15 Gedanken zu “Die Funktion von Neid

  1. Das hört sich für mich doch etwas sehr nach Rationalisierung an. Die Frage ist doch: wie kann ich empirisch testen, ob Neid beim Menschen wirklich eine derartige Funktion hat?

    Wie kann ich z. B. herausfinden, ob Neid – im Großen und Ganzen – die Menschen zu mehr Anstrengung anstachelt – oder aber zu Diebstahl od.dgl.? Und wie kann ich testen, ob eine solche Wirkungsweise evolutionär wirklich vorteilhaft ist?

    Wenn sich normale Leute mehr anstrengen, oder das „obskure Objekt der Begierde“ anderweitig in ihre Verfügbarkeit bringen wollen, dann kann sowas natürlich auch nach hinten losgehen. Es kann dazu führen, daß diese Leute – mehrheitlich – aus der Gemeinschaft verbannt werden, daß sie sich übernehmen und dann wegen Entkräftung oder Erkrankung früher sterben und und und.

    Ich denke, es ist zuwenig, einfach nur sagen: Neid stachelt den Ehrgeiz an usw., und sowas zahlt sich evolutionär halt aus.

  2. Die Frage, ob „Neid“ eine Funktion ausführt, ist Banane. Das Gefühl kommt vor, ist so, ausdiemaus.

    Die Amis versuchen mit allen vorgefundenen Wissensbrocken, ihren Kapitalismus biologisch oder soziologisch zu rechtfertigen. Können wir drüber diskutieren, wir können uns aber auch einen Flicken auf die Backe nähen und die Treppe bohnern.

  3. Neid scheint mir die übertriebe Ausprägung von Imitieren, also vom Imitationstrieb zu sein.

    Wir sind eben alle Affen, das Imitieren ist die Funktion fürs Lernen. Neid ist das Leiden an der Vorstellung, ewas nicht lernen oder imitieren zu können.

    Der Neid gilt überall als etwas Negatives, Abnormes und nicht als Erstrebenswertes, Selbst-Verzehrendes. Das wäre sicher nicht so, wenn er evolutionär primär wäre. Er ist nur ien verunglücktes Imitieren.

    • Der Neid gilt überall als etwas Negatives, Abnormes und nicht als Erstrebenswertes, Selbst-Verzehrendes.

      Interessanterweise wird das Verb beneiden nicht so negativ empfunden. Wenn ich also z.B. sage, dass ich einen Sänger um seine einzigartige Stimme beneide, dann bewundere ich ihn tatsächlich für seine Begabung.

      Rhetorisch begabte Politiker nutzen dies gerne aus, wenn in einer Diskussion der zumeist doch unsachliche Vorwurf auftaucht, sie sind ja nur neidisch. Statt dies zu bestreiten, wird von beneiden gesprochen und der Vorwurf verliert seine Wirkung.

      • „Rhetorisch begabte Politiker nutzen dies gerne aus, wenn in einer Diskussion der zumeist doch unsachliche Vorwurf auftaucht, sie sind ja nur neidisch. Statt dies zu bestreiten, wird von beneiden gesprochen und der Vorwurf verliert seine Wirkung.“

        Interessante Beobachtung!

        • Ja, gut eingeworfen!

          Das ist eine Floskel geworden, dem anderen Honig um den Mund zu schmieren. Gewöhnlich (so habe ich den Eindruck) wird die Phrase so benutzt, dass sie abgemildert und leicht ironisch ist.
          Am Neid ist ja typisch, dass der nicht zugegeben wird und man sich den „in sich reinfrisst“. Wer Neid zugibt, kann keinen echten haben und das Bekenntnis wird zur Koketterie.

    • Der Neid gilt überall als etwas Negatives, Abnormes und nicht als Erstrebenswertes, Selbst-Verzehrendes

      In den Fremdsprachen die ich kenne wird imho viel stärker zwischen Neid (in @Kibo’s Sinne von beneiden) und Missgunst unterschieden. In dem Englischen Text geht es ja auch um „Envy and Jealousy“. Man kann durchaus jemanden beneiden ohne ihm seinen Erfolg zu missgönnen.

      So auch im Text:

      We would like to illustrate this approach by considering the very simple example of jealousy or envy. These two words are used interchangeably in the United States, but in the United Kingdom the former is more often used in a sexual context, the latter in other contexts. In either case the “target” is usually someone who is perceived to be better off in some respect than you or whose access to resources is better than yours. Jealousy also has a possessive component; I want to actually deprive the other person’s resource and claim it as my own. It is a negative emotion. Envy is not quite as negative – it does not have the same sharp edge and it motivates emulation to gain independent access to similar or even better resources.

      Ähnliches sehe ich in Lateinamerika. Dort hat das Spanische „envidia“ auch nicht unbedingt immer eine negative Konnotation auf der iberischen Halbinsel aber viel eher. (In Kalifornien gibt es sogar eine Firma, die sich stolz (e)nvidia nennt.)

