Ideengeschichtliche Ursprünge des Konzepts binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Leszek

Im Folgenden soll eine Darstellung der ideengeschichtlichen Linie gegeben werden, die zu der Idee binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness geführt hat, also zu den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

Die postmoderne Political Correctness beruht, wie schon häufiger erwähnt, auf einer falsch angelegten, einseitigen und unwissenschaftlichen (Anti-)Diskriminierungstheorie, die so funktioniert, dass stets einer Gruppe der Status der Norm und einer anderen Gruppe der Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm zugewiesen wird. Jene Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wird dann pauschal abgesprochen Bezugspunkt von Diskriminierungen sein zu können.

Anstatt also ergebnisoffen auf allen Seiten zu prüfen, ob und inwieweit Diskriminierungen vorhanden sind und dann zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wird einfach dogmatisch vorausgesetzt, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben.

Auf diese Dinge bin ich in früheren Kommentaren schon häufig eingegangen und hatte mir auch Gedanken darüber gemacht wie eine tatsächlich wissenschaftliche, humanistisch-universalistische und integral-antisexistische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung jenseits der postmodernen Political Correctness aussehen könnte, die im Gegensatz zur postmodernen PC keine Menschengruppe per se ausschließt.
Graublau hatte aus einigen solcher Kommentare Artikel auf Geschlechterallerlei gemacht, ich verlinke sie an dieser Stelle, um ausführlichere Wiederholungen hierzu an dieser Stelle zu vermeiden:

 

In diesem Beitrag soll es um eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Linie gehen, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat.

Ich beginne mit einigen längeren Zitaten hierzu aus dem m.E. ausgezeichneten Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt „Multikulturalismus und Political Correctness in den USA“.
Das genannte Buch ist das wissenschaftliche Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, es ist mit großer Sachkenntnis geschrieben, enthält Belegquellen, ist pc-kritisch, aber sachlich und beschreibt ausführlich wie die postmoderne Political Correctness im Zuge einer US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. (Das Buch hat absolut nichts zu tun mit der unwissenschaftlichen antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie oder anderem rechten Propagandamüll.)

Hildebrandt geht in dem Unterkapitel 5.6. „Binäre Oppositionen und dualistische Hierarchien“ ausführlich auf die Entstehung der Idee dualistischer Hierarchien in der postmodernen PC ein, beginnend mit dem klassischen Strukturalismus des französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss, der mittels strukturalistischer Methoden schriftlose, kleinräumige Gesellschaften besser zu verstehen versuchte:

„Vereinfacht formuliert, bestand das Resultat dieser strukturalistischen Analyse darin, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit der untersuchten Gesellschaften als ein binäres System erschien, (Levi-Strauss 1992: 249), das „sich mit Hilfe von Gegenüberstellungen und Wechselbeziehungen (…), anders ausgedrückt mittels logischer Beziehungen“ (Levi-Strauss 1991: 81) aufbaut (…). Auf der Basis dieser theoretischen Voraussetzung führte die Analyse vielfältiger Verwandtschaftsstrukturen Levi-Strauss zu der Annahme eines grundlegenden, wenn auch nicht universellen Dualitätsprinzips, das durch seine Dichotomien (130f.) die untersuchten Gesellschaften als dualistische Gesellschaften mit dualistischer Organisation und dualistischen Institutionen erscheinen ließ (Levi-Strauss 1991: 36f). Für die vielfältigen Mythen anthropologischer Gesellschaften gilt nach Levi-Strauss Analoges. Die Mythen sind durch ein „Bündel differentieller Elemente“ (Levi-Strauss 1992: 158) strukturiert, die in Form binärer Oppositionen und Gegensatzpaaren auftreten, wie z.B.: Mutter/Tochter, älter/jünger, flussabwärts/flussaufwärts, Westen/Osten, Süden/Norden, unten/oben, Erde/Himmel, Mann/Frau, Endogamie/Exogamie, Erde/Wasser etc. (182 f.) „Die Mythen organisieren sich also zu einem dichotomischen System mit mehreren Etagen, auf denen Korrelations- und Gegensatzbeziehungen vorherrschen“ (237). Der Mythos strukturiert die verschiedenen Wirklichkeitsdimensionen einer Gesellschaft auf der „geographischen, ökonomischen, soziologischen und sogar kosmologischen“ Ebene in binären Dichotomien. Die menschliche Welt erscheint damit vollständig durch das Prinzip der Differenz zwischen Gegensatzpaaren strukturiert.“

(aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 198)

„Dieses Strukturprinzip (…) übernahm (Jaques) Derrida von Levi-Strauss und übertrug es auf die Analyse der westlichen Ideen- bzw. Metaphysikgeschichte (…).“

(aus: ebd. S. 198)

„Zum zweiten beraubt Derrida die binären Oppositionspaare ihrer herrschaftspolitischen Unschuld, die sie bei Levi-Strauss besaßen, der sie im wesentlichen als gleichberechtigte Elemente eines Paares behandelte und die Betonung stärker auf den Ausgleich als die Konfrontation beider Elemente legte, weil nach ihm „das mythische Denken ausgeht von der Bewusstmachung bestimmter Gegensätze und hinführt zu ihrer allmählichen Ausgleichung“ (Levi Strauss 1991: 247). Im Gegensatz zu Levi-Strauss geht Derrida nun prinzipiell von der hierarchischen Anordnung dieser Elemente in einem Gegensatzpaar aus. „Sehr schematisch: eine Opposition metaphysischer Begriffe (zum Beispiel Sprechakt/Schrift, Anwesenheit/Abwesenheit usw.) ist nie Gegenüberstellung zweier Termini, sondern eine Hierarchie und die Ordnung einer Subordination.“ Durch diese Hierarchie und Subordination des einen Begriffs unter den anderen erscheint immer ein Terminus gegenüber dem anderen privilegiert und strukturiert damit die Textur der metaphysischen Tradition des Abendlandes als eine Abfolge hierarchischer Systeme aus unter- und überprivilegierten Termini.“

(ebd. S. 199)

„Der amerikanische Multikulturalismus rezipiert dieses strukturalistische Theorem der binären Oppositionen, die dualistische Hierarchien bilden und wendet es nicht nur auf die Analyse der abendländischen Tradition an, sondern auch auf die Analyse der Struktur der amerikanischen Gesellschaft an. Durch die in der metaphysischen Grundlage des amerikanischen Selbstverständnisses vorfindlichen binären Oppositionspaare, fände sich nicht nur in der dominanten Kultur der Vereinigten Staaten ein System hierarchischer Dichotomien, sondern diese schlügen sich auch in der Struktur der sozio-politischen Wirklichkeit nieder.
Diese Strukturanalyse wird aus der Perspektive der „Rainbow Coalition“ all jener Gruppen vorgenommen, die Iris M. Young als „Oppressed Minorities“ bezeichnete und die zu den Neuen Sozialen Bewegungen der „Politics of Identity“ und der „Politics of Difference“ gerechnet werden.“

(ebd. S. 199)

Soweit Mathias Hildebrandt.
Also, gehen wir den von Mathias Hildebrandt beschriebenen Ablauf noch einmal mal in drei Schritten durch, um die Sache genauer zu verstehen.

1. Schritt:

Der französische Ethnologe/Anthropologe Claude Levi-Strauss, Hauptvertreter der strukturalen Anthropologie bzw. des ethnologischen Strukturalismus, gelangte im Rahmen seiner strukturalistischen Analysen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften zu der Auffassung, dass die kulturelle Weltsicht bzw. das kulturelle Bedeutungs- und Wertesystem, einschließlich der Mythen dieser Gesellschaften wesentlich von Dualismen bzw. Gegensatzpaaren geprägt sei.

Claude Levi-Strauss war m.E. durchaus ein bedeutender Ethnologe, (er glaubte übrigens im Gegensatz zu vielen Poststrukturalisten an eine universelle menschliche Natur). Ich vermute, dass Levi-Strauss mit seiner Analyse über die Relevanz von Gegensatzpaaren für ein besseres Verständnis der kulturellen Weltsicht und der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften wohl nicht völlig falsch lag, habe aber den Eindruck, er übertreibt diese Erkenntnis etwas zu stark.
Dies ist allerdings natürlich eine Diskussion, die von Fachleuten im Bereich Ethnologie und Mythologie geführt werden muss. Gestehen wir Levi-Strauss aber ruhig erstmal zu, diesbezüglich einen diskussionswürdigen Beitrag zur Ethnologie und Mythologie geleistet zu haben.

