Biologische Selektion, insbesondere sexuelle Selektion und kulturellen Praktiken

Bereits häufiger wurde in einer Diskussion der Unterschied zwischen sexueller Selektion und kulturellen Praktiken vermischt. Daher hier eine kurze Abgrenzung:

  • kulturelle Praktiken sind solche, die jederzeit änderbar sind und insoweit keine biologische Grundlage haben
  • Biologische Selektion setzt voraus, dass das Verhalten oder die Vorlieben aufgrund biologischer Grundlagen entstehen oder zumindest, dass aufgrund dessen bestimmte Gene selektiert werden, die mit einem bestimmten Verhalten in Verbindung stehen

Beides kann Überschneidungen haben: Kochen beispielsweise ist eine kulturelle Praxis. Wird sie lange genug praktiziert, dann kann dies zu einer Selektion führen, die damit in Verbindung steht, beispielsweise eine Veränderung des Verdauungstrakts weg zu einem solchen, der rohes Fleisch oder rohe Pflanzen verdaut, hin zu einem, der gekochte Nahrung verdaut. Das wiederum kann dazu führen, dass kulturelle Praxis und biologische Selektion sich gegenseitig beeinflussen: Weil die Verdauung immer mehr auf nicht rohe Speisen ausgerichtet ist, kann die kulturelle Praxis, Nahrung zu kochen immer schwerer aufgegeben werden. Kochen selbst ist aber nichts, was „in unseren Genen liegt“. Es passt nur sehr gut zur Ausrichtung unseres Körpers, da wir Probleme mit der Verdauung haben.

Bei sexueller Selektion gibt es

  • intersexuelle Selektion: Also Selektion durch das andere Geschlecht: in unseren Genen ist abgespeichert, was wir attraktiv finden, dass kann sich auf den Körper oder Verhalten oder aber auch zB Punkte wie Status, Ressourcen, soziale Verbindungen beziehen.
  • intrasexuelle Selektion: Also Selektion durch das eigene Geschlecht: Gene, die einem dabei helfen, sich im Wettkampf um Fortpflanzungsmöglichkeiten durchzusetzen, reichern sich an, was sich auf „Körper“ und „Geist“ (im Sinne des Gehirns) auswirken kann. Beispielsweise kann eine Selektion auf direkte Konkurrenz stattfinden (zB bei Gorillas, die andere Männchen von ihrer Frauengruppe mit Gewalt fernhalten) oder auf das Streben, möglichst hoch in einer Hierarchie zu stehen (etwa bei Schimpansen), um so die eigene genetische Qualität und Überlegenheit zu signalisieren, damit die Weibchen sich eher mit einem Paaren wollen. In dem einen Fall ändern sich beispielsweise Muskeln und Körpergröße, in dem anderen Fall das Gehirn.

Auch dabei können kulturelle Praktiken bestimmte Selektionen begünstigen oder am Anfang dieser stehen. Solange aber das Verhalten nicht durch eine biologisch bedingte Motivation oder Vorliebe oder darauf ausgerichtete Denkweise begünstigt ist, die genetisch in die nächste Generation übertragen wird, also vererbbar ist, handelt es sich nur um eine kulturelle Praxis.

Natürlich kann die Abgrenzung, wann was vorliegt schwierig sein und es kann sich um bloße Vermutungen handeln. Theorien können hier aber dennoch auf bestimmte Fakten gestützt werden, die dafür sprechen.

Das können beispielsweise unterschiedliche Hormonstände sein, die sich nachweisen lassen, oder bestimmte Gruppen mit biologischen Besonderheiten, die zu einem bestimmten Verhalten führen, aber auch das Vorfinden einer Regel über das gesamte Tierreich kann dies nahelegen („Status ist über alle Wesen mit Hierarchien ein Partnerwahlkriterium“ „bei Tieren mit starker intrasexueller Konkurrenz, die auch körperlich ausgetragen wird, ist das Geschlecht, welches von dieser betroffen ist, größer und kräftiger“ etc

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11 Gedanken zu “Biologische Selektion, insbesondere sexuelle Selektion und kulturellen Praktiken

  1. Der Gebrauch des Feuers ist sehr alt und gehört damit in die Zeitzone der »protokulturellen Evolution«, während der Kulturtechniken auf die biologische Evolution des Menschen rückwirkten. Der Gebrauch des Feuers und die dadurch bereitgestellten leichter verdaulichen Proteine waren eine Voraussetzung für das ungewöhnlich starke Größenwachstum des menschlichen Gehirns.

