„Das menschliche Gehirnmosaik“: Unterschiede im Gehirn von Mann und Frau

Ich wurde auf eine interessante Studie hingewiesen, welche anscheinend ein sehr gemischtes Bild bezüglich der Frage „männliche und weibliche Gehirne“ wiedergibt:

Whereas a categorical difference in the genitals has always been acknowledged, the question of how far these categories extend into human biology is still not resolved. Documented sex/gender differences in the brain are often taken as support of a sexually dimorphic view of human brains (“female brain” or “male brain”). However, such a distinction would be possible only if sex/gender differences in brain features were highly dimorphic (i.e., little overlap between the forms of these features in males and females) and internally consistent (i.e., a brain has only “male” or only “female” features). Here, analysis of MRIs of more than 1,400 human brains from four datasets reveals extensive overlap between the distributions of females and males for all gray matter, white matter, and connections assessed. Moreover, analyses of internal consistency reveal that brains with features that are consistently at one end of the “maleness-femaleness” continuum are rare. Rather, most brains are comprised of unique “mosaics” of features, some more common in females compared with males, some more common in males compared with females, and some common in both females and males. Our findings are robust across sample, age, type of MRI, and method of analysis. These findings are corroborated by a similar analysis of personality traits, attitudes, interests, and behaviors of more than 5,500 individuals, which reveals that internal consistency is extremely rare. Our study demonstrates that, although there are sex/gender differences in the brain, human brains do not belong to one of two distinct categories: male brain/female brain.

Quelle: Sex beyond the genitalia: The human brain mosaic

Die Studie wird als Rückschlag für die These gesehen, dass es bestimmte Ausrichtungen des Gehirns gibt. Das scheint sie mir aber gar nicht unbedingt geprüft zu haben und insofern teilweise gegen einen Strohmann anzugehen.

Sie scheint geprüft zu haben, wie es an den Extremen aussieht („end of the maleness-femaleness“ continuum“). Insoweit scheint sie der These nach („highly dimorphic“) getestet zu haben, ob eine Binarität vorliegt, die aber so in der gegenwärtigen biologischen Theorie aus meiner Sicht gar nicht vertreten wird.

Die Theorie geht davon aus, dass Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern aber abweichenden Mittelwerten vorliegen. Dazu ein Bild, welches das erläutert:

Effektstärke Männer Frauen

Effektstärke Männer Frauen

Wie man auf der Grafik gut sieht gibt es eine sehr deutliche Überlappung, die bei Unterschieden mit kleineren Effektstärken noch deutlicher ausfällt. Demnach wäre bereits die überprüfte Ausgangsthese nicht die, die gegenwärtig in der Biologie favorisiert wird. Wie man ebenso sieht sind auch hier die Subjekte, die am extremen Ende der Verteilung sind, in der Tat sehr selten. Dennoch bestehen aber deutlich voneinander abweichende Mittelwerte.

Leider bin ich allerdings nicht an den Volltext der Studie gekommen, wenn ihn jemand im Netz findet, dann wäre ich sehr interessiert. Ich habe lediglich dieses Bild, welches wohl der Studie entnommen ist, gefunden:

männliche und weibliche Gehirne

männliche und weibliche Gehirne

„The volumes (green = large, yellow = small) of brain regions in 42 adults, showing the overlap between the forms that brains of females and brains of males can take. Photograph: Image courtesy of Zohar Berman and Daphna Joel“

Leider ist dabei eben nicht zu sehen, wie „Geschlechterrelevant“ die dort überprüften Regionen sind. In dem Artikel heißt es dann:

The researchers drew on MRI scans to look at a host of brain characteristics, from the amount of grey and white matter to the strengths of connections in the brain. Much of the analysis focused on the sizes of different brain parts. While many regions showed a huge overlap between the sexes, the researchers focused on the parts showing the greatest differences, with the least overlap between women and men.

Joel and her team next looked to see how often the form of each of these regions within a single brain was consistently on the end of the distribution where females were more prevalent than males (the “female-end”) or consistently at the other “male-end”. Across the four different sources of brain scans they studied, the scientists found the percentage of “internally consistent brains”, in which all regions were at the male end or all at the female end, varied from zero to 8%, while those with both male-end and female-end features ranged from 23% to 53%.

“We show there are differences, but brains do not come in male and female forms. The differences you see are differences between averages. Each one of us is a unique mosaic,” Joel said.

Sie haben also zunächst festgestellt, dass einige Regionen große Unterschiede und einen kleinen Overlap zwischen den Geschlechtern zeigten.  Sie haben also erst einmal festgestellt, dass es solche Regionen gibt, insoweit also Unterschiede im Schnitt bestehen. Dann haben sie geschaut, ob diese Gehirne sich im „oberen Bereich“ der Geschlechterunterschiede befanden. Wenn man das zuerst verlinkte Bild betrachtet, dann sieht man, dass das Recht wenig aussagt. Denn es kann sich trotzdem ein recht deutlicher Unterschied ergeben.

Wie kann es aber nun sein, dass sich Gehirne sowohl im „männlichen“ als auch im „weiblichen“ Bereich bewegen? Das kann durchaus der Fall sein, wenn zB Frauen etwa bestimmten pränatalen männlichen Hormone in einer hohen Dosis ausgesetzt sind, ansonsten aber zB nach der Geburt und in der Pubertät über ihre Eierstöcke ebenso eine hohe Dosis an Österogenen ausgesetzt sind. ZB haben sehr mathematisch begabte Frauen oft auch gute Sprachfähigkeiten (ich finde gerade den Artikel nicht, ich versuche ihn nachzureichen).

Interessant wäre auch, wie es sich sonst verhält: Wenn es zwar nicht alle Regionen waren, aber zB 90%, die in einer Richtung verliefen, dann wäre das ja auch ein deutlicher Unterschied.

Man müsste sehen, was sie da eigentlich genau überprüft haben und ob die Unterschiede in dem Bereich sich ebenfalls in deutlichen anatomischen Unterschieden niederschlagen.

Auf der Suche nach weiteren Details zur Studie habe ich hier einen Kommentar gefunden:

Larry Cahill, a neuroscientist at the University of California, Irvine, who didn’t participate in the new study, said he agreed that brains contain varying mixtures of male and female anatomical traits. But that doesn’t rule out differences in how the brains of the two sexes work, he said.

There’s „a mountain of evidence proving the importance of sex influences at all levels of mammalian brainfunction,“ he said.

That work shows how much sex must matter, „even when we are not clear exactly how,“ he said in an email.

Das würde ich durchaus auch so sehen.

Ein anderer Kommentar:

So let me get this straight, you are somehow scanning these brains and colouring regions depending on features or lack of features or sizes or something and you expect that to prove that the male and the female brains aren’t different in any ways? All you’ve done is shown that there is overlap in the features or lack of features or sizes of those aspects of the brain that you are measuring, you have not shown this for all possible features or lack of features or some other things none of us have thought up yet. Good grief.

Das Problem ist eben: Aus dem Nachweis, dass es bestimmte Unterschiede nicht gibt folgt nicht, dass es keine Unterschiede gibt.

Ich finde einen Vergleich der Regionen die Extrem sind hier gar nicht so relevant. Das kann durchaus an individuellen Unterschieden liegen. Interessant ist eher, ob sich dennoch deutliche Unterschiede im Schnitt zeigen.

Studien, die nicht auf das Ende des Spektrum, sondern eher auf generelle Unterschiede geprüft haben, haben da durchaus deutliche Unterschiede gefunden: