Svenja Flaßpöhler zu #MeToo: Wir dürfen nicht alle Probleme den Männern in die Schuhe schieben.

Svenja Flaßpöhler hat sich zu #Metoo geäußert:

DIE ZEIT: Frau Flaßpöhler, Sie sprechen in Ihrer Streitschrift wie selbstverständlich vom „Postpatriarchat“. Ist es schon so weit?

Svenja Flaßpöhler: Rechtlich ist das Patriarchat vorbei. Männer und Frauen sind vor dem Gesetz gleich. Es gibt Kitas und Männer, die sich an der Reproduktionsarbeit beteiligen. Und wenn ich mir speziell die #MeToo-Debatte ansehe, muss ich sagen: Frauen haben heute weit mehr Möglichkeiten, als sie faktisch nutzen. Deshalb möchte ich dazu ermutigen, diese Möglichkeiten zu sehen, anstatt zwanghaft an der Opferrolle festzuhalten.

Das wäre in der Tat ein guter Start. Aber natürlich etwas, was Feministinnen gar nicht in den Kram passt. Denn sie sehen ja weniger eine Opferrolle als Privilegierte, die man dazu bringen muss, von ihren Privilegien Abstand zu nehmen. Und sie werden darauf hinweisen, dass es nicht Aufgabe der Frauen ist, dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr belästigt werden, sondern eben Aufgabe der Täter.

Was allerdings im Endeffekt auch nur Rechtfertigungen einer starken Passivität sind.

ZEIT: Viele Verfechterinnen dessen, was Sie als Hashtag-Feminismus kritisieren, sind in genau dem Glauben aufgewachsen, alles sei möglich für Frauen. Umso größer ist die Empörung, wenn man irgendwann feststellt, dass Chefs immer noch überwiegend männlich sind und was sich Männer nach wie vor an sexuellen Übergriffen herausnehmen. Warum sollen wir altmodische Verhältnisse nicht anprangern?

Ihr könnt sie bei den Männern, die tatsächlich sexuell übergriffig sind anprangern. Aber wenn eure Chefs männlich sind, dann wäre es eher interessant zu fragen, was sie anders machen als viele Frauen. Wenn es Überstunden, das passende Studienfach, die Bereitschaft, für die Karriere auch weitere Fahrtstrecken auf sich zu nehmen oder ähnliche Faktoren sind, dann müsst ihr Frauen auffordern nachzuziehen, wenn ihr mehr Frauen an der Spitze sehen wollt. Was ihr nicht machen solltet ist einfach Männer als Gruppe dafür verantwortlich machen.

Flaßpöhler: Es wäre töricht, die Augen davor zu verschließen, dass wir auch heute noch mit Sexismus und männerdominierten Strukturen konfrontiert sind. Auch den Gender-Pay-Gap, die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, gibt es. Solche handfesten Ungleichheiten sind aber in den aktuellen Debatten nicht zentral. Stattdessen konzentriert man sich auf etwas, das die Medien aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen interessanter finden: „sexualisierte Gewalt“. Damit ist von Vergewaltigung bis zu verbaler Belästigung alles gemeint. Anstatt zu differenzieren und zu schauen, wo Frauen Handlungsoptionen hätten, wird behauptet, wir würden systematisch unterdrückt. Das ist unterkomplex und macht Frauen klein, anstatt sie zu stärken. Zielführender wäre, sich zu fragen: Was tragen wir auch selber zu unserer unterlegenen Position bei, zum Beispiel durch Gefälligkeit und fehlenden Mut zur Autonomie? Sonst reduziert sich feministische Kritik auf eine Kritik des Mannes. Mir fehlt hier weibliche Vertikalspannung, der Wille, auch an sich selbst zu arbeiten.

„Weibliche Vertikalspannung“ ein interessanter Begriff. Er scheint hierher zu kommen:

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist Rainer Maria Rilkes Sonett

Archaïscher Torso Apollos: Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug. Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz unter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.” Rainer Maria Rilke: Archaïscher Torso Apollos, aus dem Zyklus Der Neuen Gedichte Anderer Teil, 1908“

Sloterdijk wählte den letzten Satz des Sonetts aus, um seinen Text über den metanoischen[1] Imperativ den Titel zu geben. „Du musst Dein Leben ändern“ ist für ihn die Zusammenfassung Verdichtung und Eindampfung aller religiösen Lehren, Übungsanleitungen und Trainings die den Menschen auf seine „vertikalen Spannungen“ hinweisen und ihn erinnern sich seiner Möglichkeiten bewusst zu werden, über sich hinauszuwachsen und letztlich „mit einem Gott“ zu trainieren. So könne die vertikale Leistungsspannung als Ausdruck eines inhärenten Willens im Individuum zur Selbstoptimierung führen. Inhärent ist diese aber nur bei jenen Individuen, die sich in ihren jeweiligen Disziplinen als Pioniere oder Rekordhalter platzieren können. Unter „Vertikalspannungen“ können also alle Anstrengungen und damit Anspannungen von Menschen verstanden werden, die einer nach oben gerichteten, also vertikalen, Richtung nachzukommen versuchen. Möglich würde dies, durch die Freisetzung von Wachstumsimpulsen die, die eigenen Entwicklungstendenzen aufkommen ließen. Erst durch die „Vertikalspannungen“ gerieten Menschen unter das Diktat des Anspruchs, der sie dazu aufruft, sich zu vervollkommnen, der sie zu Höchstleistungen anspornt, der sie zum Üben brächte. Die „Vertikalspannung“ steht im Gegensatz zu einer etwaigen horizontalen Entspannung, die etwa im Sinne einer pandemischen Trivialisierung, des Behagens in der Kultur unterwegs ist. Die vermeintliche Rückkehr der Religion nach der Postmoderne wird von Sloterdijk dahingehend analysiert, dass Religion schon immer ein Teil einer „allgemeinen Disziplinik“ gewesen sei, dass es eigentlich keine Religion gebe, sondern dass „spirituelle Übungssysteme“ Religion genannt worden seien.[2] Diese Behauptung, die nicht religionskritisch verstanden werden will, ist eine der Hauptaussagen des Buches. Das Aufkommen religiöser Praktiken analysiert Sloterdijk als das Bedürfnis nach einem Austritt aus den „Vereinigten Staaten der Gewöhnlichkeit“ und dem Bedürfnis nach einer Unterscheidung von dem, was in der Welt ist.[3] Religionen bzw. religiöse Systeme sind nach Sloterdijk „Übungssysteme“ die eine ihnen eigene Zuständigkeit für „Vertikalspannung“ aufweisen.

Also der Wunsch, sich selbst zu optimieren und sich zu verbessern. Das wäre in der Tat eine große Umstellung von der Opferhaltung hin zu der Frage, was Frauen anders machen müssten, um die Positionen zu erreichen, die Männer momentan haben.

ZEIT: Sie argumentieren selbst nicht sozialpolitisch, sondern beschreiben eine durch Negativität gezeichnete Sexualität von Frauen. Warum?

