„Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar“

Bei <3, also „Kleiner Drei“, dem Blog von Wizorek, ist ein Beitrag zu Gina Lisa erschienen, aus dem ich einige Absätze ganz interessant fand:

Aber auch ein schärferes Sexualstrafrecht wird das viel tiefer verankerte Problem in unserer Gesellschaft nicht beheben: Vor allem als Frauen gelesenen Menschen wird zu oft in dieser Gesellschaft das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, nicht zugestanden. Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar. Es gilt im Mainstream als selbstverständlich, als Frauen gelesene Menschen für sexuelle Handlungen nicht nach Zustimmung zu fragen.

Das ist eine klassisch feministische Argumentation, die mich dennoch immer wieder überrascht. Die Aussage „Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar“ ist auch meiner Sicht vollkommen falsch, nichts gilt als schwerer verfügbar als weibliche Sexualität, bei gleicher Begehrtheit. Männer wissen, dass weibliche Sexualität etwas ist, für das man oft hart arbeiten muss oder bei dem man das Glück haben muss, dass sie einen interessant findet. Weibliche Sexualität ist nicht etwas, was man automatisch als gegeben voraussetzt, es ist ein rares Gut.

Und natürlich gilt es im Mainstream als etwas, was man nur mit Zustimmung bekommt, weswegen viele Männer beim Flirten oder beim Sprechen mit Frauen nervös sind, bei dem sie Angst haben, durch die Zurückweisung verletzt zu werden, bei dem sie Interesse daran haben, zu erfahren, wie man diese Zustimmung bekommt.

Es folgt aus dem Umstand, dass viele keine Ahnung haben, wie sie an dieses rare Gut kommen, dass sie auf Masse setzen oder übergriffig werden, weil sie wissen, dass eine Verfügbarkeit ansonsten nicht besteht. Aber die, die das machen, dass sind immer noch wenige, die meisten Männer bekommen allenfalls in einer Flirtsituation den Übergang nicht hin und fassen zu früh ans das Bein des Objekts der Begierde oder versuchen beim Tanzen körperlicher zu werden, weil man ja irgendwie diesen verdammten Übergang hinbekommen muss, wenn man auch meint, dass sie einen mag.

Die Unterstellung, dass weibliche Sexualität als ständig verfügbar gilt ist insofern weit an der Realität vorbei.

Eher gilt männliche Sexualität als ständig verfügbar. Denn Frauen wissen, dass sie immer einen finden können, der mit ihnen schlafen würde, wenn sie es ihm anbieten. Würden Frauen Cold Approachs auf Sex machen, also Männer auf der Straße einfach auf Sex ansprechen und sich dabei zumindest nicht mehr als einen Punkt von ihrem eigenen Schönheitswert auf einer Skala von 1-10 bewegen, dann wäre ihnen der Erfolg gewiss, wenn sie ein paar Männer ansprechen. Einer Frau würde der Satz „von 5 Singlefreunden aus deinem Freundeskreis würde keiner mit dir schlafen wollen, wenn du ihn anrufst und fragst, ob sie etwas „Netflix mit dir schauen wollen““ wohl eher mit einem amüsierten Lachen quitieren. Und wenn eine Frau mit der klaren Ansage Sex zu wollen sich auf einer passenden Internetseite anmeldet wird das Postfach schnell voll sein. Das Ablehnen von Sex, eine Zurückweisung von Sex einfach so, werden Frauen eher als Beleidigung werten, zumindest wenn er Single ist und bei hinreichender Schönheit auch sonst.

Nur beschweren wir uns eben nicht darüber.

Ihr weiteres Fazit ist:

Diese patriarchale Gesellschaft und dieses patriarchale Recht haben diese Übergriffe ins Private und zu oft in die betroffene Person selbst verdrängt. Und so haben wir in einer Gesellschaft, in der weibliche Verfügbarkeit Normalität ist und das Gesetz eine_n nicht schützt, nie gelernt, darüber zu reden. Stattdessen plagen eine_n Selbstvorwürfe. Vielleicht war es dieses Mal ja auch gar nicht so schlimm? Vielleicht hätte ich ja auch (früher) was sagen müssen? Vielleicht hätte ich mich unauffälliger verhalten sollen? Vielleicht meinten sie das gar nicht so?

Das hat aus meiner Sicht wenig mit der patriarchalen Gesellschaft zu tun, sondern schlicht mit der Frage, ob es sich lohnt dagegen vorzugehen, wenn etwas bereits geschehen ist. Und auch damit, dass es eben häufig ein Dialog ist, in dem man gewisse Zeichen setzt, einlädt, dann vielleicht doch Zweifel hat, aber dennoch mitmacht und es später evtl bereut. Und natürlich ist es auch dem Umstand geschuldet, dass eben einige Männer auf eine Massentaktik setzen, die Belästigungen mit sich bringen kann und die damit durchaus eine hohe Zahl von Frauen erreichen. Das Frauen, die an sich gerne Signale senden oder unsicher sind, da eher Opfer werden kann ich mir durchaus vorstellen.

Tatsächlich finden es aber auch viele Frauen nach meiner Erfahrung gar nicht so schlimm, wenn ein Typ etwas versucht, eine gewisse Sympathie vorausgesetzt. Sie sehen privates nicht als politisch an, sondern genießen vielleicht das Gefühl begehrt zu sein, auch stürmisch begehrt zu sein oder sind in einem Zwiespalt von „Sex ist gut und macht Spass“ und „Ist es zu gefährlich oder bin ich dann eine Schlampe“. Es kann da viele Gründe geben. Natürlich kommen noch Enthemmer wie Alkohol etc auf beiden Seiten dazu.

Diese Selbstvorwürfe und diese Sprachlosigkeit machen krank. Es braucht endlich ein Recht, welches wirklich auf der Seite der Opfer, statt der Täter steht. Eine Reformation des Sexualstrafrechts ist deswegen längst überfällig.Ich hoffe, es wird dann auch möglich, das Schweigen zu brechen, all diese Fälle öffentlich zu machen und zu bestrafen. Ich hoffe, dann wird es möglich, endlich in einer Gesellschaft zu leben, in der wir allen Personen mit Respekt begegnen und ein konsensuales Miteinander Selbstverständlichkeit ist.

Das ist ein netter Traum, aber es werden nach wie vor die meisten Fälle nicht angezeigt werden schlicht weil der Aufwand dafür in keinem Verhältnis zu dem Nutzen für die Anzeigende steht.