Gibt es Homophobie nur beim Menschen?

Kürzlich wurde hier die These aufgestellt, dass lediglich der Mensch homophob sein kann, um so zu belegen, dass es eine kulturelle Sache ist.

Wäre Homophobie evolutionär oder sonstwie biologisch erklärbar, müsste es sie auch bei Tieren geben. Aber der Mensch ist das einzige Tier, das Homophobie zeigt. Sie kann daher nur kulturell bedingt sein.

Sicherlich ist ein großer kultureller Anteil dabei, wie man auf Homosexualität reagiert, das ist aus meiner Sicht aber unabhängig davon, dass sie dennoch einen gewissen biologischen Anteil haben kann. 

Aber ich finde dennoch die These, dass nur Menschen Homophobie kennen interessant, weil sie einen zu der Frage bringt: Wie würden denn Tiere überhaupt Homophobie deutlich machen?

Ich hatte entsprechend kommentiert:

Wie verhalten sich denn Tiere üblicherweise gegen homosexuellen Tieren?
Wie reagiert ein Hetero-Schimpanse darauf, dass ein Homosexueller männlicher Schimpanse mit ihm Sex haben will?
Wie reagieren Hetero-Schimpansen darauf, dass ein männlicher Schimpanse eher weiblich verhält? Ich vermute mal, er wird da schnell ganz unten in der Hierarchie stehen
Ich vermute ein Hetero-Gorilla würde bei einen Homo-Gorilla auch nicht sagen: „Oh du bist ja Homosexuell, da willst du mir ja gar nicht meinen Harem wegnehmen, dann verkloppe ich dich ausnahmsweise mal nicht, wie sonst alle Männchen“

Jetzt wäre Homophobie sicherlich nicht nur die Reaktion auf den Versuch Sex zu haben, aber ich vermute mal, dass ein entsprechender Schimpanse auch eher niedriger in der Hierarchie stehen könnte, weil er sich in seinen versuchen, sich zu paaren, mit zu vielen anderen Affen anlegt. Vielleicht käme es auch dort auf die „Kultur“ an.

Ich finde es daher gar nicht so einfach festzustellen, dass es Homophobie nur beim Menschen gibt.

Es ist aber eine dieser Aussagen, die nach einem tollen Argument klingen, die aber tatsächlich eher nicht sehr gut abgesichert sind und leicht zu hinterfragen sind.

29 Gedanken zu “Gibt es Homophobie nur beim Menschen?

      • Ne, das scheint von der Spezies abhängig zu sein. Bei machen mehr, bei manchen weniger.Bei Vögeln scheint es recht häufig zu sein. Bei Säugetieren nicht ganz so häufig. Eine Spezies, bei der Homosexualität besonders verbreitet ist, sind die Bonobos, die nächsten Verwandten der Schimpansen. Wohingegen das bei Schimpansen meines Wissens nach bislang noch nicht beobachtet worden ist.

        Was ich selbst schon häufiger bei Säugetieren beobachtet habe, ist eine gewisse Homosexualität während der Ausbildung der Geschlechtsreife. So in der Pupertät. Eine dauerhafte Homosexualität habe ich selber bislang noch nicht beobachtet, aber man liest gelegentlich davon.

        • „Was ich selbst schon häufiger bei Säugetieren beobachtet habe, ist eine gewisse Homosexualität während der Ausbildung der Geschlechtsreife.“

          Jetzt, wo ich das lese, erinnere ich mich, dass ich mal beobachtet hatte, wie eine Jungkuh eine andere bestieg.
          Sie hatte sich aber wohl mit der Statik verkalkuliert, konnte ihr Gleichgewicht nicht halten und fiel nach hinten voll auf den Rücken.
          Das hat bestimmt ganz schön wehgetan 🙂

