„Selber denken“

Eine Figur, die ich in Diskussionen bereits häufiger getroffen habe ist der „ich denke selbst“ Ansatz.
Leider ist er nicht darauf ausgerichtet, dass derjenige das bestehende Wissen und die diesbezüglichen Theorien kritisch durchdenkt und die Pros und Cons abwägt, sondern es ist dann leider eher der Grundsatz, dass man bei Null anfängt und auf der Basis eigene Theorien entwickelt.
Das ist meist schon deswegen ein Ansatz, der zum Scheitern verurteilt ist, weil man, wenn man ganz am Anfang anfängt, schlicht einen Großteil an Informationen ausblendet, die man eigentlich berücksichtigen müsste.
Es ist zudem eine sehr anmaßende Klausel:
Man verweigert sich häufig dem vorher angesammelten Wissen und verkennt, dass die meisten Fortschritte entstanden sind, weil die passenden Entwickler auf dem Vorwissen der anderen Forscher aufbauten
Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe
„Selber denken“ wird als Floskel so gerne missbraucht. Es ist häufig nur ein Vorwand um sich nicht mit dem, was andere schon gedacht haben und was, weil sehr viele gedacht haben und viele Argumente gewertet haben, meist eine gewisse Tiefe erreicht hat, nicht beschäftigen zu müssen.
Mit der Angabe  man  „denke selbst“ will man daher meist nur unliebsame Informationen ausblenden.
Natürlich kann es auch für das Verständnis sehr wichtig sein, einen Gedanken nachzuvollziehen und mit eigenen Gedanken abzugleichen. Es kann auch interessant sein, erst einmal für sich selbst zu denken und dann zu schauen, was andere bereits dazu entwickelt haben. Und Theorien oder Meinungsstreitigkeiten von allen Seiten selbst zu durchdenken ist etwas ganz wichtiges. Einer Abwertung eigenen Durchdenkens soll hier nicht das Wort geredet werden. Es soll eigentlich nur davor gewarnt werden, dass man sich die Informationen nicht entgehen lassen sollte, die bereits vorhanden sind und insbesondere tunlichst vermeiden sollte, diese auszublenden.
Das ist im Geschlechterbereich bereits ein Problem, wo man eine Vielzahl von Daten und Gegebenheiten kennen muss, bevor man sich eine Meinung bilden kann. Beispielsweise wird man sich durch eigenes Nachdenken kaum die Informationen zu CAH-Mädchen oder anderen Studien zu pränatalen Testosteron erschließen können. Solange man die Fallgruppen, unter denen dort bestimmte Theorien diskutiert werden, nicht kennt, bringt alles Denken nichts. Weil man die passenden Argumente und Theorien dann schlicht nicht entwickeln kann.
Ein anderer Bereich ist aus meiner Sicht auch das Recht. Es gibt immer wieder in Diskussionen Leute, die meinen, dass sie mit der Lektüre des Gesetzes und „Selber Denken“ durchkommen können. Auch im juristischen gibt es Vorwissen und Zusatzwissen, welches man durch bloßes Nachdenken nicht erlangen kann. Das fängt bei der Gesetzesbegründung an, betrifft aber auch häufig ein fehlendes Wissen aus dem System, Definitionen, eine gewisse Rechtstradition etc. Es bringt wenig seine eigenen Vorstellungen zu entwickeln, diese dann absolut zu setzen und sich dann darüber aufzuregen, dass ein Richter, der dieses Zusatzwissen hat, diese Vorstellung nicht teilt.
In den meisten Fällen ist das, was man entwickelt hat, bereits einmal gedacht worden, Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung gewesen, die Argumente sind gewichtet worden und aus bestimmten Gründen für nicht überzeugend gehalten worden. In den meisten Fällen entwickelt jemand, der neu auf diese Theorie stößt, dann nichts wirklich neues, er steigt eher auf einem Einsteigerniveau in die Diskussion ein und wundert sich, wenn alle die Augen rollen.
Auch hier natürlich wieder: Es kann gut sein alles einmal selbst zu durchdenken. Und vielleicht findet man eine eigene Lösung, die tatsächlich besser ist. In den meisten Fällen übersieht man aber eher etwas wesentliches und sollte sich eher mit dem Wissenstand der Forschung/Theorien befassen. und Bücher/Kommentare dazu lesen.
Es macht Sinn auf dem Schulter von Giganten zu stehen um weiter zu sehen. Selbst dann, wenn man hofft, dass man damit auch deren Fehler sieht.

