Call out Culture und Nicht-Gut-Genug-Aktivismus

Bei Kleinerdrei geht es um die „Call Out Culture„, die dort wie folgt definiert wird:

„Call Out Culture“ (call somebody out on something: jemanden wegen etwas zur Rede stellen) beschreibt das Phänomen, Menschen öffentlich auf ihr problematisches Verhalten bzw. Aussagen hinzuweisen. Dies ist wichtig: Wenn ich einen Fehler mache und durch unbedachte Tweets oder dergleichen jemanden verletze, möchte ich gerne darauf aufmerksam gemacht werden, dass das nicht in Ordnung war. Das gibt mir die Möglichkeit, aus meinem Verhalten zu lernen und um Entschuldigung zu bitten. Andererseits kann Calling Out aber auch von valider, sachlicher Kritik zu einem Shitstorm und Cybermobbing umschlagen.

„Call out Culture“ ist meines Erachtens nach ein wichtiger Bestandteil des (Netz-)Feminismus, weil in diesem Virtue Signalling und „Noch richtiger sein“ im Rahmen des „Nicht gut genug Aktivismus“ hohe Werte in der Auseinandersetzung sind. Es steht auch dafür, dass man nicht etwa darüber diskutiert, was denn nun richtig ist oder freundlich anfragt, sondern das man eine Diskriminierung anprangert.

Ab wann ist die Grenze zum Cybermobbing überschritten? Innerhalb feministischer Kreise wird schon länger darüber diskutiert, inwiefern die Call Out Culture Schaden anrichtet. Der Gedanke hinter dem Akt des Calling Out ist eigentlich nicht schlecht: Wir alle haben diskriminierende Denkmuster verinnerlicht und sie zu entlernen ist ein anstrengender, langer Prozess, bei dem man manchmal in die richtige Richtung gestupst werden muss. Es ist oft schwer, sein eigenes Fehlverhalten als solches wahrzunehmen. Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass man zum Beispiel als aufgeklärte*r, tolerante*r, vorurteilsfreie*r (so zumindest das Selbstbild) Weiße*r Rassismus internalisiert hat. Es geschieht aber immer wieder, dass dieser sinnvolle Grundgedanke in gegenseitiges Fertigmachen umkippt.

Klassischer Feminismus. Dass das nervige daran ist, dass jemand vollkommen überzogene Vorstellungen von Diskriminierung hat und sie anspricht darf man nicht sagen. Man muss natürlich betonen, dass jeder irgendwo diskriminiert und dass das natürlich angeprangert werden muss. Dank der Definitionsmacht des Betroffenen ist das in vielen Fällen zwingend: Eine Weiße, die von einem PoC vorgehalten bekommt, dass sie etwas rassistisches gemacht hat, hat das hinzunehmen und nicht etwa anzuführen, dass die mal lieber halblang machen soll und hier übertreibt. Demnach muss ein solcher Artikel äußerst behutsam geschrieben werden, denn jeder Verdacht, dass man sich etwa gegen den Vorwurf der Diskriminierung wehren will oder gar meint, dass man sich wegen kleinerer Vorfälle nicht so aufregen sollte, wäre fatal.

Das sieht man auch am Folgenden:

Die Aussage, dass Gewaltandrohungen kein legitimer Ausdruck von Kritik sind, sollte nicht unter tone policing fallen. Es ist vollkommen okay, wütend zu sein, wenn jemand durch diskriminierende Handlungen auffällt, und dies auch auszudrücken. Dass sich Enttäuschung zur Wut gesellt, wenn problematische Aussagen von jemandem kommen, von dem*der man sich Besseres erhofft hat, ist mehr als verständlich. Laci Green, eine Youtuberin, die sich in ihrer Videoreihe Sex+ unter anderem mit Sexualität und Feminismus auseinandersetzt, wurde vor einigen Jahren bedroht, weil sie in einem älteren Video einen transfeindlichen Ausdruck verwendet hat. Nachdem sie sich dafür entschuldigt und das Video gelöscht hatte, hörten die Drohungen nicht auf. Warum? Was ist der Zweck von Calling Out, wenn es nicht aufhört, nachdem die betroffene Person um Verzeihung gebeten und offensichtlich aus ihrem Fehlverhalten gelernt hat, sondern sich zu Hetze steigert?

Es soll also nicht darum gehen, dass jemand sich nicht über angenommene Diskriminierung aufregen darf und das auch wütend und ohne das im Verhältnis zu setzen. Das alles wäre eben Abwehr von Kritik und Verteidigung des diskriminierenden Verhaltens. Es gibt keine kleinen oder unwichtigen Vorfälle, weil natürlich jede kleine Migroaggression Teil eines Systems ist das man ansonsten damit verteidigt.

Allenfalls will man anmerken, dass man doch bitte die Kritik stoppen könne, wenn der andere es eingesehen hat und „um Verzeihung gebeten hat“ (klingt ganz schön dramatisch). Was sie verkennt: Es gibt keine Pflicht zu Stoppen, weil es dem Diskriminierten natürlich zusteht zu entscheiden, wie lange er unter dem Fehler leidet. Wer einmal nicht hinreichend aufgepaßt hat, der war eben unsensibel und hat kein Recht darauf, dass man ihm das nicht mehr vorhält. Denn es ist ja auch nur Ausdruck der jeweiligen Privilegien, die auch nach wie vor fortbestehen.

Calling Out wird dann  zu einer Performance, zu einem Wettbewerb der Unfehlbarkeit.

Da hat sie den „Nicht gut Genug-Aktivismus“ und das damit verbundene „Race to the Bottom“ im Prinzip gut verstanden. Sie meint nur, dass das nicht ein wesentlicher Bestandteil der Theorien ist, welche eben vorsehen, dass jeder Vorfall unentschuldbar ist.

An sich bietet Calling Out/Being Called Out auch die Möglichkeit eines Dialoges, eines Nachfragens und Dazulernens. Zwei Hindernisse machen das aber schwierig. Zunächst einmal steht die natürliche Abwehrhaltung des*der Empfänger*in der Kritik einem Lernprozess im Weg. „Ich soll einen Fehler gemacht haben?“ Doch selbst wenn die Einsicht da ist, wird oftmals eine Entschuldigung nicht akzeptiert. Im Fall von Prominenten ist es sogar so, dass alle für problematisch befundenen Dinge, die sie getan haben, auf tumblr gesammelt werden. Dass Fehler normal sind und Menschen sich ändern können, wird meist völlig ignoriert.

Den Wert des weiteren Vorhaltens im Virtue Signalling hat die Autorin eben noch nicht verstanden. Um so länger man derjenigen die Verletzung vorhält um so deutlicher kann man machen, dass man solche Verfehlungen nicht auf die leichte Schulter nimmt. Zudem muss derjenige ja auch nicht nur den einzelnen Fehler korrigieren. Der Fehler ist Ausdruck des Privilegs von zB Laci Green als Nichttransexuelle und das bleibt sie eben weiterhin, so dass man sie auch an ihr Privileg erinnern kann.

Es muss auch dringend darüber geredet werden, welche RolleMachtstrukturen bei der Call Out Culture spielen. Jon Ronson hat das in seinem Buch „So You’ve Been Publicly Shamed“ leider nicht hinbekommen. Warum erhalten Frauen* andere Arten von Drohungen als Männer*? Wie sind Call Out Culture und Rassismus, Ableismus, Klassismus sowie Heterosexismus miteinander verwoben? Wie geht man am besten damit um, wenn man auf problematisches Verhalten angesprochen wurde? Es macht zudem einen gewaltigen Unterschied, ob der Call Out sich an einen Konzern bzw. eine bekannte Person oder Teenager auf tumblr und Co-Aktivist*innen richtet. Einzelne Personen vor einem großen Publikum bloßzustellen – was z.B. durch eine “ich stelle meiner Mention einen Punkt voran, damit meine Tausende Follower mitbekommen, wie ich dich gerade zur Sau mache”-Reply leicht geschieht – bringt eine nicht zu unterschätzende Verantwortung mit sich. Was definitiv passieren muss: Die Anspruchshaltung (relativ) privilegierter Menschen gegenüber Menschen aus marginalisierten Gruppen muss weg. Natürlich ist es hilfreich, wenn jemand nicht nur kritisiert, sondern auch gleich erklärt, was genau problematisch war – diese Person ist aber nicht dazu verpflichtet. Auf einer Erklärung zu bestehen, obwohl man sich anderweitig informieren könnte, ist inakzeptabel. Niemand schuldet uns seine*ihre Zeit.

Hier leitet sie im Prinzip zu einem neuen Thema über und führt an, dass Call outs sinnvoll sind im Kampf gegen eine „Anspruchshaltung“ die sie bekämpfen will. Und das man das natürlich nicht rechtfertigen muss, sondern theoretisch der reine Vorhalt, dass etwas diskriminierend sei ausreichen müsste. Das aus dieser Haltung, dem Kampf gegen die Anspruchshaltung und das fehlende Erfordnis zu begründen und zu debattieren, einige der Probleme stammen, die sie oben anprangert, versteht sie leider nicht.

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68 Gedanken zu “Call out Culture und Nicht-Gut-Genug-Aktivismus

    • nicht herabblickt, sondern spuckt.

      Ja z.B. Männer die Angst vor Krieg oder Folter haben, welche denen man die Kinder wegnahm oder solche die durch Selbstmordfälle in der Familie traumatisiert sind, alles privilegierte larmoyante Schwächlinge …. herrgott nochmal was für ein Abschaum … 😉 (keine Ironie)

  1. „Natürlich ist es hilfreich, wenn jemand nicht nur kritisiert, sondern auch gleich erklärt, was genau problematisch war – diese Person ist aber nicht dazu verpflichtet. Auf einer Erklärung zu bestehen, obwohl man sich anderweitig informieren könnte, ist inakzeptabel. Niemand schuldet uns seine*ihre Zeit.“

    LOL

    Und jede subjetive Definition davon was und warum das jetzt „problematisch“ ist, kann man nachlesen?

  2. Jon Ronson hat das in seinem Buch „So You’ve Been Publicly Shamed“ leider nicht hinbekommen.

    Wieder so ein überprivilegierter Schwächling der ganz zu Unrecht einen Megaerfolg nach dem anderen landet weil er von den Männerseilschaften unfair in die Bestsellerlisten gepusht wurde, na sowas auch aber, das ist verdammt nochmal sowas von ungerecht {Schmoll-smiley} WUAHAHA

  3. @Christian

    Das ganze Konzept – wie so oft im Feminismus – ist ein Plagiat des Stalinismus und dieser wiederum hat sich bei christlicher Buß- und Demutskultur bedient.
    Aus diesem Grund ist all das von dir geschilderte in den USA besonders erfolgreich, denn es dockt an die dortigen religiösen Vorerfahrungen an.
    Es handelt sich also um wesentlich mehr, als nur um „virtue signalling“

    Zunächst zum vom Stalinismus plump geklauten Prinzip „Kritik und Selbstkritik“ nach Wikipedia:

    „In den 1930er Jahren wurde daraus an die Mitglieder der Kommunistischen Partei wie auch anderer sowjetischer Kollektive die Forderung abgeleitet, sich während der regelmäßig stattfindenden Versammlungen gegenseitig zu kritisieren. Solche Versammlungen wurden häufig protokolliert und die dort geäußerten gegenseitigen Anschuldigungen konnten Sanktionen nach sich ziehen (Rückversetzung in den Status des Parteikandidaten, Pflicht zur gesellschaftlichen Arbeit, berufliche Nachteile).

    Der Schriftsteller und Historiker Wolfgang Leonhard beschreibt, wie sich bei „Kritik und Selbstkritik“ die Vorwürfe von tatsächlichen Äußerungen des Kritisierten lösten und seine angebliche Gesinnung auf spekulative Weise thematisierten:

    „Harmlose, nebensächliche, völlig unpolitische Aussprüche wurden ins Riesenhafte vergrößert und verzerrt, so dass charakterliche Eigenschaften und politische Konzeptionen erkennbar schienen. Danach wurden diese (nie formulierten) politischen Konzeptionen mit (ebenfalls nie ausgeführten) politischen Handlungen gleichgesetzt und schließlich die grauenhaften Konsequenzen vor Augen geführt.“

    – Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder.“

    Das ist die *historisch nächste* Quelle für ihren geistigen Diebstahl.

    Grotesk ist m.E. heute, dass sich bei „Kritik und Selbstkritik“ nicht nur „die Vorwürfe von tatsächlichen Äußerungen des Kritisierten lösten“, sondern sogar noch eine *Verschärfung* hinzugetreten ist, da der radikale Subjektivismus den Fokus darauf richtet, wie die Äußerung EMPFUNDEN wurde.

    *Theoretisch* erzeugt dieser Subjektivismus eine Ursuppe von Empfindungen, die alle *gleichermaßen* richtig sind.
    *Struktur* bekommen die Empfindungen – in Abwesenheit einer zentralen Partei, die immer Recht hat – nun durch eine HIERARCHIE der Empfindungen, die die Positionierung im Rahmen Intersektionalismus gewährleistet.

    Nun zum nächsten Punkt, nämlich dem Diebstahl vom Christentum, wonach
    „die „Selbstkritik“ in der einen oder anderen Form auf die christliche Beichte zurück“ geführt wird.

    Öffentliche Schuldbekenntnisse gehören „zum wichtigsten Kontrollinstrumentarium, über das revolutionäre und religiöse Virtuosengemeinschaften (Max Weber) verfügen.

    „Das öffentliche Geständnis von Verfehlungen gegen die Werte und Normen der Glaubensgemeinschaft umfasst

    a) das Bekenntnis der eigenen Schuld,
    b) die Unterwerfung unter die jeweilige Sanktionsinstanz und
    c) die Bereitschaft, die verhängten Bußleistungen zu übernehmen.

    Die „beständige Selbstreinigung“ des „revolutionären Ordens“, so N. Bucharin 1922, dient als Läuterungsritus, der auf das innere Selbst des erlösungswilligen Glaubensgenossen zielt, die Gewissenserforschung selbst zu übernehmen und bereit zu sein, die begangenen Verfehlungen freiwillig den Kontrollinstanzen der Gemeinschaft mitzuteilen.“
    (…)
    „Dabei wird das öffentliche Schuldbekenntnis als rituelles Drama der individuellen Selbstbezichtigung und der kollektiven Bestrafung, der Läuterung und symbolischen Reinigung der Glaubensgemeinschaft nach institutionell festgelegten Regeln inszeniert. Öffentliche Schuldbekenntnisse sollen letztlich die in Virtuosengemeinschaften strukturell verankerte Unsicherheit über das Ausmaß an Glaubenstreue, Hingabebereitschaft und Gehorsamspflicht ihrer Mitglieder vermindern.“

    Warum die heutige Glaubensgemeinschaft in Sachen Schuld- und Beschuldigungskultur immer groteskere Züge annimmt, wird damit m.E. verständlich: Es fehlt die *zentrale Instanz*, die „höhere Macht“, die entscheidet und sanktioniert.
    Das macht auch erklärbar, warum das sich entschuldigende Individuum mit seiner Entschuldigung nicht ausreicht – es fehlt der Passus, in dem damit auch dem Willen Gottes/der Partei genüge getan wird.

    In Abwesenheit einer Kirche oder Partei ist die säkularisierte Version des Läuterungsrituals eine *permanente* und *öffentliche* Verhandlungssache, die niemals endet.
    Weil auch die Hierarchie der Empfindungen immer wieder neu ausgehandelt werden muss – Schwule sind demnächst (siehe Milo) sehr wahrscheinlich raus aus der „oppressed minority list“

    Dieser Mechanismus produziert und reproduziert massenhaft devote Individuen, die sich und andere aggressiv denunzieren ohne das man überhaupt eine zentrale Instanz benötigt.
    Faszinierend!
    So sehen sie aus, die neuen Untertanen.

    Gruß crumar

    • „dieser wiederum hat sich bei christlicher Buß- und Demutskultur bedient….
      Es handelt sich also um wesentlich mehr, als nur um „virtue signalling“

      Christliche buß und demutskultur hat ja selbst viel mit virtuellen Signalling zu tun. Oder was soll es sonst sein? Es zeigt, das man ein besonders christliches Leben führt und Gott als den wesentlichen Maßstab akzeptiert, auch wenn einem damit Möglichkeiten entgegen, was es zu einem costly signal macht

      • @Christian:

        »Christliche buß und demutskultur hat ja selbst viel mit virtuellen Signalling zu tun. Oder was soll es sonst sein?«

        Man kann »virtue signalling« vermutlich als anthropologischen Ursprung solcher Mechanismen identifizieren, aber für die Analyse historisch konkreter Formen ist damit nicht viel gewonnen, weil es sich dabei nicht um ein kausales Gesetz handelt, aus dem sich eine konkrete Form oder Konstellation deduzieren ließe.

      • Das Christentum (zumindest in seiner katholisch-augustinischen Variante) geht davon aus, dass jeder Mensch ein Sünder ist und regelmäßig Buße tun sollte. Durch die Erbsünde von Adam und Eva, die von Gott abfielen, ist jeder ihrer Nachkommen ein Sünder. Es gibt allerdings auch die Vergebung der Sünden, zunächst durch Jesus Christus, der die Sünden der Menschen auf sich genommen hat, und dann auch durch die Beichte vor einem Priester. Diese Beichte hat nachweislich positive Effekte auf die Psyche, es gibt entsprechende Untersuchungen. Gewissermaßen eine Form von Psychotherapie.

        Wie Crumar schon gesagt hat gibt es eine solche Form der Vergebung der Sünden im Radikalfeminismus nicht. Im Grunde kann der Sünder (=Diskriminierer oder Inhaber von Privilegien) seine Schuld nicht loswerden, er kann nur schweigen und zuhören, was bessere Menschen ihm zu sagen haben.

        Andererseits gibt es hier Gruppen von Menschen, die ohne Sünde sind (Schwarze, Frauen, Behinderte usw.) und deshalb legitimerweise immer als Ankläger der anderen auftreten können. Das muss natürlich irgendwann in eine psychotische Situation führen, in der man entweder unter der Last seiner Schuld zusammenbricht, oder sich in größenwahnsinnigen Beschuldigungen gegen alle anderen, die nicht so sind wie man selber, ergeht.

        • „Gewissermaßen eine Form von Psychotherapie.“

          Das ist klar der Vorläufer und das Vorbild. „Psychotherapie“ ist nichts anderes als die säkularisierte Form der christlichen Schuld- und Sühnekultur.
          Damit will ich jetzt wirklich keine negative Wertung verbunden wissen. Es funktioniert ja irgendwie und erlaubt dem Individuum eine tatsächliche Verbesserung seiner Beziehung zur Welt.

          Bei der säkularen neuen Büsserkultur ist jedoch keine Besserung möglich, eine solche wird verweigert und ist unmöglich.

          „Das muss natürlich irgendwann in eine psychotische Situation führen ….“

          Daraufhin ist dieses System von vorne herein ausgelegt. Auf völlig Unbarmherzigkeit. Vergebung aller Sünden ausgeschlossen.

        • @El Mocho zuerst @Alex danch

          Ich finde deine Ausführungen zum Katholizismus spannend, aber ist die vorliegende Variante der SJW nicht eher vom Protestantismus inspiriert?
          (Oder der noch radikaleren Evangelikalen – s. USA?)

          Ich bin in diesen Religionen nicht so bewandert.
          Was meinst du?

          „Bei der säkularen neuen Büsserkultur ist jedoch keine Besserung möglich, eine solche wird verweigert und ist unmöglich.

          „Das muss natürlich irgendwann in eine psychotische Situation führen ….“

          Daraufhin ist dieses System von vorne herein ausgelegt. Auf völlig Unbarmherzigkeit. Vergebung aller Sünden ausgeschlossen.“

          Mit den „Ursünden“ des *falschen Geschlechts* und der *falschen Hautfarbe* gesegnet zu sein ist tatsächlich unumkehrbar.
          Ich finde es bemerkenswert, dass dieser stumpfe, völlig vulgäre Biologismus niemandem auffällt.

          Ich rätsele noch immer, welches emotionale und rationale Bedürfnis da getroffen und bedient wird.
          Nach meiner Meinung kann sich ein solches System von Idiotien nicht durchsetzen, wenn es nicht eine Scheinantwort auf Fragen liefert, die die Individuen existentziell beschäftigt.

