Sprechverbote in der queeren Szene

Ein Text im Tagesspiegel hat für Diskussion gesorgt. Dabei geht es um „Sprechverbote in der queeren Szene“:

Ich habe durchaus Lust an der Auseinandersetzung. Kritik und Aufklärung sind für einen gesellschaftlichen Fortschritt notwendig. Es wird oft gesagt, man würde zu viel diskutieren und zu wenig Praxis machen. Man sollte aber nicht mit dem Denken aufhören. Wichtig ist aktuell, die Gleichzeitigkeit von relativer Liberalisierung und Feindseligkeit zu sehen. Inhaltlich müssen Debatten in eine Richtung weisen, deren Maßstab, ob etwas richtig oder falsch ist, die Freiheit aller meint.Allerdings läuft in der queeren Szene derzeit etwas falsch. Es gibt inzwischen eine Form von queerem Aktivismus, der das Diskutieren, das Auseinandersetzen abwehrt. Diese Form des Aktivismus hat sich zu einer Politik der Verbote und Bußen entwickelt – zu einer autoritären Variante von Queer.

Ich finde es immer etwas Schade, dass in den vielen Artikeln, die es schon zum Autoritären und Diktatorischen in der linken Szene gibt quasi nie der Anteil innerhalb der Theorien, die genau das begünstigen, diskutiert wird. Es kommt häufig so rüber als hätte sich da leider innerhalb einer Szene etwas schlechtes entwickelt, was aber mit der eigentlichen Szene gar nichts zu tun hat.

Das neue Feindbild sind die Homosexuellen

Eigentlich scheint in dem Begriff „Queer“ das utopische Glück auf, dass die sexuell Anderen ohne Angst verschieden sein können. Queer transportiert eine Geschichte emanzipatorischen Kämpfens, es ist ein reizvoller Begriff, der zum Hinterfragen der  heterosexuellen Normalität ebenso aufruft wie zur selbstbewussten Entgegnung der Perversen und Anderen.Doch in der Form von Aktivismus, die ich kritisiere, ist davon nicht viel übrig geblieben. Queer gilt hier als identitätskritischer Begriff. Das geht so weit, dass Menschen, die sich als Schwule und Lesben sehen, als reaktionär abgelehnt werden: Ihre Identitäten seien zu einengend, und sie seien zu etabliert, heißt es dann. Aus dieser Idee heraus wurden die queeren Begriffe „Homonormativität“ und „Homonationalismus“ geschaffen: Nicht mehr der heterosexuelle Wahnsinn wird  angegangen – das neue Feindbild sind die Homosexuellen.Der Kreuzberger CSD wetterte entsprechend gegen „schwule Manager“, die „von oben umarmt“ mit Staat und Großkonzernen kuscheln würden. Eine klassische Verschwörungstheorie – mit queerem Anstrich. Das Abendland wurde hier als „schwul-christlich“ bezeichnet, was schlicht zynisch ist.

Die linken Theorien stellen im wesentlichen darauf ab, dass derjenige, der die meisten Benachteiligungen aufzuweisen hat, dass Sagen hat. Und sie stellen darauf ab, dass man Punkte gewinnt, wenn man andere auf ihre Privilegien hinweist. Damit sind sie prädestiniert für ein „Race to the Bottom“, also ein sich gegenseitiges in den Abgrund ziehen, bei dem derjenige (vermeintlich gewinnt), der sich selbst als Opfer darstellt und den anderen als Privilegiert.
Weil es in einem solchen Rennen auch immer um Aufmerksamkeit und Virtue Signalling geht ist es sogar effektiver, einen aus der eigenen Gruppe anzugreifen, denn
  • man darf eh nicht mit den Schmuddelkindern spielen, also sich wirklich auf Diskussionen mit „Auswärtigen“ einlassen, weil das diesen nur Raum geben würde
  • bei den eigenen Leuten kann man die eigenen Regeln für sich nutzen, nach denen der Privilegierte nicht widersprechen darf, so dass gewinnen einfach ist: widerspricht er nicht, hat man zu recht auf seine Privilegien hingewiesen, widerspricht er doch erkennt er seine Privilegien nicht an ist er ein Verräter an den Gruppentheorien und der Verdienst, ihn entdeckt zu haben ist um so größer. Zudem erhöht die Nähe zueinander das Potential für Konflikt, so dass auch die Aufmerksamkeit größer ist als bei dem abstrakten Patriarchat.
Insofern ist es aus der Theorie heraus leicht verständlich, dass „die Revolution ihre Kinder frisst“ und man einen „Nicht gut genug Aktivismus“ etabliert.

