Die Kultur eines Landes

Im Rahmen der Debatten um Einwanderung und AfD ging es auch immer wieder um „Deutsche Kultur“, „Deutsche Leitkultur“ etc.

Was unterscheidet uns von anderen Kulturen, was ist „Spezifisch deutsch“?

Klassische Vorurteile sind, dass Deutsche

  • Direkt sind, so direkt, dass es teilweise als unhöflich empfunden wird
  • Regeln und Strukturen lieben
  • pünktlich sind
  • man schwer mit ihnen warm wird/sie distanziert sind
  • keinen Humor haben

Auf der Einwanderungsebene wird man hingegen eher auf klassische Werte der westlichen Welt wie eine vergleichsweise abgemilderte Religiösität, die eher Privatsache ist, Gleichberechtigung und Liberalität abstellen. Da geht es um Werte, bei denen wir uns nicht von Amerikanern, Briten der Franzosen unterscheiden. Und die meisten haben auch nichts dagegen, wenn wir französische oder amerikanische Einflüsse in unser Gesellschaft erleben.

62 Gedanken zu “Die Kultur eines Landes

  1. Für mich ist Deutschland die Nation des schlechten Gewissens, vor allem anderen Nationalitäten gegenüber. Schlechtes Gewissen aus kantischem Pflichtbewußtsein.

    Es die Nation der Verzagten, der Gehemmten, der Verhinderten. Deshalb die Nation der Dichter und Denker, eigentlich nur der Träumer.

  2. Interessant ist es, wenn man sich mit Menschen aus dem Ausland unterhält, was typisch deutsch ist.
    Ich war während meines Studiums Mitglied eines internationalen (Gruppen in 28 Ländern und über 60 Städten) Vereins von Studenten und wir haben auf Veranstaltungen oft genau darüber gesprochen. Und im direkten Kontakt merkt man häufig auch, dass viele Vorurteile eben nicht nur das, sondern gut begründet sind.
    Bei Versammlungen hieß es dann häufig „Be on time! German Time!“ was dann bedeutete, tatsächlich pünktlich zu sein.
    Gerade das ist alles andere als ein Vorurteil.
    Weitere Dinge hast du schon genannt. Als negativ würde ich noch hinzufügen, dass deutsche oft sehr kleinlich sind und selbst im Urlaub jeden Cent umdrehen, daher schwer etwas genießen können.

    Zur deutschen Kultur gehören nach meinem Verständnis aber auch gewisse Gäste und Bräuche. Was sich allerdings regional unterscheidet. Das wichtigste ganz Deutschlandweit ist das Weihnachtsfest und die damit verbundenen Weihnachtsmärkte, auch Ostern und das damit verbundene Eiersuchen ist deutsches Brauchtum.

    Ich fände es schön für, wenn man eine deutsche Kultur zumindest im Groben definieren würde und diese auch Menschen, die aus dem Ausland kommen vorstellt. Nicht unbedingt mit der direkten Aufforderung, ihre musst das gut finden und auch so werden. Aber mit der Aussage, dass Deutschland eben so aussieht, das alles mit Deutschland verbunden ist und man das akzeptieren und respektieren muss.

    • „Ich fände es schön für, wenn man eine deutsche Kultur zumindest im Groben definieren würde und diese auch Menschen, die aus dem Ausland kommen vorstellt.“

      Das ist nicht möglich, da „Kultur“ ein Prozessbegriff ist, sie wird von den Menschen gemacht, die aktuell leben und in der Vergangenheit verwurzelt sind und geprägt wurden. Versuchtest du das zu konkretisieren, würdest du nur eine schnell alternde Parodie schaffen.

      Die schwere Fassbarkeit ist es auch, was viele dieses wichtige Thema ausblenden oder leugnen lässt.

      Was Zuwanderer betrifft, gilt für mich folgendes:

      1) sie müssen die Sprache lernen (um überhaupt an die Kultur, d.h. an die hier lebenden Menschen, Anschluss finden zu können)

      2) sie selbst sollten den Anschluss suchen und sich nicht in Parallelkulturen flüchten (das geht umso besser, je weniger einer Ethnie gleichzeitig hierherkommen und je weniger wir Parallelkulturen akzeptieren oder gar fördern, Multikulti ist daher genau das falsche)

      3) wenn sie Anschluss gefunden haben, prägen sie die Kultur automatisch mit und geben ihr neue Einflüsse und Richtung, entsprechend ihrer eigenen Verwurzelung, es ist an UNS, zu bestimmen, in welcher Richtung WIR unsere Kultur entwickelt sehen wollen, mehr asiatisch, mehr arabisch, mehr afrikanisch etc.

      Mehr kann man nicht tun.

      • „Das ist nicht möglich, da „Kultur“ ein Prozessbegriff ist, sie wird von den Menschen gemacht, die aktuell leben und in der Vergangenheit verwurzelt sind und geprägt wurden. Versuchtest du das zu konkretisieren, würdest du nur eine schnell alternde Parodie schaffen.“
        Ich sehe das nicht so (und verstehe Miria nicht so) dass eine solches „eine deutsche Kultur zumindest im Groben definieren “ etwas unabänderliches und auf ewig statisches zu sein hat. Aber es ist auch nicht so flüchtig, dass es „mit der Mode“ geht und nächstes Jahr schon völlig anders ist. Etwas wie eine deutsche Kultur, wie sie die gegenwärtige Generation (samt ihrem Stand in der Geschichte) für sich versteht und v.a. lebt, würde sich durchaus konkretisieren lassen, und dasist für die meisten Nationen völlig normales. Wenn ewas gegenwärtig „typisch deutsch“ ist, dann der Umstand, sich genau damit besonders schwer zu tun – was mal wieder mit der erwähnten „Kultur des schlechten Gewissens“ zusammenhängt.

        • Ich bin der Meinung, dass es unmöglich ist. Wenn du die Debatten um die „Leitkultur“ verfolgst, siehst du das doch. Immer wenn jemand etwas gefunden zu haben glaubt, brüllt jemand: ICH ABER NICHT!

          Du bekommst eine Kultur nicht zu fassen, sie existiert nur in den Köpfen der Leute und manifestiert sich nur durch Handlungen. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht existiert!

          Selbst auf die „schlechtes Gewissen“-Kultur trifft das zu. Mit der AfD ist erstmals eine Partei im Parlament, die (endlich!) den Umgang mit der Vergangenheit normalisieren möchte. Ist die AfD also nicht „deutsch“?

          Und was nützt dir so eine negative Festlegung bei der Assimilation von Fremden? Die werden nur abgestoßen dadurch.

