Leszek zu „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“

Leszek schreibt in einem Kommentar:

Ich mache mir gerade ein paar Gedanken zum Thema „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“.

Das Resultat eines ersten kleinen Brainstormings (nach längerer Recherche zum Thema) kann unten gelesen werden. Über Ergänzungen würde ich mich freuen.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass man – wenn man eine wissenschaftlich fundierte kritische Analyse des Poststrukturalismus anstrebt – m.E. zwischen dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus (der noch nicht politisch korrekt war) und dem späteren US-amerikanischen Poststrukturalismus/Postmodernismus, der die postmoderne Political Correctness hervorgebracht hat, unterscheiden muss.

Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus halte ich für eine autoritäre Ideologie, die man ruhig neben Faschismus, Stalinismus und Neoliberalismus stellen kann.

Hingegen sehe ich beim ursprünglichen französischen Poststrukturalismus, der noch antiautoritär motiviert und nicht politisch korrekt war, durchaus auch originelle Erkenntnisse und zu bewahrende Teilwahrheiten.
Diese Teilwahrheiten werden aber falsch, wenn sie maßlos aufgebläht und überdehnt werden.

Zum Teil finden sich kritikwürdige Übertreibungen bereits in unterschiedlichen Ausprägungen bei den französischen Poststrukturalisten, zum Teil haben sie dies aber in späteren Phasen ihres Werkes selbst erkannt und diese Übertreibungen mehr oder weniger stark abgeschwächt und relativiert. Insofern lässt sich diesbezüglich von einem unreiferen und reiferen Poststrukturalismus sprechen.

Im Zuge jener einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus, aus der die postmoderne Political Correctness hervorging, wurden mehrere solche Fehler und Übertreibungen, wo vorhanden, hingegen fröhlich übernommen und anstatt sie abzuschwächen wurden sie z.T. weiter aufgebläht. Dies hat m.E. leider einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass aus dem ursprünglich antiautoritär motivierten französischen Poststrukturalismus in den USA eine autoritäre Ideologie gebastelt wurde, die heute – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und ihren gekauften politischen Handlangern in verschiedenen politischen Parteien – dazu instrumentalisiert wird eine Teile-und Herrsche-Politik zu betreiben, die politische Linke mit Blödsinn zu zersetzen und als ernsthaften Gegenspieler der herrschenden Eliten lahmzulegen und einen autoritären Staatsumbau voranzutreiben:

Gastartikel: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?

Insofern dient eine Analyse der Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus u.a. zwei unterschiedlichen Zwecken:

– Die Teilwahrheiten des ursprünglichen französischen Poststrukturalismus bewahren.

und

– Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus – also die postmoderne Political Correctness – fundiert kritisch zu analysieren, um sie umso wirksamer zurückschlagen zu können.

Trennen wir also beim Poststrukturalismus die Spreu vom Weizen.
Im Folgenden geht es um allgemeine, verbreitete theoretische Grundlagen poststrukturalistischen Denkens, nicht um einzelne poststrukturalistische Denker im Besonderen. Außerdem wurde aus Gründen der Einfachheit die Form einer idealtypischen Gegenüberstellung gewählt, in der Realität finden sich natürlich auch viele graduelle Ausprägungen irgendwo dazwischen.

Hier meine ersten kurzen stichwortartigen Reflektionen zum Thema. Ergänzungen sind willkommen.

Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus/Postmodernismus

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.

Übertreibung:

– Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.

Übertreibung:

– Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.

Übertreibung:

– Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.

Übertreibung:

– Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.

Übertreibung:

– Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.

Teilwahrheit:

– Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.

Übertreibung:

– Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.

Teilwahrheit:

– Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibung:

– Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Soweit erstmal.

Wie man sieht, sind die (in meinen Augen) Übertreibungen und Fehler des Poststrukturalismus relativ trivial und es ist keineswegs besonders schwer sie zu analysieren und von den Teilwahrheiten abzugrenzen.
Die Trivialität der ersten Ergebnisse meiner Analyse ist aber pragmatisch betrachtet durchaus ein Vorteil. Umso leichter kann es nämlich in gut begründeten Argumentationen vermittelt werden.

Anmerkungen:

Etwas anders geordnet ergibt das:

Teilwahrheiten:

  •  Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.
  • Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.
  • Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.
  • Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.
  • Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.
  • Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.
  • Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibungen:

  •  Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.
  • Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.
  • Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.
  • Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.
  • Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.
  • Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
    U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.
  • Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
    Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Die Aufteilung in „Teilwahrheiten“ kann aus meiner Sicht dabei helfen, dass man den Aufbau der Theorie und wo sie herkommt besser versteht. Aber es macht die Theorie nicht „teilweise richtig“, sofern man sie nicht auf diese „Teilwahrheiten“ reduzieren kann. Sie bleibt dann insgesamt falsch.

Insofern mag es versöhnlich klingen, wenn man „Teilwahrheiten“ sucht, tatsächlich muss man aber letztendlich den Poststrukturalismus als Theorie schlicht verwerfen und allenfalls schauen, ob die Aspekte, die man als zutreffend ansieht, auch in besseren Theorien berücksichtigt werden.

