Bundestagswahl 2017: Die Partei der Humanisten in Bezug auf Geschlechterthemen

Leser cero hat sich einmal das Grundsatzprogramm der „Humanisten“ angeschaut. Was er dort gefunden hat: Ein Gastartikel

Disclaimer: Ich bin kein Mitglied der Partei, denke aber über einen Eintritt nach.

Die Partei der Humanisten ist eine neue linksliberal-progressive Kleinpartei, die wissenschaftsbasierte, evolutionär-humanistische Politik betreiben möchte.

In ihrem Grundsatzprogramm stellen sie fest:

Die Menschenrechte gelten ausnahmslos für alle Menschen, unabhängig von biologischen Eigenschaften und kulturellen Eigenheiten. Wir fordern, dass sie vom Staat unabhängig von wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen international geachtet und gefördert werden.

Der Staat muss die Rechte jedes Menschen innerhalb seines Staatsgebietes schützen. Das Geschlecht, die Weltanschauung, die politische Einstellung, biologische Merkmale, die ethnische Zugehörigkeit oder die Kultur eines Menschen dürfen vor dem Gesetz und im Gesetzestext selbst keinen Unterschied machen.

Die Familienpolitik soll sich primär an dem Kindeswohl, nicht an dem Geschlecht der Eltern orientieren. So schreiben sie in ihrem Absatz zur Familie:

Familie ist, wo Kinder sind. Wir setzen uns dafür ein, dass Familienpolitik genau hier ansetzt. Der Beziehungsstatus der Eltern ist zweitrangig, somit müssen die Begriffe „Ehe“ und „Familie“ aus ihrer traditionellen, religiösen Festlegung befreit werden.

Wir wollen, dass der Staat grundsätzlich seine Familienpolitik kinderfreundlich und zukunftsorientiert ausrichtet. Familiengründungen sind vom Staat so zu fördern, dass in unserer Gesellschaft Kinderkriegen kein Armutsrisiko ist. Wir treten für eine Liberalisierung des Adoptions- und Abtreibungsrechts ein. Ausschlaggebend für eine gute Kindheit sind Liebe, Zuneigung und Fürsorge der Erziehungsberechtigten – nicht ihr Geschlecht. Die Adoption muss zum Wohle des Kindes geschehen und nicht nach den Wünschen der werdenden Eltern. Wir fordern auch die Ausrichtung der Familiengerichtsbarkeit im Sinne der Kinder.

Wir fordern die rechtliche Gleichstellung von Partnerschaften in allen Belangen unabhängig von ihrer geschlechtlichen Konstellation. Ein Sonderrecht zweiter Klasse, wie es derzeit u.a. für gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Fall ist, lehnen wir ab.

In dem Abschnitt zu sozialer Gerechtigkeit fällt vor allem die Abwesenheit von Geschlechterunterscheidungen auf.

Humanistische Sozialpolitik setzt auf Chancengleichheit, Hilfe zur Selbsthilfe und Unterstützung in der Not. Jeder Mensch möchte ein gleichberechtigtes und mitwirkendes Mitglied unserer Gesellschaft sein.

In ihrer Positionierung bei dem Wahl-o-maten zeigt sich die Partei skeptisch gegenüber einer Frauenquote.

Wir stehen einer Frauenquote skeptisch gegenüber. Dem eigentlichen und begrüßenswerten Ziel der Geschlechtergleichstellung kann diese positive Diskriminierung sogar noch schaden, da Frauen so nur wegen ihres Geschlechtes und nicht wegen ihrer Leistungen in Verantwortung kommen. Dennoch kann eine solche Maßnahme gerechtfertigt sein um bestehende Rollenmuster und diskriminierenden Strukturen aufzubrechen. Dazu sollten Studien die Wirksamkeit beleuchten.

Dies sind die offiziellen Positionen der Partei zu Geschlechterthemen. In dem (nicht-offiziellen) Arbeitspapier der AG Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt finden sich (Stand:20.09.17) folgende Abschnitte:

Die Gesellschaft ist geprägt von einer Geschlechternorm, die auf zwei Geschlechtern basiert. Diese zwei Geschlechter sind jeweils definiert anhand von äußeren und inneren biologischen Merkmalen und einem scheinbar geschlechtsspezifischem Verhalten der Menschen. Daraus ergibt sich eine Geschlechternorm, in die alle Menschen noch vor ihrer Geburt hinein gezwungen werden. Doch die Menschen sind vielfältiger, als es diese Geschlechternorm erlaubt.