Flaßpöhler: Weil ich zeigen möchte, inwiefern der Hashtag-Feminismus patriarchale Denkmuster reproduziert. Kulturgeschichtlich hat man das weibliche Begehren passiv und negativ gedacht. Freud fand, der Ausdruck „weibliche Libido“ lasse „jede Rechtfertigung“ vermissen. Und schon Rousseau hat in Emile ausgeführt, dass sich die Sexualität der bürgerlichen Frau durch das Nein-Sagen ausbilde. Diese Logik der Negativität findet man im heutigen Hashtag-Feminismus wieder. Bei #MeToo ist nur der Mann begehrend, das Begehren der Frau bleibt auffällig leer. Und wenn eine Kampagne wie „Nein heißt Nein“ glaubt, in diesem Slogan offenbare sich die reine Lehre der Emanzipation, übersieht sie, dass auch das Patriarchat aus ihm spricht.

Eigentlich schade, sie hat viele interessante Ansätze, und dann ist es doch wieder das Patriarchat. Wobei ich ihre Art des Feminismus jederzeit dem heutigen vorziehen würde. Denn er versucht immerhin keine Opferposition einzunehmen und vertritt eine Pflicht zur Selbstverbesserung.

ZEIT: Was wäre eine positive Weiblichkeit?

Flaßpöhler: Mindestens so wichtig, wie das Nein der Frau zu stärken, wäre es, sie in die Potenz, eine aktive, offensive Sexualität zu bringen. Eine potente Frau begreift sich nicht als Spiegel des Mannes, sondern verfügt über ein eigensinniges Begehren. Sie erschöpft sich nicht darin, dem Mann zu gefallen, und sie schiebt ihm auch nicht die Schuld für ihre eigene Passivität zu. Eine potente Frau wertet die Sexualität des Mannes nicht ab, sondern die eigene auf. Sie hasst den Mann nicht für seinen Willen, sondern befreit den ihren aus der jahrhundertelangen Latenz. Mein Anliegen ist es, Frauen zur Aktivität zu ermutigen, nicht nur im Sexuellen, sondern aus dem Sexuellen auch ins Existenzielle, ins Berufliche hineinwirkend.

Frauen zur Aktivität zu ermutigen, nicht passiv sein, nicht die Schuld einfach beim Mann suchen.

Das sind Worte, wie man sie gerne häufiger aus dem Feminismus hören würde. Leider habe ich meine Zweifel, dass sie sich gegen den Opferfeminismus durchsetzen können wird. Denn an sich selbst arbeiten ist harte Arbeit, zu fordern, dass Männer endlich auf ihre Privilegien verzichten ist hingegen sehr einfach.

ZEIT: Wie sollte an etwas Subtilem wie Begehren ein Manifest wie Ihres etwas ändern?

Flaßpöhler: Es hilft eine Menge, sich klarzumachen, inwiefern ich kulturhistorische Zuschreibungen in mir trage und inwiefern ich heute, in einer rechtlich gesehen freien Gesellschaft, Möglichkeiten habe, diese Zuschreibungen aufzubrechen. Leider verpasst #MeToo diese Chance bisher. Es ist tatsächlich auffällig, dass diese Initiative alles von den Männern beziehungsweise vom Staat, aber nichts von den Frauen selbst verlangt.

Sie schaut auf die freieren Zustände und meint, das man diese doch nutzen kann und den alten Ballast abwerfen muss.

Der Opferfeminismus begründet die Unterschiede aus dem alten Ballast, der quasi Schicksal ist und der dem Einfluss des Einzelnen quasi enthoben ist, der nur durch die Gesellschaft als Ganzes geändert werden kann.

Wie sehr man sich mit der zweiten Haltung selbst lähmt und wie sehr man dort Verantwortung abgibt wird dort immer wieder ausgeblendet.

ZEIT: Die Debatte besteht eben ganz wesentlich in einer Kritik an Machtunterschieden.

Flaßpöhler: Aber warum soll es unmöglich sein, sich einem übergriffigen Chef gegenüber autonom zu verhalten? Klar riskiert eine Frau etwas, wenn sie es ablehnt, mit ihm zu schlafen oder Pornos zu gucken. Aber es war noch nie einfach, Selbstbestimmung nicht nur zu fordern, sondern konkret zu leben. Autonom zu handeln heißt, Widerstände zu überwinden. Gelebte Autonomie würde auch die Solidarität unter Frauen stärken. Es gibt natürlich Frauen, die sich beispielsweise in extrem prekären Situationen befinden und sich rein materiell nicht leisten können, sich in bestimmten Situationen zu wehren. Als ältere und selbstbewusstere Frauen sind wir aufgerufen, uns vor sie zu stellen. Wenn wir es nicht tun, ist das kein Zeichen von Unterdrückung, sondern von Feigheit.
„Ich wäre dafür, dass wir aufhören, uns schwächer zu machen“

Das muss einer intersektionalen Feministin schon etwas ketzerisch vorkommen. Schließlich müssen die Männer sich ändern, damit sie eben nicht mehr übergriffig sind oder Chefs oder was auch immer für Privilegien vorliegen. Die Frau muss erst einmal gar nichts machen. Und es gar als Feigheit zu titulieren, das erfüllt den Tatbestand des Viktimblaming.

ZEIT: Das Miese an sexistischer Abschätzigkeit ist doch aber nicht, dass man nichts dagegen tun könnte, sondern dass sie gezielt eingesetzt wird, um Frauen zu Unterlegenen zu machen.

Alles ist Macht. Und Männer wollen nicht etwa Sex, wenn sie eine Frau anmachen oder übergriffig werden, sie wollen nur die Frauen an sich klein halten und unterdrücken.

Frauen. Sind. Opfer.

Flaßpöhler: Das Problem ist, dass Frauen oft in stummer Passivität verharren und dann, wenn alles vorbei ist, ein #MeToo nachschieben. Ist das wirklich das Verständnis von Selbstermächtigung, das wir unseren Töchtern mitgeben wollen? Halt still und beklag dich hinterher? Wenn der Hashtag-Feminismus den Effekt haben sollte, dass wir konkret in solchen Situationen eine selbstbewusste Weiblichkeit entgegensetzen, wäre viel erreicht. Immerhin tragen auch Männer eine jahrhundertealte Geschichte in sich. Die Geschlechter müssen sich befreien, indem sie sich gegenseitig zeigen, an welchen Punkten sie Gefangene der Vergangenheit sind.

Und jetzt auch noch das: Auch Männer haben eine Last, eine jahrhundertealte Geschichte, die sie in sich tragen.

Als wären sie auch Opfer. Wobei: Dass der Feminismus auch den Männern nützt, in dem er ihnen erlaubt toxische Männlichkeit abzubauen, wäre ja Teil der modernen feministischen Lehre. Aber wahrscheinlich nicht in dieser Form. Da gibt es im modernen Feminismus keine Handlungsaufforderung an Frauen, sondern eben nur an die Männer.

ZEIT: Nur warum sollen Frauen schon wieder die Kohlen aus dem Feuer holen? Die „passive Frau“ ist ein Bild aus dem 19. Jahrhundert. Inzwischen bezahlen Frauen seit Jahrzehnten die Angleichung ihres Status mit Gefühlsarbeit. Sie leisten mehr Familienarbeit als Männer und auch emotionale Arbeit: lächeln, damit er sich nicht gekränkt fühlt, Situationen, in denen ein Typ übergriffig wird, freundlich abmoderieren. Deshalb beeindruckt es mich, dass Frauen unter #MeToo signalisieren: Jetzt seid ihr mal dran! Nehmt Rücksicht, sonst habt ihr soziale Sanktionen zu erwarten.