Wenn man mit „Teilwahrheiten“ und „Übertreibungen“ als Untersuchungskriterien arbeitet, dann sollte man insofern vielleicht noch „Reduzierbarkeit“ hinzunehmen um zu überprüfen, was von der ganzen Theorie übrig bleibt. ich vermute, dass da letztendlich nicht viel übrig bleibt.

 

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48 Gedanken zu “Leszek zu „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“

  1. Red Ice Radio – Alex Newman – Crimes of the Educators
    Die besprechen uA Cultural Marxism in der Anwendung im Bildungssystem und in welchem Rahmen dies geschieht.

    • Gerade das sie ansprechen, wie die Fähigkeit zu kritischem Denken durch Cultural Marxism zerstört wird, lässt sich doch hier auch oft beobachten an dem feministischen Stuss an dem man sich abarbeitet.

      • Und Du glaubst nicht der Red Scare könnte vielleicht doch begründet gewesen sein, immerhin scheint der Marsch durch die Institutionen doch geklappt zu haben.

        Ich mag Katalonien doch auch ….

        Zumindest bis zu Teilwahrheiten zu kommen sollte man doch erstmal jedem zugestehen.

        Wobei mich die Erfahrung gelehrt hat, gerade den „Überzeugten“ ist mit Vorsicht zu begegnen.

        Denen die dann auch noch allem was sie als widerlegt bestimmen den Weg zur Tür inklusive Beleidigung weisen (gut das kein Feueralarm hier ist ;-p ) sollte man besonders kritisch gegenüber stehen.

        Bestimmt auch eine Persona non grata.

        • @ Leszek

          Da ich ja sehr offen für Ideen bin, wo war ich unhöflich?
          Ich sehe auch nicht was editiert wurde.
          Beides würde ich gerne zitiert sehen.

          Ansonsten bleibt mir nur zu vermuten Du versuchst hier doch einen metaphorischen Feueralarm auszulösen.

          Denn was, außer einer Beleidigung, die hier in meinen Posts nie stand, sollte editiert worden sein?

          Die Behauptung ich wolle ‚trollen‘ und ‚provozieren‘ ist noch vorhanden, was vielleicht keine Beleidigung sein mag, Höflichkeit jedoch sieht auch anders aus.

        • @Dies das und so
          Haha, Du hast Kulturmarxismus gesagt, das Triggerwort bei dem bei Leszek zu 100% die Sicherungen durchbrennen. Normalerweise ist das mein Zustaendigkeitsbereich hier, aber gut dass ich einen Mitstreiter habe 🙂

          Im Gegensatz zu den Schneeflocken schreit er nicht immer nur Rassist, Sexist usw., sondern bezeichnet uns „arme Suender“ als dumme, rechte Verschwoerungstheoretiker. Dabei kommt die Verschwoerungstheorie zu 100% von den Linken, die Rechten haben nur die Tatsachen beschrieben. Wenn Leszek gegen die Verschwoerung wettert, zerstoert er nur den selbstgebauten Strohmann.

        • @ luisman

          Das Gespräch bringt auch noch einen wie ich finde interessanten Blickwinkel auf den Poststrukturalismus.
          Und wie dieser sich teilweise aus der Diaspora speist und der jüdischen Geschichte. Der Gast sieht im Konflikt zwischen nationaler Identität der Host-Gesellschaft und jüdischer Angst vor Wiederholung von Geschichte eine der Triebfedern.

          Ein Kommentar nannte diesen Blogeintrag (da gibt es auch gute Katzenkochrezepte 😉 )
          http://www.science20.com/sascha_vongehr/jews_and_aspergerian_racists_dancing_around_the_oven-224986

      • Auch Du wirst es nicht begründen. Du weißt vmtl nicht mal, was Neoliberalismus ist.
        Kleiner Tipp: Neoliberalismus ist das, womit das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg ausgelöst wurde.

        • Du könntest auch mal zur Kenntnis nehmen, dass selbst im europäischen Liberalismus, insbesondere beim späten Herrn Dahrendorf, die Erkenntnis angekommen war, dass die großen Einschränkungen der Freiheit menschlicher Individuen heute nicht vom Staat ausgehen, sondern vom Markt.

          Das Marktergebnis (auch kein Naturprodukt, sondern das Ergebnis bestimmter gesetzlicher und institutioneller Bedingungen) absolut zu setzen gibt genau so einen Totalitarismus wie jede andere zur absoluten Herrschaft bestimmte Ideologie.

          • Der späte Herr Dahrendorf hat sicherlich begründet, inwiefern der Neoliberalismus die Absolutheit des Marktes propagiert. Das tut er nämlich nicht.

            Und ja, Marktmechanismen entstehen automatisch dann, wenn mindestens zwei Menschen und ihre Bedürfnisse aufeinandertreffen. Das Marktergebnis mag nicht gefallen, ist aber dadurch nicht autoritär zustande gekommen.

        • Und ja, Marktmechanismen entstehen automatisch dann, wenn mindestens zwei Menschen und ihre Bedürfnisse aufeinandertreffen.

