Women’s March Analyse der Forderungen und deren Realitäten (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von  Martin Kreitl

Am 21. Januar 2017 fand der inzwischen international bekannte Protestmarsch «Women’s March» statt. Ursprünglich war dieser Marsch nur in der U.S. Hauptstadt Washington D.C. geplant. Allerdings kamen durch die Verbreitung der Idee in sozialen Netzwerken in den Vereinigten Staaten von Amerika insgesamt 680 und im Rest der Welt noch weitere 137 an Protestmärschen zusammen, die sich von der Hauptveranstaltung inspiriert – auch in Deutschland – erfolgreich formiert hatten1. Die Hauptorganisation schätzt, dass weltweit insgesamt 5 Millionen Menschen an den Veranstaltungen teilgenommen hätten.² Wenn vom Women’s March die Rede ist, kann man also von einem Phänomen sprechen, das von weltweiter Relevanz zu sein scheint. Der Marsch fand genau einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump statt. Trotz des Zeitpunktes habe man laut Organisationsteam keinen Anti-Trump Protest veranstalten wollen. Vielmehr sei der Marsch laut offiziellem Statement eine Reaktion der Frauen und Minderheiten der ganzen Welt, die durch die Rhetorik von dem, was über die Zeit des Wahlkampfes gesagt wurde, sehr besorgt gewesen seien.³

Auch, wenn es innerhalb der Veranstaltung kritische Stimmen gegeben hat, zum Beispiel dass das Event zu wenig inklusiv organisiert gewesen worden sei und man kein Event organisiert haben wollte, welches von weißen Frauen initiiert worden war, so war der Women’s March dennoch eine Veranstaltung, die für sich beanspruchte sich für eine Reihe von Dingen einzusetzen, die als stellvertretend für die Frauenbewegung und der Genderdebatte im Allgemeinen stehen. Auf der offiziellen Webseite der Demonstration lassen sich so einerseits auf der about-Seite4 und andererseits in einer PDF, die durch die about-Seite verlinkt wurde, die Grundsätze finden, für die sich der Women’s March einsetzte. Auf diese Grundsätze möchte ich mich im Folgenden als 5 repräsentativ für den gesamten Women’s March beziehen und die meiner Meinung nach wichtigsten Forderungen der Demonstration extrahierten und diese kritisch hinterfragen. Davon ausgehend möchte ich vom Women’s March als ein Teilphänomen der Frauenbewegung auf diese zurück schließen und darstellen, ob und wann deren Inhalte, vor allem in Bezug auf die Genderdebatte, ins hyperbolische oder redundante führen. Auf der about-Seite der Women’s March Website setzt man sich für folgende Forderungen ein, die jeweils noch einmal einzeln genauer erläutert werden: Die Beendigung von Gewalt, Reproduktionsrechte, LGBTQIA Rechte, Arbeiterrechte, Zivilrechte, Behindertenrechte, Einwanderungsrechte und Umweltgerechtigkeit. In der verlinkten PDF werden noch einmal zwei weitere Dinge zusätzlich angesprochen. Hier fügt man noch Frauenrechte gleich Menschenrechte hinzu und die Forderung der ökonomischen Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.

Zunächst einmal stellt sich natürlich die Frage, an wen sich diese Forderungen richten. Da die Märsche unmittelbar an das Event der Amtseinführung Trumps gekoppelt waren, lässt sich wohl kaum abstreiten, dass sich die Forderungen nicht an Trump und dessen Administration richten würden, auch wenn man dies dementiert. Man kann aber auch annehmen, dass man primär ein Signal in Richtung Gesamtgesellschaft setzen wollte und erst sekundär ein Gegengewicht zu den als politisch unkorrekt wahrgenommen und sehr polarisierenden Aussagen Trumps, während des vorhergegangenen Wahlkampfes, setzen wollte. Im Allgemeinen lässt sich zu der Gesamtheit der Forderungen grundsätzlich feststellen, dass es sich ausschließlich um Forderungen für und zu gewissen Rechten handelt und es auffallend ist, dass keinerlei Pflichten gefordert werden. Vertragstheoretisch ergeben sich aus Rechten das, was jemand von einer Gesellschaft erhält, Pflichten das, was jemand einer Gesellschaft gibt. Beim Women’s March ergibt sich der Eindruck, dass man sich entweder nicht mit der Kehrseite von Rechten, nämlich den Pflichten, auseinandersetzt hat oder erstens diese automatisch indirekt impliziert oder zweitens man sich derer entledigen möchte. Um diesen Eindruck zu überprüfen, möchte ich im Folgenden diejenigen Forderungen des Women’s Marchs betrachten, die ansonsten häufig in der Genderdebatte zu hören sind.

Frauenrechte sind Menschenrechte

»We believe that Women’s Rights are Human Rights and Human Rights are Women’s Rights. This is the basic and original tenet for which we unite to March on Washington.

We believe Gender Justice is Racial Justice is Economic Justice. We must create a society in which all women—including Black women, Indigenous women, poor women, immigrant women, disabled women, Muslim women, lesbian, queer and trans women—are free and able to care for and nurture themselves and their families, however they are formed, in safe and healthy environments free from structural impediments.«6

Im ersten und zweiten Statement werden Frauenrechte gleich Menschenrechten gesetzt. Hier stellt sich gleich zu Beginn die eindringliche Frage, die sich im weiteren Verlauf des öfteren noch stellt: Warum muss man sich für Frauenrechte heutzutage noch explizit stark machen? Dass in der Vergangenheit Frauenrechte den Rechten der Männer nicht ebenbürtig waren, ist vollkommen korrekt und kann und sollte nicht abgestritten werden. Man denke da an die in Deutschland relativ späte Einführung des Frauenwahlrechtes 1918, das Gleichberechtigungsgesetz 1957 oder die Einführung des Mutterschutzgesetzes 1952. Doch die Konzeption der heutigen Menschenrechte ist gerade nicht so angelegt worden, dass es nötig sein sollte, dass einzelne Gruppen gesondert erwähnt werden müssten. Im Gegenteil, sie sind als universell zu betrachten und gelten damit automatisch auch für Frauen. Warum sagt man deshalb nicht einfach, dass man sich für eine Gesellschaft einsetze, in der alle Menschen – ohne der Nennung von speziellen Mehr- oder Minderheiten – die Möglichkeit haben frei, sicher und gesund leben zu können? Stattdessen setzt man hier den Fokus nur auf Frauen. Es macht deshalb den Anschein der Rhetorik nach eine Art der Sonderbehandlung gemäß der Attitüde des Künstlers Martin Kippenberger

»Was ist ihre Lieblingsminderheit? Wen beneiden sie am meisten?«7

erzielen zu wollen, obwohl Frauen weltweit gesehen freilich keine Minderheit, sondern eine Mehrheit darstellen. Diese Art der Identitätspolitik sollte so nicht weitergeführt werden. Sie war für den Fortschritt der westlichen Kultur einst unglaublich wichtig. So es war unabdingbar gegen die ehemals weiße angelsächsisch protestantische Hegemonie in Amerika, welche dort die einstige Politik, das Bildungssystem und die Ökonomie regiert hatte, zu rebellieren. Frauenrechte, die bei Protesten wie der zweiten feministischen Welle in den 1960iger Jahren oder Rechte für Trans- und Homosexuelle, die bei Aufständen wie den Stonewall-Aufständen in 1969 erkämpft wurden, sind Beispiele dafür. Doch dies ist heutzutage nicht mehr der Fall. Wir haben universelle Menschenrechte, für diese wurde hart gekämpft und auf diese sollte man dann auch hinweisen und sie verteidigen. Der Women’s March zeigt mit seiner Haltung entweder Unkenntnis der Geschichte und damit Bildungsmangel oder Ignoranz und Opportunismus. Die gegenwärtige Identitätspolitik, die dabei ist ein »absolutely no bullying«-Verbot zu etablieren, verkennt die barbarische und ernsthafte Realität auf der die menschliche Historie und Biologie nun einmal beruht. Die Voreingenommenheit der gegenwärtigen Identitätspolitik durch die Behauptung einer fragmentierenden Identität – wie durch die explizite Aufzählung der einzelnen möglichen Identitätsfragmente versucht wird diese zu inkludieren (»including Black women, Indigenous women, poor women, immigrant women, disabled women, Muslim women, lesbian, queer and trans women«) – ist meiner Meinung nach Irrweg. Was vielmehr angepackt werden sollte, ist die Rückkehr zur authentischen Vision der 1960iger Jahre, die auf ein Bewusstsein setzte, welche Dinge wie Gender, Rasse und Ethnien auf transzendentale Weise überstieg. Dies war einst das große Prinzip des Westens und beruhte auf Respekt für die Vorherrschaft des individuellen Bewusstseins. Was wir stattdessen erleben, ist die komplette Abschaffung der persönliche Verantwortung und die Eingliederung in die Mitgliedschaft rudelähnlicher Gruppierungen, insbesondere in solche, die sich selbst als Opfer sehen. Dadurch spielt sich ein Spiel dessen ab, welches sich nach dem Prinzip der proaktiven Aggression, einem »wir machen die anderen nieder, bevor die anderen uns niedermachen«, vollzieht. Es ist jedoch falsch, dass Menschen oder hier im speziellen Fall des Women’s March Frauen grundsätzlich Opfer wären. Natürlich ist dies in der Urträgodie des menschlichen Daseins der Fall, nämlich dass das Leben großes Leiden beinhaltet oder das die Welt auf einem Fundament des Leidens beruhe. Das ist allerdings nichts, was man persönlich nehmen darf. Man sollte nicht in einen Modus der Schuldzuweisungen und der Feindseligkeit verfallen, in dem die Kultur leider derzeit verharrt. Das Beispiel des Angriffs durch die Identitätspolitik auf die Möglichkeit eines gemeinsamen Kanons, da dieser von Vorurteilen oder provinziellen elitärem Denken geprägt sei, zeigt diese Feinseligkeit nur zu gut auf. Dies ist jedoch Unsinn, denn ein Werk ist für einen Kanon nun einmal wichtig, weil andere Werke darauf beruhen, selbst wenn darin Vorurteile auftauchen mögen. So stand ein Wissenschaftler wie Charles Darwin nun einmal in seiner Zeit und gewisse Dinge beruhen auf Vorurteile, die jedoch damals nicht unbedingt als unnormal galten und in ihrer Zeit gesehen werden müssen. Deshalb ist jedoch das Werk dieses Wissenschaftlers nicht irrelevant, weil eben andere Autoren und Wissenschaftler durch dieses Werk maßgeblich beeinflußt wurden. Aus diesem Grund ist es dann eben relevant. Und so ergibt sich eine Kaskade der Relevanz von Autoren zu Autoren, die die Position innerhalb eines gemeinsamen Kanons rechtfertigt und sollte nichts mit politischer Macht zu tun haben.