    Der Übergang zum Ackerbau hatte über die Veränderung der Nahrungszusammensetzung Einfluss auf die Entwicklung heller Hautfarbe in den kühleren Klimazonen. Bei der Entstehung der hellen Haut dürfte als weiterer Faktor aber auch sexuelle Selektion eine Rolle gespielt haben:

    When Europeans turned white

    New Diet, Sexual Attraction May Have Spurred Europeans‘ Lighter Skin

    How Europeans evolved white skin

    Leicht OT: Nachdem zuletzt David W. Anthony 2007 starke linguistische und kulturelle Belege für die »Steppentheorie« der indoeuropäischen »Urheimat« beigebracht hatte, finden sich mittlerweile auch immer stärkere genetische Indizien für diese These:

    Mysterious Indo-European homeland may have been in the steppes of Ukraine and Russia

    • „Der Gebrauch des Feuers ist sehr alt und gehört damit in die Zeitzone der »protokulturellen Evolution«, während der Kulturtechniken auf die biologische Evolution des Menschen rückwirkten.“

      Das haben sie eigentlich fast immer gemacht. Beispielsweise hat die Viehzucht und das Leben in engen Städten dazu geführt, dass wir ein wesentlich besseres Immunsystem aufbauen mussten. Weswegen die Eroberung von Amerika auch stark dadurch unterstützt wurde, dass die Europäer Krankheiten mitbrachten, die die Eingeborenen dezimierten, die Europäer waren aber im Gegenzug nicht von Krankheiten der Amerikaner/indianer betroffen.

    • @djad

      Schon die Auslegung von „kulturelle Praktiken“ ist bei EvoChris völlig falsch – so braucht man gar nicht anfangen.

      Aber egal wieviel Mühe du dir auch geben wirst, er wird nicht aufhören, immer dasselbe Zeug zu wiederholen. Leszek hat das auch schon eingesehen.

      Damit will ich natürlich nicht sagen, daß diese Fragen nicht wichtig wären, sondern daß man sie hier nicht diskutieren kann.

      • @Elmar:

        »Damit will ich natürlich nicht sagen, daß diese Fragen nicht wichtig wären, sondern daß man sie hier nicht diskutieren kann.«

        Och, eine gewisse Schnittmenge habe ich mit Christian schon, und außerdem lesen hier auch noch andere mit. Die Grenzen meiner Verständigung mit Christian sind mir zudem inzwischen bewusst, insofern bin ich darauf eingestellt und nehme sie mit Gelassenheit.

        • @Elmar:

          Das »Schreiben für mitlesende Dritte« ist übrigens ein zentraler Punkt, den ich in Forendiskussionen grundsätzlich zu berücksichtigen versuche – darum bewahre ich in der Regel auch dann die Contenance, wenn ich mich innerlich eigentlich schon ziemlich über etwas ärgere. Es gibt nur ganz wenige Kandidaten, bei denen auch bei mir gelegentlich die Privatfehde durchbricht, und die treffe ich eher bei Telepolis.

          • @djadmoros

            „Das »Schreiben für mitlesende Dritte« ist übrigens ein zentraler Punkt, den ich in Forendiskussionen grundsätzlich zu berücksichtigen versuche“

            Ja, die Idee, dass eine Diskussion nur Sinn macht, wenn man seinen direkten Diskussionspartner überzeugen kann, greift zu kurz. Aus meiner Sicht ist es weitaus interessanter es zum einen unter dem Gesichtspunkt der dritten, aber auch unter dem Gesichtspunkt des Testens der eigenen Argumente und des vertiefenden Verständnis der eigenen Theorien zu sehen. Nur wer auf Gegenargumente antwortet und sich mit diesen auseinandersetzt wird letztendlich seine Theorien wirklich verstehen. Mir hat das Nachsinnen über Gegenargumente jedenfalls schon einiges an neuen Einsichten verschafft, die ich sonst nicht gehabt hätte.
            Einfach weil man dadurch häufiger tiefer in Details hineingehen muss, die man als selbstverständlich ansieht und als problemlos wahrgenommen hat.

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