2. Schritt:

Der französische poststrukturalistische Philosoph und Begründer der Philosophie und geisteswissenschaftlichen Methode der Dekonstruktion Jaques Derrida überträgt Claude Levi-Strauss Idee der Strukturierung von kulturellen Weltsichten durch Dualismen/Gegensatzpaare nun von den schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie beschäftigt, auf den geographischen Raum des sogenannten Abendlandes und dessen philosophische Ideengeschichte. Derrida meint eine Strukturierung durch Gegensatzpaare auch als ein wesentliches Element westlichen philosophischen Denkens erkennen zu können. Im Unterschied zu Claude Levi-Strauss Analyse der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften meint Derrida nun allerdings bei der philosophischen Ideengeschichte des Abendlandes zu erkennen, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der Regel hierarchisch gegliedert aufgefasst würden. Ein Gegensatzpol würde auf diese Weise stets einen höheren Rang erhalten, der andere würde hingegen abgewertet.

In der m.E. lesenswerten Einführung in den Poststrukturalismus von Stefan Münker & Alexander Roesler geben diese folgendes Beispiel für diese Auffassung Derridas:

„Der Ausgangspunkt von Derridas (1930 – 2004) Überlegungen ist das Verhältnis der gesprochenen Sprache zur Schrift. In der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte sieht er eine Diskriminierung am Werk, welche die Schrift der gesprochenen Sprache gegenüber abwertet. Das geschriebene Zeichen wird dem Lautzeichen gegenüber als sekundär angesehen, als bloße Verschriftlichung des vorangegangenen Lautzeichens. (…) Egal ob Platon, Aristoteles, Rousseau, Hegel oder Husserl, alle diskriminieren die Schrift zugunsten des gesprochenen Worts. In dieser abwertenden Geste sieht Derrida ein wiederkehrendes Muster der Philosophiegeschichte, das er identifizieren und kritisieren wird.“

(aus: Stefan Münker & Alexander Roesler – Poststrukturalismus, 2. Auflage, J.B. Metzler, 2012, S. 39)

Ob Derrida mit seiner Annahme in der westlichen Philosophiegeschichte würde die Schrift gegenüber dem Wort diskriminiert, Recht hat oder nicht, mögen Philosophiehistoriker diskutieren und entscheiden.

Allerdings halte ich Derridas Annahme, dass die westliche Philosophiegeschichte grundsätzlich von solchen hierarchisch gegliederten Dualismen/Gegensatzpaaren durchzogen sei, doch für fragwürdig und zumindest schwer begründbar und belegbar.

Ich vermute, dass diese Sichtweise übertrieben ist und eher eine einseitige dogmatische Annahme darstellt. Ich würde eher vermuten, dass sich bestimmte hierarchisch gegliederte Dualismen in manchen Phasen der Philosophiegeschichte nachweisen lassen, in anderen Phasen nicht (dafür vielleicht andere) und dass sich in jeder Phase der Philosophiegeschichte auch viele Dualismen/Gegensatzpaare ohne hierarchische Gliederung finden lassen.

Eine umfassende und um Objektivität bemühte Überprüfung und kritische Analyse dieser Sichtweise Derridas im Hinblick auf die westliche Philosophiegeschichte zu leisten, wäre sicherlich eine interessante Aufgabe für Philosophiehistoriker, (vielleicht gibt es ja solche kritischen Analysen auch bereits). Ich bin bei dieser Annahme von Derrida jedenfalls skeptisch und vermute, dass es sich hier eher um einen schwächeren Teil seines Werks handelt.

Für eine fundierte kritische Analyse der postmodernen Political Correctness ist es unvermeidbar, auch die Anknüpfungspunkte der postmodernen Political Correctness im französischen Poststrukturalismus zu analysieren, denn die postmoderne Political Correctness ist ja aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus hervorgegangen.

Und daher kann man es auch der Philosophie von Derrida nicht ersparen, die spezifischen Anknüpfungspunkte und ideengeschichtlichen Linien im Hinblick auf die postmoderne Political Correctness analysieren, denn auch wenn Jaques Derrida selbst nichts dafür kann, dass sein Werk von US-amerikanischen PC-Ideologen geplündert wurde und Aspekte seines Werkes für die postmoderne Political Correctness instrumentalisiert wurden, so ist für ein genaueres Verständnis der theoretischen und ideengeschichtlichen Grundlagen der postmodernen Political Correctness eine solche ideengeschichtliche kritische Analyse doch unerlässlich.

Mir geht es dabei jedoch nicht darum, in jene pauschale, von wenig oder keinerlei Kenntnis geprägte und manchmal antisemitisch unterfütterte Derrida-Ablehnung einzustimmen, wie sie sich in einem Teil des Lagers der rechten PC-Kritiker findet.

So wird Jaques Derrida z.B. als einziger poststrukturalistischer Theoretiker in einer von dem antisemitischen Verschwörungstheoretiker und bekannten Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie William S. Lind herausgegeben Schrift ausführlicher erwähnt. Die Berücksichtigung von Derrida in der antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie erklärt sich dabei sicherlich aus Derridas jüdischer Herkunft.

Die linke und links-maskulistische PC-Kritik, um die es mir geht, wendet sich hingegen entschieden sowohl gegen die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie (die ein besonders verlogenes und abstoßendes Beispiel für das darstellt, was ich als „Political Correctness von rechts“ bezeichne) ebenso wie gegen die postmoderne Political Correctness.

Dass es leider auch antisemitischen Kritiken an Derridas Philosophie gibt, bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass jede Kritik an Derridas Philosophie antisemitisch wäre.

Und des Weiteren muss Kritik an Derridas Philosophie zu üben, natürlich auch nicht zwangsläufig bedeuten, sein Werk völlig abzulehnen. Zwar geht es mir in diesem Beitrag nicht um eine ausführliche Analyse von Teilwahrheiten und Fehlern in der Philosophie Derridas, dennoch möchte ich an dieser Stelle auch noch einen Aspekt von Derridas Werk kurz erwähnen, den ich als bleibende Leistung ansehe.

Eine Leistung von Derrida liegt m.E. z.B. darin, mit der Dekonstruktion eine neue Methode der Textinterpretation entwickelt zu haben, mit der philosophische Texte auf neue Weise erschlossen werden können. In einer aktuellen Einführung zu Derrida wird dieser Aspekt folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

„Das „Durchsprechen“ (…) ist, gemäß einer Einsicht Jaques Derridas, eine Form des Erbens, das heißt eine Form der Aneignung und Weitergabe von Überliefertem. Seinem Ruf (…) zum Trotz hat niemand so oft wie Derrida betont, dass wir Erben sind, Erben einer philosophischen und politischen Tradition, für die wir die Verantwortung zu übernehmen haben. Dieses Erbe ist jedoch niemals einfach lesbar, es ist heterogen, in sich widersprüchlich und zerklüftet.
„Ein Erbe versammelt sich niemals“, heißt es (…). „Es ist niemals eins mit sich selbst. Seine vorgebliche Einheit, wenn es sie gibt, kann nur in der Verfügung bestehen, zu reaffirmieren, indem man wählt. Das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muss aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen. (…) Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben.“

(aus: Susanne Lüdemann – Jaques Derrida zur Einführung, Junius, 2013, S. 12)

Dass die dekonstruktive Art zu lesen für Vertreter anderer philosophischer Traditionen anfangs sehr irritierend sein kann, beschreibt der Marxist David Harvey in einer amüsanten Passage in seinem m.E. lesenswerten Buch „Marx Kapital lesen“. Harvey, der Seminare zu Marx „Kapital“ abhielt, geriet einmal unverhofft an eine Gruppe von Derrida-Anhängern:

„In einem Jahr versuchte ich, das „Kapital“ mit einer Gruppe aus dem Romanistik-Seminar an der John Hopkins zu lesen. Ich war äußerst frustriert, weil wir uns fast das ganze Semester mit dem ersten Kapitel aufhielten. Ich sagte immer wieder: „Schaut mal, wir sollten im Text weitergehen und wenigstens bis zum politischen Streit um den Arbeitstag kommen“, woraufhin sie sagten, „Nein, nein, nein, wir müssen das noch klar kriegen. Was ist der Wert? Was meint er mit Geld als Ware? Worum geht es beim Fetisch?“ und so weiter. Sie schleppten sogar die deutsche Ausgabe an, um die Übersetzung zu prüfen. Es stellte sich heraus, dass sie alle in der Tradition von jemandem standen, von dem ich noch nie gehört hatte und von dem ich dachte, dass er ein politischer oder sogar intellektueller Idiot sein müsse, weil er diese Herangehensweise ausgelöst hatte. Es handelte sich um Jaques Derrida, der Ende der 1960er Jahre, Anfang der 1970er Jahre, eine zeitlang an der Hopkins gewesen war. Als ich im Nachhinein über diese Erfahrung nachdachte, wurde mir klar, dass mir diese Gruppe beigebracht hatte, wie unerlässlich es ist, sorgsam auf die Sprache (…) zu achten (…).“

(aus: David Harvey – Marx Kapital lesen, VSA, 2011, S. 13)

Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.

