anderen steht, aber gleichzeitig auch einen „guten Herrscher“ hat, der an dem wohl von einem interessiert ist. Früher mögen sie auch die Bildung einer einheitlichen Meinung erleichtert haben und Regeln absolut gesetzt haben und Strafen für einen Verstoß gegeben haben, eine Instanz, die alles sieht und Fehlverhalten teuer macht. Dieser Prozess spielt denke ich in der heutigen Welt häufig eine geringere Rolle, aber im persönlichen mag die Vorstellung vielen helfen solches Verhalten für sie selbst lohnender zu machen und sich gut dabei zu fühlen.

Sie erlauben zudem ein gewisses Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Momentan treten immer mehr Funktionen von Gott zurück, weil die Wichtigkeit verschiedener Memes in ihrer Funktion zurückgeht. Wir haben eine vergleichsweise sichere Welt, die ihre eigenen Regeln vorgibt und umsetzen kann, ohne das wir einen strafenden Gott glauben.

Aber auch viele Atheisten werden in passenden Stunden schon mal den Gedanken an einen „Handel“ im Kopf gehabt haben, ein „Lass das gut gehen und ich werde dann was für dich/die Gesellschaft  tun“ an eine imaginäre Person oder ins nichts gesprochen. Es beruhigt einen vielleicht einfach, wenn man das Gefühl hat, dass man da noch etwas machen kann, dass es dann irgendwie ja gut gehen muss, weil man ja auch ein Gegenangebot dafür gemacht hat.

Das bedeutet nicht, dass ich Religionen plötzlich gut finde. Es erklärt aber, warum der Gedanke an etwas Übergeordnetes eine hohe Widerstandskraft hat

 

46 Gedanken zu “Religion als gutes Meme

  1. Gottesglauben ist halt ein Überrest des kindlichen „Magischen Denkens“. Anstatt der Eltern, die Grenzen setzen, belohnen und strafen, wird halt ein gasförmiges Wirbeltier im Nachthemd mit Bart und Pimmel gesetzt, das diese Aufgabe weiter erfüllt. Dabei geht es nur um die Umsetzung von egoistischen Zielen, die aber Andere gesetzt haben.

    Da passt auch Max Stirner dazu, der (zu Marx Zeiten) Gott und die Kirche radikal abgelehnt hat und meinte: „Die Sache Gottes ist eine total egoistische Sache„.

    • Religion geht noch viel weiter. Sie setzt Regeln und erzeugt eine zuverlässige Gesellschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig helfen.

      Angesehen davon ist der Erfolg der Religion ein Beweis dafür, dass Erfolg wichtiger als Wahrheit ist. Religiöse Gesellschaften haben einen evolutionären Vorsprung.

      Und wir Atheisten schaffen es nicht, den aufzuheben. Wir sind vergleichsweise erfolglos (evolutionsbiologisch gesehen).

      • „Religiöse Gesellschaften haben einen evolutionären Vorsprung.“

        Die Frage wäre, ob sie ihn haben oder hatten. Und man muss denke ich differenzieren: Starke Religion wie etwa im Islam behindert momentan Fortschritt. Moderate Religion, die eher privat ist, scheint eher erfolgreich zu sein und der Übergang zu einem Atheismus scheint mir fließend zu sein.

        • Der Islam in seiner Frühzeit hatte durchaus einen sehr dynamischen Charakter und verfügte auch gegenüber der christlichen Welt über einen zivilisatorischen Vorsprung. Immerhin haben die bis dahin recht „verschlafenen“ arabischen Beduinenstämme innerhalb weniger Jahre unter dem Banner des Islams die damalige persischen Großmacht binnen Kurzem unterworfen und dem Byzantinischen Reich ganz Nordafrika und den syrischen Raum weggenommen und wurden zu Herren des Mittelmeers.

          Interessant in diesem Zusammenhang sind die religionssoziologischen Überlegungen von Max Weber, wonach Religionen „handlungsleitende Weltbilder“ produzieren, die auch dann noch wirksam sind, wenn der ursprüngliche religiöse Impuls verflogen ist. Paradigmatisch hat er diesen Gedankengang in seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ dargelegt und anschließend dieses Theorem in seiner Aufsatzsammlung „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ vertieft. Aufstieg und Niedergang der islamischen Welt ließe sich eventuell auch damit – aber nicht allein – erklären. Im 16. Jahrhundert befand sich der Islam in Form des Osmanischen Reiches auf seinem machtpolitischen und kulturellen Höhepunkt, um dann langsam und stetig abzusinken, obwohl Europa damals nicht weniger religiös war.