          Versuch doch mal die deutsche Kultur im Groben zu definieren und dann beobachten wir die Diskussion 😉

          • „Mit der AfD ist erstmals eine Partei im Parlament, die (endlich!) den Umgang mit der Vergangenheit normalisieren möchte.“

            Nein, die wollen nicht „den Umgang mit der Vergangenheit normalisieren“, die wollen sie wiederholen. Wer angesichts der offenen Nazis in dieser Partei nicht angewidert ist, ist entweder dumm wie Brot oder selber einer.

          • @stormking:

            „Nein, die wollen nicht „den Umgang mit der Vergangenheit normalisieren“, die wollen sie wiederholen.“

            Das schlussfolgerst du woraus? Deren Parteiprogramm enthält die Forderung nach direkter Demokratie, sie wollen die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaates wieder herstellen und dass die (wie die Nazis) irgendwie „sozialistisch“ wären, behauptet nichtmal die Linke.

            „Wer angesichts der offenen Nazis in dieser Partei nicht angewidert ist“

            Du beziehst dich dabei auf wen und welche Äußerungen? Ich schaue so gut wie keine MSM, daher bin ich über den aktuellen Propagandastand nicht unterrichtet. Ich hoffe du hilfst mir auf die Sprünge…

            „ist entweder dumm wie Brot oder selber einer“

            Zeig du erstmal, ob du dumm wie Antifa bist oder irgendwas zwischen den Ohren hast.

  3. „Was unterscheidet uns von anderen Kulturen, was ist „Spezifisch deutsch“?“

    Das darfst du nicht uns Deutsche fragen, das können nur Menschen einschätzen, die uns von außen sehen.

    Genau genommen sind die Deutschen ja auch nicht ein Volk mit einer Kultur, sondern ein Vielvölkerstaat. Auch wenn das über die Jahrzehnte seit Bismarck reichlich abgeschliffen ist, kann man noch jede Menge Unterschiede in der Denkweise etwa von Bayern und Pommern finden, wenn auch nicht unbedingt in den Städten (dort gibt es überwiegend nur die jeweils aktuelle Kommerz- und Imperialkultur).

    Von der Seite die man objektiv betrachten und historisch belegen kann, muss man nämlich feststellen, dass die Deutschen, spätestens seit der Reichsgründung, keine wirkliche Identität entwickelt haben, wie andere Völker. Es gibt sogar eine eigene Redewendung für dieses Manko: „die deutsche Frage“ nennt man das. Wie sollten sie auch? Die Identität hängt zum größten Teil an der Sprache und „Hochdeutsch“ ist bereits eine künstliche Überstülpung. Österreichern und Schweizern billigt man etwa einen eigenen Wortschatz zu, den deutschen Dialekten gegenüber, ist man nicht so freundlich.

    Und es scheint so, dass die Deutschen sich selbst nicht mögen, sich beargwöhnen, gegenseitig verachten und mit dem Obrigkeitsstaat in Hassliebe verbunden sind (in Deutschland wurde, mehr oder weniger, die soziale Absicherung erfunden). Die Deutschen sind mehrheitlich xenophil, sie mögen andere Kulturen, auch wenn sie (bis vor kurzem) klug genug waren, die nicht hierher zu holen.

    Man kann diese uralte Tendenz am besten in der Literatur finden, Fallersleben (der unsere Nationalhymne geschrieben hat) beschäftigte sich intensiv mit dem Thema. Beurteilt selbst, wie gut er den Punkt trifft, etwa in:
    „Deutsche Freiheit lebet nur im Liede.
    Deutsches Recht – es ist ein Märchen nur!
    Deutschland’s Wohlfahrt ist ein Friede
    voll von Willkür und Zensur!

    Drum zieh’n wir aus dem Vaterlande,
    kehren nie und nimmer mehr zurück.
    Suchen Freiheit uns im fremden Lande:
    ‚Freiheit‘ ist nur Leben – ist nur Glück!“

    • Das darfst du nicht uns Deutsche fragen, das können nur Menschen einschätzen, die uns von außen sehen.

      Der Schuldkult ist schon etwas spezifisch Deutsches. Zwar betrachten und thematisieren auch andere Länder die dunklen Flecken ihrer Geschichte, aber so wie in Deutschland sehe ich das nirgends, lasse mich aber gern korrigieren. In der extremsten Ausprägung („Deutschland verrecke“ etc.) steigert es sich zu einem Selbsthass. Daraus kann nichts Gutes entstehen. Selbstkritische Betrachtung der eigenen Geschichte ist sicher besser als dumpfer Hurrapatriotismus, aber diese Nazihysterie, die überall Nazis sieht, die ist nur destruktiv. Das ist übrigens etwas, was sich in den USA („Antifa“) etabliert hat, somit ein kultureller Einfluss auf die USA von Deutschland ist. Mir scheint, dass sich das Trauma der Niederlage im WWII mit seinen verheerenden Zerstörungen vererbt, gerade weil die Aufarbeitung zu einem Schuldkult wurde.

      • „Mir scheint, dass sich das Trauma der Niederlage im WWII mit seinen verheerenden Zerstörungen vererbt, gerade weil die Aufarbeitung zu einem Schuldkult wurde.“

        Erst während der letzten Jahre wurde das genaue Ausmass der Vernichtung anderer Menschen im WWII entsprechend gewürdigt. Ich als Aussenstehender kann nicht verstehen, wieso man den Islamisten eine Besserung abspricht, wo doch gerade Deutschland damals die 180°-wende geschafft hat.

        Und wenn ich lese was man in Griechenland so über Deutschland denkt und wie sehr wieder einmal Deutschland eine Führungsposition in der EU für normal hält, kann ich darin kaum eine gesprochen, dass die Narben des WWII immer noch andauern in allen beteiligten Ländern.

        Noch vor ungefähr 10 – 15 Jahren hatten noch viele Angst vor der Wiedervereinigung.

        Meine Sichtweise ist eher „Schamm drüber“ aber ich verstehe auch die Leute, die rechte Tendenzen in Deutschland stärker wahrnehmen als anderswo.

        Aber diese Einschätzung:

        •man schwer mit ihnen warm wird/sie distanziert sind
        •keinen Humor haben

        teile ich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil sind die meisten Deutschen weltoffen, warmherzig und haben Humor, zumindest den Humor den ich mag.

        • „Erst während der letzten Jahre wurde das genaue Ausmass der Vernichtung anderer Menschen im WWII entsprechend gewürdigt.“

          Wie kommst du darauf?

          „Ich als Aussenstehender kann nicht verstehen, wieso man den Islamisten eine Besserung abspricht, wo doch gerade Deutschland damals die 180°-wende geschafft hat.“

          Hat es nicht, es wurde besiegt, besetzt und gehirngewaschen. Im Übrigen war das dritte Reich eine brutale und verlogene Diktatur, wieviele die aus Überzeugung getragen haben, kann man nicht seriös beziffern.

