„Also ich als Frau…“

Neulich mussten wir in einem Meeting etwas warten und man suchte daher das zwanglose Gespräch. Über das Wetter kam man auf dies und das und eine der Teilnehmerinnen, eine ältere Frau, ich schätze sie so auf 50, auf ihrem Gebiet hoch kompetent, bekam jetzt im privaten kaum einen Satz heraus, bei dem nicht ihr Frausein eine Rolle spielte:

Ein Teilnehmer erzählte, dass er vor einiger Zeit einmal bei einem Ausflug den Schlüssel im Auto gelassen hatte, dass sich dann durch irgendeinen dummen Umstand selbst verschlossen hatte, so dass er nicht mehr hineinkam.

Sie als Frau hätte da ja ganz doof dargestanden, weil man sofort gesagt hätte, dass das ja typisch Frau wäre.

Er erzählt, dass er dann schließlich die kleine Heckscheibe eingeschlagen hätte, um so die Tür öffnen zu können. Er dachte er könnte dann einen Hebel an der Tür ziehen und dann wäre alles wieder gut. Klappte aber nicht, die Tür war zu und er selbst war zu breit um durch das Fenster an den Schlüssel zu kommen. Er habe deswegen eine zierliche Frau gebeten, die dann für ihn tatsächlich den Schlüssel erreicht habe.

Also sie als Frau hätte ja niemals einem fremden Mann etwas aus dem Auto geholt, was da alles passieren könne.

Naja, erwidert er, es war eine recht belebte Ecke, es standen auch andere dabei, nur war sie eben die gewesen, die am weitesten in das Fenster kommen konnte.

Also sie als Frau hätte das dennoch nicht gemacht, man wüsste ja nie, was da dann plötzlich passiert. Er hätte doch lieber einen Jungen fragen sollen

Man kommt auf den Verkehr.

Sie habe auch neulich einen Unfall gehabt. Ein LKW habe sie von der Straße abgedrängt, man sollte verpflichtend Seitenwarner dort anbringen. Sie habe großes Glück gehabt. Das habe auch schlimm ausgehen können.

Und dann hätten alle gewollt, dass sie aus dem verunfallten Wagen aussteigt.

Also sie als Frau habe das nicht machen wollen. Was da alles passieren könne.

Sie findet wirklich wegen allem irgendwie etwas, warum sie die Situation gerade als Frau betrifft.

Selbst bei Situationen, wo für sie als Frau auch keine größere Gefahr bestand als für jeden Menschen.

Und irgendwie macht sie damit für mich einen Teil des sehr guten Eindrucks, den ich vorher von ihr hatte, wo sie kompetent und professionell wirkte, wieder kaputt.

13 Gedanken zu “„Also ich als Frau…“

  1. Kann man schwer ernst nehmen. Da würde ich mich auch nur aus Höflichkeit mit unterhalten, aber nicht das Gespräch selbst suchen.

  2. So etwas kenne ich aus meinem Teilgebiet der IT auch. Wenn man da weithin bekannten Leuten auf Twitter folgt, ergibt sich oft folgendes Bild: Männer berichten von neuen Publikationen und eigenen Projekten, Frauen kündigen ihre Ich-als-Frau-Vorträge an und gehen auf Women-in-Tech-Veranstaltungen.

    • Das ist die Gefahr von Twitter.
      Ich musste feststellen, dass eine Bekannte, die in ihrem Bereich eigentlich sehr gut ist, an den Wage Gap glaubt und andere Frauen dafür feiert, dass diese ihren Lebensunterhalt mit dem Malen von rosa Einhörnern bestreiten.

  3. „Sie als Frau wird nicht ernstgenommen, wenn sie ‚Sie als Frau‘ sagt“

    Wenn’seiner dem Postillon steckt, ich will 5% der Verkaufserlöse:)

  4. …auf ihrem Gebiet hoch kompetent…

    Ich fürchte: Auf ihrem Gebiet ist sie die Königin im „Krabbenkorb“.
    Nach oben buckeln, nach unten treten…

    Meine Schwester hat so eine „Kollegin“ – altgedient, viel Erfahrung; gibt diese Erfahrung aber nicht weiter und hütet ihr „Herrschaftswissen“. Und erscheint somit den Vorgesetzten und dem ausserbetrieblichen Umfeld als „hoch kompetent“.

      • Irgend ein grober Hinweis, um welche Art von „Gebiet“ es sich handelt, wäre trotzdem interessant.
        Ich weiß, dass du wegen erkennbarkeit etc. nicht deutlicher werden willst, aber irgend ein Hinweis wäre dennoch interessant – ansonsten drängt sich die Vermutung auf, dass sie vielleicht irgendwie kompetent entweder in Sachen Gender oder vieleicht Haushaltsführung und Kochen war…

        Du verstehst, ein irgendwie gearteter Hinweis auf das Gebiet wäre tatsächlich von Bedeutung für die Einschätzung.

  5. Da fehlen einige relevante Informationen, um ihre Motivation für ihr auffälliges Verhalten einschätzen zu können.

    Wie war denn ihre äußerliche Aufmachung?
    Hose xoder Rock? Lange xoder kurze Haare? .. Noch einigermaßen ansehnlich? Sonst irgendwelche Besonderheiten?

  6. Ich wage mal ne steile Hypothese: Beruflich allgemein anerkannt steht im grellen Kontrast zur sexuellen Aufmerksamkeit. Problem der ‚Unsichtbarkeit‘ der Frau von 50, kann schon mal kognitive Dissonazen hervorrufen. Legt sich mit 60 wieder, wenn das ‚Frausein‘ im Altsein untergeht.

  7. Nun, ich habe das unbestimmte Gefühl, dass es bei der Aussage „ich als Frau“, eher um eine Erziehungssache handelt. “ Mädchen machen das nicht „.
    Kompetent in einem Gebiet zu sein heißt ja nicht zwangsläufig es auch auf anderen Gebieten zu sein. Diese Betonung des Frau-seins legt den Verdacht nahe, dass sie als Frau wahrgenommen werden will. Also all diese kleinen Dinge haben möchte die ihr das Leben erleichtern. Angefangen vom Stuhl zurechtrücken im Restaurant über den Einkauf rumschleppen bis zur bevorzugten Behandlung in anderen Lebenslagen.

  8. Was hier – wenn auch auf wenig anmutigem Wege – zum Vorschein kommt, ist durchaus genuin weibliches Denken: Die bei Frauen oftmals deutlich höher als bei Männern ausgeprägte ‚agreeableness‘ findet hier ihren Ausdruck, indem die Dame ihre eigenen Ansichten an ihre Existenz als Teil einer gesellschaftlichen Subgruppe (‚Frau‘) koppelt, im Sinne von ‚Ich als Repräsentantin der (stillschweigend mitgedacht: mir zustimmenden) Subgruppe Frau denke/handle eben aufgrund dieser Gruppenzugehörigkeit, aus der sowohl Konsens mit als auch Loyalität zu dieser Gruppe hervorgehen.‘

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