„Würden wir Astrophysik so behandeln wie Gender Studies..:“

Ich lese über den nachfolgend zitierten Tweet einen kurzen Auszug aus einem Buch von Margarete Stokowski:

Tatsächlich ist ja die Kritik an den Gender Studies, dass sie reine Ideologie verbreiten und nicht tatsächliche Wissenschaft.

Wenn man Astrophysik so behandeln würde wie Gender Studies, dann würde man kein Problem damit haben, wenn Sie „Vulvaförmige Raketen“ bauen würden und in Fachzeitschriften würden erbitterte Artikel stehen, dass diese gefälligst genauso gut fliegen können müssten, wie lange, spitze Raketen.

Wir dürften uns auf weitere Artikel im Stil von Sandra Harding freuen:

One phenomenon feminist historians have focused on is the rape and torture metaphors in the writings of Sir Francis Bacon and others (e.g. Machiavelli) enthusiastic about the new scientific method. Traditional historians and philosophers have said that these metaphors are irrelevant to the real meanings and referents of scientific concepts held by those who used them and by the public for whom they wrote. But when it comes to regarding nature as a machine, they have quite a different analysis: here, we are told, the metaphor provides the interpretations of Newton’s mathematical laws: it directs inquirers to fruitful ways to apply his theory and suggests the appropriate methods of inquiry and the kind of metaphyiscs the new theory supports. But if we are to believe that mechanistic metaphors were a fundamental component of the explanations the new science provided, why should we believe that the gender metaphors were not? A consistent analysis would lead to the conclusion that understanding nature as a woman indifferent to or even welcoming rape was equally fundamental to the interpretations of these new conceptions of nature and inquiry. Presumably these metaphors, too, had fruitful pragmatic, methodological, and metaphysical consequences for science. In that case, why is it not as illuminating and honest to refer to Newton’s laws as „Newton’s rape manual“ as it is to call them „Newton’s mechanics“?

Der Wichtigste Forschungsansatz in der Physik wäre nicht mehr, wie man Leute zum Mond oder zum Mars bekommt, sondern wie genau man die Quoten an Behinderten, Schwarzen, Homosexuellen und sonstigen nicht privilegierten Menschen in der Mitarbeiterschaft oder dem Lehrstuhl erhöht. Statt Berechnungen durchzuführen, die für die Raumfahrt erfoderlich sind, würde man erst einmal „critical  astrophysics“ einrichten und die Geschichte der Astrophysik auf ihre weißen Ursprünge hin überprüfen.

Ein Schwerpunkt: Die Nazis nutzen die ersten Raketen, dabei haben sie das nur von den Chinesen gestohlen, also Cultural Approbation betrieben, weswegen man gleich für die Abschaffung der Astrophyisk in allen westlichen Ländern stimmt, solange diese nicht von chinesischstämmigen betrieben wird. PoCs führen an, dass auch ihre Kultur reich an Vorläufern waren, immerhin hätten die Afrikaner die ersten Speerschleudern entwickelt und jedenfalls schon die Sterne beobachtet. Im prähistorischen schwarzen Ägypten sei Astronomie eine wichtige Wissenschaft gewesen und die Mesopotanier hätten alte Aufzeichnungen über den Verlauf der Sterne gehabt.

Daraufhin bildet sich noch eine Untergruppe „colonial astrophyisks“, die erforscht, wie den Schwarzen dieses Wissen entwendet worden ist.

Man beschließt, dass es nicht länger zu dulden ist, dass Planeten in unserem Sonnensystem ganz überwiegend nach weißen, männlichen Göttern benannt sind und nur einer nach einer weiblichen Göttin, die dazu nach klischeehaft für Liebe zuständig ist.

Demnach bildet sich sofort ein neues Feld, die „Black Astrostudies“  in dem es darum geht, dass die Planeten umgenannt werden, nach alten, PoC-Namen, vorzugsweise nach queeren Gottheiten. Es wird zudem beschlossen, dass es unfair ist, wenn einem Planeten eine höhere Anziehungskraft zugesprochen wird, alle sollen fortan in dieser Hinsicht gleichberechtigt sein. Alle noch bestehenden Missionen von Sonden, die gegenwärtig noch laufen, werden entsprechend umprogrammiert, um dieses neue Wissen zu nutzen. Leider kommt dieses umprogrammieren aber zu spät bzw. patriarchale Kräfte behindern die Umstellungen, so dass die Missionen ohne verschulden des neuen Weges scheitern.

Keine einzige der neuen Vulvaförmigen Raketen wird tatsächlich auf eine Startrampe gebracht. Das Satellitennetz der Erde kann nicht erneuert werden. Die Raketen sind dennoch richtig und wichtig und außerdem ein Vorbild für alle Mädchen.

Erbitterte Streitigkeiten unter der Astrophysik brechen auf, wer die bestehenden Ungerechtigkeiten effektiver beseitigt und wer doch noch ein paar phallusförmige Raketen nutzt. Einige Richtungen erklären, dass sie Transraketennutzen wollen, weil man das nicht ausblenden dürfe, man müsse in jede queere Richtung forschen.

Zudem beschwert man sich, dass dieser neue Weg kritisch gesehen wird. Warum sollte all das unwissenschaftlich sein? Man verwende da ganz moderne Ansätze, die eben nur ganzheitlicher vorgehen würde als die alten Denkweisen. Das müsse sich sicherlich noch einspielen, die Kritik werfe einem zu unrecht vor, dass man keine neuen wichtigen Thesen aufgestellt hat und das die neuen Formeln allgemein wenig akzeptiert seien.

Denn die sozialen Verhältnisse sind komplex, und das, was Menschen empirisch für sich und mit anderen draus machen, ist es auch. Das ist eine lebensweltliche Binse, das ist noch unterhalb von Astrophysik 101 (@Intersektionalität). Critical Astrophysik diskutiert – ob im aktivistischen, akademischen oder policy Rahmen – die Universalisierung und Unsichtbarmachung einer partikularen Form (das „weiß-Sein“), dessen historische Dynamik (Kolonialismus, Rassismus, Exotisierungen usw.), kulturellen Verhandlungen, individuellen Effekte, Institutionalisierung. Wer von Astophysik sprechen will – ob forschend oder politisch –, kann dazu nicht schweigen

Um der Zurschaustellung eigener moralischer Überlegenheit willen bedienen sich diese Kritiker einer Strategie, die – mit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatalen Folgen – zu Prozessen der Entsolidarisierung beiträgt. Indem sie der Empörung den Vorzug geben vor dem Ausloten der Aporien von Solidarität, betreiben sie das Geschäft der Herrschaft, das anzuprangern sie vorgeblich angetreten sind. Und diese Herrschaft macht eben auch vor der Astrophysik nicht halt und ist auch dort zu thematisieren. Das nunmehr erst die lange vernachlässigten Wichtigen Verbindungen und Dynaimiken wie etwa der Rassismus und der Kolonialismus aufgschlüsselt werden muss, ist diesem neuen Ansatz wohl kaum vorzuwerfen.

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63 Gedanken zu “„Würden wir Astrophysik so behandeln wie Gender Studies..:“

  1. Raketenbau und Weltraumspaziergänge fallen bei mir eher unter Ingenieurskunst.

    Wenn Astrophysik wie Gender Studies wäre, dann würde man schnell feststellen, wie ungerecht und sexistisch es ist, dass sich die Erde und die Planeten seit mehreren Milliarden Jahren um die Sonne drehen. Denn die Sonne ist ja das traditionelle Symbol männlicher Energien. Stattdessen müssten sich ab jetzt die Erde, alle Planeten und die Sonne um den Mond als Symbol der großen Göttin drehen.

    • Das geht aber nicht ohne Physik und Chemie (und Medizin ect).

      Bei den MINT ist ja das schöne, dass sich die Wissenschaften alle ergänzen und einer vom anderen profitiert. Naturwissenschaften erforschen Mechanismen der Naturgesetze mit Hilfe der Mittel der Mathematik und Ingenieurswissenschaften wenden diese dann an, ebenfalls gestützt von den Strukturwissenschaften Mathematik und Informatik. Nebenbei motivieren die Naturwissenschaften auch die Ingenieure an’s Werk zu gehen, da die Naturwiss. gerne neue Erkenntnisse gewinnen möchte und dafür die Ingenieure braucht, um die Werkzeuge für diese Forschung herzustellen und am Ende profitieren wir alle davon, indem neue Technologien unseren Lebensstandard verbessern.

      Was macht Gender-Studies während dessen? Sich in alle Wissenschaften, die Politik und das alltägliche Leben einmischen und anderen ihre Ideologie zu diktieren, egal ob das für dem Fortschritt dienlich oder eher kontraproduktiv ist. Im Gegensatz dazu die Philosophie, die einst alle Wissenschaften erst einmal hervorgebracht hat, indem ihre Fragen und Debatten Kickstarter für Forschung und Neugierde waren. Gender-Studies hingegen erlaubt keine Debatten, sondern nur Ideologie. Somit ist Gender-Studies auch keine Wissenschaft sondern eine politische Bewegung und sollte eigentlich auch dementsprechend behandelt werden.

    • Dass Astrophysik nicht notwendigerweise das ist, was Stokowski meint, wenn sie von Marsmissionen spricht, war auch mein erster Gedanke.
      Weiterhin gibt es tatsächlich Leute, die Marsmissionen kritisieren, insofern mal wieder die Frage, wer ist „wir“?

      Der Hauptunterschied ist aber, dass Astrophysik nicht in Anspruch nimmt, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden.
      Insbesondere gibt es keine Astrophysiker, die Himmelskörper abschaffen wollen, wohl aber Leute, die Gender abschaffen wollen, weil die schlecht seien.

    • Frau Stokowski weiß nicht, was Wissenschaft ist. Keine Genderstudentin weiß, was Wissenschaft ist.
      Für Frau Stokowski ist „klassische“ Wissenschaft: „Irgendwie Männer mit irgendwie Technik und ich versteh kein Wort“

      Interessant auch der Pleonasmus „Wissenschaft, die die Grenzen überschreiten will“, der in ihren Augen keiner ist.

        • Braucht es weibliche Vorbilder, um sich für sogenannte männliche Berufe zu entscheiden?

          MARGARETE STOKOWSKI
          geboren 1986 in Polen, lebt seit 1988 in Berlin und studierte Philosophie und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie schreibt seit 2009 als freie Autorin unter anderem für die taz, wo 2012 bis 2015 ihre Kolumne Luft und Liebe erschien. Seit 2015 schreibt sie die wöchentliche Kolumne Oben und unten für Spiegel Online.

          Stokowski: Es braucht sie nicht unbedingt, aber es hat einen total erleichternden Effekt, wenn es gegangene Wege gibt, die gar nicht so absurd sind und funktionieren

          Ja ja, das Gehen unbekannter Wege, das Überschreiten von Grenzen, das Denken nie gewagter Gedanken.
          Das sind alles sehr weibliche Tätigkeiten. Unter der Voraussetzung natürlich, dass es vor ihnen bereits jemand gemacht hat, von dem man es sich abkucken kann.

        • „Ja ja, das Gehen unbekannter Wege, das Überschreiten von Grenzen, das Denken nie gewagter Gedanken.
          Das sind alles sehr weibliche Tätigkeiten. Unter der Voraussetzung natürlich, dass es vor ihnen bereits jemand gemacht hat, von dem man es sich abkucken kann.“

          Wie schaffen die das bloß über lange Zeit standhaft so absurd zu sein?

        • Wie schaffen die das bloß über lange Zeit standhaft so absurd zu sein?

          Ich tippe auf Östrogene, manchmal auch „Denken mit der Weisheit der Vagina“ genannt.

          Die Wahrheit ist aber natürlich: Weil sie damit durchkommen. Es sagt denen ja keiner, dass wenn sie nur still und schön geblieben wären, sie Philosophinnen hätten bleiben können.

        • >ich würde ja gerne Physik studieren
          >aber da gibt es zu wenig Frauen
          >also studiere ich lieber keine Physik, damit dass dann auch bei weniger Frauen dort bleibt
          >besser ich studiere Feminismus und rege mich dann über zu wenig Frauen in MINT auf
          Feministen-Logik

          Hab grad mal nachgeguckt: Studierte Sozialwissenschaften an der HU und schreibt ihre Arbeit über de Beauvoir… Nuff said, everything went as expected.

      • „der Pleonasmus „Wissenschaft, die die Grenzen überschreiten will“, der in ihren Augen keiner ist“

        Da habe ich auch gerätselt, was sie damit überhaupt meint. Zumindest aus dem kurzen Textabschnitt wird das nicht klar. Welche Grenzen überschreiten denn die Gender Studies? die der Wissenschaftlichkeit hin zur reinen Propaganda?

        • Welche Grenzen überschreiten denn die Gender Studies? die der Wissenschaftlichkeit hin zur reinen Propaganda?

          – die Grenzen des guten Geschmacks
          – die Grenzen des Anstands
          – die grenzen der Fairness
          – die Grenzen der Vernunft
          – die Grenzen der Ehrlich- und Aufrichtigkeit

        • @Pjotr, viel zu speziell gedacht.

          Die Grenzen der *Wirklichkeit* sind natürlich gemeint. Genderologie ist ein metaphysisches System, welches dir zeigt, dass alle Wirklichkeit eine gemeine Lüge ist.
          Im Prinzip kannst du dir auch den Film Matrix ansehen, um diese Idee zu bekommen. Ist auch unendlich unterhaltsamer und besser gemacht als die Texte der Genderologie!

      • @only_me
        „Interessant auch der Pleonasmus „Wissenschaft, die die Grenzen überschreiten will“, der in ihren Augen keiner ist.“

        Das ist ein Code für: die Erde ist flach. Nur eine flache Welt hat Grenzen!

  2. Der Islamisierung hat auch Vorteile. Zumindest diesen Blödsinn gebe es dann nicht mehr. Für die Geburtenrate gibt es auch schlimmeres. Und bei einer alternen Gesellschaft wird die Burka auch interessant.

  3. „Würden wir Astrophysik so behandeln wie Gender Studies..:“

    dann würde man sich Gedanken drüber machen, ob die Welt einer ausserirdischen Zivilisation ebenfalls flach ist.

  4. Es geht doch Stochkowski bei diesem „Astrophysik“-Argument nicht darum, dass Gender Wissenschaft ist. Es geht darum, dass man nicht das kritisieren darf, was sich selbst wissenschaftlich nennt. Es geht also um ein autoritäres Kritikverbot.

    Und das ist, wie ich im ersten Semester wissenschaliches Arbeoten gelernt habe Unwissenschaftlichkeit ersten Ranges. Alles muss kritisiert werden dürfen, ja muss kritisiert werden. Auch wenn das Paper von einem Nobelpreisträger ist.

    Stochkowski schreibt also im Prinzip in ihrer typisch-flapsigen pseudo-pennäler Schreibe nichts anderes als:

    „Wir sind Wissenschaft, also halt die Klappe.“

    Wie wissenschaftlich!

    • „dass man nicht das kritisieren darf, was sich selbst wissenschaftlich nennt. Es geht also um ein autoritäres Kritikverbot.“

      —>

      „now that I know you can’t disagree with a scientist, I am a firm believer in the magical properties of the menstrual blood of sordid whores“

      😀

  5. Wie bereits bemerkt, Haben Astrophysik und bemannte Raumfahrt nur marginal etwas miteinender zu tun. Irghendwie peinlich, Frau Stokowski… von jemandem, der studiert hat (=Abitur gemacht und damit bewiesen hat, kein kompletter (sic!) Vollidiot zu sein) hätte ich doch etwas mehr Grundwissen erwartet.

    Der andere Punkt ist aber schwerwiegender: Ihre Kritikzurückweisung läuft darauf hinaus, dass die Genderkritiker den Sinn am Fach nicht erkennen und es daher ablehnen. Das ist blöderweise falsch, denn die Kritik an den Gender Studies richtet sich nicht gegen das Fach an sich, sondern gegen die unwissenschaftliche Arbeitsweise im Fach selber. Derzeit sind Gender Studies ein hervorragendes Beispiel für „Cargo Cult Science“
    https://en.wikipedia.org/wiki/Cargo_cult_science
    „Feynman (Anm: der Physik-Nobelpreisträger) cautioned that to avoid becoming cargo cult scientists, researchers must avoid fooling themselves, be willing to question and doubt their own theories and their own results, and investigate possible flaws in a theory or an experiment.“

    Das, Frau Stokowski, ist das Problem… in der Gender Studies werden Theorien nicht hinterfragt, Die Resultate werden gerne mal zurechtgebogen und auch nicht hinterfragt, und so steht die Ideologie über den fakten.
    Das viele Leute nicht verstehen, worum es bei Gender Studies eigentlich so genau geht… ist nicht das Problem. (Auch wenn ich Zweifel daran habe, dass die in den Genderstudies tätigen Personen selber bereits zu einem Consensus gefunden haben, was diesen Bereich eigentlich definiert)

    LG
    Mike

  6. Geiler Artikel, habe sehr gelacht.

    Postmodernismus und Wissenschaft ist tatsächlich ein interessantes Thema.

    In der der postmodernen Political Correctness zugrundeliegenden (vulgär-)poststrukturalistischen Ideologie wurde das klassische Ideal wissenschaftlicher Objektivität als Teil der Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes betrachtet.

    Dieser Sichtweise liegt eine radikal-skeptizistische Weltsicht zugrunde, der zufolge es in letzter Instanz keine objektive Wahrheit gebe bzw. diese nicht erkannt werden könne und daher lediglich verschiedene Interpretationen der Wirklichkeit möglich seien, von denen sich in letzter Instanz aber nicht sagen ließe, ob eine wahrer sei als die andere.

    Dem weißen, heterosexuellen Mann sei es gelungen seine eigene subjektive Interpretation der Wirklichkeit – hinter der sich Machtinteressen verbergen – als Objektivität auszugeben und das beträfe auch den Bereich der Wissenschaft.

    Insofern Objektivität als die Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes betrachtet wird, ist dies natürlich keine gute Basis für das Betreiben von Wissenschaft, wenn wir Wissenschaft als das Streben nach wahrer, also möglichst objektiver Erkenntnis betrachten, wahr im Sinne einer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Daher sind Einflüsse jener radikalen, politisch korrekten US-amerikanischen Postmodernismus-Interpretation für die Wissenschaft stets schädlich.

    Freilich steckt hinter der skizzierten Sichtweise jener Argumentationsfehler, den bekannte Kritiker des Poststrukturalismus wie Jürgen Habermas und Karl Otto Apel zu Recht als „performativen Selbstwiderspruch“ bezeichnen: Es wird behauptet, dass es keine Wahrheit gebe – mit Ausnahme genau jener Theorie, die eben dies verkündet und damit einen Geltungsanspruch auf Wahrheit für genau diese Sichtweise erhebt. Mittels des Konzepts des performativen Selbstwiderspruchs werden die relativistischen Elemente des Postmodernismus schnell in ihrer Widersprüchlichkeit erkennbar.

    Die ursprünglichen französischen Poststrukturalisten, die noch nicht politisch korrekt waren, die aber, wie der Poststrukturalismus-Kritiker Axel Honneth es in einer Formulierung treffend auf den Punkt brachte, eine Philosophie des „Affekts gegen das Allgemeine“ vertraten, hatten allerdings eine etwas andere Perspektive zur Wahrheit als die späteren US-amerikanischen PC-Postmodernisten.

    Zwar beruht auch der französische Poststrukturalismus zum Teil auf einem erkenntnistheoretischen Skeptizismus, aber bei den skeptizistischen französischen Poststrukturalisten lautete die Argumentationstendenz bezüglich der Objektivität eher so: Es gibt zwar keine objektive Wahrheit bzw. sie kann in letzter Instanz nicht erkannt werden, sondern es gibt nur soziokulturelle „Wahrheitsregime“, „Diskursarten“, „Sprachspiele“, durch die kontextuell festgelegt wird, was als Wahrheit gilt und was nicht – aber wir dürfen in wissenschaftlicher Hinsicht und im Kontext philosophischer und politischer Diskussionen trotzdem nicht vom Bemühen um Wahrheit im Rahmen des bestehenden „Wahrheitsregimes“ abweichen, denn wir haben eben nichts anderes als diese jetzt vorhandenen Wahrheitskriterien, die unserer Vernunft als rational erscheinen und wenn wir auf diese Wahrheitskriterien verzichten, verfallen wir der Irrationalität.

    Michel Foucault formulierte es folgendermaßen:

    „Das Problem der Wahrheit dessen, was ich sage, ist für mich ein sehr schwieriges, ja sogar das zentrale Problem. Auf diese Frage habe ich bisher niemals geantwortet. Gleichzeitig benutze ich jedoch ganz klassische Methoden: die Beweisführung oder zumindest das, was in historischen Zusammenhängen als Beweis gelten darf – Verweis auf Texte, Quellen, Autoritäten und die Herstellung von Bezügen zwischen Ideen und Tatsachen; Schemata, die ein Verständnis ermöglichen, oder Erklärungstypen. Nichts davon ist originell. Insoweit kann alles, was ich in meinen Büchern sage, verifiziert oder widerlegt werden, nicht anders als bei jedem anderen historischen Buch.
    Trotzdem sagen die Leute, die mich lesen (…) oft lächelnd: „Im Grunde weißt du genau, dass alles, was du sagst, nur Fiktion ist.“ Ich antworte stets: „Natürlich; dass es etwas anderes wäre, davon kann keine Rede sein.“

    (aus: Gespräch mit Ducio Trombadori, 1980, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 55)

    „Zweitens haben wir das von Habermas aufgeworfene Problem: Wenn wir zum Beispiel das Werk von Kant und Weber aufgeben, laufen wir Gefahr der Irrationalität zu verfallen. Damit bin ich vollkommen einverstanden, (…)“

    (aus: Raum, Wissen und Macht, 1982, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 333)

    Gemeint ist hier die Argumentation des Poststrukturalismus-Kritikers Jürgen Habermas, dass wir nicht auf die Rationalität im Sinne von Immanuel Kant und Max Weber verzichten dürfen, weil wir sonst der Irrationalität verfallen. Michel Foucault stimmte trotz seines Skeptizismus dieser Sichtweise seines Kritikers Habermas zu.

    Die Position von Foucault ist also: Es gibt zwar in letzter Instanz keine objektive Wahrheit, aber trotzdem müssen wir uns streng an die vorhandenen Formen von Rationalität und wissenschaftlichen Standards halten, denn ansonsten bleibt nichts als Irrationalismus.
    Das ist zwar eine etwas merkwürdige Konstruktion und Foucaults erkenntnistheoretischer Skeptizismus kann ebenfalls mittels des Konzepts des performativen Selbstwiderspruchs kritisiert werden (und wurde auch entsprechend kritisiert), aber diese Position bewahrt den poststrukturalistischen erkenntnistheoretischen Skeptiker jedenfalls davor ins Beliebige abzurutschen. Auf diese Weise gelang es den französischen Poststrukturalisten im Rahmen ihrer eigenen jeweiligen Fachgebiete die anerkannten Standards wissenschaftlichen Arbeitens trotz ihres Skeptizismus einzuhalten und z.T. sogar große Leistungen zu erbringen.

    Nun ist leicht zu erkennen, was passiert, wen man bei einer solchen Sichtweise den Zusammenhang dieser beiden Aspekte – erkenntnistheoretischer Skeptizismus aber gleichzeitiges Beharren auf wissenschaftlichen Standards – zugunsten des ersteren auflöst, dann sind Beliebigkeit, Relativismus und Irrationalität die Folge. Und eben dies geschah in unterschiedlichen Ausprägungen und mit verschiedenen ideologischen Begründungen im Rahmen der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption.

    Hier wurde der ursprüngliche französische Poststrukturalismus nämlich nicht einfach nur übernommen, sondern seine relativistischen Tendenzen wurden in ein irrationales Extrem getrieben und gleichzeitig mit kollektivistischer Identitätspolitik verbunden.

    Die französischen Poststrukturalisten hatten für kollektivistische Identitätspolitik nichts übrig, sie vertraten eher einen überzogenen Individualismus. Entsprechend antwortet der schwule Michel Foucault z.B. auf eine Frage nach seiner Identifikation mit sozialen Bewegungen sexueller Minderheiten:

    „Ich habe niemals irgendeiner Bewegung zur sexuellen Befreiung, welcher auch immer, angehört. Erstens, weil ich keiner Bewegung, welcher auch immer, angehöre, und weiter, weil ich die Tatsache nicht akzeptieren kann, dass das Individuum mit seiner Sexualität identifiziert werden könnte.“

    (aus: Interview mit Michel Foucault, 1984 in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 816)

    Der „Affekt gegen das Allgemeine“ im französischen Poststrukturalismus begünstigte die ideologische Legitimierung kollektivistischer Identitätspolitik in den USA nur insofern als der französische Poststrukturalismus danach strebte alles Universelle auf ein Minimum zu reduzieren und alles so weit wie möglich zu pluralisieren. Aus diesem Streben rühren alle relativistischen Tendenzen im französischen Poststrukturalismus: eine universelle Wahrheit soll es nicht geben, eine universelle Moral soll es nicht geben, eine universelle menschliche Natur soll es nicht geben usw. – dies sei tendenziell freiheitsfeindlich, begünstige totalitäre Ideologien und unterdrücke das Individuum – meinten die französischen Poststrukturalisten.

    Der ursprüngliche französische Poststrukturalismus ist keineswegs wie der US-amerikanische politische korrekte Poststrukturalismus eine totalitäre Ideologie, der ursprüngliche französische Poststrukturalismus ist eine antitotalitäre Philosophie – und zwar eine solche, die den Anti-Totalitarismus in ein derartiges Extrem treibt, dass universelle, allgemeine Konzepte prinzipiell verdächtig werden und wenn nicht abgeschafft, so jedenfalls auf ein Minimum reduziert werden sollen.

    In dieser Perspektive ist die Voraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft nicht die möglichst weite Verbreitung von aufklärerischer Vernunft und universalistischer Moral wie im klassischen linken Humanismus, sondern ein möglichst weitgehender Pluralismus. Viel ist von Poststrukturalismus-Kritikern über die Selbstwidersprüchlichkeit dieser Auffassung geschrieben wurden.

    Aber immerhin gründeten die französischen Poststrukturalisten ihren „Affekt gegen das Allgemeine“ noch auf den Wert der Freiheit des Individuums. Dass man die Freiheit des Individuums besser durch universelle moralische Prinzipien sichern kann, wie es neo-kantianischen Moralphilosophen wie Rawls, Habermas, Apel usw. m.E. gut begründet vertreten, war freilich eine Position die den französischen Poststrukturalisten schon wieder viel zu „allgemein“ und „universalistisch“ war. Die Moralphilosophien des französischen Poststrukturalismus nehmen nicht die Idee der Gleichwertigkeit aller Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Reflektionen, sondern die Besonderheit des Individuums.

    Im Zuge der US-amerikanischen Rezeption des Poststrukturalismus ereignete sich nun eine gewichtige Verschiebung hinsichtlich des Bezugspunktes des „Affekts gegen das Allgemeine“. Bei den US-amerikanischen politisch korrekten Postmodernisten trat der Bezug auf die Freiheit des Individuums zurück hinter dem Anstreben von Gruppenrechten. In dieser Perspektive sind es (vermeintlich oder tatsächlich) diskriminierte Gruppen, die durch das „Allgemeine“ und „Universelle“ unterdrückt werden. Und das „Allgemeine“ und „Universelle“ wurde in den USA natürlich identifiziert mit der Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes. Aus dieser Perspektive resultieren dann kollektivistische Identitätspolitik und das Konzept der Definitionsmacht innerhalb der postmodernen Political Correctness.

    So wurde der ursprünglich antiautoritär und antitotalitär motivierte (aber irrationale) „Affekt gegen das Allgemeime“ zur Basis für die Entstehung einer neuen totalitären Ideologie.
    Wären die französischen Poststrukturalisten keine Anti-Dialektiker gewesen, hätten sie eine solche Gefahr besser berücksichtigen und ihre Philosophien besser gegen Mißbrauch absichern können, denn aus dialektischer Perspektive ist es naheliegend, dass die Freiheit am besten durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischem dem Besonderen und dem Allgemeinen gesichert werden kann und nicht durch die Überbetonung eines der beiden Pole.
    Insofern bin ich auf Seiten der neo-kantianischen Moralphilosophen.

      • @Leszek – Zunächst thanx für deinen gelungenen Beitrag!

        „Es wird behauptet, dass es keine Wahrheit gebe – mit Ausnahme genau jener Theorie, die eben dies verkündet und damit einen Geltungsanspruch auf Wahrheit für genau diese Sichtweise erhebt.“

        Negativ formuliert: „Alle Kreter lügen, sagen die Kreter.“ 😉

        „Bei den US-amerikanischen politisch korrekten Postmodernisten trat der Bezug auf die Freiheit des Individuums zurück hinter dem Anstreben von Gruppenrechten. In dieser Perspektive sind es (vermeintlich oder tatsächlich) diskriminierte Gruppen, die durch das „Allgemeine“ und „Universelle“ unterdrückt werden. Und das „Allgemeine“ und „Universelle“ wurde in den USA natürlich identifiziert mit der Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes.“

        Das spezielle Problem dieser Gruppen ist deren „theoretische“ Konstruktion nach Merkmalen wie Geschlecht, sexueller Orientierung und Hautfarbe.
        Und damit von Bio-Markern, denen anstandslos und sortenrein die Selektion von Diskriminierten und Diskriminierenden gelingt – an dieser Stelle habe ich mich immer gefragt, warum ihnen a. dieser Vorgang nicht selber unheimlich geworden ist.
        Und nur der mangelnde Rückbezug auf die Empirie, der damit schon angelegt ist, hat m.E. ermöglicht, es ist den Linken in den USA (dadurch) komplett entgangen, wie sich die „diskriminierten Gruppen“ *intern* in den letzten Jahrzehnten sozial differenziert haben. Was bei einer konstruierten „Großgruppe“ wie bspw. „Frauen“ nach Jahrzehnten bevorzugter Behandlung auch nicht verwunderlich ist (für mich zumindest nicht).
        Dass Schrullen ausgepackt worden sind, wonach bspw. die Gruppe der „weißen“ Frauen alle anderen Frauen durch ihr Wahlverhalten „betrogen“ haben, zeigt m.E. eine tribalistische Weltsicht mit biologistischer Fundierung.