          • „Der Islam in seiner Frühzeit hatte durchaus einen sehr dynamischen Charakter und verfügte auch gegenüber der christlichen Welt über einen zivilisatorischen Vorsprung“

            Ja sicher, die Frage ist, ob das jetzt noch der Fall ist. Heute scheinen diese Faktoren ja eher zu hindern, auch weil sie nicht mehr zur Zeit passende Regeln vorgeben (was damals nicht der fall war)

          • @ Christian

            Die Ursachen für den Niedergang einer Kultur sind stets multikausal. Der Niedergang des Islams dürfte neben anderen Faktoren auch auf den Mongolensturm zurückzuführen sein, der den gesamten arabischen-persischen Kulturraum vernichtete. Aber das jetzt alles auseinanderzutüfteln bedürfte einer eingehenden historischen Analyse mehrerer hundert Jahre, was an dieser Stelle einfach zu weit führen würde.
            Übrigens ist die Renaissance des Islams im arabischen Raum ein Phänomen der letzten 30 Jahre. Das hängt u.a. auch mit dem Scheitern säkularer Ideologien wie dem Panarabismus der syrisch-irakischen Baath-Bewegung und des Nasserismus zusammen. Nasser hat sich noch über die Verschleierung der Frauen öffentlich lustig gemacht (und die Muslimbrüder am Galgen aufgehängt).

  2. Ein heutiger Artikel in der nzz passt meines Erachtens zum Thema:

    Zugleich tritt aber auch die Beschränktheit der nicht erzählenden Wissenschaften zutage. Im Glauben, das menschliche Leben in der «Erstellung wissenschaftlicher Tatsachen» (wie Ludwik Fleck es nannte) erschliessen zu können, liegt eine ungeheure Naivität. Das wird klar, wenn man eine sozialhistorische Studie über das Paris des frühen 19. Jahrhunderts in diejenige erlebte Fülle zu verwandeln versucht, die Balzacs «Menschliche Komödie» bietet: Der Weg von der Analyse zur lebendigen Welt ist weit – und es ist fraglich, wie gut man etwas verstanden hat, wenn man nicht in der Lage ist, es zumindest in konkreten Gedankenspielen auf plausible und runde Weise lebendig zu machen.

    https://www.nzz.ch/feuilleton/erzaehlen-heisst-leben-ld.1405108

  3. Religion ist aller Übel Anfang, da sie ein fatales Paradigma einführt: den Glauben. Der Glaube macht den Menschen zum Abhängigen, leicht manipulierbar, leicht zu regieren und auszubeuten. Damit wirft er die evolutionär höchst entwickelte Fähigkeit, den rationalen Verstand über Bord und degradiert sich auf eine niedere Entwicklungsstufe.
    Diese Voraussetzung aller Religionen wertet alle anderen Annehmlichkeiten ab. Die Bilanz ist tief im Minus.

    • Der Glaube, religiöse Menschen wären allesamt abhängig, leicht auszubeuten, einer rationalen Analyse unfähig, auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe zurückgeblieben usw ist eben genau das: Ein Glaube.
      Ich fand das kürzlich recht einleuchtend folgendermaßen ausgedrückt:

