Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 4. November 2015

Identitätspolitik und ihre negativen Seiten

Ein Artikel beleuchtet die negativen Seiten einer Identitätspolitik: Dabei führt er an, dass alle Bereiche und Richtungen durchaus diese Politik gerne nutzen und sich gerne als Martyrer für eine bestimmte unterdrückte Gruppe darstellen, sei es Weiße, die anführen, dass sie nunmehr die Unterdrückten sind, weil andere anderen aufgrund ihres Unterdrücktenstatus gefördert werden und sie ausgeschlossen werden, seien es Religiöse, die sich in dieser Eigenschaft eingeengt fühlen oder eben die klassischeren Minderheiten.

It seems that the more we define our politics with reference to our gender or race or sexuality, the more inclined we are to declare ourselves victims of discrimination or oppression—to interpret a relatively innocuous yoga class as an attack on our personhood, in Monson’s case, while his critics turn their noses up at anyone who ticks the “white privileged male” box.

Identity politics allow people to claim the moral high ground from a precious position of victimhood, whether they’re the offending party or the offended one.

Indeed, it’s not just the personal that’s political anymore but the biological, too, to the extent that political arguments are based entirely on skin color or sex.

Mit einer Identitätspolitik wird es also einfacher, sich zum Opfer zu machen, einfach in dem man Vorurteile gegen die Gruppe anführt und daraus eine Schlechterbehandlung anführt. Das kann natürlich auch durchaus ein Grund sein, problematisch ist es aber dann, wenn man damit andere Gründe generell abtut und sich so einer Begründung enthebt: Das passiert auf beiden Seiten der Geschlechterdebatte gern, gerade wenn man aus dem Umstand, dass ein Geschlecht in einem Bereich in geringerer Anzahl vertreten ist, also zB beim Gender Pay Gap auf der einen Seite oder bei der Frage, wer bei einem Residenzsystem eher das Aufenthaltsbestimmungsrecht bekommt auf der anderen Seite.

Als weiteres Beispiel wird dann der hier auch bereits diskutierte Fall angeführt, dass Jennifer Lawrence sich aufgrund ihres Geschlechts diskrimiert sah, weil sie für den Film „American Hustler“ weniger bekommen hat als männliche Stars. Dabei spielten dann Punkte wie diese keine Rolle mehr:

But her salary on the film may not have boiled down to what’s beneath her underwear after all.

Deadline Hollywood recently reported that Lawrence was brought on to the film later than her co-stars, with whom deals had already been made on a production that was strapped for cash to begin with.

Lawrence reportedly “worked 19 days and was paid $1.25 million and got $250,000 in deferred compensation,” while Bradley Cooper “worked 46 days for $2.5 million and nine points.”

But no one wants to hear the details of why Lawrence may have earned less than her male co-stars: They simply don’t fit the “Hollywood is sexist” narrative that most of us have accepted as fact.

 

Vergleicht man die Arbeitstage (die ihr dann ja auch Zeit für andere Projekte lassen), dann scheint die Bezahlung nicht so ungerecht. Es scheint also nicht nur ihr Geschlecht gewesen zu sein (wenn Tage denn eine entsprechende Rolle spielen bei der Bezahlung, wovon ich aber ausgehe).

Identity politics are increasingly replacing the politics of ideas, weakening the moral and substantive power of any argument on both sides of the political spectrum.

Man braucht eben keine Argumente mehr, wenn man einfach „Diskriminierung“ rufen kann.

Ein weiteres dort aufgeführtes Beispiel (dort etwas länger) wäre Hillary Clintoon:

When asked about a surge in voter support for “outsider” candidates, Clinton said that being a woman certainly made her qualify as an outsider—that she “can’t think of anything more of an outsider than electing the first woman president.”

She was quick to add that there’s a lot more to her candidacy than being a woman, but she’s playing the gender card much more than she did during the 2008 presidential campaign

Das ist sicherlich auch der Versuch direkt zum einen an eine In-Group „Frauen“ aber auch an das Gefühl zu appellieren, dass man an einer „historischen Wahl“ bzw „historischen Chance“ mitwirkt, eben die erste Frau als Präsidentin zu wählen.

Und das Fazit:

Identity politics allow people to claim the moral high ground from a precious position of victimhood, whether they’re the offending party or the offended one. We need a return to a culture that prioritizes the politics of ideas over the politics of identity and biology.

Minorities are victims of very real discrimination, which makes it all the more unseemly when a white man adopts victim rhetoric to make a political point. (Think Bill O’Reilly insisting progressives were waging a “war on Christmas.”)