„Warum soll die Frau wieder die Kohlen aus dem Feuer holen“ ist eine interessante Frage, wenn sie in der Darstellung des Feminismus vollkommen unterdrückt und entrechtet ist.
Etwa so als würde ein Sklave fragen: „warum soll ich eigentlich diese Ketten öffnen, der hat sie doch dran gemacht, das ist doch etwas viel Arbeit, das auch noch von mir zu verlangen“.

Und sie sagt ja oben gerade: Befreie dich aus dem, was du als alten Ballast ansiehst und mache das, was du machen willst. Was dann anscheinend weniger „emotionale Arbeit“ ist und mehr Erwerbsarbeit. Ob das so der Realität entsprechen würde, wäre eine andere Frage.

Flaßpöhler: Aber so eine Sanktionslogik ist doch eine zutiefst männliche Strategie, die zu einer Verhärtung statt einer Entwicklung des Geschlechterverhältnisses führt. Da wird der Mann verdinglicht zu einem übergriffigen Wesen. Diese Vergeltungslogik lehne ich ab. Sie haben völlig recht, die Frau ist mehr für den Beziehungsraum zuständig, für die Gestaltung von Atmosphären. Aber Frauen reproduzieren diese Zuständigkeiten doch auch selbst. Glauben Sie wirklich, dass Frauen, die nach der Geburt des ersten Kindes plötzlich im Privatraum verschwinden, anstatt sich um ihre Karriere zu kümmern, alle Opfer des patriarchalen Systems sind? So eine Haltung ist selbstgefällig.

Das ist eine schöne Antwort (mit Abzug von „eine zutiest männliche Strategie“). Auch hier wieder würde ich Frau Flaßpöhler mehr Einfluss im Feminismus wünschen. Die klare Ablehnung einer Sanktionslogik, der Verwurf den Mann zu Unrecht allgemein der Übergriffigkeit zu beschuldigen, die Klarstellung, dass Frauen ebenfalls bestimmte Rollen suchen und wollen und nicht nur in sie hinein gedrängt werden, weil die Männer so böse sind.

Interesektionale Feministen müssen sie hassen.

ZEIT: Die Geschichten, die unter #MeToo erzählt wurden, dienen aber auch dazu, Männern zu erklären, was da erlebt wird auf der anderen Seite.

Flaßpöhler: Erklärungen finde ich ja richtig. Wir müssen uns austauschen, woher sollen Männer sonst wissen, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein, und umgekehrt? In dem Moment, wo der Diskurs aber über eine dritte Position läuft, nämlich die Öffentlichkeit, ist das wie bei einem Paar, das nur noch über seinen Anwalt kommuniziert.

Ich denke in der Aussage der Zeit ist es so gemeint, dass Männer bestimmte Sachen erklärt werden, damit sie dann ihr Verhalten umstellen und allgemein Buße tun.

Bei Flaßpöhler wird daraus ein echter Informationsaustausch, bei dem man dem anderen bestimmte Sachen über sich mitteilt und dieser seine Sicht der Dinge darstellen kann.
Bei dem intersektionalen Feminismus eben die Mitteilung von oben: Ihr seid sündig, ändert euch.

Bei Faßpöhler die Mitteilung: Wir finden dies oder das nicht gut, wie seht ihr es und was können wir machen?

Also eine wesentlich respektvollere Haltung auf Augenhöhe statt Vorschriften von oben

Auch unvorstellbar im intersektionalen Feminismus.

Nicht mehr von der Anklagebank etwas verlangen, sondern miteinander reden.

Flaßpöhler: Man kann natürlich die These vertreten, Männer hätten gar kein Interesse an weiblicher Selbstermächtigung, weil sie die Macht dann nicht mehr allein hätten. Die Furcht vor der potenten Frau ist tatsächlich alt, denken Sie an die Geschichte der Medusa, der Gorgonen-Tochter, die geköpft wird, weil sie Männer verführt. Andererseits resultiert die männliche Furcht etwa bei Freud ja genau aus dem Mangel zwischen den Beinen der „kastrierten“ Frau. Wenn sich die Geschlechter also gleich potent begegnen, gewinnen Männer ganz offensichtlich auch. Mal ganz abgesehen davon, dass frustrierte Frauen eine ganz eigene Form der Gewalt entwickeln. Simone de Beauvoir schrieb schon in den 1940er Jahren, dass Frauen alles daransetzten, „den Mann zu verstümmeln“ und „in ihr Gefängnis hineinzuziehen“. Kann man als Mann auch gut drauf verzichten, oder?

Einer intersektionalen Feministin fällt der Widerspruch wahrscheinlich gar nicht auf, dass sie einerseits den Mann als unantastbaren immer begünstigten Teil der Gesellschaft sieht, dem man aber gleichzeitig verächtlich Befehle zur Änderung seines Verhaltens geben kann, die er demütig umsetzen muss.

Das Konzept der Augenhöhe muss einer intersektionalen Feministin damit gleich doppelt merkwürdig vorkommen:

Der Mann der alle Macht hat, redet nach der einen Sichtweise niemals mit ihr auf Augenhöhe, er nutzt die Frau ja aus und übt Macht über sie aus.

Und dem wohlgesonnenen Mann auf Augenhöhe begegnen statt ihn als unterwürfigen Ally zu sehen, wie soll das denn gerecht sein?

Und dann noch die Idee, dass Frauen gewalttätig sind.

ZEIT: Es geht also bei „Potenz“ nicht darum, sich zu verhärten gegen den anderen?

Flaßpöhler: Natürlich gab es revolutionäre Prozesse, in denen sich Gruppen, um Widerstand zu leisten, verhärten mussten. Aber wir leben doch heute in einer Wirklichkeit, die von Frauen aktiv mitgestaltet werden kann. Insofern wäre ich entschieden dafür, dass wir aufhören, uns schwächer zu machen, als wir sind. Stattdessen sollten wir endlich die werden, die wir sein wollen, und das Mögliche im Wirklichen realisieren.

Das Problem ist, dass viele Frauen schon das sind, was sie sein wollen. Nur wollen sie eben häufige als Männer gar nicht in Führungspositionen sein, sondern lieber einen normalen Job haben, gegebenenfalls mit Halbtagsjob, wenn die Kinder da sind.

Dennoch: Eine sehr positive Botschaft.

Ihr Buch klingt insofern gar nicht so uninteressant. Hat es schon jemand gelesen?

„Mit Männern zu schlafen macht mich nicht zu einer schlechteren Feministin“

Vielleicht als Antwort auf diesen Artikel von Nadine Lantzsch bei der Mädchenmannschaft oder auf ähnliche stellt eine Autorin der Störenfridas klar, dass es okay für eine Feministin ist mit einem Mann zu schlafen.

Die Störenfridas kommen eben aus einer ganz anderen Richtung, sie sind weniger intersektional, sondern eher dem „Alten Feminismus“ zugetan, bei dem der zwar Männer der Feind sind, aber eben auf eine andere Art.

Interessanterweise führt man hier anscheinend die Biologie der sexuellen Anziehung an:

Sexuelle Orientierung ist keine freie Entscheidung. “I was born this way” von Lady Gaga funktioniert in beide Richtungen. Wen wir begehren, ist keine Frage bewusster Wahl, sondern inhärent in uns angelegt.

Das würde für Lantzschi wohl schon Hochverrat sein, denn dort ist natürlich auch die Sexualität wählbar und die richtige Entscheidung ist, dass man als Frau mit Frauen schläft. Weil Unterdrückung in der Heterosexualität.

