Erkenntnistheorie nach Willard Van Orman Quine

Dies ist ein Gastartikel von El_Mocho.

Traditionell gilt der Zweifel als Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie. Wir stellen im Alltagsleben fest, dass wir häufig etwas für wahr halten, das sich dann später als unwahr herausstellt. Aus rein lebenspraktischer Sicht ist es wichtig, wahres und unwahres unterschieden zu können. Wie erreichen wir das?

Bekannt ist die Antwort von Descartes: Wenn ich alles wegnehme, was falsch sein könnte, bleibt zurück, was unbezweifelbar wahr ist: nämlich dass ich denke: „Ich denke, also bin ich“. Und ausgehend vom denkenden Ich können wir dann die Welt untersuchen und feststellen, was wahr und was falsch ist. Hier beginnt die idealistische Philosophie bis hin zu Kant und zu postmodernistischen Theorien.

Der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine (1908 – 2000) ging jedoch einen ganz anderen Weg: Er hielt den Zweifel als Ausgangspunkt für irreführend. Er schreibt über Illusionen (z.B. Die Wahrnehmung eines Ruders im Wasser als gespalten, obwohl es ganz ist):

„Ich welchem Sinn sind es Illusionen? In dem Sinn, dass sie materielle Objekte zu sein scheinen, aber es in Wirklichkeit nicht sind. Illusionen sind Illusionen nur relativ zur vorhergehenden Annahme wirklich existierender Körper, denen sie kontrastiert werden.“

Das im Wasser gespaltene Ruder fällt nur als Täuschung auf, weil wir bereits wissen, dass es nicht gespalten ist: „In einer Welt die nur aus Sinneswahrnehmungen ohne die Annahme realer Körper bestehen würde, hätten Illusionen keinen Platz.“ Logisch, da die Illusionen genau solche Wahrnehmungen sind, wie wirklich existierende Dinge.

Demnach ist der Zweifel also nicht der richtige Ausgangspunkt für die Erkenntnistheorie:

„Erkenntnistheorie sollte als Teil der Naturwissenschaft betrachtet werden. Cartesianischer Zweifel ist nicht der richtige Anfang. Wir können unsere Überzeugungen über die Natur beibehalten, und trotzdem fragen, wie wir sie erlangt haben. Die Wissenschaft sagt und, das die einzige Quelle unserer Informationen über die Welt außer uns der Einfluss von Lichtstrahlen und Molekülen auf unsere Sinnesorgane ist. Von diesen Stimuli ausgehend gelangen wir schließlich zu einer ausgearbeiteten, brauchbaren Wissenschaft. Wie machen wir das, und warum funktioniert die daraus resultierende Wissenschaft so gut?“

Genau dies ist die Fragestellung der Erkenntnistheorie, so wie Quine sie versteht.

Es zeigt sich nun, dass am Anfang der Erkenntnis einfache Induktion steht, der Schluss vom besonderen auf das Allgemeine; die Erwartung, dass in der Vergangenheit stattgefundene Ereignisse auch in Zukunft so stattfinden werden. Quine: „Menschen neigen zu dieser Annahme, genau wie andere Tiere.“ Und an anderer Stelle: „Wir haben eine angeborene Disposition, zu erwarten, dass ähnliche Ereignisse auch ähnliche Folgen haben.“ Und da alle Menschen eine gemeinsame Abstammung teilen, teilen sie auch diese Erwartungen: „Diese Harmonie wird durch einen gemeinsamen Genpool stabilisiert.“

Beispiel: in der Wahrnehmung einer Katze folgt dem Geräusch der Kühlschranktür die Gabe von Futter. Also geht sie in Zukunft in die Küche, wenn sie das Geräusch hört. Dies setzt schon ein rudimentäres mentales Leben voraus; sie muss in der Lage sein, das Geräusch zu identifizieren, wenn es sich wiederholt, und hier kommt die Evolutionstheorie ins Spiel. Quine: „Individuen, deren Wiedererkennungsmöglichkeiten zu richtigen Erwartungen führen, haben eine gute Chance, Futter zu finden und so zu überleben und sich zu reproduzieren.“

Diese Wiedererkennungsstandards werden natürlich durch Lernen verbessert, aber sie beruhen auf der simplen, angeborenen Fähigkeit zur Induktion.