          Nur lässt sich an so vielen Orten auf der Welt beobachten, dass dem genau nicht so ist.

        • Zur Freiheit des Neoliberalismus zitiere ich mal Georg Kreisler:
          „Freiheit hat mit Deutschland selbstverständlich was zu tun –
          Sofern man wirtschaftlich dazu was beiträgt!
          Manche müssen unfrei bleiben. Keiner ist immun
          Wenn er den Zug versäumt, der ihn dann freiträgt
          Wenn er den Zug nicht sieht und alles komplizieren muss –
          Tja, dann wird es Regeln geben, die er respektieren muss!
          Dann wird ihm sein Arbeitgeber vielleicht sagen:

          Meine Freiheit muss noch lang nicht deine Freiheit sein!
          Meine Freiheit: Ja! Deine Freiheit: Nein!
          Meine Freiheit wird von der Verfassung garantiert
          Deine hat bis jetzt nicht interessiert!

          Meine Freiheit heißt, dass ich Geschäfte machen kann
          Und deine Freiheit heißt, du kriegst bei mir einen Posten
          Und da du meine Waren kaufen musst, stell‘ ich dich bei mir an
          Dadurch verursacht deine Freiheit keine Kosten!

          Und es bleibt dabei
          Dass deine Freiheit immer wieder meine Freiheit ist!
          Deine Freiheit bleibt
          Meiner einverleibt
          Und wenn ich meine Freiheit nicht hab‘
          Hast du deine Freiheit nicht
          Und meine Freiheit wird dadurch zu deiner Pflicht!
          Und darum sag‘ ich dir:

          Verteidig meine Freiheit mit der Waffe in der Hand
          Und mit der Waffe in den Händen deiner Kinder!
          Damit von deinen Kindern keines bei der Arbeit je vergisst
          Was Freiheit ist!

          Meine Freiheit sei dir immer oberstes Gebot!
          Meiner Freiheit bleib treu bis in den Tod!
          Wenn dir das vielleicht nicht logisch vorkommt, denk an eines bloß:
          Ohne meine Freiheit bist du arbeitslos!

          Ja, Freiheit ist was anderes als Zügellosigkeit
          Freiheit heißt auch Fleiß
          Männlichkeit und Schweiß!
          Ich werd‘ dir sagen, was ich heutzutag‘ als freiheitlich empfind:
          Die Dinge so zu lassen wie sie sind!

          Drum ist in jedem Falle meine Freiheit wichtiger als deine Freiheit je
          Meine Freiheit: Yes! Deine Freiheit: Nee!
          Meine Freiheit ist schon ein paar hundert Jahre alt –
          Deine Freiheit kommt vielleicht schon bald!

          Aber vorläufig ist nichts aus deiner Freiheitsambition
          Du hast noch keine Macht und keine Organisation!
          Ich wär‘ ja dumm, wenn ich auf meine Freiheit dir zulieb‘ verzicht
          Darum behalt ich meine Freiheit. Du kriegst deine Freiheit nicht –
          Noch nicht!“

          Ein schönes Lied.

          • „Ein schönes Lied.“

            Na ja. Typischer linker Quatsch, eines tyoischen Geistes-Intellektuellen. Der aber auch lieber in die neoliberale USA als in die Sowjetunion emigriert ist 🙂

        • „u könntest auch mal zur Kenntnis nehmen, dass selbst im europäischen Liberalismus, insbesondere beim späten Herrn Dahrendorf, die Erkenntnis angekommen war, dass die großen Einschränkungen der Freiheit menschlicher Individuen heute nicht vom Staat ausgehen, sondern vom Markt.“
          Ja, des ist auch dessen Zweck.
          „Die letzte Instanz des Marktes ist der Gerichtsvollzieher, die des Sozialismus der Henker“ (Wilhelm Röpke) – was nichts anderes bedeutet, daß wirtschaftliches Scheitern eben ein Scheitern in Freiheitist und eben einen Neuanfang ermöglicht.

          „Das Marktergebnis (auch kein Naturprodukt, sondern das Ergebnis bestimmter gesetzlicher und institutioneller Bedingungen) absolut zu setzen gibt genau so einen Totalitarismus wie jede andere zur absoluten Herrschaft bestimmte Ideologie.“
          Und hier geht es schief.
          Denn wo Markt drauf steht, sind Menschen drin, in dem Sinne, daß der Markt eben die individuelle wirtschaftlichen Transaktionen aufgrund menschlicher Dispositionen bezeichnet. Gesetzliche und institutionelle Bedingungen sind dazu da, die Akteure und damit deren Macht zu begrenzen.

          Hinter der Angst „den Markt absolut zu setzen“ verbirgt sich nichts anderes als die Angst vor der individuellen Freiheit des Menschen. Denn wenn man versteht, daß das Abstraktum „Markt“ nichts anderes bedeutet als die gesellchaftlichen wirtschaftlichen Beziehungen der Individuen, dann bedeutet doch das Primat des „Marktes“ nichts anderes, als das freie Handeln des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

        • “ Und ja, Marktmechanismen entstehen automatisch dann, wenn mindestens zwei Menschen und ihre Bedürfnisse aufeinandertreffen.

