Bergpredigt von Jesus

Die Bergpredigt: Die Rede von der wahren Gerechtigkeit

1 Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.1
2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.

Die Seligpreisungen
3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.2
4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.3
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.
Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt
13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.4
16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Vom Gesetz und von den Propheten
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.5
19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Vom Töten und von der Versöhnung
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.6
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen.
26 Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.7

Vom Ehebruch
27 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.
28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.

Von der Ehescheidung
31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.
32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.
Vom Schwören
33 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron,
35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs.
36 Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
37 Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.8

Von der Vergeltung
38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.
40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.
41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.
42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Von der Liebe zu den Feinden
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
48 Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Und aus der Wikipedia:

Seligpreisungen
Die Bergpredigt beginnt mit einer Reihe von neun Seligpreisungen (Makarismen) in Mt 5,3-12 EU. Der Form nach stehen sie in der Tradition der Weisheitsliteratur („Wohl dem, der …“). Jesus verknüpft sie mit Armut, Trauer, Demut, Sanftmut, Gerechtigkeitssuche, Barmherzigkeit, reinem Herzen, Friedensstiftung und Leidensbereitschaft wegen Verfolgung. Die Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt unterscheiden sich von denen des Alten Testaments in mehrfacher Hinsicht:

Ihre Häufung ist hervorstechend. Während im Alten Testament selten mehr als zwei von ihnen aufeinander folgen, sind es hier neun an der Zahl.
Während das Alte Testament fast ausnahmslos sachlich in der dritten Person („Selig ist, wer …“) formuliert, stehen Jesu Seligpreisungen in der direkten Anrede der zweiten Person.
Im Gegensatz zum Alten Testament, welches in Nebensätzen Bedingungen für den Status der Seligkeit definiert, sind Jesu Worte kurz und eindeutig.
Jesus weitet im Gegensatz zum Alten Testament das Heil schon für die Jetztzeit und unbeschränkt für alle aus.[2]
Die sogenannten Antithesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Es folgen die Gleichnisworte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ 5,13-16 EU, die den Anhängern auferlegen, auf sichtbare Wirkungen zu achten („Licht nicht unter den Scheffel stellen“).

Daran schließen sich Ausführungen über Jesu Verhältnis zu „Gesetz und Propheten“ an (5,17-20 EU): nicht Aufhebung, sondern Erfüllung, die den Wortlaut achtet (und von einigen Interpreten als buchstabengetreue vollständige Beachtung geachtet wird).

Dies wird im folgenden Hauptteil, den Antithesen, an verschiedenen Themen gezeigt: Töten und Versöhnung 5,21-26 EU, Ehebruch und Ehescheidung 5,27-32 EU, Eid und Wahrhaftigkeit 5,33-37 EU, Vergeltung und Feindesliebe 5,38-48 EU. Jedes Mal stellt Jesus einem (frei zitierten) Gebot der Tora ein „Ich aber sage euch“ gegenüber. Da Jesus aber als Rabbi und Pharisäer die Gebote erklärt, kann nicht von Antithesen gesprochen werden. Als Gelehrter hatte er das Recht dazu, seine Auslegung zu Torazitaten zu bringen. Mit seiner Auslegung befindet er sich fest auf jüdischem Glaubensboden, was daran zu sehen ist, dass seine Auslegungen mit Aussagen im Talmud übereinstimmen.

Die Idee der Antithesen entsteht im Kontext der Übersetzung des hebräischen Originals. Da Jesus selber die Gültigkeit der Tora betont, kann er dieser keine Antithesen entgegensetzen. In der, zur Zeit um 30 n. Chr. nur mündlich vorhandenen, Mischna sind zu jeder Mitzwa auch drei konträre Meinungen von drei sehr verschiedenen rabbinischen Rechtsschulen aufgeführt. Somit waren die Antithesen in rabbinischen Kreisen nichts Neues. Man benennt sie aber als rabbinische Diskussion und nicht als Antithesen.

Das sechste Kapitel enthält Warnungen vor Veräußerlichung und Heuchelei („dein Vater, der das Verborgene sieht“; 6,1-8;14-18), und im Zentrum der gesamten Komposition eingefügt das Vater unser als „kindliches“ Gebet der neuen Gerechtigkeit (6,913). Daran schließen sich Mahn- und Gleichnisworte gegen den Reichtum, die „Sorge“ und mangelndes Vertrauen in die Gottesherrschaft an.

Das siebte Kapitel beginnt mit dem Verbot des Richtens (7,1––5) (Zum im Rahmen der Aufklärung formulierten Verbot des Richtens und der religiösen Implikationen siehe auch Moses Mendelssohn: Es kam zu einer Erosion rabbinischer Autorität). Es folgt ein Einzelwort über die Entweihung des Heiligen (7,6), aus dem das geflügelte Wort „Perlen vor die Säue werfen“ stammt. Der Sinn dieser Aussage gilt als rätselhaft.[3] Ein weiteres Gleichniswort vom Gebetsvertrauen (7,7-11) sowie die „Goldene Regel“: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten. (7,12)

Den Abschluss der Bergpredigt bilden das Mahnwort vom „engen Tor“ (7,13 f.), die Warnung vor heuchlerischen Glaubenslehrern (7,15-23) und das Gleichnis vom Hausbau auf Felsen oder auf Sand für ein Leben mit den Grundsätzen der Bergpredigt oder gegen sie (7,24-27).

Der Einleitung entspricht ein ebensolcher Schluss: Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten. (7,29 f.)

Ja irgendwie der Kern des Christentums.

Dennoch nur sehr selektiv angewendet. Auf die Vorschriften zur Scheidung legt kaum noch einer Wert. Nächstenliebe wird hingegen als Ideal in den Vordergrund gestellt, aber wohl kaum in diesem Sinne gelebt

Ich finde es interessant, den Text mal als solchen hier als Atheist zur Diskussion zu stellen.

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33 Gedanken zu “Bergpredigt von Jesus

  1. „Auf die Vorschriften zur Scheidung legt kaum noch einer Wert.“

    In Zeiten des Ohrenbackensessel-Sozialstaats sind diese Ideen schwer zu verstehen: Damals war eine Scheidung für eine Frau ein ernsthaftes existentielles Risiko. Sie konnte bestenfalls noch zu ihrer Sippe zurück, aber die wird sich i.A. nicht über den zusätzlichen Esser gefreut haben. Jesus war also für eigenverantwortliches, soziales Verhalten.

      • Um mal das Theologische zu klären: Jesus ist kein Gott.

        Und zum Metaphysischen: Wenn es eine Regel gäbe, dass Regeln hinterfragt werden dürfen, was würde jemanden davon abhalten, just diese Regel zu hinterfragen? Und darfst Du jetzt meine Gegenfrage hinterfragen? Wie viele Meta-Level sind erlaubt?

        • Christian das verstehst du falsch. Der ist nicht Gottes Sohn,wie Herkules der Sohn des Zeus ist.
          Er ist der Mensch in dem Gottes Güte(oder was immer) am meisten durchkommt

        • Ich habe mal so ein Diagramm bekommen. Da war erklärt, die deei sind Gott. Aber Jesus ist nicht der Vater.
          Aber Jesus ist schon menschlich.
          Wie war das bei Clint Eastwood:“ Ist Jesus dann ein Halbgott?“
          Ist schwer das alles einem notorischen Heiden zu erklären.

      • Es gilt die Regel, dass man den Sinn einer Regel verstehen soll. Was jetzt ein ständiges Thema bei Jesus ist; wofür ist der Sabbat da, warum darf man sich scheiden lassen, was ist mit Auge um Auge gemeint?

        Katholiken sehen den Sinn der Aussage zur Scheidung z.B. anders als die Protestanten.

        • Auge um Auge wird oft falsch verstanden. Da gehts eigentlich um Begrenzung der Notwehr und nicht um blinde Lynchjustiz. Das heißt, wenn dir einer ein Auge nimmt, nimm ihm nir das Auge und bring ihn nicht um. Das heißt nicht, hau dem andern den Schädel ein.

  2. …dazu wäre es hilfreich, die Ehebruch- und Ehescheidungs-Regeln der Thora zu kennen. Denn im allgemeinen war das, was JC so verkündete, ja immer auch ein Bruch oder eine Weiterentwicklung der alttestamentarischen Regelungen…

  3. Ja irgendwie der Kern des Christentums.

    Wenn man als Außenstehender den Kern des Christentums ergründen will, wäre es sinnvoller einen neueren Katechismus zu lesen.