          Wir beide, Alex, und alle anderen hier können diesem Schwachsinn noch so oft vorwerfen, es sei die Ausgeburt an Irrationalität. Das ist er tatsächlich.

          Aber irgendwo in dieser Irrationalität muss ein rationaler Kern stecken, der – wie verquer der sein mag – erklärt, warum dieses „confused thinking“ sich hat durchsetzen können (Sokal ist 20 Jahre her!!!)

          Gruß crumar

        • @crumar

          Vergiss deinen Sokal, der hat die Auseinandersetzung eben nicht gewonnen, für „die Öffentlichkeit“. Es interessiert niemanden, was wir darüber denken, sondern nur die in der Defensive sich befindlichen Rationalisten, die immer mehr verfemt werden.

          Es reicht tatsächlich nicht, nur den entfesselten Irrationalismus anzuprangern, daher ist die Suche nach dem „rationalen Kern“ wichtig, bzw nach der „method in the madness“. Und die Lösung dieses Problems, das ist so wie beim „gordischen Knoten“: denkbar simpel. Es geht um den reinen, unbedingten „Willen zur Macht“, was nicht einmal originell ist.

          „Ich rätsele noch immer, welches emotionale und rationale Bedürfnis da getroffen und bedient wird.“

          Das nach absoluter Macht und absoluter Machtausübung.

          Es macht auch keinen Sinn, auf einen Teilaspekt des neuen postmodernen Irrationalismus zu fokussieren, wie den Feminismus zum Beispiel. Man muss sich vielmehr fragen, inwieweit jeder Teilaspekt dem Ganzen dient und ihm untergeordent sein mag und welchen Beitrag er im Gesamtschema leistet.

        • @crumar: Richtige Beobachtung. Der Protestantismus hat die Beichte abgeschafft, wie ja auch den Priester als Mittler zwischen Gott und Mensch. Ein protestantischer Geistlicher ist einfach ein Mitglied der Gemeinde, das theologisch ausgebildet wurde und entsprechend sprachlich begabt ist. Luther betont irgendwo, dass kein Mensch in seinem Leben wissen kann, ob er von Gott angenommen oder verstoßen ist. Darauf beuht ja dann auch die These von max Weber, nach der der Protestantismus die Basis für die Entstehung des kapitalismus lieferte (indem der geschäftliche Erfolg quasi die Auserwähltheit des Erfolgreichen beweist).

          Dass Protestantismus und Feminismus/SJWs zusammenhängt, liegt nahe. Wie das im einzelnen zusammenhängt, ist eine andere Frage.

        • @crumar:

          »Ich rätsele noch immer, welches emotionale und rationale Bedürfnis da getroffen und bedient wird.
          Nach meiner Meinung kann sich ein solches System von Idiotien nicht durchsetzen, wenn es nicht eine Scheinantwort auf Fragen liefert, die die Individuen existentziell beschäftigt.«

          Ist ein Bedürfnis nach weltanschaulicher Sicherheit plus moralischem Wohlfühlbonus nicht als Erklärung ausreichend? Oder suchst Du nach einer historisch spezifischeren Erklärung? Dann würde ich in Richtung »politischer Narzissmus« zielen.

          Die Narzissmusdiagnose ist ja nicht einfach nur ein Synonym für »verwöhnte Bürgerkinder«. Sondern es geht dabgei generell um den Aufbau von Ich-Strukturen und Selbstbildern in einem post-autoritären Zeitalter. Das Subjekt des »narzisstischen Zeitalters« ist frei und überfordert zugleich. Es ist frei von den alten Zumutungen der Triebrepression (die dem vergangenen Zeitalter der Neurosen angehörten), aber es ist zugleich davon überfordert, in diesem »Reich der Freiheit« stabile Selbstbilder auszubilden und aufrechtzuerhalten.

          Ohne kollektive Bezüge (»Klassenzugehörigkeit« als identitätsstiftende Kategorie gibt’s nicht mehr) und im Kontext einer individualistischen und »Authentizität« fordernden Kultur (letzteres hat protestantische Wurzeln) steht das vereinzelte Selbst gegen die Welt als Ganze. Das ist ein echt unfaires Kräfteverhältnis, also ist das verunsicherte Selbst darauf angewiesen, dass es von dieser Welt wenigstens zurückgespiegelt wird, damit es sich als real und wirksam spürt.

          Eine markant narzisstische Aussage ist in meinen Augen die von Antje Schrupp, wo sie (in Bezug auf feministische Ideen) sagt: »Wir wollen, dass unsere Ideen in der Welt wirken«. Keine Frage nach der Qualifikation dieser Ideen oder ihrer Verteidigung in einem offenen Diskurs – das Gefühl, »wirksam« zu sein und der anonymen Welt die eigene Realität erfolgreich zugemutet zu haben, ist alles, was das narzisstische Selbst zu hoffen vermag.

          Ganz gleich, ob diese Ideen die letzte Grütze sind oder eine Störaktion (wie z. B. auf dem Genderkongress in Nürnberg) eine Pleite – Hauptsache, man war ein Schmerz im Arsch von irgendjemand und kann sich dadurch der eigenen Bedeutsamkeit, ja der bloßen Realität versichern.

          Und so sehe ich das auch bei dieser intersektionalistischen Opferhierarchie und ihren Selbstkritik- und Bußvorschriften: die Beschäftigung mit der eigenen Wahrnehmung ist alles, was zählt und dem Ich die eigene Realität verbürgt. Empirische Absicherung der eigenen Behauptungen? Unwichtig! Verantwortungsethischer Blick auf Handlungsfolgen? Wozu das denn, wir sind die Guten! Objektivität als Bewertungskriterium? Unverschämtheit, es geht um subjektives »survival«!

          Und auf eine spezielle Weise treffen sie mit ihrem Opfer- und »Überlebenden«-Kult tatsächlich den Nerv der Zeit. Diese Piepsmäuse sind Opfer: schwache Egos in einer riesengroßen Welt voller Zumutungen. Letztere sind nicht nur imaginiert – die Selbstbehauptung im Erwerbsleben wird eher schwieriger als leichter, und auf akzeptable Jobs »entitled« ist heute niemand mehr, es sei denn, sie macht auf Genderforschung, der letzten Bastion des beruflichen Anspruchsdenkens.

          Also beißen sie sich an einer Ideologie fest, die in Form und Inhalt die Signatur der Epoche trägt.

        • Vielleicht sollten die versuchen, ein feministisches Äquivalent der Beichte zu entwickeln. Also gewissermaßen das Eingeständnis der eigenen Schuld und die Bitte Um Vergebung vor einem Schwarzen oder einer lesbischen Feministin.

          Die Hypothese der Gleichheit bzw. Gleichberechtigung aller Menschen, auf der ja die eigene Moral beruht, könnte man dann allerdings nicht gleichzeitig aufrecht erhalten.

        • „Vielleicht sollten die versuchen, ein feministisches Äquivalent der Beichte zu entwickeln.“

          Gibt es schon. Das ist die aktivistische „Perfomativität“ und allgemein die „Dekonstruktion“ an der sich auch die „Sünder“ beteiligen *müssen* („HeForShe“ zB), ohne jedoch darauf hoffen zu dürfen, von ihrer „Erbsünde“ dadurch befreit werden zu können.

          „Die Hypothese der Gleichheit bzw. Gleichberechtigung aller Menschen, auf der ja die eigene Moral beruht, könnte man dann allerdings nicht gleichzeitig aufrecht erhalten.“

          Diese beiden Begrifflichkeiten bedeuten etwas völlig Verschiedenes für diese Leute. Sie gehen von der eigenen totalen Unterdrückheit als Dogma aus und können daher „Gleichheit“ nur erreichen, wenn sie totale Kontrolle über „die Anderen“, die angeblichen Unterdücker, erlangen.

          Mit „anderen Anderen“ ist anders zu verfahren, die müssen bedingungslos anerkannt werden, in bedingungsloser Solidarität, ganz nach dem zugewiesenen Platz in der „Opferpyramide“:

          “ …. liberation comes from the embrace of the “Other,” in post-colonialism, the subaltern “Others,” to whose narratives we are obliged to grant epistemological equality if not priority.[3] Redemptive performativity is, among other things, a way to speak of messianic behavior, of tikkun olam, of “realized eschatology.”“

          http://www.theaugeanstables.com/2012/09/24/others-antichrist-is-my-antichrist-the-millennial-encounter-between-post-modernism-and-global-jihad/

        • @all

          Vielen Dank erst einmal für die spannenden Antworten!
          Werde am Abend einen längeren Beitrag schreiben (hoffentlich habe ich die Zeit) und versuchen, ein paar Fragen zu formulieren.

          Gruß crumar

        • @Alex

          „Das nach absoluter Macht und absoluter Machtausübung.

          Es macht auch keinen Sinn, auf einen Teilaspekt des neuen postmodernen Irrationalismus zu fokussieren, wie den Feminismus zum Beispiel. Man muss sich vielmehr fragen, inwieweit jeder Teilaspekt dem Ganzen dient und ihm untergeordent sein mag und welchen Beitrag er im Gesamtschema leistet.“

          Wir würden uns selber m.E. keinen Gefallen tun, wenn wir nicht konkreter nachfragen, WIE genau sich diese Macht konstituiert und welche FORM von Herrschaft hier angestrebt wird.

          Aus einer marxistischen Perspektive ist „Macht“ völlig „genderneutral“ – es spielt also (im Gegensatz zur feministischen Lehre) *keine* Rolle, welches Geschlecht herrscht.
          Angenommen also, die „Macht“ wechselte von „patriarchal“ zu „matriarchal“, es spielte keinerlei Rolle.

          Was ich sinnvoll finde ist, die aktuelle Diskussion zu überführen in Mechanismen der Kontrolle und Sicherung von Herrschaft.

          Ein Beispiel: „micro aggression“ = „micro control“.
          Wer immer die Macht darüber hat zu definieren, WAS eigentlich eine Mikro-Aggression (auf Deutsch hört es sich wesentlich lächerlicher an, deshalb wird der Terminus auch NICHT übersetzt), hat auf dieser Ebene die Macht zu entscheiden, was als solche WAHRGENOMMEN wird.

          Daher sind „trigger warnings“ auch die Meta-Ebene eines solchen Systems, in dem die „warner“ zugleich *setzen*, sie würden *in einem solchen* System operieren.
          Sonst wären die Warnungen auch wenig hilfreich.

