Ackerbau, Sesshaftigkeit und der Anstieg von Gewalt

Gleichzeitig erlaubten sie natürlich auch erhebliche Verbesserungen im friedlichen Bereich, insbesondere weitergehende Spezialisierungen, die ohne dieses Plus an Reichtum nicht möglich gewesen wären.

22 Gedanken zu “Ackerbau, Sesshaftigkeit und der Anstieg von Gewalt

  1. Diese „sudden increase in violence“ könnte aber auch nur scheinbar sein, weil die Artefakte, welche die Gewalt bezeugten, in der Zeit der mobilen Jäger und Sammler ganz schnell verrotteten, und erst die Seßhaftigkeit für Bedingungen sorgte, in denen diese Artefakte langfristig konserviert wurden (Keller, Gruben, u.ä.).

    • Zustimmung, gut möglich, mir kam der Gedanke auch schon. Gut, gespaltene Schädel können durchaus lange in der Erde liegen, aber es macht einen Unterschied, ob sie in der Nähe einer Siedlung liegen oder irgendwo im Wald, wo nie jemand suchen würde.

  2. Mich würde der Grund für die Sesshaftigkeit interessieren. Normalerweise ändert der Mensch seine Gewohnheiten nicht einfach so, i.d.R. steckt eine Notwendigkeit dahinter. Die ganze Geschichte baut sich zu großen Teilen derart auf. Die Vorstellung, die Menschen hätten das abwägen können, ist meist irrig.

    Ebenso hatten sie keine Wahl die Hierarchien festzulegen, wie diese sich ausgestalteten, hing letztlich wohl von der Mentalität ab. Wobei die Familienstruktur m.E. lange Zeit bestimmend blieb und es in ländlicheren Staaten ja auch heute oft noch ist. Clanstruktur statt Staatsstruktur. Der wirklich Struktur- und Entwicklungssprung kam sicherlich erst mit den Städten.

    • @Androsch

      Erst einmal: Die Ausgangsthese, dass die Gewalt mit dem Ackerbau und der Viehzucht zugenommen hat glaube ich nicht.

      Als Jäger und Sammler braucht man ein wesentlich größeres Areal zur Ernährung einer Gruppe, stößt man auf eine fremde Gruppe, sind diese unmittelbare Nahrungskonkurrenten.
      „Vermehrung“/Reproduktion ist unter der Voraussetzung von Jägern und Sammlern kein Erfolgsmodell, sondern ein Fluch.
      Es gibt weder einen Grund, eine gewalttätige Auseinandersetzung zu vermeiden, noch die Konkurrenz auszuschalten, d.h. umzubringen.
      Erst wenn man durch Aneignung fremder Arbeit sich einen Ertrag verspricht, macht bspw. Sklaverei überhaupt einen Sinn.

      Damit zum Punkt Sesshaftigkeit: a. die Umstellung auf eine verlässliche Nahrungsquelle und b. verbraucht eine nomadische Lebensweise allein durch die Bewegung einen Teil der aufgenommenen Energie.
      Der Übergang zur Agrargesellschaft macht einen gemeinschaftlichen Planungshorizont überhaupt erst notwendig und Kinder von einem Fluch zum Segen=billige Arbeitskraft.
      Ich finde das war ein drastischer Schritt, nämlich ein Teil der Nahrungsreserven nicht zu konsumieren, sondern zur Aussaat zurück zu halten. Wie eine Wette gegen den Hunger.
      Und Kinder, die man sonst rechtmäßig ins Eis aussetzen konnte, weil die Mittel zur Ernährung fehlten hatten überhaupt einen Wert bekommen.

      Deshalb fremdele ich mit evolutionsbiologischen Konzepten, die „ReproduktionsERFOLGE“ sehen, wo in meiner Sicht keine existierten.
      So bald Babys in der Lage sind, einen Apfel im Mund zu behalten sollte man sie m.E. über kleiner Flamme rösten.

      Sie sind so knusprig und saftig! 🙂

      • Vermehrung“/Reproduktion ist unter der Voraussetzung von Jägern und Sammlern kein Erfolgsmodell, sondern ein Fluch.