          Der Islam ist eine religiöse Ideologie, die nach einem ganz anderen Muster funktioniert. Lies doch mal die alarmistischen Artikel, die Leute wie Imad Karim schreiben. Die haben schonmal eine Islamisierung mitgemacht, kennen die Leute, die Mentalität und die Religion und wissen von was sie reden. Als Dankeschön werden sie bei FB gesperrt…

          „Und wenn ich lese was man in Griechenland so über Deutschland denkt und wie sehr wieder einmal Deutschland eine Führungsposition in der EU für normal hält, kann ich darin kaum eine gesprochen, dass die Narben des WWII immer noch andauern in allen beteiligten Ländern.“

          Die Narben platzen Dank EU und Euro wieder auf. Was die „wir brauchen die EU für den Frieden“-Deppen natürlich nicht abhält, eine weitere „Vertiefung“ zu fordern. Vielleicht hoffen sie, die Kulturen aufzulösen, bevor die Situation eskaliert.

          „•man schwer mit ihnen warm wird/sie distanziert sind
          •keinen Humor haben
          teile ich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil sind die meisten Deutschen weltoffen, warmherzig und haben Humor, zumindest den Humor den ich mag.“

          Sehe ich ähnlich, allerdings ist das Spektrum sehr weit, ein Rheinländer ist ganz anders als ein Sachse. Chemnitz, meine Geburtsstadt, ist angeblich die Stadt in Deutschland, in der am wenigsten gelacht wird. Und wie soll ich sagen: ich kann das bestätigen, zumindest im öffentlichen Raum ist das schon so. Es bessert sich langsam, aber die Leute haben eine seltsam verbiesterte Mentalität und sind nicht sonderlich höflich, Dresden sieht aber schon wieder ganz anders aus.

          Distanziert sind Deutsche m.E. schon sehr (mit Ausnahme der Rheinländer). Man merkt das selbst erst, wenn man mal irgendwohin zieht und versucht sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Da sind andere Völker sehr viel kommunikativer.

          Ich habe mal einen Schwarzen mitgenommen, der hier im Schwarzwald trampte (war noch vor der 2015er Schwemme) der hat mir dann gleich angeboten, mich mal zu besuchen usw. das würde ein Deutscher nie machen, man findet das regelrecht aufdringlich. Eine schwarze Kommilitonin hat mir das bestätigt, sie vermisste Afrika, da sie die Distanziertheit hier nicht gewohnt war.

  4. Ich mag gewisse Aspekte unsere Kultur. Unsere Pünktlichkeit, die Tatsache dass wir im öffentlichen Raum vglws leise sind (man fahre z. B. mal nach Italien), dass die Müllabfuhr gut funktioniert, dass wir nicht Kamele auf dem Marktplatz schlachten und Schwule nicht von Hausdächern werfen.

  5. Typisch deutsch ist der Schuldkult, der es einem fast schon verbietet, deutsche Flaggen zur Weltmeisterschaft (2006) zu hissen. Ja darf man denn als Tätervolk so viel Nationalstolz zeigen?
    Nein, darf man eigentlich gar nicht. Stolz kann man auf eine Eigenschaft, eine Leistung oder ähnliches sein. Nicht aber auf den Zufall, dass gerade die richtigen Männlein und Weiblein mit der richtigen Nationalität zusammen gefunden haben.

    Typisch deutsch ist auch die „German Angst“, die uns langsam in eine Hysteriegesellschaft wandelt, wie es teilweise in den USA schon der Fall ist. Wenn dann Denunziantentum dazu führt (auch darin sind wir Deutschen groß – man denke an rottenneighbor.com), dass Eltern verknackt werden, nur weil sie ihre Kinder unbeaufsichtigt vor dem Haus haben spielen lassen, dann ist unsere Welt sicherlich perfekt.
    So kommt es dann auch, dass in einer Bäckerei ein riesiges Polizeiaufgebot einschlägt, weil ein ein böser Flüchtling, aaah sorry, ein böser Islamist seine Plastikeinkaufstüte vergisst – und alle Welt mutmaßt, darin müsse sich eine Bombe befinden.
    Man hätte natürlich auch mal kurz reinschauen können. 😉

    Typisch deutsch ist wohl immer noch die Obrigkeitshörigkeit, auch wenn sie durchaus ebenfalls nachgelassen hat. Aber zumindest so lange man noch nach unten treten kann (auf die Hartzer und die dann zusammen mit den anderen auf die Flüchtlinge), wird fleißig nach oben gebuckelt.

    Pünktlichkeit würde ich nicht mehr zu typisch deutsch hinzuzählen. Einerseits wird sie zwar noch gern gesehen, wenn nicht sogar verlangt, allerdings scheint spätestens jetzt eine Generation verzogener, verwöhnter Rotzgören erwachsen geworden zu sein. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hat meiner Ansicht nach längst nicht mehr den ursprünglichen Stellenwert, den sie mal gehabt haben.

    • „Typisch deutsch ist der Schuldkult, der es einem fast schon verbietet, deutsche Flaggen zur Weltmeisterschaft (2006) zu hissen. Ja darf man denn als Tätervolk so viel Nationalstolz zeigen?“
      Ja, die Reeducation und das dritte Reich haben uns, ein sich ohnehin schon selbsthassendes und ständig moralisierendes Volk, vollkommen die Beine weggezogen.
      „Typisch deutsch ist auch die „German Angst“, die uns langsam in eine Hysteriegesellschaft wandelt, wie es teilweise in den USA schon der Fall ist.“
      Wenn es in den USA schon der Fall ist, ist es nicht spezifisch für uns. Ich weiß nicht, ob es eine spezifisch deutsche Angst gibt, vielleicht sind wir pessimistischer und sicherheitsbedüftiger, wagen weniger, das ist möglich, mit der zunehmenden Hysterie hat das m.E. aber eher weniger zu tun. Die findet überall statt und ist m.E. in den USA noch viel krasser, mag aber sein, dass sie bei uns einen eigenen Weg einschlägt.
      „Typisch deutsch ist wohl immer noch die Obrigkeitshörigkeit, auch wenn sie durchaus ebenfalls nachgelassen hat. Aber zumindest so lange man noch nach unten treten kann (auf die Hartzer und die dann zusammen mit den anderen auf die Flüchtlinge), wird fleißig nach oben gebuckelt.“
      Ganz im Gegenteil, deine Meinung würde ich als sehr viel deutscher einstufen. Du moralisierst gegen deine eigenen bürgerlichen Landsleute, um vermeintlich Schwache (Hartzer und Asylanten) zu schützen. Ein „nach oben buckeln“ ist für mich auch nicht wirklich feststellbar, schon mangels sichtbarer Hierarchien.