Der nächste Schritt ist dann die Fähigkeit, auch das umgekehrte Verfahren anzuwenden: aus der Erfahrung Thesen abzuleiten und diese Wiederum auf ihre Richtigkeit hin an der Realität zu überprüfen, die sogenannten hypothetisch-deduktive Methode. Diese können Katzen z.B. nicht anwenden, da ihnen die Fähigkeit zum Sprechen und abstrakten Denken fehlt.

Entscheidend ist hier die Fähigkeit, Erfahrungen sprachlich zu formulieren. Quine nennt die entsprechenden Formulierungen „Observation Sentences“, Beobachtungssätze. Ihr entscheidendes Kennzeichen ist ihre intersubjektive Überprüfbarkeit; Beobachtungssätze sind nicht einfach nur Wiedergabe von subjektiven Beobachtungen. Überprüfbarkeit setzt voraus, dass alle Sprecher eine gemeinsame Welt teilen. Der Satz: „Da geht Johns alter Lehrer“ ist ein einfacher Beobachtungssatz, aber um ihn zu verifizieren, muss man wissen, wer John ist und wer sein alter Lehrer ist.

Alle Wissenschaft beruht auf Beobachtungssätzen, aber dazu es ist notwendig, zu abstrakteren, nicht auf Beobachtung basierenden Sätzen zu gelangen. Im Prozess des Spracherwerbs lernt das Kind, die Bezeichnung „rot“ mit einer bestimmten Sinneswahrnehmung zu verbinden. Immer wenn die betreffende Wahrnehmung auftritt, nennen die Erwachsenen sie rot, und das Kind imitiert diese Bezeichnung schließlich. Genauso geht es auch mit abstrakten Begriffen, deren Gebrauch auch durch Imitation gelernt wird, aber verstanden werden sie nur, wenn Beziehung zu den Beobachtungssätzen besteht. Einen abstrakten Begriff, den ich nicht (wie entfernt auch immer) mit einer Beobachtung verbinden kann, habe ich nicht verstanden.

Aber wie gelangt man zu Sätzen, die sich nicht auf beobachtbares beziehen? Quine führt als Beispiel an „A dog is an animal.“ Quine: „Das Kind hat den Begriff „Hund“ durch Beobachtung in Gegenwart von Hunden gelernt, und ebenso den Begriff „Tier“ (auch in Gegenwart von Hunden, aber nicht nur Hunden). Die Assoziation des Wortes „Hund“ mit Hunden und „Tier“ mit Hunden disponiert dazu, auch auf das Wort „Tier“ entsprechend zu reagieren, als ob ein Hund anwesend wäre.“ Die Reaktion der Umwelt bringt also das Kind dazu, die beiden Begriffe Hund und Tier in Verbindung zu setzen. Somit hat es gelernt, Einzelbegriffe unter allgemeine Kategorien zu subsumieren.

Ich übergehe nun die Rekonstruktion der Entstehung weiterer Sprachfunktionen wie Prädikate usw. durch Quine. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Quine eine Erklärung des menschlichen Erkenntnisvermögens bietet, die ohne transzendentale Vorannahmen und ohne metaphysische Begriffe auskommt. Das „Subjekt“ ist das biologische, materielle Wesen, das in der Evolution entstanden ist und in ihr zu überleben und sich zu reproduzieren versucht. Menschliches Erkennen beruht auf tierischem Erkennen, auf vorsprachlicher Basis: Die Annahme der idealistischen Philosophie, dass es kein Erkennen ohne Begriffe geben kann, ist damit zumindest relativiert; Begriffsbildung ist vielmehr eine Fortsetzung der genetisch fixierten Erwartung der Aufeinanderfolge gleicher Ereignisse. Und das es keinen nichtdiskursiven (=sprachlichen) Zugang zur Realität gibt, wie die Postmodernisten meinen, ist damit auch wiederlegt. Schließlich erkennen auch Tiere, die nicht sprechen können, die Realität gut genug, um zu überleben.