 Über Dreadlocks streiten, aber den alltäglichen Rassismus übersehen

Auf der anderen Seite herrschen sehr feste Vorstellungen von Identität in diesem queerem Aktivismus vor: Etwa in der Kritik an Privilegien. Da wird so getan, als gebe es die Unterdrückten und die Unterdrücker, die als Personen ganz klar auszumachen seien. Das ist bequem, aber falsch. Und die Zuteilungen sind ziemlich abstrus: Im Mittelpunkt dieser als „Antirassismus“ ausgegebenen Anstrengungen stehen dann Weiße, die Dreadlocks tragen, was als rassistische Gewalt verstanden wird. Über die Diskriminierung am Arbeitsplatz, die deutsche Abschiebepolitik oder die alltägliche rassistische Gewalt spricht da kaum mehr jemand und sie wird mit so einem Ansatz unweigerlich relativiert.

Auch hier scheint mir das eigentliche Problem nicht angesprochen zu werden. Es wird nur als ein Fehler angesehen, dass man die kleineren Probleme statt der größeren Probleme angeht.

Im Titel eines von mir herausgegebenen Buches bezeichne ich das Phänomen als „Beißreflexe“. Eigentlich ist das verharmlosend, weil ja ein bewusstes politisches Programm dahinter steht und es sich nicht um schiere Reflexe handelt. Mit Beißreflexen, so die Kritik von mir und zahlreichen Autor_innen, wird auf bestimmte Inhalte reagiert. Etwa wenn eine Kritik am Islam sofort als Rassismus abgekanzelt wird. Damit räumt man das Feld für die Rechten und ihren wirklichen Rassismus. Ein weiteres Beispiel dafür sind die Reaktionen auf das Buch „Beißreflexe“ selbst. Der Titel sei zu spitz und nehme queeren Aktivismus nicht ernst. Das kommt aber von Leuten, die das Buch nicht gelesen haben, was für mich schon eine Voraussetzung dafür ist, sich zu einem Buch zu äußern.Auf Kritik an solchen Praktiken wird scharf reagiert. Ein ganz aktuelles Beispiel: Kürzlich wollte Till Amelung, der in „Beißreflexe“ über den queeren Gewaltbegriff schreibt, das Buch im InterTrans-Referat an der Universität Marburg vorstellen. Ein queerer Aktivist intervenierte mit der Begründung, Till, das Buch und das Referat seien verletzend. Da sollen ziemlich aggressive Mittel angewendet und emotionaler Druck ausgeübt worden sein. Das ist typisch für diese Form von queerem Aktivismus. Es ging darum, die ungewünschte Kritik zu verbannen. Wen das kein Sprechverbot sein soll, was dann?

Mit „Beißreflex“ scheint gemeint zu sein, dass man bei einem kleineren Vorfall sofort zubeißt und dabei das größere Bild nicht wahrnimmt. Man sollte eben nach diesem Bild nicht zu schnell im Innenverhältnis zubeißen, sondern sich quasi taktisch zurückhalten.

Harsche Sprachregulierungen und Kritik nach Innen

Um es klar zu sagen: Hier geht es nicht um Sprechverbote für Faschos.

Dass könnte eben das Problem sein: In einer radikalen Ideologie verliert man schnell das Maß. Wer Sprechverbote gegen den Gegner verhängt, der versteht nicht, warum er diese nicht auch gegen die eigene Seite verhängen darf, wenn diese nach seiner Ansicht schädliches sagt. Es ist einer der Gründe, warum allgemeine Meinungsfreiheit und Redefreiheit ein so hohes Gut sind: Fängt man einmal mit Verboten an ist eine Ausweitung nur schwer zu kontrollieren.