  6. „vergleichsweise abgemilderte Religiösität, die eher Privatsache ist, Gleichberechtigung und Liberalität abstellen. Da geht es um Werte, bei denen wir uns nicht von Amerikanern, Briten der Franzosen unterscheiden. Und die meisten haben auch nichts dagegen, wenn wir französische oder amerikanische Einflüsse in unser Gesellschaft erleben“

    Der Großteil einer Kultur ist nicht bewusst, weil sie eben nicht fasslich ist, sondern nur in Menschen (als deren Ansichten und Erfahrungen) existiert.

    Die Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Einflüssen (auch die Selbstvergessenheit gegenüber der eigenen) ist z.B. ein Merkmal unserer Kultur, denn das ist beileibe nicht bei allen Völkern so.

    Wie vermutlich alle Völker sind die Deutschen geographisch-historisch geprägt. Wir vereinen teilweise die Gegensätze unserer Nachbarländer. Wobei vor allem das Nord-Süd-Gefälle da hineinspielt, wir sind mental halt die Region zwischen dem kalten dunklen Skandinavien und dem warmen sonnigen Italien.

    Geprägt sind wir außerdem, mehr als uns lieb sein kann, von unserer Geschichte. Kein Land lebt einen derart masochistischen Schuldkult wie wir. Aber die Prägung reicht durchaus weiter zurück, die Hyperinflation war z.B. ein sehr einschneidendes Erlebnis. Die Art und Weise (und die Tatsache) wie wir den Kaiser abserviert haben, ist z.B. typisch und wirkt auch noch in die Gegenwart. Die Art der deutschen Einigung, die deutschen Sozialsysteme, die Parteien und ihre historische Verortung etc.

    Es gibt auch Einflüsse die wir definitiv nicht haben, Deutschland hatte z.B. keine Negersklaven.
    „Der Handel mit Negern ist mir stets als eine Schmach für die Menschheit erschienen, niemals werde ich ihn gestatten oder durch eine Handlung meinerseits begünstigen.“
    Friedrich der Große
    http://www.journalistenwatch.com/2017/09/06/michael-klonovsky-sklaverei-der-tarantel-biss-des-schlechten-gewissens/

    All das wird natürlich teilweise durch aktuelle imperiale Einflüsse (USA) überschrieben, umso mehr, da unsere Kultur und unsere Überzeugungen unter Dauerbeschuss stehen. So kann es dann zu der paradoxen Situation kommen, dass ausgerechnet Deutsche sich für Sklaverei schuldig fühlen, die es hier nie in nennenswertem Umfang gab.

    Aber das kann trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir z.B. ökonomisch, sozial und religiös ganz anders ticken, als etwa die Amerikaner. Sie lassen ihren Fußabdruck hier, so wie früher Napoleon seinen hier gelassen hat oder im Osten die Russen. Aber der m.E. sinkt der amerikanische Einfluss in der Breite beständig (auch wenn man in Blogs und in der Bildungselite einen anderen Eindruck gewinnen könnte).

    • Köstlich! Habe noch Tränen in den Augen vor Lachen.
      Die etwas unscharfe Inhaltsliste hat es auch in sich 😉
      Gehören Werkzeugsortierkästen und deren Mißbrauch auch zur deutschen Leitkultur?

    • Joah, da die allermeisten menschlichen Gesellschaften auf Nahrungsaufnahme angewiesen sind, sind Nahrungsmittel ein wichtiger Teil jeder Kultur.
      Es gibt definitiv eine dt. Kultur. Eine Leitkultur lehne ich ab, weil das erstens die Normierung einer Kultur wäre, und weil ich es blöd finde, dass mir jemand meine Kultur vorschreibt.

  7. Oh und fast schon ein FauxPas meinerseits, zum Reformationstag! Die ach so obrigkeitshörigen Deutschen haben den „PROTESTantismus“ hervorgebracht (na gut, die Schweizer hatten noch Zwingli und Calvin). Wenn schon moralisieren, dann richtig und mit ordentlich Kampf und Toten, immerhin löste das dann den 30jährigen Krieg aus 🙂

      • Ich habe sogar die Rede von Merkel (im DLF) bis zum Ende ertragen.

        Insgesamt fand ich den Tag interessant, insbesondere die Beleuchtung der historischen Aspekte (ich habe sturmfrei und den ganzen Tag Radio gehört), auch wenn ich immer noch nicht weiß, wieso Luther von den MSM und von Käsmann und Co als Antisemit bezeichnet wird.

        Für die evangelische Kirche insgesamt schäme ich mich allerdings ebenso fremd, wie für Merkel.

  8. Was Deutsche mit großer Lust zelebrieren ist das Stürzen von Idolen. Teilweise vermutlich aus Neid, teilweise aus dem Wunsch zur Gleichmacherei(?).

    Beispiel: Als die Medien hier so langsam das offene Geheimnis des flächendeckenden Dopings bei der Tour de France thematisierten, da stürzten sich alle voller Entrüstung wie Bluthunde auf Jan Ullrich. Alle anderen Nationen (inkl. den USA – Amstrong wurde viel später und irgendwie auch unvollständiger demontiert) haben ihre Stars gedeckt und eher widerwillig befragt. In Spanien sprach man von „intensivmedizinischer Betreuung“. Wir haben unser Idol so restlos zerstört, dass der mittlerweile alte (weiße) Mann noch nicht mal mehr kleinere Radrennen in Deutschland eröffnen darf.

    Dieses Muster ist Teil des Kerns unserer Identität, wage ich zu behaupten.

  9. „Immer wenn jemand etwas gefunden zu haben glaubt, brüllt jemand: ICH ABER NICHT!“
    In der Form funltioniert das natürlich nicht.

    Dass aber die „schlechtes Gewissen-Kultur“ ein (nicht ausschließlich, aber doch besonders) deutsches Phänomen ist, lässt sich durchaus festhalten – dass dazu dann eine logische Gegenbewegung erfolgt ebenso. Dass eine AFD sich auf ein solches Phänomen draufstürzt ist insofern ein absolut deutsches Phänomen, das sich genau daraus speist.
    Eine „deutsche Kultur“ definieren zu können, bedeutet nicht nur nicht (obacht doppelte verneinung), dass sie auf ewig festgeschrieben sein muss – es bedeutet auch nicht, dass sie widerspruchsfrei und einheitlich sein muss.
    Sie sollte aber leisten, ein Verständnis für Land und Leute abzubilden, und das Selbstverständnis, in dem wir hier leben.