Was man meiner Meinung nach anstelle der gegenwärtigen Identitätspolitik tun sollte, ist wieder Verantwortung für individuelles Denken zu übernehmen.

Gewaltlosigkeit

»Women have the right to live full and healthy lives, free of all forms of violence against our bodies. One in three women have been victims of some form of physical violence by an intimate partner within their lifetime; and one in five women have been raped. Further, each year, thousands of women and girls, particularly Black, Indigenous and transgender women and girls, are kidnapped, trafficked, or murdered. We honor the lives of those women who were taken before their time and we affirm that we work for a day when all forms of violence against women are eliminated.«8

Im dritten Abschnitt wird die Beendigung von Gewalt gefordert, was generell sinnvoll für das Ziel einer sicheren Gesellschaft ist. Es wird allerdings gleichzeitig die Behauptungen einer Opferasymmetrie innerhalb Partnerschaften sowie bei Vergewaltigungen gegenüber Frauen impliziert. Hier differenziert man nicht, obwohl es genau bei diesem Thema wichtig wäre, das Verhältnis von Täter und Opfer in Bezug auf das Geschlecht genauer zu betrachten. Es darf nicht der Fehler gemacht werden, aus einem Übergewicht in der Opferschaft auf ein Untergewicht in der Täterschaft und umgekehrt zu schließen.

Zunächst einmal ist zum Thema in Bezug auf Deutschland zu sagen, dass laut der deutschen Kriminalstatistik von 2016 in etwas drei Viertel (75%) aller Tatverdächtigen Männer waren, im Umkehrschluss Frauen zu einem Viertel (25%). Von allen registrierten Straftaten bezogen sich 0,7% auf Sexualdelikte und 9% auf Körperverletzungen. Es ist dieser Quelle leider nicht zu entnehmen, wie die Verteilung der Tatverdächtigen auf die einzelnen registrierten Straftaten besteht. Grundsätzlich einmal steht die Frage der Dunkelziffer im Raum, da es sich bei der Kriminalstatistik nur um die Anzahl aller registrierten Straftaten handeln kann. Dennoch würde man bei der Dunkelziffer zunächst einmal eine ungefähr ähnliche Verteilung wie bei den Tatverdächtigen der registrierten Straftaten erwarten. Eine aussagekräftige Meta-Analyse zur Gewalt zwischen Männern und Frauen stammt vom deutschen Soziologen Bastian Schwithal. Er kommt in Bezug auf schwere und einfache Gewalt zum Ergebnis:

»Übersicht „Studien: Severe Violence” gibt die Ergebnisse von 94 Studien und Untersuchungen hinsichtlich schwerer Gewaltformen („severe violence“) wieder. Ähnlich wie bei „minor violence“ lässt sich auch hier die Beobachtung machen, dass ein höherer Anteil an Frauen schwere Gewalt gegenüber einem Intimpartner gebraucht als umgekehrt. Das Verhältnis von Männern und Frauen im Hinblick auf „verübte Gewalt“ ist 47% zu 53%. Bei erlittener Gewalt ergibt sich hinsichtlich der Geschlechterverteilung folgendes Bild: 52,3% Männer gegenüber 47,7% hatten schwere Gewaltformen durch Intimpartner erlitten.«9

Im Falle von Sexualdelikten schreibt er an späterer Stelle:

»Übersicht „Studien: Sexual Violence“ gibt die Ergebnisse von 55 Studien und Untersuchungen wieder. Hinsichtlich sexueller Gewalt lässt sich die Feststellung machen, dass Frauen häufiger diese Form der Gewalt erleiden als Männer. Allerdings lässt sich anhand der Ergebnisse in der Tabelle auch ablesen, dass Männer ebenfalls und im weitaus größeren Ausmaß als bisher angenommen sexuelle Gewalt (auch schwere Formen) erfahren. Beim Verüben von sexueller Gewalt ergibt sich ein Geschlechtsverhältnis von 57,9% Männer gegenüber 42,1% Frauen und hinsichtlich „erlittener Gewalt“ ein Männer-Frauen-Verhältnis von 40,8% zu 59,2%.«10

Von diesen Ergebnissen ausgehend ergibt sich die Frage, warum die Meta-Analyse und die Kriminalstatistik solch unterschiedliche Zahlen liefern. Laut Schwithal sei die Akzeptanz von Gewalthandlungen gegenüber Männern mit einer höheren gesellschaftlichen Toleranz verbunden. Diese Erkenntnis wurde durch eine repräsentative telefonische Befragung auf nationaler Ebene der USA von 5.238 Erwachsenen gewonnen:

»Eine Umfrage des U.S. Department of Justice kam zu folgendem Ergebnis: 41% der befragten Amerikaner finden es weniger gravierend, wenn eine Frau ihren Mann tötet als umgekehrt.«11

Weiter bezieht sich Schwithal auf eine Studie der australischen Kriminologin Catriona Mirrless-Black:

»Virtually no male victims defined their experience as a crime. Female victims of chronic domestic assault were the most likely to describe their most recent experience as a crime (39%), male victims of intermittent assault the least (1%).«

Aus diesem Ungleichgewicht der unterschiedlichen Wahrnehmung entstehe eine verzerrte Anzeigenhäufigkeit, was zu dem Ergebnis führe, dass in der Kriminalstatistik Männer deutlich öfter als Tatverdächtige registriert werden. Weiterhin ist interessant, dass bei der Betrachtung der Opferseite die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt, dass sich »mehrheitlich von Männern ausgeübte Gewalt auch überwiegend gegen Männer selbst richtet. Mit Bastian Schwithal, Weibliche Gewalt in Partnerschaften: eine synontologische Untersuchung, 9 2015, S. 136 10 Ebd., S. 138 11 Ebd., S. 229 Seite 6 der Ausnahme von Sexualstraftaten sind Männer als Opfer bei allen Delikten in der Überzahl.

„Bei Mord und Totschlag, Raub und insbesondere bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung überwiegen männliche Opfer.“« . 12

Was Gewalt in Partnerschaften betrifft, ergibt sich laut einer anderen Meta-Analyse von Martin S. Fiebert, aus dem Department of Psychology der California State University, folgende Aussage:

»This bibliography examines 286 scholarly investigations: 221 empirical studies and 65 reviews and/or analyses, which demonstrate that women are as physically aggressive, or more aggressive, than men in their relationships with their spouses or male partners. The aggregate sample size in the reviewed studies exceeds 371,600.«13

Frauen seien demnach in Beziehungen physisch entweder in etwa gleich oder aggressiver als Männer. Eine andere Studie des Partner Abuse State of Knowledge Projects, der weltweit größten Forschungsdatenbank zur häuslichen Gewalt14, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: »Among PASK’s findings are that, except for sexual coercion, men and women perpetrate physical and non-physical forms of abuse at comparable rates, most domestic violence is mutual, women are as controlling as men, domestic violence by men and women is correlated with essentially the same risk factors, and male and female perpetrators are motivated for similar reasons.«

Auch  hier sind Mann und Frau, außer bei sexueller Nötigung, in etwa gleich gewalttätig. Eine weitere Studie unter der Leitung von Dr. Elizabeth Bates an der University of Cumbria kommt zu dem aufschlussreichen Ergebnis: »Women were found to be more aggressive to their partners than men, whereas men reported more aggression to samesex non-intimates than women.«16. Im Interview erläutert Dr. Bates weiter: »This study found that women demonstrated a desire to control their partners and were more likely to use physical aggression than men.[…]“The stereotypical popular view is still one of dominant control by men,” Dr Bates added. “That does occur but research over the last 10 or 15 years has highlighted the fact that women are controlling and aggressive in relationships too.«17 So ist es ein Problem, das Männer im Falle einer Trennungssituation ein höheres Risiko eingehen, Gewaltopfer zu werden. Der österreichische Väterrechtsverein »Vaterverbot« veröffentlichte eine Befragung von 515 Trennungsvätern. 59% dieser gaben an Gewalt durch die Partnerin erlebt zu haben.

»[Neben den] tätlichen Gewaltübergriffen kommen meist verbale Übergriffe und 18 Erpressungen in Form von angedrohtem Kindesentzug, Wegweisung oder finanzielle Ruinierung [hinzu].

Meist blieb den Trennungsvätern nur die Möglichkeit der Flucht, um einer größeren Eskalation zu entgehen, bzw. um Ihre Kinder zu schützen, indem solche Situationen damit „beruhigt“ wurden.« Diese Erkenntnisse decken sich mit vorhergegangenen repräsentativen 19 Studien von Anke Habermehl, als Dissertation an der Universität Bielefeld und Gerhard Amendt, Soziologe der Universität Bremen, die ebenfalls in diesem Gewaltbericht erwähnt werden. Weiters gaben nur 15% der männlichen Gewaltopfer an, die Gewalt behördlich angezeigt zu haben. Es habe sich gezeigt, dass sich bei diesen 15% nur 5% von den Behörden unterstützt fühlten, 95% fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen. »Eine wesentliche Rolle bei der Zurückhaltung 20 der betroffenen Väter spielt die „Unfehlbarkeit“ der Mutter, die in Österreich praktisch nie in Frage gestellt wird, die auch als Gewalttäterin keinen Obsorgeverlust zu befürchten hat. Ein Aufzeigen der erlebten Gewalt würde eine Zerstörung der Familie und als Racheakt der gewalttätigen Mutter den völligen Kontaktverlust zu den Kindern bedeuten. Somit gibt es für einen Vater keine Möglichkeit, die erlebte Gewalt aufzuzeigen.«21 Es ergibt sich also eine Verstrickung von häuslicher Gewalt, polizeiliche Voreingenommenheit, Erpressungsmöglichkeiten bezüglich Finanzen und Kindesentzug.

Was man daraus folgern kann, sind mehrere Punkte.