        Weder Erfolgsmodell noch Fluch.

        Die Vermehrungsrate war exakt so abgestimmt, dass in der „Prä-Sesshaftigkeits-Zeit“ auf zwei Exemplare Homo Sapiens während deren Lebenserwartungs-Spanne zwei Nachkommen adult werden konnten und ihrerseits Nachwuchs erzeugen konnten.

        • @kardamom

          Mein Argument ist eher, dass ein Alpha-Mann mit (hypothetisch) 17 Nachkommen dafür hätte *individuell* Sorge tragen müssen, dass diese 17 Nachkommen überleben. Oder eben die anderen 4 Beta-Männer seiner Gruppe darauf verpflichten, für seine Nachkommen zu sorgen.

          Aus der Perspektive dieser Beta-Männer kann ich nur sagen: So bald Babys in der Lage sind, einen Apfel im Mund zu behalten sollte man sie m.E. über kleiner Flamme rösten. Sie sind so knusprig und saftig!

          Weil mir nicht einleuchtet, welche positive FUNKTION diese Nachkommen sonst noch haben sollten.

          • @ crumar:

            ob EIN alpha oder VIER betas ist eigentlich gleichgültig – die Menge der Individuen einer Sippe verteilt über mehrere Generationen bleibt in einer „ausgewogenen“ Umwelt konstant. Rein evolutionär hat sich die Vermehrungsrate auf diese Umwelt eingepasst.

            Aggressive Auseinandersetzungen mit tödlichen Auswirkungen zwischen zwei solcher Gruppen sind in der Tierwelt – auch bei Predatoren – äußerst selten. in der Regel reichen sog. „Komment-Kämpfe“ aus, um Reviere zu verteidigen. DIe „Tödlichkeit“ besteht darin, ein Nahrungsrevier zu verlieren und an den Folgen von Unterernährung zu sterben. (Bevor ein Exemplar richtig verhungert, erliegt es einer Krankheit oder einem Beutegreifer).

          • @Kardamom

            „ob EIN alpha oder VIER betas ist eigentlich gleichgültig – die Menge der Individuen einer Sippe verteilt über mehrere Generationen bleibt in einer „ausgewogenen“ Umwelt konstant. Rein evolutionär hat sich die Vermehrungsrate auf diese Umwelt eingepasst.“

            Ist es eigentlich eher nicht, denn wenn die Zusatzbedingung lautet:
            „Die Vermehrungsrate war exakt so abgestimmt, dass in der „Prä-Sesshaftigkeits-Zeit“ auf zwei Exemplare Homo Sapiens während deren Lebenserwartungs-Spanne zwei Nachkommen adult werden konnten“, dann hat der Alpha keinen Reproduktionsvorteil und du setzt implizit voraus, dass es in der „Prä-Sesshaftigkeits-Zeit“ Paarbeziehungen gegeben hat.

          • @kardamom

            „Aggressive Auseinandersetzungen mit tödlichen Auswirkungen zwischen zwei solcher Gruppen sind in der Tierwelt – auch bei Predatoren – äußerst selten.“

            Nun ja, Tierwelt.
            Ich finde es nicht endlos produktiv, menschliches Verhalten durch tierisches zu erklären – wir haben uns *aus* der Tierwelt *hin* zum Menschen entwickelt und nicht anders herum.

            Ein interessanter Artikel: http://quillette.com/2017/12/16/romanticizing-hunter-gatherer/ Daraus:
            „It is also instructive to compare the homicide rates of hunter-gatherer societies with those of contemporary nation states. In a 2013 paper entitled “From the Peaceful to the Warlike,” anthropologist Robert Kelly provides homicide data for 15 hunter-gatherer societies. 11 of these 15 societies have homicide rates higher than that of the most violent modern nation, and 14 out of the 15 have homicide rates higher than that of the United States in 2016.“

            Und: „From 1920-1955 the !Kung had a homicide rate of 42/100,000 (about 8 times that of the US rate in 2016), however Kelly mentions that, “murders ceased after 1955 due to the presence of an outside police force.“

            Das hört sich für mich sehr aggressiv an.

