Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 11. Oktober 2016

Winfried Kretschmann: Wir sollten das moralisieren lassen

Der Politiker der Grünen, Winfried Kretschmann,

Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann

hat in der Zeit einen Text veröffentlicht, der einige interessante Passagen hat. Ich greife mal eine raus:

Und dennoch sollten wir uns selbstkritisch fragen: Haben wir vielleicht auch etwas falsch gemacht? Wie verhält es sich mit dem Vorwurf, wir hätten es mit dem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen übertrieben?

Das ist eine gute Frage gerade innerhalb der linkeren Politik. Diese neigt zum Sozialkonstruktivismus und dieser wiederum sieht alles im Verhalten als veränderbar und damit auch erziehbar an.

Dabei geht es um den Kern von Moral. In der Tradition Kants sollten wir daran festhalten, dass unser kollektives Handeln verallgemeinerbar sein muss, im Hinblick auf unsere Gesellschaft und, so würden wir Grüne hinzufügen, im Hinblick auf zukünftige Generationen. Zugleich aber ist der Mensch, wie Kant sagt, „aus krummem Holz geschnitzt“. Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will. Wir sollten daher das Moralisieren lassen. Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren. Eine Ordnung, die in den zentralen Fragen die richtigen Anreize setzt, um das Beste in uns zum Vorschein zu bringen.

Das ist für eine radikal linke Vorstellung von Politik schon fast eine Ohrfeige. Kretschmar ist eben ein „Realo“und er schneidet bei Wahlen so gut ab nicht weil die Grünen so beliebt sind, sondern weil er Charisma hat und man ihn wählen will. Radikallinke, die das moralisieren sein lassen sollen, das wird als nachhaltige Kritik und Einschränkung verstanden werden.

Außerdem müssen wir deutlich machen, dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind. Hier liegt ein häufiges Missverständnis. Es geht darum, dass jeder nach seiner Fasson leben kann, und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben. Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.

Kretschmar hat noch einmal ausdrücklich in einer späteren Erklärung klar gestellt, dass die klassische Ehe zwar die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen ist, dass er aber diese damit nicht absolut setzt, sondern weithin für die „Ehe für alle“ ist. Das ergibt sich eigentlich auch recht klar aus dem Text, denn jeder soll ja nach seiner Fasson glücklich werden, aber die „klassische Ehe“ zur „bevorzugten Lebensform zu erklären wird ebenfalls in radikalen Kreisen als Angriff verstanden worden sein. Die heterosexuellen als Normalität ist ja dort gerade der Feind. Und das beißt sich eben auch damit, dass man traditionelle Lebensformen nicht abwerten soll.

Ich hingegen finde seine Aussage sehr gut – Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden und man sollte sich nicht wundern, wenn es Häufungen gibt ohne damit die Ausnahmen einzuengen und einen Konformitätszwang einzufordern war auch schon vorher meine Position.

Was die Political Correctness betrifft, die di Lorenzo anspricht, geht es meiner Auffassung nach darum, eine neue Mitte zu finden. Schließlich brauchen wir eine Sprache, in der wir uns politisch verständigen können. Auf der einen Seite erleben wir eine tendenziell übersteigerte politische Korrektheit, auf der anderen Seite das krasse Gegenteil: einen Verbalradikalismus und eine Verrohung der Sprache. Wir müssen eine neue Tonlage finden, getragen von Klarheit und Respekt.  

Auch das scheint mir als jemand, der sowohl die übersteigerte Korrektheit auf der einen Seite als auch die pauschalen Verurteilungen von zB Flüchtlingen auf der anderen Seite ablehnt, richtig.

Wenn wir mit einer solchen Haltung an die Dinge herangehen, wenn wir unsere Politik ohne Besserwisser-Gestus erklären, verständlich in der Sprache, klar in der Sache und mit einem festen Wertekompass, dann bin ich zuversichtlich. Dann können die nächsten Jahre und Jahrzehnte sogar zu einem wirklichen „grünen Zeitalter“ werden. Denn wir haben schließlich, wie di Lorenzo richtig feststellt, mit dem Überleben des Planeten ein veritables Menschheitsthema auf unserer Seite.