Alle Zitate aus Qines Aufsätzen „The Nature of natural Knowledge“ von 1975 und „Naturalism“ von 1990, die ich leider beide nicht im Netz gefunden habe. Meine Übersetzung ins Deutsche.

Ich freue mich immer über Gastartikel. Bitte an die hier genannte Emailadresse senden.

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13 Gedanken zu “Erkenntnistheorie nach Willard Van Orman Quine

  1. Wo aber ist der Unterschied zwischen „Zweifel“ und dem Konzept der „Illusion“? Quine hat hat doch nur lediglich das Prinzip des Zweifelns auf die Wahrnehmung von Objekten angewendet und wieder mal darauf hinwiesen, dass ein Objekt etwas völlig Verschiedenes ist als die *Idee* eines Objekts. Was Idealismus ist.
    Stimmig ist schon, dass die Reduktion auf das „ich denke als bin ich“ nicht wirklich als erkenntnistheoretische Methode zu verstehen ist, sondern eher als Gedankenexperiment, welches zeigt, dass den Sinnen nicht zu trauen ist, sondern nur dem abstrakten Denken. Nur dieses ist überhaupt in der Lage, eine Kategorisierung und ein Verständnis der beobachteten Welt, der Natur, zu leisten.

  2. Gestern las ich (bis die Augen zufielen) einen hochinteressanten Essay. der zum Thema mir bestens zu passen scheint.

    Ein Yoram Hazony schreibt unter dem erst mal befremdlich erscheinen mögenden Titel „The Bible and Leo Strauss“…..
    http://jerusalemletters.com/the-bible-and-leo-strauss/
    ….. (aus einem Buch von ihm) einen hervorragende Abhandlung über die Entstehung der Philosophie, wie das abstrakte Denken entstanden ist und wie die Idee des *Universalismus*, der Besonderheit des neuzeilichen westlichen, wissenschaftlichen Denkens, zustande kam. Es ist als Auseinandersetzung mit Ideen des Philosophen Leo Strauss geschrieben, um noch eine interessante Ebene der Auseinandersetzung einzubeziehen.

    Der erste Satz, den Hazony eingehend widerlegt, stellt gleich das Problem in den Mittelpunkt:

    „The Jewish philosopher Leo Strauss held that the Hebrew Bible should be regarded as being in “radical opposition” to philosophy and as its “antagonist.” This is an influential view, which has contributed much to the ongoing omission of the Bible from most accounts of the history of political philosophy. In this essay, I examine Strauss’s arguments for this exclusion of the Bible from the Western tradition of political philosophy and conclude that his views cannot be accepted without amendment. I propose a revised approach to the history of political philosophy that preserves Strauss’s most important insights, while recognizing the Hebrew Bible as a foundational text in the Western tradition of political philosophy.“

    Der Autor wird, keine Sorge, in keiner Weise metaphysisch, die Vorangehensweise ist streng analytisch und rationalistisch.

    „As I point out in my book, one of the principal ones is that the familiar de-judaized historical narrative is the product of the German Enlightenment’s view of Western intellectual history, which sought to attribute anything of worth in the Western heritage to the Greeks, and to eliminate any trace of Jewish intellectual contributions.“

    Dieses Verleugnen der jüdaischen Tradition der westlichen Moderne ist ein extrem wichtiger Aspekt der neuzeitlichen westlichen Philosophie und kann in ihrer politischen Dimension gar nicht hoch genug bewertet werden. Der Leo Strauss dient hier als Vertreter jener neuen westlichen Tradition, die die philosophischen Wurzeln kappen und leugnen (und umdefinieren) möchte:

    „…Strauss continues to be one of the of the most powerful voices heard in opposition to viewing the Hebrew Bible as part of the Western tradition of political philosophy.“

