Sexuelle Übergriffe, die die Betroffenen als „kein großes Ding“ ansehen

Im Feminismus wird gerne mit sehr hohen Zahlen für sexuelle Belästigung gearbeitet, die dann als Beleg dafür genommen werden, dass es eine Rape Culture gibt.

Diese kommen üblicherweise zustande, in dem die Definitionen für sexuelle Belästigung sehr, sehr weit gefasst werden.

Bei einer solchen Umfrage stellte nun einer der Forscher fest, dass nur ein äußerst geringer Teil der Studentinnen, bei denen er in einer Umfrage der oben genannten Art eine sexuelle Belästigung festgestellt hatte, nämlich 3,6%, die Belästigung auch tatsächlich gemeldet hatten.

Er wollte hierfür die Gründe herausfinden und bat die Studenten um Angabe von Gründen. Diese lieferten:

When a University of Michigan researcher surveyed 3,000 students about sexual assault, he found only 3.6 percent of sexual assault victims told an official resource. When he asked why, he was unprepared for the most common write-in response.

„The most common set of words written in by our students was ‚it was no big deal,'“ said U-M’s William Axinn, professor of sociology and former director of the Survey Research Center at the U-M Institute for Social Research.

Das finde ich durchaus verständlich, denn die Umfragen enthalten meist Positionen wie „hattest du schon mal Sex während du zu betrunken warst“ und „hattest du schon Sex, obwohl du eigentlich nicht wolltest“, die stark auslegungsfähig sind. Ich hatte schon Sex, bei dem ich zu betrunken war, aber ich würde niemals behaupten, dass ich vergewaltigt worden bin.

Es scheint sich auch gerade bei tatsächlichen Eindringen als häufige Antwort gezeigt zu haben:

At first Axinn thought the responses must be coming from people who were victims of crimes of sexual harassment other than penetration — the survey asked about many forms of sexual misconduct. But he separated the results out and found the „no big deal“ response was the most commonly written in response even from victims of unwanted penetration.

Das passt auch zu einer Studie, nach der gerade Frauen, bei denen es zu Sex gekommen ist, zu einer gewissen Zahl wieder mit dem gleichen Mann Sex haben.

Ich könnte mir vorstellen, dass es Fälle sind, in denen die Frau betrunken war, aber eben kein Problem damit hatte, dass sie dann Sex hat und er vielleicht auch ähnlich betrunken war. Ich kann mir auch Fälle vorstellen, bei denen sie sich schlicht nicht bedroht gefühlt hat, sondern es anregend fand, dass er sie etwas härter anfasste, eben auch, weil sie wußte, dass er es sein lässt, wenn sie es tatsächlich nicht will oder Fälle von „Last Minute Resistance„, bei der sie durchaus froh war, dass er weiter gemacht hat, weil sie gleichzeitig Lust hatte aber unsicher war und diese Ambivalenz auch entsprechend signalisiert hat. Oder es war, wenn man die sexuelle Belästigung war die etwas zu forsche Hand, bei der sie vorher mit ihm geflirtet war und es ihr dann etwas zu schnell geht, sie es ihm aber aus der Flirtsituation heraus nicht übel genommen hat.

Dazu zitiere ich mal eine Geschichte:

Im Partynachgespräch meinte ich zu einer Freundin, dass der Eine ja recht aggressiv vorgegangen wäre, ich hatte schon überlegt, ob ich einschreiten soll. Die Antwort war zuverlässig ein “Immerhin hat er was versucht, auch wenn es vielleicht etwas viel war. Besser als jemand, der sich nichts traut”.

Die Grenzen werden da also weitaus weiter gezogen als man sich das in feministischen Theorien so denkt: Nicht jede nicht abgesprochene Berührung ist ein Weltuntergang, auch unerwünschte Berührungen können aus einer entsprechenden Situation heraus als zwar zuviel, aber wenn man es dann lässt eben auch nicht schlimm, also eben „kein großes Ding“ empfunden werden. In dem oben zitierten Artikel schrieb ich dazu:

Sex ist nicht nur Ja und Nein. Nicht nur Lust und Belästigung. Es gibt eine Mittelzone, die sicherlich viel mit Rollenbildern (seien sie biologisch oder kulturell) zu tun hat. Frauen mögen, denke ich, Männer im Schnitt lieber, die es schaffen sich – nach entsprechenden Signalen – in diese Mittelzone vorzuwagen und die Sache voranzubringen als Männer, die zu vorsichtig sind. Sie wissen, dass sie den allermeisten Männern deutlich machen können, dass sie außerhalb der Mittelzone sind und diese es dann lassen.

Genau diese Sachen, wo er vielleicht subjektiv zu weit geht, aber das eben noch in der Mittelzone bleibt, bei der er vielleicht mehr hätte fragen können oder es auch hätte sein lassen können, weil man betrunken war, aber es eben auch nicht musste, weil man sich zusammen betrunken hat und dabei geflirtet hat und sie eben auch Lust hatte und man eben dumme Entscheidungen unter Alkohol macht, die aber auch toll sein können, sind eben „kein großes Ding“ und werden hochgeschaukelt zu Belästigungen, die gar keine sind. Erstaunlicherweise scheint hier die Definitionsmacht nicht zu gelten, man darf vermuten, dass es eher ein Beleg der Rape Culture und des internalisierten Sexismus ist.