    Beispiele:
    Zur „Schlechtes Gewissen-Kultur“ kann man durchaus völlig unterschiedliche Auffassungen und Meinungen haben. Dass sie existiert, lässt sich aber schwerlich leugnen. Um sie zu verstehen, sollte man die deutsche Geschichte aus deutscher Perspektive einigermaßen kennen, und eben insbesondere den üblichen deutschen Umgang damit.
    Nicht nur einem syrischen Flüchtling, sondern sogar einem Besuch aus USA oder auch nur unseren französischen Nachbarn muss man eine ganze Menge erklären, bevor er das auch nur einigermaßen versteht – und dann stößt der immer noch und immer wieder auf Begebenheiten und zusammenhänge, die man wieder erst mal erklären muss (müsste?)

    Auch zum Umgang der Geschlechter kann man zu vielem unterschiedlicher Auffassung sein, dennoch gibt es diesbezüglich eine ganze Menge, was hier einfach zu unserer Kultur gehört und uns zumindest von der Arabischen Welt ziemlich unterscheidet – aber auch da sind bereits Franzosen, Spanier oder Italiener deutlich anders gestrickt, bzw. sind deutlich andere Umgangsformen üblich. Eine „deutsche Kultur“ zu beschreiben heißt auch da durchaus nicht, dass das alle so machen (müssen) – aber es gibt hier eine „deutsche normalität“, die sich (mit vielen überlappungen) von der unserer Nachbarn signifikant unterscheidet (und wobei auch mal lokale Unterschiede größer sein können als die zu unseren Nachbarn)

    Das zieht sich durch vieles durch, und da simmer dann auch mal bei der deutschen Pünktlichkeit.
    So wird in Deutschland eher ein Termin abgebrochen und vertagt, weil ein nachfolgender Termin ansteht – es ist unhöflich, den nachfolgenden warten zu lassen.
    In Spanien würde ein entsprechender Geschäftstermin eher durchgezogen, bis er abgeschlossen ist, auch wenn andere warten müssen – weil es (noch) unhöflicher (und in der Wahrnehmung ineffizienter) ist, Leute zu einem vertagten Termin erneut antanzen lassen zu müssen.
    Das sind an der Stelle also kulturell unterschiedliche Gewichtungen.

    In dem Sinne finde ich die Videos von Wanted Adventure, von denen ich schon einige gesehen habe, sehr erhellend.
    Z.B. das hier:

    • „In Spanien würde ein entsprechender Geschäftstermin eher durchgezogen, bis er abgeschlossen ist, auch wenn andere warten müssen – weil es (noch) unhöflicher (und in der Wahrnehmung ineffizienter) ist, Leute zu einem vertagten Termin erneut antanzen lassen zu müssen.“

      Ich hatte in einem Forschungszentrum auch mit spanischen Kollegen zu tun. Die waren ob der deutschen Pünktlichkeit auch überrascht und einer sagte mir, dass eine solche Pünktlichkeit in Spanien sogar unhöflich sei, weil keiner mit dem Erscheinen des Besuchs zum vereinbarten Zeitpunkt rechnen würde.

    • So eine Einstellung ist auch unter jungen Deutschen (um die 30) verbreitet. Ökologischer Fussabdruck usw. Irritiert, ist aber nicht unbekannt.

  10. Ich habe mehrere Jahre meines Lebens in Thailand verbraucht. Das auffälligste Markenzeichen von Deutschen war, dass sie dauernd gestänkert haben. Ueber die Korruption, die Müllabfuhr, die Busse, eigentlich über alles. Die deutsche Zeitschrift Thailand-Tip schrieb praktisch nur negativ über das Land. Wenn ich dann allerdings nachfragte, warum sie noch da sind, erhiehlt ich die Antwort: „Mir gefällt es hier.“

    • Roland S.
      „…Das auffälligste Markenzeichen von Deutschen war, dass sie dauernd gestänkert haben…Die deutsche Zeitschrift Thailand-Tip schrieb praktisch nur negativ über das Land. Wenn ich dann allerdings nachfragte, warum sie noch da sind, erhiehlt ich die Antwort: „Mir gefällt es hier.“

      Die Deutschen sind nur am stänkern und die deutschen Medien berichten nur negativ über das Land, aber trotzdem leben sie letzten Endes doch gerne dort? Das bedeutet, dass die Deutschen in Thailand im Grunde genauso drauf sind wie die Deutschen in Deutschland 😀

  11. Für mich, jemand dem BRD-Irrenhaus schon lange den Rücken gekehrten, ist Deutschland u.a. auch ein Blogger-Freakshow die außer US-Texte,- und Videos zu kopieren nicht viel eigenes auf die Reihe bringen.

    Und ihr wundert euch das „die“ hier immer noch Besatzer sind?
    Wenns nach der Mehrheit von euch gehen würde, würdet ihr dem nächsten ‚Stalin‘ wieder in die Hände laufen …

    Geht weiter Schw….. lutschen und Pussys anbeten ihr White Knights …#
    Wie erbärmlich und widerlich …

  12. Typisch deutsch?

    Zunächst mal ist die Frage, was typisch deutsch ist typisch deutsch 😀 Kein Pole würde sich jemals die Frage stellen, was typisch polnisch ist, ganz zu schweigen, dass er behaupten würde es gäbe keine polnische Kultur.

    Typisch deutsch ist auch Regionalismus. Wurde mir gerade heute mal wieder bewusst als wir zu meiner Mama und ihrem Freund gefahren sind. Wir leben im Norden von BaWü, unweit von Hessen und auf dem Weg zu meiner Mama passiert man einmal die Grenze und ist dann für ein paar Kilometer in Hessen. In der Kleinstadt in der mein Freund und ich leben ist heute alles ruhig. Wenig Verkehr, wenig Menschen auf der Straße, ein Feiertag eben. Nach ein paar Kilometern sind wir dann durch eine Ortschaft in Hessen gefahren und da war alles voller Leben: Viele Menschen auf der Straße, die Geschäfte geöffnet, Schüler an der Bushaltestelle, Handwerkerfahrzeuge sind rumgefahren und nach wenigen Kilometern waren wir dann wieder in BaWü in der Kleinstadt, wo meine Mama und ihr Freund leben und dort war wieder alles ruhig und gemächlich, typische Sonntagsstimmung. Das hat mich auch schon früher fasziniert, als wir noch in Mannheim gelebt haben. An Allerheiligen, oder am Dreikönigstag war in Mannheim alles ruhig und beschaulich und sowie man auf die andere Rheinseite nach Ludwigshafen ging hat sich die Stimmung abrupt geändert und es herrschte reges Treiben.

    Die Sonntage in Deutschland finde ich auch typisch deutsch. Sonntage finde in Deutschland viel schöner als in Polen, weil in Polen die Geschäfte auch Sonntags geöffnet haben. Sonntage sind immer so schön entspannt und gemächlich hier. Und ich finde das krasse ist, dass man schon merkt, dass Sonntag ist selbst wenn man morgens aufwacht und noch im Bett liegt, man also noch gar nicht mitbekommen hat, was draußen los ist. Es ist alles viel ruhiger und leiser. Einfach eine ganz andere Stimmung und Atmosphäre, als an den anderen Tagen. Das finde ich schön.

    Und wenn wir schon bei Sonntagen sind, typisch deutsch ist auch Spazierengehen. In Polen bin ich immer nur unterwegs gewesen, wenn irgendwas zu tun war, wie Löwenzahn, oder Pilze sammeln. Deutsche gehen zu Fuß umher einfach zur Zerstreuung. Ich bin mir sicher, dass es nicht viele Völker gibt, die so etwas machen.

    Und, wobei das schon gesagt wurde, typisch deutsch ist auch Hysterie. Die Deutschen neigen zu Hysterie und haben ihre Gefühle nur schwer im Griff. Wobei diejenigen, die das schon erwähnt haben, fälschlicherweise davon ausgehen, dass Hysterie etwas mit Angst zu tun haben muss. Das ist aber nicht so. Das letzte mal wurden die Deutschen hysterisch in 2015. Da waren sie, kollektiv-hysterisch, berauscht von sich selbst und ihres Humanismusses, während man überall auf der Welt nur unverständig und ungläubig den Kopf geschüttelt hat.

    • Tja, damit triffst du den Nagel auf den Kopf, Malgorzata! Kein (oder fast kein) anderes Land würde sich die Frage überhaupt stellen!

      Was die Regionalität betrifft: Die Schweiz kann das alle noch toppen 😉

    • „Zunächst mal ist die Frage, was typisch deutsch ist typisch deutsch“

      Da könnte was dran sein.
      Und ich vermute, das liegt daran, dass Deutschland als Nation eine der jüngsten im europäischen Raum ist. Mindestens bis zur Bildung des Rheinbunds im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Kulturen im deutschsprachigen Raum sehr unterschiedlich.
      Vermutlich war das auch der Grund, weshalb Deutschland kein Zentralstaat ist, sondern ein Bundesstaat. Ein deutscher Zentralstaat ist selbst heute noch undenkbar.
      Und wegen der kulturellen Unterschiede macht die Frage was „typisch“ ist, auch nur in Deutschland Sinn.
      Und wegen der Unterschiede reagiert immer ein Großteil der Bevölkerung sehr empfindlich, wenn irgendein bajuwarischer Rechtsaußen von „deutscher Leitkultur“ schwafelt, aber beim nächsten Bierfest den bayerischen „Freistaat“ in Abgrenzung zum „Rest“ Deutschlands hochleben lässt.
      Mir als Norddeutschen sind die Dänen mental (und möglicherweise auch kulturell) jedenfalls näher, als die Bayern.

      „Deutsche gehen zu Fuß umher einfach zur Zerstreuung. Ich bin mir sicher, dass es nicht viele Völker gibt, die so etwas machen.“

      Aha.
      Interessant.

      „Das letzte mal wurden die Deutschen hysterisch in 2015.“

      Was zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Diskussion der berüchtigten „deutschen Leitkultur“ zurückgeht, die genau von Typen ins Feld gebracht wurde, die auch gern sagen: „Nicht alles im 3. Reich war schlecht!“.
      2015 (und 1992) wurden die humanistischen Werte, auf die die westdeutsche Nachkriegspolitik aufbaute, erstmals ernsthaft geprüft. Und natürlich war das ein willkommenes Thema für rechte Rattenfänger, vor denen viele aus geschichtlicher Erfahrung heraus Angst haben.

      Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis man auch in Deutschland mit solchen Fragen relaxter umgehen wird, glaube ich.

      • @ carnofis

        Ich glaube, dass Deutsche früher nicht weniger humanistisch waren, als heute. Ich glaube, dass die Deutschen sich gar nicht verändert haben. Und das meine ich jetzt überhaupt nicht negativ!

        Zu Zeiten der Flüchtlingskrise wurde ja auch immer viel über Polen und andere osteuropäische Länder berichtet, weil die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Und normalerweise interessiere ich mich ja nicht wirklich für Politik, aber zu dieser Zeit habe ich als öfter mal Zeit online gelesen und habe mich dann auch dort angemeldet, um in den Kommentarspalten mit zu diskutieren. Ich hatte dazu das Bedürfnis, nicht weil ich Polen so wahnsinnig toll finde, überhaupt nicht, sondern weil ich diese Flüchtlingspolitik einfach dämlich fand und etwas Verständnis für Polen wecken wollte. Ich habe geschrieben, dass das Leben in Polen, für die meisten Menschen sehr hart ist, dass es viel Armut gibt, dass die meisten Menschen einen Lebensstandard haben wie in Deutschland vielleicht in den 50er, oder 60er Jahren, dass es praktisch keinen Sozialstaat gibt usw usf. Daraufhin wurde ich dann von dutzenden Foristen aggressivst angegangen. Es gab sogar einen, der ernsthaft geschrieben hat man solle in Polen notfalls militärisch intervenieren, wenn sie sich weiterhin weigern Flüchtlinge aufzunehmen! Wohlgemerkt das waren alles Linke. Progressive gebildete linke und grüne Multikulturalisten. Ich habe sie schließlich gefragt, wie sie sich denken, dass das weitergeben soll, dass da immer mehr und mehr kommen und dass sich Deutschland doch selbst kaputt macht. Ich war nicht aggressiv, nicht ausfallend, nicht xenopbhob, aber schlussendlich wurde mein Account gelöscht und nicht etwa die der hochaggressiven Anderen, die sogar Militärschlaege forderten. Da musste ich dann an die Zeit zurück denken, als wir noch in Polen gelebt haben. In unserem Dorf gab es eine alte babuleńka, die noch die Besatzungszeit der Nazis erlebt hat und sie lebte direkt gegenüber von uns und weil sie so alt und gebrechlich war, haben wir ihr als öfter geholfen, haben ihr Kohle getragen, oder beim Schlachten geholfen, oder ihre Ziegen gemolken, oder im Sommer, wenn aus dem Plumpsklo wieder die Würmer gekrochen sind das alles sauber gemacht, weil sie sich so schwer bücken könnte und solche Sachen eben. Auf jeden Fall hat sie als oft von der Nazizeit erzählt und wie komisch das als war. Auf der einen Seite haben die Deutschen Soldaten mit den polnischen Kindern gespielt, haben ihnen zu Weihnachten Spielzeug gebastelt, haben die Leute aus ihrer Küche verpflegt, haben ihnen bei der Ernte geholfen, haben mit den polnischen Mädels geflirtet und dann haben sie wieder wahllos, einfach so Zivilisten, auch Kinder, erschossen, oder haben Frauen, die beim Straßenbau helfen mussten, auf die Ladefläche ihres LKWs gezerrt, sie vergewaltigt, vom LKW gestoßen und dann mussten sie weiter arbeiten, als wäre nichts passiert.

