Erkenntnistheorie nach Willard Van Orman Quine

Dies ist ein Gastartikel von El_Mocho.

Traditionell gilt der Zweifel als Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie. Wir stellen im Alltagsleben fest, dass wir häufig etwas für wahr halten, das sich dann später als unwahr herausstellt. Aus rein lebenspraktischer Sicht ist es wichtig, wahres und unwahres unterschieden zu können. Wie erreichen wir das?

Bekannt ist die Antwort von Descartes: Wenn ich alles wegnehme, was falsch sein könnte, bleibt zurück, was unbezweifelbar wahr ist: nämlich dass ich denke: „Ich denke, also bin ich“. Und ausgehend vom denkenden Ich können wir dann die Welt untersuchen und feststellen, was wahr und was falsch ist. Hier beginnt die idealistische Philosophie bis hin zu Kant und zu postmodernistischen Theorien.

Der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine (1908 – 2000) ging jedoch einen ganz anderen Weg: Er hielt den Zweifel als Ausgangspunkt für irreführend. Er schreibt über Illusionen (z.B. Die Wahrnehmung eines Ruders im Wasser als gespalten, obwohl es ganz ist):

„Ich welchem Sinn sind es Illusionen? In dem Sinn, dass sie materielle Objekte zu sein scheinen, aber es in Wirklichkeit nicht sind. Illusionen sind Illusionen nur relativ zur vorhergehenden Annahme wirklich existierender Körper, denen sie kontrastiert werden.“

Das im Wasser gespaltene Ruder fällt nur als Täuschung auf, weil wir bereits wissen, dass es nicht gespalten ist: „In einer Welt die nur aus Sinneswahrnehmungen ohne die Annahme realer Körper bestehen würde, hätten Illusionen keinen Platz.“ Logisch, da die Illusionen genau solche Wahrnehmungen sind, wie wirklich existierende Dinge.

Demnach ist der Zweifel also nicht der richtige Ausgangspunkt für die Erkenntnistheorie:

„Erkenntnistheorie sollte als Teil der Naturwissenschaft betrachtet werden. Cartesianischer Zweifel ist nicht der richtige Anfang. Wir können unsere Überzeugungen über die Natur beibehalten, und trotzdem fragen, wie wir sie erlangt haben. Die Wissenschaft sagt und, das die einzige Quelle unserer Informationen über die Welt außer uns der Einfluss von Lichtstrahlen und Molekülen auf unsere Sinnesorgane ist. Von diesen Stimuli ausgehend gelangen wir schließlich zu einer ausgearbeiteten, brauchbaren Wissenschaft. Wie machen wir das, und warum funktioniert die daraus resultierende Wissenschaft so gut?“

Genau dies ist die Fragestellung der Erkenntnistheorie, so wie Quine sie versteht.

Es zeigt sich nun, dass am Anfang der Erkenntnis einfache Induktion steht, der Schluss vom besonderen auf das Allgemeine; die Erwartung, dass in der Vergangenheit stattgefundene Ereignisse auch in Zukunft so stattfinden werden. Quine: „Menschen neigen zu dieser Annahme, genau wie andere Tiere.“ Und an anderer Stelle: „Wir haben eine angeborene Disposition, zu erwarten, dass ähnliche Ereignisse auch ähnliche Folgen haben.“ Und da alle Menschen eine gemeinsame Abstammung teilen, teilen sie auch diese Erwartungen: „Diese Harmonie wird durch einen gemeinsamen Genpool stabilisiert.“

Beispiel: in der Wahrnehmung einer Katze folgt dem Geräusch der Kühlschranktür die Gabe von Futter. Also geht sie in Zukunft in die Küche, wenn sie das Geräusch hört. Dies setzt schon ein rudimentäres mentales Leben voraus; sie muss in der Lage sein, das Geräusch zu identifizieren, wenn es sich wiederholt, und hier kommt die Evolutionstheorie ins Spiel. Quine: „Individuen, deren Wiedererkennungsmöglichkeiten zu richtigen Erwartungen führen, haben eine gute Chance, Futter zu finden und so zu überleben und sich zu reproduzieren.“

Diese Wiedererkennungsstandards werden natürlich durch Lernen verbessert, aber sie beruhen auf der simplen, angeborenen Fähigkeit zur Induktion.