Machen wir weiter mit dem eigentlichen Thema – 3. Schritt:

Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird nun Jaques Derridas Annahme von der Strukturierung der westlichen Philosophiegeschichte durch hierarchisch gegliederte Dualismen/ Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen. Nicht nur die westliche Metaphysik, sondern vor allem das Verhältnis verschiedener Menschengruppen zueinander innerhalb der kulturellen Weltsicht bzw. des kulturellen Bedeutungssystems, die sich auf die sozialen Strukturen auswirke, wird nun als streng hierarchisch gegliedert interpretiert.
Daraus wird abgeleitet, dass es Diskriminierungen immer nur auf einer Seite geben könne, dass eine Seite stets privilegiert, die andere Seite stets diskriminiert sei. Diese undifferenzierte Sichtweise erhält innerhalb der sich herausbildenden PC-Ideologie den Status eines dogmatischen Glaubenssatzes und wird nicht mehr hinterfragt.
Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommenen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entstehen nun die uns bekannten politisch korrekten „Norm-Feindbilder“:

– Norm: weiß, Abweichung: nicht-weiß
– Norm: männlich, Abweichung: weiblich
– Norm: heterosexuell, Abweichung: homosexuell
– Norm: cissexuell, Abweichung: transsexuell
– Norm: westlich, Abweichung: nicht-westlich

Mit diesem einseitigen Modell im Hinterkopf wird es nun für politisch korrekte postmoderne Linke schwierig sich vorzustellen, dass es viele Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen geben kann, die nicht in dieses dualistische Schema passen.

Übersehen werden dabei meiner Ansicht nach unter anderem:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

https://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

http://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern), denn „christlich“ wird in der PC-Ideologie mit „westlich“ assoziiert. (Allerdings interessieren sich nicht nur politisch korrekte postmoderne Linke, sondern auch die christlichen Kirchen selbst leider nicht besonders für dieses Thema.)

– Diskriminierende und autoritäre Werte, Normen und Gesetze im orthodoxen und islamistischen Scharia-Islam und die innerislamischen Betroffenen islamischer Unterdrückungspraxis jederlei Geschlechts (denn der Islam wird in der PC-Ideologie mit „nicht-westlich“ assoziiert).

Kurz auf den Punkt gebracht – das politisch korrekte Konzept der „Norm-Feindbilder“ bewirkt nun genau das, was der ursprüngliche französische Poststrukturalismus eigentlich kritisieren wollte: ungerechte Ausschlüsse.

Nach dieser etwas längeren Darstellung der ideengeschichtlichen Linie, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat, zum Abschluss noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

– Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss vertritt die Ansicht die kulturelle Weltsicht und die Mythen in schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften seien stark von Dualismen/Gegensatzpaaren geprägt.

– Der französische poststrukturalistische Philosoph Jaques Derrida überträgt diese Idee auf die westliche Philosophiegeschichte und meint außerdem, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der westlichen Metaphysik grundsätzlich hierarchisch gegliedert seien.

– Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird Derridas Idee hierarchisch gegliederter Dualismen/Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen.

– Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entsteht aus der Vorstellung hierarchisch gegliederter Beziehungen zwischen Menschengruppen im kulturellen Bedeutungssystem, das Dogma Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben sowie die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

– Die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“ produzieren neue Ausschlüsse und bewirken, dass reale Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen übersehen werden, wenn diese nicht der dogmatisch vorausgesetzten einseitigen und empirisch nicht überprüften politisch korrekten theoretischen Konstruktion entsprechen.

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44 Gedanken zu “Ideengeschichtliche Ursprünge des Konzepts binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness (Gastartikel)

  1. Gibt es denn Belege für diesen angeblichen Einfluss Derridas auf modernen Feminismus/Political Correctness usw.? Ich meine z.B. entsprechende Bezugnahmen in feministischen Texten (Butler z.B.)?

    Meines Eindrucks nach ist Foucault wesentlich wichtiger; Butler bezieht sich ständig auf ihn, auch andere postmoderne Linke.

      • Wird in dem Link nicht Leszek widersprochen?:

        „Noch mehr als seine Vorgänger fokussierte Derrida sich dabei auf die Sprache. So beschreibt Derridas bekanntester Ausspruch „Es gibt kein Außerhalb des Texts“ dessen Annahme, Wörter hätten keinen unmittelbaren Bezug zum beschriebenen Gegenstand. Vielmehr sollen wir es nur mit „Kontexten ohne absoluten Ankerpunkt“ zu tun haben.“

        bzw.

        „Die Intention des Redners ist für Derrida irrelevant. Von Bedeutung ist nur die Auswirkung der Rede.“

        Wenn das wirklich so aufgefasst wird, von „Linken“, sind die ja noch viel dümmer, als ich dachte. Die Beschreibung ist ja geradezu eine Negation des Sinnes, der menschlichen Sprache, in der es immerzu darum geht, die Intention aus einer Äußerung herauszulesen.

    • @ El_Mocho

      „Gibt es denn Belege für diesen angeblichen Einfluss Derridas auf modernen Feminismus/Political Correctness usw.?“

      Ja. Sämtliche Bezüge auf Dekonstruktion/Dekonstruktivismus im Gender/Queer-Feminismus und postmoderner PC gehen ja auf bestimmte Interpretationen und Rezeptionsweisen von Aspekten von Derridas Philosophie zurück.

      Mal drei Beispiele zum Beleg:

      – Im Lexikon Gender Studies, herausgegeben von Renate Kroll findet sich ein Kapitel zu „Dekonstruktion“ und eins zu „Dekonstruktiver Feminismus“, in denen auch auf ideengeschichtliche Einflüsse auf den postmodernen Feminismus eingegangen wird.

      – In Nina Degeles Lehrbuch „Gender/Queer Studies“ finden sich Unterkapitel mit Themen im Zusammenhang mit Dekonstruktion.

      – In Franziska Schößlers „Einführung in die Gender Studies“ gibt es ein Unterkapitel zu Jaques Derrida und eins zu dekonstruktivem Feminismus.

      „Ich meine z.B. entsprechende Bezugnahmen in feministischen Texten (Butler z.B.)?“

      Auch bei Judith Butler spielt eine Rezeption von Aspekten von Jaques Derridas Philosophie mit rein. In der Einführung zu Judith Butler von Lars Distelhorst, Utb, 2009, wird darauf z.B. eingegangen, u.a. S. 44 – 46 .)

      Und in dem oben genannten pc-kritischen Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt „Multikulturalismus und Political Correctness in den USA“, das die Entstehung von Multikulturalismus und postmoderner PC in den USA beschreibt, wird an mehreren Stellen auf Jaques Derridas Philosophie und deren Rezeption in den USA im Zuge der Herausbildung der postmodernen PC (mit Belegquellen) eingegangen, aber auch auf die Rezeption einiger anderer poststrukturalistischer Philosophen sowie deren ideengeschichtliche Quellen wie Nietzsche, Heidegger und Wittgenstein.

      „Meines Eindrucks nach ist Foucault wesentlich wichtiger; Butler bezieht sich ständig auf ihn, auch andere postmoderne Linke.“

      Foucault ist auch wichtig für die postmoderne PC, Derrida aber auch. Bei beiden ist aber nicht das Gesamtwerk für die postmoderne PC rezipiert worden, sondern nur bestimmte Teile. Das Spätwerk von Foucault – das ich übrigens z.T. ziemlich gut finde – spielt für die postmoderne PC z.B. keine Rolle und Derridas Ethik scheint auch nicht wahrgenommen worden zu sein.

      • Da kommen also zwei Aspekte zusammen, die Dekonstruktion und die Foucaultsche Machttheorie. Beide sind wesentlich kritisch angelegt, worauf sich Feminismus ja auch beschränkt.

        Übrigens habe ich den Eindruck, dass du überwiegend „Einführungen“ usw. liest und weniger Originaltexte. Halte ich für gefährlich. Butler z.B. muss man selber lesen um zu sehen, dass sie den ganzen Unsinn wirklich selber gesagt hat.

