Sexismus gegen Männer in der Pflege und im Kindergarten (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von LAD_in_GAZ:

Auf  Twitter bin ich über die Frage gestolpert „ob man gegen Männer sexistisch sein kann oder das nicht geht, weil sie ja die Macht haben“.

Ich muss zugeben, dass ich allein die Frage schon recht dämlich finde. Genauso könnte man fragen „Gibt es Gewalt gegen Männer oder geht das nicht, weil die ja alle stark sind?“.

Macht aber keiner, weil jeder weiß, dass es Gewalt gegen Männer gibt. Genauso sollte eigentlich jedem klar sein, dass Männer auch kein Copyright auf Sexismus haben. Natürlich geht das in beide Richtungen. Zum Thema Sexismus gegen Frauen, muss ich sicher nichts mehr schreiben. Das machen schon viele, viele andere Frauen. Ich hab es auch selbst erlebt, war nicht begeistert aber nun ja. Hierzu gibt es sicherlich bereits zahlreiche, ausführliche Texte.

In meinem Beruf, also in der Pflege, erlebe ich aber nahezu täglich auch eben jenen Sexismus, von dem offensichtlich doch noch nicht jeder weiß, dass es ihn gibt. (Anders kann ich mir die komische Frage nun mal nicht erklären.) Nämlich Sexismus gegen Männer.

Zur Verteidigung meiner weiblichen Kollegen sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Sexismus Tanten eindeutig die Minderheit stellen. Die meisten Pflegerinnen, sei es nun aus Überzeugung oder blanker Verzweiflung ob des Mangels an Fachkräften sei mal dahin gestellt, sind dankbar für jede helfende Hand völlig egal ob männlich oder weiblich. Einige, darunter zähle ich auch mich, sind sogar explizit dankbar für männliche Kollegen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Um das abzukürzen: Solange wir Männer und Frauen pflegen, macht es auch Sinn, dass die Pflege aus beiden Geschlechtern besteht. Allein schon aus Rücksicht den Patienten gegenüber.

So sehe ich das zumindest.

Nun aber zum Sexismus. Es kann sehr schnell, sehr unschön für die Pfleger werden, wenn Frauen im Team sind, die ihnen nahezu jegliche Kompetenz absprechen. Und richtig schlimm, wenn diese Frauen womöglich noch Leitungsfunktionen inne haben, was in unserem Beruf nun mal nicht selten vorkommt.

Hier ein paar Beispiele, die ich persönlich mit erleben durfte:

Chaos auf Station (Männer waren im Dienst) „Das war ja klar, dass das hier so aussieht. Die Kerle sind einfach nicht in der Lage Ordnung zu halten. Die können jetzt mal schön länger bleiben und aufräumen.“

Chaos auf Station (Frauen waren im Dienst) „Oh je, war so viel los heute? Das tut mir leid für euch. Geht ihr mal nach Hause, ich mach das hier schon.“

„Männer kannst du eigentlich nur zum Medikamente verabreichen schicken. Richtig pflegen können die eh nicht.“

„Ich werde nie verstehen warum wir neuerdings auch Schüler haben. Wollen die Mädchen angraben oder warum machen die ne Ausbildung zur KrankenSCHWESTER? Ist doch lächerlich.“

(Ich hielt das eine Weile für ein Problem der älteren Generation aber leider musste ich auch sehr junge Pflegerinnen kennenlernen, die derartigen Stuss von sich geben.)

„Die sind doch alle schwul.“

„Die können alle nur klugscheißen aber nicht richtig pflegen.“

Ganz schlimm wird es dann, wenn Pflegern mal eben „durch die Blume“ sexuell übergriffiges Verhalten unterstellt wird.

„War klar, dass der scharf darauf ist, die in der 3 zu waschen. Die Zimmernachbarin ist noch keine 30. Da könnte man ja nen Blick erhaschen.“

„Wenn irgendwo ein Katheter zu legen ist, ist Pfleger XY sofort am Start. Wenn das mal nicht merkwürdig ist.“

Kann sich irgendjemand vorstellen, wie das ist, als Mann in einem Beruf zu arbeiten, der es notwendig macht auch teilweise in den Intimbereich einer Patientin einzudringen (natürlich nur, wenn diese einverstanden ist), wenn auf der Station so ein Klima herrscht?

Erst letzte Woche bat mich ein Kollege doch bitte mal nach einer Patientin zu sehen. Diese sei sehr jung und psychisch auffällig. Es wäre ihm lieber, wenn da mal eine Frau nachgucken geht. Er habe wenig Lust sich gegen irgendwelche erfundenen Vorwürfe zur Wehr setzen zu müssen, so als Mann halt. Allein im Nachtdienst.

Dieser Kollege arbeitet jedoch auf einer völlig normalen Station und hat ein gutes Verhältnis zu seinen Kolleginnen. Nun stellen wir uns mal vor, dem wäre nicht so. Wie sollte man unter solchen Bedingungen überhaupt noch arbeiten? Immer nur eine Behauptung entfernt vom Vorwurf des sexuellen Übergriffs?

Ein ähnliches Beispiel habe ich in unserem Kindergarten erlebt, in dem eine Zeit lang 2 junge Männer ein Praktikum absolvierten. Während sich die Kinder gefreut haben, gab es mindestens eine Mutter (ich glaube, es waren sogar mehrere) die gesagt hatte: „Der wickelt unsere Tochter aber nicht!“

Was bitte ist das denn für eine Aussage? Und was impliziert diese? Es ist also überhaupt kein Problem, dass sämtliche Jungen im Kindergarten von Frauen gewickelt werden. Aber ein Mädchen von einem Mann? Das geht nicht? Zumal sich in unserem Kindergarten die Kinder aussuchen, von wem sie gewickelt werden möchten. Niemand würde einem Kind gegen seinen Willen die Sachen vom Leib reißen. Natürlich auch keiner der Praktikanten. Aber genau das wird den jungen Männern mit einer solchen Aussage doch unterstellt. Plötzlich müssen die kleinen Mädchen vor dem Zugriff der Männer in ihren Intimbereich geschützt werden. Und warum? Weil sie Männer sind. Punkt. Mehr Sexismus in einem Satz geht nicht, oder?

Es braucht noch mehr Beispiele? Hier bitteschön:

„Ihr Männer wollt doch alle nur Leitungsposten aber bloß nicht am Bett pflegen.“

„Männer haben keine Empathie.“

„Männer sind nicht teamfähig.“

„Männer gehören maximal auf Funktionsabteilungen. Technik geht gerade noch aber pflegen? Ne!“

„Ich will keine Männer in meinem Team. Die machen nur Ärger.“

(Zum Krankenpflegeschüler) „Auf keinen Fall wirst Du bei der Patientin den Katheter legen. Das machen nur Frauen.“

„Die Pfleger sind doch alle faul. Kaum drehst du dich um, hocken die nur noch im Dienstzimmer und trinken Kaffee.“

„Der Pfleger macht nur so viele Nächte, damit keiner sieht, dass er nur rum sitzt. Typisch Pfleger halt.“

„Sollen die doch im Rettungsdienst den Helden spielen. Hier muss gepflegt werden, da brauch ich Kerle für nix.“