Selbermach Mittwoch 106 (29.03.2017)

Was, außer Hosentaschen, gibt es noch interessantes?

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Die Hosentaschenmafia und das Handtaschenkartell oder wie der Feminismus eine Verschwörung gegen Frauen aufdeckt (aber unfähig ist zu reagieren)

Es ist einer dieser aus meiner Sicht unglaublich dummen Artikel, bei denen ich mich immer wieder frage, wie man so etwas vertreten kann:

Man kann es sich einfach machen und dem Internetorakel gutefrage.net vertrauen. Demnach sind Hosentaschen für Frauen nur deswegen kleiner als bei Männern, weil deren Hände nicht so groß sind. Eine Erzählweise, die ablenkt und dem Handtaschenkartell gefallen würde. Tatsächlich ist der Sachverhalt komplexer, krimineller. Hinter jeder Hosen­tasche einer Frau steht ein Handtaschenhersteller, der gerissen die Fäden zieht.

Es geht um Macht, um Geld, um Einfluss. Und einen bis in die letzte Faser kapitalistischen Geheimbund, der es über die Jahre geschafft hat, enormen Einfluss auf etwa die Hälfte der Gesellschaft zu entwickeln. Opfer ist die Frau.

Mafiöse Strukturen üben ständig Druck auf die Hosentaschenlobby aus. Ja, diese Lobby gibt es wirklich, nur ist sie schlecht organisiert. Frauen aller Länder, vereinigt euch! Sprechen Sie mal eine x-beliebige Frau auf ihre Hosentaschen an. Nach einem kurzen, verständlichen Moment der Verwirrung werden Sie schnell feststellen, dass ihr das Problem vertraut ist und sie in Rage bringt.

Ich habe extra zweimal geschaut, ob da irgendetwas von Satire steht oder ob man es sonst irgendwie unter Humor einordnen kann, aber es scheint mit tatsächlich ernst gemeint zu sein. Ich habe über die „Hosentaschenverschwörung“ auch schon an anderer Stelle gelesen und es scheint mir als würden Feministen tatsächlich davon ausgehen, dass da ein Handtaschenkartell sich gegen Frauen verschworen hat.

„Put some real fucking pockets on my pants“, fordert die amerikanische YouTuberin „Hollishillis“. Gebt ihr doch verdammt noch mal endlich echte Hosentaschen! Per Definition sind echte Hosentaschen zum Unterbringen von Dingen bestimmt, die jemand bei sich tragen möchte. Frauenhosentaschen allerdings sind nicht dazu da, diesen Zweck zu erfüllen. Frauenhosentaschen sind dafür viel zu klein. Sie taugen höchstens zum Fingernägelaufwärmen.

Obwohl alle Frauen dieses Platzproblem teilen, gehen nur wenige auf die Barrikaden, um für mehr Platz in ihren Hosentaschen zu kämpfen. Das Handtaschenkartell legt beruhigt den kleinen Finger in den Mundwinkel und lacht sich eins.

Weil sie eben Handtaschen haben. Das sich die Hosen mit großen Taschen nicht verkaufen, weil Frauen sich selbst so entscheiden kommt erstaunlicherweise in dem Text nicht vor. Stattdessen ist eine Youtuberin plötzlich die Stimme aller Frauen.

Dieses hatte schon vor etwa 150 Jahren damit angefangen, stetig seine Macht auszubauen. Sowohl Handtaschenkarteller als auch Hosentaschenlobbyisten unterwarfen sich einem gesellschaftlichen Diktat: „Je zierlicher die Frau, desto attraktiver.“

Oder das ist schlicht so und die Frauen wollten gerne attraktiver wahrgenommen werden (intrasexuelle Konkurrenz lässt grüßen) und sind daher und weil sie eh mehr mit sich herumtragen mussten (von Schminkzeug bis Tampons oder Binden) eher auf Taschen ausgewichen.

Handtaschen entwickelten sich danach indirekt pro­portional zu den Hosentaschen. Je größer die Tasche am Arm, desto kleiner die Tasche am Bein. Je größer die Tasche am Arm, desto zierlicher erscheint die Frau. Es war nur eine Frage der Zeit, bis erste Handtaschenhersteller die Chance witterten und ihre Marktmacht durch Hand- und zusätzlich Zu-kleine-Hosentaschen-Verkauf sicherten. Die Hosentasche machte sich überflüssig. Sie ließ sich vom Handtaschenkartell abschaffen.