Sexualität wird durch viele Faktoren geprägt und wer anfängt, Menschen für das, was sie lieben oder wollen zu attackieren, der begibt sich auf ganz dünnes Eis. So wie lesbische Frauen nicht für ihre Vorlieben angegriffen werden wollen, so gilt das andersherum auch für heterosexuelle Frauen. Auf Männer zu stehen, setzt weder meine intellektuellen Fähigkeiten in der Analyse struktureller Unterdrückung herab, noch führt Sex mit Männern dazu, dass ich auf wundersame Weise durch ihr Sperma fremdgesteuert werde. Verstand und Kritik existieren unabhängig von unserem Begehren, sonst wären wir ja alle nur triebgelenkte Wesen, dem eigenen Verlangen hilflos ausgeliefert. Mit Männern zu schlafen oder Beziehungen mit ihnen zu führen, macht uns nicht zu Unterstützerinnen unser eigenen Unterdrückung. Im Gegenteil: Zu schlafen und zu lieben, wen man möchte, ist Teil unserer individuellen Freiheit und der Freiheit von uns Frauen als Klasse. Wir treten an, um genau dafür zu kämpfen: Freiheit. Liebe zehn Männer oder nur einen, liebe Frauen und Männer, liebe Frauen, aber lass dir nicht von irgendwelchen äußeren Normen hineinreden. Das gilt für die bürgerliche Moral ebenso wie für feministische Strukturen.

Das ist ja durchaus mal eine positive Einstellung, man kann ihr da durchaus zustimmen. Jeder hat die sexuelle Orientierung, die er eben hat, und sexuelle Orientierung an sich hat schlicht nichts mit Unterdrückung zu tun.

Aber ganz ohne Tücken ist es eben auch für sie nicht:

Being heterosexual and a feminist sucks

Ja, das stimmt. Es ist anstrengend, Feministin zu sein und heterosexuell. So ziemlich 100 Prozent der Männer, auf die frau trifft, stehen auf Pornos. Viele waren schon mal im Puff. Die meisten haben auf irgendeine Weise irgendein sexistisches Verhalten verinnerlicht und legen es auch an den Tag. Einen zu finden, mit dem man in die Auseinandersetzung zu seinem Verhalten gehen kann, ist schwer.

Bei der Mädchenmannschaft wurde das Problem so formuliert:

klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.+

und wo es bei dem intersektionalen Feminismus gleich hart zur Sache geht, mit mansplainern, Mördern und Vergewaltiger, sind es bei den Störenfridas Pornos und Prostituierte, die ein großes Problem darstellen. Und sexistische Verhaltensweisen, die man verinnerlicht hat.

Das wäre dann im Vergleich eine fast schon positive Einstellung. Wir erinnern uns an einen anderen Artikel bei den Störenfridas einer“ Gastautorin“, die damals das gefühl hatte, ihren Freund fast überführt zu haben:

Er lachte kurz. „Aber kleine Penisse kann man nur mit einer OP verändern. Frauen können trainieren. Mit Vaginalkegeln.“
„Mit was?“ Was zur Hölle sind Vaginalkegel? Irgendein lächerliches Sexspielzeug wie die Liebeskugeln in Fifty Shades of Grey? Meine Stacheln waren gestellt. Endlich also würde mir mein Freund zeigen, was für ein mieser Sexist er in Wirklichkeit war. Er hatte sich nur verstellt, all die Zeit.

Leider hatte sich das dann nicht bewahrheitet, schade.

Es wird aber auch noch romantischer:

Und trotzdem: Niemand kann etwas daran ändern, warum der Geruch des Einen eben Herzklopfen auslöst, während Händchenhalten mit einer Frau einfach nur eine freundschaftliche Geste ist. Die Absage an die Heterosexualität, die Verweigerung, ist keine Lösung, sie ist eine weitere Beschränkung von Frauen, die zu akzeptieren ich nicht bereit bin.

„Eine weitere Beschränkung von Frauen“ ist in den Gedanken einer Feministin wahrscheinlich die beste Verteidigung: Wenn ich mir selbst die Heterosexualität vorenthalten muss, weil Männer scheiße sind, dann ist das eine Benachteiligung der Frau, und das darf es nicht geben, also darf ich Heterosexuell sein“

Mal ganz davon abgesehen: Ich ziehe einen Sohn groß. Wäre ich nicht davon überzeugt, dass aus ihm mal ein “Guter” wird, wie sollte ich dann seine Mutter sein?

Oh weh, ein Sohn, dann wollen wir mal hoffen, dass er sie nicht enttäuscht und deutlicher „umerzogen“ werden muss. Gut, Prostituierte und Pornos sind glücklicherweise ja im jungen Alter noch kein so großes Thema und auch ansonsten würde man ja seine Pornovorlieben nicht seiner Mutter mitteilen. Würde mich aber interessieren, was sie macht, wenn sie feststellt, dass er mit 14 Jahren dann zB gerne Pornos schaut

In einem patriarchalen System wird eine Beziehung zu einem Mann immer aus Kompromissen bestehen. Doch die Alternative “politisches Lesbentum” ist nicht so einfach, wie das gerne hingestellt wird.

In der Tat – eben weil die Partnerschaftskriterien und damit auch die Vorliebe für Männer oder Frauen biologisch bereits fest verdrahtet worden ist und durch sexuelle Selektion entstanden sein dürfte. Was bereits viele, viele feministische Theorien arge Probleme machen würde.

Ich kenne die reflexhaften Antworten, die auf meine Argumente folgen. Dass ich mir das mit den Männern schönrede, weil ich gerne weiter mit meinen Unterdrückern schlafe. Dass ich an einer Art Stockholm-Syndrom leide. Aber wisst ihr was? Spart euch diesen Scheiß einfach. Er ist übergriffig und er ist vor allem völlig inhaltsleer. Er reduziert das, was zwischen zwei Menschen geschieht einzig und allein auf das System, innerhalb dessen sie agieren.

Ach schau an. Das wäre ja mal eine Einsicht. Der Feminismus reduziert eben alles auf ein System, üblicherweise ein Nullsummenspiel um Macht verschiedener Gruppen.

Und da wird ganz einfach eingeteilt, entweder die eigene Gruppe hat Macht oder sie hat keine Macht. Eine andere als diese binäre Aufteilung gibt es nicht. Allenfalls kann man weitere Kategorien und Gruppen bilden, wenn man ins Intersektionale geht.

Ja, es stimmt. Männer unterdrücken Frauen und auch die Männer, die Frauen nicht aktiv unterdrücken, profitieren vom System der Unterdrückung. Ja, alle Männer, ausnahmslos. Aber wir Menschen sind keine eindimensionalen Wesen. Unsere Identität lässt sich nicht nur entlang der patriarchalen Ordnung verorten, sondern viele andere Faktoren spielen dabei auch noch eine Rolle. Wir sind auch Individuen mit einem freien Willen und der Fähigkeit, sich zu entwickeln und zu wachsen. Der Schlüssel dazu ist Ehrlichkeit. Sei dir im Klaren darüber, dass in einer Beziehung zu einem Mann immer auch sexistische Muster eine Rolle spielen werden – und zwar auf beiden Seiten. Auch du wirst dich der Macht der Normen beugen und dich dabei ertappen, wie du dich in diese Rollen hineinpressen lässt oder er sie von dir fordert. Wie sollte ein Mann, der im Patriarchat sozialisiert wird, sich auch anders verhalten?