          Nur lässt sich an so vielen Orten auf der Welt beobachten, dass dem genau nicht so ist.“
          Das ist eine interessante Behauptung. Nur eben eine Behauptung.
          Nun ist aber „Wünschen“ keine Marktteilnahme.

        • So gesehen ist es genau so der Zweck des Staates. Warum also nicht auch den machen lassen?

          Der Markt und das Marktergebnis sind etwas sehr anderes als individuelle Freiheit, weil der Staat sich in Übereinstimmung mit seinen Gesetzen zum Handlanger Einzelner macht, die so die Macht des Staates gegen andere Individuen ins Feld führen. Z.B. beim Einklagen und Vollstrecken von Zahlungsforderungen oder Eigentumsrechten. Täte der Staat das nicht, würde man den Gerichtsvollzieher abschaffen, dann wäre es tatsächlich individuelle Freiheit und man könnte jedenfalls aus der Richtung nicht mehr kritisieren. Aber der Staat tut es nunmal und dann braucht man auch nicht so zu tun, als sei das gottgegeben.

        • Es gibt noch Ecken auf der Welt, wo Menschen miteinander ohne staatliche Einflussnahme leben und Anthropologen sind da hin gegangen und haben das studiert. Nachweise dazu kannst Du unter anderem in David Graeber (Anthropologe) „Debt – The first 5000 years“ finden. Meiner Ansicht nach eines der besten Bücher über Geschichte und tatsächliche Wirkmechanismen des Kapitalismus.

          Ohne Staat bilden Menschen Austauschstrukturen, die deutlich näher an Lezeks Basis-Sozialismus sind als an einem kapitalistischen Markt. Da gibt es nicht mal Preise. Stattdessen funktioniert das dann so, dass wenn einer was braucht, es ihm jemand wenn möglich gibt, der dafür aber erwartet, dass der andere ihm dafür irgendwann auch mal was zurückgibt, was er brauchen kann. Sonst gibt es nichts mehr. In „natürlicher Umgebung“ handeln die Menschen nicht miteinander, sie helfen einander.

          Mein Argument ist wohlgemerkt nicht, dass wir zu so einem Zustand zurückmüssten oder das Sozialismus besser wäre. Ich sage nur, man könnte Märkte sehr viel besser machen und man sollte nicht alles vom Markt regeln lassen. Die Grenzen sinnvoller Marktregelung hat übrigens Hyman Minsky schon in „Stabilising an Unstable Economy“ beschrieben.

        • „So gesehen ist es genau so der Zweck des Staates. Warum also nicht auch den machen lassen?“
          Weil der Staat die wirtschaftlichen Ergebnisse nicht besser regeln kann als diese selbst über den Markt.

          „Der Markt und das Marktergebnis sind etwas sehr anderes als individuelle Freiheit, weil der Staat sich in Übereinstimmung mit seinen Gesetzen zum Handlanger Einzelner macht, die so die Macht des Staates gegen andere Individuen ins Feld führen. Z.B. beim Einklagen und Vollstrecken von Zahlungsforderungen oder Eigentumsrechten. “
          Du verwechselst Besitz und Eigentum und Markt und Krieg.

          „Da gibt es nicht mal Preise.“
          Ein Preis ist das Austauschverhältnis von Waren und Dienstleistungen – was sonst?

          „Stattdessen funktioniert das dann so, dass wenn einer was braucht, es ihm jemand wenn möglich gibt, der dafür aber erwartet, dass der andere ihm dafür irgendwann auch mal was zurückgibt, was er brauchen kann“ Was ist das, wenn nicht eine Markttransaktion?

          Irgendwie paßt Deine Begrifflichkeit nicht so recht zu der, die man erwarten würde.

        • „Ohne Staat bilden Menschen Austauschstrukturen, die deutlich näher an Lezeks Basis-Sozialismus sind als an einem kapitalistischen Markt. Da gibt es nicht mal Preise. Stattdessen funktioniert das dann so, dass wenn einer was braucht, es ihm jemand wenn möglich gibt, der dafür aber erwartet, dass der andere ihm dafür irgendwann auch mal was zurückgibt, was er brauchen kann. Sonst gibt es nichts mehr. In „natürlicher Umgebung“ handeln die Menschen nicht miteinander, sie helfen einander.“

          In „natürlicher Umgebung“ leben Menschen in kleinen Gruppen von Verwandten zusammen, sind Jäger und Sammler oder betreiben eine primitive Landwirtschschaft, und sind nach unseren Maßstäben bettelarm. Kein Wunder, dass es da keinen kapitalistischen Markt in unserem Sinne gibt. Wofür auch?

          „Ich sage nur, man könnte Märkte sehr viel besser machen und man sollte nicht alles vom Markt regeln lassen.“

          „Nicht alles vom Markt regeln lassen“ ist auch neoliberal. „Märkte sehr viel besser machen“ ist dagegen außerhalb der offensichtlichen Fälle (öffentliche Güter, Monopole, Externalitäten) dann nochmal was anderes.