          Und ich stimme dir zu, es ist ein psychotherapeutisches System.

          Wie aber konnte das gelingen?
          Nämlich eine Horde angehender Erwachsener zu überzeugen, sie würden kollektiv unter *posttraumatischen Belastungsstörungen* leiden?
          Darauf läuft es nämlich hinaus.
          Wobei deren schlimmstes Erwachen im allerhöchsten Maße die Konfrontation mit der empirischen Realität sein kann?!
          Wieso ist es das höchste Ziel, die Pubertät in „safe spaces“ *aufzubewahren*?
          Wieso muss die Konfrontation mit dem „Realitätsprinzip“ ausbleiben oder vermieden werden?
          Keine Erzielung von – als männlich verstandener – AUTONOMIE gewünscht?
          Ist „Realität“ eine schmutzige männliche Eigenschaft?

          Ja, Sokal hat – zusammen mit uns – den Kampf verloren.
          Eine seiner gemeinsten Sätze stecken im ersten Absatz seines Artikels, wonach es so etwas gemeines, wie eine von uns unabhängige materielle Realität nicht geben kann.
          #materialistische Kränkung

          Gruß crumar

        • @djadmoros

          „die Beschäftigung mit der eigenen Wahrnehmung ist alles, was zählt und dem Ich die eigene Realität verbürgt. Empirische Absicherung der eigenen Behauptungen? Unwichtig! Verantwortungsethischer Blick auf Handlungsfolgen? Wozu das denn, wir sind die Guten! Objektivität als Bewertungskriterium? Unverschämtheit, es geht um subjektives »survival«!“

          Starker Satz mit gehörigen Fallstricken.

          Wie schaffen diese lustigen Menschen es eigentlich gleichzeitig, einem anderen „internalisierte“ x-feindlichkeit vorzuwerfen und sich selbst von dem Zwang der Inkorporation einer Herrschaftsperspektive freizusprechen?
          Wenn bspw. das Patriarchat allumfassend herrscht, woher beziehen diese Menschen dann eine widerständige Perspektive?
          Die beschworene „Authentizität“ kann es gar nicht geben, nimmt man ihre eigene Theorie ernst.

          Was ich faszinierend finde ist, hier wird eine Marionetten-Theorie von Herrschaft entworfen, eine allgemeine Theorie der (historisch erwachsenen) Ohnmacht und wie aus dem Nichts gibt es die Auserwählten – ohne Begründung, wie sie zu diesem Status haben überhaupt kommen können.
          Götterboten und Propheten…

          Was ich natürlich richtig finde ist, dies als Resultat der „Individualisierung“, des doppelt freien, Atomisierung, Granularisierung blablabla aufzufassen.
          „Falsch individualisiert“ – nämlich neoliberal geht immer.
          Wenn ich jedoch von der prinzipiell gesellschaftlichen Natur des Individuums ausgehe, dann finde ich es eigentlich spannend, WIE genau sich dieses Spannnungsverhältnis herstellt, indem es hergestellt wird.

          An den Ritualen hat sich nichts geändert (s.o.), sie werden heute jedoch anscheinend anders vollzogen?!

          „Und auf eine spezielle Weise treffen sie mit ihrem Opfer- und »Überlebenden«-Kult tatsächlich den Nerv der Zeit. Diese Piepsmäuse sind Opfer: schwache Egos in einer riesengroßen Welt voller Zumutungen.“

          Einverstanden.
          Und wie bekommen wir die schwachen Egos mit aufgeblasener und falscher Wahrnehmung der Welt wieder in eine produktive Spur?

          Gruß crumar

        • @El Mocho

          „Die Hypothese der Gleichheit bzw. Gleichberechtigung aller Menschen, auf der ja die eigene Moral beruht, könnte man dann allerdings nicht gleichzeitig aufrecht erhalten.“

          Dann sollten wir m.E. daran festhalten.
          Ganz ehrlich, um so länger ich dabei bin, desto mehr habe ich den Eindruck, das ist unsere „rote Linie“.
          Das ist eine Verteidigungsstellung, die uns alle eint, egal wo wir politisch herkommen.

          Dass wir keine „Verhandlungsmoral“ akzeptieren, in der wir von dem Versprechen von Gleichheit und Gleichberechtigung für ALLE Menschen abrücken.

          Ich möchte eine steile These einwerfen: Das ist eine zutiefst männliche Leistung.

          Gruß crumar

        • @crumar

          „Wir würden uns selber m.E. keinen Gefallen tun, wenn wir nicht konkreter nachfragen, WIE genau sich diese Macht konstituiert und welche FORM von Herrschaft hier angestrebt wird.“

          Natürlich, ich wollte nur meinen, dass man bei der Untersuchung eines Baumes nicht blind für den Wald werden sollte.

          „Mechanismen der Kontrolle und Sicherung von Herrschaft“

          Wunderbar, das ist, was auch der Feminismus heute leistet. Irrationalismus hat den Vorteil, dass die Objekte seiner Weltanschauung im Inhalt beliebig ausformbar und austauschbar sind, wobei ziemlich erfolgreich vom Kerninhalt abgelenkt werden kann, der da regelmässig lautet: die Menschen sind von Natur oder was auch immer noch ungleich und dieser Zustand (natürlich sehr gerne auf das Heute bezogen) entspricht dem was optimal, wünschenwert, etc ist.

          „Wie aber konnte das gelingen?
          Nämlich eine Horde angehender Erwachsener zu überzeugen, sie würden kollektiv unter *posttraumatischen Belastungsstörungen* leiden?“

          Ernst gemeinte Frage? Jahrzehntelang wurde den Leuten eingeredet, sie seien womöglich irgendwie „krank“, „vergiftet“ oder psychisch „bedroht“. Dass alle Mitmenschen „irgendwie verrückt“ seien, gilt heute als geflügeltes Wort.

          Hier ist so ein Beispiel, „Detox“:
          http://www.freundin.de/kochen-diaet-rezepte-des-monats-freundin-special-der-neue-14-tage-detox-plan-122164.html

          Dieses Verrücktmachen hat natürlich ein doppeltes Ziel: einmal erscheinen die eigenen Ziele unter der Tarnkappe der Verrücktheit nach aussen hin weniger bedrohlich. Andererseits kann man den Gegner (also alle anderen) als verrückt angreifen, wobei hier natürlich keine Nachsicht gegeben wird, bei den ganzen „-phobien“ etwa. Die werden dann als Wesenheiten gedeutet und nicht etwa als korrigierbare und vorübergehende Zustände.

        • „Ich möchte eine steile These einwerfen: Das ist eine zutiefst männliche Leistung.“

          Das wird aber durch den historischen Kontext stark relativiert. Diese Ideen der Gleichheit kamen mit der frühen zivilisatorischen Organisation der Menschheit auf, als es eben noch auf die physische Stärke ankam, was eben Männer begünstigte. Abstrahiert man von diesem Umstand, ist das Erscheinen der Idee der Gleichheit/ Gleichberechtigung lediglich eine allgemein menschliche Leistung.
          Es ist nicht mal eine echte „Leistung“, denn die Idee der „Gleichheit und Gleichberechtigung für ALLE Menschen“ scheint mir lediglich eine Folge aus der rationalen, empathischen und vom Eigenintresse unberührten Sicht auf die menschliche Gemeinschaft zu sein.

          „das ist unsere „rote Linie“.“

          Das ist die Linie, die die Zivilisation von der Barbarei trennt. Die prinzipielle Gleichheit der Menschen ist das Maass der Zivilisation. Und das Herbeiführen einer faktischen Gleichheit ist der grösste Gegner dieses Konzepts derzeit. Die Barbaren haben dazugelernt.

        • @djad
          „Das Subjekt des »narzisstischen Zeitalters« ist frei und überfordert zugleich. Es ist frei von den alten Zumutungen der Triebrepression (die dem vergangenen Zeitalter der Neurosen angehörten)“

          Das ist aber eine gigantischer Irrtum hier: die „Triebrepression“ herrscht nach wie vor, deren bedeutendster Vertreter ist der heutige Feminismus. Ganz und gar auf die Frau fixiert, leugnet dieser jede Funktion der Sexualität als Selbstzweck und macht sich damit zum Erfüllungsgehilfen der längst als überholt imaginierten Triebrepression. Neueste Erscheinung: der Widerwille gegen „sexistische Werbung“, die per Gesetz verboten gehört.
          „Neurotisch“ ist das Ganze im höchsten Maasse, wir stecken also noch mitten drin, im „Zeitalter der Neurosen“.

        • @crumar:

          »Wie schaffen diese lustigen Menschen es eigentlich gleichzeitig, einem anderen „internalisierte“ x-feindlichkeit vorzuwerfen und sich selbst von dem Zwang der Inkorporation einer Herrschaftsperspektive freizusprechen?«

          Ich glaube, das haben Intellektuelle immer schon hinbekommen. Gerade die doktrinären unter den Marxisten konnten sozusagen alles analysieren, nur nicht sich selbst und ihre eigene Form der Herrschaft. Die Welt der soziologischen Lehrstühle und Schulen hat eine tribale Struktur, es fällt leicht, seine Identität aus einer intellektuellen Stammeszugehörigkeit zu beziehen und niemals beim Nachbarstamm vorbei- bzw. auf diesen herabzuschauen (typische Beispiele aus »meiner Zeit« sind Marx ./. Weber oder Habermas ./. Luhmann). Da wird dann auch der Typus des »Jargonkopierers« herangezüchtet, der lernt, in einer, aber nur einer analytisch abstrahierenden Begrifflichkeit zu denken und sie dann für eine höhere Offenbarung hält.

          »Wenn ich jedoch von der prinzipiell gesellschaftlichen Natur des Individuums ausgehe, dann finde ich es eigentlich spannend, WIE genau sich dieses Spannnungsverhältnis herstellt, indem es hergestellt wird.«

          Ich persönlich finde es aufschlussreich, hier auf die Schnittstelle von Soziologie und Psychologie zu schauen. Mein vorstehendes Argument war an Alain Ehrenberg orientiert, einem der Theoretiker, die die Tendenzen klinisch-psychologischer Befunde mit gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug setzen, ähnlich dem, was Christopher Lasch und Richard Sennett über dem Narzissmusbegriff versucht haben (Ehrenberg selbst stellt den Begriff der Depression ins Zentrum).