Sondern für engagierte Lesben und Schwule, anderen queeren Aktivist_innen. Mir geht es nicht darum, dass alle alles sagen sollen, wie man es nun häufig als panische Reaktion vor vermeintlich zu viel Political Correctness hört. Wenn die darin geforderte Meinungsfreiheit bedeutet, dass alle nacheinander irgendetwas sagen sollen und jede Meinung neutral neben die andere gestellt wird, ist am Ende nichts gesagt. Das Dumme und Hasserfüllte wird dann genauso behandelt, wie das Fortschrittliche und Reflektierte. Es verändert sich nichts.

Meinungsfreiheit bedeutet auch nicht, dass man jede Meinung neutral neben die andere stellt. Man darf sie natürlich werten und auch dagegen argumentieren oder sie sogar kommentarlos und aus dem Bauch heraus für falsch halten. Es geht darum, dass man aus dieser eigenen Bewertung nicht herleitet, dass der andere sie nicht mehr sagen darf und das auch falsche und sogar schädliche Meinungen von diesen Rechten profitieren müssen.

Mir geht es darum, dass die Sprechverbote im queeren Aktivismus das Denken und die Auseinandersetzung verhindern, auch bei Beiträgen, die diskutabel sind. Der queere Aktivismus, den ich kritisiere, wendet sich mit der Autorität vor allem nach innen: Etwa mit harschen Sprachregulierungen. Da wird nicht mehr nach Intention und Inhalt gefragt, sondern danach, ob etwas „problematisch“ sei. Der wichtigste Maßstab ist in diesen Fällen, ob etwas verletzend oder gar „triggernd“ sei – und schon ist die Welt eine hochgefährliche Angelegenheit, vor der man sich in Sicherheit bringen muss. Die Gefahr wird überwertig. Man macht sich handlungsunfähig und fordert nur noch, dass bestimmte Menschen oder Aussagen verbannt werden sollen, damit man bloß keine Irritation ertragen muss. Damit wird auch jedes neugierige Nachfragen, jedes Wundern über die Welt zur Gewalt stilisiert und verhindert.

„Diskutabel“ ist schon ein Begriff, bei dem kaum eine Einigung erzielt werden kann und der daher in diesem Zusammenhang wenig taugt. Gerade dann nicht, wenn die eigene Theorie davon geprägt ist, dass es nur eine Wahrheit gibt und das jedes Abweichen davon Unterdrückung und Benachteiligung ist.

Es wird nicht mehr differenziert

Um nochmal auf Rassismus-Vorwürfe gegen Weiße zurückzukommen.  Es ist haarsträubende, was da teilweise als Rassismuskritik ausgegeben wird. Wenn etwa jemandem Rassismus vorgeworfen wird, weil sie Tattoos hat, Dreadlocks trägt oder Sushi isst –dann ist das  überzogen. Genauso wie bei Verkleidungen. Da wird nicht mehr differenziert zwischen Blackfacing und einem Ölscheichkostüm – so als seien Ölscheiche eine diskriminierte Minderheit! Gewonnen wird so für niemanden etwas, und um Gesellschaftskritik handelt es sich bei dieser Hervorhebung von Privilegien auch nicht. Ich will nicht, dass sich ein Heteromann schlechter fühlt, weil er heterosexuell ist – sondern ich will, dass ich nicht schlechter behandelt werde, weil ich schwul bin.Handelt es sich bei dieser autoritären Form des queeren Aktivismus womöglich nur um einige wenige Radikale, die man vielleicht besser ignorieren sollte? Es stimmt, dass es nicht viele sind.  Jedoch zeigt das überraschend große Interesse an dem Buch, wie viele Leute schon recht heftige Erfahrungen mit dieser Form von queerem Aktivismus gemacht haben: Ausschlüsse, Auftrittsverbote bis hin dazu, dass man wegen Anfeindungen die Stadt verlässt.