          „Ein Preis ist das Austauschverhältnis von Waren und Dienstleistungen – was sonst?“

          Eine explizite Vereinbarung über eine vertragliche Verpflichtung, ausgedrückt in Geldeinheiten. Im weitesten Sinne Opportunitätskosten.

          „Was ist das, wenn nicht eine Markttransaktion?“

          Eine soziale Verpflichtung.

        • „Eine explizite Vereinbarung über eine vertragliche Verpflichtung, ausgedrückt in Geldeinheiten. Im weitesten Sinne Opportunitätskosten“
          Das einzige was daran irgendwie paßt iist „ausgedrückt in Geldeinheiten“ aber eigentlich „ausgedrückt in Geldeinheiten je Stück“.
          Mal so ala Gabler: Ein Preis ist das Austauschverhältnis zweier Waren ausgedrückt in Geldeinheiten je Stück. Hat man aber nun zwei Güter und drückt deren Preis ist Geld aus, dann hat man eine Preis (das Austauschverhältnis) und ein weiteres Gut (das Geld). Dessen Preis kann man bis auf einen Proportionalitätsfaktor beeliebig setzen. Setzt man diesen für ein Gut auf 1 so kann man alle Preise in diesem Gut ausdrücken (numeraire). Und man hat eben genau das Austauschverhältnis, nur eben mit einer Geldeinheit.

          Die Opportunitätskosten des Geldes für die Zeit heißt Geldzins, nicht Preis.
          Preise existieren ohne Verträge, da sie eben die gesellschaftliche Astauschverhältnisse von Gütern darstellen.

      • Weiterführend kann man als Neoliberalismus die Wirtschaftspolitik von Milton Friedman, Ronald Reagan und Margaret Thatcher bezeichnen. Was daran autoritär sein soll, hätte ich gerne mal gewusst.

        • Nach dem, was Du über Deine Geschichte berichtet hast, bist Du quasi das perfekte Beispiel um den autoritären Charakter deutlich zu machen:

          Wenn jemand wie z.B. der Herr Maschmeyer die Vorzüge des Neoliberalismus lobt, dann ist das verständlich, denn er hat sehr davon profitiert. Wenn aber jemand, der am Hartz4-Bezug entlangschrammt, den Neoliberalismus preist, dann ist das nichts weiter als eine Unterwerfungsgeste. Du bist Winston Smith, der die Weisheit und Güte der Partei preist. Und der Neoliberalismus brauchte dafür nichtmal Elektroschocks oder Rattenkäfige.

          • „Wenn jemand wie z.B. der Herr Maschmeyer die Vorzüge des Neoliberalismus lobt, dann ist das verständlich, denn er hat sehr davon profitiert. Wenn aber jemand, der am Hartz4-Bezug entlangschrammt, den Neoliberalismus preist, dann ist das nichts weiter als eine Unterwerfungsgeste“

            Interessant. Ich würde es als autoritär empfinden zu erwarten, dass ein Staat anderen Leuten Geld abnimmt, um es an mich zu verteilen, nur weil ich glaube, ein Anrecht auf die Ressourcen anderer Menschen zu haben.

            Im Übrigen empfinde ich als Hartz IV nicht asl Weise. ich empfinde es als guten Kompromiss zwischen Freiheit, Selbstverantwortung und der Würde des Menschen.

        • Diese extrem individualistische Denkweise besteht vor der Realität nicht. Reichtum ist Macht und reiche Leute halten sich nicht an die Gesetze, wenn man sie nicht dazu zwingt. Von einem gewissen Niveau an können sich Reiche einfach die Ressourcen anderer aneignen, auch gegen deren Willen. Erfahrung zeigt, dass sie es tun, und wir brauchen Institutionen, die uns davor schützen; sprich: Arbeitsschutzgesetze, effektive Eintreibung von Steuern, unabhängige Gerichte, Organisationsfreiheit f. Arbeitnehmer usw. Neoliberalismus ist eine Bewegung zur Zerstörung dieser Institutionen im Interesse der Reichen (und der ihnen zuarbeitenden Politiker). Man kann das auch historisch sehr schön sehen an der Politik von Reagan und Thatcher.
          Natürlich besteht auch die umgekehrte Gefahr, dass diese Institutionen zu mächtig werden und ihrerseits die Freiheit bedrohen, aber das muss in der Demokratie immer wieder austariert und ausgefochten werden, es gibt da keine Patentlösung.

          Im Augenblich ist zu beobachten, dass der Neoliberalismus die Linke vereinnahmt, indem er sich Teile der linken Programmatik zu eigen macht. Neoliberalismus zielt auf die Umwandlung der Welt in einen einzigen großen Markt, in dem sich Waren, Dienstleitungen, Finanzen und Menschen ungehindert bewegen können. Der Internationalismus der Linken befürwortet natürlich den letzteren Punkt, nicht zuletzt auch, weil man darin eine Maßnahme zur Umverteilung von den reichen Ländern zu den Armen sieht (was natürlich so nicht stimmt)
          Es ist jedenfalls nicht umsonst, dass in den Medien so häufig von „Weltoffenheit“, Diversität“, „kulturelle Vielfalt“ auch zusammen mit „Reisefreiheit“ und „Handelsfreiheit“ gesprochen wird.