          »Und wie bekommen wir die schwachen Egos mit aufgeblasener und falscher Wahrnehmung der Welt wieder in eine produktive Spur?«

          Wohl nur, in dem man diesen Leuten öffentlich den Widerstand entgegensetzt, den sie an ihren Ausbildungsstätten offenbar und beklagenswerterweise nicht mehr finden. Ein gelungenes Beispiel dieser Art ist in meinen Augen »The Triggering«, u.a. mit Christina Hoff Sommers und Milo Yannopoulos. Mein Lieblingszitat (nach eienr Beschwerde, es würden nur Weiße auf dem Podium sitzen): »We have [auf diesem Podium] the only diversity you don’t care about: intellectual diversity!«

        • @Alex:

          »Das ist aber eine gigantischer Irrtum hier: die „Triebrepression“ herrscht nach wie vor, deren bedeutendster Vertreter ist der heutige Feminismus.«

          Das hat mit Triebrepression im Sinne der Psychologie nichts zu tun. Die feministische Sexualfeindschaft fordert keine Unterdrückung männlicher Sexualtriebe, sondern ihre Unterordnung unter das Belieben der Frau. Frauen sollen nicht keinen Sex mit Männern haben (außer im Rahmen der Radfem-Ideologie, die aber gerade nicht die des Netzfeminismus ist), sondern sie sollen sich des Mannes als eines Sexdienstleisters ohne jede weibliche Eigenverantwortung bedienen dürfen. Wenn er nicht spurt oder frau unzufrieden war, soll es nachträglich Vergewaltigung sein dürfen.

          Hier geht es nicht um die Unterdrückung von Sexualität und ihrer Triebe, sondern um die Abrichtung von Männern zur sexuellen Disponibilität.

          »„Neurotisch“ ist das Ganze im höchsten Maasse, wir stecken also noch mitten drin, im „Zeitalter der Neurosen“.«

          Hier verwendest Du den Begriff der Neurose in einem polemischen, nicht in einem psychologisch präzisen Sinn. Eigentlich meinst Du »pathologisch«.

          • „Die feministische Sexualfeindschaft fordert keine Unterdrückung männlicher Sexualtriebe, sondern ihre Unterordnung unter das Belieben der Frau“

            Gemeint ist wohl eher, dass im Sozialkonstruktivismus ein tatsächlicher Trieb nicht existiert und dieser allenfalls ein soziales Konstrukt ist

        • @djad
          „Das hat mit Triebrepression im Sinne der Psychologie nichts zu tun. Die feministische Sexualfeindschaft fordert keine Unterdrückung männlicher Sexualtriebe, sondern ihre Unterordnung unter das Belieben der Frau.“

          Das siehst du mE zu vordergründig. Alle Femi-Ideologie sagt letztlich, dass Sexualität nichts anderes ist als ein Machtmittel und absolut abzulehnen.
          Die neueste Inkarnation dieser immerwährenden Idee ist natürlich: „dass im Sozialkonstruktivismus ein tatsächlicher Trieb nicht existiert und dieser allenfalls ein soziales Konstrukt ist“.

          Da solch eine Idee ua beim jungen Nachwuchs natürlich nicht gut ankommt, wird das entschärft, so dass man den Eindruck haben kann, es ginge nur um die Unterordnung unter das Belieben der Frau.
          Der sogenannte „Netzfeminismus“ ist nichts weiter als ein ausgelegter „astroturf“, um neue Anhängerinnen einzusammeln, eine Art Durchlauferhitzer. Zur Feministin wird man nicht geboren, sondern zu einer gemacht, wie das bei jeder Sekte so üblich ist.
          Diese Leute sind in vielerlei Hinsicht lebens- und menschenfeindlich, nicht nicht in Bezug auf „Männer“ und Sexualität.

          „Hier verwendest Du den Begriff der Neurose in einem polemischen, nicht in einem psychologisch präzisen Sinn. Eigentlich meinst Du »pathologisch«.“

          Ich kann mich vom Begriff „Neurose“ nur ironisch distanzieren, daher die Anführungszeichen. Das ist wieder so ein Psychologem zur Pathologisierung, bleibt nur: detox neurosis 😀
          Alles Symptome der postmodernen Zeitgeistlichkeit. Gestern war´s die „Hysterie“, heute „Neurose“, etc.

        • @djadmoros

          „Die Narzissmusdiagnose ist ja nicht einfach nur ein Synonym für »verwöhnte Bürgerkinder«. Sondern es geht dabgei generell um den Aufbau von Ich-Strukturen und Selbstbildern in einem post-autoritären Zeitalter. Das Subjekt des »narzisstischen Zeitalters« ist frei und überfordert zugleich. Es ist frei von den alten Zumutungen der Triebrepression (die dem vergangenen Zeitalter der Neurosen angehörten), aber es ist zugleich davon überfordert, in diesem »Reich der Freiheit« stabile Selbstbilder auszubilden und aufrechtzuerhalten.“

          Das ist die „gute alte Diagnose“, die auf Beck/Beck-Gernsheim (bzw. Marx) aufbaut und folgt: Doppelt frei (bei Marx dialektisch gemeint Besitz von Produktionsmitteln und Einschränkungen durch Zünfte etc.), bei Beck von Risiken und Chancen seine Identität durch eine soziale Herkunft, eine Klasse zu verlassen.
          Entlassen ins Reich des Individuums, dessen Schranken uns leider immer wieder genau dann begegnet, wenn der nächste OECD-Report den Zusammenhang von Bildungschancen und Klassenherkunft aufzeigt.

          Es ist also eine eigentümlich geschlechterneutrale Formulierung in beiden Fällen. Und auch eine der Klasse.

          Engels beschrieb recht nachdrücklich ein Szenario, das uns heute sehr wohl bekannt ist, nämlich wie die Erosion des männlichen Durchschnittslohns ihn als Alleinverdiener einer Familie immer untauglicher machte und der proletarische Familienvater ohnmächtig mit ansehen musste, wie erst Frau und dann die Kinder gezwungen worden sind, Arbeit zu leisten, nur um die Reproduktion der Familie zu gewährleisten.

          Es wäre von *dieser Klasse* weniger die Klage zu erwarten, die Frauen würden zu Hause eingesperrt, um Sandwiches für Familienpatriarchen zu schmieren.
          Zu Hause eingesperrt – aus genau diesem wurden sie *hinausgeworfen*, um sich für den Lebensunterhalt der Familie zu verdingen.

          D.h. die Klage, Frauen würden durch häusliche Arbeit *unsichtbar gemacht* kann nur von denen ausgehen, die diesen Prozess nicht erlebt haben.
          Die also NICHT aus dem Haus in die Fabriken oder die NICHT aus dem Haus geworfen worden sind, um sich als „Gesinde“ zu verdingen.
          Kurz: Der gesamte Vorwurf basiert auf dem *Revisionismus* der Geschichte, wonach diejenigen Frauen, die davon profitiert haben, diese Zumutungen *nicht erlitten zu haben*, durchsetzen können, dass die NICHT erlittene Zumutung eine Zumutung ist.
          Wir können sehr gut den *bürgerlichen Feminismus* an Hand der Erfahrungen identifizieren, die dieser NICHT gemacht hat.

          Ich glaube daher auch nicht, dass die von mir zuerst beschriebenen Klasse *Adressat* einer „Triebrepression“ gewesen ist.
          Sich selber sexuell „aufzusparen“ gelingt nur der, die verinnerlicht hat, Sexualität habe einen TAUSCHWERT.
          Das ist das goldene Zeitalter des bürgerlichen Eis und danach erodiert sein Wert ständig.
          Was gerade jetzt läuft basiert m.E. auf der (konservativen und feministischen) Diagnose, es sei schädlich, dass der Markt für Sexualität nicht deckungsgleich ist mit dem Beziehungsmarkt ist.
          Das kann er auch nicht sein – um so gebildeter die Frau, um so später erfolgt der Eintritt in letzteren.
          Was die Chancen auf die Realisierung dieses Tauschwertes minimiert.
          Ergo müssen die Märkte re-reguliert werden.

          Alle darauf aufbauenden Narzissmusdiagnosen, die formulieren, es gelte im „Reich der Freiheit« stabile Selbstbilder auszubilden und aufrechtzuerhalten“, ignorieren vollständig das, was Illouz, Baumeister u.a. gesagt haben.
          Es ignoriert auch – was für uns noch schlimmer ist – feministische Diagnosen, wonach Problemlagen von Frauen generell gesellschaftlich bedingt, die von Männern im individuellen Fehlverhalten oder in deren Biologie zu suchen sind, spielen dem Neoliberalismus direkt in die Hände.

          Nancy Fraser hat nicht begriffen, was hier sagt: „Das würde erklären, wieso feministische Vorstellungen, die ehemals Bestandteil einer radikalen Weltanschauung waren, zunehmend in individualistischen Kategorien Ausdruck finden.“
          Wem (Geschlecht) wurden diese „individualistischen Kategorien“ denn übereignet?

          Sie hat die Grundlagen ihres eigenen Denkens nicht begriffen.
          „Penisneid“ war schon immer Quatsch – *Individualneid*, Neid auf die Herausbildung von *männlicher Autonomie*, ohne zu begreifen, was das eigentlich heißt.
          Robinson Crusoe ist die männliche Idealfigur, um die männlichen Erfahrungen von Entfremdung im Phantasma einer Insel weit ab von der Zivilisation aufzuheben (siehe der Marsianer aktuell).
          Sich wieder vollständig zu fühlen, die eigenen Nahrungsmittel selber anzubauen, die eigene Kleidung selbst herzustellen usw.

          Der Blick einer Frau auf diesen Crusoe verrät mehr über ihre soziale Herkunft und den „female gaze“ als das, was sie dort sieht und (klassenbedingt) nicht begreifen kann.

          Meine 2ct für diese Nacht.

          Gruß crumar

        • Ich finde die Diskussion hier sehr interessant und möchte, verspätet, auch noch ein wenig dazu beisteuern.