          • Es heißt, in Shanghai esse man alles mit vier Beinen – außer Tischen und Stühlen. Und Ende 1683 gab es in Wien keine Katzen mehr.

            So weltoffen ist der crumar 😀

          • Aber only_me! Bald ist wieder „Lamm Gottes“-Festivität in Griechenland. Und es ist köstlich!
            In Österreich haben sie den bekannten „Tafelspitz“. Kleiner Hinweis: Erst in der Neuzeit bestand er aus Rindfleisch. Man sollte immer auf dem *Original* einheimischen Essen bestehen!

      • Erst einmal: Die Ausgangsthese, dass die Gewalt mit dem Ackerbau und der Viehzucht zugenommen hat glaube ich nicht.

        Mhmm, ich bin da auch nicht sicher. Die Betrachtung scheint mir unterkomplex. Ich vermute, dass Konflikte in erster Linie eine Funktion der Bevölkerungsdichte sind. Also nehmen sie auch bei Jägern und Sammlern kontinuierlich zu, bis die wehrhafteren und besser ausgerüsteten Sesshaften die Nomaden zunehmend auch zur Sesshaftigkeit nötigen, da die Jagdreviere knapp werden und Dauerkonflikte vorprogrammiert sind.

        „Es gibt weder einen Grund, eine gewalttätige Auseinandersetzung zu vermeiden, noch die Konkurrenz auszuschalten, d.h. umzubringen.“

        Den kann es durchaus geben, wenn die Gruppe halb verhungert in ein gutes Jagdrevier kommt und dort auf Widerstand stößt… wie schon oben beschrieben, vermutlich eine Frage der Bevölkerungsdichte.

        Erst wenn man durch Aneignung fremder Arbeit sich einen Ertrag verspricht, macht bspw. Sklaverei überhaupt einen Sinn.

        Eine interessante Aussage. Ich meine, dass für Sklaverei die Hürden noch wesentlich höher liegen. In Naturvölkern kann man die nämlich m.E. eher selten beobachten. Schon deshalb, weil es schwierig ist, Sklaven dauerhaft zu bewachen, das funktioniert erst, wenn es sowas wie einen gesicherten Herrschaftsbereich, sozusagen ein „Reich“, gibt. Das kam zweifelsohne mit der Sesshaftigkeit, aber m.E. nicht direkt beim Übergang, erst in wesentlich späteren Perioden, nachdem die Hierarchie ausgekämpft war.

        „Und Kinder, die man sonst rechtmäßig ins Eis aussetzen konnte, weil die Mittel zur Ernährung fehlten hatten überhaupt einen Wert bekommen.“

        Interessante Frage, wie der Nachwuchs sich regelte. Vermutlich überlebten schon so weniger Kinder das harte Jägerleben. Vermutlich wurden auch weniger geboren, der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig, bei Hunger geht z.B. die Fruchtbarkeit zurück. So lange gestillt wird, dürfte die Empfängnisbereitschaft auch eingeschränkt sein. Und gestillt wurde vermutlich mehrere Jahre.

        Deshalb fremdele ich mit evolutionsbiologischen Konzepten, die „ReproduktionsERFOLGE“ sehen, wo in meiner Sicht keine existierten.

        Deine nachwuchsfeindliche Sicht verstehe ich nicht, weder auf logischer, noch auf emotionaler Ebene.

        Keine Frage: es werden zuviele Menschen geboren, nur eben nicht bei uns. Würden wir nicht den Nachwuchs anderer importieren, würde sich vermutlich alles auf ein erträgliches Maß einpendeln lassen. Oder nicht?

        • @Androsch

          „Ich vermute, dass Konflikte in erster Linie eine Funktion der Bevölkerungsdichte sind. Also nehmen sie auch bei Jägern und Sammlern kontinuierlich zu, bis die wehrhafteren und besser ausgerüsteten Sesshaften die Nomaden zunehmend auch zur Sesshaftigkeit nötigen, da die Jagdreviere knapp werden und Dauerkonflikte vorprogrammiert sind.“

          Glaube ich auch.
          Das Gute an dem üblichen Jäger-Beute-Schema der Tierwelt ist, es pendelt sich irgendwann ein, weil eine dezimierte Beuteschar irgendwann auf Nachkommen der Jäger trifft, die dann keine Nahrung mehr finden. Es stellt sich also ein natürliches, von der Umwelt diktiertes Gleichgewicht her.