But to revile and demonize the “white, privileged male” does not make you a more moral person. Likewise to side with the Hollywood star who has a vagina over the Hollywood star with a penis.

The end result is always divisive.

Also der Appell, dass alles weg kommen von einer reinen Identitätspolitik, auch als Reaktion auf andere Identitätspolitiken, da ein Wettlauf in dem Bereich nichts bringt und statt dessen zu Fakten zurückzukehren.

 

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Responses

  1. Noch ein Beispiel wie das praktisch aussehen kann:

    Zudem zeigt sich hier ein verhaltenspsychologisches Phänomen, das nicht zuletzt durch den Emanzipationsdiskurs der vergangenen Jahrzehnte gefördert wird: Eine Frau kann einem Mann dann ohne schlechtes Gewissen eine Niederlage zufügen, wenn es ihr gelingt, ihn als einen Gegner anzusehen, der die Niederlage allein schon dadurch verdient hat, dass er ein Mann ist (und damit zu einer gesellschaftlich privilegierten Gruppe gehört) [7]. Umgekehrt ausgedrückt: Die noch immer vorhandene oder empfundene Unterprivilegierung der Frauen kann subjektiv als Schutz gegen Schuldgefühle und als Alibi für so manchen ausgeführten Schlag fungieren.

    Da ich das mehrmals in meiner beruflichen Laufbahn erfahren habe, reicht es mir allmählich …. 😦

  2. Immer wieder bestürzend, wie Menschen sich selber bewusst auf einen einzigen Aspekt ihrer Existenz verengen: Geschelcht, hautfarbe, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.

    Deswegen ist es so wichtig, immer wieder auf die allen gemeinsame, biologisch verankerte menschliche Natur hinzuweisen.

  3. Es gibt aus meiner Sicht drei interessante Fragen rum um Identitätspolitik, insofern sie eine Folge der Verwendung soziologischer Konflikttheorien ist:

    1. Welche soziologische Konflikttheorie verwendet der Feminismus? Es gibt viele Ansätze dazu: Marx, Weber, Hobbes, Simmel, Darendorf, Lacau, Honneth und so weiter.

    2. Vertritt der linke Maskulismus ebenfalls eine gender-adaptierte, soziologische Konflikttheorie und welche ist es?

    3. Welche Zusammenarbeit mit dem Feminismus ist für den linken Maskulismus aufgrund der gefundenden Tatsachen möglich bzw. unmöglich?

    Hoffentlich ließt Leszek das hier auch.

    • Ich würde ja deine Position auch durchaus als identitätspolitik sehen.
      Du versucht immer sehr deutlich Leute in Gruppen einzuordnen und als solche zu positionieren.
      Zeigt ja auch die Frage oben: es geht dir nicht um inhaltliche fragen, sondern um die Frage, welche Gruppen miteinander was machen dürfen.

    • @ Elmar

      „1. Welche soziologische Konflikttheorie verwendet der Feminismus?“

      Der Feminismus verwendet im Allgemeinen eigenständige feministische Konflikttheorien. Diese können je nach feministischer Strömung differieren.
      Am wirkmächtigsten während der zweiten Welle der Frauenbewegung war die Konflikttheorie des klassischen Radikalfeminismus, weil diese auch die meisten anderen feministischen Strömungen mehr oder weniger stark beeinflusst hat und das konstituiert hat, was ich als Paradigma des Radikalfeminismus bezeichne:

      https://allesevolution.wordpress.com/2014/03/30/das-paradigma-des-radikalfeminismus/

      „Es gibt viele Ansätze dazu: Marx, Weber, Hobbes, Simmel, Darendorf, Lacau, Honneth und so weiter.“

      In der Konfikttheorie des (vulgär-)poststrukturalistischen Gender/Queer-Feminismus wurden Aspekte aus der Konflikttheorie des klassischen Radikalfeminismus mit solchen aus den Konflikttheorien von Foucault und vermutlich auch von Laclau verwurstelt.

      Die meisten sozialwissenschaftlichen Konflikttheorien haben für die feministische Theoriebildung aber keine größere Relevanz, da sie sich nicht primär mit dem Thema Geschlecht befassen. Es kann aber je nach politischer/philosophischer Orientierung natürlich sein, dass sich eine Feministin neben ihren feministischen Ansichten auch noch an einer anderen sozialwissenschaftlichen Konflikttheorie orientiert, also z.B. eine liberale Feministin an der Konflikttheorie von Dahrendorf, eine marxistische Feministin an der Konflikttheorie von Marx, eine an der dritten Generation der Kritischen Theorie orientierte Feministin an der Konflikttheorie von Honneth, eine Anhängerin des Darwinian/Evolutionary Feminism an der soziobiologischen Konflikttheorie usw.