          „Ich finde deine Ausführungen zum Katholizismus spannend, aber ist die vorliegende Variante der SJW nicht eher vom Protestantismus inspiriert?“ (Crumar an ElMocho)

          Es gab zwischen Erasmus von Rotterdam und Luther eine Auseinandersetzung, die hier gut passt – als „Diatribe“ bekannt, nach dem Titel einer Schrift von Erasmus. Es ging darum, wie eigentlich Erlösung erlangt werden kann.
          https://de.wikipedia.org/wiki/De_libero_arbitrio_(Erasmus_von_Rotterdam)

          Für Luther hatte Erlösung denselben Charakter wie die göttliche Offenbarung: Gerade weil der Mensch nicht in der Lage ist, selbst etwas dazu beizusteuern, muss sie ganz von Gott kommen. Erlösung und Offenbarung sind also göttliche Einbrüche (im heutigen Jargon Hornscheidts: Interventionen) in eine rundum sündige Welt.

          Erasmus hingegen ging, ganz in der Tradition der Kirche, davon aus, dass Menschen durch tugendhaftes Handeln zu ihrer Erlösung beitragen können – was in der Perspektive Luthers eine unerträgliche menschliche Selbsterhöhung war, eine Einflüsterung des Teufels, der dem Menschen einredete, er könne selbst sein wie Gott. Eine Wiederholung der Ursünde.

          Ich finde es deutlich, dass Luthers Position den heutigen Feminismus deutlich stärker beeinflusst hat als die – humanere – von Erasmus. Männer, die selbst meinen, sie könnten sich von den Fallstricken des Patriarchats befreien, sind sich einfach nur ihrer Privilegien nicht bewusst. Männer, die glauben, sie könnten sich durchaus beherrschen und seien keine geborenen Vergewaltiger, werden nur umso wahrscheinlicher vergewaltigen (das ist exakt die Logik, mit der der Grüne Michael Gwosdz argumentiert hat – ohne dass das in seiner Partie irgendjemanden stört). Eine Erlösung kann es gar nicht im Rahmen der Männlichkeit geben, sondern nur in ihrer Überwindung.

          Daher gibt es denn eben auch keine Diskussion, an der Männer wie Frauen gleichermaßen teilnehmen – sondern nur „Höre-zu-und-lerne“-Strukturen. Was (feministische) Frauen Männern zu sagen haben, entspricht exakt dem, was bei Luther die Offenbarung war: Es ist ein Einbruch in die sündhafte Welt, etwas, was die Sündhaften niemals aus sich selbst heraus hervorbringen könnten, sondern das sie nur dankbar annehmen können.

          Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich ein Feminismus der Erasmus-Tradition entwickeln würde und wenn der Luther-Feminismus überwunden werden könnte. 😉

        • „Wir können sehr gut den *bürgerlichen Feminismus* an Hand der Erfahrungen identifizieren, die dieser NICHT gemacht hat.“ – „*Individualneid*, Neid auf die Herausbildung von *männlicher Autonomie*, ohne zu begreifen, was das eigentlich heißt.“ (Crumar)

          Das passt exakt zu der Logik DES Schlüsseltextes der zweiten Welle, de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ – im Original ja eigentlich „Das ZWEITE Geschlecht“.

          Vor dem Hintergrund des Existenzialismus hat der Begriff der Selbstverwirklichung eine etwas genauere Bedeutung als die esoterisch-gefühlige, die er längst umgangssprachlich angenommen hat. Da wir radikal in die Freiheit geworfen seien, hätten wir auch die Freiheit, uns selbst zu entwerfen, seien durch nichts dabei gebunden. Wir könnten diese Entwürfe aber nur VERWIRKLICHEN; wenn wir etwas tun, wenn wir handeln, arbeiten.

          Die (männliche) Arbeit ist so also Bedingung für die Selbstverwirklichung – die Frau aber, die sich vom Mann abhängig macht, sei in diesem Sinne gar kein wirklicher Mensch, sondern gleichsam Anhängsel der Wirklichkeit des Mannes: das zweite Geschlecht eben, nicht nur das „andere“. Entsprechend radikal verachtungsvoll äußert sich de Beauvoir dann auch über bürgerliche Hausfrauen.

          Natürlich hat die Tochter aus gutem Hause dabei selbst ein äußerst privilegiertes Bild von der (Erwerbs-)Arbeit, ohne dass sie sich dieser besonderen Perspektive bewusst wäre. Die radikalen Abhängigkeiten, die Quälereien, die massiven Einschränkungen der Freiheit, die Reduktion auf eine Funktion innerhalb eines Gesamtsystems: Diese Aspekte der Erwerbsarbeit sind grundsätzlich nicht entscheidend für den Gang ihrer Argumentation.

          Sie berichtet von einer Befragung proletarischer Frauen, die doch tatsächlich in einer deutlich überwiegenden Mehrheit eine Präferenz hätten, die de Beauvoir eigentlich gar nicht ins Konzept passt: Wenn sie die Wahl hätten, würden sie als Hausfrauen zu Hause bleiben und nicht in der Fabrik arbeiten. Die Autorin erklärt sich das nicht etwa dadurch, dass die Frauen die Fabrikarbeit als quälend empfunden hätten – sondern dadurch, dass sie aufgrund der fehlenden männlichen Mithilfe im Haushalt eine doppelte Arbeit hätten. Hätten sie die nicht, würden sie gewiss für die Erwerbs- und gegen die Hausarbeit optieren.

          Die guten Gründe der Frauen für eine Option GEGEN die Fabrikarbeit sind der Autorin überhaupt nicht präsent, oder nicht wichtig. In meinen Augen ist das allgemein übrigens ein wesentlicher Grund für die weitgehende Kommunikationsunfähigkeit (und -unwilligkeit) heutiger Feministinnen: Ihre Position baut grundsätzlich auf der Ausblendung großer, wesentlicher Teile der sozialen Wirklichkeit auf. In jeder offenen Diskussion wären sie in Gefahr, dass diese Aspekte in ihr Weltbild einbrechen.

          So erklärt sich dann auch die Dauermoralisierung, der Moral-Priapismus, der politische Diskussionen heute oft so nervtötend macht: Die Unterdrückung einer wirklich offenen Diskussion lässt sich auf Dauer nur legitimieren, wenn die ausgegrenzten Positionen so scharf wie möglich diskreditiert werden.

    • @crumar:

      »Das ganze Konzept – wie so oft im Feminismus – ist ein Plagiat des Stalinismus und dieser wiederum hat sich bei christlicher Buß- und Demutskultur bedient.«

      Wichtiger Punkt! Wobei die Analogie nicht nur für die Bußkultur gilt, sondern umfassend für die Parallelität von Partei- und Kirchenhierarchie. Heilige Schriften, Auslegung durch autorisierte Schriftgelehrte, Moskauer Päpste, Konzilien, theologische Richtungsstreits, Ketzerverfolgung – das ganze kommunistische Parteisystem war eine säkularisierte Bischofskirche.

        • @Christian:

          »Oder schlicht ein hierarchiesystem mit Überhöhung des Anführers durch Zuweisung von Status«

          Das ist historisch zu unspezifisch. Das kannst Du ebenso auf die ägyptischen Pharaonen oder auf fränkische Kriegerkönige oder auf die charismatische Führerschaft von Stefan George in seinem Dichterzirkel anwenden. Es ist nicht falsch, aber im Hinblick auf historische Kausalzusammenhänge nichtssagend, weil unterdeterminiert. Solche anthropologische Faktoren sind notwendige, aber keine hinreichenden Erklärungsgründe.

      • @djadmoros

        „Es ist nicht falsch, aber im Hinblick auf historische Kausalzusammenhänge nichtssagend, weil unterdeterminiert. Solche anthropologische Faktoren sind notwendige, aber keine hinreichenden Erklärungsgründe.“

        Sehr gut gesagt!

        „(…) das ganze kommunistische Parteisystem war eine säkularisierte Bischofskirche.“

        Nein, das ist m.E. nicht richtig; es wurde dazu *gemacht*.
        Schritt für Schritt.
        Den Stalinschen Terror zu unterschlagen wäre falsch, gerade weil er sich gegen die Linke in der eigenen Partei richtete.
        Wäre diese Transformation ohne Widerstand möglich gewesen, dann hätte es die „Säuberungen“ nicht geben müssen.

        Gruß crumar

        • @crumar:

          »Nein, das ist m.E. nicht richtig; es wurde dazu *gemacht*. Schritt für Schritt.«

          Ok, einen historischen Prozess in diese Richtung möchte ich nicht in Abrede stellen.

        • @djadmoros

          Mir liegt viel daran, den Prozess zu verstehen, gerade *weil* die Analogien zur heutigen Zeit so unheimlich sind.

          Gruß crumar

        • Der Prozess selbst kann nur eine „race to the bottom“ sein, wie Chris auch erwähnte. Dieses System ist darauf angelegt, dass die radikalsten und konsequentesten Elemente sich immer durchsetzen. Da Aktivismus und Gewalt da nicht ausgeschlossen ist, sondern im Gegenteil gefordert, müssen wir damit rechnen, dass die Entwicklung dahin gehen wird.

        • @djadmoros

          Warum ich mit jeder Form von Geschichtsrevisionismus ein Problem habe und warum das kapern der Art und Weise von Erinnerung wichtig ist:

          „Bereits von 1927 bis 1935 bzw. 1940 erschien in Moskau eine wissenschaftlichen Editionskriterien verpflichtete Marx-Engels-Gesamtausgabe (die sogenannte Erste MEGA oder MEGA1), die aber nach der Verhaftung (1931) und Hinrichtung des Leiters des dortigen Marx-Engels-Institutes David Rjasanow 1938 und weiterer Mitarbeiter im Zuge der Stalinschen Säuberungen abgebrochen wurde.“

          https://de.wikipedia.org/wiki/Marx-Engels-Gesamtausgabe

          D.h. frage nicht danach, wer die Erinnerung produziert hat, sondern, wer sie verwaltet.
          Und wenn dir der nicht passt, der sie verwaltet – weil ihn der propagandistische Wert des Materials als Wissenschaftler nicht so sehr interessiert – dann bringe ihn um.
          Das war eine der Lieblingsvorgehensweisen in einem Stalinschen „Diskurs“.

          Der Effekt einer solchen Tätigkeit am Beispiel der „Deutschen Ideologie“:

          „Die besondere Charakteristik der Editionsgeschichte der Deutschen Ideologie besteht darin, dass die späteren Herausgeber die von Marx und Engels überkommenen Manuskripte in einer Form veröffentlicht haben, in der der fragmentarische, unabgeschlossene Charakter dieses Werkes weitgehend getilgt worden ist.