Will man nicht sofort eine Partnerschaft mit dieser Frau haben oder sie heiraten? Alle Männer profitieren von der Unterdrückung, es wird in der Beziehung immer Sexismus geben und dein Freund droht immer dich in Rollen zu pressen. Klingt doch ganz harmonisch.

Doch das bedeutet nicht, dass er sie nicht reflektieren kann. Sei ehrlich und erkenne, ob er dazu bereit ist, dann wirst du nicht auf Dauer Kompromisse schließen, mit denen du nicht glücklich bist. 

Er wird reflektieren müssen und eben ein besserer Mensch sein müssen, der ausnahmsweise nicht unterdrückt. Wie die ganzen anderen Männer. Und sonst macht man eben Schluss.

Ich vermute mal etwas ist dieser Text auch eine Rechtfertigung: Denn sie muss ja ein Dilemma auflösen, welches aus dem tiefen Männerhass der feministischen Richtungen für die heterosexuelle Feministin entsteht: Der Mann ist der Feind, jeder Mann unterdrückt und profitiert von der Unterdrückung, aber man will dennoch eine Partnerschaft. Also muss man anführen können, dass er anders ist und das man sonst natürlich nichts mit ihm anfangen würde. Für die lesbische Lantzsch stellt sich das Problem nicht, so dass sie höhere Maßstäbe anführen kann und natürlich auch bei den Freunden anderer Feministinnen immer wieder „Toxische Männlichkeit“ feststellt.

Trotzdem: Liebe und Begehren funktionieren auf einer nicht bewussten Ebene. Uns schlecht dafür zu fühlen, was wir begehren, löst Scham und Selbsthass aus und das ist so ziemlich das Letzte, was Frauen brauchen können.

Ein Werkzeug der Unterdrückung

Scham ist ein Mittel patriarchaler Unterdrückung. Frauen werden beschämt, wenn sie mit zu vielen Männern schlafen, wenn sie zu dick sind, wenn sie ihre Tage haben, wenn sie zu laut reden, wenn sie vergewaltigt werden. Mit der sexuellen Gewalt ist die Scham das mächtigste Instrument der sexistischen Unterdrückung. Sie wird bereits gegen uns eingesetzt, wenn wir noch gar keine Frauen sind. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und sorgt dafür, dass Frauen in der Spur bleiben. Beschämt zu werden ist soziale Disziplinierung. Frauen schämen sich viel häufiger und viel intensiver als Männer. Sie schämen sich für ihre Sexualität, ihre Körper, ihre Menstruation, ihre Stimme. Scham ist ein so machtvolles Werkzeug, weil sie uns bereits in unserer Kindheit eingepflanzt wird und dann ihre zerstörerische Saat unser ganzes Leben lang ausbreiten kann. Sie hält uns davon ab, so zu leben, wie wir es möchten. Sie nimmt uns die Freiheit, sie errichtet ein unsichtbares, inneres Gefängnis. Einen anderen Menschen zu beschämen, kann zerstörerischer sein als ihn zu schlagen. Warum tun wir Frauen uns das gegenseitig an? Warum verwenden wir die Werkzeuge unserer Unterdrückung, indem wir uns gegenseitig für unser Begehren beschämen, nur um in einer Debatte die Oberhand zu behalten? Um uns als die besseren Feministinnen zu profilieren? Scham einzusetzen, heißt, verinnerlichte Unterdrückung gegen andere Frauen auszuleben, sich zur Handlangerin des Patriarchats zu machen, also genau das zu sein, was heterosexuellen Feministinnen vorgeworfen wird.

Ein wunderbarer Absatz. Scham ist das Patriarchat, deswegen darfst du, meine feministische Schwester, es nicht gegen mich verwenden. Dann lass mich doch lieber mit jemanden eine Beziehung haben, der vielleicht ein mieser Pornoschauer oder gar Nuttengänger ist und von der Unterdrückung aller Frauen profitiert.

Weise mich nicht darauf hin, dass ich einen solchen Mann nicht begehren darf, denn das wäre ganz schlimm. Lass mich einfach vergessen, dass Männer Schweine sind, weil ich sie ja begehre.

Toxische innerfeministische Debatten

Mir fällt immer wieder auf, wie unfähig Feministinnen sind, auf einer inhaltlichen Ebene zu diskutieren und Argumente auszutauschen.

Mir auch.

 

Stattdessen wird sehr schnell auf die persönliche Ebene gewechselt. Die Bemerkung “Solange du mit Männern schläfst, kann ich dich als Feministin nicht ernst nehmen” ist ein klassisches ad hominen Argument und damit ein Mittel der schwarzen Rhetorik. Mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Positionen innerhalb des Feminismus hat es nichts zu tun und ist überdem ein Instrument sprachlicher Gewalt. “Ich mache dich mundtot” sagt man eigentlich damit. Wollen wir als Feministinenn so miteinander umgehen? Ist das die berühmte Sisterhood?

Wo hat sie sich denn hier ernsthaft mit der Position auseinandergesetzt? Sie vertritt gleichzeitig, dass alle Männer profitieren und das einzelne Männer vielleicht mit sich reden lassen und das hinterfragen. Sie hat, statt tiefer in die Sache einzusteigen, ihr vorgehalten, dass sie sie beschämt und das das eine unlautere Taktik wäre, die MÄNNLICH ist. „Du verwendest die gleichen fiesen Methoden wie diese unterdrückenden Biester, wenn du so weitermachst, dann bist du ein schlechter Mensch“ ist auch ad hominem.

Ich lasse mich nicht beschämen. Ich schlafe, mit wem ich will und wie ich es will. Das zu leben und zu äußern ist nicht nur ein individueller Akt, sondern auch eine politische Handlung. Frauen lieben, wen sie wollen. Das lassen wir uns weder von den Spießern noch von anderen Feministinnen vorschreiben. Lebt damit und behaltet eure schwarze Rhetorik und eure Versuche, uns zu beschämen, für euch.

Es mag eine politische Haltung sein. Aber aus der Sicht der anderen Seite ist es eben ein schlafen mit dem Feind.

Die WM in Russland, russische Frauen und die Fans

Ein Artikel berichtet darüber, dass es in Russland wohl Unmut darüber gibt, dass sich russische Frauen mit WM-Fans vergnügen. Aus einem Interview:

ZEIT ONLINE: Ein Kommentar einer Boulevardzeitung hieß „Zeit der Luder“. Man wirft den Frauen vor, Schande über sich und Russland zu bringen. Woher kommt der Hass?

Narinskaja: Das hat, glaube ich, zwei Gründe. Zum einen gab es nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine Ideologielücke. Nach Jahren der relativen Freiheit unter Lenin wurden die Regeln nach dem zweiten Weltkrieg im „Moralkodex der Erbauer des Kommunismus“ neu geschrieben. Die sexuelle Freiheit verschwand damit wie vieles andere auch. In den ersten Jahren unter Putin gelang es der orthodoxen Kirche dann irgendwie, bei diesem Thema in das Ideologie-Vakuum zu schlüpfen und die Meinungshoheit zu übernehmen. Der zweite Grund ist die Propaganda über den Westen. Die Frauen küssen jetzt Männer, die gegen uns sind. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

ich hatte schon mal an anderer Stelle geschrieben:

Sozialismus ist eine Ideologie, die die Gemeinschaft an erste Stelle stellt und das Individuum dahinter zurücktreten lässt. Jede Ideologie, die darauf abstellt, hat ein Trittbrettfahrerproblem und muss ein entsprechendes Denken, dass jeder seinen Teil beitragen muss, besonders predigen und doch vorhandene Trittbrettfahrer bestrafen.