        • Das grosse Problem ist nur: was bedeutet diese „Homosexualität“ eigentlich? Wir sehen zB zwei Esel, die was miteinander sexuell haben. Machen sie das, weil sie aufeinander als Individuen stehen oder machen sie das nur, weil kein Weibchen verfügbar ist?
          Bei der Homosexualität des Menschen wissen wir, dass letzteres diese nicht erklärt. Typischerweise sind Homosexuelle tatsächlich auf Individuen des eigenen Geschlechts fixiert und da spielt es dann keine Rolle, ob das andere Geschlecht verfügbar ist oder nicht.
          Bei Tieren scheint dies nicht klar zu sein, es macht den Anschein, dass Homosexualität auf den Mangel an dem anderen Geschlecht zurückzuführen ist.

          • „Wir sehen zB zwei Esel, die was miteinander sexuell haben. Machen sie das, weil sie aufeinander als Individuen stehen oder machen sie das nur, weil kein Weibchen verfügbar ist?“

            Eben. Ich wäre da auch vorsichtig, nur aus Beobachtungen heraus mehr hineinzuinterpretieren, als was man sieht.
            Das gern als Beleg herangezogene homosexuelle Verhalten sollen die berühmten Bonobos angeblich nur in Gefangenschaft zeigen, habe ich erst vor einigen Wochen irgendwo gelesen. Hab leider die Quelle nicht, weil ich nicht ahnte, das mal gebrauchen zu können.

          • Vor allem ist es ja auch unübersehbar, wie Politisierung über diesem Thema liegt. Allein deshalb kann man wissenschaftliche Ehrlichkeit nicht mehr erwarten.

  1. Kultur entspringt der Biologie, die Frage ist schon komplett fehlkonstruiert. Falsche Annahme führt zu falschen Schlussfolgerungen.

  2. Das Argument ist unsinnig, abgesehen von den fehlenden Belegen. Selbst wenn eine Eigenschaft nur bei einer einzigen Art vorkommt, folgt daraus nicht, dass die Eigenschaft kulturell bedingt ist.

  3. Was wäre denn das Kriterium für Homophobie bei Tieren? Unter welchen Umständen würden wir sagen, daß Tiere gegenüber einem bestimmten anderen Tier nicht nur feindselig oder ablehnend sind, sondern wirklich homophob?

    „Homophobia is also an internal emotional state, so it would be very difficult to tell if an animal were feeling „homophobic“ without it being able to say so, …“

    https://www.quora.com/Does-homophobia-exist-in-other-species-besides-human-being

    Mal eine andere Frage: Was wäre denn das Kriterium für Verachtung bei Tieren? Unter welchen Umständen würde wir sagen, daß Tiere ein bestimmtes anderes Tier nicht nur ignorieren oder fortjagen, sondern wirklich verachten? Oder bewundern?

    Gleichgültig, ob man Homophobie als eine rein psychische Einstellung definiert (wie im Zitat oben), oder als ein bestimmtes Sozialverhalten, wäre meine Vermutung: so etwas ist zu komplex für Tiere – die können das einfach nicht. Das hat nicht unbedingt etwas mit Kultur zu tun. Tiere können ja auch nicht verschiedene Dinge miteinander abwägen. Sie können sich auch nicht miteinander verabreden.

    Interessant fand ich übrigens auch diese Aussage an der oben verlinkten Stelle:

    „Homophobia is a cultural construct [?] associated with patriarchal [?] systems that depend on high birth rates.“

    Sehen wir mal von dem feministischen Unsinn ab. Ich finde diese Aussage seltsam. Wenn wir davon ausgehen, daß ein einziger Mann Tausende von Frauen schwängern kann, – wieso sollte dann eine hohe Geburtenrate abhängig davon sein, daß es keine schwulen Männer gibt (oder daß schwule Männer aus sozialem Druck heraus allein mit Frauen schlafen)? Vielleicht hat es was mit dem Genpool zu tun: daß die Anzahl der Väter möglichst breit gestreut sein soll …?