Da hat sich anscheinend der Autor mit feministischer bzw. intersektionaler Theorie noch nicht beschäftigt. Denn in diesen sind Privilegien und Unterdrückung sowie Mikroaggressionen gerade die wesentlichen Punkte. Durch die Grundsätze, dass die Welt nur gerecht werden kann, wenn eine Gruppe keine Privilegien mehr hat und das Privilegien und Unterdrückung eben in den kleinsten Eigenschaften und Handlungen zeigen, muss der Vorschlag da doch einfach mal ein Auge zuzudrücken und einfach nur dazu zu sorgen, dass eben Schwule nicht schlechter behandelt werden, grotesk erscheinen. Denn der einzige Weg wie Schwule nicht schlechter behandelt werden können, ist ja die Auflösung der strukturellen Benachteiligungen und dazu muss man gegen jede Kleinigkeit vorgehen, bis die Struktur nachgibt.

 Wo ist der Erkenntnisgewinn, wenn nur Betroffene sprechen dürfen?

Hinzu kommt, dass der im queeren Aktivismus sehr beliebte Betroffenheitsansatz einen ziemlich großen Einfluss auf LGBT-Institutionen, Vereine und Schulaufklärungsprojekte hat. Das hört sich auch erst mal toll an: Jetzt sprechen die, die betroffen sind – und zwar nur die. Allerdings bringt das weder besonderen Erkenntnisgewinn noch ist das eine gute Politik.Um mich nicht falsch zu verstehen: Natürlich sollen sich Leute, die Feindseligkeit erfahren, dazu auch öffentlich Gehör verschaffen! Wenn man aber vom Inhalt des Gesagten absieht und nur noch darauf achtet, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung die Sprecherin hat – dann ist man mit so einem Ansatz keinen Deut besser als die Rechten. Was ich als Schwuler zu Schwulenfeindlichkeit zu sagen habe, muss schließlich nicht zwingend richtiger sein als das, was ein Heterosexueller dazu zu sagen hat. Und ich bin froh um jeden Hetero, der sich gegen Schwulenfeindlichkeit einsetzt. Aktueller queerer Aktivismus legt sehr viel Wert auf Sensibilität und Verletzlichkeit. Eine Verletzung aber unvermittelt in eine Politik zu überführen, führt genau zu dieser falschen Form von Betroffenheitspolitik, die nicht mehr nach dem Inhalt fragt, sondern die Verletzung selbst fast schon adelt. Man sollte die Verletzungen und auch die Verrücktheiten ernst nehmen als das, was sie sind – und das heißt zugleich, dass man sie hinterfragen können muss.

Blasphemie! Ketzerei! In der radikalen Szene wurden spätestens hier die Federn herausgesucht und das Teer über das Feuer gehängt. Denn der Glaubenssatz, dass nur die Benachteiligten den Umfang der Privilegien erkennen können und die Benachteiligungen aufzeigen können ist ja ebenso elementar. Er dient in der Tat dazu ein Sprechverbot zu errichten, welches eben lange Zeit zur Immunisierung gegen Kritik genutzt wurde. Man konnte von oben herab verkünden und der andere musste es akzeptieren oder sah sich neuer Kritik ausgesetzt. Und man konnte Männern etc schlicht den Mund verbieten. Dieses Element befreit die Theorie von jedem Rechtfertigungszwang. Niemals werden sie dieses wunderbare Werkzeug aus der Hand geben.

Sind es wenige? ich würde sagen es sind die, die die Theorie ernst nehmen, die genau das vorgibt?

Die Community ist eine Fantasie

Eine ganz falsche Lesart meiner Texte ist aber, dass ich einfordern würde, man solle sich in die „queere Einheitsfront“ einreihen und zugunsten der Community keine Kritik äußern. Ich sage das Gegenteil: Die Community ist eine Fantasie. „Community“ würde einfordern, sich tatsächlich ein Stück weit gleich machen zu lassen. Gegen das Gleichmachen verwehre ich mich aber genauso, wie gegen einen autoritären queeren Aktivismus.Ein Weg, über Diskriminierung unter Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transleuten zu sprechen, ist, dass man sich selbst und das Gegenüber als Anderen akzeptieren lernt. Das heißt zugleich respektvolle Begegnung und kritische Reflexion. Man muss den Menschen zutrauen, dass sie aus ihrer grundlegenden Fähigkeit zur Empathie auch einen besseren Umgang miteinander hinbekommen könnten. Da helfen einem autoritär durchgesetzte Sprach-, Verhaltens- und Kleidungsgebote nicht weiter, sondern verhindern, dass sich Leute mit Offenheit, Spannung und Neugier begegnen.