Schwerpunkte
– rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare in Ehe und Adoptionsrecht.
– Abbau von Hürden für Transsexuelle in Bezug auf die medizinische Anpassung des Körpers an das eigene Geschlecht und der Änderung des Geschlechtseintrags sowie Namens.
– Fremdbestimmte Genitaloperationen von Intersexuellen verhindern (geschieht meist kurz nach der Geburt).
– Abbau der Diskriminierung von Menschen, die sich nicht ihres zugeschriebenen Geschlechts entsprechend verhalten (Anerkennung selbstbestimmter Geschlechterrollen bzw. „gender“).

Der Abschnitt zur „Geschlechtlichen und genitalen Selbstbestimmung“ lautet wie folgt:

Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde
Die Partei der Humanisten kann keinen Grund erkennen, weswegen der Staat das Geschlecht seiner Einwohner bei Geburt erfassen sollte. Daher fordern wir die Abschaffung des Geschlechtseintrages in die Geburtsurkunde (§59 Abs 1 Ver.2 PStG) und in der Meldung an das Standesamt. Bei bestehenden Einträgen soll ab einem Alter von 14 Jahren der Geschlechtseintrag, dessen Änderung / Auslassen ohne Zustimmung des gesetzlichen Vormunds oder der Eltern erfolgen. In amtlichen Formularen soll der Geschlechtseintrag nicht erfasst werden. Betroffene Gesetze sollten angepasst werden, wie zum Beispiel das Eherecht.

Rechte für Transsexuelle
Unseren Mitmenschen soll der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen erleichtert werden, indem die Gutachtenregelung aus dem 1981 beschlossenen Transsexuellengesetz (TSG §4, Abs. 3) ersatzlos gestrichen wird. Für die Feststellung von Transsexualität als Voraussetzung für geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen ist die Diagnose vonseiten eines Psychologen völlig ausreichend, zumal er die betreffende Person im Gegensatz zu den Gutachtern stets und von Anfang an begleitet und daher am besten in der Lage ist, andere Ursachen wie psychische Erkrankungen im Sinne der Person sicher auszuschließen. Dabei muss bei der Diagnose beachtet werden, dass die Geschlechtszugehörigkeit einer Person von der Auslebung einer gesellschaftlich normierten Geschlechterrolle unabhängig ist. Derzeit wird aber vorausgesetzt, dass sich Transsexuelle umfänglich den Geschlechterstereotypen ihres Geschlechtes in Bezug auf Verhalten und Äußerlichkeiten anpassen müssen, um anerkannt zu werden. Diese Verquickung von Geschlechtszugehörigkeit mit gender bzw. „sozialem Geschlecht“ lehnen wir ab.
Die Möglichkeit der eigenen Vornamens- und Personenstandsänderung soll allerdings unabhängig von der psychologischen Beurteilung bestehen, da sie im Gegensatz zu den medizinischen Maßnahmen reversibel ist.

Vornamenswahl und Vornamensänderung
Die Partei der Humanisten sieht keinen Grund, warum der Vorname einem Geschlecht zuordenbar sein sollte und fordern daher die Anpassung der geltende Rechte.

Rechte für Intersexuelle
Menschen, die in Deutschland mit uneindeutigen äußeren wie inneren Geschlechtsmerkmalen geboren werden, werden in der Regel einem bestimmten Geschlecht zugewiesen und die Geschlechtsmerkmale frühzeitig medizinisch u.a. durch Operationen an das mutmaßliche Geschlecht angeglichen. Da dies meist kurz nach der Geburt erfolgt und in der Regel nicht rückgängig gemacht werden kann, wird damit die geschlechtliche und körperliche Selbstbestimmung des betreffenden Individuums ignoriert. Bei vielen dieser Operationen liegt keine medizinische Notwendigkeit vor. Es handelt sich damit also um kosmetische, normangleichende Operationen, die oft mit Komplikationen und lebenslangen Folgen einhergehen. Dazu gehört auch das hohe Risiko einer Fehlentscheidung bezüglich der Geschlechtsfestlegung, wenn sie nicht dem Geschlechtsempfinden der betreffenden Person entspricht.
Diese medizinisch nicht notwendigen Eingriffe verletzen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und müssen daher verboten werden. Intersexuelle entscheiden allein darüber, ob und welche geschlechtsangleichenden Maßnahmen ergriffen werden sollen. Analog zu Transsexuellen sollen sie dabei professionell begleitet und ihnen die angleichenden Maßnahmen ohne weitere Hürden zugänglich gemacht werden, sofern sie gewünscht werden.