Da zu bräuchte es wohl eine gewaltige Veränderung der grünen Partei, es müssten eine Menge sehr radikaler Leute austreten. Ich bezweifele, dass das passieren wird. Aber es wäre immerhin schön, wenn Kretschmann mehr politisches Gewicht bekommt als er jetzt schon hat. Die Grüne Partei wird wissen, was sie an ihm hat, aber genug werden auch deswegen ihre politischen Prinzipien, gegen die er sich hier gerade ausgesprochen hat, aufgeben

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Responses

  1. „Denn wir haben schließlich, wie di Lorenzo richtig feststellt, mit dem Überleben des Planeten ein veritables Menschheitsthema auf unserer Seite.“

    Ach, darunter geht es freilich nicht.

    Wer so hohe Ansprüche stellt, wird das Moralisieren diesbezüglich kaum in Frage stellen können. Alles nur hohle Rhetorik. Vor allem wenn man noch so einen Moral/Ethik-Fanatiker wie Kant zitiert: „….ist der Mensch, wie Kant sagt, „aus krummem Holz geschnitzt““. Aber der hat ja in seinem moralischen Rigorismus unverdienterweise einen vergleichbar guten Ruf wie die Grünen.

    Der „Kampf für eine gute Ordnung der Dinge“? Nein danke, damit kann Kretschmann nur den der SJW-Typen meinen, die in seiner Partei überreichlich vorhanden sind. Mögen sie nach ihm auch weniger moralisieren, sondern danach *handeln*. Wozu Kretschmann auffordert, freilich schön versteckt.

    • Finde ich auch. Insbesondere die passagen die, du hervorgehoben hast @christian:

      „Wir sollten daher das Moralisieren lassen.“

      Was denn sonst?

      „Anstatt Vorgaben für das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, “

      Was denn sonst?

      „sollten wir uns auf den Kampf für eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren.“

      Wir sollten NICHT für eine gute ordnung der dinge kämpfen, sondern die dinge gut ordnen. Damit sind wir ausreichend beschäftigt.

      Den nächsten part spar ich mir und fahre fort mit

      „Auf der einen Seite erleben wir eine tendenziell übersteigerte politische Korrektheit,“

      Jetzt übertreib mal nicht, …

      „auf der anderen Seite das krasse Gegenteil: einen Verbalradikalismus und eine Verrohung der Sprache.“

      Damit meint er wohl „merkel muss weg“, „volksverräter“ und „gutmensch“, mimimi, …

      „Wir müssen eine neue Tonlage finden, getragen von Klarheit und Respekt.“

      Das interpretiere ich mal als selbstkritik eines scheinheiligen gutmenschen, ebenso wie

      „wenn wir unsere Politik ohne Besserwisser-Gestus erklären,“

  2. Ich glaube nicht, dass er sich mit seinen Positionen in der Partei durchsetzen kann. Er steht gegen alles, was der radikalfeministische Flügel will, und der ist im Zweifel mächtiger als die Realos.

    Er steht halt als einziger grüner Ministerpräsident z.Z gut da. Sollte sich das mal ändern, wäre er wohl schnell weg vom Fenster.

    • Die interessante Frage wäre eher, wie die Grünen ohne Kretschmann in BW dastünden – kämen dann auch 30% zusammen, oder wie vor Kretschmann nur so um die 10% wie in den anderen Bundesländern auch?

      • @whocares

        ich vermute, dass da schon viel an ihm hängt. Er wirkt halt relativ „ungrün“ und hat Charisma, das macht ihn für Wähler interessant

        • Das ist mein Punkt – wenn der RadFem-Flügel den wegbeißen würde, dann schießen die sich selber übel in den Fuß.

        • Was die wohl weniger stören würde, schließlich geht es um den Sieg des Guten in der Welt. Da sind Kompromisse nicht angebracht.

        • Stimmt auch wieder. Wer braucht schon Strategie, wenn er Ideologie hat?

        • „Er wirkt halt relativ „ungrün“ und hat Charisma, das macht ihn für Wähler interessant“

          Das Ländle ist traditionell konservativ, aber nicht im CDU Sinne. Kretschmann hat das Charisma des anständigen preußischen Beamten und zeigt nicht nur in der Art, wie er redet, behäbige Beständigkeit. Das macht ihn attraktiv.
          Wenn also die Grünen in BW den Ministerpräsidenten stellen, dann weil genau dieser gewählt wurde, nicht so sehr die Grünen.
          Gewählt übrigens von der typischen Klientel, aus der die Grünen ihr Potential ziehen, dem liberalen Wohlstandsbürgertum, das in BW besonders häufig vorkommt.
          Die soziale Karte war bestenfalls in den frühen 80ern bei den Grünen stark vertreten.
          Aber schon damals war der typische Grün-Wähler auch die Wohlstandstusse, die mit dem Vorstadtpanzer beim Bioladen nebenan vorfuhr, um sich ein Tütchen Dinkelschrot für den Backautomaten zu holen.