        Die unterstellte „Solidarität“ auf der Basis des Geschlechts entlarvt sich als eine Illusion in dem Augenblick, wo die Unterstellung Geschlecht=Klasse=homogene soziale Lage objektiv, nämlich die tatsächlich sich *differenzierende soziale Lage* der *Individuen* in dieser Gruppe nicht mehr plausibel ist (s. „Lean In“). Wir können solchen Unterstellungen weiter nachgehen Rasse=Klasse, sexuelle Orientierung=Klasse – alle diese liegen der Denkweise zu Grunde und berufen sich auf eine „Anscheinsplausibilität“ der 1960er (rainbow coalition), die es wegen der sozialen Differenzierung *in diesen Gruppen* nicht mehr gibt.

        Hatte der vulgäre Postmodernismus damit evtl. die Funktion in den USA diese m.E. längst tote linke Ideologie weiterzutragen und hat sich in D auch deshalb nicht durchgesetzt, weil spätestens mit Guido Westerwelle (1994) klar wurde, dass sexuelle Orientierung nichts mit Parteipräferenz zu tun hat und seit Merkel (1998), Geschlecht dito?

        Was mir c. immer wieder auffällt: Wenn das „Allgemeine“ und „Universelle“ und „Objektive“ als Subjektivität des weißen, heterosexuellen Mannes identifiziert wird, dann bleiben die „Früchte der Aufklärung“ *im männlichen Besitz*.
        D.h. es wird noch nicht einmal angezweifelt, dass es sich so verhält!
        Ich finde das insofern komisch, als der Ausgangspunkt der Gleichberechtigung der Geschlechter die aufklärerische Idee war, dass sich *jeder Mensch* (Clou: ungeachtet des Geschlechts) seines Verstandes bedienen kann.
        Was im Umkehrschluss dem Partikularen, Besonderen, aber leider auch der Irrationalität ein Geschlecht zuweist. 😉

        Damit möchte ich sagen, hier spielt die Vulgär-postmoderne Theorie die Rolle, Geschlechtern schon wieder Plätze zuzuweisen und wenn meine Beobachtung zutrifft, dann frage ich mich, wieso das nicht bemerkt wird/worden ist.

        Subcomandante crumar
        (Organisation MGTOW)

    • Dem weißen, heterosexuellen Mann sei es gelungen seine eigene subjektive Interpretation der Wirklichkeit – hinter der sich Machtinteressen verbergen – als Objektivität auszugeben und das beträfe auch den Bereich der Wissenschaft.

      Von sich auf andere schliessen. Wenn darin ein Körnchen Wahrheit liegt, dann ist es im Bereich der Geisteswissenschaften und eben nicht in den Naturwissenschaften. Was falsifizierbar ist und nie falsifiziert wurde gilt als gültige Beschreibung der Realität aber eben nur so lange, bis die Theorie falsifiziert wurde. Naturwissenschaften haben nicht den Anspruch, Letztbegründungen zu liefern. Das tun die Religionen.
      Dem konstruktiven Element sind aus den genannten Gründen enge Grenzen gesetzt.

      • „Von sich auf andere schliessen.“

        Das ist tatsächlich die Begündung für das eigene Vorgehen,

        dass man keine Rücksicht auf jegliche „Fakten“ nehmen muss, sind ja alles patriarchale Konstrukte zur Machtausübung
        dass man gleich den eigenen politischen Aktivismus dagegenhalten muss, das System zu beenden und ein neues einzuführen — *mit allen Mitteln*.

        Deshalb macht es auch absolut keinen Sinn, sich mit echten Vertretern der Genderideologie überhaupt auseinanderzusetzen. Widerspruch ist von denen aus nichts anders als Feindschaft und kann auch gar nichts anderes sein.
        Argumentation mit denen ist darüber hinaus kontraproduktiv, da sie zur Lüge eine vollkommen positive Beziehung haben und als vollkommen legitime Täuschung sehen.

      • Lustig, im thread fragte jemand nach falsifizierbaren Ergebnissen der Genderstudies. Antwort: LOL.
        So kann man auch „Wissenschaftlichkeit“ beweisen.

    • „Freilich steckt hinter der skizzierten Sichtweise jener Argumentationsfehler, den bekannte Kritiker des Poststrukturalismus […] zu Recht als „performativen Selbstwiderspruch“ bezeichnen: Es wird behauptet, dass es keine Wahrheit gebe – mit Ausnahme genau jener Theorie, die eben dies verkündet und damit einen Geltungsanspruch auf Wahrheit für genau diese Sichtweise erhebt. Mittels des Konzepts des performativen Selbstwiderspruchs werden die relativistischen Elemente des Postmodernismus schnell in ihrer Widersprüchlichkeit erkennbar.“

      Verstehe ich nicht. Wieso liegt hier ein *performativer* Widerspruch vor?

      Ein performativer Widerspruch ist genau dies: Dadurch, daß jemand etwas Bestimmtes tut, widerlegt er genau das, was er mit eben diesem Tun aussagt oder zu verstehen gibt.

      Einfaches Beispiel: Ich äußere den Satz: „Ich kann keinen einzigen Satz des Deutschen äußern.“ Die Tatsache, daß ich einen bestimmten deutschen Satz äußere (nämlich „Ich kann keinen …“, widerspricht dem, was ich mit der Äußerung eben dieses Satzes zu versehen gebe / aussage (nämlich, daß ich keinen deutschen Satz äußern kann). Diese Äußerung (als Akt) widerlegt den Inhalt eben dieser Äußerung.

      Etwas genauer müßte man sagen: Ein performativer Widerspruch liegt genau dann vor, wenn gilt: X vollzieht den performativen Sprechakt Y mit dem propositionalen Gehhalt Z, und die Tatsache, daß X den Akt Y vollzieht, widerspricht dem Gehalt Z (welcher der Gehalt des Aktes Y ist).

      In diesem erläuterten Sinne ist der von Apel und Habermas oben kritisierte „Argumentationsfehler“ sicher kein *performativer* Widerspruch, weil eben der performative Akt (das stellt sich der Postmodernist hin, macht den Mund auf und tut eine bestimmte Behauptung kund), *irrelevant* für den angeblichen Widerspruch ist: Die Tatsache, daß der Postmodernist eine bestimmte These vertritt (verstanden als ein aktives Tun mit einem bestimmten Gehalt), widerspricht eben nicht dem Inhalt dieser These.

      • @Jochen
        „Verstehe ich nicht. Wieso liegt hier ein *performativer* Widerspruch vor?“

        Weil man nach der Absage an „die Wahrheit“ dann mit seiner eigenen Wahrheit unmittelt um die Ecke kommt. Ist doch ein krasser Selbstwiderspruch. Sogar der krasseste, den man sich vorstellen kann.

        „Performativ“ bedeutet im Grunde gar nichts, da es alles bedeuten kann. Jede geäusserte Behauptung wäre so als „Performance“ einer Wirklichkeit anzusehen, etc

        • Sorry – verstehe ich immer noch nicht.

          Übersetzen wir mal die Aussage, daß es keine Wahrheit gibt, mit der folgenden Annahme:

          (1) Es ist nicht der Fall, daß für mindestens ein Ding x gilt: x ist wahr.

          Aus (1) können wir logisch ableiten:

          (2) Für jedes Ding x gilt: x ist nicht wahr.

          Aus (2) können wir logisch ableiten:

          (3) Die Aussage (1) ist nicht wahr.

          Allerdings steht die Konklusion (3) nicht im Widerspruch zur Annahme (1), denn (1) besagt ja nicht, daß die Aussage (1) wahr ist.

          Der Anschein eines Widerspruchs entsteht dadurch, daß wir die folgende Zusatz-Annahme einführen:

          (4) Daraus, daß es sich so-und-so verhält, folgt (zwingend), daß es *wahr* ist, daß es sich so-und-so verhält. Kurz: daraus, daß p, folgt, daß es wahr ist, daß p.