      Welche Emotion ensteht, mit welchen Wörtern man sie beschreibt und wie sie bewertet wird hat also durchaus auch eine starke kulturelle Komponente.

      • Sieh einer an.
        Die „jealousy“ ist Eifersucht. Envy ist der Neid. Und ich war eigentlich felsenfest sicher, dass envy das stärkere Wort ist und jealousy das verzeihlichere. Vermutlich ist es der sexuelle Aspekt, der jealousy zum Bösen hin aufgeladen hat, ist ja schliesslich ausdrücklich in einem der 10 Gebote erwähnt!

        Bei den „Todsünden“ wird aber immer zwischen dem Sexuellen (das, was die Eifersucht so schlimm macht), der „Unkeuschheit“ und dann dem *Neid* unterschieden…. (die hier auf der Seite mit Eifersucht gleichgesetzt wird!)

        „die sieben Hauptsünden Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit oder Überdruss wurden früher häufig als „Todsünden“ bezeichnet…..“

        https://www.erzdioezese-wien.at/hauptsuenden-oder-die-7-todsuenden

        In Othello beschreibt Shakespeare die Eifersucht des Othello (er denkt fälschlicherweise seine Frau betrügt ihn) als „Jealousy, the green-eyed monster that mocks the flesh it feeds on.“ Eigentlich eine wunderbare Beschreibung eher für den Neid …

  4. In dem Viertel in Kolumbien, in dem die Familie meiner Frau lebt, hat jemand eine Motorrad-Werkstatt eröffnet. Kleine 50ccm-Motorräder sind dort häufig, es kann sich noch lange nicht jeder ein Auto leisten.
    Die Werkstatt lief gut, und bald hat er noch eine zweite aufgemcht. Dann, eines Tages kurz nach Feierabend, als die Angestellten schon weg waren, kam jemand und schoss ihm eine Kugel durch den Kopf. Das Geld in der Kasse wurde nicht angerührt.

    Wie ist sowas zu erklären?

    Meine Frau sagt: Neid. Die waren neidisch auf seinen beruflichen Erfolg. Wenn in Südamerika jemand Erfolg hat, etwas auf die Beine stellt usw, denken die Leute nicht: Das kann ich doch auch, lass mal versuchen, sondern: Der bildet sich wohl ein, er sei was besseres. Dem werden wir es zeigen.

    Neid motoviert eben nicht zu Anstrengungen, sondern zu Destruktivität.

      • „Ob nach unten oder oben ist dabei theoretisch relativ egal.“

        Aber dann nochmal mein Punkt: Wie kann man den Neid dann evolutionär „rechtfertigen“? Wie kann man sagen, Neid habe eine evolutionäre Funktion – wenn bei dieser Motivation, Gleichheit herzustellen, alles Mögliche herauskommen kann: ich bringe jemanden um – ich strenge mich an und mache es besser – ich überrede die anderen Leute dazu, den Beneideten trotz seiner Leistung nicht mehr zu achten / mögen als mich – u. dgl.

        Das wären ja Handlungen, die sich ganz unterschiedlich auswirken auf mein Überleben und meine Reproduktion: die erste Option mag negativ sein, die zweite Option positiv, die dritte einfach neutral.

        Wie kann man da jetzt noch sagen: „Neid ist zwar ein „böses“ Gefühl, es hat evolutionär aber durchaus seinen guten Sinn“?

        • Der Evolution ist es wurscht, welchen Outcome Neid hat. Sobald die Träger dieser Eigenschaft mehr Fortpflanzungerfolg haben als die Nicht-Träger, hat sich das Merkmal erfolgreich durchgesetzt.

          Und Rechtfertigen ist nicht gleich wissenschaftlich erklären. Freilich werden die Wissenschfatler darüber spekulieren, warum sich das Merkmal durchgesetzt hat, und möglicherweise ist die eine Erklärung plausibler als die andere, möglicherweise sind die Erklärungen aber auch gleich-gültig, weil es umso besser für die Eigenschaft ist, wenn sie auf mehreren Ebenen, multifaktorell, wirkt.

    • „Neid motoviert eben nicht zu Anstrengungen, sondern zu Destruktivität.“

      Genau so hätte ich das auch gesehen. Und dass dagegen Eifersucht harmloser ist. Ein eifersüchtiger Konkurrent hätte eher einen Konkurrenzladen aufgemacht …..

  5. Hugh Hefner? Envy? Schwachsinn!!!!!! Aber das Leben des Dalai Lama, das ich fast ganz kenne, möchte ich auch nicht durchleben. Für mich ist der Dalai Lama der neue Jesus und wenn ich jemand sein wollen würde, dann eine Art Jesus, bzw. Dalai Lama (ohne Anhang). Obwohl ich die wissenschaftlichen Ansichten des Dalai Lama nicht teile, seine Weltsicht halte ich für 99,9% kompatibel mit meiner, nur bin ich nicht wie er. ER ist der Einzige der m.E. eine Weltreligion gründen könnte die Atheismus mit einbezieht und der Einzige der alle Religionen gleichstellt.

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