    Zentral ist dabei, wie die Auffassung von Natur (also die Beschaffenheit der „Welt“) entstand, hier ein entscheidener Ausschnitt dazu:

    „Strauss’s case for excluding the Bible from philosophy has a number of dimensions to it. But the most important is Strauss’s thesis that the history of philosophy is identical with the rise and development of the concept of *nature*, where nature is defined as those aspects of reality that exist necessarily. On this view, there is a sharp distinction to be drawn between things that are genuinely true in all times and places, and so true “by nature”; and things that may be held to be true in certain times and places, but are in fact only so “by convention.” Strauss’s historiography posits a past in which all societies were “pre-philosophical,” in that all of them associated the true and the good with those laws and teachings that had been devised by their ancestors, hallowed by age-old tradition, and handed on to each new generation by means of unquestioned authority. Such pre-philosophical societies recognize no universal natures, but rather consider all things to be governed by “customs” or “ways” that are appropriate to them …..“

    Man sieht, dass dies auch das „postmoderne Denken“, mit seinen entschiedenen Anti-Universalismus und Partikularismus berührt, Leo Strauss wird von dieser Richtung ja auch gerne zitiert (vor so 10-20 Jahren war das regelrecht Mode, als die links-liberalen Medien auf ihren neuen partikularistischen Kurs einschwenkten und Nietzsche und andere rechte Denker für sich „neu entdeckten“).

    Jetzt hoffe ich aber hinreichend Interesse für diesen seeehr langen Essay geweckt zu haben. Die politischen Implikationen sind auch unübersehbar, vor allem in einer Zeit, die die Philosophie zur Handlangerin der Macht degradiert hat.

    Da greifen Ansätze von Quine, die Philosophie als Erkenntnismethode der Naturwissenschaften zurückführen möchten, auch zu kurz, um eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem politischen motivierten partikularistischen Denken zu führen, welches sich heutzutage anschickt die „Diskursmacht“ zu erringen, um den idealistischen Universalismus zu besiegen.

  3. Zitat: „Bekannt ist die Antwort von Descartes: Wenn ich alles wegnehme, was falsch sein könnte, bleibt zurück, was unbezweifelbar wahr ist: nämlich dass ich denke: „Ich denke, also bin ich“. Und ausgehend vom denkenden Ich können wir dann die Welt untersuchen und feststellen, was wahr und was falsch ist.“

    Können wir eben nicht, weil jenseits von „Ich denke also bin ich“ nichts mehr absolut gewusst werden, und alles angezweifelt werden kann. Niemand kann den Solipsismus widerlegen oder beweisen, also ist die Welt nur Glaube.

    • In der Tat. Woraus sich ergibt, dass es jedem überlassen ist, ob er an seine Vernunft glaubt, d.h., ob er zuversichtlich ist, dass es einen Maßstab außer ihm gibt und er optimistisch ist, dass die Natur ihn so eingerichtet hat, dass sein Denken und dieser Maßstab ähnlich sind.

      Diesen Optimismus auf die Spitze zu treiben, führt zum Idealismus. Den Glauben an eine Welt als Grundlage jeden Denkens zu leugnen, d.h., zu glauben, die Welt und das Denken seien „einfach so da“, ist der Positivismus. Zu glauben, dass die Welt durch Denken erzeugt wurde und dass dieses schaffende Denken das menschliche Denken übersteigt, ist der religiöse Standpunkt. Zu glauben, dass die Welt aus Denken erzeugt wird und diesem Denken zu attestieren, zum Denken nicht fähig zu sein, ist Postrukturalismus. Zu glauben, dass die Welt durch Denken erzeugt wird und dieser Erzeugung keinen Maßstab beizulegen, ist der Sollipsismus oder auch der Standpunkt eines Kleinkindes. Zu glauben, dass die Welt durch Denken erzeugt wird und traurig darüber zu sein, dass es nichts Handfestes gibt, weil „alles nur erdacht“ wurde, ist Skeptizismus. Zu glauben, dass das Denken aus Materie erzeugt wird, ist Materialismus. Zu glauben, dass es nicht klug sei, sich allzuviel Gedanken darüber zu machen, ob die Welt aus Denken, Nichtdenken oder Materie bestünde und es auch nicht klug sei, sich überhaupt keine Gedanken darüber zu machen, ist Realismus oder common sense.