44 Gedanken zu “„Selber denken“

  1. Es ist viel einfacher.
    Wer nicht meiner Meinung ist, der ist ein manipuliertes Meerschweinchen, fest im Hypnose-Schlaf seiner Lebenslügen gefangen.
    Wer jedoch meiner Meinung – Der ist endlich aufgewacht und hat gelernt sein Hirn selber zu gebrauchen.

  2. Vermutung: Das ist im Wesentlichen ein defensiver Zug gegen Gesprächsteilnehmer, deren Rhetorik im Wesentlichen aus „Lies erst mal diese 2000 Bücher, bevor du wagst, dich zu äußern.“

    Ist ja nicht so, dass wir die nicht auch kennen würden.

      • „Die bessere Antwort wäre dann eher“

        Ja, ich sehe regelmäßig, wieviel Erfolg du mit der Taktik hast 🙂

        Zurück zum Punkt: Auf „Lies erst mal diese 100 Bücher“ zu antworten mit „Aber erst, wenn du diese 102 Bücher gelesen hast“ führt nirgendwo hin, es sei denn in Profi-Akademiker-Kreisen, die eh nichts zu tun haben, als 203 Bücher zu lesen.

        Das heißt nicht, dass ich den „Selber Denken“ Ansatz gut oder produktiv finde.
        Aber ich habe Verständnis dafür, wo der her kommt.

      • Wer Fehler und Übertreibungen sich selbst und in der Öffentlichkeit nicht zugeben kann ist ein Idiot oder psychisch auffällig, wie viele Nazis, Stasis, Bushs, Kennedys, Honeggers, Armstrong, Klima“wissenschaftler“ usw…………….

        • Ich habe ihr Blog mal ein paar Monate verfolgt und einige Aussagen kritisch kommentiert. Unvergesslich ist mir eine Antwort von ihr: nämlich, dass sie nicht die Zeit habe, darauf einzugehen.

          Ihre Qualitäten sind bekannt … es fällt mir dennoch schwer, sie sauber einzuordnen. Einfach nur eine Knalltüte ist zu simpel. Da muss mehr dahinter stecken. Ich weiß nur nicht, was.

          • Ich glaube auch, dass es einfach ihr funktionierendes Geschäftsmodell ist. Ausserdem schmeichelt es ihrer Eitelkeit, als Denkerin und Philosophin bewundert zu werden. Es ist nicht jedem gegönnt, Scheisse zu labern und dafür entlohnt und bewundert zu werden.

      • Eine adäquate Antwort kann lauten: „Wissenschaftliche Arbeiten, keine Kampfschriften.“

        Wenn sich jemand auf eine „Authorität“ bezieht (Wissenschaftler X hat blabla gesagt und deshalb habe ich recht …), dann erwidere ich manchmal „mein Nachbar sagt aber was anderes“.

    • Man kann ja aufgrund von angesammeltem Wissen denken 2 Beispiele:

      -Wieso sind keine Millionen an Briten an BSE verstorben?

      -Wieso hat sich die Erderwärmung seit 15 Jahren nicht signifikant erhöht?

      Hans von Storch, einer der der angesehensten Klimaforscher im Spiegel:
      Politisch legitim wäre die Haltung: Wir finden die Beweise unzureichend und warten daher noch mal ab … Ich sehe oft eher das Problem einer Überverkaufe der Ergebnisse der Klimaforschung: Manche Forscher haben die Robustheit unserer Ergebnisse übertrieben dargestellt und zu wenig auf Unsicherheiten der Erkenntnisse hingewiesen. Damit haben sie Vertrauen verspielt.

      Die Zeit:
      Als Bürger sollen sich Forscher wie alle anderen Menschen engagieren. Aber als Wissenschaftler? Forscher wissen über ein enges Fachgebiet hervorragend Bescheid, aber bei der politisch-gesellschaftlichen Umsetzung treten Fragen hinzu, von denen sie nicht mehr verstehen als gebildete Laien. In einem Segment hochkompetentes Wissen, aber ansonsten Zeitungsleserwissen. Eine gute Gesamteinschätzung ist bei so einer Schieflage kaum zu erwarten.