Der nächste Schritt ist dann die Fähigkeit, auch das umgekehrte Verfahren anzuwenden: aus der Erfahrung Thesen abzuleiten und diese Wiederum auf ihre Richtigkeit hin an der Realität zu überprüfen, die sogenannten hypothetisch-deduktive Methode. Diese können Katzen z.B. nicht anwenden, da ihnen die Fähigkeit zum Sprechen und abstrakten Denken fehlt.

Entscheidend ist hier die Fähigkeit, Erfahrungen sprachlich zu formulieren. Quine nennt die entsprechenden Formulierungen „Observation Sentences“, Beobachtungssätze. Ihr entscheidendes Kennzeichen ist ihre intersubjektive Überprüfbarkeit; Beobachtungssätze sind nicht einfach nur Wiedergabe von subjektiven Beobachtungen. Überprüfbarkeit setzt voraus, dass alle Sprecher eine gemeinsame Welt teilen. Der Satz: „Da geht Johns alter Lehrer“ ist ein einfacher Beobachtungssatz, aber um ihn zu verifizieren, muss man wissen, wer John ist und wer sein alter Lehrer ist.

Alle Wissenschaft beruht auf Beobachtungssätzen, aber dazu es ist notwendig, zu abstrakteren, nicht auf Beobachtung basierenden Sätzen zu gelangen. Im Prozess des Spracherwerbs lernt das Kind, die Bezeichnung „rot“ mit einer bestimmten Sinneswahrnehmung zu verbinden. Immer wenn die betreffende Wahrnehmung auftritt, nennen die Erwachsenen sie rot, und das Kind imitiert diese Bezeichnung schließlich. Genauso geht es auch mit abstrakten Begriffen, deren Gebrauch auch durch Imitation gelernt wird, aber verstanden werden sie nur, wenn Beziehung zu den Beobachtungssätzen besteht. Einen abstrakten Begriff, den ich nicht (wie entfernt auch immer) mit einer Beobachtung verbinden kann, habe ich nicht verstanden.

Aber wie gelangt man zu Sätzen, die sich nicht auf beobachtbares beziehen? Quine führt als Beispiel an „A dog is an animal.“ Quine: „Das Kind hat den Begriff „Hund“ durch Beobachtung in Gegenwart von Hunden gelernt, und ebenso den Begriff „Tier“ (auch in Gegenwart von Hunden, aber nicht nur Hunden). Die Assoziation des Wortes „Hund“ mit Hunden und „Tier“ mit Hunden disponiert dazu, auch auf das Wort „Tier“ entsprechend zu reagieren, als ob ein Hund anwesend wäre.“ Die Reaktion der Umwelt bringt also das Kind dazu, die beiden Begriffe Hund und Tier in Verbindung zu setzen. Somit hat es gelernt, Einzelbegriffe unter allgemeine Kategorien zu subsumieren.

Ich übergehe nun die Rekonstruktion der Entstehung weiterer Sprachfunktionen wie Prädikate usw. durch Quine. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Quine eine Erklärung des menschlichen Erkenntnisvermögens bietet, die ohne transzendentale Vorannahmen und ohne metaphysische Begriffe auskommt. Das „Subjekt“ ist das biologische, materielle Wesen, das in der Evolution entstanden ist und in ihr zu überleben und sich zu reproduzieren versucht. Menschliches Erkennen beruht auf tierischem Erkennen, auf vorsprachlicher Basis: Die Annahme der idealistischen Philosophie, dass es kein Erkennen ohne Begriffe geben kann, ist damit zumindest relativiert; Begriffsbildung ist vielmehr eine Fortsetzung der genetisch fixierten Erwartung der Aufeinanderfolge gleicher Ereignisse. Und das es keinen nichtdiskursiven (=sprachlichen) Zugang zur Realität gibt, wie die Postmodernisten meinen, ist damit auch wiederlegt. Schließlich erkennen auch Tiere, die nicht sprechen können, die Realität gut genug, um zu überleben.

Alle Zitate aus Qines Aufsätzen „The Nature of natural Knowledge“ von 1975 und „Naturalism“ von 1990, die ich leider beide nicht im Netz gefunden habe. Meine Übersetzung ins Deutsche.

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