          Angewendet auf (1): Daraus, daß es nicht der Fall ist, daß für mindestens ein Ding x gilt: …, folgt, daß es *wahr* ist, daß es nicht der Fall ist, daß für mindestens ein Ding x gilt: x ist wahr. Kurz – gemäß (4) gilt: Aus (1) folgt, daß es *wahr* ist, daß es keine Wahrheit gibt.

          Die Annahme (4) ist plausibel – doch sollten wir bedenken, daß viele Naturwissenschaftler (4) ablehnen. Die sagen dann so etwas wie: In der Natur ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht – es gibt in ihr keine „Wahrheit“: es gibt lediglich Dinge und ihre Beschaffenheiten, also z. B. Atome und chemische Bindungen. „Wahrheit“ ist eine Illusion des Menschen – alles, was wir Wissenschaftler haben, sind *Modelle* – und diese Modelle sind nicht etwa „wahr“, sondern z. B. einfach nur isomorph zum modellierten Ausschnitt der Wirklichkeit.

          Man sieht hieran übrigens gut, daß die bloße Annahme (1) nicht zwangsläufig einen Relativismus zur Folge hat. Die von mir genannten Naturwissenschaftler sind keine Relativisten, die z. B. meinen würden, es wäre eben irgendwie relativ, wieviele Geschlechter es bei den Säugetieren gibt. Nein, diese Leute sind skeptische Realisten, die sich dagegen wehren, einfache Aussagen metaphysisch zu überhöhen, indem man ihnen irgendeine nebulöse Wahrheit zuschreibt.

          Wie auch immer: Der Postmodernist wird die Zusatz-Annahme (4) ablehnen, denn aus seiner Annahme (1) folgt logisch, daß (4) nicht wahr ist. Auch ist nicht ersichtlich, daß der Postmodernist trotz seiner Ablehnung irgendwie dennoch auf die Annahme (4) festgelegt wäre.

          Kurzum: ich sehe immer noch nicht, warum die Position des Postmodernisten einen performativen *Widerspruch* beinhalten soll. So ein Widerspruch entsteht erst dann, wenn wir Annahmen einführen, die vom Postmodernisten abgelehnt werden.

          Daraus, daß eine Theorie keinen performativen *Widerspruch* enthält, folgt natürlich nicht, daß diese Theorie wahr oder auch nur plausibel ist.

      • @ Jochen Schmidt

        „Verstehe ich nicht. Wieso liegt hier ein *performativer* Widerspruch vor?“

        Weil ein Geltungsanspruch auf Wahrheit für eine bestimmte Sichtweise erhoben wird, während gleichzeitig auf der Inhaltsebene ausgesagt wird, dass es keine Wahrheit gibt.
        Es ist demnach ein performativer Widerspruch ähnlich wie das manchmal beim Thema zitierte Beispiel: „Es gibt keine wahren Aussagen“. Der Satz wäre sinnlos, wenn der Sprecher nicht davon ausginge, dass der Satz wahr ist. Damit gerät aber sein Sprechakt, der einen Geltungsanspruch auf Wahrheit für diese Aussage erhebt, in Widerspruch zum Inhalt der Aussage.

        • Wenn ich es richtig verstanden habe, dann soll der Selbswiderspruch darin bestehen, daß der Postmodernist mit seiner Behauptung einen Geltungsanspruch auf die Wahrheit dessen erhebt, was er behauptet – er mit eben dieser Behauptung aber ausschließt, daß irgendetwas wahr ist, also irgendetwas einen solchen Anspruch auf Wahrheit einlösen kann. Das wäre dann fast so, wie wenn jemand behauptet: „Achtung, es gibt mindestens eine Wahrheit, nämlich: daß es keine einzige Wahrheit gibt.“

          Soweit ich das sehe, geht in diese Analyse die folgende Voraussetzung ein: Um eine Behauptung mit einem bestimmten Gehalt überhaupt machen zu können, muß jemand mindestens zwei Dinge können:
          a) er muß über den Begriff der Wahrheit verfügen (denn sonst kann er keinen Geltungsanspruch auf Wahrheit erheben)
          b) er muß in der Lage sein, gegenüber dem Gehalt seiner Behauptung eine Art Meta-Ebene oder Meta-Standpunkt einzunehmen, von der / dem aus er dem Gehalt seiner Behauptung einen bestimmten Status oder eine bestimmte Bewertung zuweist (z.B. den Status „wahr“, oder „plausibel“ od.dgl.)

          Diese Voraussetzung mag harmlos erscheinen, sie hat aber gravierende Konsequenzen: Wie steht es mit Menschen, die eben nicht (noch nicht) über den Begriff der Wahrheit verfügen, oder die eben (noch) nicht in der Lage sind, gegenüber dem Gehalt einer Behauptung eine Art Meta-Standpunkt einzunehmen, von dem aus sie diesem Gehalt einen bestimmten Status zuweisen?

          Das könnten z.B. sein:
          – Kleine Kinder
          – Geistig Behinderte
          – Menschen vergangener Epochen, z. B. Menschen der Bronzezeit.

          Können / konnten diese Menschen etwa keine Behauptungen aufstellen?

          So, ob nun z.B. kleine Kinder (etwa im Alter von 4 Jahren) schon über den Begriff der Wahrheit verfügen, und ob sie diesen ollen Meta-Standpunkt einnehmen können, das ist von meiner Seite jetzt erst mal Spekulation. Ich bin hier aber skeptisch, weil ich z.B. gelesen habe, es hätte wenig Sinn, kleine Kinder zu ermahnen, sie sollten nicht lügen / schwindeln, weil kleine Kinder bis etwa 6 Jahre den Unterschied zwischen „ehrlich sein“ und „lügen / schwindeln“ nicht verstehen könnten.

          Jedenfalls scheint mir klar, daß 4-Jährige normalerweise sehr wohl Behauptungen aufstellen (z.B. daß Bonbons süß schmecken). Und ich möchte mich damit keinesfalls bereits auf die These festlegen, daß diese 4-jährigen eben auch schon über den Begriff der Wahrheit verfügen und natürlich auch einen Meta-Standpunkt gegenüber dem einnehmen können, was sie da jeweils behaupten.

          Dieselbe Skepsis hege ich in den Fällen der geistig Behinderten und der Menschen der Bronzezeit.

          Allgemein haben wir die Frage, worin die „behauptende Kraft“ bei Behauptungen besteht. Hierauf kann man verschiedene Antworten geben, z.B.:
          c) sie besteht in dem Geltungsanspruch auf die Wahrheit dessen, was man behauptet
          d) sie besteht in dem Verbürgen dafür, daß die Sachen sich so-und-so verhalten (z.B. in dem Verbürgen dafür, daß der in Rede stehende Gegenstand so-und-so beschaffen ist / die-und-die Beschaffenheit hat).

          Gemäß d) besteht die behauptende Kraft einer Behauptung, daß Fa, in dem Verbürgen dafür, daß a (ein) F ist. Gemäß d) kann man auch dann Behauptungen aufstellen, wenn man nicht über den Begriff der Wahrheit verfügt und keinen entsprechenden Meta-Standpunkt einnehmen kann.

          Sofern man „Geltungsanspruch“ versteht im Sinne von „Anspruch darauf, daß der jeweilige Gesprächspartner etwas Bestimmtes anerkennt“,

          http://synonyme.woxikon.de/synonyme/geltungsanspruch.php

          könnte man d) auch so formulieren:

          d‘) sie besteht in dem Geltungsanspruch darauf, daß die Sachen sich so-und-so verhalten (z.B. in dem Geltungsanspruch darauf, daß der in Rede stehende Gegenstand so-und-so beschaffen ist / die-und-die Beschaffenheit hat).