        Das ist wirklich faszinierend. Und es hat sich 2015 wieder gezeigt. Grenzenlose Menschenliebe, aber gleichzeitig auch eine solche Kaltherzigkeit und Aggressivität.

        Das ist vielleicht auch typisch deutsch. Ein Volk, das die größten Dichter, Denker, Musiker, Philosophen, Wissenschaftler, Humanisten hervorgebracht hat, so viele großartige Dinge für die Menschheit erfunden und erdacht hat und das gleichzeitig auch die SS hervorgebracht hat.

        Ihr Deutschen seid schon ein verrücktes Volk 🙂

        • „Ihr Deutschen seid schon ein verrücktes Volk“

          Stimmt.
          Aber wir sind nicht verrückter, als andere Völker – nehme ich an. 😉

          „Es gab sogar einen, der ernsthaft geschrieben hat man solle in Polen notfalls militärisch intervenieren, wenn sie sich weiterhin weigern Flüchtlinge aufzunehmen!“

          Der Vorteil des Internets ist auch gleich sein Nachteil. Man kann sich mit Menschen austauschen, die man nie in seinem Leben Auge in Auge gegenüber tritt. Manchem fehlt dann die Selbstdisziplin, seinen Frust zu beherrschen. Da ist dann schnell der Wunsch, Politik mit Panzern zu betreiben, in die Welt geschrien.
          Und die Kommunikation über alle Grenzen hinweg lässt auch schnell die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse anderer Länder vergessen. Ich schau aus dem Fenster eines zentral beheizten 200 qm Hauses auf einen Pferdehof, auf dem satte Vorstadttussen morgens ihre Freizeit verbringen. Wenn ich nicht gerade den Wunsch nach einem Privatjet auf einem Privatflugplatz hege, fehlt es mir an nichts Ernsthaftem. Nicht einmal zum Einkaufen müsste ich noch gehen, weil man mir jede Woche vorschlägt, alle Wünsche auch ins Haus zu tragen.
          Was Du beschreibst, ist wirklich eine Welt, die ich nicht einmal mehr als Kind erlebt habe. Aber zumindest reicht meine Phantasie, mir vorzustellen, warum man in einem polnischen Dorf mehr Sorgen mit Fremden hat, als in einem deutschen.
          Dennoch möchte ich auch Polen nicht aus der Verantwortung entlassen und sei es, aus einer symbolischen, als Zeichen der Verbundenheit mit den humanistischen Werten der Europäischen Union.
          Die relative Armut Polens ist eine nachvollziehbare Begründung, aber die aggressive Xenophobie basiert vermutlich auch auf einer fehlenden Erfahrung mit Fremden, ganz wie in Ostdeutschland.

          „Auf der einen Seite haben die Deutschen Soldaten mit den polnischen Kindern gespielt, haben ihnen zu Weihnachten Spielzeug gebastelt, haben die Leute aus ihrer Küche verpflegt, haben ihnen bei der Ernte geholfen, haben mit den polnischen Mädels geflirtet und dann haben sie wieder wahllos, einfach so Zivilisten, auch Kinder, erschossen, oder haben Frauen, die beim Straßenbau helfen mussten, auf die Ladefläche ihres LKWs gezerrt, sie vergewaltigt, vom LKW gestoßen und dann mussten sie weiter arbeiten, als wäre nichts passiert.“

          Ich will mal hoffen, dass es nicht dieselben Deutschen waren. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Soldat, der ein Verhältnis zu einem Kind aufgebaut hat, dieses später erschießt.

          Aus militärischer Sicht hat die moderne Kriegführung ja den Charme, dass man den Gegner nur in der Ferne oder gar nicht mehr sieht. Da tötet es sich leichter.
          Es gibt ein wunderbares Buch über ein Ereignis im 1. Weltkrieg, „Der kleine Frieden im großen Krieg“, das vor einigen Jahren in der Bestseller-Liste war. Darin wird ein wahres Ereignis von der Kriegsfront in Frankreich beschrieben, als Deutsche, Franzosen und Briten lokal einen Waffenstillstand zur Bergung der Verwundeten und Toten zwischen den Gräben vereinbarten. Als sich die Soldaten direkt gegenüber standen, tauschten sie Lebensmittel aus und richteten sogar einen Platz zum Fußballländerspiel ein.
          Dieser auf niedriger hierarchischer Ebene beschlossene „Separatfrieden“ hielt über die Weihnachtsfeiertage und man vereinbarte, dass man soweit möglich, nicht aufeinander schießen, sondern bewusst zu hoch halten würde. Außerdem wurden – von oben befohlene – Feuerangriffe durch Warnschüsse angekündigt, damit sich die jeweiligen Gegner in Sicherheit bringen konnten.
          Dieser Frieden hielt ziemlich lange und konnte nur dadurch beendet werden, dass die dortigen deutschen Truppen ausgetauscht wurden.

          Ähnliches wird auch in Polen geschehen sein. Die helfenden Soldaten wurden durch marodierende ersetzt.
          Nicht ohne Grund ist bei wahrscheinlich jeder Armee der Welt die Fraternisierung mit dem Feind verboten.

      • carnofis schrieb:
        „Was zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Diskussion der berüchtigten „deutschen Leitkultur“ zurückgeht, die genau von Typen ins Feld gebracht wurde, die auch gern sagen: „Nicht alles im 3. Reich war schlecht!“.“

        Ich weiß nicht genau, welche Typen Du in diesem Zusammenhang meinst. Der Begriff ‚Leitkultur‘ wurde aber in der Einwanderungsdiskussion der 90er-Jahre von Bassam Tibi erfunden. Welche Einstellung der zum Dritten Reich hat, weiß ich tatsächlich auch nicht.

        • Wer den Begriff „Leitkultur“ erfunden hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er mit Freuden besonders von CSU-Politikern und anderen Rechtsauslegern immer wieder ins Feld gebracht wird, wenn es um Abgrenzung zu „Kulturfremden“ geht.

          Im Ausland wird zweifellos die bayerische Kultur (oder was man dafür hält) als deutsche Leitkultur wahrgenommen und wohl auch inzwischen von den Bayern so vermarktet.

          Als Beispiel sei der Cannstatter Wasn genannt, ein dem Münchner Oktoberfest mittlerweile bis zur Verwechlung ähnliches Event in Stuttgart mit ebenfalls über 100jähriger Tradition.
          Vor gut 10 Jahren war es noch verpönt, in Krachledernen auf den Wasn zu gehen, heute wird man schräg angeguckt, wenn man ohne kommt.
          Und die Mädel tragen natürlich inzwischen Dirndl.

