Falsche Dichotomien

Etwas, was in der Geschlechterdebatte sehr häufig vorkommt, sind aus meiner Sicht „falsche Dichotomien“.

Zu der Definition aus der Wikipedia:

Dichotomie bezeichnet eine Struktur aus zwei Teilen, die einander gegenüberstehen und einander ergänzen (zum Beispiel ein komplementäres Begriffspaar), oder eine Aufteilung in zwei solche Teile (zum Beispiel die Aufteilung eines ganzen Bereichs in zwei Teilbereiche).

In einem Interview hat auch Erzählmirnix gerade ein Beispiel gebracht:

Der Comic ist im Prinzip ein gutes Beispiel für das radikale Schwarz-Weiß-Denken in extremen Positionen. Er würde ebenso gut in die andere Richtung funktionieren oder mit einem beliebigen anderen Thema. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr den genauen Kontext, vermute aber, dass ich zuvor einen Pro-Flüchtlings-Comic gemacht habe und daraufhin wiedermal als naiver Idiot bezeichnet wurde. Das Aufmachen von falschen Dichotomien ist etwas, das ich relativ oft aufgreife. Ab einer gewissen Radikalitätsstufe ist eben jeder, der nicht ebenso radikal auf der eigenen Seite steht, automatisch in der Wahrnehmung radikal auf der Gegenseite. Die Argumentation der AfD ist ja auch ungefähr sinngemäß: „Alle anderen finden es voll okay, wenn Flüchtlinge Frauen vergewaltigen und vertuschen und verharmlosen das. Nur wir sehen das Problem!“ – obwohl keiner sowas okay findet. Das ist so eindeutig, dass man es schlichtweg nicht für nötig befindet, nochmal extra zu betonen, dass es nicht okay ist, wenn ein Flüchtling eine Frau vergewaltigt. Weil es generell nicht okay ist, wenn jemand vergewaltigt wird, egal wer und egal von wem.

Der Feminismus arbeitet wie in der Liste schon angedeutet sehr erfolgreich mit Dichotomien: Sie stellen sich als einzige Quelle für Gleichberechtigung und Auflösung der Geschlechterrollen dar.

Wer gegen Feminismus ist, der will, dass Frauen nicht arbeiten gehen und kein Wahlrecht mehr haben, Wer gegen Feminismus ist, der will zurück in die 50er Jahre. Wer gegen Feminismus ist, der will keine selbstbewußten Frauen etc.

Andere falsche Dichotomien sind aus meiner Sicht:

  • Feminismus ist Geschlechtergerechtigkeit – alles anderen ist Patriarchat und damit ungerecht
  • Etwas ist entweder Biologie oder Gesellschaft, nicht beides zu gewissen Teilen
  • Ein Geschlecht ist entweder unterdrückt oder Unterdrücker
  • Alle Kategorien des Intersektionalismus sind als falsche Dichotomie aufgebaut (Eine Rasse unterdrückt entweder oder wird unterdrückt etc)
  • Jede Feministische Meinung muss böse sein – wir sind die Guten
  • Feminismus=gut Maskulisten=böse
  • Leute, die aktiv Männern helfen – Leute, die nur sinnlos das Internet vollschreiben

Die Liste kann denke ich ergänzt werden. Selbst Männer-Frauen sind angesichts dessen, dass Unterschiede nur im Schnitt bestehen häufig eine falsche Dichotomie.

Ich glaube es wäre gut, wenn man von einer zu starken Denkweise in Schwarz und Weiß wegkommt und gerade falsche Dichotomien auflöst.

 

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23 Gedanken zu “Falsche Dichotomien

  1. Weiteres Beispiel: ein Mann bringt ein Argument zu einem Thema, bei dem sich die radikalen Aktivist*Innen die Definitionshoheit anmaßen: das ist dann #Mansplaining und somit gar kein Argument mehr.