      • Es ist, was es ist. Schau doch einfach bei den konkreten Christen vorbei, deren Christentum Du kennen lernen willst. Irgendwelche Schriften sind doch im Zweifelsfall irrelevant, sondern es kommt darauf an, was Individuen im realen Leben tun. Das ist doch auch, was aktuell viele bzgl. des Islams fuchsig macht: Ein Gelehrter interpretiert den Koran als höchst friedlich, während in Pakistan mit dem gleichen Buch die Steinigung einer vermeintlichen Ehebrecherin gerechtfertigt wird. Das ist doch bei jeder Religion und Ideologie so: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Im Hier und Jetzt.

      • Nein, denn das Dogma der Dreifaltigkeit definiert Gott Vater (das alte Testament), den Sohn (das neue Testament) und den heiligen Geist (die Christenheit seit der Erlösung) als gleichwertige Modi der Erkenntnis von Gottes Willen, die daher in Konkordanz gebracht werden müssen.Theologen (zumindest katholische) raten Laien daher eher ab von unbegleiteter Bibellektüre.

        • https://de.m.wikipedia.org/wiki/Dreifaltigkeit
          Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit oder Trinität (lateinisch trinitas; altgriechisch τριάς Trias ‚Dreizahl‘, ‚Dreiheit‘) bezeichnet in der christlichen Theologie die Wesenseinheit Gottes in drei Personen oder Hypostasen, nicht drei Substanzen. Diese werden „Vater“ (Gott der Vater, Gott Vater oder Gottvater), „Sohn“ (Jesus Christus, Sohn Gottes oder Gott Sohn) und „Heiliger Geist“ (Geist Gottes) genannt. Damit wird zugleich ihre Unterscheidung und ihre unauflösbare Einheit ausgedrückt

  4. Bei der Bergpredigt fällt mir immer Pulps „Day after the Revolution“ ein:
    …the meek shall inherit absolutely nothing at all / if you stopped being so feeble you could have so much more…

  5. Christen halten sich also im Allgemeinen nicht an alle von Jesus überlieferten Interpretationen der Thora.
    Na und? Sind halt Menschen.
    @Chris: noch nie gegen eine Rechtsnorm verstoßen? Nie zu schnell gefahren, falsch geparkt?

    • Doch klar, aber 80 Euro sind ja auch verträglicher als die Hölle. Und ich stelle die Normen auch nicht in Frage, weil ich sie nicht mehr für verbindlich halte, sondern ich hoffe nicht erwischt zu werden. Ist natürlich schwierig bei einem allwissenden Gott

  6. Zudem stützt sich Religion auch darauf, das Gott die Regeln macht und Menschen sich daran halten müssen, weil Gott es eben so will. Seine Regeln hinterfragbar zu machen ist da deutlich interessanter, weil sie damit ihre Autorität als Gottes Wille verlieren

    • Religion stützt sich darauf, dass manche Menschen ein Bedürfnis nach Religion haben. Es gibt etliche Religionen, in denen Regeln nicht dadurch begründet werden, dass Gott das so vorschreibt. Das weiß ich deshalb so genau, weil in vielen Religionen kein Gott verehrt wird.
      Weiterhin:
      Es gibt ZIG Stellen in der Bibel (und anderen religiösen Schriften), wo gesagt wird, dass dumpfe Paragraphenreiterei falsch ist; es wird daher ermutigt, die Regeln zu hinterfragen. Und es gibt Millionen von Theologen, die das tatsächlich machen (und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen). Dass eine Regel hinterfragt wird, heißt ja nicht, dass sie nicht akzeptiert wird. Warum sollte man auch was hinterfragen, wenn man sich eh‘ nicht dran halten will?

      Es gibt von Staat zu Staat unterschiedliche Definitionen von Mord und unterschiedliche Straßmaße, ich beziehe mich z.B auf die Frage, ob „Heimtücke“ ein Mordmerkmal sein, ob Mord verjährt und ob die Todesstrafe anwendbar ist. Niemand käme auf die Idee, daraus schlusszufolgern, dass Mord erlaubt sei.

      • „Es gibt ZIG Stellen in der Bibel (und anderen religiösen Schriften), wo gesagt wird, dass dumpfe Paragraphenreiterei falsch ist;“

        Blöderweise eine menschliche Schwäche.