      Die Blindheit einer Bekenntniskultur (damit ist ein Glaube gemeint, den sich jemand zu eigen macht, sodass er ein Teil seiner Persönlichkeit wird. Im Unterschied zu einer Kultur des Aberglaubens, in welcher der Glaube losgelöst vom Individuum existiert und von dem jeder WEIß, dass es sich um Illusionen und Täuschungen handelt. Dieses Wissen ermöglicht es erst zu sagen „Ich weiß zwar, aber dennoch…“ . Kein Bekennender würde das sagen, denn sein Glaube ist ein Teil von ihm. Er ist dann stolz darauf dieses oder jenes zu vertreten., z.b. den Glauben an die Selbstregulierungskraft der Finanzmärkte, an die Wissenschaft etc.) für ihre eigenen Aberglaubenselemente und -praktiken führt zu einer folgenreichen Täuschung – einer „perspektivischen Illusion“. Sie tritt dann auf, wenn eine Bekenntniskultur auf eine abergläubische Kultur trifft. Wenn nun die Bekenntniskultur den Aberglauben der anderen Kultur wahrnimmt, missversteht sie diesen Aberglauben und meint, er wäre das Bekenntnis der anderen. Was diese anderen aus Aberglauben tun, ironisch distanziert und mithin wider besseren Wissens, erscheint der Bekenntniskultur, als ob es aus eigener Einbildung erfolgte, ohne ironische Distanz und in Ermangelung besseren Wissens. Die magischen Praktiken anderer Kulturen erschienen dann als Beweise von deren Unwissenheit. Auf diese Weise verfallen die Anhänger der Bekenntniskultur der perspektivischen Illusion und denken: „Wir wissen es besser. Darum tun wir es nicht. Die anderen wissen es nicht. Darum tun sie es.“

      (Robert Pfaller: Erwachsenensprache)

      • Um es etwas zu differenzieren: man muß zwischen ‚belief‘ und ‚faith‘ unterscheiden. Ein Glaubenssystem (i.S. von belief) ist jedem zu eigen und lebensnotwendig. „Der Glaube“ (faith) ist die Überzeugung wider besseres Wissen oder ‚Aberglaube‘, was die Religionen als Tugend verkaufen. Ersterer ist rationalen Argumenten zugänglich, letzterer ist immun gegen Alles. Er ist auch konstituierendes Element von Tribalismus und sozial etablierte Schablone für alle Arten von Ideologie. Auf diesem gelernten Muster bauen Totalitarismus und andere Dogmatismen auf, einschließlich Militarismus, Feminismus usw. usf.

        • Diese Differenzierung verstehe ich nicht ganz: Ein lebensnotwendiges Glaubenssystem soll rationalen Argumenten zugänglich sein, während ein (Aber)Glaube wider besseren Wissens dagegen immun sein soll?
          „Wider besseren Wissens“ beinhaltet doch bereits eine Entscheidung (nämlich wider das bessere Wissen) und damit die Grundlage dafür, auch anders zu entscheiden. Bei einem lebensnotwendigen Glaubenssystem scheint mir das gerade nicht der Fall zu sein. Denn dadurch dass es lebensnotwendig ist kann es tendenziell nicht geändert werden – es würde wortwörtlich dem eigenen Leben (zumindest teilweise) die Grundlage entziehen.
          Eventuell verstehe ich nicht ganz was du sagen möchtest, aber mir scheint so wie du es präsentierst müsste es gerade umgekehrt sein: Ein „lebensnotwendiges Glaubenssytem“ ist immun gegen rationale Argumente, während ein bloßer Aberglaube dafür durchaus empfänglich ist.

    • „Religion ist aller Übel Anfang, da sie ein fatales Paradigma einführt: den Glauben.“

      Vor 35 Jahren hatte ich es als radikaler Atheist auch noch so gesehen.
      Inzwischen betrachte ich den religiösen Glauben wesentlich entspannter. Er übernimmt eine wichtige ordnende Funktion im Leben von Leuten, die ohne ihn die Welt nicht verstehen würden. Deshalb sind Gläubige nicht radikaler und auch nicht besser manipulierbar, als Nichtgläubige.
      Natürlich gibt es auf beiden Seiten immer einen Bodensatz von Menschen, die empfänglich sind für Radikalismen und die ihre Religion zur Grundlage einer Mission machen, die Welt zu „verbessern“.

      „Damit wirft er die evolutionär höchst entwickelte Fähigkeit, den rationalen Verstand über Bord und degradiert sich auf eine niedere Entwicklungsstufe.“

      Ich würde nicht allzu viel auf den rationalen Verstand setzen. Er ist höchst subjektiv.
      Wenn PuS sich wünscht, dass mindestens die Hälfte der Menschheit in der Gluthölle eines weltumfassenden Atomkriegs pulverisiert wird, weil ihm die derzeitige Welt zu unübersichtlich wird, dann kann man ihm besser wünschen, dass er eine Form des Glaubens findet, dass das alles einen Sinn hat und dass es sich lohnt dafür zu kämpfen.
      Wie so oft – und da sind wir dann schon wieder bei Jordan Peterson – gibt es auch hierzu kein klares Schwarz/Weiß-Denken.