Da hat jemand nicht verstanden, wie Kapitalismus funktioniert. Das Handtaschenkartell kann Hosentaschen eben gerade nicht verbieten. Wenn ein enormer Bedarf an großen Hosentaschen bestehen würde, dann würde irgendjemand sie herstellen oder Frauen würden eben zB auf entsprechende Hosen ausweiche, die es natürlich gibt, zB diese oder diese  zurückgreifen.

Heute ist die „Skinny Jeans“ eine der meistgetragenen Frauenhosen, die Hüfthose ist etabliert. Deren Kreateuren geht es vor allem darum, dass der Arsch gut aussieht und die Waden nicht zu krass spannen. Eng ist gut, und für Taschen, in die etwas hineinpasst, das die Hüften ausbeult, ist in der Hose kein Platz. Die Handtasche übernimmt den Rest: Portemonnaie, Schlüsselbund und, wenn nötig, ein umfangreiches Survival-Kit.

Und den Käuferinnen geht es wahrscheinlich ebenso darum, dass es gut aussieht. Was ja auch ein Wert für sich sein kann.

Doch es gibt sie, die Frauen, die immer wieder versuchen, das zu ändern. Mit Hosen. Mit anderen Hosen. Die Sängerinnen Lady Gaga oder die Schauspielerin Selena Gomez tragen sie „highwaisted“, das heißt weit über den Hüften, sodass reichlich Platz für fette Hosentaschen ist. Es sind Hosen, die nach einer Deklination von Beziehungs- und Verwandtschaftsstatus klingen. Sie heißen Mom-, Girl­friend- oder Boyfriend-Jeans. Modemagazine schreiben ihnen in den Beipackzettel: „Derartige Jeans lassen das Hinterteil breiter und flacher wirken. Sie sollen möglichst unmodisch aussehen und verlangen deswegen ordentlich Selbstbewusstsein.“

Die High Waist Hosen sind meines Wissens nach nicht durch Hosentaschen bekannt geworden. Sie werden ebenfalls aus rein modischen Aspekten getragen, wohl auch weiterhin mit Handtasche. Ich persönlich finde sie stehen den allermeisten Frauen nicht, es wäre interessant, ob Frauen vielleicht den Aspekt, dass sie die Beine länger wirken lassen eher attraktiv finden als Männer oder ob es geradezu ein Costly Signal unter Frauen ist, solche Hosen zu tragen. Dagegen spricht, dass viele Frauen sie tatsächlich hübsch finden, was ich nach wie vor nicht verstehe. Es würde mich aber tatsächlich mal interessieren, ob sie überhaupt tiefere Taschen haben.

Selbstbewusstsein, das die Hosentaschenlobby auch gebrauchen kann. Es geht nicht darum, einen Geschäftszweig zu zerstören, sondern darum, einen zu stärken. Eine starke Hosentaschenlobby bedeutet Freiheit. Die Freiheit der Frau, selbst zu wählen, ob sie Wertsachen oder was auch immer in ihre Hosentaschen steckt oder in eine Handtasche packt. Es geht um die Befreiung aus der Unmündigkeit. Wer künftig eine Handtasche tragen will, soll dies tun, aber selbstverschuldet und nicht durch den Einfluss eines unbändigen Handtaschenkartells, das sich die Verkäufe durch zu kleine Hosentaschen sichert.

Ich finde es ja schon deswegen so erstaunlich, dass man so etwas wirklich glauben kann, weil jeder, der wirklich meint, dass Frauen nach tieferen Taschen lechzen, die nur eine Handtaschenmafia verhindert, ein unglaubliche Geschäft wittern müsste. Heutzutage kann jeder in China Kleidung herstellen lassen und Jeans sind nicht gerade kompliziert. Man nehme ein gewisses Kapital, welches bei einer so brillianten Idee ja leicht zu beschaffen sein sollte, stelle nach gängigen Schnittmustern Jeans her, in die man einfach tiefere Taschen macht, mache etwas Werbung und starte mit ein paar Geschäften in großen Städten und schon müssten einem die Frauen die Hosen aus der Hand reißen. Ich hatte bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass diese geschäftliche Zurückhaltung des Feminismus unerklärlich ist, sie lassen, wenn sie tatsächlich daran glauben, Geld auf der Straße liegen.