      „2. Vertritt der linke Maskulismus ebenfalls eine gender-adaptierte, soziologische Konflikttheorie und welche ist es?“

      (Gemäßigte) linke und liberale Männerrechtlicher vertreten keine geschlechtsbezogene Konflikttheorie. Sie können aber natürlich, je nach politischer/philosophischer Weltsicht, andere nicht-geschlechtsbezogene sozialwissenschaftliche Konflilkttheorien vertreten.

      „3. Welche Zusammenarbeit mit dem Feminismus ist für den linken Maskulismus aufgrund der gefundenden Tatsachen möglich bzw. unmöglich?“

      Man muss hier unterscheiden zwischen allgemeiner und kontextueller Zusammenarbeit.

      Eine allgemeine Zusammenarbeit ist nur mit solchen Feministinnen möglich, die das, was ich als Paradigma des Radikalfeminismus bezeichne, ablehnen und sich stattdessen an dem orientieren, was ich als Paradigma des Integralen Antisexismus bezeichne, also mit Feministinnen, die männerrechtliche Anliegen im Allgemeinen anerkennen:

      https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2015/10/29/gamergate-und-feminismus/comment-page-1/#comment-7400

      (Eine solche Anerkennung muss nicht jedes Detail betreffen, auch Männerrechtler sind sich ja nicht in jedem Detail einig.)

      Eine kontextuelle Zusammenarbeit kann darüber hinaus u.U. auch mit solchen Feministinnen pragmatisch sinnvoll sein, die ein bestimmtes männerrechtliches Anliegen unterstützen. Ein Beispiel hierfür wäre die Kooperation von MANNdat und Terres de Femmes beim Thema männliche Genitalverstümmelung. Eine solche kontextuelle Zusammenarbeit ist allerdings nur auf bestimmte Themen beschränkt. Beim Thema häusliche Gewalt ist z.B. schon keine Zusammenarbeit mehr mit Terres de Femmes möglich, weil sie bei diesem Thema die (wissenschaftlich falschen) Positionen des Mainstream-Feminismus vertreten. Bezüglich des Themas männliche Genitalverstümmelung hat sich Terres de Femmes hingegen immer glaubwürdig gegen männliche Genitalverstümmelung positioniert, in einem ihrer Bücher gibt es sogar einen guten Artikel von einem männlichen Aktivisten gegen männliche Genitalverstümmelung. (vgl. Tim Hammond – Der Zusammenhang zwischen weiblicher und männlicher Genitalverstümmelung, in: Terres Des Femmes (Hg.) – Schnitt in die Seele – Weibliche Genitalverstümmelung – Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, 24. Kapitel, S. 269 – 295)
      Ob eine solche kontextuelle Zusammenarbeit mit Feministinnen bei einem bestimmten Thema pragmatisch sinnvoll ist, muss man aber im Einzelfall entscheiden.

      • @Elmar @Leszek

        Ich kann gar nicht genug unterstreichen, was Leszek hier geschrieben hat:

        „Die meisten sozialwissenschaftlichen Konflikttheorien haben für die feministische Theoriebildung aber keine größere Relevanz, da sie sich nicht primär mit dem Thema Geschlecht befassen.“

        Man m.E. kann noch schärfer formulieren: Das Verhältnis des Feminismus zu den Theorien ist parasitär und utilitaristisch – entweder *mit* diesen Theorien kann bewiesen werden, was das jeweilige politische Anliegen des Feminismus in einer jeweiligen Zeit ist oder sie werden über Bord geworfen.

        Bezogen auf den Marxismus:

        Ich habe gerade angefangen ein Buch aus den USA von 1981 zu lesen „Women and Revolution“ und mir ist klar geworden, dass sich der Bruch von Feminismus und Marxismus wesentlich früher vollzogen hat, als ich ursprünglich annahm.