Erstens sollte ein Narrativ gegen Gewalt jeglicher Form fokussiert werden und wie man es sich bei der Genderdebatte eigentlich wünschen würde, genauer hinzuschauen als nur das Pauschalnarrativ der Kriminalstatistik.

Zweitens sollte man den Fokus zur Prävention von Gewalt nicht nur gegen Frauen – wie es in Deutschland etwa der nationale Aktionsplan I und II der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen von 1999 und 2007 vorsieht –, sondern unabhängig vom Geschlecht bestreben. Wer die 22 23 Häufigkeit häuslicher Gewalt reduzieren möchte, muss auch Väterrechte deutlich stärken.

Drittens sollte das Narrativ korrigiert werden, dass Frauen größtenteils Opfer und Männer größtenteils Täter von Gewalttaten wären. Dieses Narrativ entspricht zwar dem politischen Konsens und ist aber schlichtweg nicht haltbar.

Geschlechtergerechtigkeit

»We believe in Gender Justice. We must have the power to control our bodies and be free from gender norms, expectations and stereotypes. We must free ourselves and our society from the institution of awarding power, agency and resources disproportionately to masculinity to the exclusion of others.«24

Beim Thema Geschlechtergerechtigkeit lässt sich der Grundforderung grundsätzlich zustimmen, denn vor dem Recht sollte jeder gleich sein und das Geschlecht keine Rolle spielen. Dass es aber auch hier Unterschiede gibt, würden viele derjenigen sicherlich zustimmen, die sich für den Women’s March engagiert haben. Grundsätzlich ist Gerechtigkeit ein schwieriger Begriff, denn es gibt zwei verschiedene Ansätze der Definition. Der erste Ansatz ist, den Fokus auf die Startbedingungen zu legen und zu sagen »Gerecht ist, wenn jeder die gleichen Startbedingungen hat«. Man würde sagen es handelt sich um Gleichberechtigung. Der zweite Ansatz zielt auf die Endbedingungen und lautet »Gerecht ist, wenn am Ende das Gleiche herauskommt«. Hier würde man sagen, es handelt sich um Gleichstellung. Es stellt sich die gesellschaftliche Frage, was man denn nun präferiert. Im Falle des Women’s March scheint man sich bei dieser Forderung für die Gleichstellung entschieden zu haben. Es wäre jedoch fatal zu denken, dass solch eine Position die Deutungsmacht der Gerechtigkeitsdefinition inne haben sollte. In einer wirklich diversen Gesellschaft wie sie in der Genderdebatte gerne immer wieder propagiert wird, sollte es jedoch immer möglich sein unterschiedlicher Ansichten darüber sein und es wird historisch gesehen immer wieder zeitweise Überhänge der einen oder anderen Sichtweise geben. Im Folgenden Verlauf sollen drei Beispiele gezeigt werden, bei denen es selbst vor dem deutschen Recht keine Geschlechtergerechtigkeit gibt und zwar zu Gunsten von Frauen. Das erste Beispiel ist das der körperlichen Unversehrtheit. Es zeigt sich beim Thema der Genitalverstümmelung recht deutlich, dass es im deutschem Recht enorme Unterschiede in der Bewertung dieser gibt. Das Strafgesetzbuch hält bei § 226a zum Thema Verstümmelung weiblicher Genitalien fest: »Wer die äußeren Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.«25.

Bei der männlichen Beschneidung würde man meinen, sie würde genau so bewertet werden, fällt sie grundsätzlich doch auch unter den Aspekt der Genitalverstümmelung, denn sie wird ohne Möglichkeit zur Zustimmung des männlichen Kindes vollzogen. Hier hält das Bürgerliche Gesetzbuch unter § 1631d bei der Beschneidung eines männlichen Kindes jedoch fest: »

(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.

(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen,  wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.«26

Diese Diskrepanz der unterschiedlichen toleranten Auffassung von körperlicher Unversehrtheit zu Lasten männlicher Kinder ist durchaus ein Argument gegen die in der vom Forderungen des Women’s March genannte These, dass Frauen beim Thema Gewalt im Nachteil wären. Im Mantel der Religion wird eine Straftat durch das Geschlecht des Kindes entweder mit ab einem Jahr oder eben gar nicht bestraft. In der Tat lässt sich darüber streiten, ab wann welcher Grad der Schwere eine Veränderung an den Genitalien zur Straftat wird. Dennoch hat jede Person laut Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Art 2 das Recht auf körperliche Unversehrtheit . Die prominente 27 Stelle an der dieses Recht in Gesetz steht, sollte zeigen, dass dieses nicht verhandelbar sein sollte, auch wenn es letztlich um einen Streit zwischen Menschenrecht und Religionsfreiheit geht. Ein zweites Beispiel einer mangelnden Geschlechtergerechtigkeit in deutschen Recht ist die im Grundgesetz verankerte Pflicht zum Wehrdienst. »Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.« Von dieser Pflicht sind Frauen grundsätzlich 28 ausgenommen, was historisch gesehen vielleicht einmal Sinn machte, aber gemäß einer geforderten Gleichstellung eine Bevorteilung zu Gunsten von Frauen wäre. Die Umstrukturierung des verpflichtenden Wehrdienstes in eine zeitweilige Pflicht gegenüber des Staates, sei es in Form von Wehrdienst oder Zivildienst, wäre der Logik der Forderung des Women’s March nach erforderlich. Ob dies dann wirklich erstrebenswert wäre, ist eine andere Frage. Ein drittes und letztes Beispiel zur mangelnden Geschlechtergerechtigkeit in deutschen Recht ist § 9 des Mutterschutzgesetzes. In diesen wird gesagt, dass keiner Frau, während der Schwangerschaft gekündigt werden darf. Das ist eine große Errungenschaft im Arbeitsrecht. Es stellt sich jedoch die Frage und folgende Argumentation, ob bei einer Gleichstellung der Geschlechtergerechtigkeit nicht auch Männern ein entsprechendes Recht zugesprochen werden sollte. »Keinem Mann darf gekündigt werden, der werdender Vater ist.« Das klingt zwar auf dem ersten Eindruck ungewohnt, dennoch haben sicherlich auch werdende Väter Schutz verdient, denn sie tragen nicht weniger Verantwortung als eine werdende Mutter.

Strafjustizsystem

»We believe it is our moral imperative to dismantle the gender and racial inequities within the criminal justice system. The rate of imprisonment has grown faster for women than men, increasing by 700% since 1980, and the majority of women in prison have a child under the age of 18.«

Bei der Forderung in Bezug auf das Strafjustizsystem konstatiert man Gender- und Rassenungleichheiten in amerikanischen Gefängnissen. Es sollte hier angemerkt werden, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ohnehin ein großes Problem mit ihrem Strafjustizsystem haben. Man denke da nur an Guantanamo, welches die Janusköpfigkeit der Vereinigten Staaten offenbart. Aber auch im größeren Kontext aller amerikanischen Gefängnisse ist das Geschlecht und die Rasse zunächst einmal ein weniger entscheidendes. Denn durch die Privatisierung der Gefängnisse im Zuge der Neoliberalisierung (u.a. durch Aktiengesellschaften wie CoreCivic [CXW] oder Geo Group [GEO]) ist das Einsperren von Straftätern von einem moralischen Erziehungsgedanken, den einst die Gesellschaft unter sich vereinbart hatte, zum kapitalistischen Geschäft geworden. Dieses Geschäft muss in der Privatwirtschaft natürlich Rendite erwirtschaften. So ist es nur logisch, dass um Wachstum zu erzeugen dafür auch immer mehr Menschen unter den merkwürdigsten Bedingungen und Gründen eingesperrt werden müssen. Es ist ein Beispiel, welches der feministischen Bewegung an dieser Stelle angekreidet werden muss, das zeigt, dass diese meist nur in Symptomen denkt. Man erfindet ein Symptom – Frauen wären im Strafjustizsystem benachteiligt –, echauffiert sich darüber, denkt aber nicht an mögliche Ursachen und damit in Kausalzusammenhängen, nämlich dass das Strafjustizsystem ein viel größeres Problem mit der Neoliberalisierung als mit Genderungleichheiten hat und dass, die hohe Wachstumsrate von inhaftierten Frauen wohl eher im Zuge der Neoliberaliserung als durch Genderungleichheiten angestiegen ist. Auch werden aus Korrelationen noch lange keine Kausalitäten. Nur weil, die Wachstumsrate der inhaftierten Frauen hoch ist, heißt das noch nicht, dass Frauen im Strafjustizsystem benachteiligt wären. Es heißt zunächst einmal nur, dass mehr Frauen inhaftiert werden. Vielleicht begehen einfach immer mehr Frauen Straftaten oder diese werden häufiger geahndet. Der Grund dafür müsste genauer untersucht werden.

Beim Thema der Ungerechtigkeit der Geschlechter im Kontext der Gefängnisse stellt sich also die Frage, warum sich der Women’s March hier beschwert, denn die erschlagende Mehrheit von über 90% bei Inhaftierten in amerikanischen Gefängnissen sind ohnehin Männer.29 Es ist unverständlich, warum man sich als Frauenbewegung beschwert, dass hier Frauen benachteiligt werden würden, außer man würde polemischerweise auch in Gefängnissen Gleichstellungsquoten fordern. Dass die Rate der Inhaftierung von Frauen um 700% gestiegen sei, wofür keine Quelle angegeben wird, wäre immer noch irrelevant im Vergleich zu den relativen Zahlen, auf die sich die Wachstumsrate bezieht. 700% Wachstum beispielsweise bezogen auf 1% aller Inhaftierten würden 7% ergeben. Im Kontrast dazu würden 93% Männer stehen, bei denen zwar eine Stagnation stattgefunden hätte, die allerdings immer noch die erschlagende Mehrheit bilden würden. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Mehrheit aller inhaftierten Frauen Kinder unter 18 hätten. Hier wird ein archetypisches Narrativ (wie diese u.a. C.G Jung treffend analysiert hat) ausgespielt, welches besagt, dass Kinder erstens unter allen Umständen zu schützen sind, zweitens in die Nähe ihrer Eltern und dem Lagerfeuer gehören, welches in der Nacht Licht und damit Sicherheit bietet und sich drittens nicht zu weit weg von den Eltern und vom Lagerfeuer und damit in Dunkelheit und Gefahr bewegen sollten.