      • @Carnofis:
        Ich habe dieselbe Entwicklung durchgemacht und bin bei ähnlichem Standpunkt ‚gelandet‘, vor allem durch die beiden Bücher von Jonathan Haidt. Aber auch die psychologischen Interpretationen biblischer Geschichten von Peterson (in seiner Psychologie-Vorlesung, die öffentlichen Bibel-Vorträge habe ich nicht gehört) fand ich gut.
        Richard Dawkins fragt in seinen Diskussionen seine gläubigen Diskussionpartner immer: ‚but is it TRUE?‘. Als Naturwissenschaftler verständlich, schließlich betrachtet er (so wie ich es tat) alles aus dem Blickwinkel der ‚echten‘ Naturerkenntnis. Psychologisch ist das aber eine völlig andere Sache: man findet Wahrheit über das Verhalten von Menschen in Geschichten, völlig unabhängig davon, ob die Geschichten selbst wahr sind. (Meine eigene Definition einer guten Geschichte ist: hat sie mein Verständnis menschlichen Verhaltens ergänzt?).

    • @ Jochen:
      „Religion ist aller Übel Anfang, da sie ein fatales Paradigma einführt: den Glauben.“
      Falsche Prämisse! Ohne den Glauben gäbe es uns nicht, er ist unser wichtigstes Softwarreprogramm.
      Die Religion basiert auf der Faulheit der Menschen sich ihren Glauben selbst und stets neu zu erarbeiten.
      Diese Tatsache nutzen halbgebildete, dissoziale Arschlöcher aus und erfinden eine Religion oder sonstige Ideologie, weshalb Atheismus i.d.R. eine stinknormale und saudoofe Religion ist.

  4. Religion lässt die narzisstische Kränkung, verursacht durch das Wissen der eigenen Sterblichkeit, überwinden, wenn man denn tatsächlich glaubt. Ausserdem verspricht sie absolute Gerechtigkeit, die so von Menschen nicht machbar ist. Ein weiterer Trost, um die eigene Existenz, die oft als ungerecht empfunden wird und manche narzisstische Kränkung bereit hält, besser zu ertragen. Alternativ kann auch Opium geraucht werden.

  5. Christian hatte wohl ein Gespräch mit seinem Schwiegervater 😛

    Ne, im Ernst. Tatsächlich muss man als Atheist und Darwin-„Gläubiger“ zugeben, dass Religion einen Wert hat, sonst hätte es sich schlicht nicht durchgesetzt.

    • Dawkins Idee ist, dass Religion eine Fehlsteuerung ist von Regelkreisen, die evolutionären Vorteil bieten/geboten haben. Ähnlich wie Masturbation an sich ja auch keinen evolutionären Vorteil hat, die Tatsache, dass Sex Spaß macht, aber sehr wohl.

      (Ich selbst schließe mich hier Haidt an, nicht Dawkins).

        • Die ist aber auch nur richtig wenn:
          Es nur einen potentiellen Gott gibt und der Anhänger anderer Gottheiten nicht kritischer sieht als Atheisten („Wenigstens nicht an den Rivalen geglaubt“)
          Die Regeln befolgt, die der richtige Gott aufstellt (wenn man Schwule nicht gesteinigt hat, dann kann das schon schlecht aussehen wenn man der Bibel folgt)
          Man sicher ist, dass die Regeln des Gottes zeitlos sind und man sich nicht versehentlich doch als schlechter Mensch verhält, obwohl man alten Regeln folgt
          Man dadurch nicht zu viel Einschränkungen im jetzt unterworfen ist (bei spieltheoretischer Betrachtung müsste man die Kosten und die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Gott gibt einrechnen)
          Man als Atheist nicht doch ein „Guter Mensch“ sein kann