      FAZ:
      Es gibt Wichtigeres als den Klimawandel?

      Für den Bürger Hans von Storch schon: die Armut, der Hunger in der Welt. Das bewegt mich persönlich mehr als der zweifellos gravierende Klimawandel.

  3. Juristen kann man eh nicht für voll nehmen.
    Kognitiv unterentwickelte Kreaturen, die sie sind. Definitionen im juristischen? Die wissen noch nicht mal eine Bedeutung von ‚ und‘ oder ‚oder‘

      • Richtig. Er ist aber nicht der Urheber. Bernhard von Chartres hat den Aphorismus um 1100 n.C. als erster nachweislich verwendet. Newton hat es 500 Jahre später aufgegriffen. Es gibt ca. 50 auffindbar verschiedene Versionen dieses Gleichnisses.

        Ich verstecke hier meinen Kommentar zum Blogthema und hoffe, dass Christian ihn nicht fände: des Blogbetreibers Faszination für systematisches Wissen ersetzt noch nicht selbsttätiges Denken. Die Systematik kommt vom Selbstdenken. Möglicherweise vernachlässigt dseine Interpretation des Gleichnisses, dass das Steigen auf Schultern nicht nur die kindliche Perspektive erweitert, sondern auch den Riesen hinunterdrückt.

        Die Brandreden dieses Blogs für die heilige Jurisprudenz wirken kindlich. Die Grundprinzipien eines Systems sind immer einfach. Jeder Satz innerhalb des Systems muss im besten Fall rein begrifflich aus dessen Prinzipien geschlossen werden. Geht dies nicht, weil zahlreiche Berücksichtigungen, Methoden der Interpretation, etc. verwendet werden müssen, um einen Gesetzestext zu rechtfertigen, handelt es sich um unsystematisches und damit schlechtes Recht. Da hilft auch nicht der Bezug zu Schultern bekannter Rechtsgelehrter , allgemein anzuwendende Grundsätze, usw.. Wenn juristische Texte nicht in der Lage sind den „gesunden Menschenverstand“ zu überzeugen, dann stammen sie nicht von Riesen, sondern von Zwergen, inkl. derjenigen, die auf deren Schultern stehen mögen.

        • Gefunden 😉
          Gesetzestexte überzeugen durchaus den gesunden Menschenverstand, aber das bedeutet nicht, dass man sie durch bloßes lesen erschließen kann.
          Das klappt schon nicht, weil sie ein System sind.
          Das BGB beispielsweise ist in vielen Bezügen ein Meisterwerk, aber schwer zu verstehen, weil Paragraphen aufeinander verweisen.

          • Ich entwickle Software und schätze die Wechselbezüge innerhalb eines Systems. Um im Bild zu bleiben: das Ergebnis eines Software-Systems kann eine Eingabemaske für den Nachnamen des Anwenders sein. Wenn der Code hinter dem Eingabefeld den Namen vor der Übertragung (unabsichtlich) verändert und den Anwender unter falschem Namen speichert, dann kann der Entwickler der Eingabemaske das Urteil des Anwenders nicht durch Verweis auf das systematisch aufgebaute Gesamtsystem diskreditieren.

            Ein Charaktermangel von Akteuren in der Softwaretechnik kann dazu führen, das schlechte Funktionieren eines Programms durch den Hinweis auf die Komplexität des Gesamtsystems zu rationalisieren. Du verlierst, wenn du einen schlechten Inhalt durch Formkategorien rechtfertigst. Ist der Inhalt schlecht, dann wäre in einem entwickelten System wie dem BGB auch die Form schlecht, weil ein hoher Entwicklungsstand in der Systematik das Ziel erreicht haben sollte, Form und Inhalt anzugleichen. Wenn ein schlechter Inhalt (-> z.B.: die Entfremdung des Kindes durch die Mutter wird nicht durch Strafandrohung und -vollzug verhindert, weil die überwiegende Interpretation der Richter darin eine unzumutbare Verärgerung der Mutter sehen) von dir durch eine Fundstelle in einem Kommentar (Musiliak?) gerechtfertigt wird, aber die Bestrafung der Mutter begrifflich konsequent auch aus dem betreffenden Gesetzesparagrafen folgen würde, dann legt das den Verdacht nahe, dass das Familienrecht die hohe Systematik des BGB nicht erreicht hat, weil der schlechte Inhalt („Verhinderung der Entfremdung wird nicht durchgeführt“) durch die schlechte Form ermöglicht wird.