          Der menschliche Jäger spezialisierte sich jedoch nicht auf ein bestimmtes Beutetier und hatte auch nicht nur eine Jagdstrategie. Netze, Speere, Pfeile – die Werkzeuge. Kommunikativ gemeinschaftlich abgestimmte Hetzjagden, natürliche Umgebung, wie bspw. Klippen als Waffen nutzend. Auch Feuer als Waffe. Nicht nur ein gefährliches Raubtier, das in der Lage ist, selber Tötungswerkzeuge herzusrstellen, die die tierischen Vorbilder in den Schatten gestellt haben, sondern auch ein Allesfresser.
          In diesem Sinne müssen solche menschliche Gruppen geradezu eine Schneise der Vernichtung durch die Landschaft gezogen haben.

          „Schon deshalb, weil es schwierig ist, Sklaven dauerhaft zu bewachen, das funktioniert erst, wenn es sowas wie einen gesicherten Herrschaftsbereich, sozusagen ein „Reich“, gibt. Das kam zweifelsohne mit der Sesshaftigkeit, aber m.E. nicht direkt beim Übergang, erst in wesentlich späteren Perioden, nachdem die Hierarchie ausgekämpft war.“

          Interessant. Also wäre Sklavenbesitz aus dieser Sicht sowohl an den Besitz an Grund und Boden geknüpft, als auch an die Auflösung der Vorstellung, dass eine Gemeinschaft gemeinschaftliche Verfügungsgewalt darüber hat?

          „Vermutlich überlebten schon so weniger Kinder das harte Jägerleben. Vermutlich wurden auch weniger geboren, der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig, bei Hunger geht z.B. die Fruchtbarkeit zurück. So lange gestillt wird, dürfte die Empfängnisbereitschaft auch eingeschränkt sein. Und gestillt wurde vermutlich mehrere Jahre.“

          Korrekte Beobachtung m.E. – Anorexia nervosa geht tatsächlich mit mit einer radikal verminderten Chance für eine Schwangerschaft einher. Fail safe der Evolution, ebenso stillen. Aber es war z.B. bei den Inuit tatsächlich so, ein Kind ohne Möglichkeiten zur Ernährung konnte ausgesetzt werden. Wer sich erbarmt hat, nahm es an Kindes statt auf, wenn nicht, ist es erfroren.

          „Deine nachwuchsfeindliche Sicht verstehe ich nicht, weder auf logischer, noch auf emotionaler Ebene.“

          Weil ich eigentlich aufzeigen wollte, dass das evolutionäre „Kindchenschema“ nur begrenzt gewirkt hat. Kulturell wurde die rationale Abwägung der Überlebenschancen und deren negative Folgen für das Kind nicht als „Mord“ gesehen.
          Damit wiederum möchte ich gerne aufzeigen, dass „Frauen und Kinder zuerst!“ eine Erfindung der Neuzeit ist, die man nicht auf die Geschichte zurück spiegeln sollte.
          Alleine wenn man sich überlegt, wie viele Frauen bei der Geburt oder kurz danach verstorben sind, wie viele Kinder das zweite Lebensjahr nicht überlebten, kann ich mir nicht vorstellen, der „Rücktransfer“, die emotionale Wertigkeit und Bedeutung der heutigen „romantischen Liebe“ in die Vergangenheit zu übertragen macht irgendeinen Sinn.

        • „Ich vermute, dass Konflikte in erster Linie eine Funktion der Bevölkerungsdichte sind.“

          Nachvollziehbar.

          „Also nehmen sie auch bei Jägern und Sammlern kontinuierlich zu, bis die wehrhafteren und besser ausgerüsteten Sesshaften die Nomaden zunehmend auch zur Sesshaftigkeit nötigen, da die Jagdreviere knapp werden und Dauerkonflikte vorprogrammiert sind.“

          Äh,
          wo kommen plötzlich die Sesshaften her? Sind die mit nem UFO gekommen?

          Plausibler erscheint mir, dass es zwischen der Kultur der Jäger und Sammler und der der Sesshaften eine Übergangszeit gegeben hat, in der die Jäger ihre Beute – so sie sie nicht direkt aufessen konnten oder wollten – einfach mitnahmen. Sie betrachteten die Tiere als Eigentum, wanderten aber immer noch von Futterplatz zu Futterplatz (für das Wild).
          Der Nomade war geboren.

          Futter von Orten des Überschusses zu Orten des Mangels mitzunehmen, erhöht die eigenen Fortpflanzungserfolgte, die Nachkommensrate überstieg wahrscheinlich die magische Zahl 2.
          Irgendwann gab es so viele nomadisierende Clans, dass die Futterplätze knapp wurden, DANN erfand man die Sesshaftigkeit erst – sozusagen aus der Not heraus.

          Die Auseinandersetzung fand also nicht zwischen den Jägern und (mir ist doch tatsächlich erst „Gammlern“ aus der Tastatur gerutscht 😀 ) Sammlern mit den Sesshaften statt, sondern zwischen Nomaden und Sesshaften.

  3. Eine andere These zur Seßhaftigkeit, auf die mich gerade ein Kommentar von dr caligari bringt, der schrieb:
    „Die Sondersituation beim Menschen ist, daß bei diesem die Weibchen durch die Gestaltung der Sozialstruktur der Art, wie wohl bei keiner Tierart sonst von diesen Gefahren der belebten und unbelebten Umwelt abgeschirmt werden (durch die Männer). In diesem behüteten Garten konnten sich diese, zumindest aus männlicher Sicht* wunderschönen Geschöpfe entwickeln.“

    Der „behütete Garten“ bzw. goldene Käfig war denkbar ungeeignet, ständig kreuz und quer durch die Landschaft gezogen zu werden, die Sesshaftigkeit deswegen quasi vorprogrammiert.
    Das würde dann auch die erhöhte Gewalttätigkeit, wenn es sie denn gab, erklären. Die Evolution hat die Frauen dann ja nicht mehr an die Umwelt angepasst, sondern an die Männer bzw. deren Schönheitsempfinden.
    Dass die im goldenen Käfig immer schöner werdenden Frauen zu heftigen Eifersuchtskämpfen führten, liegt auf der Hand.

  4. Mit der Sesshaftigkeit kam ein Aspekt in das menschliche Miteinander, der zuvor nicht so eine große Rolle spielte: Der des Eigentums!

    Als Jäger & Sammler / nomadisierender Mensch kannst du nicht mehr besitzen als das, was du mit dir rumtragen kannst.
    Hast du aber eine feste Hütte, so ist es (fast) kein Problem, 5 Hackebeile und 4 Lanzen und 3 geräucherte Schweinehälften zu besitzen… Fast kein Problem – denn nun musst du aufpassen, dass es dir keiner wegnimmt.

    Evolutionär auch in der Entwicklungspsychologie von Kleinkindern beobachtbar: Der Eigentums-Begriff muss kleinen Kindern hart antrainiert werden – von „Natur aus“ haben die den nicht. (Sandkasten-Mütter-Standard-Spruch: „Gib das Eimerchen sofort der Sarah wieder zurück!“)

    Und auch schön abgebildet in der Bibel: der „erste Sündenfall“ ging darum, dass der Garten-Eden-Besitzer sein Eigentum an Baumfrüchten deklarierte. Für den Jäger und Sammler unvorstellbar. Ebenfalls an der Strafe ablesbar: Vertreibung aus dem Garten Eden, Verdammung zur Arbeit („im Schweisse deines Angesichts…“) etc. Die Strafe für den ersten biblischen Mord dagegen war ausgesprochen lächerlich…

    Meine Buchempfehlung: „Das Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel über unsere Evolution verrät“ – von Wissenschaftlern geschrieben. Wenn ich mal Zeit habe, schreib ich mal ne Rezension…

    Der Verlag selbst schreibt:
    Gott wirft Adam und Eva aus dem Paradies, die Arche Noah übersteht die Sintflut und Jesus von Nazareth erweckt Tote zum Leben – die faszinierenden Geschichten der Bibel sind fester Bestandteil unserer Kultur. Und doch stecken sie voller Rätsel und Widersprüche, die auch jahrhundertelange theologische Kontroversen nicht lösen konnten. Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen nun erstmals eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Und plötzlich beginnen die alten Geschichten in neuem Licht zu funkeln. Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das wohl folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht, das nicht nur zu Fortschritt, sondern auch zu Ungleichheit, Patriarchat und großen, anonymen Gesellschaften führte. Für die daraus resultierenden Probleme waren die Menschen aber weder biologisch noch kulturell gerüstet. Wie sie sich mühsam anpassten, wie sie versuchten, sich auf das bis dahin ungekannte Ausmaß menschlichen Leids in Gestalt von Ausbeutung, Krieg und Krankheiten einen Reim zu machen, das dokumentiert die Bibel auf erstaunliche Weise. Auch zeigt sie, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb die Menschen nicht schon immer die Angst vorm Tod umtrieb.

    • Als Jäger & Sammler / nomadisierender Mensch kannst du nicht mehr besitzen als das, was du mit dir rumtragen kannst.

      Was durchaus eine Menge sein kann und auch Eigentum darstellt…

      Hast du aber eine feste Hütte, so ist es (fast) kein Problem, 5 Hackebeile und 4 Lanzen und 3 geräucherte Schweinehälften zu besitzen… Fast kein Problem – denn nun musst du aufpassen, dass es dir keiner wegnimmt.

      Man kann seine Hypothesen meist recht gut prüfen, indem man noch existierende bzw. erforschte Naturvölker untersucht. Und meines Wissens ist das für die kein Problem, Eigentum ist, was man sich hergestellt hat oder eingetauscht. Man hilft und vertraut sich (auf Dorfebene), für Schlichtungen gibt es einen Ältestenrat. Ein Problem mit Eigentum entsteht m.W. nachweislich erst in dem Moment, wo Geld, als universelles Wertaufbewahrungsmittel, ins Spiel kommt.

      Evolutionär auch in der Entwicklungspsychologie von Kleinkindern beobachtbar: Der Eigentums-Begriff muss kleinen Kindern hart antrainiert werden – von „Natur aus“ haben die den nicht. (Sandkasten-Mütter-Standard-Spruch: „Gib das Eimerchen sofort der Sarah wieder zurück!“)

      Das ist der Affe in uns, er nimmt, was er erreichen kann. Sinnvolles Überlebensprinzip. Aber auch kleine Affen lernen vermutlich recht schnell, dass sie dem Silberrücken lieber nicht das Essen stibitzen 🙂

      Und auch wenn man den Kindern das „wegnehmen“ erst abtrainieren muss, das „verteidigen“ beherrschen sie intuitiv, nur eben noch nicht auf ausreichend abstrakter Ebene, sie verteidigen vorerst nur, was sie gerade in der Hand halten…

    • Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das wohl folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht, …

      Da finde ich die Interpretation des „Falls“ als die Entstehung von menschlichem Bewusstsein und der Entwicklung von Begriffen wie „Zukunft“, von denen Jordan Peterson spricht, deutlich eingängiger. Das würde auch die sinkenden Lebensjahre der Protagonisten in der Genesis erklären: Weil sich aus der Vorstellung von „Zukunft“ eine Wahrnehmung der Zeit entwickelte, wurden die angegebenen Lebensspannen mit fortschreitender Entwicklung präziser. Wenn es um den Eigentumsbegriff ginge, wäre bei Adam (Erde) und Eva (Leben Spendende) auch von Eigentum die Rede. Sie werden aber nicht aufgrund von Eigentumsfragen aus dem Paradis geschmissen, sondern, weil sie zwischen Gut und Böse unterscheiden konnten (ein „Bewusstsein“ hatten).

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