„Kritische Reflexion“ in einer vollkommen ideologischen Szene, dessen Glaubensbekenntnis ist, dass jede kleinste Benachteiligung schädlich ist (wenn sie gegen eine als nichtprivilegiert anzusehende Gruppe erfolgt) und unbedingt angeprangert werden muss.
Das ist etwa so, wie bei einem Mitglied der spanischen Inquisition zu erwarten, es werde ein paar Sachen mit dem Ketzer ausdiskutieren und dabei seine Position auch kritisch reflektieren.

Es ist eine nette Idee, aber da derjenige selbst riskiert, auf der Streckbank oder dem Scheiterhaufen zu landen, wenn er „kritisch reflektiert“ ist es nicht sehr praktikabel.

Zu guter Letzt noch ein paar Tweet zu dem Thema:

 

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33 Gedanken zu “Sprechverbote in der queeren Szene

  1. Letztendlich ist dann schon die reine Präsenz von Anderen eine Aggression, weil sie anders sind als ich. Da ja „Gegengewalt“ in diesen sogenannten linken Kreisen jetzt legitim ist, kann man daraus auch gleich für sich das Recht ableiten, alle anderen totschlagen zu dürfen.

  2. Ich kommentiere hiermit einen Beitrag, den ich nicht einmal gelesen habe, denn ich habe schon den ersten Satz nicht verstanden:

    Ich finde es immer etwas schade, dass in den vielen Artikeln, die es schon zum Autoritären und Diktatorischen in der linken Szene gibt quasi nie der Anteil innerhalb der Theorien, die genau das begünstigen
    (Groß- und Kleinschreibung von mir korrigiert, was aber auch nicht wesentlich zum Verständnis beigetragen hat.)

    Was wird begünstigt? Welcher Anteil der Theorien ist das?

  3. „ICH habe eine klare Vorstellung davon, was Hate Speech und wer privilegiert ist, deswegen ist es ja auch gut und richtig, gegen Hate Speech und Privilegierung mit allen Mitteln vorzugehen.
    Wer MICH der Hate Speech oder der Privilegiertheit bezichtigt, macht etwas FALSCH“

    Es ist wohl Einstellungsvoraussetzung für quasi alle Formen des Aktivismus, betont um den eigenen Nabel zu kreisen.

  4. Meine Vermutung ist ja: die queere Szene hat schon allein deshalb ein Problem mit dem Schwulsein, weil sie einerseits Schwule als gesellschaftliche Minderheit ganz gerne auf ihrer Agenda des intersektionalen Minderheitenschutzes mitschleifen möchte. Andererseits haben sie dann auf einmal mit sexuellem Begehren zu tun, das sich ganz konkret an bestimmte Objekte heftet (Mann steht auf Schwänze), wozu die genderfluiden bis asexuellen Schneeflocken kaum noch in der Lage sind, ohne erst einen Blog drüber zu schreiben. Oder anders: Schwule erinnern ständig daran, dass Sexualität nichts ist, was sich vollständig dekonstruieren und „zerqueeren“ und in 57 Identitäten überführen lässt, sondern schlicht körperliche Regung und Trieb als Grundlage hat, die der Gestaltung durch bewussten Willen weitenteils entzogen sind. Wer seine „Sexualität mit sich selbst aushandelt“, kann damit naturgemäß nichts anfangen… deshalb auch Quatschbegriffe von der Homonormativität.

