Männer sollten auf die Ängste der Frauen Rücksicht nehmen und die Straßenseite wechseln

Bekanntlich hatte Margarete Stokowski einen Artikel zur toxischen Männlichkeit geschrieben, der dann mit folgender Forderung aufhörte:

„Selbst Männer, die sich für komplett harmlos halten, können etwas dafür tun, dieses Klima der Angst zu ändern. Wenn Sie zum Beispiel abends auf der Straße allein hinter einer Frau laufen und diese Ihre Schritte hört, oder wenn Sie ihr entgegenkommen, wechseln Sie doch die Straßenseite. Sie ahnen nicht, wie erleichternd das sein kann.“

Was mich an diesem Vorschlag stört ist schlicht, dass er aus einer bestimmten Position herauskommt, die allen Männern eine Kollektivschuld für das Handeln einzelner zuweist. Weil Menschen aus der Gruppe Männer Frauen Angst machen, so Stokowoski, müssen es auch die Männer und nicht die Frauen sein, und zwar auch die Männer die gar nichts gemacht haben, die Mühen auf sich nehmen um diese Angst zu milden.

Tatsächlich geht es denke ich vielen Männern so, dass sie mitunter entsprechende Ängste wahrnehmen und nicht richtig wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Sie merken, dass die Frau sich unwohl fühlt und wollen nicht bedrohlich sein. Das kann zu einem Dilemma führen, welches Maddes8cht hier in einem Kommentar gut dargestellt hat:

Ich empfinde es gelegentlich als wirklich unangenehme Situation, allein auf offener Straße einer Frau zu begegnen.

Situation z.B, die immer mal wider vorkommt.: Mit der Straßenbahn nach Hause fahren.
An der Zielhaltestelle steigt eine (junge?) Frau mit aus, aber weiter vorn (bei nem Doppelwagen können das schon mal 20, 30 Meter sein), so dass ich hinter ihr herlaufe. Sie hat blöderweise die gleiche Richtung wie ich.

Nach so spätestens 50 bis 150 Metern, wenn die Bahn weitegefahren und die Geräusche verebbt sind, muss sie eigentlich bemerken, dass ich hinter ihr her laufe.
Nu hab ich einen flotten Schritt, und viele Frauen laufen eher langsamer, also hole ich schnell auf. Ich will, wenn ich aus der StraBa komme, normalerweise schlicht und einfach bloß nach Hause.

Also ist im Grund das einfachste, einfach flott weiter zu laufen, und die Frau zu überholen, wenn man soweit ist.
Was macht die Frau aber, je näher ich ihr komme?
Sie läuft schneller !

Normalerweise sollte es einfach möglich sein, einfach in seinem eigenen Tempo und ohne all zu große Gedanken an andere die paar hundert Meter nach Hause zu gehen.

Ist es aber nicht. Ich Spüre geradezu das Kopfkino bei der Frau vor mir.
Soll ich nun langsamer laufen, bloß wegen der Frau? Noch schneller laufen, um zu überholen? Das mutet dann schon wie eine Verfolgung an.
Gar umständlich die Straßenseite wechseln, obwohl ich in 300 Metern wieder auf diese Seite muss, weil ich dort in die Seitenstraße einbiege?
Man stelle sich vor:
Ich geh auf der anderen Straßenseite flott an ihr vorbei. Die Chance, das gerade geschafft zu haben, bis ich auf Höhe meiner Seitenstraße bin, sind ziemlich gut. Dann würde ich GENAU VOR DER FRAU wieder zu ihr rüberlaufen – direkt auf sie zu. DAS ist dann RICHTIG Creepy.

Durch die Lage meiner Wohnung relativ zur Haltestelle ist das eine Situation, die mir tatsächlich immer wieder begegnet. Allein die dahinter liegende Unterstellung mir gegenüber als Mann empfinde ich als belastend.
Eine Stokowski wird mir natürlich empfehlen, bitteschön mit Rücksicht auf die Frau einfach kurz an der Haltestelle zu warten oder eben sdeutlich langsamer hinter der Frau herzulaufen, so dass der Abstand sich nicht verkleinert, sondern vergößert.