Deswegen braucht ein Kommunismus üblicherweise eine starke Identitätspolitik, ein wir gegen die und eine Form des Nationalismus – Es wird zwar die Internationale gesungen und die Einheitlichkeit aller kommunistischen Länder beschworen, aber alle anderen sind eben die Bösen und die Gemeinschaft, die Treue zur Gemeinschaft und der Staat sehr wichtig. Es würde mich also nicht verwundern, wenn viele dort gerne das Vakuum mit was auch immer gefühlt haben und gewissen Nationalismus vertreten.

ZEIT ONLINE: Schon vor der WM warnte die Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Familien, Frauen und Kinder, keine intimen Verhältnisse mit Fremden zu haben und stattdessen eigene Kinder zu gebären. Ist die Frau in Russland schon immer eine politische Figur?

Narinskaja: Oh ja. In der Sowjetunion waren Frauen in höchsten politischen Ämtern. Sie durften auch wählen, sich ohne Angabe von Gründen scheiden lassen, kostenlos abtreiben, über ihr eigenes Geld verfügen. Sie waren auch gesellschaftlich gleichgestellt. Viele Frauen waren in Leitungsberufen, so wie Irina Antonowa, die langjährige Chefin des Puschkin-Museums. Aber wenn sie nach Hause kamen, gab es immer noch das alte Rollenbild: Die Frau hatte zu kochen und sich um die Kinder zu kümmern. Das war ihre Pflicht, es erschien angemessen. Damit war sie eine gute Bürgerin. Während im Westen die Frauen ab den Siebzigern für ihre Rechte kämpften, blieb unser Familienbild dort hängen.

Das ist eben der Vorteil einer freieren Wirtschaft: Man ist weitaus eher selbst für sein Leben verantwortlich und es kann einem weitaus weniger eine bestimmte Lebensform aufgezwängt werden als bei einem Staat, der alles kontrolliert.

Andererseits scheint das ja andersherum auch in die gleiche Richtung zu gehen: Die russische Frau will auch einen „echten Mann„.

ZEIT ONLINE: Ist das bis heute so geblieben? Gab es eine #MeToo-Debatte?

Narinskaja: Es gab sie, dem Politiker Leonid Sluzki wurde Belästigung vorgeworfen. Aber ihm ist selbst der Frauenclub der Duma beigesprungen. Bei Harvey Weinstein waren sich selbst meine liberalen Freunde einig, dass es als Ja zu werten ist, wenn die Frau mit aufs Hotelzimmer geht. Ist die Tür geschlossen, ist es akzeptiert. Sich erst dreimal absichern zu müssen, das zerstört die Romantik. Dass Frauen das gleiche Recht wie der Mann haben sollten, ihr Nein auch durchzusetzen, das kommt einem Russen fremd vor. #MeToo war deshalb eher ein weiterer Beleg dafür, dass der Westen durchdreht.

Zu dem Fall Sluzki:

Die BBC hatte den Wortlaut eines Gesprächs Sluzkis mit der Journalistin Farida Rustamowa veröffentlicht. „Nein, du läufst vor mir weg, willst dich nicht küssen lassen, ich bin böse auf dich“, sagte der Abgeordnete demnach. Nachdem die Reporterin entgegnete, sie habe einen Freund, den sie heiraten möchte, sagte Sluzki weiter: „Hervorragend, du wirst seine Frau und meine Geliebte sein.“

Als erstes hatte TV Rain die Vorwürfe gegen Sluzki veröffentlicht. Der oppositionelle Internetsender hatte drei anonyme Parlamentsjournalistinnen zitiert. Alle hatten erklärt, Sluzki habe sie berührt und Interviews mit ihm als Gegenleistung für gemeinsame Treffen angeboten.

Der Ethikausschuss des Parlaments kam trotz aller Vorwürfe zum Schluss, dass es bei dem Abgeordneten „keine Verhaltensverstöße“ gegeben habe. Die für Sluzki entlastende Entscheidung hat zu der Protestaktion der Medien geführt.

Da sind natürlich auch wenig Einzelheiten vorhanden, insbesondere dazu, was es für Beweismittel gegeben hat. Ansonsten scheinen die Russen eine eher direkte Einstellung zu der Sache zu haben. Der Gedanke, dass man damit rechnen muss, dass er was versucht, wenn man ihm auf sein Hotelzimmer folgt, ist ja aber auch nicht ganz falsch.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn keinen russischen Feminismus, der helfen könnte?

Narinskaja: Wird man in Russland Feministin genannt, wird man gleichzeitig für verrückt erklärt. Uns fehlt leider ein populärer, liberaler Feminismus. Wir haben einige interessante feministische Philosophinnen, Dichterinnen und Künstlerinnen. Die sind aber zu radikal und zu intellektuell, um von vielen russischen Frauen verstanden zu werden.

Ein liberaler Feminismus fehlt überall auf der Welt. Anscheinend sind die Russen in der Hinsicht für wesentlich weniger Bullshit zu haben. Wer zu sehr verklausuliert, der ist nicht erfolgreich.

Selbermach Samstag 196 (14.07.2018)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen.

Das Interesse von Feministinnen an einer Unterdrückung der Frau

Ein Tweet, den ich nach einer Diskussion mit einer Feministin machte, mit einer Antwort von Resolute Karotte:

Ich glaube auch, dass das Kollektiv für viele dort sehr wichtig ist und die „Unterdrückung“ erst einmal nur ein Weg dahin ist, das kollektiv zu errichten.

Dennoch ist der Glaube an die Unterdrückung natürlich auch sehr stark, so stark, dass kein Widerspruch dagegen geduldet werden darf.

Was natürlich auch die interessante Frage aufbringt, ob die Opferhaltung, die damit verbunden ist, nicht sogar sich eher verstärkend auswirken müsste: Wenn schon Mikroaggressionen

Jugendgewalt: Mädchen schlagen eher zu

Eine Studie zur Gewalt bei Jugendlichen wird in der NZZ besprochen:

Schläge, Drohungen, Überwachung: Rund die Hälfte der Teenager, welche in einer Beziehung sind, hat damit schon einmal Erfahrungen gemacht. Das zeigen die Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Untersuchung des Zürcher Projekts zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Erstaunlich an diesen Ergebnissen der Universität Zürich ist: Jedes fünfte Mädchen hat in der aktuellen Beziehung schon einmal physische Gewalt ausgeübt – etwa indem es seinen Partner geohrfeigt, gestossen oder geschlagen hat. Bei den Knaben ist es nur jeder achte.

Das ist ein interessantes Bild, aber durchaus nicht unerwartet. Ein Mädchen zu schlagen ist eben etwas weitaus ernsteres als einen Jungen zu schlagen. Viele Jungen werden es insofern vielleicht noch nicht einmal als großes Gewalterlebnis im Gedächtnis haben.

Umgekehrt verhält es sich bei der sexuellen Gewalt: Während nur ein Prozent der Mädchen angab, den Partner gegen seinen Willen zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder erotische Bilder verlangt zu haben, war es bei den Knaben jeder zehnte.