    Dass die Autorin nix von intersektionaler Theorie weiß bzw. sich zu wenig damit beschäftigt hat, halte ich für ziemlich ausgeschlossen. Wer in Gender Studies promoviert kommt da wohl kaum drum herum – nur die Bewertung ist eine andere und Patsy l’Amour laLove wird halt Theorie und die zugehörigen Grundbegriffe an sich nicht als „slippery slope“ betrachten, die zu den kritisierten, autoritären Auswüchsen führt. Ich würde auch behaupten, dass intersektionale Theorie zum wissenschaftlichen Herausarbeiten von multiplen Benachteiligungen durchaus brauchbar ist, nur eben nicht die Übersetzung der Methode in eine politische Agenda und die fehlende Distanz der Gender Studies zu den Epigonen dieser Szene.

    Ansonsten kann ich Patsys Veranstaltungen empfehlen, wenn man auf tuntig-schrägen Humor steht und mit gelegentlicher Betroffenheitslyrik zurechtkommt.

  5. Wenig los hier heute, obwohl es ein guter Artikel von Christian ist.

    Da es in dem Artikel u.a. um Einschränkungen der Rede- und Diskussionsfreiheit geht, hier dazu ein schönes Zitat von dem von mir geschätzten marxistischen Rätekommunisten Anton Pannekoek, das mal wieder verdeutlicht, wie weit sich die postmoderne politisch korrekte Linke von klassisch-linken Werten und Prinzipien entfernt hat:

    „Für die moderne Arbeiterklasse in einem hochentwickelten Land sind diese geistigen Freiheiten wie Redefreiheit, Diskussionsfreiheit und Organisationsfreiheit allerdings – wie die Luft zum Atmen – unabdingbare Voraussetzungen in ihrem Kamp um Freiheit.“

    (aus: Anton Pannekoek – Volksdemokratie (1950), in: Anton Pannekoek – Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution, Germinal, 2008, S. 673)

    • @ @ Leszek

      Wie steht dernn der marxistische Rätekommunist Anton Pannekoek zur Rede-, Diskussions- und Organisationsfreiheit derjenigen, die sich der modernen Arbeiterklasse in ihrem Kampf um die Freiheit entgegen stellen?

        • @ JC Denton

          „Wie steht dernn der marxistische Rätekommunist Anton Pannekoek zur Rede-, Diskussions- und Organisationsfreiheit derjenigen, die sich der modernen Arbeiterklasse in ihrem Kampf um die Freiheit entgegen stellen?
          Ich vermute mal, soviel wie Rosa Luxemburg: Gar nichts.“

          Ich finde zwar auf Anhieb kein Zitat, in dem er sich direkt zu dieser Frage äußert, aber was er so zum Thema Meinungsfreiheit sagt, hört sich m.E. schon so an, dass er dabei eine vollständige Meinungsfreiheit im Sinn hatte, siehe auch die Verweise auf Shelley in folgendem Zitat.

          Anton Pannekoek:

          „Es gibt Gruppen und Parteien, die behaupten im ausschließlichen Besitz der Wahrheit zu sein, und die die Arbeiter, unter Ausschluss jeder anderen Meinung, durch ihre Propaganda zu gewinnen versuchen. Durch moralischen und, wenn sie die Macht haben, auch materiellen Druck, versuchen sie, den Massen ihre Ansichten aufzuzwingen. Es sollte klar sein, dass das einseitige Lehren eines bestimmten Systems von Doktrinen nur dazu dienen kann, und tatsächlich auch dienen soll, gehorsame Anhänger zu erziehen, um damit eine alte Herrschaft aufrecht zu erhalten oder eine neue vorzubereiten. Die Selbstbefreiung der arbeitenden Klasse erfordert Selbstdenken, Selbstwissen, erfordert das Erkennen von Wahrheit und Irrtum durch eigene geistige Anstrengung.

          (…)

          So ist unbegrenzte Freiheit der Meinungsäußerung und der Diskussion im Kampfe der Arbeiter so nötig wie die Luft zum atmen. Vor mehr als einem Jahrhundert verteidigte Shelley, Englands größter Dichter des 19. Jahrhunderts, das Recht und die Pflicht der freien Meinungsäußerung für Jedermann gegen eine despotische Regierung.