    • Ich versuche nach Möglichkeit immer Beispiele aus beiden lagern, Maskulismus und Feminismus, zu finden und da ist es aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für eine falsche Dichotomie. Der Ansatz ist ja „wertvolle aktive Arbeit (was nur offline geschehen kann) oder es ist vollkommen wertlos“

      Natürlich würde ich mir wünschen, dass dieser Fehler gesehen wird. Sowohl eine bessere Zusammenarbeit wäre produktiv als auch wenn die Vereine das Internet und soziale Medien wie twitter für sich entdecken würden

      • Muss auch sagen, das schien mir schon als ein ganz sinnvoller Punkt in der Aufzählung, damit es eben nicht so einseitig wird. Hätte ja leicht eine reine Aufzählung falscher Dichotomien einer Gegenseite sein können, so ist es breiter gefächert.

  2. Wie schwarz-weiss-Denken funktioniert, kann man m.E. bestens am Artikel von Anne Wizorek über den Fall Gina Lisa studieren. Man weiss zwar nicht sehr viel, aber die Sachlage ist natürlich schon klar (Armutszeugnis für unsere Gesellschaft). Erinnert mich alles ein bisschen an den Fall Kachelmann und anstatt Schwarzer haben wir nun Wizorek, die das grosse Geschrei ablässt.
    https://broadly.vice.com/de/article/der-umgang-mit-dem-fall-gina-lisa-ist-ein-armutszeugnis-fuer-unsere-gesellschaft

    Dem kann man doch nur wieder mal den Artikel von Thomas Fischer aus der Zeit entgegenhalten:

    „Sexualstrafrecht
    :Volk in Angst
    An der Sex-Front herrscht Raserei. Eine Gesellschaft in Angst rettet sich in Verfolgungsfantasien. Die Presse hilft kräftig mit.“
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-05/sexualstrafrecht-noetigung-vergewaltigung-fischer-im-recht

    • „Differenzierung“ kann man aber auch allzu leicht zum Zerreden und Abtun missbrauchen…. Ist also keinesfalls „immer besser“.

  3. Gutes Beispiel:

    https://twitter.com/frauadenau/status/731593541403721728

    Differenzierungen gelten schon als Appeasement. «Haltung» ist gefordert, nicht kritische Selbstkontrolle eigener Wahrnehmungen und Urteile. Anstatt zwischen konservativ, rechts, rechtspopulistisch und rechtsextrem zu unterscheiden, wird der gesamte Kommunikationsraum, der sich in Opposition zum linksliberal-grünen Justemilieu zu etablieren beginnt, zu einer Zone des Bösen erklärt, die unter Quarantäne zu stellen ist.

    • treffender Kommentar zum „journalistischen Wuttheater in Deutschland“.
      Man muss eine ungünstige Prognose stellen, das hat sich schon lange Zeit so entwickelt und kann leicht noch schriller werden.

    • Dass linke deutsche Medien ein enormes Problem mit Argumenten haben, fällt wohl jedem sofort auf, der sich das nicht von Anfang an gewöhnt ist. Als Schweizer würde ich mir so etwas schlicht nicht bieten lassen. Linke Journalisten denken sich wohl immer noch, dass es reicht nicht genehme Meinungen durch eine Aneinanderreihung von Schmähworten in die rechte Ecke zu rücken, um sie dann mit dem Nazivorwurf endgültig zu torpedieren. Zu etwas anderem ist der deutsche Qualitätsjournalismus anscheinend schon lange nicht mehr in der Lage; zu verkümmert sind die Fähigkeiten im investigativen Journalismus, zu ideologisiert der eigene Denkapparat um noch Ergebnisse ausserhalb von einfachen Feindbildern zu produzieren.

      Deutsche Medien tragen die grösste Mitschuld am Erstarken von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Bewegungen in Deutschland. Sie haben zu kritischen Zeitpunkten unreflektiert gelogen (i.e. die Vorfälle in Köln gab es zuerst gar nicht, dann waren es keine Migranten und ausserdem sind die echten Vergewaltiger immer noch die Deutschen) und es somit rechten Parteien überlassen, öffentlich für die Wahrheit einzustehen. Anscheinend ist es den linken Medien lieber, dass sie politisch korrekt bleiben und in ihrer Peergroup als die guten, gerechten und emanzipatorischen Leute gelten; um zu den moralisch Guten gehören werden die deutsche Medien auch mit wehenden Fahnen die Wahrheit opfern und jegliche Ideale verraten.