        • @ El_Mocho

          „Da kommen also zwei Aspekte zusammen, die Dekonstruktion und die Foucaultsche Machttheorie.“

          Ja. Zur Rezeption von Foucaults Machttheorie in der postmodernen PC schreibe ich vielleicht bei Gelegenheit auch noch was. Die Weiterentwicklung seiner Machttheorie in seinem Spätwerk wurde aber, wie gesagt, nicht einbezogen.

          Und des Weiteren wurden (neben Aspekten aus dem Werk von Foucault und Derrida) auch Aspekte aus dem Werk anderer französischer Poststrukturalisten sowie auch von deren ideengeschichtlichen Quellen wie Nietzsche und Heidegger für die postmoderne PC verwendet.

          „Übrigens habe ich den Eindruck, dass du überwiegend „Einführungen“ usw. liest und weniger Originaltexte.“

          Wenn es um poststrukturalistische Philosophen geht, lese ich tatsächlich mehr Einführungen als Originaltexte, (bei anderen Themen lese ich auch häufig Originaltexte).
          Das liegt ehrlich gesagt auch daran, dass ich z.T. den Eindruck habe, dass Leseaufwand und Ertrag beim Poststrukturalismus nicht immer im richtigen Verhältnis stehen.

          Bei anderen Philosophen, die z.T. schwierig schreiben, wie Kant, Hegel und Adorno weiß ich aus Erfahrung, dass sich der Leseaufwand lohnt, aber bei manchen Poststrukturalisten habe ich die Erfahrung gemacht, dass die nicht selten schwierige Art der Darstellung nicht immer mit einem entsprechend hohen Erkenntnisgewinn für mich korrespondiert. Und dann greife ich lieber auf gute Einführungen zurück anstatt mich durch die Hauptwerke hindurchzuarbeiten.
          Eine Ausnahme ist bei mir Foucault, Foucaults Schriften zu lesen bringt mir bislang mehr als die Schriften der meisten anderen bekannten poststrukturalistischen Denker und er schreibt auch verständlicher, (allerdings lehne ich die relativistischen Tendenzen bei Foucault ab).

          „Halte ich für gefährlich. Butler z.B. muss man selber lesen um zu sehen, dass sie den ganzen Unsinn wirklich selber gesagt hat.“

          Ich habe zwei Bücher von ihr quergelesen, aber beim Lesen von Butler kommen mir dann halt schnell Gedanken, wie viele andere Bücher es doch gibt, die ich stattdessen lieber lesen würde. 🙂

          Welche poststrukturalistischen Bücher sollte man denn deiner Ansicht nach im Original gelesen haben, wenn man die postmoderne PC aus linker Perspektive möglichst fundiert kritisieren will?

        • „Das liegt ehrlich gesagt auch daran, dass ich z.T. den Eindruck habe, dass Leseaufwand und Ertrag beim Poststrukturalismus nicht immer im richtigen Verhältnis stehen.“

          Das ist natürlich richtig.

          „Welche poststrukturalistischen Bücher sollte man denn deiner Ansicht nach im Original gelesen haben, wenn man die postmoderne PC aus linker Perspektive möglichst fundiert kritisieren will?“

          Butlers „Bodies that matter“ habe ich im Original gelesen, sonst auch nur kursorisch, aber ohre Originaltexte. Es gibt ja zahlreiche Interviews und kleine Artikel usw.

          Foucaults wichtigstes Werk ist wohl „Überwachen und Strafen“, wobei auch ich da auf die deutsche Übersetzung angewiesen bin.

  2. Was Derrida selbst betrifft, so halte ich den für einen Spinner und nicht für einen ernstzunehmenden Philosophen. Das oben angeführte Beispiel der Marx lesenden Studenten zeigt das sehr schön. Die sind völlig auf den text fixiert und versuchen ihn aus sich selbst heraus zu verstehen. Dabei geht es im „Kapital“ doch wesentlich um empirisches, das man auch anhand von empirischer Überprüfung zu verstehen hätte.

    Derridas ganze Philosophie halte ich für Blendwerk. Es ist doch völlig klar, dass Sprache gegenüber Schrift primär ist, Sprache gab es lange vor der Erfindung der Schrift, und Schrift bzw. Text ist unabhängig von Sprache nicht zu verstehen.

    • @El Mocho

      „Die sind völlig auf den text fixiert und versuchen ihn aus sich selbst heraus zu verstehen. Dabei geht es im „Kapital“ doch wesentlich um empirisches, das man auch anhand von empirischer Überprüfung zu verstehen hätte.“

      Es gibt leider eine Tradition der miesen, schlampigen, falschen und geradezu demagogischen Marx Übersetzungen, die mir erst in letzter Zeit klar geworden ist. Von daher finde ich diese Vorgehensweise – ehrlich gesagt – sympathisch.

      Das generelle Problem scheint mir zu sein, dass Marx „nur“ als Vertreter der politischen Ökonomie wahrgenommen wird bzw. worden ist. D.h. man hat es mit der Übersetzung von Begriffen und Kategorien nicht besonders genau genommen. Für jemanden, der eine Kategorialanalyse betreibt, ist das natürlich schlecht.

      Nach meiner Beobachtung scheitern angelsächsische Vertreter besonders oft an der Übersetzung deutscher Genitiv-Konstruktionen, was u.U. fatal ist.
      Klassisches Beispiel: Wer die „Wissenschaft *vom* Gesamtzusammenhang“ genauso übersetzt wie die „Wissenschaft *des* Gesamtzusammenhangs“ hat ein Problem.
      Denn hier handelt es sich bei „vom“ vs. „des“ um das *komplette Gegenteil*.

      Wer einen so übersetzten Text liest, muss den Verfasser des Originals notgedrungen für einen Trottel halten, der sich seitenlang über Differenzen ausbreitet, die die *Übersetzung hat verschwinden lassen*.

      Von daher finde ich es richtig, gegenüber Derrida mit Verdammungsurteilen sparsam umzugehen.

      Gruß crumar

      • Ach, ich habe mich jahrelang intensiv bemüht, hochkomplizierte Texte von Philosophen zu verstehen: Hegel, Adorno usw. Manchmal kommt man weiter; Hegel z.B. hat durchaus etwas zu sagen (zumindest in seinen Texten, die sich auf Außerphilosophisches beziehen wie die Rechtsphilosophie und die Ästhetik). Manchmal aber auch nicht, so z.B. bei Adornos „Negativer Dialektik“ oder bei Derrida und anderen neueren französischen Philosophen (wobei natürlich die Sprache eine Rolle spielt, da hast du ganz recht. Ich kann mir allerdings auch nicht vorstellen, dass man Hegel in französischer Übersetzung verstehen kann).

        Da gibt es dann zwei Möglichkeiten: entweder ich bin zu dumm oder zu ungebildet, um dermaßen Hochkomplexes zu verstehen, oder es gibt da nichts zu verstehen und es ist alles nur Nebel, der verschleiern soll, dass man eigentlich nichts zu sagen hat, aber trotzdem den großen Meister geben will (zumal ja auch grade solche Denker häufig Jünger um sich scharen und eine Art Sekte gründen).

        Ich will mir garnicht anmaßen, dass immer korrekt unterscheiden zu können, aber im Zweifelsfall halte ich Leute, die sich nicht klar ausdrücken können und trotzdem den Anspruch erheben, große Wahrheiten zu verkünden, für Blender.

        „Wer nicht klar redet denkt auch nicht klar.“ Schopenhauer

        Gilt alles übrigens nicht nur für linke Theoretiker, sondern auch für Heidegger z.B.

        • Sehe ich ähnlich.

          Man darf die Reichweite der Theoretiker (selbst wenn sie gut sind) auch nicht überschätzen. Manchmal geben sie nur den Zeitgeist wieder (und wirken dadurch sehr viel wichtiger, als sie tatsächlich waren), manchmal pickt sich einfach jeder das raus, was ihm für seine Position gerade in den Kram passt (und verwirft alle anderen)…

        • Oh man, habe zu schnell „absenden“ gedrückt. Nochmal mit korrekten Zeitformen und verbessert:

          Man darf den Einfluss der Theoretiker, selbst wenn sie gut waren, auch nicht überschätzen. Manchmal reflektierten sie nur den Zeitgeist (und wirken dadurch im Nachhinein sehr viel wichtiger, als sie tatsächlich waren), manchmal pickt sich einfach jeder das aus ihrem Werk heraus, was ihm für seine Position gerade in den Kram passt (und verwirft alles andere), was ihr Werk, in diesem Fall, völlig austauschbar und beliebig erscheinen lässt…

    • So einfach ist das dann auch nicht. Man kann die ersten Kapitel des Kapitals nur verstehen, wenn man weiß dass es sich im Grunde um eine Hommage auf Hegels Phänomenologie des Geistes ist. Den Stufenprozess den Hegels Geist durchläuft, durchläuft bei Marx das Kapital in analoger Weise.