          Wie auch immer man zu den Alternativen c) vs. d) / d‘) stehen mag – aus den oben genannten Gründen scheint es mir bei Kritikern wie Apel und Habermas noch einigen Argumentations-Bedarf zu geben, wenn sie ihren Einwand des performativen Selbstwiderspruches wirklich durchbringen wollen. Selbst wenn ihnen das gelingen sollte, haben sie damit die These des Postmodernisten nicht entkräftet, sondern lediglich auf ein kurioses Merkmal hingewiesen: Wer diese These mittels einer Behauptung zur Diskussion stellt, verwickelt sich in einen performativen Selbstwiderspruch …

          Sagen wir also vorsichtig: Diese ganze Materie ist zu komplex, als daß man sie mit einer Kritik in zwei Sätzen und dem Etikett „performativer Selbstwiderspruch“ erledigen könnte …

          Allgemein hierzu siehe

          http://plato.stanford.edu/entries/assertion

        • @ Jochen Schmidt

          Danke für deine interessanten Reflektionen zum Thema.
          Kritiken, die die Komplexität eines philosophischen Themas erhellen, finde ich stets hilfreich für eine Diskussion der entsprechenden Themen.

          „Können / konnten diese Menschen etwa keine Behauptungen aufstellen?“

          Sie können/konnten natürlich sowohl Behauptungen aufstellen als auch wahre oder falsche Behauptungen aufstellen.
          Insofern ihnen die Fähigkeit zum formal-operationalen, abstrakten Denken fehlt, können/konnten sie bei bestimmten Themen aber eventuell nicht den erkenntnistheoretischen Status einer Behauptung in eigenständiger Reflektion begründet bestimmen.

          Sie können/konnten also wahre oder falsche Behauptungen aufstellen, aber im Kontext solcher erkenntnistheoretischer Fragestellungen, für deren Diskussion und Beantwortung abstraktes Denken notwendig ist, nicht erfassen und begründet erklären, warum eine bestimmte Behauptung vor dem Hintergrund bestimmter erkenntnistheoretischer Annahmen wahr oder falsch ist.

          (Es ist allerdings legitim, wenn im Rahmen der Diskussion zwischen Vertretern verschiedener philosophischer Schulen die Fähigkeit zum formal-operationalen, abstrakten Denken vorausgesetzt wird.)

          „c) sie besteht in dem Geltungsanspruch auf die Wahrheit dessen, was man behauptet
          d) sie besteht in dem Verbürgen dafür, daß die Sachen sich so-und-so verhalten (z.B. in dem Verbürgen dafür, daß der in Rede stehende Gegenstand so-und-so beschaffen ist / die-und-die Beschaffenheit hat).“

          Mir ist auf Anhieb nicht ersichtlich, worin du den Unterschied zwischen beiden Aussagen siehst. Beinhaltet ein Verbürgen dafür, dass die Sachen sich so-und-so verhalten, in deinen Augen nicht automatisch einen Geltungsanspruch darauf, dass sich die Dinge wahrheitsgemäß so verhalten?

          „Selbst wenn ihnen das gelingen sollte, haben sie damit die These des Postmodernisten nicht entkräftet, sondern lediglich auf ein kurioses Merkmal hingewiesen: Wer diese These mittels einer Behauptung zur Diskussion stellt, verwickelt sich in einen performativen Selbstwiderspruch …“

          Na ja, ich würde sagen, der performative Widerspruch bringt den radikal-skeptizistischen Postmodernisten in die Situation, dass er begründen müsste, inwiefern es möglich sein soll, dass seine Aussage gleichzeitig wahr und falsch ist. Ist die Aussage, dass es keine Wahrheit gibt, nämlich wahr, dann impliziert dies, dass die gemachte Aussage ja auch nicht wahr sein kann. Entsprechend muss sie falsch sein, d.h. sie muss also um wahr zu sein gleichzeitig falsch sein.

          „Sagen wir also vorsichtig: Diese ganze Materie ist zu komplex, als daß man sie mit einer Kritik in zwei Sätzen und dem Etikett „performativer Selbstwiderspruch“ erledigen könnte …“

          Vielleicht hast du Recht. Aber bisher finde ich es überzeugend.

          Es ist dabei natürlich zu berücksichtigen: es geht hier nur um radikal-skeptizistische Positionen, gemäßigtere skeptizistische Positionen würden dadurch nicht widerlegt.

          Wäre also das Konzept des performativen Widerspruchs geeignet zur Widerlegung oder zur begründeten Infragestellung eines radikalen Skeptizismus, würde dies natürlich nicht bedeuten, dass der Skeptizismus damit in all seinen Varianten als erkenntnistheoretische Position erledigt wäre.

          „Allgemein hierzu siehe
          http://plato.stanford.edu/entries/assertion“

          Danke, schaue ich mir nachher an.

        • Für eine ausführliche kritische Analyse von Widersprüchen (performativen Widersprüchen und anderen Widersprüchen) im Poststrukturalismus/Postmodernismus am Beispiel des Werkes von Michel Foucault, siehe übrigens das Buch des Philosophen Fernando Suarez Müller – Skepsis und Geschichte: Das Werk Michel Foucaults im Lichte des absoluten Idealismus.

      • @Jochen
        Die logisch angemessene Konsequenz aus dem „es gibt keine Wahrheit, alles ist Macht“ ist Fatalismus. So manche Stömungen in der Philosophie bedienen ich diesem, wie zB der Existenzialismus, der für den Postmodernismus auch nicht ganz unwichtig ist.

    • @ Leszek

      Deine Verteidigung insbesondere von Faucault finde ich merkwürdig.

      Butler als die Hohepriesterin der Genderkirche ist nicht zufällig wesentlich von Faucault inspiriert. Die von dir als fundamental beschriebenen Gegensätze zwischen Butler und Faucault kann ich nirgends finden ausser Faucaults Bekenntnis, dass unbedingt an den wissenschaftlichen Methoden festgehalten werden müsse. Er hat wohl erkannt, dass der Sprechakt als die Realität konstituierendes und konstruierendes Ding zwangsläufig zur Beliebigkeit führt. Warum sollte ich mich an wissenschaftliche Methoden halten, wenn der Sprechakt die Suche nach der Wahrheit obsolet werden lässt?

      • @ Peter

        „Deine Verteidigung insbesondere von Faucault finde ich merkwürdig.“

        Ich beurteile Foucaults Werk (soweit es mir bekannt ist) im Großen und Ganzen tatsächlich eher positiv, Butlers Werk hingegen nicht.
        Insbesondere schätze ich Teile von Foucaults Spätwerk, ich lehne aber die relativistischen Tendenzen in Foucaults Weltsicht völlig ab. Was diesen Aspekt angeht, bin ich auch bei Foucault sehr kritisch.

        „Butler als die Hohepriesterin der Genderkirche ist nicht zufällig wesentlich von Faucault inspiriert. Die von dir als fundamental beschriebenen Gegensätze zwischen Butler und Faucault kann ich nirgends finden ausser Faucaults Bekenntnis, dass unbedingt an den wissenschaftlichen Methoden festgehalten werden müsse.“

        Es gibt m.E. schon einige wesentliche Unterschiede zwischen Foucault und Butler.
        Die Subjekttheorie in Foucaults Spätwerk, in dem er die Subjektkonstitution unter den Bedingungen des sich durchsetzenden Neoliberalismus beschreibt, ist z.B. völlig anders als die Theorien zur Subjektkonstitution aus seinem früheren Werk, auf welche sich Butler bezieht, Foucaults Pastoralmachttheorie ist m.E. u.a. gut dazu geeignet um manipulative politische korrekte Diskursstrategien kritisch zu analysieren und seine Theorie des „Wahrsprechens“ betont Eigenschaften, die eher für verantwortungsvolle Kritiker jeder Form von Political Correctness geeignet sind als für Mitläufer und Konformisten irgendeiner Form von PC.

        Foucault bejahte übrigens auch entschieden die Meinungsfreiheit:

        „Nichts ist unbeständiger als ein politisches Regime, dem die Wahrheit gleichgültig ist; doch nichts ist gefährlicher als ein politisches System, dass die Wahrheit vorschreiben will.“

        (aus: Die Sorge um die Wahrheit, 1984, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1980 – 1988, Vierter Band, Suhrkamp, 2005, S. 836)

        „Ich will keine Kritik vorbringen, welche die anderen daran hindert zu sprechen, ich will nicht in meinem Namen einen Terrorismus der Reinheit und der Wahrheit ausüben. Ich will auch nicht im Namen der anderen sprechen und mir anmaßen, das, was sie zu sagen haben, besser zu sagen. Meine Kritik hat das Ziel, es anderen zu ermöglichen zu sprechen, ohne dem Recht zu sprechen, das sie haben, Grenzen zu setzen.“

        (aus: Michel Foucault – Die Antworten des Philosophen, Gespräch mit C. Bojunga und R. Lobo, 1975, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1970 – 1975, Zweiter Band, Suhrkamp, 2002, S. 1016)

        Und es gibt bei Foucault auch Ansätze für eine Ethik der Diskussion, die völlig im Widerspruch zum egozentrischen Diskursverhalten links-autoritärer (und rechts-autoritärer) Politisch Korrekter stehen (und durch die er offenbar auch versuchte Mißinterpretationen seiner Machttheorie entgegenzuwirken).
        Es stimmt, dass Foucaults Machttheorie von links-autoritären Politisch Korrekten für eine Art von „Sozialdarwinismus des Diskurses“ instrumentalisiert wurde, aber dies entspricht nicht Foucaults Intentionen.

        Des Weiteren war Foucault ja Historiker und mit seinen historischen Darstellungen und Analysen kann man sich auch dann beschäftigen, wenn man die theoretischen Grundlagen der poststrukturalistischen Philosophie als „Philosophie der Differenz“ ablehnt.

        Bei Butler sehe ich hingegen bisher keine ernsthaften philosophischen/wissenschaftlichen Leistungen. Butlers Beiträge zur Gender/Queer-Theorie lehne ich völlig ab (ich lehne den Gender/Queer-ideologischen Blödsinn allgemein völlig ab), ihren Kulturrelativismus lehne ich auch ab. Ich muss aber zugeben, dass ich mich mit Butlers Demokratietheorie und Ethik noch nicht ausreichend beschäftigt habe, um diese Aspekte ihres Werkes abschließend beurteilen zu können.

  7. Fräulein Stokowski (yup, ist eine Mikroaggression) versucht sich in Logik. Das geht etwa so:

    Bahnbrechene wissenschaftliche Erkenntnisse wurden manchmal erst als Unsinn qualifiziert, bis deren Bedeutung erkannt wurde. Darum ist all das, was als geistiger Dünnpfiff qualifiziert wurde tatsächlich eine bahnbrechende neue wissenschaftliche Erkenntnis!
    Daraus folgt, dass der geistige Dünnpfiff der Gender Studies tatsächlich ein wissenschaftlicher Durchbruch ist!
    Das ist messerscharfe Logik,Leute! Wenn ein Deutscher Europäer ist, dann folgt messerscharf, dass ein Europäer ein Deutscher ist. Jaja, das habt ihr Dummdödel nicht gewusst, ihr mansplainer ihr!

  8. Demnach bildet sich sofort ein neues Feld, die „Black Astrostudies“ in dem es darum geht, dass die Planeten umgenannt werden, nach alten, PoC-Namen, vorzugsweise nach queeren Gottheiten.

    Das wurde doch schon gemacht! Es gibt doch das astronomische Phänomen des „Schwarzer-Loch“! 🙂

  9. „Colonial astrophyisks“ … „Black Astrostudies“ … Vulva-förmige Raketen – köstlich! 😉

    Aber eine Sache empört mich dann doch – traumatisiert mich geradezu: Im Hauptartikel oben wurde das Wichtigste vergessen – das Wichtigste überhaupt: Menstrual Management in der Milchstraße !!!

    Ihr seid und bleibt eben immer nur – Männer!

    • „Milchstraße“

      Der rassistische, kolonialistische, patriarchale Grundbezug dieses Begriffes springt doch hoffentlich gleich ins Auge!?! Muss unbedingt unbekannt werden …..

    • OMG –
      phallisch männliche hetero-Raumsonden vergewaltigen unschuldige Mutterplaneten?
      Wahrscheinlich sind die auch noch weiß?

  10. Christian, das was du aufzählst ist nicht, was passieren würde, wenn man „asrophysik wie Genderstudies behandeln“ würde, sondern genau umgekehrt, was passiert (und ja auch tatsächlich so passiert), wenn Gender Studies und intersektionalismus in Fächer wie die Astrophysik eindringen und sie übernehmen.

    Wenn man Astrophysik wie Genderstudies „behandeln“ würde, dann wüsste man vor Beginn einer Untersuchung, was am Ende dabei herauszukommen hat, und interpretiert das gesehene so, wie man es braucht.
    Nehme man an, ein Ziel wäre ewas, Menschen zum Mars zu bringen (was, wie bereits mehrfach erwähnt, nicht Gegenstand von Astrophysik ist, sondern Raumfahrttechnologie, aber wir nehmen das jetzt mal nicht so genau – bei solchen Missionen arbeitet man ganz definitiv eng mit Astrophysikern zusammen, weil die eine Menge wichtige Sachen dazu zu sagen haben. Und letztlich geht es weniger explizit um „Astrophysik“, sondern den Umgang mit MINT)
    Dann würde man ganz früh irgendwelche Hinweise auf Wasser als Belege für Wasser auf dem Mars gefunden haben – und widersprechende Hinweise als „anti-Mars-faschistoid“ bekämpfen. Die Anwesenheit von Wasser wäre sehr schnell ein nicht hinterfragbares Dogma. Ähnliches würde in Bezug auf andere Machbarkeitsstudien gelten. Alles, was irgendwie ein Ziel eines Bemannten Marsfluges in Frage stelen könnte, wäre dann „hatespeech“ und irgendwie „anti-“ dingsbums. Und irgendwie wäre der Mars eigentlich bereits jetzt ein sehr erdähnlicher Planet, den man eigentlich nur irgendwie noch erreichen müsste.
    Im Zuge einer Begeisterungswelle aufgrund der hemmungslos optimistischen „Forschungsergebnisse“ hätte man längst die ein oder andere Bemannte Mission geplant. Da sich dafür diverse allzu rational denkende Menschen nicht ohne weiteres auf die anstehenden Missionen einlassen wollen, dürfen letztendlich stramm pro-Marszivilisation eingestellte Leute auf den Missionen mitfliegen.

    Leider stellt sich regelmäßig heraus, dass die Missionen offenkundig von den hatern der anti-Mars connection sabotiert werden. Auf manchen Flügen halten bereits die Lebenserhaltungssysteme nicht bis zur Ankunft auf dem Mars aus. Auf den meisten Flügen kommen die „Martionauten“ nicht mal lebend am Mars an. Die Kritiker verbreiten sogar noch die fake-news, der verlust der Missionen und von Menschenleben habe etwas mit schlechter Planung, unzureichender wissenschaftlicher Absicherung der behaupteten Ergebnisse und angeblichr „ideologisierung der Raumfahrt“ zu tun. Die hater sind ja sowas von Gewissenlos, dass sie nicht einmal vor dem Verlust von Menschenleben zurückschrecken. Man braucht daher dringend mehr Forschung, mehr initiativen und mehr Geld im Umgang mit den Anti-Mars-faschisten.

    So würde es IMHO aussehen, wenn eine (wie immer wir das nennen wollen – „Astrophysik“ passt echt nicht gut…) Mission „Flug zum Mars“ wie Gender Studies“ behandelt werden würde.

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