          Dass da stellenweise durchaus auch braunes Gedankengut mit verbunden ist und war, zeigt eindrucksvoll Otto Wiesheu von der CSU, der schon mal wetterte, Deutschland würde von Ausländern „durchmischt und durchrasst“.
          Und als Maßnahme der Rassenhygiene wollte er in den 80ern in Deutschland die Traubeneichen (Quercus petraea), einem alten Nazi-Erlass aus dem 1000-jährigen Reich folgend, ausrotten, um die „deutschen“ Stileichen (Quercus robur) vor den häufigen Bastardisierungen zu schützen.

          Im Zusammenhang mit der ersten Flüchtlingswelle in den frühen 90ern empörte er sich, die Flüchtlinge würden sich „zuerst unsere Fahrräder und dann unsere(!) Frauen“ holen.

          • „Als Beispiel sei der Cannstatter Wasn genannt, ein dem Münchner Oktoberfest mittlerweile bis zur Verwechlung ähnliches Event in Stuttgart mit ebenfalls über 100jähriger Tradition.
            Vor gut 10 Jahren war es noch verpönt, in Krachledernen auf den Wasn zu gehen, heute wird man schräg angeguckt, wenn man ohne kommt.
            Und die Mädel tragen natürlich inzwischen Dirndl.

            Dass da stellenweise durchaus auch braunes Gedankengut mit verbunden ist und war, zeigt eindrucksvoll Otto Wiesheu von der CSU, der schon mal wetterte, Deutschland würde von Ausländern „durchmischt und durchrasst“.“

            Da hat er doch absolut RECHT!
            Wo kommen wir denn da hin, wenn die Schwaben jetzt schon in Dirndl und Bazi-Gedöns herumkaspern?
            Geht gaaaa nich!

          • Ey Fiete,

            die Rasseunreinen waren mit den Krachledernen nicht gemeint.
            Die Schwaben selbst ziehn mittlerweile mit Trachtenkopien auf den Wasn.

            Ich mein – ein schöner Anblick ist so ein Dirndl schon, das muss man neidlos zugeben 😉

            Oha, wenn das unsere #Metoo-Aktivistinnen lesen, ruinieren sie mir in 25 Jahren noch die Karriere 😀

  13. „Kultur“ wird in aller Regel definiert als die Summe aller Erwartungshaltungen gegen sich selbst und gegen andere.
    Ist aber nicht wirklich hilfreich. Denn das heißt am Ende: Deutsche Kultur ist die Kultur der Deutschen
    Ich würde gerne einmal erleben, dass jemand eine multifaktorielle Analyse der „Kultur“ versucht. Wäre immer noch nicht wirklich anschaulich und auf ein Ding reduziert aber dennoch meines Erachtens lohnend.
    Rein persönlich: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun“ (R. Wagner)

  14. Eine Sache hätte ich fast vergessen, typisch deutsch sind auch Autos, bzw das Verhältnis, das Deutsche zu Autos haben. Eines der allerersten Dinge, die mir an Deutschland aufgefallen sind, war wie unglaublich sauber alle Autos sind. Wohlgemerkt nicht nur teure Autos, sondern auch ganz normale. In Polen sind die Autos, besonders während der Wintermonate, so schmutzig, dass man oftmals noch nicht mal das Kennzeichen lesen kann. Ich weiß noch, das war ganz am Anfang, da waren wir gerade mal vielleicht ein dreiviertel Jahr in Deutschland, das war kurz nachdem ich angefangen habe Tennis zu spielen, als ich nach dem Training mit einem Vereinskollegen mitgegangen bin, der mich immer nach Hause gefahren hat. Und wir kamen an sein Auto, und das war nichts besonderes, irgendein französischer Kleinwagen und vorne auf der Motorhaube war ein kleiner Haufen Vogelkot, der mir überhaupt nicht aufgefallen wäre und was macht er? Er geht zurück zum Vereinshaus, rollt einen Gartenschlauch bestimmt 20 Meter aus und spritzt diesen winzigen Haufen Vogelkot weg. Ich fand das so unglaublich faszinierend, ich stand nur schweigend daneben und habe gestaunt.

    Eine Sache, die auch typisch deutsch ist, ist Kaffee und Kuchen. An einem Sonntag mittag zusammensitzen und Kaffee trinken und Kuchen essen und sich unterhalten.

  15. Typisch deutsch ist auch die komplette Ahnungslosigkeit der Deutschen über Polen.

    Die Polen beschäftigen sich geradezu obsessiv mit Deutschland, besonders aufgrund ihres Minderwertigkeitskomplexes, für die Deutschen dagegen ist Polen lediglich irgend so ein ehemaliges uninteressantes Ostblockland. Das wurde mir mal wieder vor nicht allzu langer Zeit klar.

    Und zwar war das Anfang dieses Jahr, irgendwann im April, oder März, als ich, bei der Arbeit, einen Kunden betreut habe, das war ein Herr Mitte, Ende 60. Und er saß an meinem Schreibtisch und wir haben Papierkram durchgearbeitet und ich habe Sachen in meinen Computer eingetippt und als alles gemacht war, fragte er mich, ob ich, wegen meines leichten Akzents und meinem Namensschildchen, aus Russland kommen würde. Ich klärte ihn auf, dass ich eine Polin bin, worauf er mir sagte, dass er vor hätte im Sommer mit dem Wohnmobil zum Campen nach Polen zu fahren. Dann fragte er mich, ob die Straßen in Polen in einem schlechten Zustand seien und ob ich glaube, dass sein Wohnmobil Schaden nehmen könnte. Ich habe ihm dann gesagt, dass die Autobahnen in Polen sogar sehr gut sind und eigentlich auch alle Hauptverkehrsstraßen durchaus ordentlich und er sich keine Gedanken machen braucht.

    Danach drehte sich sein Kopf zuerst nach links und er schaute, dann drehte er seinen Kopf nach rechts und er schaute wieder und dann beugte er sich nach vorne über meinen Schreibtisch zu mir und reflexartig habe ich mich ebenfalls nach vorne gebeugt, so dass sich unsere Gesichter fast berührt haben, dann senkte er konspirativ seine Stimme und meinte: „sagen Sie mal und wie ist das *räusper*, glauben Sie, dass, es hört sich vielleicht etwas blöd an, aber glauben Sie, dass die Gefahr besteht, dass *räusper* eventuell etwas geklaut wird?“ 😀

    Dann musste ich lachen und habe ihm gesagt, dass man natürlich nie weis, aber ich mir doch ziemlich sicher bin, dass nichts dergleichen passieren wird.

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