        • @El_Mocho:

          »Aus meiner Sicht sein Hauptfehler.«

          Das dialektische Denken war ja nicht mehr als ein früher Versuch, so etwas wie ein systematisches Prozessdenken in die Betrachtung der Geschichte einzuführen, also auch in die materielle Geschichte, wo Hegel sich auf die Geistesgeschichte konzentriert hat. Heute machen wir sowas natürlich differenzierter, aber für damals war das ein Fortschritt.

    • Marx hat m.E. diese Darstellungsweise gewählt, weil der sie für den Akademischen Standard gehalten hat. Sie ist jedoch seinem Untersuchungsgegenstand dem Kapital völlig unangemessen.

      • @Robert Michel

        Das ist so nicht richtig.
        Es gibt einen Teil der Linken, der Probleme der *Form*, Probleme der *Darstellung* m.E. sträflich vernachlässigt.

        An der Darstellungsweise des Kapitals hat die „Die Wissenschaft der Logik“ von Hegel einen weitaus größeren Anteil.
        Hätte Marx sich um die Darstellungsweise nicht weiter kümmern wollen, hätte er einfach die „Grundrisse“ veröffentlichen können.

        Prinzipiell gilt m.E. vom Aufbau und der Darstellungsweise des „Kapitals“ die Methode des AUFSTEIGENS vom Abstrakten zum Konkreten.
        D.h. im „Kapital“ selbst verbirgt sich die materialistische *Wendung* der Dialektik Hegels.

        Zunächst erfolgt im Kapital die Darstellung und Kritik der *Kategorien* an Hand ihrer theoriegeschichtlichen Entwicklung und *dann* die *empirische Untersuchung* der gesellschaftlichen Verhältnisse.

        Das war eben kein „Akademischer Standard“.

        Gruß crumar

  3. @Leszek

    Ein äußerst gelungener Artikel!

    (M)ein Verdacht, warum sich dies dichotom/dualistische Modell in den USA so einfach durchsetzen konnte, hat mit der dortigen Verankerung religiösen Lebens und Denkens im Alltag zu tun.

    Demzufolge setzt das Modell daran an:

    – Die Sichtweise ist m.E. mit den christlichen Dualismen von Himmel-Hölle, Gott-Satan, Gut-Böse anschlußkompatibel.

    – Dies wiederum ermöglicht, *sich selbst* mit positiven Merkmalen zu identifizieren, während Andersdenkende *dem Wesen nach* böse sind.

    – In dieser Haltung steckt bereits die Bereitschaft zur *moralischen Verdammung* (Shame!), die jeder ernsthaften Auseinandersetzung *voraus* geht.

    – Eine Auseinandersetzung mit einem solchen Denken ist schwierig, weil „das Böse“ notgedrungen falsch ist und „das Gute“ richtig – somit wird jede Form von (Selbst-)Kritik blockiert und immunisiert.

    Es trifft auch auf eine Reihe von anderen Beobachtungen zu, die wir hier bereits öfter thematisiert haben: Den sektenartigen Charakter der Gruppen, der Bekenntnisdrang, der missionarische Eifer das Böse und das Wirken Satans (everything ist sexist, everything is racist) zu entlarven usw.

    Ich hoffe sehr, dass wir diesen irrationalen Wahn hier in Deutschland rechtzeitig stoppen können.
    Bzw. ich glaube, es gibt Gründe, warum sich dieser Wahn hier nicht hat in diesem Maße ausbreiten können.

    Gruß crumar

  4. Man kann es auch einfacher haben:
    Die Linke hasst seit jeher den Westen, weil sie ihn als kapitalistische identifiziert. Sie hasst den Westen noch mehr, nachdem sie den Systemkampf gegen den westlichen Kapitalismus verloren hat. Als Folge muss der Westen unter allen Umständen schlecht gemacht werden.

    • Du bist sowas von Eighties …
      Die heutige „Linke“ hat sich schon längst mit dem Kapitalismus arrangiert, Frieden mit ihm geschlossen. Schlimmer noch, frönt ihm jetzt sogar. In der postfaktischen Linken ist Anti-Amerikanismus jetzt ein Schimpfwort, etwas das Rechte vertreten.

      Wann, Adrian, hast Du eigentlich so total den Anschluss verloren?

    • @Adrian

      „Lyotard plädierte dafür, diese großen Narrative durch Mini-Erzählungen zu ersetzen, welche nur noch kleine, persönliche „Wahrheiten“ umfassen. Er richtete sich damit gegen das Christentum, den Marxismus und die Wissenschaft.“

      https://www.novo-argumente.com/artikel/wie_der_postmodernismus_die_aufklaerung_abwickelt

      Schatz, aus deiner so verstandenen „Linken“ bin ich dann wohl ganz offensichtlich *raus*. Leider hat die was gegen mich.

      Da bleibt dann für dich noch folgende Position…mal sehen:

      „Die Linke hasst seit jeher den Westen, weil sie ihn als kapitalistische identifiziert. Sie hasst den Westen noch mehr, nachdem sie den Systemkampf gegen den westlichen Kapitalismus verloren hat.“

      Ich möchte einen Satz von mir wie folgt umformulieren:

      „Den sektenartigen Charakter der Gruppen, der Bekenntnisdrang, der missionarische Eifer das Böse und das Wirken Satans (everything ist leftist, everything is anti-west) zu entlarven usw.“

      Offensichtlich Christentum. 😉

      Gruß crumar

  5. @Leszek

    Wieder mal ein äußerst nützlicher Artikel – danke. Folgende Ergänzungen kann ich anbieten:

    „Derrida meint eine Strukturierung durch Gegensatzpaare auch als ein wesentliches Element westlichen philosophischen Denkens erkennen zu können.“

    Einem analytischen Philosophen wäre diese Art Fehldeutung wohl kaum passiert. Denn ein Analytiker hätte gewußt, daß sie semantische Funktion prädikativer Satzteile in assertorischen Sätzen darin liegt, zu unterscheiden und zu charakterisieren. Fehlt einer dieser Funktionen wie z.B. das Charakterisieren, dann entstehen rudimente linguistische Rumpfgebilde wie sie z.B. von kleinen Kindern benutzt werden. Gegensatzpaare zu finden, charakterisiert folglich lediglich das Sprechen, nicht aber die arbiträre Perspektive einer Gesellschaft von einem kulturellen Standpunkt aus auf die ungelösten Fragen der sozialen Welt – die Derrida „philosophisches Denken“ nennt.

    „Jene Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wird dann pauschal abgesprochen Bezugspunkt von Diskriminierungen sein zu können.“

    Hier braucht es Hinweis auf die systematische Tatsache, daß Diskrimierung immer Personen betrifft – auch dann, wenn sie Mitglieder irgendeiner Gruppe sind. Denn den Status einer Norm zu haben, hat nichts damit zu tun, daß man nicht als Person benachteiligt wird. Diskriminierung hat nämlich immer etwas mit individuellen moralischen oder kodifizierten Rechten von Personen zu tun, denn Diskrimierung trifft nicht automatisch auf, sondern die diskriminierende Ausübung von Nachteilen findet allein von Fall zu Fall statt, was impliziert, daß immer einzelne Personen und niemals Gruppen trifft.

    Beispiel: Ich kann z.B. problemlos pauschal alle Muslime für Terroristen halten und trotzdem einen einzelnen Moslem, dessen knackiger Hintern mir gefällt, gegenüber anderen Muslimen in einer Art bevorzugen, die zu einer Behandlung wie bei Nicht-Muslimen führt. (Das mag alles nicht besonders rational sein, ist aber realistisch.) Wäre nun Diskriminierung eine Sache der Gruppe, dann würde unser sexy Moslem vom postmodernen Standpunkt aus sowohl negativ, wie auch positiv diskriminiert worden = 2x verdammenswerte Rassistenscheisse etc. pp.. Doch das ist natürlich Unsinn, denn in Wahrheit passiert gar nichts, unser sexy Moslem wird gerade gleichbehandelt: Denn das Einzige, woran ich hier in diesem Beispiel gedreht habe, sind die Gründe des Handelns, die Identität des Handelns blieb unberührt.

    Es scheint mir daher auf der Hand zu liegen, daß die postmoderne Version des Diskriminierungsbegriffs mit einer aggressiven Komponente aufgeladen wurde: Denn während es früher reichte, Menschen gleich zu behandeln, sollen wir nun quasi moralisch gezwungen werden, ihnen gegenüber die gleichen Handlungründe zu hegen. Letzteres ist intolerant und damit aggressiv, denn die Gründe eines Menschen, zu Handeln, sind privat. Die systematische Pointe eines via Diskriminierungsverbot erhobenen moralischen Anspruchs, verschiedenen Menschen gegenüber, dennoch gleiche Handlungsgründe, an den Tag zu legen, liegt darin, daß auf diese Weise politische Konflikte ins Private hineinverlängert werden – auf aggressive Weise: Das notwendige laissez-faire unter den Menschen scheint plötzlich unmoralisch zu sein.

    In Wahrheit sind natürlich die Menschen nicht massenhaft in der Lage sich über alle persönlichen Neigungen hinwegzusetzen – was auch nicht nötig ist, wenn eine Gleichheit des Handelns unter Individuen ausreicht. Damit sind aber moralisch getriebene Konflikte unausweichlich und Solidarität unter den Menschen wird damit massenhaft unmöglich – auch in Familien.

    Der Preis dieses begrifflichen Tricks, als Adressaten der Diskriminierung Gruppen und nicht Individuen zu verkaufen, liegt natürlich darin, daß individuelle Rechte totgeschwiegen werden müssen: Denn stünden sie im Fokus der Aufmerksamkeit, dann würden wir bemerken, daß Individuen, deren Rechte nicht verletzt wurden, sich über Diskriminierung beklagen – was nicht sein kann. Das Totschweigen individueller Rechte aber macht aus der postmodernen Variante der Diskriminierung und damit letztlich der Theorie der Intersektionalität etwas fast schon Faschistisches. Denn nur individuelle Rechte hindern uns daran, z.B. heute noch die Juden zu vergasen, weil sie angeblich vor 2000 Jahren den Sohn Gottes getötet haben (gesetzt der ganze religiöse Klimbim wäre wahr). Denn alle heute lebenden Menschen können vom Standpunkt individueller Rechte immer einwenden: „Moment, ich war nicht dabei.“.

    Nebenbei bemerkt, glaube ich nicht, daß dieser Rechtsruck der Postmoderne, ihr konsequentes Totschweigen individueller Rechte, das Motiv der ganzen Sache war. Diese Konsequenz war lediglich unvermeidlich. Das Motiv bestand wohl vielmehr darin, die politischen Konflikte zu persönlichen Konflikten werden zu lassen: Das Politische wird Privat und damit verliert das Private jeden Schutz durch Toleranz.

    Cui bono? Wem nützt es, wenn Thomas Hobbes Diktum wahr wird?

    Ich nehme an, daß erinnert hier jeden an die Parolen des Feminismus – und an die Vermutungen über die Förderung des Feminismus durch den Neoliberalismus. Ich würde mich daher nicht wundern, wenn sich am Ende herausstellen würde, daß die Frauen in ihrer defizitären, psychologischen Konfiguration, den der Mythos des Weiblichkeitsideals hinterläßt, sich als Feministen lediglich vor den neoliberalen Karren haben spannen lassen.

    • @ elmar

      Danke für deine Perspektive zum Thema.

      Ich hoffe, es gibt bald wieder Texte von dir zu lesen.
      (Deine kritische Analyse des kulturrelativistischen Multikulturalismus fand ich übrigens ziemlich gut.)

      Verstehe ich es richtig, dass du vermutest, dass solche Frauen, die ein bestimmtes Weiblichkeitsideal verinnerlicht haben, dadurch daran gehindert werden ihre Fähigkeiten zu entfalten und dann radikale feministische Positionen als dysfunktionale Kompensationsstrategie zur Bewältigung nutzen?

      • @Leszek

        „Verstehe ich es richtig, dass du vermutest, dass solche Frauen, die ein bestimmtes Weiblichkeitsideal verinnerlicht haben, dadurch daran gehindert werden ihre Fähigkeiten zu entfalten und dann radikale feministische Positionen als dysfunktionale Kompensationsstrategie zur Bewältigung nutzen?“

        Ja – obwohl es vielleicht „Kompensation“ nicht zu 100% trifft. Genaueres werde ich demnächst in meinem blog posten.

        • @elmar

          Eine Bitte: Kannst du deine Artikel prominent auf der Startseite verlinken, so dass man ein wenig schneller zu ihnen findet?

          Gruß crumar

        • „Kannst du deine Artikel prominent auf der Startseite verlinken, so dass man ein wenig schneller zu ihnen findet?“

          Das ist schon der Fall, aber ich werde die Sache ein wenig auffälliger gestalten.

        • An der These ist was dran, aber es ist keine Kompensation für den Vorgang, sondern ein Feature zur Kompensation fehlender äußerer Reize.

  6. Mensch, gut daß Leszek oben drüber steht!
    Nach der Überschrift hatte ich schon mehr oder weniger den nächsten konzeptionellen Penis erwartet 😉

    Lesen kann ich den aber erst später, wäre es ein Hoax, hätte ich jetzt eben schnell drübergeschielt….

  7. Nicht schlecht. Einige Anmerkungen aus meiner Sicht:

    „„In einem Jahr versuchte ich, das „Kapital“ mit einer Gruppe aus dem Romanistik-Seminar an der John Hopkins zu lesen.“

    Solche Beispiele finde ich gut und wertvoll. Warum? Weil es für einen Außenseiter sonst nicht nachvollziehbar ist, inwiefern die unglaublich tiefschürfenden Texte von xy, überhaupt in der Realität wahrgenommen wurden (auch bei diesem Beispiel fehlt letztlich der Nachweis, aber es gibt zumindest einige Plausibilität für eine bestimmte Kausalität).

    Das Gefühl habe ich nämlich bei vielen deiner gelehrigen Ausführungen. Irgendjemand hat irgendwann dies und jenes mit „spezifischen Anknüpfungspunkten“ geschrieben und sich jemand anderes darauf bezogen. Na und?

    Damit ist ein geifernder Mob noch längst nicht erklärt. Haben die das alle gelesen? Haben sie es (miss)verstanden? Haben die ihr Verhalten von ganz woanders her? Siehst du mein Problem? Da ist manche Verschwörungstheorie besser belegbar.

    Auch das Dualismusthema fällt da wieder rein, da schreibt jemand über Dualismen (und analysiert damit im Wesentlichen die menschliche Natur, die m.E. gern in gut/böse Dualismen denkt) und das hängt dann irgendwie mit der Denkunfähigkeit moderner Linksextremisten zusammen. Ist das so? Ich zitiere dir gern auch noch die Stelle:

    „Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird nun Jaques Derridas Annahme von der Strukturierung der westlichen Philosophiegeschichte durch hierarchisch gegliederte Dualismen/ Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen.“

    Es wird angeblich „übertragen“ (erstmal nicht mehr als eine Behauptung für mich, die ich nicht prüfen kann). Es erklärt auch nicht die Einseitigkeit, Selektivität und den Dogmatismus, welche ja das eigentliche Problem sind, aber gut, das wolltest du in diesem Artikel auch nicht beleuchten.

    Aus meiner Sicht lesen sich die meisten deiner Beiträge eher wie Reinwaschungen von Philosophen und eine Verteidigung der wahren Lehre. Deine Belesenheit ist dabei beeindruckend, auch einschüchternd und sie kann vielleicht grobe Zusammenhänge in den Theorien nachzeichnen. Nur eines kann sie nicht gut: die Übertragung in die Realität belegen, die bleibt seltsam verschwommen (zumindest für mich, ich habe aber auch nicht alle deine Artikel gelesen, vielleicht erklärst du das anderswo schlüssig, falls ja, bitte verlinken).

    „Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.“

    Wie konnte dann sowas wie PC entstehen? Oder ist das an der John Hopkins anders? Oder ist es nur die Kehrseite von „wie unerlässlich es ist, sorgsam auf die Sprache (…) zu achten (…).“? Also nach dem Motto: „Wenn wir selbst reden, darf es schon unexakt sein, aber in unserem Sinne unexakt“ ?

