Selbermach Samstag 246 (15.07.2017)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen.

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Kurzrezension The Evolution of Beauty. How Darwin‘s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us

Ein Gastartikel von Jochen

Dieser schreibt vorweg:

Ich habe mir die Mühe gemacht ein neu erschienenes Buch von Richard Prum zu lesen.Es wurde in amerikanischen Medien als “ unerwartetes feministisches Manifest“ und als „Entdeckung feministischer Konzepte in der Biologie selbst“ gefeiert. Sogar der „Spiegel“ hat ein Interview mit dem Autor geführt. Es steht also zu befürchten, dass demnächst biologistische, evolutionäre Rechtfertigungen des Feminismus ventiliert werden.
Ich möchte Ihnen meine kurze Rezension dieses Buches zur Veröffentlichung anbieten.

Kurzrezension
The Evolution of Beauty. How Darwin‘s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the
Animal World – and Us
Richard O. Prum
Doubleday, 2017
Gewöhnlich beschweren sich Naturwissenschaftler über die spekulativen und unwissenschaftlichen Methoden der Geistes- und Sozialwissenschaftler. Dass es auch andersherum geht zeigt Prum mit seinem Buch „Evolution of Beauty“, das ein Beispiel ist wie ein Vogelkundler soziale Ideologien mit biologischen Argumenten unterfüttert.

Prum hat drei Anliegen: In der seit Darwin und Wallace diskutierten Frage der Evolutionslehre um das Verhältnis der natürlichen Selektion durch Anpassung (Darwin
1859) und der sexuellen Selektion durch Partnerwahl (Darwin 1871). Hier zeigt Prum detailliert und überzeugend, dass die sexuelle Selektion zu den ästhetisch elaborierten Formen des Balzverhaltens bei Vögeln geführt hat, die mit natürlicher Selektion nicht
möglich gewesen wären. Vielmehr seien die aufwändigen ästhetischen Ornamente, wie das Federkleid bei männlichen Vögeln, deren Gesang und soziales, territoriales und
architektonisches Balzverhalten biologisch kostspielig und teilweise Anpassungen, die
vordergründig das Überleben nicht fördern. Es ist ihm wichtig zu zeigen, dass auch nichtmenschliche Tiere die kognitiven Voraussetzungen besitzen ästhetische Entscheidungen fällen können. Dadurch erhält die Evolution ein willkürliches, subjektives Instrument.

Damit etabliert er das biologische Grundprinzip, das er später auf den Menschen anwendet. Dadurch, dass weibliche Vögel eine größere Investition zur Fortpflanzung
tätigen müssen als männliche Vögel – insbesondere bei den Vogelarten wo die Männchen nicht an der Brutaufzucht beteiligt sind – sind sie sehr wählerisch bei der Partnersuche. Im Gegensatz zur adaptiven Evolutionslehre, bei der die Auswahl auf die Merkmale fällt, die das „survival of the fittest“ signalisieren, ist die Triebkraft der ästhetischen Evolution die sexuelle Autonomie der weiblichen Vögel. Diese sexuelle Unabhängigkeit setzen sie bei der Partnerwahl (mate choice) durch, indem sie alleine entscheiden welche männlichen Gene an die nächste Generation weitergegeben werden. Diese ästhetische Evolution wird angetrieben von der sexuellen Anziehung der weiblichen Vögel, die bei der Partnerwahl die männlichen Vögel zum ästhetischen Wettkampf zwingen. Bemerkenswert dabei ist, dass die ästhetischen Wünsche und Präferenzen der weiblichen Vögel eine ästhetische Koevolution der männlichen Vögel steuern und so das äussere Erscheinungsbild, das Verhalten und die Balzrituale hervorbringen.
Dieser Drang nach sexueller Autonomie der weiblichen Vögel versuchen die männlichen Vögel mit Gewalt, Zwangsmaßnahmen und Vergewaltigungen zu konterkarieren. Diese Gegenkräfte haben wohl nichts mit der ästhetischen Evolution zu tun, sondern lassen sich wohl eher durch adaptive Vorgänge erklären. Ebenso untersucht Prum auch nicht diese Mechanismen bei Vogelarten, die eine gemeinsame Brutaufzucht praktizieren.