    • In der Tat kann man sich fragen, wie das denn konkret aussehen soll, die Homophobie bei Tieren? Kämen ja wohl nur Rudelbildende Tiere in Frage; etwa wenn Wölfe einen aus dem Rudel rausbeißen, der sich nicht mit Weibchen paaren will. Sonst?

      • Männliche Tiere gehen eher aggressiv gegen andere männliche Tiere vor, die sich mit Weibchen paaren wollen.
        Der Gradmesser wäre ein aggressives Verhalten eines Dritten gegenüber Männchen, die sich mit Männchen paaren wollen.

    • Warum wird immer davon ausgegangen, dass Sexualität (Homo oder Hetero) genetisch bedingt und bestimmt ist? Sicher ist das in vielen Fällen so. Aber Sexualität ist auch zu einem guten Teil kulturell/sozial bedingt. Obwohl viele Männer und Frauen von den vorgegebenen Rollen gerne abweichen würden, manche mehr, manche weniger, trauen sich die Meisten nicht. Die genetisch bedingte, natürliche Sexualität wird durch die Kultur modifiziert. Bei größeren Abweichungen von der rein kulturellen Norm kann die Sexualität dann auch ins Gegenteil umschlagen. Was letzendlich ebenfalls in einer stark durch die Kultur geprägten Sexualität mündet. Dass die genetisch vorgegebene Sexualität exakt mit der kulturell geforderten übereinstimmt, dürfte sehr selten sein. Wenn die Abweichungen nur klein sind, wird die Sexualität eben unauffällig in Richtung Norm verschoben. Die Meisten dürften das unbewusst tun, da diese Verschiebung eben nur geringfügig ist. Bei stärkeren Konflikten fällt es auf. Und bei sehr starken und unlösbaren Konflikten kann eben alles Mögliche bei rauskommen. Das kann Homosexualität sein, das können aber auch depressionen sein, oder auch ein Hang zu Agression und Gewalt. Die Strategien für den Umgang mit unlösbaren Konflikten düften vielfältig sein.

      • „Warum wird immer davon ausgegangen, dass Sexualität (Homo oder Hetero) genetisch bedingt und bestimmt ist?“

        Weil es in der (säuge)tierischen Welt keine validen Erkenntnisse über Homosexualität gibt. Und Menschen sind grundsätzlich nichts anderes, als Säugetiere.

        „Sicher ist das in vielen Fällen so. Aber Sexualität ist auch zu einem guten Teil kulturell/sozial bedingt.“

        Das mag für Sexualpraktiken stimmen, nicht aber für die sexuelle Orientierung.
        Wäre die sexuelle Orientierung kulturell überprägt, müsste sie der Kultur folgend Schwankungen unterliegen.
        Der Anteil Homosexueller an der Gesamtbevölkerung schwankt aber nicht, jedenfalls nicht über das Maß hinaus, das durch Messungenauigkeiten erklärt werden könnte.

        „Und bei sehr starken und unlösbaren Konflikten kann eben alles Mögliche bei rauskommen. Das kann Homosexualität sein, das können aber auch depressionen sein, oder auch ein Hang zu Agression und Gewalt.“

        Ich denke, dass solche Konflikte – nehmen wir mal den fehlenden Zugang zu Sexualpartnern bei Inhaftierten – keine Aussage über sexuelle Präferenzen erlauben. Homosexuelle Praktiken im Knast dürften einzig der Triebabfuhr dienen.

  4. Ich halte die Frage, was denn die biologische Wurzeln den Homophobie sein sollen für viel interessanter. Hier fällt mir spontan nur eine Ursache ein: Die instinktive Furcht vor Krankheiten. Das würde auch erklären warum Homophobie hauptsächlich durch Männer ausgeübt wird und hauptsächlich Männer betrifft.

    • Gibt es da eigentlich Erkenntnisse zu dem Thema „Homophobie durch Frauen“ bzw. das Verhalten dass man auch in rechten Gruppierungen findet, das Frauen dort eher als Rädelsführer und Supporter auftreten? Fürs Grobe gibts ja immer eine paar willige Schwachköpfe?