          • „Reichtum ist Macht und reiche Leute halten sich nicht an die Gesetze, wenn man sie nicht dazu zwingt.“

            Auch arme Leute halten sich nicht an Gesetze. Die Frage wäre eher, ob Gesetze angemessen und rational sind.

            „Und wir brauchen Institutionen, die uns davor schützen; sprich: Arbeitsschutzgesetze, effektive Eintreibung von Steuern, unabhängige Gerichte, Organisationsfreiheit f. Arbeitnehmer usw.“

            Haben wir.

            „Neoliberalismus ist eine Bewegung zur Zerstörung dieser Institutionen im Interesse der Reichen (und der ihnen zuarbeitenden Politiker). Man kann das auch historisch sehr schön sehen an der Politik von Reagan und Thatcher.“

            Nein können wir nicht.

            „Neoliberalismus zielt auf die Umwandlung der Welt in einen einzigen großen Markt, in dem sich Waren, Dienstleitungen, Finanzen und Menschen ungehindert bewegen können.“

            Jetzt musst Du nur noch erklären, was an der Bewegungsfreiheit von Waren, Dienstleitungen, Finanzen und Menschen autoritär sein soll.
            Es ist das Gegenteil von Autoritarismus.

        • Nun, der Rückgang der Einkommen der abhängig Beschäftigten datiert wesentlich vom Anfang der 80er Jahre her, als sowohl Reagan als auch Thatcher ins Amt kamen. Beide haben die Gewerkschaften nach Kräften bekämpft.

          „Jetzt musst Du nur noch erklären, was an der Bewegungsfreiheit von Waren, Dienstleitungen, Finanzen und Menschen autoritär sein soll.“

          Autoritär ist, dass es keine Schutzrechte mehr dagegen geben soll. Die auf Gegenseitigkeit aufbauenden Sozialsysteme der westlichen Staaten werden zerstört, indem man ihnen immer mehr Leistungsempfänger zuführt, ohne die Zahl der Beitragszahler entsprechend zu erhöhen. Zuwanderung von Muslimen führt zur Zerstörung demokratischer Systeme und zur Islamisierung, du weißt das doch selber.

          • „Autoritär ist, dass es keine Schutzrechte mehr dagegen geben soll.“

            Das verstehe ich nicht.

            „Zuwanderung von Muslimen führt zur Zerstörung demokratischer Systeme und zur Islamisierung, du weißt das doch selber.“

            Das ist aber nicht autoritäres Handeln Dir gegenüber. Wenn dem so wäre, dann wäre jede Handlung anderer Menschen, die Dir nicht gefällt, autoritär.

        • „Neoliberalismus ist eine Bewegung zur Zerstörung dieser Institutionen im Interesse der Reichen (und der ihnen zuarbeitenden Politiker). “ Nein. Neoliberalismus ist das Ergebnis der Erfahrung des Scheiterns des frühenglischen laisser-faire-Kapitalismus aber auch des totalitaristisch-keynesianischen Ansatzes von Hitlerdeutschland (in der deutschen Erstausgabe von 1936 gibt es eine Widmung von Maynard Keynes an Adolf Hitler).

          Die spezifische deutsch Ausprägung des Neoliberalismus heißt Soziale Marktwirtschaft.

          Auch die so gefürchtete Globalisierung ist letztlich ein Erfolg der MArktwirtschaft, wenn auch eben in den Entwicklungsländern. Die Globalisierung hat eben auch deutlich illustriert daß die Außenhandelsgewinne der Volkswirtschaft nicht so einfach allen zu Gute kommen wie bereits 1954 im Stolper-Samuelson-Theorem formuliert.

          Die aktuelle Diskussionen um den Neoliberalismus sind einfach nur Ablenkungsmanöver, die davon Ablenken, daß die Globalisierung und Neoliberalismus insgesamt eine riesige Erfolgsgeschichte im Kampf gegen Armut auf der Erde sind. Und selbst inökologischen Fragen sind die Erfolge des Kapitalismus größer als die jedes sozialistischen Staates.

          Daß dies nicht ohne systematische Intervention der Bürgergesellschaft funktioniert ist auch eine Lehre dieser Geschichte.

          ourworldindata.org liefert hier die faktischen Illustrationen.