          • @ Christian

            In dem verlinkten Wikipedia-Text werden ja auch die Gegenargumente gegen die Pascalsche Wette aufgeführt. Aber Pascal war sowohl ein mathematisches Genie als auch ein sehr frommer Katholik, was zeigt, dass Religion nicht nur etwas für Dumme ist. Überhaupt ist der Anteil von Naturwissenschaftlern unter frommen Christen auffällig. Auf die Schnelle fällt mir noch Michael Faraday und Isaac Newton ein (der einer obskuren mystischen Sekte angehörte). Religionssoziologische Beobachtungen besagen, dass im heutigen protestantischen und im islamischen Fundamentalismus besonders Leute aus den angewandten Naturwissenschaften stark vertreten sind, während Sozial- und Geisteswissenschaftler dagegen eher immun sind.
            Auch die Evolutionstheorie ist religiös überhöht worden. Ich erinnere hier an Teilhard de Chardin mit seinem „kosmischen Christus“.
            https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Teilhard_de_Chardin

          • „zeigt, dass Religion nicht nur etwas für Dumme ist“

            Vielleicht auch nur insoweit als dass die Intelligenz angeregt wird, sich der Zensur zu entziehen!

            Bei Pascals Wette fällt auf, dass sie impliziert, dass es auf den Inhalt des Glaubens gar nicht ankommt. Man folgt ihm nur, solange es nichts kostet, dann ist er womöglich nützlich.

            Das ist natürlich eine ziemliche Absage an den Glauben, der da in der Meta-Botschaft steckt.

            Kann man aber auch als Gesellschaftskritik sehen: die Menschen sind Opportunisten und feige. Es ist immer vorteilhaft etwas Soziales mitzumachen, sei es auch noch so absurd.

  6. Ich finde die Idee und Nutzbarmachung von Religion in den „Dune“-Bücher sehr überlegt. Wenn man richtige viele Menschen zu regieren will, ist eine Religion ungeheuer praktisch. Das Volk wird zwar belogen, das heißt aber nicht das es nicht gut funktioniert.

    • Warum sollte es überhaupt einen Beweis für eine letzthinnig wirksame Ursache geben können? Vermutlich gibt es das nicht und so einen Beweis kann es auch nicht geben. Genauso läuft man ins Leere, wenn man nach der Ursache des Universums fragt. Es gibt nämlich nichts, was vor dem Anfang oder vor Gott – logisch – stünde.

      Eine andere Frage ist, warum unsere Vorfahren mit der Idee Gott überhaupt Recht gehabt haben könnten. Haben die was gehabt, was wir nicht hatten? Warum ist diese Erkenntnis dann nicht nachvollziehbar? Und: ist dann nicht der Verdacht naheliegend, dass unsere Vorfahren die Gottesidee einfach erfanden, schlicht weil sie eine Nützlichkeit hat (wie hier oben ja beschrieben)? Das erklärt dann ja auch gut, warum es so unendlich viele Religionen gibt und die Details der Religionen hypervariabel sind. Sollte, wenn es eine fixe Göttlichkeit gibt, da nicht mehr Übereinstimmung sein, über alle Kulturkreise und Zeiten hinweg? Deutet die Beliebigkeit aller Glaubensinhalte nicht an, dass Menschen hier frei was erfanden? Und am Ende beschrieben sie damit aber nur, dass die Welt durch Naturgesetzlichkeiten bestimmt wird….

      Der Vollständigkeit halber könnte es ja sein, dass was dran ist, dann kann man es aber nicht wissen, sondern nur glauben. Aber warum sollte man das noch machen? Weil es im Zweifel den einzigen „Zusatzgewinn“ zum iridischen Dasein bietet?

      Natürlich: Ziemlich beschissen ist das anzunehmen, dass wir alleine sind. Auf der anderen Seite muss man ja auch mal erwachsen werden 😀

      • Was du schreibst ist logisch und ich stimme dir zu.

        Aber ich versuche es eben mal umzudrehen. Was, wenn es einen unlogischen Gott gibt? Oder er zu Scherzen neigt?

        Wie könnte sich ein Gott allgemein offenbaren? Ich finde die Frage interessant….

        • Ein Extrem sind die antiken Griechen, deren Götter verhalten sich wie eine zusammengewürfelte Menschenmenge, was durch allerlei Mischungen mit Menschen und Tieren noch gesteigert wird. Solche Götter lassen an den Menschen ihre Launen aus, wie insbesondere Gewitter. Diese gewöhnlichen Naturspektakel waren es auch, die gewöhnlich mit religiösen Vorstellungen verbunden wurden — weswegen die Götter vermutlich auch auf dem Berg Olymp angesiedelt wurden, dem obersten Gewittereinfänger der Region. Das wäre dein Gott der Unlogik!