Es ist aber nunmal so, dass es durchaus vorkommt, dass solche unverfolgt aleine laufenden Fauen durchaus ziemlich langsam werden können. Weiß man vorher nicht, aber kann sein.
Und wenn ich Hunger oder Durst hab oder, noch schlimmer, aufs Klo muss, hab ich dazu besonders keine Lust.

Ich schrieb an anderer Stelle unter dem Stichwort „Welche Klischees stören dich“:

Das Klischee des gefährlichen Mannes. Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewußtes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.

Dabei möchte ich anführen, dass es noch recht hell war und durchaus noch einige Leute auf der Straße. Es ist natürlich durchaus so, dass ich niemanden Angst machen möchte, ich sehe es aber, ähnlich wie maddes8cht auch nicht ein, dass ich große Mühen auf mich nehmen muss, weil ich ein Mann bin und mir daher als Klischee eine Gefährlichkeit unterstellt wird.

Ich habe verschiedene Diskussionen dazu geführt und dabei kamen einige Argumente immer wieder:

1. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, also sollte man es tun, weil man anderen keine Angst zumuten sollte, selbst wenn diese irrational ist

 

Das wäre so etwas der Gentlemangedanke, der auch schnell etwas ins beschützende abgleitet: „Wenn die armen Frauen so ängstlich sind, dann wechsele doch als Mann einfach mal die Straßenseite, oder willst du Frauen Angst machen?“ Die Irrationalität der Angst (unsere Gesellschaft ist so sicher wie nie, Übergriffe von Fremden relativ selten) spielt in dieser Betrachtung keine Rolle, weil die Angst eben da ist und ein guter Mann eine Frau keine Angst haben lässt, gerade wenn er selbst die Quelle ist.

Da schwingt aus meiner Sicht auch eine gewisse Verantwortung mit, eine Akzeptanz der Gefährlichkeit.

Denn das klassische Gegenargument wird meist nicht beantwortet:

Hier wird kaum einer bereit sein, von Schwarzen oder Moslems einen Wechsel der Straßenseite zu verlangen, obwohl es sicherlich viele Frauen gibt, die in diesem Moment ebenso Angst haben. Es wäre aber ein moralisch schwieriger zu rechtfertigende Angst, die eben Fremdenfeindlichkeit und nicht Männerfeindlichkeit enthält, so dass in dieser Betrachtung die Forderung unmoralisch erscheinen würde. Deswegen kommt in diesem Moment meist gar keine Antwort.

2. Ob es irrational ist, ist deswegen egal, weil man Frauen nicht vorschreiben darf, wann sie Angst haben dürfen, man muss akzeptieren, dass sie Angst haben und entsprechend handeln

Ein weiterer Ansatz ist der, den Frauen eine gewisse Definitionsmacht zuzuweisen, etwa wie folgt:

Ich hatte vorher angeführt, dass es aus meiner Sicht wahrscheinlich mehr Angst macht, wenn Männer in großer Zahl die Straßenseite wechseln, weil das Motiv damit eben ganz deutlich wird: Was wenn er nicht die Straßenseite wechselt, dann wird er mich vergewaltigen wollen.

Hier gilt dann, dass man als Mann in die Entscheidung, was rational Angst macht, nicht reinreden darf. Diese muss man akzeptieren. Was natürlich auch durchaus richtig ist: Niemand kann kontrollieren, wovor er Angst hat. Aber Angst berechtigt dennoch nicht dazu, ein bestimmtes Handeln über das normale hinaus zu verlangen, schon gar nicht von einer ganzen Gruppe.