          Wie die Bearbeiter der Neupublikation in ihren einführenden Bemerkungen darlegen, erweist sich diese editorisch nicht gerechtfertigte und auch in den editorischen Bemerkungen nicht hinlänglich ausgewiesene Veröffentlichungspraxis als politisch motiviert: die Deutsche Ideologie wurde zum Werk der Grundlegung der materialistischen Geschichtsauffassung stilisiert, das sich als Waffe im Kampf gegen die bürgerliche Philosophie einsetzen ließ. Insbesondere der Begriff der „Praxis“ fungierte in der Folge als eine Art Zauberformel, die den wesentlichen Unterschied des alten, bürgerlichen vom neuen Materialismus auf den Punkt zu bringen meinte.

          Weithin unberücksichtigt blieb, dass sich bereits Feuerbach bei seinem Bruch mit dem Hegelianismus auf die Umwälzungen der zeitgenössischen Praxis berufen hatte, und dass Marx und Engels noch eine andere Version der Kritik am alten Materialismus angedeutet hatten, in deren Mittelpunkt nicht der Begriff der Praxis, sondern die Konzeption der „revolutionären“, „praktisch-kritischen“ Tätigkeit steht. Den akademischen Verwaltern der proletarischen Sache war diese Konzeption suspekt. Entweder wurde der Begriff der revolutionären Praxis mit dem Begriff der Praxis identifiziert oder die Zensur kassierte ihn. Der „subjektive Faktor“ sollte am objektiven, naturgesetzlichen Gang der Geschichte sein Genügen finden.“

          https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-mussen-alle-durch-den-feuerbach

          Was bedeutet, die „Deutsche Ideologie“ wurde „passend gemacht“.
          Das meine ich mit dem *Prozess* oder der „Konstruktion“ einer „Weltanschauung“.
          Wer den fragmentarischen Charakter betont, eröffnet den Raum für Fragen nach Widersprüchen und Lücken und ermuntert, diese (selbst) zu finden. Wer den abgeschlossenen Charakter konstruiert, will *bewusst* einen Text schaffen, der „Antworten“ liefert, derer man sich nur noch vergewissern muss.
          Einen Kanon von ewigen Weisheiten.
          Was das genaue Gegenteil von Marxismus ist, es ist Religion.

          Es gibt jedoch keine beliebigen „Narrative“ – ein Klaus E. Müller verfolgt einen Ziel damit, die gesamte Geschichte der Menschheit auf die „Diskriminierung von Frau“ umzuschreiben.
          Das Mahnmal für „alle im Nationalsozialismus verfolgten Schwulen und Lesben (=0)“ ist der *notwendige* Kollateralschaden dieser Ideologie.

          D.h. ich sehe hier die gleiche Vorgehensweise am Werk.

          Gruß crumar

        • @crumar:

          »D.h. frage nicht danach, wer die Erinnerung produziert hat, sondern, wer sie verwaltet.«

          Dein Beispiel mit der »Deutschen Ideologie« zeigt schön, dass der Mechanismus der Redaktion heiliger Schriften auch im säkularen Umfeld funktioniert. Der Unterschied ist, dass wir – anders als bei Jeez & Mo – bei Marx noch eine Chance haben, den Urtext gegen die Redakteure wiederherzustellen. Ich habe Marx immer als einen der soziologischen Klassiker verstanden, also in dem Sinne, dass er uns auch heute noch etwas mitzuteilen hat. Was hältst Du von der sechsbändigen Ausgabe von Hans-Joachim Lieber? Das ist die, die ich im Regal stehen habe.

          »ein Klaus E. Müller verfolgt einen Ziel damit, die gesamte Geschichte der Menschheit auf die „Diskriminierung von Frau“ umzuschreiben.«

          Ich bin auch der Meinung, dass Müllers Darstellung einseitig ist – interessanterweise ignoriert er die wenigen Beispiele, bei denen die feministische Vorstellung einer »geschlechtsegalitären Gesellschaft« auf empirisch festem Boden steht, also insbesondere die Irokesen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass er ein Ideologe ist, der gezielt eine Apologie eines feministischen Glaubenssatzes verfassen wollte, sondern er hat sich mehr von seinem eigenen Schwung mitreißen lassen. Und er ist ohnehin nicht in erster Linie ein Theoretiker der Geschlechterverhältnisse, sondern er sucht nach einem verallgemeinerten Modell primitiver Gesellschaften.

          In meinen Augen ist er wertvoll, weil er in dem betreffenden Buch eine ursprüngliche asymmetrische Komplementarität der Geschlechterverhältnisse auf den Punkt bringt, an der man sehen kann, was die Befunde der Evolutionspsychologie in der Perspektive kultureller Insitutionen bedeuten. Seine Akzentuierung als Unterdrückungsverhältnis halte ich nicht für zwingend.

    • Leszek Kolakowski berichtet in seiner Geschichte des Marxismus darüber, dass nach Reden des Genossen Stalin niemand als erster mit dem Applaudieren aufhören wollte, weil er als zu wenig linientreu diffamiert werden würde. Es kam dann wohl zu ziemlich absurden Szenen, bis irgendjemand es nicht mehr aushielt und zusammenbrach.

    • @crumar

      „… Stalinismus“,der sich“ bei christlicher Buß- und Demutskultur bedient“.

      Das trifft es schon ganz gut, aber mE ist es schlimmer.
      Bei den Stalinististen und Maoisten (eine ähnliche Richtung) war immerhin noch prinzipielle eine Läuterung vorgesehen. Der Bourgeouis konnte zum Proletarier werden, wie der Abweichler in den Schoss der kommunistischen Kirche wieder aufgenommen werden. In der Realität wurden natürlich gerade die Abweichler mit allen Regeln der Kunst fertiggemacht, aber das war von vorneherein nie so intendiert und verdsankt sich dann den Machtkämpfen der Ideologen untereinander.

      Bei der social justice Doktrin hingegen sind die Unterdrücker (Männer, Weisse, etc) allein von ihrer schieren Existenz her gar nicht in der Lage, durch Büssen und Bekennen sich wirklich zu läutern und zu bessern. Diese Möglichkeit wird ihnen seitens der dogmatischen Ideologie *prinzipiell* abgesprochen. Die einzige historische Parallele, die mE hier Sinn macht, ist die der nationalsozialistischen Rassedoktrin, die ebenfalls ein unbedingtes so-Sein ihrer „Sünder“ annahm, woaus sich zwangsläufig die physische Elimination dieser „Sünder“ als einzige Lösung des „Problems“ sich ergab. Genau das war bislang die Einmaligkeit des NS, die ihn qualitativ von den Exzessen des Kommunismus deutlich abhebt.

      Der Schuldkult selbst und die Forderung nach unendlicher Busse ist natürlich nicht auf den NS zurückzuführen, sondern klar auf die „christliche Buss- und Demutskultur“. Aber nicht auf die mainstream Kultur, in der die Seele dann in den Himmel sprang, wenn die Ablösesumme nur stimmte oder die Beichte abgeleistet war. Da gab es dann keine Vorhaltungen mehr, das war ja gerade der Sinn dieses Reinwaschens von der Schuld. Die Unbedingtheit der SJW begegnet uns nur in den regelmässig durch die Geschichte wiederkehrenden apokalyptischen christlichen Sekten wieder, die ebenfalls eine Dauerselbstkasteiung, geradezu um ihrer selbst willen, betrieben.

      Fragt sich nun, was primärer und charakteristischer ist: die NS-Parallele oder die zur christlichen Apokalyptik-Sektiererei. Ich plädiere auf letzteres.

      Die Beschreibung als „virtue signaling“ ist natürlich vollkommen unzureichend, unterkomplex oder einfach nur unangemessen und vestellt den Blick auf die historische Dimension des Phänomens dieser heutigen Bewegung der „Sozialen Gerechtigkeit“.

      • „Die Beschreibung als „virtue signaling“ ist natürlich vollkommen unzureichend, unterkomplex oder einfach nur unangemessen und vestellt den Blick auf die historische Dimension des Phänomens dieser heutigen Bewegung der „Sozialen Gerechtigkeit“.“

        ich glaube eine Mischung aus beiden wäre das informativste und würde auch die Einordnung erleichtern:

        Evolutionär gesehen ist es sehr sinnvoll, dass man „gut sein“ und die Übereinstimmung mit bestimmten moralischen Werten demonstrieren will. Deswegen entwickeln viele Gesellschaften Strukturen in denen dies geschehen kann. Dies kann einen Selbstläuferprozess starten, in dem ein Wettlauf um das bestmöglichste Zeigen entsprechender Werte auftritt, häufig verbunden damit, dass man das nichteinhalten bei anderen kritisieren darf und dies selbst als Zeichen der Verbundenheit zu den Regeln gilt. In Gesellschaften, in denen solche Prozesse bereits Teil der sozialen Normen sind, etwa darüber, dass diese Vorgänge bei einer Religion praktiziert werden, haben es auch andere Selbstläuferprozesse auf Virtue Signalling und Shaming leichter, weil die dahinterstehenden Gedankengänge normaler erscheinen. Ein solcher Selbstläuferprozess ist in Amerika beispielsweise die dortige Form des Christentum. In Deutschland könnte es beispielsweise Fremdenfeindlichkeit aufgrund der deutschen Vergangenheit sein, die aus dem „Antideutschsein“ die Regeln in linken radikalen Kreisen leicht übertragbar macht.

        • @chris

          Das mit „virtue signaling“ und Beschämung scheint in mehr oder minder ausgeprägter Form universelles Kennzeichen jeder menschlichen Gruppendynamik zu sein.

          Es ist vor allem ein Mittel zum Schaffen und Aufrechterhalten der eigenen Identität gegnüber „dem Anderen“. Während die milderen Formen noch einladend gegenüber „dem Anderen“ sind, sind die radikaleren, fanatischen Formen tendenziell und dann nur noch auf Abgrenzung bedacht. Und hier hebt sich die „virtue“, die Tugendhaftigkeit dann selbst auf, wenn als einzige „Tugend“ nur noch der „Wille zur Macht“ gilt, wie bei den „Progressiven“ zu sehen. Die brauchen nämlich gar kein Einvernehmen mit den Gläubigen mehr, die über Tugendhaftigkeit hergestellt wird — sie werden zum personifizierten Dogma selbst. Und das braucht sich nicht mehr zu rechtfertigen, sondern kann verfahren, wie es ihm beliebt.