        Um ein Beispiel zu nennen, zumindest aus dem Christentum (bei den anderen kenne ich keine):
        „Und er ging von da weiter und kam in ihre Schule. 10Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist’s auch recht, am Sabbat heilen? auf daß sie eine Sache gegen ihn hätten. 11Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, so er ein Schaf hat, das ihm am Sabbat in eine Grube fällt, der es nicht ergreife und aufhebe? 12Wie viel besser ist nun ein Mensch denn ein Schaf! Darum mag man wohl am Sabbat Gutes tun. 13Da sprach er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie ward ihm wieder gesund gleichwie die andere. 14Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten einen Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.“
        http://bibeltext.com/l12/matthew/12.htm

        Noch heute rühren überzeugte Juden keinen Finger an Sabbat. Es gibt sogar Regeln, wie mit modernen elektrischen Geräten umzugehen ist:
        http://de.chabad.org/parshah/article_cdo/aid/1883298/jewish/Elektrizitt-am-Schabbat.htm

        Daran sieht man den Kontrast zum alten Testament. Im Prinzip hebt es Jesus auf. Christen essen ja auch unerlaubterweise Schweinefleisch und sind nicht beschnitten, alles Vorgaben des alten Testamentes…
        m.E. eine der größten Schwächen der Bibel. Ein derartiger Widerspruch ist schwer zu übertünschen und wenn man ihn zugibt, heißt das nichts anderes, als: Gott irrt auch.

        • Kann es nicht auch sein, dass die gesendete Information durch den Empfänger interpretiert wiedergegeben wird und in diesem Sinne auch Neuinterpretationen möglich sind? Es gibt einen Wandel in der Sichtweise auf Gläubige im Sinne des Evangeliums (NT). Er deutet sich schon Mt 15:21-28 an: Die Botschaft geht an alle, nicht nur an Juden. Palus formt diese Andeutung dann aus und entbindet von den jüdischen Bräuchen.

          Ich sehe die Ambivalenz im NT eher als Stärke, denn als Schwäche: Sie zwingt zu einer Auseinandersetzung und es gibt keine endgültigen Antworten. Dadurch bilden sich Verkrustungen schwieriger und sind auch leichter wieder aufzulösen.

        • „Was ihr für verbindlich erklärt, soll bei Gott verbindlich sein, und was ihr für unverbindlich erklärt, soll bei Gott unverbindlich sein.“

          Paragraphenreiterei ist in der Tat eine menschliche Schwäche. Das heißt aber nicht, dass die Paragraphen schlecht sind, sondern die Paragraphenreiter.

  7. Die andere Wange bedeutet auch nicht, sich alles gefallen zu lassen, ich denke viele verstehen den Sinn falsch.
    Und das mit der Meile kommt von römischem Recht. Daher nur begrenzt anwendbar. Ich muss ja nicht für Besatzer Gepäck tragen.

    • Es gibt Leute, die das als „Trotz“ interpretieren. Man soll sich nicht unterordnen (wie ein zurechtgewiesener Sklave) sonder stolz die andere Wange auch noch hinstrecken. Wobei der Fokus natürlich darauf liegt, nicht das Schwert zu zücken, sondern den Schläger damit zu beschämen.

      Ob das eine realistische Interpretation ist, kann ich aber nicht beurteilen.

  8. Was ist das alte und das neue Testament? Für einen Christen sind es Weisungen ihres Gottes, die durch menschliche Medien (Propheten, Apostel) bzw. durch Jesus von Nazareth (als Manifestation Gottes in einem menschlichen Bewusstsein) verkündet und (irgendwie) in Schriftform übertragen wurden. Für Atheisten wird es in der Regel eine Kompilation von Geschichten sein, die sich die Menschen über Jahrtausende zurechtgelegt haben. Die Frage ist allerdings, warum. Hier gibt es wohl unterschiedliche Strömungen. Die gebräuchlichste (marxistischen Ursprungs): „Priester wollten sich das Mehrprodukt aneignen und erfinden Geschichten, die ihnen das Recht dazu einräumen.“ Das klingt für mich ein bisschen wie „Das Patriarchat unterdrückt die Frauen.“ Irgendwie nicht ganz falsch, aber in seiner Eindimensionalität nicht geeignet, ein sinnvolles Modell zu sein. Besser geeignet scheint mir, bei fehlendem Gottesbezug von einer schrittweise Modellierung von Regeln des sozialem Miteinanders auszugehen. Und in diesem Kontext ist das NT voll von Novellierungen, die auf das psychische Wohl des Menschen zielen.