Hier läßt sich das zweite Anliegen des Buchs erkennen. Nachdem die biologischen
Gegensätze weibliche sexuelle Autonomie, vorangetrieben durch ästhetische Evolution gegen männliches Gewaltverhalten etabliert sind, geht er daran dieses Prinzip in der menschlichen Evolution nachzuweisen. Dabei findet er zahlreiche Beispiele bei unseren Vorfahren (Menschenaffen), die diese Dichotomie bestätigen. Beim Menschen wird der Konflikt zwischen männlicher sexueller Gewalt und weiblicher sexueller Selbstbestimmung durch die Paarbindung gelöst, die Ergebnis einer ästhetischen Koentwicklung zu einer  sozialen Beziehung der gegenseitigen männlichen und weiblichen reproduktiven Interessen geführt hat. Die langwierige und kompliziere Aufzucht des menschlichen Nachwuchs macht die väterliche Sorge notwendig. Die weibliche Partnerwahl hat über die ästhetische Evolution die männliche sexuelle Gewalt domestiziert.
Wie das passiert ist handelt er unter dem Titel „Der Lysistrata Effekt“ ab. Auch wenn der Autor zugesteht, dass der die Entwicklung zur weiblichen Partnerwahl beim Menschen, die bei Gorillas und Schimpansen nicht existiert, nicht erklären kann, hält er die Verweigerung von Sex für einen plausiblen Ausgangspunkt. Dadurch seien Männer, wie damals in Athen und Sparta gezwungen worden ihre Waffen niederzulegen und die Partnerwahl an die Frauen abzugeben. Er beschreibt minutiös welche körperlichen und verhaltensmäßigen Folgen das gehabt hat. Die weibliche Partnerwahl auf der seine gesamte Theorie aufbaut und ohne die alle seine Schlußfolgerungen zusammenbrechen hat er bei einigen Vogelarten mit leidenschaftlicher Detailversessenheit untersucht und beschrieben. Beim Menschen beschreibt er ausführlich, was sie bewirkt hat und begründet damit seine zentrale Hypothese. Das nennt man gemeinhin einen Zirkelschluss!

Wenn er dann schreibt: „I hope, therefore, that aesthetic evolution and sexual conflict
theory will provide a productive new intellectual interface between evolutionary biology, contemporary culture, and gender studies“ (5252), erkennt man wo der Autor falsch abgebogen ist und kann vermuten, dass der Wunsch Vater des Gedanken war.
Das dritte Anliegen des Autors is die Ästhetik und das Verhältnis von Schönheit und
Wahrheit. Hierbei handelt es sich um die Dritt-Verwertung des gleichen Gedankens.

Die herkömmliche Ästhetik drehe sich nur um die menschliche Wahrnehmung und
künstlerische Kommunikation. Diese müsse entsprechend den sensorischen und
kognitiven Fähigkeiten auch den Tieren und Pflanzen zugesprochen werden, die aufgrund der ästhetischen Evolution durch die weibliche Partnerwahl zu ästhetischem Empfinden und Ausdrucksformen befähigt seien. Analog zu der Vorstellung der adaptiven Evolutionslehre, die äußerliche Merkmale als ehrliche und wahrhaftige Signale von genetischer Überlegenheit interpretiert, lasse die ästhetische Evolution auch Signale zu die subjektiv und willkürlich sind und nicht zwangsläufig Wahrheit kommunizieren.

Für ästhetische Praktiker (Künstler) keine große Erkenntnis. Meiner Meinung nach ließe sich diese Idee der ästhetischen Evolution durch die weibliche Partnerwahl auf weitere Gebiete anwenden, z.B. auf Architektur oder Musik (was erklären würde, warum Männer die überlegenen Komponisten sind).