      • @quellwerk

        Alles sei also nur eine Glaubensfrage.

        „Ich denke, also bin ich“ liefert aber eine Gewissheit. Insofern kann also nicht alles eine Glaubensfrage sein. Ausser man bezieht den „solipsistischen Standpunkt“ und erklärt das Ich zur Illusion. Ansonsten zwingt einen Decartes zum Weiterdenken und dem Suchen nach weiteren Gewissheiten. Die nächste Gewissheit ist, dass es die Vorstellung des Gleichen gibt, ein A gleich A und ein A ungleich B. Und dies gestattet es, nach empirischen Methoden die Natur zu strukturieren und zu erklären. Mit hohem Vorhersagewert, in den Naturwissenschaften zu ungeheuren Bergen des Wissens mittlerweile aufgebaut.

        Und das soll alles nur Glaube sein? Ein Glaube, der nicht unterscheiden kann ob das Ich Illusion ist oder nicht und dazu noch ob das reproduzierbare Wissen Illusion ist oder nicht. An dieser Stelle zeigt sich, dass der Solipsismus nur ein Glaube ist und noch der einfältigste dazu und daher als Möglichkeit ausscheidet. Und das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Vernunft. Der Solipsismus widerlegt sich selbst, denn er kennt immer nur eine Antwort auf alles. Er ist die mathematische Null, mit der alles multipliziert wieder immer nur Null ergibt.

        • Du musst ehrlicher Weise zugeben, dass die unwahrscheinliche Möglichkeit besteht, dass du nur träumst. Diese Vorstellung ist eine Konsequenz aus der Unwiderlegbarkeit des radikalen Zweifels. Was nicht widerlegbar ist, kann zutreffen. Dieser Ansatz ist ehrlicher, als derjenige von Descartes, der von eingeborenen oder klaren Gedanken spricht. Seine Beweisführung suchte nach klaren Gedanken in seinem Bewusstsein und stieß auf den Begriff der Unendlichkeit, der ihn dann zu Gott führte, welcher jeden Zweifel an die Wirklichkeit begraben sollte. Viele, die versuchen, den Skeptizismus zu widerlegen, greifen nach Dingen, die selbstverständlich, augenscheinlich und damit beweiskräftig sein sollen. Du führst die Gleichheit und Ungleichheit oder die Erfolge der Naturwissenschaften ins Feld. Ein Skeptiker würde beweisen, dass die Gleichheit zweier Dinge ein Widerspruch ist, weil man im Falle der Gleichheit nicht mehr von zwei Dingen sprechen könnte, die, damit sie zwei sein können, sich offenbar unterscheiden, also nicht gleich sind. Er denkt nicht systematisch, sondern er zergliedert und versucht, den Zusammenhang aufzulösen. Du kommst gar nicht hinterher, jeden Zweifel mit einem Gegenbeweis zu versehen, weil deine Beweisführung viel aufwändiger ist, eben weil sie systematisch auftritt. Eiinen Skepitker reicht eine kleine lose Schraube, um die Ungültigkeit des ganzen Systems zu behaupten. Dies ist meiner Meinung nach der Grund, warum die postmoderne Strömung (Skeptik) alles überrannt hat. Wäre bei einem Großteil der Gesellschaft noch das Bewusstsein der Konstruiertheit der Welt vorhanden gewesen und zwar in dem Sinne, dass der Mensch eine objektive Welt nachbildet und weiterentwickelt und sie für real hält, gerade, weil sie durch Gedanken geprüft wurde, dann wäre die „Weisheit“ von J.Butler, alles sei Konstruktion, eine Binsenweisheit gewesen. Der linke Positivismus und Materialismus hat viele so geistlos werden lassen, dass sie das Geschwafel der postrukturalistischen Äffchen für bare Münze genommen haben. Denn es stimmt ja: es ist alles konstruiert, nur in einem ganz anderen Sinne. Die einzige richtige Antwort wäre gewesen: „Korrekt. Alles konstruiert mit unserem Gehrinschmalz, weil die Konstruktion zur objektiven Welt passen soll, deren Existenz ich leider nicht beweisen kann, aber von der ich optimistisch ausgehe, weil aller Wahrscheinlichkeit diese optimistische Annahme zutrifft, während die Behauptungen, oder besser das Gesülze von J.Butler et. al, mit großer Wahrscheinlichkeit unzutreffend ist.“