            Daher kannst du einem Kritiker des Inhalts nicht mit der Form kommen.

          • Es ist zu unterscheiden zwischen der Darlegung, warum ein Richter auf eine bestimmte Weise entscheidet und der Frage, ob man diese Auslegung teilt.
            Das halte ich für erst einmal wesentlich, wenn man eine Entscheidung bespricht.

            Und das wichtigste scheint mir auch zu sein, dass man sich von dem, was man gerne hätte, löst und es nur aus dem Gesichtspunkt sieht, den man selbst hat.
            Ordnungsgelder sind ein zweischneidiges schwert. Sie vertiefen in vielen Fällen den Graben. Sie können Fronten verfestigen. Sie können die Kinder auch weiter entfremden.

            Natürlich hat auch das Familienrecht eine hohe Systematik, es ist aber gerade ein recht, welches sehr weitgehend von Richterrecht und Rechtspraktik geprägt ist. Insofern ist auf eine gewisse Weise die Systematik schwerer zu erschließen.

            Neulich stolperte ich in einem Forum zB über folgenden Fall:

            Das Kind lebte bei der Mutter. Die beantragt Unterhalt für das Kind. Der Vater verteidigt sich damit, dass er das Wechselmodell will. Er wundert sich, dass er dennoch zu Unterhalt verurteilt wird.
            Tatsächlich ist die Verurteilung richtig. Solange das Kind bei der Mutter außerhalb des Wechselmodell lebt hat es Anspruch auf Unterhalt. Und das bis sich das Modell ändert, was der Vater gesondert hatte geltend machen müssen. Das hatte er natürlich, hat er aber anscheinend nicht. Er beklagt nun, dass das Urteil unrecht war.
            Das wäre aus meiner Sicht ein klassischer Fehler aus Unkenntnis des Systems (wenn ich den Fall über Facebook richtig verstanden habe)

  4. Leider ist er nicht darauf ausgerichtet, dass derjenige das bestehende Wissen und die diesbezüglichen Theorien kritisch durchdenkt und die Pros und Cons abwägt,

    In einer Diskussion muss man seinen Standpunkt und seine Argumente verständlich mitteilen können. Der simple Verweis auf Studie x oder Authorität y ist kein Argument. Oft kaschiert der Verweis auf Studien und Authoritäten lediglich die Schwäche des eigenen Arguments. Es ist dann nur eine ärgerliche Diskussionstaktik.
    Wenn ich ernsthaft mit einem Kreationisten diskutiere, dann genügt es nicht, wenn ich einfach sage, Darwin habe doch längst gezeigt, dass … sondern ich muss in groben Zügen erläutern, warum Darwin recht hat.

  5. Ohne selber denken hätten wir heute noch das ptolemäische Weltbild.

    Am Rande und was nur wenige wissen:
    Seit Einstein darf man wieder sagen dass die Sonne um die Erde kreist, wegen Relativität und so (ich denk ja auch selber und halte das für Blödsinn).

  6. Das ist im Geschlechterbereich bereits ein Problem, wo man eine Vielzahl von Daten und Gegebenheiten kennen muss, bevor man sich eine Meinung bilden kann.

    Eine Meinung kann man sich auch so bilden. Das ist ja gerade das Problem! 🙂

  7. Eine mindestens so hirnverbrannte Floskel wie zu behaupten, man hätte sich bei einem ziemlich komplexen Thema „informiert“.

    Letztens sogar zu beobachten bei einer Freundin, die meint, sie hätte sich selbst genug informiert und sei jetzt Impfgegnerin.

    Manche Menschen sollten lieber dumm bleiben als sich eine falsche Selbstsicherheit anzueignen.

  8. „Mit der Angabe man „denke selbst“ will man daher meist nur unliebsame Informationen ausblenden.“

    Das zeigt sich ja spätestens in einem Gespräch, wenn man Informationen nicht zur Kenntnis nimmt, die einem angeboten werden.