Rituelle Beschneidungen
Die Amputation der Vorhaut von männlichen Kindern ohne medizinische Indikation verletzt die Grundrechte des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung, körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit (da erst ab 14 Jahren religionsmündig) und benachteiligt männliche Kinder gegenüber weiblichen, da bei letzteren die Beschneidung glücklicherweise verboten ist.
Die genitale Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Die Forderung der Partei der Humanisten für ein sofortiges Verbot aller ungefragten Genitaloperationen ohne medizinischer Notwendigkeit gilt daher auch im Falle ritueller Beschneidungen und anderer Genitalverstümmelungen.

13 Gedanken zu “Bundestagswahl 2017: Die Partei der Humanisten in Bezug auf Geschlechterthemen

  1. Ich hatte ja gehofft, dass sich die heutige Diskussion um die Piraten (und die Gründe der hiesigen Leserschaft, diese abzulehnen) drehen würde. Ich meine: für mich waren die anfangs – als sie noch kein vollständiges Programm hatten, aber schon so gehypt wurden – auch völlig unwählbar, inzwischen zähle ich sie aber zu den paar, im Groben ziemlich okayen Parteien, die im Angebot sind.

    • „zähle ich sie aber zu den paar, im Groben ziemlich okayen Parteien, die im Angebot sind.“

      Nachdem die Feministen das sinkende Schiffe verlassen haben?

      Schreib doch selbst einen Artikel über die Piraten…

      • „Nachdem die Feministen das sinkende Schiffe verlassen haben?“

        Sobald sich da wieder Erfolg einstellen würde, wären die Feministinnen sofort wieder da. Und da Nerds in Bezug auf Frauen nicht lernfähig sind, würde es gleich wieder schief gehen.

        • Ich vermute das bei einer erneuten Infizierung auch die letzten mit Rückgrat das Weite suchen und die Partei sich nur noch um Belanglosigkeiten kümmern kann.

    • Die Piraten sind inzwischen leider im Untergang, durch ihre innere Zerstrittenheit und ihren basisdemokratischen Ansatz.
      Deswegen sehe ich die Zukunft stattdessen in der PdH, die an vielen Stellen ähnliche Positionen zu den Piraten vertritt, allerdings großen Wert auf eine wissenschaftliche Basis legt.

  2. In den USA haben die Feministen ihr Krallen in die größte humanistische Organisation geschlagen und nun sollen da alle Menschen gleiche Rechte haben und ganz besonders Frauen.

    Feminismus schafft es jede gut Idee zu pervertieren.

    Sobald sich um die Humanisten Macht sammelt, werden die Feministen vor der Tür stehen und der Partei Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wegen des hohen Männeranteils in der Partei. Und irgendwelche Idioten werden anbeißen.

    • @Matze

      Das problematische am Humanismus ist ja gerade, dass er kein Geschlecht hat. Wäre er frauenfreundlich, dann hieße er „Frauismus“.

      Aber so soll durch die nicht Nennung von „Frau“ in „human“ die Frau zum verschwinden gebracht werden – demzufolge ist der sogenannte „Humanismus“ eine männliche Konstruktion.
      Und ergo frauenfeindlich.

      Außerdem wird einfach nur „Mensch“ sein Frauen nicht gerecht.
      Erst durch Frauen wird Humanismus zum human im -ismus und demzufolge sollten wir ihn umbenennen, um diese Einschränkung zu überwinden: Humanismus PLUS.
      Nämlich den gängigen, unvollständigen, männlichen Humanismus PLUS, alles was aus diesem bisher ausgeschlossen worden ist: LIBSTIQ und insbesondere, vor allem und besonders Frauen.

      Nachdem diese klitzekleine historische Korrektur erfolgt ist, wonach es sich bisher um einen *männlichen Humanismus*, also eine patriarchale, Frauen verachtende Konstruktion gehandelt hat, die durch diese Vorstellungen bis zu 2 Milliarden Jahre unterdrückt worden ist, sollte klar sein, wer kompensatorisch in der nächsten Zeit bestimmt, was dieser Humanismus PLUS ist.