    Die Bergpredigt ist für mich soetwas wie die Essenz der Lehren Jesu. Die Latte wurde bewusst so hoch gelegt, dass kaum ein Mensch drüber kommt. Das heißt aber nicht, dass (fast) alle Menschen schlecht sind, sondern, dass niemand aus Verhalten das Recht ableiten kann, etwas Besseres zu sein. Das Gottesbild des Gläubigen wandelt sich im Vergleich zum strafenden Gott des AT hin zum Gott, der dem Menschen immer zugewandt und offen bleibt. Es liegt im NT am Menschen, sich nun auch zu Gott hinzuwenden. Die formlierten Regeln sind Hinweise, wie der Gläubige näher an Gott herankommt. Ob das Ziel erreicht wird, liegt aber außerhalb des Einflusses des Gläubigen. Auch diese Regelung erscheint mir sinnvoll, weil dadurch das Erstarren des Regelwerks erschwert wird. Insgesamt scheinen mir die formulierten Regeln des NT für ein erfolgreiches Zusammenleben von Menschen gut geeignet.

    Im Vorwort des „Anhalters durch die Galaxis“ hat Douglas Adams das, auch für Atheisten verständlich, schön zu zusammengefasst:

    „…Und eines Donnerstags dann, fast zweitausend Jahre, nachdem ein Mann an einen Baumstamm genagelt worden war, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die
    Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären, …“

  9. Ich gebe „Markus“ recht, ist halt ein alter Schinken. gut gemeint, aber nicht in jedem Fall wörtlich zu nehmen. Man muss immer die zeitspezifischen Gegebenheiten berücksichtigen.

    Andererseits probieren wir gerade das Gegenteil, die totale Unverbindlichkeit aller Werte, oder zumindest der Ehe und siehe an: das ist durchaus nicht ohne negative Folgen, etwa was Alleinerziehende angeht.

    Ich bin dennoch (noch) der Meinung, dass man ausprobieren und korrigieren sollte und sich nicht an alte Bücher klammern.

    • Es geht auch nicht um das Klammern, sondern um die Vermutung, dass vergangene Generationen vielleicht auch nicht ganz doof waren. Vielleicht sollten wir zu erfassen versuchen, warum sie getan haben was sie taten und was sie uns mit den alten Büchern sagen wollten. Vielleicht finden wir dann eine Möglichkeit, aus ihren Erfahrungen zu lernen und Fehler, die sie schon gemacht haben, zu vermeiden.

      Aktuell sieht es für mich eher so aus, als müssten wir es mal wieder auf die harte Tour lernen. Hoffentlich lesen unsere Enkel dann unsere Bücher gründlicher.

      • @Werlauer
        Das sind sehr konsequente Gedanken, die den Wirklichkeitsgehalt dieser alten Zeitdokumente wie die „heiligen Schriften“ auf die verschiedensten Proben stellen:
        „was sie uns mit den alten Büchern sagen wollten“.

        Schon in noch älteren Zeiten scheint die bildlich ausgedrückte Erfahrung (Lascaux, die Tierfauna) eine unglaubliche Fähigkeit zur Abstraktion erkennen, die mal als „neu“ und „moderne Kunst“ angesehen werden könnte. Diese Menschen damals erscheinen dann „vielleicht auch nicht ganz doof“, denn nur so können sie überhaupt abstrahieren.
        Auch interessant, dass diese Kunst (Expressionismus etc) auch als „primitiv“ hingestellt werden konnte, während die eigene Primitivität sich in Idealvorstellungen erging, die in einem weiteren Sinne als primitiv und das zutiefst gelten kann.

        „Hoffentlich lesen unsere Enkel dann unsere Bücher gründlicher.“

        Da gibt es sowas? „Unsere Bücher“?

        Im Zweifel werden sie das genausowenig vermitteln werden, wie die Werke der Vergangenheit, die Zukunft wird sie immer „unterkomplex“ finden und reduziert.
        Darin liegt vielleicht eine Tragik der Menschheit. Hoffentlich aber nicht. Und das ist die Motivation zum Machen eines solchen Buches. Welches aussichtslos erscheint. Du hast keine Chance, darum nutze sie.

  10. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

    Nichts dagegen einzuwenden, die ersten Phrasen. Das hier dann von Jesus hört sich allerdings fanatisch fundamentalistisch an:

    „Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.“

    Damit könnte man auch das Netz-Durch-Setzungs-Gesetz rechtfertigen und etwaige „Hexenjagden“.

    Am besten aber gefällt die Vorstellung, dieser Jesus sei so eine Art „liebt Jeden“-Typ gewesen, wie ein ein Hippie. lol

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