          Das andere Extrem ist der Monotheismus, wo alles nach *einem* Plan erfolgen soll, das ist also der Gott der Logik. Dumm nur, dass das Problem des Schlechten und Bösen doch einen Art Nebengott, der dann für alles Schlechte da ist, erfordert.

          Wozu Götter aber nie neigen, das ist das Scherzen. Vermutlich ist das ganz den Menschen vorbehalten, wie tendenziell auch die anderen „irdischen Genüsse“.

        • „Wie könnte sich ein Gott allgemein offenbaren? Ich finde die Frage interessant….“

          Hast Du mal „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder gelesen?

          Das Buch ist die Beschreibung der philosophischen Strömungen Europas seit den alten Griechen. Die einzelnen Erklärungen sind verknüpft über eine Rahmenhandlung, in der die Hauptakteurin Sophie Briefe bekommt, die von einem Philosophen an eine ominöse Hilde geschrieben wurden. Sie wohnt also einem Dialog bei und erfährt dabei was über die Geschichte der Philosophie.
          Je mehr Sophie liest, desto mehr wünscht sie sich, Hilde kennenzulernen und vice versa.
          Am Ende kommt Sophie zu der Erkenntnis, dass Hilde eine Figur ihrer Phantasie ist, die mit ihrer eigenen Schöpferin in Kontakt treten will, wissend, nur eine Romanfigur zu sein. Sophie ist also die Göttin Hildes.
          Ein sehr interessantes Gedankenspiel Gaarders, das einen neuen Blick auf Götter erlaubt.

          • „fand ich ein unglaublich langweiliges Buch.“

            Witzig, sagt mein Sohn auch.
            Ich fand es unheimlich spannend. Nicht zuletzt auch, weil ich mich selbst erstmals philosophisch verorten konnte und entdeckte, dass mein philosophisches Denkgebäude nicht neu war, sondern schon von den alten Griechen gedacht.

  7. Ausgerechnet zu dem Thema hat noch niemand Jordan Peterson ins Feld geführt? Dabei hat er dazu wirklich interessante und tiefgründige Dinge zu sagen?

    Versteht man nämlich (wie Peterson) Gott nicht als einen netten Onkel irgendwo, sondern als eine Richtung für das eigene Leben und Leben überhaupt, eine Richtung, die man rational aufgrund der Komplexität nicht abschließend beschreiben oder wissen kann, dann gibt es keinen Widerspruch zwischen Evolution und einem Schöpfungsglauben mehr. Und überhaupt besteht dann kein Problem mehr, die alten religiösen Vorstellungen mit einem aufgeklärten Denken in Einklang zu bringen.

    • Das letztere ist aber jetzt deine Idee. Und die ist gut, ja. Es gibt absolut keine Notwendigkeit, dass Rationalität und Glauben sich gegenseitig ausschliessen müssen. Seltsamerweise sehen Gläubige das aber gar nicht so und fühlen sich instinktiv durch Rationalität herausgefordert. Und das spricht doch indirekt stark dafür, dass Glauben regelmässig keine Ergänzung zum Rationalen ist, sondern statt dessen gilt. Nachtigall, ich hör dir tappsen.

      • So ausformuliert habe ich das natürlich, aber das ist genau worauf Petersons Vorstellung hinausläuft.

        Ich stelle auch fest, dass religiöse Menschen mit Petersons Konzept mehr Schwierigkeiten haben. Und zum Teil haben sie damit auch aus Petersons Konzept heraus recht. Denn wann immer man versucht Gott auf etwas rational Beschreibbares zu reduzieren, muss man etwas weglassen und verrät so die Idee Gottes. Petersons Konzept ist daher aus sich selbst heraus nur schlüssig, wenn man die „Aufklärung der Religion“ mit der nötigen Demut und dem Bewusstsein der Grenzen des Rationalen betreibt.

          • Wer wie Peterson auf der einen Seite sagt, er glaube nicht an die Wiederauferstehung, aber auf der anderen er sei Christ, der ist nicht rational, sondern geisteskrank.
            Genauso wie die, sorry das du wohl dazu gehörst, die ihm folgen.