        • Ich denke, da spielt der durchaus spezielle baden-Württembergische Sonderweg der Grünen eine Rolle:
          Denn die Baden-Württembergischen waren schon immer ein bissele anders. Der realo-Flügel der Grünen entspringt eben dem ur-bdenwürttembergischen Klientel.

          Und nichts würden die Badener ebenso wie die Württemberger vehementer abstreiten, als dass sie sympathie für den „anständigen preußischen Beamten“ hätten… und das hängt nicht allein am begriff „preußisch“, gegen den man hier ähnliche Ablehnung hegt wie im Bayrischen.
          Nein, Kretschmann hat keine „preußische beamtenausstrahlung“, sondern badisch- bzw.schwäbische Bodenständigkeit. Und das ist etwas vollkommen anderes. Denn das ermöglicht ihm auch einen entsprechenden eigenständigen Dickkopf, der dem „preußischen Beamten“ vollkommen abgeht.

          Deshalb wirkt er für die BW-Leute weder „ungrün“, noch ist es ein Widerspruch zum „konservativ, aber nicht im CDU-Sinn“.
          Es ist tatsächlich so, dass man hier unten schon seit Jahrzehnten eine Koalition der Grünen mit der CDU für denkbar, möglich und sogar wünschenswert gehalten hat – ich übrigens auch, als ich noch sympathien f die Grünen hatte. Gescheitert ist das hierzulande aber nicht am widerstand der Grünen, sondern der CDU.

    • Ich hoffe, dass er sich nicht durchsetzt. Wenn der Feministische Flügel gewinnt werden die Grünen auf lange Sicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

    • Guckt Euch einfach die Adenauer-CDU an, die schon Helmut Kohl reformierte. Seine Nachfolgerin hat die CDU noch einmal reformiert.

      Joschka Fischer hat die Grünen ebenfalls realistischer gemacht. Die Grünen der Ära Schröder sind doch schon ganz andere als die der 80er Jahre. So läuft das nun einmal. Alle Parteien nähern sich sukzessive der Realität an. Das ist ein Gesundungsprozeß der Demokratie.

      Und so wird es auch den Grünen ergehen. Neben Kretschmann haben wir noch Boris Palmer und Robert Habeck.

      Man muß dies alles ganzheitlich und evolutionär sehen. Erfolg und Wahrheit setzen sich immer durch – langfristig. Die Grünen werden merken, daß sie Leute wie die drei erwähnten Realos brauchen, die ja zudem weitaus weniger dominant auftreten als Joschka Fischer.

      Natürlich gibt es auch den Typus Roth und andere unbelehrbare Emanzen und Gutmenschen, die sich auf ewig an ihre Kulissen der Moral klammern und glauben, sie seien im Recht.

      Lustig ist ja, daß wir diesen Typus auch bei der CDU/CSU haben. Ich sage nur: Norbert Geis, Erika Steinbach, Alfred Dregger und diverse andere Hardliner. Was ist von denen übrig geblieben?

      So wird das auch bei den Grünen laufen. So läuft es ja schon. 🙂

  3. „Denn wir haben schließlich, wie di Lorenzo richtig feststellt, mit dem Überleben des Planeten ein veritables Menschheitsthema auf unserer Seite.“

    Wenn er damit Klimawandel meint, das interessiert doch keinen mehr.

  4. Wie absurd unsere Debattenkultur ist wird an Artikel und Kommentaren der queeren Bildzeitung Queer.de deutlich:

    Artikel
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=27212

    Kommentare
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=27212#kommentare

    • @adrian

      Oh, da ist aber schlechte Stimmung. Dabei ist es aus meiner Sicht recht klar, dass er sich damit nicht gegen Homosexuelle ausspricht. Klar, ich kann verstehen, wie man den Satz falsch verstehen kann. Aber er macht in dem Text ja deutlich, dass er diese nicht einschränken will, sondern nur akzeptiert, dass die meisten Menschen heterosexuell sind und das eben auch nicht zu beanstanden ist

    • Das zeigt m.E. ganz gut das mittlerweile entstandene Anspruchsdenken der „unterdrückten Minderheiten“. Wenn ein (grüner) Ministerpräsident Homosexualität nicht ausdrücklich in den Mittelpunkt rückt, wird das heute schon als homophob empfunden.