      Das wirst du doch einsehen, Matze?!
      Oder bist du etwa eine Frauenfeind?

      Subcomandante crumar

  3. Ich bin nicht begeistert.

    Sie lehnen rituelle Beschneidungen generell ab. Finde ich gut.

    Abgesehen davon ist mir eindeutig zu viel Gendergedöns drin.

    Rechte für Intersexuelle, Transsexuelle und Ablehnung des Geschlechtseintrags in der Geburtsurkunde – Politik für 1% der Bevölkerung?

    Richtig finde ich, wenn sie die operative „Korrektur“ bei Intersexuellen gleich nach der Geburt ablehnen.
    Skeptisch bin ich zu ihrem Standpunkt, der operative Geschlechtsumwandlungen liberalisieren will und das Einverständnis eines Psychologen (auch bei Minderjährigen?) für ausreichend erachtet. Ich halte es für nicht sehr durchdacht, einerseits zu recht Beschneidung sehr kritisch zu sehen, andrerseits „geschlechtsumwandelnde“ oder angleichende Operationen zu liberalisieren, auch wenn das Einverständnis der/des Betroffenen gefordert wird. Da wäre etwas mehr kritische Distanz notwendig, vor allem im Bezug auf Minderjährige.

    Das Ziel der Gleichstellung sei grundsätzlich gut? Gleichstellungspolitik war und ist lediglich ein Synonym für Frauenförderung und Frauenbevorzugung. Ohne weitere Erläuterungen gehe ich davon aus, dass es auch in diesem Fall Frauenförderung ist und nichts anderes.

    Vater, Mutter, Familie? Fehlanzeige (oder ist das anderswo im Programm Thema?). Das wirkt auf mich sehr modisch. Man will sich krampfhaft als progressiv präsentieren. Nein, das überzeugt mich nicht.

    • „Abgesehen davon ist mir eindeutig zu viel Gendergedöns drin.“

      Ist es ja gerade nicht, die meisten zitierten Abschnitte kommen aus einer semi-öffentlichen Ausarbeitung. Im offiziellen Parteiprogramm gibt es dazu wenig. Hier in dem Artikel kommt es natürlich so vor, weil ich genau diese Ausschnitte herausgesucht habe. Insgesamt ist das aber ein eher untergeordnetes Thema (Schau dir zum Beispiel mal den Wahlwerbespot an: https://youtu.be/G5wqzQC5UXo).

      „Skeptisch bin ich zu ihrem Standpunkt, der operative Geschlechtsumwandlungen liberalisieren will und das Einverständnis eines Psychologen (auch bei Minderjährigen?) für ausreichend erachtet.“

      Von Minderjährigen ist nirgends die Rede und ich denke auch nicht, dass dies gefordert wird. Erwachsene Menschen hingegen sollten prinzipiell das Recht haben, mit ihrem Körper zu tun oder lassen was sie wollen, nicht nur bei der Geschlechtsumwandlung. Aufgrund der Schwere des Eingriffs und der Irreversibilität muss hier aber regulierend eingegriffen werden, eben durch das Gutachten eines Psychologen (das auch nicht unbedingt einfach zu bekommen sein muss).

      „Das Ziel der Gleichstellung sei grundsätzlich gut? Gleichstellungspolitik war und ist lediglich ein Synonym für Frauenförderung und Frauenbevorzugung. Ohne weitere Erläuterungen gehe ich davon aus, dass es auch in diesem Fall Frauenförderung ist und nichts anderes.“

      Ich denke, im Wahl-o-mat-Statement war eigentlich „Gleichberechtigung“ gemeint. Zumindest legt das meine Beschäftigung mit der Partei und den Ansichten ihrer Mitglieder nahe.

      „Vater, Mutter, Familie? Fehlanzeige (oder ist das anderswo im Programm Thema?).“

      Der Absatz zur Familienpolitik wurde doch oben zitiert. Im Fokus stehen hier die Kinder, unabhängig von Beziehungsstatus oder Geschlecht der Eltern.

    • Man muss dazu sagen, dass es sich hier um das Kurzstatement aus dem Wahl-o-mat handelt, das recht früh von einer kleinen Gruppe verfasst wurde. Ich denke aber, dass das kleine Stellschrauben sind, die Inhalte sind hingegen klar auf Gleich*berechtigung* ausgerichtet.

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