        • „Du musst ehrlicher Weise zugeben, dass die unwahrscheinliche Möglichkeit besteht, dass du nur träumst.“

          Quellwerk, ich kenne diese Vorstellung sehr gut und habe mich ihr hingegeben. Dabei entdeckte ich, dass diese Gedanke sehr negative Auswirkungen hat und Übermachtsphantasien evoziert. Die bekannten Allegorien der „Versuchung des hl. Antonius“ fallen mir dazu ein und ähnliche Versinnbildlichungen, die – so kann ich mir vorstellen – genau diesen Zustand bezeichnen, der keine Selbstgenügsamkeit, wie man erst denken würde, sondern im Gegenteil Übermut hervorruft. Auch daher lehne ich die Vorstellung des Solipsismus als irrig ab.
          (Nebenbei bemerkt: A. Schrupp hat auf ihrer page auch so eine Übermachts-Allegorie, die mit den Fledermäusen. Scheint hier positiv konnotiert zu sein)

          Es gibt also keine „Unwiderlegbarkeit des radikalen Zweifels“, der an sich selbst zweifelt, denn dieser Zweifel widerlegt und zerstört sich selbst. Warum sollte man auf eine heisse Herdplatte fassen und die Hand darauf lassen?

          „Ein Skeptiker würde beweisen, dass die Gleichheit zweier Dinge ein Widerspruch ist, weil man im Falle der Gleichheit nicht mehr von zwei Dingen sprechen könnte …“

          Das ist ja der Witz dabei: die Einsicht, dass nur in der Vorstellung Identität existiert, niemals aber in der Natur. Das zeigt, dass unsere Vorstellung das Mass der Realität ist und warnt uns gleichzeitig davor, diese Fähigkeit zu missbrauchen, da ebenso klar ist, dass Nicht-Identität existiert und wir keinesfalls willkürliche Identitäten annehmen können. Der Kompromiss ist, abgestufte Hierarchien von mehr oder minder grossen Identitäten zu entwerfen, zu testen und weiterzuentwickeln. Und das ist eine Beschäftigung, die von der Qualität etwas ganz anderes ist als eitle Spekulation über eine „Traumhaftigkeit“ der gesamten Existenz. Künstlerisch schön zum Ausdruck gebracht wurde das mit den ganzen „Vanitas“-Allegorien und der Einsicht in die eigene Vergänglichkeit, die unfähig ist zu letztendlichen Zielen zu gelangen. Dem gegenüber verspricht der Solipsismus eine instante Abkürzung und sofortiges Heil, aber ein zum Preis eines schrecklichen Leidens an eben dieser Vergänglichkeit. Übermacht will unsterblich sein, „denn alle Lust will Ewigkeit“ wie Nietzsche schrieb, dieser Denker der Übermacht.

          „Dies ist meiner Meinung nach der Grund, warum die postmoderne Strömung (Skeptik) alles überrannt hat.“

          Das erscheint mir stimmig. Der radikale Zweifel zertrümmert eben alle Werte, auch hier hat Nietzsche schon längst alles gesagt und seine Epigonen, unter die auch die der „Postmoderne“ zu zählen sind, haben eine platte „Weisheit“ draus gemacht oder vielmehr einen plumpen Pragmatismus draus entwickelt. Ein Pragamtismus, der ihre politische Philosophie darstellt, wobei sie der Idee der „Philosophie“ Gewalt antut.