      • Absolut. Ätzend.

  5. Mein „Gegner“ oder „Mitbewerber“ hat etwas gesagt, worauf mit „Entrüstung“ (bzw. verbale Aufrüstung/Anwendung der Aufrüstung) reagiert/relationalisiert wurde: Gut so.
    Ich habe etwas gesagt, was Entrüstung relationalisiert hat: „Wir sollten das Moralisieren lassen.“ 😉

    Machiavelli ist nicht zufrieden, sozialrelational oft bestätigt zu werden.

    • Du meinst, es ist immer noch strategisch, auf die Metaebene zu gehen.

      Yep.

      • Man kann es z.B. als strategisches Handeln re-konstruieren/nacherzählen/strukturieren. Dabei kann es mehr oder weniger bewusstes oder unbewusstes strategisches Handeln/Verhalten sein, ‚aufgrund‘ (wieder eine Re-Konstruktion) unbewusster oder bewusster Ziele, Bedürfnisse, Charaktereigenschaften etc.

        Wenn man keine (direkte) Kausalitäts-Annahme bzw. Kausal-Rekonstruktion machen will, kann man es z.B. auch als Muster menschlichen Verhaltens nacherzählen.

    • Man hat entrüstet reagiert. Du begrüßt es oder auch nicht. Was hat das mit einer relation zu tun? Warum sollten wir deshalb das moralisieren lassen, oder auch nicht? Welche freie assoziation verbindet das wie mit machiavelli und was willst du eigentlich zum ausdruck bringen?

      • Auch der Satz „Wir sollten das Moralisieren lassen“ ist u.a. auf der sozialen Ebene/Bühne interpretierbar als:
        – Eine moralische Aufforderung.
        – Eine selektive Forderung, wenn man gegen den „Gegner“ moralische Argumente bringt, gegenüber Reaktionen auf seine eigenen Postulate (oder die aus dem eigenen ideologischen Lager) aber fordert, „man“ solle doch das Moralisieren lassen.

        Das ist das Verwenden der Moral (bzw. der mit dem Moralbegriff verbundenen Atmosphäre) als selektives und partikularistisches Instrument. U.v.a. Machiavelli als ein Beschreiber des Politischen hätte das meiner Vermutung nach als eine der Machttechniken erklärt/beschrieben. Und als (indirekter) Moraltheoretiker hätte er gleichzeitig auch die soziale Instrumentalisierung des Begriffs der Moral beschrieben.

  6. Die meisten Grünen kommen ohne „Besserwisser-Gestus“ gar nicht mehr aus. Sie haben schlicht das debattieren und rational argumentieren verlernt (oder konnte es nie). Für diese Leute gibt es keinen Weg zurück, ihr Untergang wird man nicht aufhalten können.

    • Nun ja, sie haben ja eigentlich bei allen Wahlen stabil um die 10%. So viele Wähler sind offenbar ideologisch gefestigte Grüne, die es auch auf Dauer bleiben werden. Und in unserem Wahlsystem haben die kleinen Parteien großen Einfluss.

      • Bisher ist aber nur die Grüne Jugend massiv mit radikafeministischen und antideutschen Posen aufgefallen. Wenn das auch komplett in der Partei Fuß fasst war es das mit 10%.

        • Sicher, wesentlich mehr werden sie auf Dauer nie bekommen. Aber es kann schon reichen, um über eine Regierungsbildung zu entscheiden.

  7. Ich wundere mich immer wieder, warum der in der Grünen Partei ist. Die haben doch das Moralisieren und den erhobenen Zeigefinger erfunden…

    • Solange man nicht selbst oben ist und alle Finger auf einen zeigen, macht das Moralisieren auch mehr Spaß.

  8. Nur nicht denen in der islamischen Welt helfen, das wäre ja „rassistisch“!

    Für die Frauen ist ja der „Befreiungskampf“ gegen Israels Präsenz und gegen den bösen westlichen Kolonialismus im weiteren Sinne unbedingt und als Einziges „emanzipatorisch“…

  9. „Nur nicht denen in der islamischen Welt helfen, das wäre ja „rassistisch“!“

    Dazu ein m.E. lesenswertes Interview mit der Marxistin und linken Islam-Kritikern Mina Ahadi:

    http://www.antifa-info.at/downloads/Mina_Ahadi_klagt_an.pdf

    Insgesamt sehr lesenswert, aber zwei Kritikpunkte habe ich doch:

    1. ist die Perspektive von Mina Ahadi in diesem Interview m.E. in geschlechtsbezogener Hinsicht zu einseitig feministisch.