    Ich lerne überwiegend aus Diskussionen, weil es mich Überwindung kostet (langweilige oder deprimierende) Sachbücher zu lesen und mir auch die Zeit fehlt. Der „selber denken“-Ansatz hat auch von daher seinen Vorteil, weil man bestimmte Sichtweisen nicht unhinterfragt übernimmt, auf denen die Sachliteratur oft aufbaut. In der Ökonomie ist es z.B. so, dass da bestimmte „Schulen“ ein regelrechtes Framing aufbauen, welches den Blick auf die Realität total ver- bzw. entstellt. Ein Framing, aus dem man sich dann mühevoll erst wieder herauskämpfen muss. Denkfehler machen halt auch andere, die Kunst ist, immer offen zu bleiben und alle Hypothesen mit der Realität abzugleichen.

    Ich verstehe, dass das „alte Hasen“ nervt. Sei es der Wiki-Admin, der jeden Tag mit Neulingen die selben Diskussionen wieder führt oder in einem politischen Forum. Man hat das Gefühl, gegen Windmühlen zu argumentieren. In Wirklichkeit ist es so, dass halt immer wieder Leute nachwachsen. Da muss man großzügig sein. So als ob man eine große Familie hätte, bei der immer wieder kleine Kinder ankommen und nach dem Osterhasen fragen. Ist man dazu nicht bereit, sollte man aussteigen. Es ist wichtig, dass Argumente von Person zu Person weitergetragen werden… und natürlich ist es anstrengend.

  9. @ Christian

    Ein anderer Bereich ist aus meiner Sicht auch das Recht. Es gibt immer wieder in Diskussionen Leute, die meinen, dass sie mit der Lektüre des Gesetzes und „Selber Denken“ durchkommen können.

    In einem Rechtsstaat sollten Gesetze so formuliert werden, dass es jedem Bürger möglich ist, das Gesetz zu verstehen und sich gesetzeskonform zu verhalten. Es ist absurd, wenn verlangt wird, sich an Gesetze zu halten, die ich aber nur nach mehrjähriger juristischer Ausbildung verstehen kann.

    Mir ist klar, dass wir in der Praxis davon weit entfernt sind, aber mit welcher Selbstverständlichkeit dieser Zustand akzeptiert wird erstaunt mich dann doch. Wenn im Grundgesetz eigentlich klar verständlich steht,

    Niemand darf wegen seines Geschlechtes [ … ] benachteiligt oder bevorzugt werden.

    und trotzdem von Juristen behauptet wird, dass Frauenförderung im Grundgesetz vorgeschrieben ist und deshalb Frauen bevorzugt werden müssen, dann gebe ich offen zu, dass ich dies nicht verstehe.

      • Recht ist kompliziert.

        Im Vergleich zu Gender-Studies, ja. Im Vergleich zu Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften etc. nein.

        Der letzte Versuch jeden Einzelfall in einfachen Vorschriften zu regeln war das allgemeine preußische Landesrecht. 19.000 Paragraphen

        Interessant, aber hat mit dem, was ich angesprochen hatte nichts zu tun. Es geht darum, dass Gesetze so formuliert werden, dass diejenigen, die sich an die Gesetze halten sollen, sie auch verstehen können. Also beispielsweise auch Leute mit Hauptschulabschluss. Das Grundgesetz, insbesondere die Grundrechte (Artikel 1-19) in der ursprünglichen Form, kommt diesen Ideal sehr nah.

        • Die Grundrechte? Lol
          Ich bezweifele, dass irgendjemand, der einfach nur die Grundrechte liest, das System der grundrechtsprüfung versteht.
          Bei der sozialgebundenheit des Eigentums treibt spätestens die Nassauskiesungsentscheidung Studenten in die verzweifelung, aus Art. 2 GG werden die Leute auch nicht aus die allgemeine Handlungsfreiheit kommen, die wechselwirkungslehre des Artikel 5 GG steht auch nicht ohne weiteres im Text.