Auch da wäre natürlich die Frage, was hier tatsächlich passiert ist: Körperlicher Zwang wäre etwas anderes als etwas zu drängeln bis sie nachgibt und von ihr in einer Beziehung ein paar Nacktbilder zu erbitten, wobei sie sich erst sträubt wäre noch relativ harmlos.

Weit höher liegen die Zahlen beim sogenannten Monitoring: 44 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Knaben überprüften schon das Handy ihres Partners oder hinderten diesen daran, andere Leute zu treffen.

„Mate Guarding“ ist eben eine alte Taktik im Spiel der Geschlechter und Handys in der Tat der einfachste Weg Kontakt zu jemanden Neues aufzunehmen oder einen Kontakt aufrecht zu erhalten.

 

Die Ergebnisse sind Teil einer Langzeitstudie. Für die aktuelle Untersuchung wurden 17- bis 18-Jährige befragt. Bei über der Hälfte der 1675 Befragten waren die Eltern im Ausland geboren. Die Forscher der Universität Zürich untersuchen in der Studie die Entwicklung von Gewalt, Delinquenz und anderem Problemverhalten bei Jugendlichen. Laut dem Leiter Denis Ribeaud ist die Gewalt in den Beziehungen etwa mit traditionalistischen Rollenbildern zu erklären, die eine gewisse Macho-Einstellung vermitteln. Ihm fielen aber noch weitere Risikofaktoren auf, etwa der Konsum von pornografischem Material bei Knaben und von Drogen bei Mädchen. Ein besonderes Risiko sollen zudem bildungsferne Jugendliche mit nichtwestlichem Migrationshintergrund, vor allem muslimische Knaben, haben.

Interessant wäre, wie sie den Konsum pornografischen Materials von dem Nichtkonsum abgegrenzt haben: Welcher Junge schaut denn keine Pornos? Wahrscheinlich ging es also eher um die Menge.

„Bildungsferne Jugendliche mit nichtwestlichen Migrationshintergrund“, dass werden viele Feministen bereits als rassistisch abtun, gerade wenn auch noch Muslime dabei sind.

Dabei wäre es eigentlich sogar die Voraussage einiger feministischer Theorien: Um so patriarchaler die Kultur, um so mehr Rape Culture. Das gerade nach ihren Theorien Muslime aus nichtwestlichen Ländern mehr sexuelle Gewalt gegen Frauen produzieren  müssten würden aber wohl dennoch die wenigsten Feministinnen einsehen.

Die Grafik dazu ist interessant:

Gewalt Mädchen Jungen

Gewalt Mädchen Jungen

 

Danach würden Frauen etwas mehr Gewalt insgesmat anwenden, was insbesondere auf physische Gewalt und die Überwachung des Partners zurück zu führen ist, während sexuelle Gewalt deutlich häufiger von Jungen ausgeübt wird.

Der Effekt der Konfession bleibe auch dann bestehen, wenn man andere Faktoren wie Bildungsferne, Gewalt in der Erziehung oder gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen berücksichtige, sagt Ribeaud. Ausgeprägt seien die Unterschiede zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen vor allem bei der Überwachung der eigenen Partnerin. Ribeaud hält deshalb gezielte Massnahmen bei muslimischen Knaben für erfolgversprechend. Allerdings bestehe auch die Gefahr der Stigmatisierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. «Einseitige Pauschalisierungen sind sicher nicht hilfreich.»

Einseitige Pauschalisierungen wären es auch schon, wenn man ansonsten behauptet, dass Männer die Täter und Frauen die Opfer sind. Das gibt die Statistik wie man sieht nicht her.

Pascal Gemperli, Sprecher der Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz, zieht die Studie in Zweifel: «Dass der Islam das bestimmende Element für Jugendgewalt sein soll, scheint uns fragwürdig.» Breche man die Gesamtzahl der befragten Teilnehmer auf die 5 Prozent Muslime in der Schweiz herunter, wovon ohnehin nur ein Teil religiös sei, dann werde die Forschungsbasis zu klein, um daraus wissenschaftliche Rückschlüsse zu ziehen. Der Kausalzusammenhang zwischen Religion und einer bestimmten Verhaltensweise sei also eindeutig verkürzt dargestellt.

Oben war angegeben, dass ein größerer Teil einen entsprechenen Migrationshintergrund hatte, aber natürlich ist es immer sinnvoll, da auch noch einmal kritisch nachzuschauen.

Die zweite Grafik aus der Studie fand ich auch interessant:

Zwei Faktoren lassen das recht einfach erklären:

  • Die Gewalt von Frauen ist weniger gravierend
  • Die Gewalt von Frauen wird auch von den Jungs weniger stark als strafwürdig angesehen.

Wenn das Mädchen einen Knuff auf den Arm gibt oder ihm eine Ohrfeige gibt, dann wird er deswegen eher keine Anzeige machen. Umgekehrt schon eher, aber dank größerer Körperkraft könnten die Schläge hier auch schlicht schlimmer sein. Dazu ist sexuelle Gewalt auch etwas, was eher eine Schwelle überschreitet, bei dem man eine Anzeige macht während diese Schwelle bei den meisten Jungs eher schwerer zu erreichen sein wird. Und natürlich wird man auch niemanden anzeigen, weil er das Handy durchsucht hat, man wird eher für die Beziehung seine Konsequenzen daraus ziehen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann handelt es sich um diese Studie hier von 2015.

Daraus noch einmal eine genauere Grafik:

Bericht Gewalterfahrungen Jugendlicher

Bericht Gewalterfahrungen Jugendlicher

Daraus noch ein paar Zitate:

Im Folgenden untersuchen wir verschiedene freizeitbezogene Risikofaktoren von Gewalt. Beim ersten, dem problematischen Medienkonsum, stellen wir zunächst einen mittleren bis starken Zusammenhang mit Gewalthandeln fest (.26<r<.32). Dieser Risikofaktor hat über die letzten sieben Jahre hochsignifikant zugenommen. Zwei Beispiele mögen dies illustrieren: Der Anteil Jungen, die mindestens wöchentlich „Pornofilme „ab 18“ angeschaut“ haben, hat zwischen 2007 und 2014 von 24 % auf 38 % zugenommen, während der Anteil Jungen, die mindestens wöchentlich „actionreiche Computer- oder Videospiele „ab 18“ gespielt [haben], in denen Gegner realistisch umgelegt werden oder Blutdarstellungen / Splattereffekte vorkommen (Ego-Shooter usw.)“, von 31 % auf 50 % zugenommen hat. Bei Mädchen ist der regelmässige Konsum solcher Medieninhalte dagegen ein Randphänomen. Für die erwähnten Beispiele finden wir zu beiden Messzeitpunkten Raten von unter 3 %.

38% der Jungs schauen mindestens wöchentlich Pornofilme, bei Mädchen sind es unter 3%?

Das wäre ja auch eine interessante Statistik.

Tatsächlich finde ich in der Studie auch nichts zu Religion, nur zu einem Migrationshintergrund.

Niggemeier, Martenstein und „alte weiße heterosexuelle Männer“

Stefan Niggemeier hat Harald Martenstein interviewt und es ging auch um die immer wieder erfolgten Vorhaltungen, dass er eben ein alter heterosexueller weißer Mann sei und damit alles erklärt sei. Die Ausführungen dazu finde ich interessant:

Und ich bin, Moment, jetzt muss ich meinen Zettel rausholen, „mitleiderregend“, „dummstolz“ und natürlich, dies als die Krönung, ein „weißer, heterosexueller, alter Mann“. Da habe ich mich gefragt: Woher will denn der Niggemeier wissen, ob ich heterosexuell bin? Ich kenne diesen Kollegen kaum.