      Eine der einfachsten Möglichkeiten rechtspopulistische Konzepte wie „Lügenpresse“ zu bekämpfen, wäre z.B. aufzuhören systematisch zu lügen. Dann aber würde sich zeigen, dass die Realität rassistischer und sexistischer ist, als das es das Gewissen deutscher Journalisten erträgt und zulassen kann.

      • „Eine der einfachsten Möglichkeiten rechtspopulistische Konzepte wie „Lügenpresse“ zu bekämpfen, wäre z.B. aufzuhören systematisch zu lügen.“

        Du Nazi, warum hasst du Frauen?!!

      • Mehr hat also Herr Sarasin nicht zu bieten, als fadenscheinige Verweise auf den politischen Charakter von „Eigentümlich Frei“, wo Seifert mal für schrieb. Dumm nur, dass er nichts in die Hand bekommt, was er ihm konkret vorhalten könnte. Am Konkretesten wird es noch hier:

        „Die hochmütige Ironie hingegen, mit der Seifert über das „sündenstolz[e] Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deutschen Geschichte‘“ spottet, sollte in den Redak­ti­ons­stuben der NZZ die Alarm­glocken läuten lassen. Denn das sind Code-Worte von ganz rechts aussen……“

        Natürlich gab es diese Rhetorik mit „Schlussstrich“ und so weiter mal von den ultrarechten Naziapologeten, war sogar verbreitet. Sarasin sollte allerdings auch nicht übersehen, wie ein linker Schuldkult eben diese „deutsche Geschichte“ instrumentalisiert hat und wohin der führte.
        Zum Beispiel im Kontext der „große histo­rische Erzählung von der Erlösung der Deutschen von ihrer bösen Vergan­genheit durch ihr Aufgehen in einem neuen Europa“ (Seifert), die „im Zentrum seiner rechts­na­tio­nalen Kritik“ stehen würde.

        Wie kann Deutschland es zB mit offenbar bestem Gewissen verantworten, dass die EU fleissig die Deligitimierung Israels betreibt (zB unlängst auf einer Pariser Konferenz unter EU Schirmherrschaft, dann mit der Warenkennzeichnung aus den „besetzten Gebieten“, etc die Beispiele sind unendlich)?

        Herr Sarasin wird hierin sicherlich kein Problem sehen.

      • Auch bezeichnend:

        In Sarasins „Magazin der Gegenwart“ wird der linke neue Rassismus, das Herzstück des linken Schuldkults als „Einsichten der jüngeren postko­lo­nialen Forschung“ verkauft:

        http://geschichtedergegenwart.ch/die-nzz-im-herzen-der-weissen-hybris-helvetische-color-line/

        Dabei wird der NZZ vorgeworfen, dass die durch diese Zeitung „alle sonst gültigen Regeln akade­mi­scher und journa­lis­ti­scher Redlichkeit gebrochen werden“, weil sie dieser extremistischen und abseitigen „Historiographie“ nicht folgt, „die von nicht-weissen, nicht-westlichen Denke­rinnen und Denkern entwi­ckelt wurde, der Perspektive der postko­lo­nialen Theorie.“

        Also in erster Linie denen vom antisemitischen Fabulierer E. Said, mit seinem „Orientalismus“, das Schlüsselwerk, welches hier zu nennen wäre und natürlich nicht genannt wird.

  4. Soweit ich mich erinnere, hat Luhmann darauf hingewiesen, daß schon die Dichotomie „Männer vs. Frauen“ fragwürdig ist und letztlich auf Irrwege führt: „Frauen, Männer und George Spencer Brown“, Zeitschrift für Soziologie, 17(1), 1988.