Dieses Narrativ ist sicherlich für die Erhaltung der Spezies wichtig und soll gar nicht angegriffen werden. Die Art und Weise wie hier jedoch der Women’s March dieses Narrativ einsetzt, um zu zeigen, dass es ungerecht wäre, Frauen einzusperren, weil diese Kinder hätten und dann wohl nicht mehr für ihre Kinder da sein könnten, soll Mitleid für Straftäterinnen erregen. Sofern man von einem funktionierenden Strafprozess ausgeht, werden normalerweise die Lebensumstände bei der Schwere der Strafe des Straftäters berücksichtigt. Das Argument der Mutterschaft sollte jedoch nicht zu einem Argument für Straffreiheit eingesetzt werden. Beispielsweise sollte ein Mord, von einer Frau mit Kind ähnlich bewertet werden, wie von einer Frau ohne Kind oder einem Mann, und dementsprechend geahndet werden. Möglicherweise steht jedoch des öfteren eine Strafminderung für eine Mutter bei minder schweren Straftaten im Raum. Nebenbei gesagt, wäre dies aber auch ein Indiz dafür, dass Frauen hier eben nicht benachteiligt werden, denn für einen Vater wäre eine ähnliche Strafminderung, wie sie eine Mutter erzielen würde, wohl weniger wahrscheinlich.

Bezahlungsgerechtigkeit

»We believe in equal pay for equal work and the right of all women to be paid equitably. We must end the pay and hiring discrimination that women, particularly mothers, women of color, Indigenous women, lesbian, queer and trans women still face each day in our nation, as well as discrimination again workers with disabilities, who can currently legally be paid less than federal minimum wage. Many mothers have always worked and in our modern labor force; and women are now 50% of all family breadwinners. We stand for the 82% of women who become moms, particularly moms of color, being paid, judged, and treated fairly. Equal pay for equal work will lift families out of poverty and boost our nation’s economy.«30

Auch, wenn diese nicht explizit genannt wird, so spielt diese Aussage auf die viel diskutierte Gender Pay Gap an. Politische Parteien wie die SPD machten damit 2017 auch in Deutschland Wahlkampf. Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind gegenwärtig also ein relevantes politisches Thema. Dass gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden sollte, dem würden sicherlich nur wenige widersprechen. Die Sache mit der gleichen Bezahlung ist jedoch, dass man sich hier im Bereich der Ökonomie bewegt. Eine Grundannahme in der Ökonomie ist die Theorie der effizienten Märkte. Der Ausspruch »there is no free lunch« steht repräsentativ dafür. Bei der Prozentzahl, bei der laut feministischer Kritik Frauen schlechter als Männer bezahlt werden würden, sollte man also genau hinschauen, wie diese Zahl entstanden ist.

Ich würde hier gerne auf das genannte Beispiel der SPD genauer eingehen, denn die Zahlen sind in den Vereinigten Staaten sind ähnlich.

»Zur Identifikation  geschlechtsspezifischer Verdienstunterschiede werden in der Regel zwei Indikatoren herangezogen: der unbereinigte und der bereinigte Gender Pay Gap. Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer beziehungsweise Arbeitnehmerinnen in allgemeiner Form miteinander. Mithilfe der unbereinigten Gender Pay Gap wird auf diese Weise auch der Teil des Verdienstunterschieds erfasst, der durch schlechtere Zugangschancen von Frauen hinsichtlich bestimmter Berufe oder Karrierestufen verursacht wird, die möglicherweise ebenfalls das Ergebnis benachteiligender Strukturen sind. Der bereinigte Gender Pay Gap hingegen misst den Verdienstabstand von Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien«

, erklärt das Statistische 31 Bundesamt.

Die Werbekampagne der SPD bezieht sich auf die Angaben des Statistisches Bundesamtes der unbereinigten Gender Pay Gap im Jahr 2016 in Deutschland in Höhe von 21%. Da für das Jahr 2016 die Kalkulation der bereinigte Gender Pay Gap nicht möglich war, beziehe ich mich im Folgenden auf das Jahr 2014, bei dem der unbereinigte Gender Pay Gap (im Folgendem GPG genannt) bei 23% lag. Die Sinnhaftigkeit der unbereinigten GPG zur Argumentation von Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist gering. Denn es funktioniert auf der Ebene des Vergleichs zwischen Äpfel und Birnen oder dem Teilen von € durch $. Das funktioniert mathematisch nicht und es wird ein Umrechnungsfaktor von einer Maßeinheit zur anderen zwingend benötigt.

Ein Beispiel dafür ist der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männer und Frauen. Grund mögen dafür möglicherweise auch genetische sein, aber im Wesentlichen besteht der Unterschied in den unterschiedlichen Risikoprofilen, die Männer und Frauen bei der Wahl des Berufes bereit sind einzugehen. Ein Minenarbeiter besitzt nun einmal ein höheres Berufsrisiko als eine Kindergärtnerin und dieses Risiko wird entsprechend der effizienten Markttheorie auch besser vergütet. Wenn Männer in ihrer erfassbaren Gesamtheit ein höheres Risikoprofil besitzen als Frauen ist dies ein nur verständliches Resultat, dass ein Gehaltsunterschied zu beobachten ist. Deshalb ist es wichtig als Umrechnungsfaktor zwischen Männern und Frauen wie bei unterschiedlichen Maßeinheiten strukturelle und marktbedingte Faktoren heraus zu rechnen, weshalb die unbereinigte GPG wenig Aussagekraft besitzt. Das bereinigte GPG ist der Versuch dafür und besteht im Wesentlichen aus der Berücksichtigung struktureller Unterschiede und damit der Einbezug der Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien. Hier liegt der Wert bei 6% für das Jahr 2014. Dieser Wert ist immer noch ein Indikator für Ungerechtigkeit, aber einige Dinge konnten bisher noch nicht überzeugend berücksichtigt werden, wodurch dieser Wert als Maximalwert zu verstehen ist. So das Bundesamt:

»Zu berücksichtigen wären unter anderem Arbeitslosigkeit sowie Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit aufgrund der Geburt und Erziehung von Kindern. Da letztere ganz überwiegend die tatsächliche Berufserfahrung von Frauen mindern und somit hinsichtlich Männern und Frauen asymmetrisch wirken, wäre deren Berücksichtigung in den Schätzmodellen zum bereinigten Gender Pay Gap anzustreben, um Verzerrungen zu vermeiden. Zu erwarten wäre dann ein niedrigerer bereinigter Gender Pay Gap.«32.

Schätzweise hat so das Bundesamt den Versuch unternommen durch Machine-Learning-Verfahren Erwerbsunterbrechungen durch Mutterschaft in den Schätzmodellen zu berücksichtigen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich für das Jahr 2014 eine weitere Abnahme der bereinigten GPG von 0,3% ergeben würde. Letztendlich würde man so für das Jahr 2014 5,7% Lohnunterschied erhalten. Analog zur Arbeitslosenstatistik würde man für eine normale Karenzfluktuation von unter 3% als eine nicht weiter relevante GPG ausgehen. Mit dem genannten Ergebnis würde man also 2,7% noch darüber liegen. Das ist noch immer problematisch, aber weitaus weniger als bisher angenommen. Interessanterweise hat auch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln zum gleichen Thema eine Studie publiziert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der bereinigte GPG bei 2% läge. Das 33 Institut stellte demnach fest, dass die Lohnlücke weiter schrumpft, wenn die Frauen in Bezug auf Mutterschaft nur kurze Zeit zu Hause bleiben:

»Dauerte die Job-Pause maximal 18 Monate, reduzierte sich der Gehaltsunterschied zu den Männern von 11 auf weniger als 2 Prozent.«34

Nun ist es beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln fraglich wie verlässlich dieses Ergebnis ist, da es ein durchaus arbeitgebernahes Institut ist und aus lobbyistischer Sicht kritisch bewertet werden muss. Aber auch eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kommt zu ähnlichen Ergebnissen . Die 35 Studie weist dabei auf eine Gender Time Gap hin. So beträgt der Arbeitszeitunterschied zwischen den Geschlechtern in etwa 23%.

Als Ursache wird dabei auf höchst ungleiche Verteilung der einzelnen Arbeitszeitgruppen hingewiesen.

»Die durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeiten von Frauen und Männern in Deutschland unterscheiden sich aktuell um rund 9 Stunden oder 23 Prozent.«

Es ist so nach der Theorie der effizienten Märkte nur logisch, dass bei einer Gender 36 Time Gap von 23% auch eine unbereinigte Gender Pay Gap von etwa 23% entsteht. Wäre dies nicht der Fall, würden findige Unternehmer diese Lücke ausnutzen, da der Markt hier ineffizient wäre und Profite ohne Risiko realisierbar wären. Nun ist es nicht so, als wären die Märkte generell vollends effizient, wie dies die Theorie der adaptiven Märkte von Andrew Lo der Theorie der effizienten Märkte unterstellt. Dies wäre jedoch nur der Fall, wenn heuristische oder verhaltensökonomische Dissonanzen vorhanden wären. Das dies bei bei der Gender Pay Gap wohl eher kaum eine Rolle spielt, zeigt das Nichtvorhandensein von Gender-ArbitrageGeschäften. Bis dato ist kein Unternehmen bekannt dafür, dass es diesem möglich wäre ein Arbitrage-Modell anhand der Geschlechter praktizieren zu können. Im Wesentlichen würde dies bedeuten, dass man dafür Frauen einstellt, um diese die gleiche Arbeit verrichten zu lassen, die 32 normalerweise ausschließlich Männer ausführen würden oder könnten. Durch eine hypothetische Gender Pay Gap würde sich bei gleicher Produktivität der Frauen eine Lohnlücke ergeben, bei der sich Profite abschöpfen lassen würden. Dieses Geschäftsmodell existiert faktisch nicht, außer man würde den Austausch über Gehälter und die damit verbundene Transparenz gesetzlich verbieten. Da man sich aber über Gehälter austauschen kann, würde sich dieses ArbitrageGeschäft in Luft auflösen, da bei transparenten Märkten, die Theorie der effizienten Märkte dann auf jeden Fall greifen würde. In Anbetracht der Bewertung der Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und der Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit den vorherigen des Statistischen Bundesamtes ist die Gender Pay Gap deshalb weitaus minder schwer zu bewerten als von der SPD propagiert und vom Women’s March impliziert. Letztendlich scheint es auf die Frage der Mutterschaft hinauszulaufen. Wenn eine Frau keine Kinder hat oder diese nach Geburt möglichst bald in andere Hände gibt, dann scheint es wenig bis keine Indizien für eine GPG zu geben. Ist dies aber nicht der Fall wirkt sich das auf die zukünftige Bezahlung selbstverständlich aus, da in der Zeit der Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit aufgrund der Geburt und Erziehung von Kindern weniger Berufserfahrung gesammelt wurde. Mehr als für genügend Flexibilität in den Entscheidungen zu sorgen, die rund um eine Mutterschaft zu machen sind, kann und sollte man hier nicht machen. Frauen tragen bis dato eben diese biologische Verantwortung, aber auch die Entscheidungsfreiheit dazu. Es stellt sich hier die spekulative Frage, ob westliche Gesellschaften so weit gehen werden, dass Kinder komplett unabhängig von klassischen biologischen Entstehungsprozessen erzeugt werden sollten, damit Frauen diese Verantwortung nicht mehr zu tragen hätten und damit auch der letzte Grund einer bereinigten Gender Pay Gap ausgemerzt wäre. Zugegeben ist dieser Gedankengang etwas polemisch, da hier die neoliberale Denkweise vollends überhand gewinnen würde, aber in diese Richtung entwickeln sich die Dinge gegenwärtig.