    • Ich denke, es gibt immer weniger Leute hier, die Lust haben, 1500 Wörter Essays durchzuscrollen.

      Ende des Jahres will JP mit Exodus weitermachen…

  8. Es gibt die konservative Maxime: „Die Religion muss dem Volk erhalten bleiben.“ Damit wird die ordnende und stabilisierende Funktion der Religion betont, was allerdings eine Verkürzung bedeutet, denn Religion als soziales und kulturelles Phänomen ist viel komplexer und ambivalenter. Es macht auch keinen Sinn, über Religion zu „vernunfteln“ in der Hoffnung, die Fortschritte der Wissenschaft würden sie schon zum Verschwinden bringen. Denn hier geht es um das Existenzverständnis von Menschen, um Sinnstiftung und um Kontigenzbewältigung, die Wissenschaft nicht leisten will und leisten kann. Dort, wo die „offiziellen“ Bekenntnisse ins Hintertreffen geraten, rücken entweder säkulare Heilslehren im politischen Raum oder eine frei flukturierende Religiosität privater Spiritualitäten in die Leerstelle.

    Religion garantiert auch nicht a priori das Eintreten für „das Gute“ oder eine höhere Moral. Nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto steht im Zentrum jeder Religion „das Heilige“, das sich gerade durch die Abwesenheit jeglicher sittlicher oder ethischer Momente auszeichnet und allein auf dem „Erschauern vor dem Numinosen“ beruht („‚Das Heilige ist das religiöse Gefühl minus des Ethischen und des Sittlichen.‘). Und genau an dieser Stelle kommen jene entgrenzten ekstatischen, charismatischen und enthusiastischen Elemente einer entgrenzten Religiosität zum Vorschein, die für uns aufgeklärte Geister schlicht unverständlich sind, die aber in ihrer emotionalen Wucht gesellschaftlich destabilisierend wirken und auch Herrschaft untergraben können. Die Religionsgeschichte ist voll davon. Und die früheren Ketzerverfolgungen der Katholischen Kirche diente häufig AUCH dazu, diese „gefährlichen“ Elemente einer entgrenzten Religiosität mit Scheiterhaufen und Schwert auszurotten (was allerdings in keiner Form zu billigen ist).

  9. Religion ist nicht nur nützlich, sondern auch gar nicht so falsch, wie viele meinen.

    Und das Beste: das lässt sich sogar empirisch „beweisen“. Sei es die Reinkarnation, die Ian Stevenson eindrucksvoll an hunderten von Fällen akribisch belegt hat oder sei es die ITK:
    http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=468181

    Ich war selbst überzeugter Atheist und glaube auch heute noch, dass das reduzierte Gottesbild der christlichen Kirche falsch ist, dennoch bin ich mittlerweile absolut überzeugt, dass wir als Menschen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Realität wahrnehmen. Selbst die physikalischen Modelle dazu gibt es längst, Burkhard Heim, vermutlich eines der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts, hat da eine Steilvorlage geliefert:
    http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=468166
    Leider (aufgrund der Tatsache, dass er fast blind war und keine Hände mehr hatte) lebte er sehr zurückgezogen und machte den ganzen publicity-Zirkus nicht mit, weshalb seine Theorien noch heute um die bloße Aufmerksamkeit kämpfen.

    • „… und glaube auch heute noch, dass das reduzierte Gottesbild der christlichen Kirche falsch ist, …“

      was absurd ist, weil es kein korrektes Gottesbild gibt. Die katholische Kirche gibt das/ihr Gottesbild vor, also ist es korrekt. Wenn Du ein anderes Gottesbild hast, dann ist es nicht katholisch.

      „… dennoch bin ich mittlerweile absolut überzeugt, dass wir als Menschen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Realität wahrnehmen.“

      Davon bin ich auch überzeugt.
      Deshalb ordne ich mich heute den Agnostikern zu. Ich glaube zwar nicht an Gott, bezweifel aber nicht seine Existenz, weil ich seine Nichtexistenz so wenig beweisen kann, wie die Gläubigen seine Existenz.
      Wobei mir der Beweis seiner NIchtexistenz heute eh so wenig wichtig ist, wie der Beweis seiner Existenz. Beides hat im Einzelfall Vorteile.

Schreibe eine Antwort zu Carnofis Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.