    • Ein weiterer möglicher Grund ist Verdrängung der eigenen homosexuellen Tendenzen.

      „Auch in Labortests fanden sich Hinweise auf eine solche Doppelmoral: Amerikanische Psychologen zeigten männlichen Probanden pornografische Filme mit schwulen Männern. Bei Versuchspersonen, die in einer Befragung zuvor homophobe Tendenzen gezeigt hatten, beobachteten die Forscher in 54 Prozent der Fälle sexuelle Erregung, ­ bei nicht Homophoben waren es hingegen nur 24 Prozent.“

      Der ganze Artikel:

      https://www.welt.de/wissenschaft/article4946747/Psychologen-suchen-Gruende-fuer-Homophobie.html

      • Wenn ich mir ansehe, wie „sexuelle Erregung“ heute gemessen wird, kommt mir das Ganze wie typische Pseudowissenschaft vor, die nur dazu dient rein politische Konzepte wie „Homophobie“ zu rationalisieren und einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.
        Und wenn man Homophobie auch biologistisch auswalzen will, dann ist der Blick aufs Tierreich natürlich unverzichtbar!
        Dumm nur, dass eine Phobie mit Bewusstsein gekoppelt sein muss, was die Verbreitung im Tierreich schon arg einschränken würde. Aber davon lassen sich die progressiven Biologisten zum Glück nicht abschrecken, da postulieren sie einfach, dass eben alle Tiere und auch alle Steine eben doch ein Bewusstsein hätte, der Grossen Göttin Gaia sei Dank!

        • „Wenn ich mir ansehe, wie „sexuelle Erregung“ heute gemessen wird, kommt mir das Ganze wie typische Pseudowissenschaft vor […]“

          Wie denn?

          • Pupillenerweiterung (was noch am besten ist) und irgendwelche Spannungsänderungen. Führt ua zu der „Erkenntnis“, dass Frauen sexuell durch praktisch alles „erregt“ werden würden, was natürlich beweisen würde, dass es nur dem Patriarchat zuzuschreiben wäre, dass Frauen auf Männer stehen.

    • „Hier fällt mir spontan nur eine Ursache ein: Die instinktive Furcht vor Krankheiten.“

      Interessante neue Überlegung.
      Von Krankheit ausgehend habe ich die Definition mal erweitert und bin zu folgender These gekommen:
      Homosexualität ist eine radikale Abweichung von der Norm. Und wie auf jede Abweichung wird auf sie mit Unruhe, Angst, Ablehnung reagiert.
      Männer sind gehalten, Normen der Gruppe zu sichern, also reagieren sie heftiger auf Abweichungen, als Frauen.
      Frauen haben zwar untereinander eine sehr strikte Normenkontrolle, die aber schwule Männer nicht umfasst. Daher reagieren sie auf Homosexualität deutlich gelassener.
      Hinzu kommt, dass Homosexualität bei Frauen, Psychologen zufolge, in Grenzen eine Frage der bewussten Lebensentscheidung ist. Daher ist Homosexualität innerhalb ihrer tolierten Grenzen.

      • Paul Elam weist öfters mal auf Pathogen disgust hin.
        Ein Effekt ist, dass Frauen mit höherer Disgust Neigung ganz besonders auf ganz besonders männliche Männer stehen.
        Dass ein anderer Effekt eine Abneigung gegen Menschen ist, die per Veranlagung deutlich höheres Risiko von STDs haben, würde mich nicht überraschen

      • Das war jetzt aber evolutionär argumentiert, vom Adrian. Wäre da was dran, müsste es auch und um so mehr ein natürlicher Hemmschuh-Phobie bei der Heterosexualität existieren, der sich als Gegenmassnahme gegen Parasiten etc herausgebildet hätte. Was soll das sein? Gibt es eher nicht, oder?

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