          • G. Kirchhoff:

            „Studierende, die eine Grundrechtsklausur nicht bestanden haben, sind in vielen Fällen nicht etwa deshalb gescheitert, weil sie über zu wenig Detailwissen verfügten. Meistens fehlt schon ein logischer Aufbau der Lösung.“

            Genau das Gefühl habe ich bei vielen Juristen, dass sie zwar über sehr viel (juristisches) Wissen verfügen, aber es mit der Logik nicht so genau nehmen. Und sorry Christian ich befürchte, deine Antwort bestätigt dies.

            Es ist ein Unterschied, ob etwas neu entwickelt oder ob etwas analysiert wird oder schlicht und einfach nur angewendet wird. Für das Benutzen eines Navigationssystems brauchst du keine Promotion oder gar Habilitation in Physik oder Informatik. Ein solches System zu entwickeln ist aber etwas ganz anderes. Ich denke da z.B. an die Navigationssatelliten, die dafür notwendig sind. Selbstverständlich kann ich auch die Anwendung von Navigationssystemen so kompliziert gestalten, dass selbst promovierte Informatiker daran scheitern. Ähnlich sehe ich das im juristischen Bereich. Neue Gesetze oder z.B. auch Verträge so zu formulieren, dass sie den Willen der Beteiligten widerspiegeln kann eine sehr schwere Aufgabe sein, wo juristischen Sachverstand und Erfahrung hilfreich ist. Dies sollte man tatsächlich nicht Anfängern oder Laien überlassen.

            PS: Warum werden die Blockquotes etc aus meinen Kommentaren entfernt? Außerdem dauert das Freischalten meiner Kommentare gefühlt ewig. So ist mein Kommentar vom Selbermach-Samstag von Gestern immer noch nicht freigegeben. So kann ich mich an einer Diskussion nicht wirklich beteiligen.

          • Das Lernen der Details ist schlichter Fleiß, das verstehen des Systems ist komplizierter. Beides zusammen ist notwendig.

            Das Zitat von Kirchhoff bestätigt mich ja aber. Wenn Grundrechte einfach am Text zu verstehen wären, dann würde die Aussage keinen Sinn machen.

            Wenn die blockquotes entfernt werden sind sie wahrscheinlich nicht richtig gesetzt.
            Bei den Kommentaren muss üblicherweise nur der erste freigeschaltet werden, weitere erscheinen mit kleinen Ausnahmen automatisch.

            Ja, an einem Samstag kann das mal etwas dauern. Das hier ist ein privater Ein-Mann-Blog.

          • Ich bezweifele, dass irgendjemand, der einfach nur die Grundrechte liest, das System der grundrechtsprüfung versteht.

            Was du nicht verstehst, ist, dass die Rechtssprechung ein politisches Kampfgebiet ist.

            Der letzte Versuch jeden Einzelfall in einfachen Vorschriften zu regeln war das allgemeine preußische Landesrecht. 19.000 Paragraphen

            Das hat man aus naheliegenden Gründen als unpraktikabel verworfen. Es ist zugleich das Eingeständnis, dass sich Einzelfälle zwar ähneln können, aber nie identisch sind.
            Du bist doch derjenige, der hier die Meinung vertritt oder zumindest suggeriwert, die Gesetze, richtig angewendet, führen zu einem und nur einem richtigen Ergebnis und der Richter somit nur ausführt, was aus den Gesetzen zwangsläufig folgen muss, womit in seinen Urteilen kein Platz mehr für Vorurteile sei. Dabei hast du selbst das beste Gegenargument geliefert – die verfehlte Systematik des preussischen Landesrechts.

          • Kirchhoff hat vor allem den Mangel an Logik bei seinen Studenten kritisiert und Logik ist eine grundsätzliche Voraussetzung zum besseren Verständnis nicht nur von Gesetzestexten. Ganz ehrlich, ich habe mir die Beispiele bei Kirchhoff angesehen und nichts davon überfordert mich wirklich als juristischen Laien. Erstaunt bin ich eher darüber, dass man offensichtlich einfachste Zusammenhänge Jurastudenten erklären muss.

            Juristen bzw. Rechtsanwälte, die ich kennengelernt habe und deren Rat ich sehr schätze haben eine sehr einfache und klare Sprache und können juristische Sachverhalte gut erklären. Andere Juristen, so mein Gefühl, müssen ihre mangelnde Kompetenz hinter einer verschwurbelten Sprache verbergen.

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