          „Der Mensch hat das Recht auf uneingeschränkte Diskussionsfreiheit.“ (…) „… es kann auch kein Gesetzesakt dieses Recht zerstören.“

          Shelley ging von philosophischen Überlegungen aus, als er die natürlichen Rechte des Menschen proklamierte. Für uns ergibt sich die Proklamierung der Freiheit von Rede und Presse aus ihrer Notwendigkeit für die Befreiung der Arbeiterklasse. Die Diskussionsfreiheit zu beschränken heißt, die Arbeiter daran zu hindern, dass von ihnen benötigte Wissen zu erwerben. Jede alte Despotie, jede neueDiktatur fing damit an, die Freiheit der Presse zu verfolgen und zu verbieten; jede Beschränkung dieser Freiheit ist der erste Schritt, die Arbeiter unter die Herrschaft irgendwelcher Herrscher zu bringen.

          Müssen die Massen dann nicht etwa gegen die Unwahrheiten, die falschen Darstellungen, die betrügerische Propaganda ihrer Feinde beschützt werden? Ebensowenig wie in aller Erziehung ein sorgfältiges Fernhalten übler Einflüsse die Fähigkeit entwickeln kann ihnen zu widerstehen und sie zu überwinden, ebenso wenig kann die Arbeiterklasse durch geistige Vormundschaft zur Freiheit erzogen werden. Wer soll entscheiden, wenn sich die Feinde in der Maske des Freundes zeigen und wenn in dem Gegensatz der Meinungen jede Partei dazu neigt, die anderen als eine Gefahr für die Klasse zu betrachten?
          Natürlich die Arbeiter selbst (…)“

          (aus: Anton Pannekoek – Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution, Germinal, 2008, S. 113 f. )

        • @ Leszek

          Meinst du, Anton Pannekoek hätte auch die Redefreiheit von Faschisten verteidigt, weil deren Diskussionsbeitrag zur Befreiung der Arbeiterklasse notwendig ist?

        • @ JC Denton

          „Meinst du, Anton Pannekoek hätte auch die Redefreiheit von Faschisten verteidigt,“

          Also in seiner Argumentation zur Begründung der Redefreiheit nennt er ja keine Ausnahmen.

          „weil deren Diskussionsbeitrag zur Befreiung der Arbeiterklasse notwendig ist?“

          Nicht weil ein faschistischer Diskussionsbeitrag zur Befreiung der Arbeiterklasse notwendig ist, sondern weil eine Einschränkung der Redefreiheit für Faschisten der erste Schritt in Richtung Faschismus sein könnte.
          Ich vermute, dass Pannekoek gemäß seiner dargestellten Argumentation wohl befürchtete, dass jede Einschränkung der Redefreiheit langfristig auf die Freiheit der Arbeiter selbst zurückschlagen könnte.

        • „Also in seiner Argumentation zur Begründung der Redefreiheit nennt er ja keine Ausnahmen.“

          Er nennt keine Ausnahmen, stellt sie aber in einen Zusammenhang mit einem politischen Ziel („Befreiung der Arbeiterklasse“). Das macht mich etwas skeptisch.

          „Ich vermute, dass Pannekoek gemäß seiner dargestellten Argumentation wohl befürchtete, dass jede Einschränkung der Redefreiheit langfristig auf die Freiheit der Arbeiter selbst zurückschlagen könnte.“

          Sollte das seine Argumentation sein: Stimmst du ihm zu?

        • @ JC Denton

          „Er nennt keine Ausnahmen, stellt sie aber in einen Zusammenhang mit einem politischen Ziel („Befreiung der Arbeiterklasse“). Das macht mich etwas skeptisch.“

          Mir ist jedenfalls kein Zitat von ihm bekannt, in dem er eine Einschränkung der Meinungsfreiheit für Anhänger einer anderen Weltanschauung befürwortet hätte.
          Allerdings habe ich nicht sein gesamtes Werk gelesen.

          „Sollte das seine Argumentation sein: Stimmst du ihm zu?“

          Ja. Das hieße also z.B.:

          Gegen Faschisten zu demonstrieren, finde ich sehr gut.
          Ein Demonstrationsverbot für Faschisten zu fordern oder eine faschistische Demonstration zu blockieren, stünde hingegen im Widerspruch zu meinem Verständnis von Meinungsfreiheit.