        • „“..Evolutionär gesehen ist es sehr sinnvoll, dass man „gut sein“ und die Übereinstimmung mit bestimmten moralischen Werten demonstrieren will. Deswegen entwickeln viele Gesellschaften Strukturen in denen dies geschehen kann..““

          Evolutionär gesehen ist es sehr sinnvoll, dass man „gut sein“ und die Übereinstimmung mit den physikalischen Gesetzen demonstrieren will. Deswegen entwickeln viele Gesellschaften Strukturen in denen dies geschehen kann.

    • @crumar

      „Dieser Mechanismus produziert und reproduziert massenhaft devote Individuen, die sich und andere aggressiv denunzieren ohne das man überhaupt eine zentrale Instanz benötigt.“

      Die zentrale Instanz besteht. Sie ist in allen Theorien des Feminismus und darüber hinaus etc die gleiche: die „Unterdrücker“ sind „ewig“ und nicht zu läutern oder zu bekehren. Sie können nur dienlich sein, bis zu einem gewissen Grade. Ihre blosse Existenz verunmöglicht jede Gleichheit mit ihnen.

      Das System funktioniert, und hier hast du recht in Bezug auf die „zentrale Instanz“ auch ohne oberste Autorität, ohne „Papst“. Genauer gesagt: es kann mit solchen realen Autoritäten auch gar nicht funktionieren. Denn die Glaubenslehre ist so absurd und antilogisch, dass niemand sie schultern könnte. Es liegt in der Natur dieser Doktrin, dass sie dezentral, rein ideologisch und unpersönlich herrschen muss.

      „So sehen sie aus, die neuen Untertanen.“

      Die schlimmste und fanatischste Herrschaftsform, die die Moderne hervorgebracht hat. Deren Untertanen sind die Schatten ihrer selbst.

      • „Die schlimmste und fanatischste Herrschaftsform, die die Moderne hervorgebracht hat.“

        Aus dieser Perspektive macht das strategische Bündnis mit dem Islam auch nochmals Sinn.
        Denn damit kann man sich hinter dem Islam verstecken. Weil der nämlich weniger schlimm ist. Denn der kennt und will letztlich nur die Konversion zu diesem Glauben erreichen, womit dann tatsächlich eine Gleichberechtigung für den Konvertiten hergestellt ist.
        Es wäre also das kleinere Übel, dem Islam beizutreten als dem Kult der „Sozialen Gerechtigkeit“!

        Unfassbar, oder?!?

    • „….hat sich bei christlicher Buß- und Demutskultur bedient.“

      Ich mußte auch spontan an die öffentliche Selbstgeißelung im Mittelalter denken.
      Unsere feministischen Fanatiker wissen wahrscheinlich nicht, in welcher Tradition sie stehen, und haben das nicht bewußt kopiert. Die öffentliche Selbstgeißelung scheint ein Phänomen zu sein, das sich von alleine in allen radikalisierten Ideologien bildet.

      • @mitm

        „Selbstgeißelung scheint ein Phänomen zu sein, das sich von alleine in allen radikalisierten Ideologien bildet“

        Das muss nicht so sein, wie zB schon der Unterschied zwischen Sunnis und Shia zeigt. Nur in der letzteren Richtung gibt es ein solches Äquivalent, der Kult um den „Mahdi“, der Staats- bzw theologische Doktrin vom Iran zu sein scheint.

  4. Das Perverse daran: diese Leute schlagen Kapriolen und machen Verrenkungen, um noch die kleinste Unachtsamkeit aufzuspüren, die ihnen unterlaufen sein könnte – aber nur, solange es in ihre scholastische Opferhierarchie passt.

    »Es ist oft schwer, sein eigenes Fehlverhalten als solches wahrzunehmen.«

    Es ist unmöglich, sein eigenes Fehlverhalten als solches wahrzunehmen, wenn das Opfer der Diskriminierung ein Mann ist, denn in der invertierten Hackordnung der Opfer darf nur von unten nach oben gehackt werden, und Männer stehen eben per definitionem (und nicht per Empirie) an der Spitze dieser Hackordnung.

    Das Ganze ist nichts weiter als eine bis auf die Knochen narzisstische Tugendkonkurrenz von Leuten, die keine echten Probleme kennen und die lieber zehn exotische, weibliche Opfer-of-Colour im Hochland von Birma unterstützen als einen weißen männlichen Nachbarn im Plattenbau gleich nebenan.

    • Ich frage mich auch, nach welchen Kriterien das geschehen sollte? Wer legt denn fest, was Fehlverhalten ist und was nicht? man darf niemand verletzen? Werden die Mitglieder von Pegida nicht verletzt, wenn man sie als Rassisten oder „Pack“ bezeichnet? Aber das ist ja offenbar erlaubt. Wer legt denn das fest? Immer der, der grade die Klage erhebt? das ist doch reine Willkür!

      • @elmocho
        „Wer legt denn fest, was Fehlverhalten ist und was nicht?“

        Das ist ganz einfach: es geht ganz nach deiner Identität. Deine Identität, also Existenz, bestimmt darüber was du zu sagen hast oder eben nicht.

        „das ist doch reine Willkür!“

        Genau das. Man muss aber die Spielregel beachten, dass jede Klage und jeder Vorwurf sich auf die Verletzung des eigenen So-Seins, der eigenen Identität bezieht. Dann und so ist alles erlaubt.

      • Tja, und letzten Endes geht es ja immer nur um Machtverhältnisse; wer die Macht hat, bestimmt nicht nur was wahr ist und was nicht, sondern auch was man tun soll/muss und was nicht.

        So ähnlich dachte meines Wissens auch der faschismus.

  5. „Warum erhalten Frauen* andere Arten von Drohungen als Männer*?“

    Diese Frage ist bei Feministen sehr beliebt und die Antworten hängen natürlich meist mit Struktur usw. zusammen. Was natürlich als weiterer Beweis für die Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft gewertet wird. Dabei geht es leider weniger darum die Wahrheit herauszufinden als eine Erklärung zu haben die bereits vorhandene Theorien bestätigt.

    Meiner Meinung nach ist tatsächliche Antwort viel unkomplizierter und enthält viel mehr Fakten und weniger Annahmen. Jemand der Drohungen schreibt hat im Bezug dgrößtenteils jede moralische Rücksicht gegenüber einer Person verloren. Häufig ist es schon bei bewussten Beleidigungen der Fall. Dazu kommt dann natürlich die Tatsache, dass die Worte den anderen möglichst schwer treffen sollen. Einem Mann zu schreiben, dass man ihn vergewaltigen will würde da überhaupt keinen Sinn ergeben. Der würde das wahrscheinlich nicht besonders Ernst nehmen. Mühe steht dabei „zum Glück“ auch selten im Vordergrund also greifen die meisten Leute da auf typische Dinge zurück von denen sie glauben es würde die „gewünschte“ Wirkung haben. Jene die mehr Aufwand betreiben beachten dagegen das Geschlecht wieder weniger und greifen gleichzeitig zu noch „besseren“ Hebeln um jemanden fertig zu machen. Damit niemand der das hier zufällig liest sich davon inspirieren lässt nenne ich dafür bewusst keine Beispiele.

    • @resolute Nuss

      Die Antwort halte ich auch für offensichtlich: Weil Frauen vor anderen Sachen Angst haben als Männer. Wenn Vergewaltigung bzw sexuelle Taten bei Frauen als das ultimative Verbrechen gilt, dann wird es eben auch als Drohung eingesetzt werden.

    • „Dabei geht es leider weniger darum die Wahrheit herauszufinden….“

      „Wahrheit“ ist für die doch ein „patriarchales Konstrukt“ zur Unterdrückung, nicht?

      „…als eine Erklärung zu haben die bereits vorhandene Theorien bestätigt.“

      Das ist auch keine „Theorie“, sondern ein Dogma. Ein unverrückbarer Glaubenssatz. Nach dem die „Wahrheit“ eben eine unterdrückerische Idee ist, die absolut abzulehnen ist, genauso wie „Objektivität“ und „Universalismus“ und all die anderen Konzepte, die nicht rein subjektiv sind.

      „Jemand der Drohungen schreibt ….“

      Was eine „Drohung“ überhaupt ist, ist ebenso der reinen Subjektivität anheim gestellt, jedenfalls was die Feministinnen betrifft und die anderen Leugner jeder Möglichkeit einer Objektivität.

      „Damit niemand der das hier zufällig liest sich davon inspirieren lässt nenne ich dafür bewusst keine Beispiele.“

      😀

  6. „Allenfalls will man anmerken, dass man doch bitte die Kritik stoppen könne, wenn der andere es eingesehen hat und „um Verzeihung gebeten hat“ (klingt ganz schön dramatisch).“

    Ist das Konsens? Um Verzeihung bitten „klingt ganz schön dramatisch“?
    Warum, was genau steckt dahinter?

  7. Das „Virtue Signalinging“ ist symbolisches Kapital. Es wird angehäuft, um es bei Bedarf in kulturelles(z.B. Publizität), ökonomisches(Posten) und v.a. soziales Kapital (Geborgenheit und Ansehen in der „Filter-Bubble“) zu konvertieren.

    Das ist der Vorgang auf individueller Ebene. Makroskopisch gesehen findet jedoch etwas viel interessanteres statt. Das soziale System „Feminismus“ erlebt, wie jedes soziale System bzw. wie jedes System im Allgemeinen, eine funktionale Differenzierung, welche sich interessanterweise anhand von individuellen Personen vollzieht. Das System „Feminismus“ zerfällt in die Out-Caller und die Out-Called, die Tugendhaften und die Sünder. Die Existenz beider Seiten ist essentiell für den Fortbestand des Systems. Wären alle Sünder, würde die Autorität nach außen hin verblassen, wären alle tugendhaft, so käme es zu einer Lähmung der internen Dynamik des Systems. Diese ist ein dialektischer Prozess und deshalb vom Gegensatz abhängig.

  8. Pingback: Schoppe zu Beauvoir und Hausarbeit vs. Erwerbstätigkeit | Alles Evolution

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