    • @ Androsch Kubi

      „Irgendjemand hat irgendwann dies und jenes mit „spezifischen Anknüpfungspunkten“ geschrieben und sich jemand anderes darauf bezogen. Na und?
      Damit ist ein geifernder Mob noch längst nicht erklärt. Haben die das alle gelesen? Haben sie es (miss)verstanden? Haben die ihr Verhalten von ganz woanders her? Siehst du mein Problem?“

      Ja, aber die postmoderne Political Correctness ist natürlich ein komplexes Phänomen. Hier ging es jetzt um einen Aspekt der Ideengeschichte, aber für ein umfassenderes Verständnis brauchen wir auch u.a. fundierte sozialgeschichtliche, soziologische und psychologische Analysen – und das auf verschiedenen Ebenen.

      Eine politisch korrekte Antifa-Gruppe z.B. (es sind nicht alle Antifa-Gruppen politisch korrekt, aber manche schon), die primär von jungen Leuten getragen wird, wäre m.E. eher jugendsoziologisch und entwicklungspsychologisch zu analysieren und ist natürlich ein anderer Aspekt als z.B. irgendwelche Feministinnen in der „Gleichstellungsindustrie“, die befürchten, dass es zu Kürzungen von Geldern käme oder dass ihre Jobs in Gefahr geraten könnten, falls die Realität von Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, zu mehr öffentlicher Bekanntheit und Anerkennung gelangen würden und dies ist wieder ein anderer Aspekt als z.B. Spitzenpolitiker, die Frauenquoten in Vorständen und Aufsichtsräten befürworten, weil Politikerinnen für sich selbst (nach ihrem Ausscheiden aus der Politik) oder männliche Politiker für ihre weiblichen Angehörigen sich Plätze in bestimmten Unternehmen als Gegenleistung für ihre Dienste sichern wollen und das ist wieder ein anderer Aspekt als irgendwelche Großkapitalisten, denen sehr bewusst ist, dass mittels kulturrelativistischem Multikulturalismus und politisch korrekter Identitätspolitik die Klassensolidarität bzw. Wiederstandspotentiale in der Bevölkerung gespalten werden können – um nur mal einige wenige Beispiele zu erwähnen.

      Und dann haben wir hierbei noch den Unterschied zwischen begründeten Hypothesen und wissenschaftlicher Forschung zu berücksichtigen.
      Mit irgendwelchen politisch korrekten Fanatikern persönlichkeitspsychologische Tests machen ist u.U. durchführbar, investigative Recherche in den Kreisen politischer und ökonomischer Herrschaftseliten ist dagegen schon schwieriger.

      Natürlich habe ich im Laufe der Zeit auch immer wieder mal meine Meinung zu solchen anderen für ein Verständnis der postmodernen PC relevanten Perspektiven und Aspekten gesagt, aber hier ging es jetzt eben um einen ideengeschichtlichen Aspekt, (der m.E. nicht unwichtig ist).

      Eine umfassende multiperspektivische PC-Analyse aus aufklärerisch-menschenrechtlicher und humanistisch-universalistischer Perspektive, die um Objektivität bemüht ist und so fundiert wie möglich ist und die alle wesentlichen Aspekte versucht nach bestem Wissen und Gewissen zu berücksichtigen, kann selbstverständlich auch keine Einzelperson leisten. Dafür müssten mehrere interessierte Leute, die jeweils auf Grundlage ihrer Fachkompetenz das Phänomen erforschen und analysieren, zusammenarbeiten.

      „Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.“
      „Wie konnte dann sowas wie PC entstehen?“

      1. Ich vermute, dass es in der Regel nicht direkte Schüler von Derrida, die bei ihm persönlich studiert hatten, waren, die die postmoderne PC kreierten, sonder eher andere Leute, die weniger ernsthaft mit Texten umgehen. Es hatte ab den 80er Jahren ganz allgemein einen starken Boom der Beschäftigung mit poststrukturalistischen Schriften in der akademischen Linken in den USA gegeben.

      2. Die postmoderne PC geht ideengeschichtlich auch, aber nicht nur auf die US-amerikanische Rezeption von Jaques Derridas Philosophie zurück, auch die Werke anderer bekannter poststrukturalistischer Philosophen sowie deren ideengeschichtliche Quellen wurden dafür instrumentalisiert.

  8. ‚Damit ist ein geifernder Mob noch längst nicht erklärt. Haben die das alle gelesen? Haben sie es (miss)verstanden? Haben die ihr Verhalten von ganz woanders her?

    „Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.“

    Wie konnte dann sowas wie PC entstehen?‘

    Jupp, kann ich gut nachvollziehen, das Dilemma.
    Da schreibt ein Füsolof ein Buch ( ab, oder um, oder einfach so? ) und schwupp, handelt eine ganze akademische Nation nach dessen „Erkenntnissen“, bez. was sie darunter zu verstehen meint, n’est ce pas?

    Nun, als Mensch ohne jede Ahnung von solchen Dynamiken habe ich mir dazu eine kleine alte Alltagskrücke aus dem Schrank geholt:
    die stille Post!

    Mal ein wenig zu einem „möglichen Praxismodell“ zusammengestrickt, imaginiere ich das dann ungefähr so:
    Ein großer Denker schreibt ein Buch. Ein anderer, ebenfalls sehr geübt in „sowas“, liest es und entwickelt den dahinterstehenden Ansatz ein wenig weiter. Der, oder ein anderer macht damit weiter, aber, als Prof., baut er es in seine Vorlesungen ein. Nehmen wir mal an, er predigt eine Tüte Milch vor 30 Studenten ( also fiktiv bis es quietscht ). 15 kriegen fast gar nix mit, 10 begreifen grob und machen damit ein paar Punkte für ihren Schein. 5 Davon sind so beeindruckt, daß sie es – soweit sie es interpretieren können – selbst weitertragen ( doofen Kumpels ein Schlückchen Milch zukommen lassen ), möglw. auch als späterer Prof, er dann vlt. selbst ein Buch schreibt ( über Molkerei an sich ), das wiederum diskutiert, z.T. von anderen übernommen, verbessert, übertragen, abgeändert und schließlich als u.U. schon ziemlich anderer Inhalt ( How to grow Cows, oder so ), gelehrt wird, u.s.w..
    Wobei der stille-Post-Effekt unter denen, die die jeweiligen Werke direkt bearbeiten und miteinander besprechen relativ klein ist, bei den sich nach außen verbreiternden Stufen, bis der vermeintlich verstandene „Originalinhalt“ z.B. bei den Demonstranten gegen Männerkongresse, wie z.B. „Big Red“, oder irgendwelchen Frauenhäuslern angekommen ist, kann da allerdings mit zunehmender Verbreitungsgschwindigkeit bei immer unkritischerer Übertragungsweise schon ganz schöner Murks am Ende rauskommen.

    Einfaches Beispiel: Die Wahrheit!
    Gibt es ja gar nicht.
    Ist wissenschaftlich festgestellt ( als gibbet nich ).

    Zack! Hasse ’n Dogma!
    Daß es eine gemeinsame Schnittmenge der relativ objektiven Realität aber trotzdem gibt, wird dem Verwaltungssachbearbeiter eines AsD überhaupt nicht begreiflich zu machen sein, zumindest nicht auf sein übersichtliches Arbeitsgebiet bezogen.

    Kommt da ein Mann rein, sagt, er ist Pazifist, sein Kind wurde entführt.
    „Tjaha“, denkt sich die Dame am Schreibtisch, „das ist jetzt seine Wahrheit“.
    Kommt die Frau rein und erzählt fröhlich, frisch und munter, daß sie sich nur mit letzter Kraft zum Amt geschleppt hat, ihr Kerl hat sie total fertig gemacht und sie mußte mit dem Kind flüchten.
    „Hmm“, denkt sich die Dame, „das ist jetzt ihre Wahrheit“.
    Aber ich als Fachkraft kann das fachlich einschätzen. In der Fortbildung, bei dem netten Gutachter letztens, wurde es nochmal besonders betont:
    Dem Opfer ist Glauben zu schenken, immer!
    Na – und wer hier das Opfer ist, ist klar, die Zusammengeschlagene und ihr Kind natürlich.
    Daß der Mann aufgeregt war, ganz klar, er hat ja auch schlimmes auf dem Kerbholz.
    Daß die Frau völlig gefasst und fit ist, hat man auch schon gehört. Die armen traumatisierten Opfer überspielen das, das ist ein Zeichen für besonders schweres Leiden.

    Und immer so weiter.