          Eine Gegenveranstaltung zu einer faschistischen Veranstaltung zu organisieren, finde ich sehr gut.
          Zu versuchen eine faschistische Veranstaltung zu blockieren oder zu stürmen, stünde hingegen im Widerspruch zu meinem Verständnis von Meinungsfreiheit.

          Gegen Holocaustleugner zu argumentieren, finde ich sehr gut.
          Dass der Holocaust verpflichtendes Thema an deutschen Schulen ist, bejahe ich ebenfalls entschieden.
          Gesetze gegen Holocaustleugnung lehne ich allerdings ab.

        • Eine Gegenveranstaltung zu einer faschistischen Veranstaltung zu organisieren, finde ich sehr gut.
          Zu versuchen eine faschistische Veranstaltung zu blockieren oder zu stürmen, stünde hingegen im Widerspruch zu meinem Verständnis von Meinungsfreiheit.

          Diese Haltung würde ich nicht als links bezeichnen, sondern als liberal.

        • @JC Deton

          Meinst du, Anton Pannekoek hätte auch die Redefreiheit von Faschisten verteidigt, weil deren Diskussionsbeitrag zur Befreiung der Arbeiterklasse notwendig ist?

          Ist wirklich so klar, dass Faschismuss und Kommunismus antagonistisch sind? Der Faschismus trug auch deutliche Zeichen von Antikapitalismus in seiner Argumentation. Der Prototyp eines verhassten Menschen, der die Welt zugrunde richten will, war ein wohlgenährter Banker. Das ist eine Position, die unter den heutigen Linken durchaus anschlussfähig ist.

      • Typischer Weise versuchen die Herrschenden Sprech- oder Denkverbote zu etablieren – dazu braucht man nämlich notwendig Macht. Ich würde sogar sagen, man kann Herrschende daran erkennen, dass sie so was auf irgendeine Art und Weise versuchen.

        Dass dies heute die angeblich „Linken“ tun, bedeutet etwas.

    • Es gibt keine Immunität von linken Kräften gegen die Mechanismen der Macht. Links ist höchstens solange liberal eingestellt, wie keine Machtpositionen verteidigt werden müssen. Alle realexistierenden linken politischen Systeme haben den Weg hin zu repressiven Systemen genommen (und zwar schneller als alle anderen) und ich erkenne nicht, warum es den künftigen anders ergeben sollte.

      Diese real scottsmen-Strategie scheint mir nicht hilfreich, näher an die tatsächlichen Ursachen des Verhaltens zu kommen.

      Gruß
      Werlauer

  6. Wir sind also langsam in der Zuspitzungsphase. Die Hierarchie ist jetzt soweit geklärt, dass die Positionen klar verteilt sind. Jetzt beginnen die Grabenkämpfe im großen Stil. Wohl weil die Belohnung für einen „inneren“ Kampf größer ist als für den Kampf gegen einen äußeren Feind. Bei Spielen folgt danach meist die Auswertung, um zu schauen, wer die meisten Siegpunkte heimbringt.
    Was wäre hier die nächste Phase?

  7. @Christian, ich finde es ja gar nicht schön, wie hier schon wieder Klischees über die Spanische Inquisition reproduziert werden.

    Die kam nämlich tatsächlich von alleine darauf, mit der Hexenverfolgung aufzuhören. (Und konzentrierte sich stattdessen auf Ketzer, Häretiker und nicht-wirklich-Konvertiten.)

  8. Want equality? Curtail free speech

    Well, there is some hope. The Canadian parliament has passed the M-103 motion, which calls on the government to condemn Islamophobia. It is the silver lining of a dark and depressing cloud, and it is something I think New Zealand should seek to not only emulate but improve.

    Our Government should look to criminalise not only Islamophobia, but racist rhetoric and the criticism of feminism and LGBTQAA+ rights.

    Free speech is all well and good, but it should not be defended at the expense of minority groups.

    http://www.stuff.co.nz/stuff-nation/assignments/share-your-news-and-views/17874187/Want-equality-Curtail-free-speech

  9. Pingback: 10 Gründe gegen eine Opfer-Ideologie | Alles Evolution

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