        • Neoliberalismus ist erst mal ein freies meritokratisches Wirtschaftssystem. Was man ignoriert ist dass dieses spieltheoretisch immer in einer Paretoverteilung endet, d.h. wie bei Monopoly hat ein Gewinner am Ende alles Geld und allen Besitz. Alle anderen haben gar nichts. Um das vorzeitige Spielende hinaus zu zoegern wurden diverse Umverteilungsmechanismen implementiert. Ein Mechanismus ist die „soziale Marktwirtschaft“, wo vom oberen Ende der Paretoverteilung immer wieder Geld nach unten geschaufelt wird, damit die immer wieder die Mieten auf der Monopoly Strasse zahlen koennen. Totalitaer wird es eigentlich erst wenn die Umverteilung durch Staatsverschuldung finanziert wird. Ich denke das gibt mir die Idee fuer einen neuen Blogartikel…

  2. Was Leszek natürlich zu erwähnen vergisst ist, dass Poststrukturalismus von der politischen Linken entwickelt wurde, als weiterführende Idee zur theoretischen Zerschlagung der liberalen Demokratie, weil zu diesem Zeitpunkt bereits die massiven Denkfehler und Widersprüche des Marxismus offensichtlich wurden

    Poststrukturalismus ist der verzweifelte Versuch von Linken, etwas zu kritisieren, was nicht kritisiert werden kann. Es ist der verzweifelte Versuch, von der Untauglichkeit linker Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfe abzulenken.

    • @ Adrian

      „Was Leszek natürlich zu erwähnen vergisst ist, dass Poststrukturalismus von der politischen Linken entwickelt wurde, als weiterführende Idee zur theoretischen Zerschlagung der liberalen Demokratie,“

      Das ist Unsinn.
      Der Poststrukturalismus wurde ursprünglich in Frankreich entwickelt, unter anderem als Versuch einer Form von Selbstkritik der westlichen Philosophie nach den Katastrophen des Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus.

      Die französischen Poststrukturalisten waren der Ansicht die (in ihren Augen) vorrangig auf Einheit und Synthese ausgerichtete Grundtendenz der westlichen Philosophie sei unfähig totalitären Ideologien ausreichend Widerstand entgegenzusetzen oder würde diese sogar begünstigen.
      Daher wollten die französischen Poststrukturalisten in philosophischer Hinsicht eine Schwerpunktverlagerung vornehmen und stattdessen die Differenz, das Besondere, das Partikulare in den Mittelpunkt der Philosophie stellen. Das machten sie dann leider zum Teil viel zu einseitig, woraus der Hang zum Relativismus im Poststrukturalismus resultiert.

      Die französischen Poststrukturalisten berücksichtigten m.E. leider zu wenig die wichtige Erkenntnis, die dem klugen Theodor W. Adorno stets bewusst war:

      Adorno spricht z.B. von einer „Doppelstellung der Moral“ und meint damit, „dass wir das moralisch Allgemeine so weit zu akzeptieren haben, wie es auf der einen Seite durchsichtig ist in seiner Beziehung auf die verwirklichte Menschheit (…) und auf der anderen Seite durchsichtig ist in bezug auf die Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums und dass dagegen alle Moral, soweit sie unterdrückend und repressiv ist, zur Kritik steht.“

      (zit. nach: Gerhard Schweppenhäuser – Ethik nach Auschwitz, Springer, 2016, S. 205)

      An anderer Stelle formuliert Adorno den gleichen Gedanken folgendermaßen:

      „Damit Sie mich also nicht falsch verstehen: auf der einen Seite ist die Kritik der Moral als des schlecht Allgemeinen in seiner repressiven Funktion gegenüber dem Besonderen, gegenüber dem Individuum, ohne allen Kompromiss durchzuführen; auf der anderen Seite aber ist das Moralische, ohne dass ein Allgemeines gedacht würde, an dem die unreflektierte Fürsichheit des Individuums seine Grenze fände, genausowenig möglich.“

      (aus: Theodor W. Adorno – Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit, Suhrkamp, 2016, S. 366)

      Das Bewusstsein über die Notwendigkeit des Ausgleichs zwischen dem Partikularen und Besonderen einerseits und dem Allgemeinen andererseits, die Adorno hier zu Recht (in diesem Fall am Beispiel der Moral) hervorhebt, dies fehlte leider zum Teil zu stark im französischen Poststrukturalismus und aus diesem fehlenden Ausgleich zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen resultiert dann der Hang zum Relativismus im Poststrukturalismus, der insbesondere in drei Varianten zum Ausdruck kommen kann: Moralrelativismus, Wahrheitsrelativismus und anthropologischer Relativismus (Leugnung einer menschlichen Natur).

      Der Hang zum Relativismus wiederum begünstigte dann später, dass der ursprünglich antiautoritär motivierte französische Poststrukturalismus im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des Poststrukturalismus ins Autoritäre umkippte – also die Entstehung der postmodernen Political Correctness – aus den Gründen, auf die ich ja schon an anderer Stelle auf diesem Blog eingegangen war:

      – Wahrheitsrelativismus birgt die Gefahr des Umschlagens in Dogmatismus, denn wenn es keine Wahrheitskriterien gibt, kann potentiell für jede Irrationalität Geltung beansprucht werden.

      – Moralischer Relativismus birgt die Gefahr des Umschlagens in irrationale Toleranz gegenüber ungerechten, autoritären und menschenrechtlich problematischen Einstellungen und Verhältnissen.