Ist dies also das, was der Women’s March möchte? Diese Haltung des Women’s March würde zumindest als paradox erscheinen, zumal sie sich in den letzten beiden Forderungen eigentlich klar gegen den Neoliberalismus aussprechen.

Kontra Neoliberalismus

»We believe that every person, every community and Indigenous peoples in our nation have the right to clean water, clean air, and access to and enjoyment of public lands. We believe that our environment and our climate must be protected, and that our land and natural resources cannot be exploited for corporate gain or greed—especially at the risk of public safety and health.«

Mit dieser Forderung begibt sich der Women’s March auf eine Position, die unabhängig von der Genderdebatte funktioniert. So setzt man sich sowohl gegen die Privatisierung von Güter des Gemeinwesens wie Wasser, Luft und öffentliche Flächen ein als auch für Klimaschutz ein. Hier gibt es Parallelen zur Occupy-Bewegung, die sich gegen die neoliberale Spielweise des Kapitalismus einsetzt.

Die Occupy-Bewegung und damit auch der Women’s March ist in ihrer Form jedoch zum Scheitern verurteilt, da diese Form der Kritik der letzten Jahre auf kybernetische Art und Weise immer einfach ins neoliberale System eingespeist wurde. So legitimieren diese Kritiken geradezu das bestehende System, da man es so nicht vermag eine Alternative von außen her zu denken. Was man stattdessen tut, ist eine Spirale der Kritik zu gestalten, die nur zur Verdrossenheit und erzwungenen Korrektheit führt, aber keineswegs zu wirklicher Verbesserung der Sachverhalte. Man bewegt sich so auf eine Relevanzsingularität zu. Die ist der Endpunkt der Kritikspirale.

Wenn man Gesellschaften als Netzwerke mit Knotenpunkten und Verbindungen zwischen diesen betrachtet (Akteur-Netzwerk-Theorie), ist dies ein Punkt, der so viel Relevanz angehäuft hat, d.h. Verbindungen, die diesen Punkt durch ihre Verlinkungsmacht so stützen, dass kein freier Diskurs mehr möglich erscheint. Jegliches Denken außerhalb der vorgegebenen Korrektheit und damit mögliche neue ganz kleine Knotenpunkte innerhalb des Netzwerks werden ignoriert oder gar abgestraft.

Peace Paradox

»We recognize that to achieve any of the goals outlined within this statement, we must work together to end war and live in peace with our sisters and brothers around the world. Ending war means a cessation to the direct and indirect aggression caused by the war economy and the concentration of power in the hands of a wealthy elite who use political, social, and economic systems to safeguard and expand their power«

Es erscheint paradox, dass sich eine Demonstration wie der Women’s March für eine Zusammenarbeit von »our sisters and brothers« und für ein Leben in Frieden stark macht, obwohl es genau solche Demonstrationen sind, die dies im Diskurs verhindern. Es erscheint als nicht besonders glaubwürdig, dass eine Veranstaltung, die sich so massiv für das Ende einer Benachteiligung von Frauen einsetzt, die sich nach genauerem Hinsehen als wenig stichfest herausstellt, sich für mehr Zusammenarbeit und Frieden einsetzt. Zumal die Themen rund um das Geschlecht genau wegen solchen faktiösen Aktionen nicht besonders rational diskutiert werden kann. Um einmal eine Unterstellung zu wagen, erweckt der Women’s March mit dessen Forderungen den Eindruck, dass man gegen den soggenanten weißen heterosexuellen Mann vorgehen möchte, indem man Narrative spannt, die sich für alle einsetzt – Frauen, Kinder, Schwarze, LGBTQIA, nur nicht diese Personengruppe.

An anderen Stellen im Diskus wird dies ja auch offen zugegeben und propagiert. Spekulativ gesagt, erscheint es als möchte man hier gar eine Art Klassenkampf, der da er zwischen Proletariat und Bourgeoisie wohl kaum heutzutage intakt ist, nun zwischen den Geschlechtern aufsetzen. Arme Frauen als Opfer der Unterdrücker in Form von wohlhabenden Männern. Interessanterweise ist es so, dass die »wealthy elite« gegen die man sich mit dieser Forderung richtet, den Women’s March wohl mitfinanziert hat. Der Milliardär George Soros soll so laut NYTimes37 und Washington Times38 in den Women’s March durch Millionenspenden verstrickt sein. Der Punkt der Antihaltung gegen Konzentration von Macht und gegen eine wohlhabende Elite lässt sich damit nicht besonders glaubwürdig vertreten. Die Autorin des NYTimes Artikels Asra Q. Nomani geht sogar noch einen Schritt weiter:

»It’s an idea that I, a liberal feminist, would embrace. But I know — and most of America knows — that the organizers of the march haven’t put into their manifesto: the march really isn’t a “women’s march.” It’s a march for women who are anti-Trump.«39

Es scheint so als wäre der Women’s March eher das Phänomen eines ideologischen Krieges zwischen den Eliten innerhalb der USA, die sich jeweils durch die Finanzierung verschiedener Organisationen Einfluss erkaufen, Stimmungsmache betreiben und somit Politik betreiben können, die demokratisch nicht legitimiert ist. Es stellt sich die Frage, warum Menschen, die beim Women’s March mitgewirkt haben, sich dafür bereitstellen.

Abschluss

Um mit Thomas Edlinger zu sprechen könnte man sagen, dass der Women’s March mit deren Haltung versucht durch »opfernarzisstische Hyperkritik«40 eine Diskursmacht zu gewinnen, die »nicht wahrhaben will, dass nicht jeder, der sich als Opfer glaubhaft darzustellen vermag, in jedem Fall Recht hat.« Ich denke das Narrativ des immer noch scheinbar dringenden Bedarfs der 41Nivellierung der Benachteiligung von Frauen ist genauso falsch wie es für Männer wäre. Der Grund dafür sind einerseits pragmatische — bei welcher Minderheit fängt man an, bei welcher Mehrheit hört man auf—, aber vielmehr auch, dass die Kritik in Form dieser Art des Protests insofern an ihre Grenzen gekommen ist, dass sich durch sie nichts nachhaltig und vor allem zum Besseren verändern wird.

Hinzu kommt ein Knackpunkt der Frauenbewegung einerseits, aber auch der Gesamtgesellschaft andererseits. Die abnehmende Fähigkeit der offenen Anhörung der gegenseitigen Forderungen oder Argumenten, dem eigenen Mitdenkens der damit einhergehenden Pflichten und letztendlich das, was Ray Dalio ein «thoughtful (dis)agreeing» nennen würde, also der Fähigkeit das jeweilige Gegenüber in seiner Meinung anzuerkennen, unabhängig davon, ob man selbst dieser Meinung sei oder nicht. Und weiter, im Falle, dass man nicht der gleichen Meinung sei, die Fähigkeit in einem Prozess der Kompromissfindung Zugeständnisse zu machen, folglich Lösungen zu finden und so die Entwicklung der Gesellschaft voranzutreiben. Es entsteht so in der gegenwärtigen Gesellschaft das Gefühl eines aneinander vorbeiredens, ohne gehört oder anerkannt zu werden.

Das führt zu einer eindeutigen Krise der Kritik. Denn es dokumentiert, wie sich Probleme durch Kritik nicht lösen, sondern bloß verkomplizieren und verschieben. Kritik ist deshalb nicht per se emanzipatorisch, sondern kann auch repressiv sein. Speziell in der Genderdebatte kritisiert jeder jeden, doch oft führt die Kritik zu nichts anderem als Kritikkritik. So verkommt Kritik letztendlich zum leeren Ritual und zum Selbstzweck. Kritik muss gegen sich selbst kritisch sein und das ist es im speziellen Fall des Women’s March nicht und allgemeinen Fall des Feminismus leider selten. Letztendlich lässt sich sagen, dass wer auf Gleichstellung und damit Rechte pocht, auch die hinzukommenden Pflichten bedenken muss, sonst setzt man sich nicht für Gleichstellung, sondern für Bevorteilung ein. Und es stellt sich die abschließende Frage, ob man um jeden Preis Gleichstellung und Nivellierung der Geschlechter erzwingen sollte, oder ob man sich stattdessen auf die geschlechtsspezifischen Vor- und Nachteile besinnt und versucht diese so gut wie es geht, in Einklang miteinander zu bringen, auch wenn dies bedeuten mag, dass ein Geschlecht an einer Stelle und das andere Geschlecht an anderer Stelle benachteiligt wird, dafür aber an anderen Stellen bevorteilt. Mein Fokus würde hier auf Gleichberechtigung unter Berücksichtigung biologischer und psychologischer Gegebenheiten in Zuge einer arbeitsteiligen Gesellschaft und den damit einhergehenden unterschiedlichen Pflichten liegen. Nicht aber auf die stets durch Feministinnen geforderte Gleichstellung, die immer mehr dem Willen zur Gleichschaltung ähnelt. Im gleiche Zuge wird so immer das Patriarchat angegriffen, welches auf unterdrückende maskulinen Strukturen beruhe. Wobei gesagt werden muss, dass die Benutzung des Wortes Patriarchat für die Beschreibung heutiger Lebenssituationen als amateurhaft erscheint, da wahres Patriarchat sicherlich für das römische Imperium oder das viktorianischen Königreich (Matriarchat) gegolten hat, aber für die Beschreibung heutiger Umstände wenig tauglich ist und offenbart, dass man absolut nicht verstanden hat, was Patriarchat in der menschlichen Geschichte wirklich bedeutet hat und somit bezeugt, dass hier möglicherweise zu wenig Geschichtswissen vorhanden sein mag. Weiterhin greift man gleichzeitig Weiblichkeit an, was normalerweise assoziiert wird mit Fürsorge und Kindererziehung. Das führt dazu, dass die einzige Möglichkeit für Frauen sich feministischen Thesen anzupassen, ist patriarchische Regeln zu adaptieren. Das Ergebnis ist die These, dass wenn das patriarchalische System durch Frauen betrieben werden würde, wäre dieses in Ordnung und erstrebenswert. Es ergibt sich also kein wahrer Wandel, sondern nur eine Transformation der Führerschaft. Damit erreicht man nicht einmal die geforderte Gleichstellung. Als Ergebnis kann man in Extremform von einem Matriarchat sprechen, das dem der Amazonen, der Irokesen, der Tuareg oder aus dem Tierreich den Bienenvölkern recht ähnlich wäre. Wie man im Gymnasium lernt, gibt es im matriarchalen System der Bienen die König(innen), die Arbeiterinnen und die männlichen Drohnen. Die Königin ist diejenige, die mit Gelee Royale aufgezogen wurde, mit größter Autorität versehen ist; Auf Menschen übertragen, diejenigen mit der höchsten Position innerhalb der weiblichen Geltungshierarchie. Die Arbeiterinnen sind der Königin untergeben und sorgen für das materielle Wohl des Volkes. Drohnen können sich nicht am Sammeln von Nahrung beteiligen, da sie keinen Nektar aufnehmen können, sind also fütterungsbedürftig und haben auch keinen Stachel. Sie sind einzig für die Begattung von Königinnen notwendig. Nach einer Begattung stirbt eine Drohne. Auch gibt es Drohnenschlachten, bei denen Drohnen nach der Sommersonnenwende nicht mehr in den Stock gelassen werden, als Folge durch Nahrungsmangel flugunfähig werden und schließlich verhungern. Zeitgenössische Menschen, denen die Ideale der Aufklärung bekannt sind, kann sich diese Form des Herrschaftssystems als ein nur ungenügendes darstellen. Es darf nicht Ziel der feministischen Bewegung sein, ein solches matriarchalisches System etablieren zu wollen, denn so ist diese nicht besser als ihre vermeintlichen patriarchalischen Unterdrücker.

Als alternativen Vorschlag würde ich das Prinzip der altgriechischen Isegoria (gr. ἰσηγορία) wieder stark machen wollen. Dieses Prinzip steht als Recht und Pflicht dafür gehört werden zu dürfen, ohne dass auf Herkunft, Alter oder politische Ausrichtung geachtet werden darf. Vielleicht wäre dies ein Gegenpol zur gegenwärtig hinzukommenden jeden rationalen Diskurs erdrückende politischen Korrektheit (die vorschreiben will, wer was sagen darf und was nicht), die insbesondere durch Aktionen wie dem Women’s March durch ihre postmodernistisch selbst ernannte machtpolitische Deutungshoheit und Opferanspruch manifestiert wird. Isegoria kann freilich nur Methode zur Besserung sein, aber sie wird nicht die Ursache lösen können. Ich würde vermuten, dass die Ursache mit der Vermischung der einst in patriar- und matriarchalischen Systemen getrennten sozialen Dominanz-Hierarchien von Männern und die Geltungs-Hierarchien der Frauen und die mit den Dominanz-Hierarchien verbundenen Aggressivität und biologische Rangordnung zusammenhängt. So würde ich behaupten, Männer ordnen ihre eigenen Dominanz-Hierarchien durch formale Dominanz mithilfe subtiler Signale (Status-Symbole) und durch agonistische Dominanz (aggressives und submissives Verhalten, Konkurrenz). Die Amygdala, die für das »fight-or-flight«-Prinzip zuständig ist, spielt hier sicherlich eine große Rolle. Die Rolle der Dominanz-Hierarchien oder der Amygdala, also die Biologie des Menschen, abzustreiten, wie dies in der Genderdebatte eine der Hauptthesen zu sein scheint (Das Geschlecht wäre sozial konstruiert und könne folglich modifiziert werden), erscheint mir als famos, wenn auch die Quantenphysik lehrt, dass queere Zustände in Wissenschaft und Gesellschaft durchaus vielleicht das wichtigste Phänomen mit ungelöster Erklärung unserer Zeit sind. Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurden Frauen durch entsprechend erkämpfte Rechte und Erfindungen von Haushaltsgeräten wie Waschmaschine, Elektroherd, Mikrowelle, Staubsauger oder Kühlschrank und in Zukunft entsprechende Haushalts- und Pflegeroboter, die das Führen eines Haushalts von einer körperlich sehr schweren Vollzeittätigkeit zu einer viel weniger zeitintensiven Nebentätigkeit gemacht haben, von ihren Pflichten im Haushalt befreit und so dem Arbeitsmarkt zugänglich gemacht. Als Folge strömten Frauen in Arbeitsbereiche und damit in Bereiche männlicher Dominanz-Hierarchien. Um dort nicht als Beute, sondern gleichberechtigte Mitbewerber wahrgenommen zu werden, adaptierte man männliche DominanzPrinzipien und trat in kapitalistischer Manier in Konkurrenz. Das Dilemma, welches dabei für den Mann entstand, ist, das dieser entweder weiterhin nur aggressives Verhalten oder submissives Verhalten zeigen kann. Im Falle des aggressiven Verhaltens, wäre er der böse Patriarch, der Frauenhasser, der Sadist oder gar Schläger. Im Falle des submissiven Verhaltens wäre er das Weichei, Schwächling, der Masochist oder Jammerer. Was tun Männer also, wenn man nach dem »flight-or-flight«-Prinzip der Amygdala nicht kämpfen kann? Sie mäandern zwischen Aggression und Submission oder fliehen, entziehen sich also der Situation, wie dies etwa auch die forensischen Psychologin Helem Smith in ihrem Buch »Men on Strike. Why men are boycotting  marriage, fatherhood and the Americam Dream and why it matters« oder der Schweizer Geschlechtsforscher Walter Hollstein in »Was vom Manne übrig blieb« konstatieren. Vielleicht sieht der Women’s March also die Probleme der falschen Seite der Münze. Vielleicht müsste man um das Unbehagen des Women’s March und der Frauen lösen zu können, gerade die männlichen Probleme anhören, das Männlichkeitsideal in der westlichen Gesellschaft überdenken und Probleme gemeinsam im isegorianischen Diskurs lösen. Vielleicht kommt man dann zurückblickend gar zu dem Ergebnis, das die feministische Bewegung des frühen 21. Jahrhunderts durch Aktionen wie #MeToo, #Aufschrei-Debatte oder Women’s March und die generell populäre Feinschaft gegenüber der Männlichkeit größeren Schaden als Nutzen erzielt hat.

 

1 vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_2017_Women%27s_March_locations (28.09.2017) vgl. https://www.womensmarch.com/sisters

2 vgl. https://www.nytimes.com/2016/11/19/us/womens-march-on-washington.html (28.09.2017) 3 4 vgl. https://www.womensmarch.com/mission (28.09.2017) vgl. https://www.womensmarch.com/s/WMW-Guiding-Vision-Definition-of-Principles-d5tb.pdf 5 (28.09.2017)

3. Vgl. https://www.womensmarch.com/s/WMW-Guiding-Vision-Definition-of-Principles-d5tb.pdf, 6 S.2 (28.09.2017)

http://www.artnet.com/artists/martin-kippenberger/was-ist-ihre-lieblingsminderheit-wen- 7 beneiden-sie-7INDGuS1RP6H7OMXplpN-g2 (04.11.2017) Seite 4

Vgl. https://www.womensmarch.com/s/WMW-Guiding-Vision-Definition-of-Principles-d5tb.pdf, 8 S.2 (28.09.2017)

Vgl. http://www.bpb.de/apuz/27889/maenner-als-opfer-von-gewalt?p=all (04.10.2017) 12 Vgl. https://web.csulb.edu/~mfiebert/assault.htm (05.10.2017) 13 14

Vgl. http://www.domesticviolenceresearch.org/ (05.10.2017)

Vgl. http://www.springerpub.com/w/social-work-counseling/unprecedented-domestic-violence- 15 study-affirms-need-to-recognize-male-victims/ (06.10.2017) 16

Vgl. http://insight.cumbria.ac.uk/id/eprint/1678/1/Bates_TestingPredictions.pdf, S. 28 17

Vgl. http://www.telegraph.co.uk/men/relationships/10927507/Women-are-more-controllingand-aggressive-than-men-in-relationships.html (05.10.2017) Vgl. http://www.vaterverbot.at/fileadmin/downloads/gewaltbericht_vaterverbot_2010.pdf, S.4 18 (17.11.2017) Seite 7

19 Ebd. S.4

20 Ebd. S.6

21 Ebd. S.6

22 Vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/ aktionsplan-ii-der-bundesregierung-zur-bekaempfung-von-gewalt-gegen-frauen/80626 (05.10.2017)

Vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/bekaempfung-von-gewalt-gegen- 23 frauen—deutsch-und-englisch/80628?view=DEFAULT (05.10.2017) Seite 8

24 Vgl. https://www.womensmarch.com/s/WMW-Guiding-Vision-Definition-of-Principles-d5tb.pdf, S.3 (28.09.2017) Vgl. https://dejure.org/gesetze/StGB/226a.html (06.10.2017) 25 Seite 9

Vgl. https://dejure.org/gesetze/BGB/1631d.html (06.10.2017) 26 27 Vgl. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_2.html (09.10.2017) Vgl. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html Art12a (09.10.2017) 28 Seite 10

Vgl. https://www.bop.gov/about/statistics/statistics_inmate_gender.jsp (31.10.2017) 29 Seite 11

Vgl. https://www.womensmarch.com/s/WMW-Guiding-Vision-Definition-of-Principles- 30 30 d5tb.pdf, S.3 (24.10.2017) Seite 12