    Sie unterschätzt m.E. den Einfluss von Frauenrechtsorganisationen in Europa und versteht nicht, dass der heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus auch deshalb kritikwürdig ist, weil er männliche Diskriminierungen nicht berücksichtigt und zu diesen beiträgt. Diese Fehleinschätzung des vorherrschenden westlichen Feminismus ist innerhalb der zeitgenössischen Linken freilich allgemein verbreitet.

    Des Weiteren ist auch der Analyserahmen bezüglich geschlechtsbezogener Diskriminierungen in der islamischen Welt in dem Interview m.E. zu einseitig.
    Wie die meisten Islam-Kritiker berücksichtigt Mina Ahadi in dem Interview leider den Beitrag, den konservativ-islamische Frauen durch ihre Rolle in der Erziehung zur traditionell-islamischen Geschlechterrollensozialisation und der Vermittlung der autoritären konservativ-islamischen Werte und Normen leisten, zu wenig und neigt dazu die Nachteile der konservativ-islamischen Geschlechterrolle für Jungen und Männer auszublenden.

    Ich halte diesen einseitigen Analyserahmen, der allerdings bei Islam-Kritikern quer durch das politische Spektrum verbreitet ist, für unzulänglich. Konservativ-islamische Frauen sind m.E. nicht nur Opfer, sondern im Hinblick auf ihre Kinder oft auch wesentlich mitverantwortlich für die autoritäre konservativ-islamische Sozialisation. Des Weiteren wäre es m.E. wünschenswert einen neuen Analyserahmen zu etablieren, der die Nachteile der archaischen konservativ-islamischen Geschlechterrollen bezüglich beider Geschlechter kritisch analysiert.

    Trotzdem ist das, was Mina Ahadi hier über die Menschenrechtssituation von Frauen in islamischen Ländern sagt, sicherlich richtig, es müsste m.E. nur durch eine geschlechtsübergreifende Perspektive ergänzt werden.

    2. Mina Ahadi hält den Islam nicht für reformierbar, hier bin ich ebenfalls anderer Meinung. Ich denke, dass sich liberale, aufgeklärte Islam-Interpretationen vor allem deshalb bislang nicht durchgesetzt haben, weil fundamentalistischen Islam-Interpretationen von bestimmten islamischen Regimes finanziell gefördert werden.

    Ein paar Passagen aus dem Interview, das trotz der genannten Kritikpunkte m.E. in Gänze lesenswert ist:

    „Die Frauen in islamischen Ländern werden barbarisch unterdrückt und ich beobachte diese Entwicklung seit den letzten dreißig Jahren. Frauen werden
    gesteinigt, hingerichtet, werden gezwungen ein Kopftuch zu tragen, werden
    gegen ihren Willen verheiratet, ihr ganzes Leben ist Zwang. Aber sie erhalten
    von keiner feministischen Organisation aus Europa oder dem Rest der Welt
    Unterstützung. Diese bleiben passiv und sehen tatenlos zu und ich frage
    mich warum. Ich denke die Feministinnen haben nicht verstanden worum es geht. Sie haben keine Ahnung von diesen neuen reaktionären Kräften, die
    diese islamische Entwicklung mit sich bringt. Dafür braucht man nicht unbedingt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, wenn man Gefühl, Herz und Verstand besitzt. Wenn eine Frau gesteinigt wird, dann ist das eine
    Bedrohung gegen alle Frauen. Die feministischen Bewegungen haben sich
    an diese Tatsache gewöhnt, weil Steinigungen weit weg von ihnen stattfinden. (…) Ein großes Problem ist meiner Meinung nach dieser „Multi-Kulti-Gedanke“. Ich habe viele Kontakte zu feministischen Organisationen. Sie denken Menschenrechte wären nicht universell und es wäre abhängig davon, welche Kultur muslimische Menschen hätten. Die Probleme mit kulturrelativistischen Thesen abzuhandeln, hat meine Arbeit schwer behindert.