    Rein biologisch ist schon diese Dichotomie schwer nachvollziehbar. Von ihrer biologischen Grundausstattung sind Männer und Frauen fast gleich (genetisch, physiologisch usw.).

    Auch in Bezug auf Sozialisation, Kultur usw. gibt es viel mehr, was Männer und Frauen miteinander verbindet, als was sie trennt.

    Also warum spricht man von Frauen im Gegensatz zu Männern? In Bezug auf bestimmte Details mag eine solche Entgegensetzung angemessen sein („sexual dimorphism“, z. B.) – doch als allgemeiner Gegensatz ist dies nicht haltbar und sollte vermieden werden.

    • die Falschheit einer Dichotomie kann auch in der Übersteigerung eines Unterschieds bestehen, muss ja nicht rein erfunden sein.

      Und Feminismus ist nichts anderes als eine völlige Übersteigerung der Ausdeutung „des kleinen Unterschieds“, sogar ins Metaphysische wurde dieser Unterschied vom Feminismus auf verschiedene Art übersteigert und verglorifiziert.

    • „Von ihrer biologischen Grundausstattung sind Männer und Frauen fast gleich “

      Bei diesem Argument denke ich immer, dass ein Sportwagen und ein LKW auch fast gleich sind, wenn man sie in Relation zu einer Sahnetorte sieht.
      Also kann man getrost zum nächsten Rennen mit einem LKW antreten.

      • @ only_me

        Ja, das stimmt schon – manchmal sind auch kleine Unterschiede ungeheuer wichtig. Soweit ich mich erinnere, hat Luhmann diesen Punkt auch sehr wohl berücksichtigt: In manchen Zusammenhängen macht es einen guten Sinn, Männer und Frauen in einer Gegensatz zu stellen (Fortpflanzung z. B.).

        Das Problem ist aber, daß die Dichotomie „Männer vs. Frauen“ im Gender-Diskurs als Leitdifferenz verwendet wird. Und jetzt werden alle möglichen Phänomene nach dieser Differenz (um-)strukturiert und zurechtanalysiert – ob dies nun Sinn macht oder nicht.

        Ein Beispiel hierfür wäre der Streit um den „Gender Pay Gap“. Etwas überspitzt könnte man sagen: In der Arbeitswelt gibt es eine Diskriminierung derjenigen, die sich z. B. für familiäre Belange konsequent Zeit nehmen (also ausfallen), gegenüber denjenigen, die ihre (Lebens-)Zeit größtenteils den Erfordernissen des Arbeitsmarktes zur Verfügung stellen.

        Traditionellerweise liegt der Schwerpunkt des Lebens der Frauen im Familiären. Und voilà – schon haben wir aus einer Diskriminierung, die Geschlechts-neutral ist (in der Arbeitswelt spielt es keine Rolle, ob sich ein Mann oder aber eine Frau konsequent Auszeiten für Familie, Allgemeinbildung oder was auch immer nimmt – allein die Auszeit fällt negativ ins Gewicht, nicht das Geschlecht der betreffenden Arbeitskraft), schon haben wir also aus einer Diskriminierung, die Geschlechts-neutral ist, eine Geschlechts-sensitive Diskriminierung gezaubert: Frauen werden in der Arbeitswelt diskriminiert gegenüber Männern – und zwar unabhängig davon, ob sie sich irgendwelche Auszeiten für Familie oder sonstwas gönnen.

        „Der entscheidende Schritt im Taschenspielerkunststück ist getan, und gerade er schien uns unschuldig.“ Die genannte Leitdifferenz wird uns als natürlich, sozusagen ontologisch vorgegeben, verkauft – und wir sind darauf reingefallen …

  5. Pingback: Warum die Opferstellung einen dazu berechtigt etwas besonderes zu sein | Alles Evolution

  6. Pingback: „Wenn ihr Frauen gegen den Feminismus seid, dann geht zurück in die Küche und wählen dürft ich auch nicht mehr“ | Alles Evolution

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