Soll ich mal versuchen zu erklären, was hinter diesem Vorwurf steckt? Das ist ja scheinbar völlig sinnlos oder, wenn man so will, sogar rassistisch.

Rassistisch und sexistisch zugleich. Die Königsdisziplin. Was ist eigentlich so schlimm daran, heterosexuell zu sein?

Nichts.

Es gibt total nette Heterosexuelle da draußen.

Das ist auch nicht die Ebene, auf die dieser Begriff zielt. Er beschreibt Menschen, die außerordentlich privilegiert sind, sich dessen aber nicht bewusst sind.

Heterosexualität ist eine Angewohnheit, kein Privileg.

Aber Sie sind doch privilegiert.

In dieser Gesellschaft, heute?

Ja, aber natürlich!

Ich habe mir das ja nicht ausgesucht.

Der Vorwurf ist nicht, dass Sie sich das ausgesucht oder auf eine ungerechte Art erstritten haben, sondern, dass Sie das nicht erkennen.

Welche Privilegien habe ich genau? Schreiben dürfte ich auch, wenn ich schwarz wäre. Es wäre leichter, einen Job als Kolumnist zu ergattern als junger Mensch. Junge Kolumnisten, die gut sind, werden immer gesucht.

Hinter dem Wort „alt“ steckt der Vorwurf, unbeweglich zu sein; mit Veränderungen nicht mehr umgehen zu können.

Man nennt das “Zuschreibung“, oder? Aber ältere Menschen sind ja tatsächlich oft ein bisschen unwillig, was Veränderung angeht. Das hängt natürlich damit zusammen, dass sie alt sind. Genauso gut können sie einem jungen Menschen vorwerfen, dass er wegen seines Geburtsdatums ein bisschen radikaler ist, was junge Menschen ja häufig sind.

Worauf ich hinauswill: Es wäre völlig absurd, Ihnen vorzuwerfen, alt, weiß, heterosexuell zu sein. Der Vorwurf ist: Sie sind privilegiert, haben aber das Gefühl, benachteiligt zu sein. Sie lehnen Veränderungen ab. Und was das „heterosexuell“ angeht … Homosexuelle sind sicher nicht die besseren Menschen. Sie haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie kennen das Gefühl, nicht normal zu sein. Das ist eine besondere Erfahrung, wenn man aufwächst und merkt: Ich bin anders als die anderen, sehe aber zum Beispiel keine schwulen Rollenvorbilder.

Das Gefühl, benachteiligt zu sein, habe ich nun auch wieder nicht. Veränderungen lehne ich nicht pauschal ab, da haben Sie nicht recherchiert. Außerdem: Heute finden Sie schwule Rollenvorbilder. Die Zeiten haben sich gottlob geändert. Und die Erfahrung, anders zu sein, machen Sie auch, wenn Sie als kleiner, dicker Junge mit Brille aufwachsen. Ich frage mich übrigens, wie lange man den Heteros noch ihr Hetentum vorwerfen kann. Würden Sie sagen: In hundert Jahren gibt es diesen Vorwurf immer noch?

Erstens ist das nicht der Vorwurf, und zweitens kommt es darauf an, in was für einer Gesellschaft wir dann leben.

Man muss doch auch irgendwann gut sein lassen und sagen: Du bist hetero, aber trotzdem okay, ich lass dir das durchgehen und letzten Endes weiß ich es ja auch gar nicht so genau, ob du wirklich heterosexuell bist.

Sie ziehen den Vorwurf wieder auf eine wörtliche Ebene. So ist er ja nicht gemeint. Es geht um das Gefühl, „normal“ zu sein, und dadurch blind zu sein für die Erfahrungen von Menschen, die anders sind. Die Begriffe zielen auf eine Geisteshaltung, eine gewisse Blindheit.

Man sollte einen Menschen nicht auf Heterosexualität und Altsein reduzieren, und das ist auch nicht meine Geisteshaltung. Ich mache keine Ideologie daraus. Es ist halt ein Schicksal. Man kann nichts dagegen tun.

Aber man kann versuchen, beweglich zu sein, empathisch …

Das versuche ich die ganze Zeit. Wo bin ich unbeweglich? Physisch vielleicht ein bisschen.

Also Niggemeiers Argument wäre:

Das ist auch nicht die Ebene, auf die dieser Begriff zielt. Er beschreibt Menschen, die außerordentlich privilegiert sind, sich dessen aber nicht bewusst sind.

Der Vorwurf ist: Sie sind privilegiert, haben aber das Gefühl, benachteiligt zu sein. Sie lehnen Veränderungen ab. Und was das „heterosexuell“ angeht … Homosexuelle sind sicher nicht die besseren Menschen. Sie haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie kennen das Gefühl, nicht normal zu sein.

Sie ziehen den Vorwurf wieder auf eine wörtliche Ebene. So ist er ja nicht gemeint. Es geht um das Gefühl, „normal“ zu sein, und dadurch blind zu sein für die Erfahrungen von Menschen, die anders sind. Die Begriffe zielen auf eine Geisteshaltung, eine gewisse Blindheit.

Die Argumentation hat aus meiner Sicht viele Schwächen. Denn zum einen behauptet sie Privilegien einer Gruppe, die so erst einmal belegt werden müssten, auch in ihren Auswirkungen, was aber viel wichtiger ist: Die Art, wie es gebraucht wird ist häufig abwertend und es wird dazu gebracht, das was die Person sagt allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe abzulehnen.

Auch das Leute nicht das Gefühl kennen, dass sie „nicht normal“ sind ist bei so heterogenen Gruppen eine mutige Aussage. Auch weiße heterosexuelle Männer können das Gefühl haben, etwa weil sie Nerds sind, weil sie sozial nicht gewandt sind, weil sie es nicht schaffen dazu zu gehören. Weil alle eine Freundin haben, nur sie nicht.

Es sind ja nicht umsonst Männer, die die höchste Selbstmordrate haben.

Dagegen wird man sicher anführen, dass all diese Probleme bei den Minderheiten ja noch oben drauf kommen zusätzlich zu den Problemen, die sich aus ihrem Minderheitenstatus ergeben.

Aber zumindest bei Männern und Frauen bin ich mir recht sicher, dass viele Frauen genau wissen, wie es ist, normal zu sein und sich viele Frauen nicht als „das andere“ in ihrem Bereich ansehen.

Was einen natürlich auch an dem Privilegienbegriff stört ist, dass nie wirklich konkretisiert wird, was man dann machen soll. „Seine Privilegien erkennen“ ist unglaublich vage und bewahrt einen auch nicht davor, dass einem allein deswegen eine Meinung abgesprochen wird.

Des weiteren gibt es auch ein „Gruppenwissen“ nur sehr eingeschränkt. Wenn zwei Personen der gleichen Gruppe beträgt werden kann Mann eben vollkommen verschiedene Meinungen hören. Ein Dritter kann auch Probleme besser verstehen als jemand aus der Gruppe, etwa weil er insgesamt zb gesellschaftlich Problems besser versteht oder schlicht weil jemand aus der Gruppe eine Ego schonende Erklärung mit einem Sündenbock lieber glaubt als eine Auflistung von Punkten, die seine eigene Gruppe mühsam abarbeiten muss, um die Lage zu ändern.

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