Vgl. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/2017/02/ 31 Verdienstunterschiede_022017.pdf?__blob=publicationFile, S.44 (25.10.2017) Seite 13

Vgl. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/2017/02/ Verdienstunterschiede_022017.pdf?__blob=publicationFile, S.55f (25.10.2017) Vgl. https://www.iwkoeln.de/_storage/asset/102497/storage/master/file/2438016/download/IW- 33 PK%2014.1.13%20Statement.pdf (25.10.2017)

Vgl. https://www.iwkoeln.de/_storage/asset/102496/storage/master/file/2438015/download/IW- 34 Pressemitteilung%2014.1.13.pdf (25.10.2017)

35 Vgl. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_22_2015.pdf (2.11.2017)

36 Vgl. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_22_2015.pdf (2.11.2017) S.2 Seite 14

37 Vgl. http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2017/01/20/billionaire-george-soros-has-tiesto-more-than-50-partners-of-the-womens-march-on-washington/ (27.10.2017)

Vgl. http://www.washingtontimes.com/news/2017/mar/7/george-soros-gave-246-million- 38 partners-womens-marc/ (27.10.2017)

Vgl. http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2017/01/20/billionaire-george-soros-has-ties- 39 to-more-than-50-partners-of-the-womens-march-on-washington/ (27.10.2017)

40 Thomas Edlinger, Der wunde Punkt – Vom Unbehagen an der Kritik, Berlin, 2015, S. 33 41 Ebd., S. 19 Seite 17

9 Gedanken zu “Women’s March Analyse der Forderungen und deren Realitäten (Gastartikel)

  1. Erst einmal vielen Dank an den Autor für den Gastartikel.
    Ich freue mich, wenn Leute sich auch mit längeren Artikeln melden (und ich hoffe ich habe die Fußnoten nicht zu sehr versaut, im Original waren sie unten den Seiten und alle Fehler und Unübersichtlichkeiten sind mein Fehler bei der Übertragung)

    „Das Dilemma, welches dabei für den Mann entstand, ist, das dieser entweder weiterhin nur aggressives Verhalten oder submissives Verhalten zeigen kann. Im Falle des aggressiven Verhaltens, wäre er der böse Patriarch, der Frauenhasser, der Sadist oder gar Schläger. Im Falle des submissiven Verhaltens wäre er das Weichei, Schwächling, der Masochist oder Jammerer. Was tun Männer also, wenn man nach dem »flight-or-flight«-Prinzip der Amygdala nicht kämpfen kann? Sie mäandern zwischen Aggression und Submission oder fliehen, entziehen sich also der Situation, wie dies etwa auch die forensischen Psychologin Helem Smith in ihrem Buch »Men on Strike. Why men are boycotting marriage, fatherhood and the Americam Dream and why it matters« oder der Schweizer Geschlechtsforscher Walter Hollstein in »Was vom Manne übrig blieb« konstatieren. Vielleicht sieht der Women’s March also die Probleme der falschen Seite der Münze. Vielleicht müsste man um das Unbehagen des Women’s March und der Frauen lösen zu können, gerade die männlichen Probleme anhören, das Männlichkeitsideal in der westlichen Gesellschaft überdenken und Probleme gemeinsam im isegorianischen Diskurs lösen.“

    Ich würde sagen, dass Männer sicherlich untereinander anders Hierarchien bilden als Frauen, und das diese durchaus über ein gewisses internes Rangsystem funktionieren, wobei der Rang nicht absolut ist, sondern in der jeweiligen Situation ausgehandelt wird.
    Frauen haben einen anderen Ansatz und dann kommt auch noch Sex dazu.
    Das kann das Zusammenspiel natürlich schwierig machen

  2. @Martin Kreitl

    Du zitierst eine Studie bezüglich Gewalt, in der es heisst:

    »Übersicht „Studien: Severe Violence” gibt die Ergebnisse von 94 Studien und Untersuchungen hinsichtlich schwerer Gewaltformen („severe violence“) wieder. Ähnlich wie bei „minor violence“ lässt sich auch hier die Beobachtung machen, dass ein höherer Anteil an Frauen schwere Gewalt gegenüber einem Intimpartner gebraucht als umgekehrt. Das Verhältnis von Männern und Frauen im Hinblick auf „verübte Gewalt“ ist 47% zu 53%. Bei erlittener Gewalt ergibt sich hinsichtlich der Geschlechterverteilung folgendes Bild: 52,3% Männer gegenüber 47,7% hatten schwere Gewaltformen durch Intimpartner erlitten.«9

    Also bei dieser Aussage wäre ich dann schon noch vorsichtig. Wenn wir den Tatbestand der Häuslichen Gewalt in Deutschland nehmen, dann sind die Todesopfer ca. zu 80% Frauen und zu 20% Männer, was das Hellfeld anbelangt. Nun dürfte es vermutlich so sein, dass gerade bei Gewaltdelikten mit vollendeter Tötung quasi nicht sehr viel im Dunkelfeld verbleibt, das Hellfeld also die Realität sehr gut abbildet. Weil es dürfte vermutlich auch jeder Hausarzt auf die Idee kommen, wenn er Gewaltspuren an einer Leiche findet, dass der Tote vermutlich nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern im Zusammenhang von Gewalt. Anders sieht das bei älteren, hilfsbedürftigen Menschen aus, wo man nur ein bisschen die Dosis der Medikamente verändern muss und schon geht der Hausarzt davon aus, dass die Person eines natürlichen Todes gestorben ist. Wir also ein hohes Dunkelfeld haben, wo Tötungsdelikte überhaupt nicht festgestellt werden.
    Soll heissen: Ich gehe davon aus, dass bei Häuslicher Gewalt, wenn es zu wirklich sehr schwerer Körperverhetzung kommt oder schwerer Körperverletzung mit Todesfolge kommt, die Männer tatsächlich viel weniger Opfer sind und Männer vermehrt Gewalt einsetzen, die vermehrt zum Tode führt. Anders lässt sich m.E. nicht erklären, weshalb Frauen, insbesondere bei Tötungsdelikten im Häuslichen Bereich im Hellfeld ca. 80% der Todesopfer ausmachen. Soll heissen, Dein Zitat dürfte so nicht richtig sein. Oder Du müsstest erklären, weshalb es im Hellfeld bei Häuslicher Gewalt viel weniger Männer als Todesopfer gibt als Frauen.

    • Wieviel Prozent der Delikte sind den Tötungsdelikte und wieviele davon haben Männer als Opfer?

      Von diesem verschwindend geringen Prozentsatz an Delikten, bzw. Arten zu Tode zu kommen haben Frauen eine sehr kleinen Anteil. Das als Beweis für eine Geschlechterverhältnis anderer Gewaltdelikte zu nehmen ist m.E. sehr unwissenschaftlich. Z.B. gab es laut Wikipedia 662 Tötungsdelikte im Jahre 2011 in Deutschland gegen 10.738 Suizide im selben Jahr.

      • Vielleicht sollte man bei der Gewalt bei Partnerschaften bzw. Häuslicher Gewalt bleiben, und nicht noch die Suizide miteinbeziehen, weil sonst reden wir gleich über alles und nix.
        Es macht m.E. schon einen Unterschied, ob die Gewalt in Form leichter Körperverletzung, schwerer Körperverletzung oder Körperverletzung mit Todesfolge ist. Totschlag bzw. Mord sind die Delikte, die am härtesten bestraft werden und die Qualität der Gewalt muss sicherlich auch mitberücksichtigt werden.

  3. „Im ersten und zweiten Statement werden Frauenrechte gleich Menschenrechten gesetzt. Hier stellt sich gleich zu Beginn die eindringliche Frage, die sich im weiteren Verlauf des öfteren noch stellt: Warum muss man sich für Frauenrechte heutzutage noch explizit stark machen?“

    @Martin – gleich hier läufst du falsch, indem du ohne eingehend zu hinterfragen was die meinen, zum Schluss springst und verneinend fragst, ob man sich für „Frauenrechte heutzutage noch explizit stark machen“ muss….

    Man muss, bislang sind die Menschenrechte nämlich noch nicht durch Frauenrechte *ersetzt* und genau das ist das politische Ziel des Feminismus: das allgemeine Menschenrecht abzuschaffen und durch ein völlig neues Privilegiensystem zu ersetzen, welches sie „Soziale Gerechtigkeit“ nennen und in dem Menschen rein nach kollektiven Merkmalen eingestuft werden, nach Geschlecht, Rasse und Religion. Wobei letzteres untrennbar „intersektional“ miteinander verknüpft wird.

    Dass die Feministinnen das Menschenrecht abschaffen wollen wird schon durch die Rhetorik klargemacht, in der Menschenrechte und Frauenrechte *absolut* gleichgesetzt werden. Aus diesem Grund wird die Gleichsetzung umgedreht wiederholt:

    Frauenrechte sind Menschenrechte und Menschenrechte sind Frauenrechte.

    Das bedeutet, dass es nichts anderes als Frauenrechte geben soll und das diese die Menschenrechte schlechthin sein sollen, die gleich im Folgenden als Arten von Gerechtigkeit im Rahmen der Identitätspolitik umgedeutet werden, als „Gender Justice“, „Social Justice“ und XYZ-Justice. Die Idee der *Rechte* wird durch die der *Gerechtigkeit* ersetzt. Ein statischer, auszudeutender Begriff, das Recht, soll einem dynamischen, frei ausstaltbaren, weichen. Das Recht soll damit aufgelöst und unter Bedingungen gestellt werden. Rechte sollen nur gewissen Gruppen zukommen, wie eben den „Frauen“.

    Diese rhetorische Figur der Wiederholung einer gleichsetzenden Aussage, bei der die beiden Elemente die Position wechseln ist meiner Meinung nach aus Shakepears „Macbeth“ entlehnt und stammt aus der berühmten Eingangsszene der sich verschwörenden Hexen, den Macbeth (via seine Frau) zum Königsmord anzustiften:

    „fair is foul and foul is fair“

    Was natürlich ganz und gar dem „Humor“ der Feministinnen entspricht.

    Die Femis sind also gleich mit diesem Vorwurf zu konfrontieren, dass sie das Menschenrecht abschaffen wollen. Es ist ihnen vorzuwerfen, dass sie die Ideen von Emanzipation und Gleichberechtigung umdeuten wollen und zu einem System aus unbedingter Gefolgschaft und unbedingtem Glauben daran umformen.