    (…)

    Der „Politische Islam“ – wie ich ihn nenne – ist eine reaktionäre, faschistische und politische Bewegung und das Kopftuch ist das Symbol hierfür. So wie das Symbol des Nationalsozialismus das Hakenkreuz war, so
    ist es im Islam das Kopftuch. Das wird von den ApologetInnen und Feministinnen ignoriert. Die Strategie besteht darin, zuerst Frauen zu erniedrigen und zu schlagen, um dann ihre Regierungsstrategie mit ihren
    reaktionären Gesetzen durchzusetzen. Das beste Beispiel hierfür ist der Iran
    und nun auch Ägypten. Überall dort, wo die Islamisten ihre Macht ergreifen wollen, wie die Hisbollah in Libanon, oder die Muslimbruderschaft in Ägypten,
    werden zuerst die Frauen angegriffen. Das hat immer funktioniert, weil der Rest der Gesellschaft die Frauen nicht verteidigt. Meine Generation hat damals im Iran gegen das Schah-Regime protestiert, viele von uns wollten eine demokratische Regierung. Als der Schah floh, haben nach der Revolution leider die Islamisten die Macht ergriffen. Ich war damals 19 oder 20 Jahre alt und war – wie viele andere auch – mit diesem Regime nicht
    einverstanden und vom Anfang an dagegen. Der erste politische Aufruf der
    Islamisten war: Entweder ihr tragt das Kopftuch, oder wir schlagen euch! Viele von uns Frauen sind aus Protest auf die Straße gegangen. Keine Partei, keine linke Organisation und nur ganz wenige Männer haben uns unterstützt. Anfangs waren wir so um die 2000 Frauen in der Stadt Täbris,
    später nur noch 50. Die ersten, die uns angriffen, waren Männer mit Bärten,
    die Kalaschnikows und Messer mit sich trugen. Als sie den Protest der Frauen niederschlugen, hatte das islamische Regime sich letztlich durchgesetzt. Und mit welcher Parole haben sie gewonnen? Kopftuch! Das Kopftuch ist ein ideologisches und politisches Instrument und gilt als Botschaft an die Frau: Halte still! Verstecke dich! Mach dich unsichtbar! Misch dich nicht ein! Ich bin in einem kleinen Dorf in einer muslimischen Familie aufgewachsen und musste mit neun Jahren die Burka tragen. Ich weiß, was
    es heißt, sich selbst und seinen Körper ignorieren zu müssen. Als Kind wurde
    mir indoktriniert, dass ich mich verstecken muss, weil mein Körper schmutzig ist, dass ich gar nichts bin. Ich hatte keinen Kontakt zu meinem Körper und man hatte mir beigebracht, dass Sexualität eine Sünde wäre. Ich bin für
    ein Kopftuchverbot in der Öffentlichkeit, weil das Kopftuch ein politisches und gesellschaftliches Unterdrückungssymbol darstellt. Wer will, kann es privat tragen. Wenn Kinder auf die Welt kommen, haben sie keine Religion und sie ist auch nicht vererblich. Ein Kind sollte in einem neutralem Klima ohne Religion aufwachsen, um später für sich selbst entscheiden zu können,
    welcher – wenn überhaupt irgendeiner – Konfession es angehören möchte.
    Kopftuchzwang für Kinder ist eine Kinderrechtsverletzung.

    (…)

    Die Islamkritik der Rechten entsteht aus einem Rassismus-Gedanken. Wenn
    ich ein Statement als Betroffene, als Mina Ahadi oder als Zentralrat der Ex-Muslime gebe, dann ist das eine öffentliche Arbeit. Oft werde ich dann in
    einem rechten Blog zitiert. Die Rechten machen Fotos von mir und versuchen mich und meine Arbeit für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Dies reicht den Linken schon, mich als „rechts“ zu bezeichnen. Es ist sehr mühsam zu
    kontrollieren, wer aller meine Texte veröffentlicht. Die Linkspartei in Deutschland hat jedenfalls nie mit mir gesprochen, oder mich zu irgendeiner
    Veranstaltung eingeladen. In den Zeitungen haben die Linken mich immer
    kritisiert, obwohl ich selbst eine Linke bin. Doch ich verteidige mich nicht – ich klage an! Die linke Bewegung durchschaut nicht, wie rechts der Islam ist. Die
    Linken sind zwar Anti-Imperialisten aber die islamische Bewegung haben sie weder verstanden noch kritisiert und deren Menschenrechtsverletzungen stets ignoriert.“

  10. […] Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden und man sollte sich nicht wundern, wenn es Häufungen gibt ohne damit die Ausnahmen einzuengen und einen Konformitätszwang einzufordern. Alles Evolution […]


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