      – Anthropologischer Relativismus, die Leugnung einer menschlichen Natur, birgt die Gefahr des Umschlagens in autoritäre Maßnahmen, um die Identitäten von Menschen gemäß ideologischer Vorgaben oder entsprechend den Interessen von Machteliten zu formen. (U.a. darum wurde der anthropologische Relativismus auch von so bedeutenden linken Denkern wie Erich Fromm, Noam Chomsky und Paul Goodman abgelehnt und treffend kritisiert.)

        • Man darf ja auch nicht vergessen, dass unser Wissen heute weitreichender ist und wir das Scheitern praktisch aller irgendwie linksideologischer Staaten gesehen haben, wenn man von Frankreich einmal absieht.

          Ausserdem gelten unsere weitgehend europäischen Werte in den USA schon fast als ultralinks.

          Was ich nicht wirklich verstehe bei obigen Erklärungen zum Poststrukturalismus, ist warum man nicht wissenschaftliche Erkenntnisse genau zu diesem Thema hinzunimmt. Es ist doch heute unumstritten, dass alles Wissen der Menschheit immer durch einen Filter gesehen wird, unser Gehirn, bzw. unsere derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse.

          Sobald es neue Erkenntnisse gibt verstummen die Stimmen und wenden sich anderen Gebieten zu.

          Was mich eigentlich immer bei diesen Thesen stört ist der Mangel an Erkenntnisgewinn.

        • Beispiel: https://fr.wikipedia.org/wiki/Impostures_intellectuelles

          De manière assez amusante, Jacques Bouveresse a rapidement prophétisé que cette affaire ne ferait que renforcer le prestige des cibles de Alan Sokal, vues comme les victimes d’attaques antifrançaises d’un Américain. Cette interprétation a effectivement été très répandue parmi les opposants à Sokal. Surtout, le livre fut classé comme critique de droite, ce qui déplut à Sokal qui se réclame de gauche et prétendait justement protéger la gauche des charlatans ; Sokal avait justement critiqué cette démarche de politisation en accusant dans son texte parodique Gross et Levitt d’avoir attaqué Derrida parce qu’il est de gauche, alors que la critique de Derrida était purement physique.

          Kurz übersetzt: Jacque Bouveresse befürchtete dass die Sokalaffäre (https://de.wikipedia.org/wiki/Sokal-Aff%C3%A4re) nur als eine Attacke der Amerikaner an den Franzosen wahrgenommen werden würde. Diese Interpretation war weit verbreitet. Vor allem das Buch wurde als politisch rechts verschrien, was Sokal nicht gefiel, der gerade die Linke vor Scharlatanen bewahren wollte; er wollte gerade die Politisierung verhindern.

  3. Bei Philosphemen ist Wahrheit kein Kriterium, da es sich um rein gedankliche Konstrukte haben, die keine Entsprechung in der Erfahrung haben müssen.
    Daher sind deren Kriterien:
    1. Konsistenz
    – insbesondere Reflexivität, also inwiefern sie sich selbst erklären kann
    2. Nützlichkeit

    Das größte Problem des Konstruktivismus ist, daß er bei Anwendung auf sich selbst mit sich selbst in Widerspruch gerät und daher nicht konsistent ist.

    Nützlichkeit – begrenzt, weil eben auch 1.

    • Man kann den Konsstruktivismus nicht widerspruchsfrei auf den Konstruktivismus anwenden. Denn dann wäre er selbst nur ein konsruiertes Element und daher nicht an sich existent, was aber der Konstruktivismus für sich in Anspruch nimmt.
      Damit scheitert er aber an der ersten Voraussetzung einer jeden sozialen Theorie: Dass sie auf soziale Phänomene, also auch auf sich selbst anwendbar sei muß.

  4. […]tatsächlich muss man aber letztendlich den Poststrukturalismus als Theorie schlicht verwerfen und allenfalls schauen, ob die Aspekte, die man als zutreffend ansieht, auch in besseren Theorien berücksichtigt werden.[…]

    Das halte ich auch fuer die bestmoegliche Einschaetzung der Poststrukturalisten/modernisten. Die Uebertreibungen lesen sich wie die „God of the gaps“ Diskussionen die Dawkins et al mit diversen Glaeubigen hatte. Wenn man die sog. Teilwahrheiten als Ausgangspunkte wissenschaftlicher Fragestellungen sieht, kann man auf Erkenntnisgewinn hoffen.

    Was aber passiert ist, ist dass die Gender- und affirmative action Schneefloeckchen aus den Uebertreibungen eine Religion gemacht haben, die in den Unis als „wissenschaftliche Wahrheit“ gelehrt wird.

  5. Pingback: Blogschätzchen des Tages 12.5.2017 | narrenspeise

  6. EIn Blick in die Kommentarspalte lässt mich wieder die „Ordnung des Diskurses“ in die Hand nehmen.

    Die Kommentarsektion von AE ist eigentlich schon eine anschauliche Illustration zu Foucault.

    Geht hier immer mehr um Delegitimierung des gegnerischen Diskurses als um Widerlegung von Argumenten.

    Ich glaube, F. hatte doch recht. 😀

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