  4. @Martin

    Und hier scheint dein zentraler Denkfehler zu liegen:

    „Was vielmehr angepackt werden sollte, ist die Rückkehr zur authentischen Vision der 1960iger Jahre, die auf ein Bewusstsein setzte, welche Dinge wie Gender, Rasse und Ethnien auf transzendentale Weise überstieg. Dies war einst das große Prinzip des Westens und beruhte auf Respekt für die Vorherrschaft des individuellen Bewusstseins.“

    Genau dieser radikale Subjektivismus des *individuellen Bewusstseins* ist das Kernproblem, weshalb die emanzipatorische Bewegung in den 60ern fehl lief und „regressiv“ wurde, also sich mit Ideen volltanken konnte, die aus der politischen Rechten stammen und immer antiemanzipatorisch waren.

    Das „individuelle“, „erweiterte“ oder RICHTIGE (im Gegensatz zum falschen) Bewusstsein ist nämlich das Gegenteil von prüfender und hinterfragender Rationalität. Es geht beim „richtigen Bewusstsein“ darum durch Meditation, LSD-Konsum oder durch die Geburt als Frau unhinterfragbar und existenziell an einer höheren Wirklichkeit teilzunehmen. Keineswegs soll das Bewusstsein lediglich Mittel zur Analyse objektiv gedachter Realitäten sein – im Gegenteil, der Rationalismus wird durch die Anhänger eines „richtigen Bewusstseins“ als „unvollkommen“, „unterdrückerisch“ usw abgelehnt und das Bewusstsein absolut gesetzt.

    „Das grosse Prinzip des Westens“ war der Rationalismus, der, seitdem es ihn gibt immer wieder bekämpft wurde. Der letzte grosse backlash ist die leider hegemonial gewordene „progressive“ Idee eines „höheren Bewusstseins“, welches das Zeitalter der Moderne überwinden sollte, um etwa die angebliche Ungenügendheit eines kalten ökonomischen Denkens zu überwinden.

    Das Produkt dieses irrationalen Denkens um das richtige, praktisch „allwissende“ Bewusstsein ist daher – und sollte immer offensichtlicher werden – die Demontage der westlichen politischen Institutionen, der Idee der gleichen Rechte, von Unschuldsvermutung (die ja im Grunde ein Eingeständnis eines unvollständigen Bewusstsein ist) und natürlich auch der Ideen von Wahrheit und Gerechtigkeit.

  5. Herzlichen Dank für die ausführliche Analyse und die viele Arbeit!

    Frage – im Haupttext oben steht: „Da die Märsche unmittelbar an das Event der Amtseinführung Trumps gekoppelt waren, lässt sich wohl kaum abstreiten, dass sich die Forderungen nicht an Trump und dessen Administration richten würden, auch wenn man dies dementiert.“

    Hab‘ ich’s falsch verstanden – oder ist da ein „nicht“ zuviel? Mir kommt es so vor, als müßte es eher heißen:

    „… dass sich die Forderungen an Trump und dessen Administration richten würden, …“ ?

  6. Ein schöner aber auch sehr langer Text. Ich bin mal so frei, sehr selektiv Kernpunkte daraus zu zitieren und zu kommentieren:

    „Der Women’s March zeigt mit seiner Haltung entweder Unkenntnis der Geschichte und damit Bildungsmangel oder Ignoranz und Opportunismus.“

    Bestimmt beides, mit Tendenz zu letzterem.

    „wie durch die explizite Aufzählung der einzelnen möglichen Identitätsfragmente versucht wird diese zu inkludieren (»including Black women, Indigenous women, poor women, immigrant women, disabled women, Muslim women, lesbian, queer and trans women«)“

    Ich denke, dies kommt aus „internen“ Diskursen des Feminismus heraus, wo ja teilweise sehr heftig die Fixierung auf Probleme der materiell gut situierten Schneeflöckchen der ersten Welt kritisiert wird. die explizite Inkludierung soll solchen Kritiken den Wind aus dem Segel nehmen.

    „Was wir stattdessen erleben, ist die komplette Abschaffung der persönliche Verantwortung und die Eingliederung in die Mitgliedschaft rudelähnlicher Gruppierungen, insbesondere in solche, die sich selbst als Opfer sehen.“

    Hmm, schwer zu sagen. Erstmal ist nicht erkennbar, dass sich die Teilnehmerinnen vollständig und dauerhaft in ein Insektenstaats-ähnliches Kollektiv einbringen wollen. Eher scheint es eine temporäre, sicher auch oftmals von Opportunismus oder Hedonismus (dem guten Gefühl in der masse mitzumarschieren) getriebene Darstellung zu sein. Kurzum: Nach dem „march“ wird die Vaginamütze in den Schrank gelegt und jede kämpft wieder für sich um die geilsten Fummel im sale.

    „Erstens sollte ein Narrativ gegen Gewalt jeglicher Form fokussiert werden und wie man es sich bei der Genderdebatte eigentlich wünschen würde, genauer hinzuschauen als nur das Pauschalnarrativ der Kriminalstatistik.“

    Das eigentliche narrativ ist doch die im Romantizismus des Westens verortete idealisierung des Weibes zur reinen Frau. siehe die Publikation von Christoph Kucklick hierzu.

    „Es zeigt sich beim Thema der Genitalverstümmelung recht deutlich, dass es im deutschem Recht enorme Unterschiede in der Bewertung dieser gibt.“

    Ist allerdings nur eine Minderheitenposition aus globaler Perspektive. Und zudem ein legislativer Klaps weißer Frauen auf den dicken Hintern von Negerinnen, die derartige Inaugurationsrituale pflegen. Könnte man auch neo-kolonialistisch und rassistisch framen, aber das ist schon zuviel der Logik für wohlstandsverwahrloste und pseudoindividualisierte Feministas…

    „Ein zweites Beispiel einer mangelnden Geschlechtergerechtigkeit in deutschen Recht ist die im Grundgesetz verankerte Pflicht zum Wehrdienst. “

    Ja. Schweden und Norwegen haben hier bereits die Masterpläne umgesetzt um dies abzustellen. Werden wir auch brauchen, schon aus demografischen Gründen.

    „Man denke da nur an Guantanamo, welches die Janusköpfigkeit der Vereinigten Staaten offenbart.“

    Hmm, jein. Guantanamo ist ja ein Konzentrationslager welches extra etabliert wurde um die Insassen dem regulären Justizsystem zu entziehen.

    „Es ist unverständlich, warum man sich als Frauenbewegung beschwert, dass hier Frauen benachteiligt werden würden, außer man würde polemischerweise auch in Gefängnissen Gleichstellungsquoten fordern.“

    Gemeint war wohl als unausgesprochene Forderung eher, Frauen grundsätzlich von Inhaftierung zu verschonen.

    „Die Sinnhaftigkeit der unbereinigten GPG zur Argumentation von Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist gering. Denn es funktioniert auf der Ebene des Vergleichs zwischen Äpfel und Birnen“

    Die Sinnhaftigkeit liegt in dem hohen Emo-Faktor solcher Argumentationen. Dadurch docken sie leicht in den Köpfen der Menschen an und sitzen dann als Meme fest. Eine virtuelle Hirn-Amöbe sozusagen.

    Ausserdem wird das Theme von zwei Seiten am leben erhalten: Manche Frauen möchten gerne Männergehälter bei Frauenarbeit. Andere Akteure zielen eher auf Frauengehälter für Männer ab 😉

    „Was man stattdessen tut, ist eine Spirale der Kritik zu gestalten, die nur zur Verdrossenheit und erzwungenen Korrektheit führt, aber keineswegs zu wirklicher Verbesserung der Sachverhalte. Man bewegt sich so auf eine Relevanzsingularität zu. Die ist der Endpunkt der Kritikspirale.“

    Klasse formuliert.

    „Es stellt sich die Frage, warum Menschen, die beim Women’s March mitgewirkt haben, sich dafür bereitstellen.“

    Weil es sich gut anfühlt?

    „Vielleicht müsste man um das Unbehagen des Women’s March und der Frauen lösen zu können, gerade die männlichen Probleme anhören, das Männlichkeitsideal in der westlichen Gesellschaft überdenken und Probleme gemeinsam im isegorianischen Diskurs lösen.“

    Nein, eine Änderung des Männlichkeitsideals oder gar eine Änderung der Männer ist seitens der Frauen nicht erwünscht. Es würde ihnen massiv schaden, denn die westliche Rolle von „Frau“ lässt sich nur auf dem Rücken von Männern spielen. Irgendeiner muss ja den Müll rausbringen und Spinnen entfernen…

  7. Es stellt sich die Frage, warum Menschen, die beim Women’s March mitgewirkt haben, sich dafür bereitstellen.“

    Weil es sich gut anfühlt?

    ja für Frauen schon klar ,
    aber es haben daneben ja tatsächlich auch Menschen, also Männer daran Teil genommen, was hat die dazu bewegt ?

    Ansonsten Hut ab Klasse Arbeit in Inhalt und Fleiß der Gastbeitrag

    Eine Kleine Kritik an diesem Punkt
    „Dass in der Vergangenheit Frauenrechte den Rechten der Männer nicht ebenbürtig waren, ist vollkommen korrekt und kann und sollte nicht abgestritten werden. Man denke da an die in Deutschland relativ späte Einführung des Frauenwahlrechtes 1918,…“

    Das war natürlich kein Schritt in Richtung Gerechtigkeit, sondern ein weiterer Schritt in Richtung Ungerechtigkeit für Männer, da ja nicht gleichzeitig die Wehrpflicht für Frauen eingeführt wurde. Und das unmittelbar nach den unsäglichen Gemetzel des ersten Weltkrieges.
    Das zeigt mutmaßlich, ich kann hier nur mutmaßen, zweierlei. erstens eine unsinnige Heilserwartung gegenüber den Frauen, das diese vernünftiger besser wählen als Männer.
    Und zweitens eine erstaunliche Blindheit des durchschnittlichen Heterosexuellen Mannes für seine Arschkartenrolle im Spiel des Lebens so wie es in dieser Gesellschaft im Mainstream praktiziert wird. Der bedankt sich buchstäblich noch dafür in die Fresse zu bekommen, einfach krank.

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