Der zweite Fehler dabei ist, dass es ja gar nicht alle Frauen verlangt haben, sondern eben nur Margarete Stokowski. Viele Frauen haben sicherlich ein mulmiges Gefühl – wie auch durchaus Männer bei zwielichtigeren Gestalten in einer dunklen Nacht – aber sie wissen, dass diese irrational ist und erwarten nicht, dass Männer deswegen große Umwege machen.

Andere Frauen führen es sogar deutlicher aus, dass sie es als ungerechtfertigte Panikmache sehen:

Auschfrei:

[Sie] zeichnet damit ein weltfremdes Bild überängstlicher Frauen, und ihrer permanenten eingebildeten Bedrohung durch Männer.

Für mich soll bitte kein Mann die Straßenseite wechseln. Das empfände ich als respektlose, ausgrenzende Geste, als wolle er mir zu verstehen geben, dass er mich für eine hysterisch-ängstliche Tussi hält, die nicht in der Lage ist, die Situation realistisch einzuschätzen.

Oder Miria:

Warum hält die das für eine Selbstverständlichkeit? Wer schürt denn dieses Klima der Angst? Sind das nicht eigentlich genau solche Artikel wie der hier besprochene, die mit einer Aufzählung von Verbrechen beginnen, um zu zeigen wie böse die männliche Hälfte der Menschheit ist?

Ich halte es hingegen für eine Selbstverständlichkeit, dass ich als Frau jederzeit überall hingehen, joggen oder sonstwas tun kann. Ich sehe es überhaupt nicht ein, mich von solchen Möchtegern-Feministinnen verängstigen zu lassen! Feminismus sollte bedeuten, Frauen zu empowern statt zu verängstigen!

Sollte ich mal Margarete Stokowski begegnen, werde ich ganz bestimmt die Straßenseite wechseln, solchen Personen möchte ich nicht zu nahe kommen!

Und auch auf Twitter habe ich entsprechendes gefunden:

Was auch deutlich macht, dass die Auffassung, dass Feministinnen automatisch für Frauen sprechen, so eben keineswegs stimmt. Tatsächlich sehen sich auch die meisten Frauen nicht als Feministinnen, weil ihnen diese zu extrem sind.

3. Weiteres

Ich finde die Angst der Frauen durchaus verständlich, weil Angst eben auch ihre evolutionären Gründe hat und Übergriffe auf Frauen einen sehr hohen Preis haben können, so dass auch eine übertriebene Angst evolutionär sehr sinnvoll gewesen sein kann. Hier muss man bedenken, dass wir heute in wesentlich sichereren Zeiten leben, so dass damals die Anwesenheit eines Fremden sicherlich noch mehr Grund zur Angst war.

Deswegen halte ich aber die Panikmache im Feminismus dennoch für schädlich, weil sie diese Furcht zusätzlich bedient und Appelle, dass man nun an jedenfalls die Straßenseite wechseln solle sogar für kontraproduktiv und zudem schlicht unrealistisch. Wie man an jedem Trampelpfad in einem Park, der einen schönen Rasen zerstört, aber den Weg etwas abkürzt, sieht, ist der Mensch zu faul dazu, solche Mühen auf sich zu nehmen – und das auch durchaus zurecht. Denn die, die bereit sind auszuweichen, würden eh der Frau nicht gefährlich werden und haben abseits des Virtue Signalling kein Interesse daran. Das dieses Signalling zudem nur bei einer Fremden sinnvoll ist – vor einem bekannten Mann werden die wenigsten Frauen Angst haben, macht es noch unattraktiver.

Bei mir würde noch eine Trotzreaktion dazu kommen. Um so mehr es als Pflicht dargestellt wird, die aus meiner Erbschuld als Mann kommt und nicht nur eine starke Höflichkeit ist, die ich freiwillig ausführe, um so mehr sinkt auch meine Bereitschaft dazu. Denn dann empfinde ich es als Anmaßung mir gegenüber, die ich zurückweisen möchte.