    So ungefähr stelle ich mir die ( im Endeffekt auch recht logische ) Kette vom philosophischen Ansatz, über Erarbeitung von schriftlichen Grundlagen, …., bis zu den „Endverbrauchern“ vor. Rein prinzipiell betrachtet, Detailvariationen unterschiedliche Verbreitungswege, Niederschlagsarten u.s.w. gibt es vermutlich ohne Ende. Wie gesagt, ohne objektives Wissen dazu selbstgebastelt, die Krücke.

    Ich kann mir aber auch vorstellen, daß „dieses Dazwischen“, also wie und warum etwas aus der Theorie in die Praxis wechselt, die großen Denker gar nicht so sehr interessiert, weil entweder gar nicht ihre Baustelle, oder „weiß doch jeder, kann man voraussetzen“, oder „überflüssiger Text, der die reine Essenz verwässert, trübt, oder deren Verständnis hemmt.
    Und nicht zuletzt sind die einfachen Alltagsmechanismen, die auf großer Bandbreite in Massen ablaufen, ja auch extrem Komplex und damit Arbeitsreich bis einfach zu viel Stoff. Davon ist ja eh nur das interesant, was vom Normdurchschnitt abweicht.

    • @Fiete

      „Mal ein wenig zu einem „möglichen Praxismodell“ zusammengestrickt, imaginiere ich das dann ungefähr so:
      Ein großer Denker schreibt ein Buch. Ein anderer, ebenfalls sehr geübt in „sowas“, liest es und entwickelt den dahinterstehenden Ansatz ein wenig weiter. Der, oder ein anderer macht damit weiter, aber, als Prof., baut er es in seine Vorlesungen ein.“

      Eher nicht.
      Die Eingangsfrage ist hier m.E., wie hat es einer zu einer Professur gebracht und wie hat er es überhaupt in die Öffentlichkeit geschafft, um als „großer Denker“ zu gelten?

      Der eine Teil betrifft die Erarbeitung der Anerkennung der akademischen Zunft, in dem die Behandlung einer bestimmte Fragestellung ihn überhaupt mit akademischen Weihen und akademischer Akzeptanz versehen hat.

      Der andere Frage betrifft die Öffentlichkeitswirksamkeit seiner Ideen wenigstens insofern, da er eine bestimmte Fragestellung thematisiert, die wenigstens eine soziale Schicht ebenfalls umtreibt, die als Multiplikator dient, um ihn zu einem „großen Denker“ zu *machen*.

      Damit meine ich, das „trickle down pattern“, das du entwirfst funktioniert so nicht.
      Es ist eine mettwurstartige Verwurstung von der Zeit entsprechenden Theorien, die auf der Zeit entsprechenden Bedürfnisse treffen.

      „Dem Opfer ist Glauben zu schenken, immer!“ – *setzt voraus*, es ist *eindeutig bestimmbar*, wer das Opfer und wer der Täter ist. Und WEIL es so ist, weil es sich *so verhält*, gibt es genau *eine glaubwürdige Perspektive* auf einen Sachverhalt und das ist das des Opfers.
      Wer auch immer sich selbst in der Opfer-Rolle *sieht*, hat natürlich ein Interesse daran, diese Perspektive durchzusetzen, in dem das Gegenteil der eigenen Perspektive bereits *auf den Täter verweist*. Der diese Perspektive nur hat, weil er eben der Täter IST.

      Es geht nicht darum dem Opfer zu glauben, sondern darum zu glauben, dass das Opfer unhinterfragt Opfer ist.
      Weil wir *es so sagen*.

      Eine Theorie, die diesen Gedankengang unterstützt ist natürlich hochgradig attraktiv für eben diese Sichtweise (auf sich selbst) inkl. zirkulärer Logik.

      Gruß crumar

  9. Interessanter Text, aber so ganz kann ich der Logik nicht folgen. Trägt nicht jede qualitative Beschreibung, jede Differenzierung ein binäres Oppositionspaar in sich? Ich will es an einem Beispiel verdeutlichen.

    Nehmen wir an, ich sehe etwas, ein visueller Eindruck und bennenne es: Ich nenne es rot. Damit ist alles andere der Kategorie Farben nichtrot. Jede ursprüngliche Differenzierung erzeugt ein binäres Paar. Ich sehe nicht, inwiefern dies nicht rein logisch so sein sollte, inwiefern dies einer spezifischen kulturellen Praxis geschuldet ist.

    Es handelt sich LOGISCHERWEISE um eine menschliche Universalie, d.h derartige Dichotomien finden sich ausnahmslos in allen Kulturen zu allen Zeiten. Das behaupte ich mal, weil es mir völlig selbstverständlich erscheint.

    • @ Pjotr

      Ich denke, der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss hatte hier spezifischere Dualismen vor Augen. Bei seiner strukturalistischen Mythen-Analyse geht es m.W. darum, Gegensatzpaare mit Hilfe einer bestimmten Analysemethode aus den Mythen heraus zu rekonstruieren, auch wenn diese Gegensatzpaare bei „oberflächlicher“ Betrachtung nicht offen sichtbar sind.
      Ich habe allerdings selbst wenig von Levi-Strauss gelesen und kenne das primär aus der Sekundärliteratur.

      Ich bin ja, was die Ethnologie angeht, u.a. ein Fan des französischen Ethnologen Pierre Clastres, der ursprünglich ein Schüler von Levi-Strauss war, aber dann später eigene Wege ging.
      Clastres hat in Bezug auf den ethnologischen Strukturalismus später so argumentiert, dass dieser als Analysemethode für Verwandtschaftsbeziehungen und Mythen durchaus brauchbar sei, aber völlig ungeeignet für im engeren Sinne soziologische und politik-ethnologische Analysen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften.

      • Ich denke, der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss hatte hier spezifischere Dualismen vor Augen.

        Einverstanden, aber dann wäre das Augenmerk auf Begriffsbildungen und Kategorienbildungen zu legen.

        Die Problematik liegt i.m.h.o eher darin, dass in der Gesellschaftsanalyse die Reduktion der Komplexität so weit getrieben wird, dass sie der Realität nicht mehr im Entferntesten gerecht wird.

        Eine Gesellschaftsanalyse muss notwendigerweise Komplexität reduzieren. Dabei gilt aber grundsätzlich, dass jede Reduktion der Komplexität Informationsverlust bedeutet. Für die einfachsten Gemüter, die jede Komplexität scheuen, sind Modelle mit minimaler Komplexität naheliegenderweise sehr attraktiv. Feminismus und seine Narrative sind ein Beispiel dafür.

  10. @Leszek:

    Super Artikel, vielen Dank! Mir fällt bei der Gelegenheit ein, dass das Denken in Gegensatzpaaren klassischerweise immer auch ein Merkmal mythischer Denkformen ist, also dem modernen, rationalen Denken schon grundsätzlich vorausliegt – Du nennst selbst Lévi-Strauss als Gewährsmann für diese These, man könnte auch Ernst Cassirer ergänzen, der wird auch von entwicklungspsychologisch orientierten Autoren wie Oesterdiekhoff und Dux in diesem Sinne gelesen.

    Mythisches Denken lässt sich aufgrund seiner simplen Struktur sehr leicht emotional und wertend aufladen und wird dann zu einer Schnellstraße in die Gegenaufklärung. Und das kann man historisch sehr häufig beobachten: dass der Alltagsgebrauch komplexer theoretischer Begriffe eben diese Form annimmt und dann das Handeln anleitet – das gilt für einen erklecklichen Teil der Protestkultur, die der 68er bereits weithin inbegriffen.

    Und wenn dann noch der Humor und die Fähigkeit zur ironischen Selbstdistanzierung wegfallen, wird es endgültig häßlich.

  11. Leszek versteht es wunderbar, grundlegende Erkenntnisse durch Detailfragen zu verdecken.
    Was er nicht erklärt ist, wieso nahezu die gesamte Linke diesen Kurs eingenommen hat.
    Wieso sind denn dir Linken nicht mehr klassisch marxistisch, oder so wie Leszek brav links-anarchistisch? Warum ist für sie das Feindbild Westen und weißer Mann so attraktiv? Welche polit-psychologischen Gründe hat das?

      • @ djadmoros

        „Ist nicht auch diese Frage hier schon ein dutzend Mal diskutiert worden?“

        So ist es.
        Dazu haben z.B. du und Crumar und Nick und ich und andere schon oft unsere Meinung gesagt.
        (Adrian möchte nur mal wieder ein bißchen provozieren.)

  12. Pingback: Blogschätzchen des Tages 1.6.2016 | narrenspeise

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