          „Alles konstruiert mit unserem Gehrinschmalz, weil die Konstruktion zur objektiven Welt passen soll, deren Existenz ich leider nicht beweisen kann, aber von der ich optimistisch ausgehe, weil aller Wahrscheinlichkeit diese optimistische Annahme zutrifft ….“

          Wer in diesem Prozess stehend wirklich „Optimismus“ wahrnimmt muss etwas falsch machen. Im Gegenteil, die Natur beschämt uns und unsere Gedanken permanent und weist uns in die Schranken vernünftig und nicht übermütig zu denken. Wir können uns an unseren „Konstruktionen“ vielleicht freuen, müssen aber auch genauso bereit sein, sie wieder in Frage zu stellen. Wer dazu nicht bereit ist, wie die „Postmodernisten“ verfällt der tiefsten Regression der Erkenntnislosigkeit und der Konfusion. Und dafür scheint die erwähnte Butler ein Paradebeispiel zu sein, eine „falsche Prophetin“ geradezu.

        • Ich würde hier wieder mit Quine argumentieren: Zweifel setzt immer objektive Realität voraus, von der die Täuschung unterschieden werden kann; die Vorstellung, dass ich nur Träume, setzt natürlich einen Unterschied von Traum und objektiv existierender Realität voraus. Wenn die Welt nur meine Vorstellung wäre, gäbe es keine Täuschung.

    • @Peter: Hast du mal Descartes gelesen? Nach ihm findet sich in meinem Denken die Idee Gottes, also eines vollkommenen Wesens. Da Vollkommenheit Existenz impliziert (was nicht existiert kann natürlich nicht vollkommen sein), muss es Gott geben. Also existiert außer mir schon mal Gott. Und da Gott als vollkommenes Wesen nicht lügt, existiert auch die Welt, die Gott geschaffen hat.

      Damit ist (nach Descartes) der Solipsismus wiederlegt.

  4. „Menschliches Erkennen beruht auf tierischem Erkennen, auf vorsprachlicher Basis: Die Annahme der idealistischen Philosophie, dass es kein Erkennen ohne Begriffe geben kann, ist damit zumindest relativiert; ….“

    Nach meinem Eindruck müssen alle alten Erkenntnistheorien, die unterstellen, Wissen oder „Erkennen“ sei nur mit sprachlichen Begriffen möglich, generell entsorgt oder zumindest massiv überarbeitet werden. Man kann ja über die Gehirnforschung lästern, allerdings gibt es einen zentralen Bereich, der einigermaßen gut verstanden ist, nämlich neuronale Netze. Die kann man sogar technisch simulieren und macht das auch massenhaft (für Klassifikationsaufgaben), eben mit künstlichen neuronalen Netzen. Die sind lernfähig, erzeugen also „Wissen“ (daher der Begriff „Maschinelles Lernen“), sie sind nach ausreichendem Training imstande, kompliziert erscheinde Klassifikationsaufgaben zu lösen.

    Sie bilden aber keinerlei sprachliche Repräsentation ihres Wissens, sie haben keine Seele und kein Bewußtsein, das Wissen ist auch nicht sozial konstruiert, weil kein menschliches Wesen an seiner Entstehung beteiligt war. Ich wage zu behaupten, das alle gängigen Alltagsbegriffe in unseren Gehirnen (und denen von Tieren) auf diese Weise entstehen. Das gilt inbesondere auch für die grundlegenden Geschlechtsbegriffe, die durch reine Beobachtung und i.w. Techniken des maschinellen Lernens (hier i.w. Clusteranalysen) automatisch und unterbewußt entstehen.

    Erst „höherstehendes“ Wissen hängt von sprachlichen Repräsentationen ab und wird in sozialen Prozessen unter Beteiligung vieler Personen entwickelt.

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