        Das lief nach folgendem, verkürztem Schema (Herv. immer von mir):

        1. These des *radikalen Feminismus*: es existiert eine „male supremacy as a whole system“, eine „all-encompassing power that man have as a group (!!!) over women“.
        2. Was kann der Marxismus zu dieser These *beitragen*, bzw. die These beweisen (nicht, ist die These überhaupt richtig)?
        3. „The unhappy marriage (!!!) of marxism and feminism (…), either we need a healthier marriage or we need a divorce.“ (Heidi Hartmann)
        Himmel hilf, diese Schmierigkeit, alles in familiären Verhältnissen zu sehen, beschreiben und zu verpacken ist unglaublich.
        4. Das Ziel ist dann logischerweise eine neue, feministische Theorie zu entwickeln, welche nicht mehr auf Arbeit und ökonomischen Verhältnissen basiert (too narrow), sondern „a new theory, which understands the importance of reproduction, family, and sexuality as central (!!!) to current analyses and future visions.“
        a. Weil in Reproduktion, Familie und Sexualität welches Geschlecht eine zentrale Rolle spielt? Bingo! Hier startet m.E. die *glückliche* Ehe von Femininismus (!) und Narzissmus.
        b. Was in der Tat Marx auf den Kopf stellen würde (Basis/Überbau) und deshalb „divorce“. Für Theorie wie für das Leben hat zu gelten, sie muss Frauen „happy“ machen! 😉

        Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Form von theoretischer Aneignung von feministischer Seite, also Verwurstung für eigene Anliegen und Verflachung, in jeder Theorie stattgefunden hat, derer sie sich bedient haben.
        Dazu kann aber Leszek bestimmt mehr sagen als ich.

        @Leszek

        In diesem Buch – aus diesem Grunde habe ich es mir eigentlich gekauft – ist m.E. die erste Erwähnung des Begriffs „cultural marxism“, nämlich in der Überschrift des Artikels von Emily Hicks.

        „Cultural Marxism: Nonsynchrony And Feminist Practice“

        Heureka! 🙂

        Schönen Gruß, crumar

        • @Leszek @crumar

          Wie ihr sehe ich die Sache so, daß der Feminismus keine eigenes Konflikttheorie entwickelt hat und sich stattdessen zu seiner nachträglichen Rechtfertigung und Akademisierung bestehender Theorien bedient hat.

          Um aber eine – meines Wisses nach immer noch fehlende – elementweise Analyse der feministischen Perspektive zu bekommen, würde ich dennoch versuchen, eine feministische Konflikttheorie zu rekonstruieren: Erstens Einfach deshalb, damit man argumentativ nicht bei jeder Version des Feminismus wieder von vorne anfangen muß. Und zweitens deshalb, weil ich es für einen taktischen wie auch strategischen Nachteil in der Politik halte, wenn eine nach einer Konflikttheorie handelnde Lobbygruppe (Femis) auf eine nicht nach einer Konflikttheorie handelnde Gruppe, die Maskulisten, trifft. Antifeminismus ist daher in meinen Augen eine minimale Realisierung einer soziologischen Konflikttheorie – und der linke Maskulismus will meines Wissen nach nicht antifeministisch sein.

          Was crumar schildert, halte ich für ein gutes Beispiel für die Vorgehensweise der feministischen Propaganda-Maschine: Man heuchelt erst Sympathie für eine soziologische Theorie (z.B. den Marxismus), aber weil er doch die feministischen Anliegen nicht wirklich ins Ziel bringen kann, brachtet man ih „kritisch“ und verkündet, im Geiste dieser Theorie bald ein neues Paradigma vorlegen zu wollen, daß alle Mängel erklärt. Und schon ist ein marxistischer Feminisus geboren, der aber nie einer sein und sich stattdessen von ihm abstoßen wollte.

          Das ganze „MeinFeminismus“-Problem wird – und da würdet ihr mir möglicherweise zustimmen – drastisch übeschätzt: Es gibt immer dieselbe Menge feministischer Grundintuitionen. Leszek hat das bereits richtig bemerkt, als er auf die über Jahrzehnte prägende Rolle des Radikalfeminismus hinwies.

        • @ Crumar

          „In diesem Buch – aus diesem Grunde habe ich es mir eigentlich gekauft – ist m.E. die erste Erwähnung des Begriffs “cultural marxism”, nämlich in der Überschrift des Artikels von Emily Hicks.“

          Sehr interessant, danke für den Hinweis.

        • Neulich einen (akademischen) Essay gelesen, der auch um die Zeit herum (glaub ein Jahr später als crumars Fundstückchen) geschrieben wurde, der „Kulturellen Marxismus“ als die Methode der Kritik an „bestehenden Gesellschaftsverhältnissen“ und an der Elite beschriebt, inwieweit deren allgemeiner kultureller Einfluss zur Machtsicherung dient. Da das Vorbild Marx sei (Machtsicherung durch Macht über die Produktionsmittel), sei diese Methode „marxistisch“.
          Insofern wäre eigentlich jede Gesellschaftkritik „marxistisch“, was natürlich den Begriff „Marxismus“ ungeheuer erweitert.
          Ich halte das für unsinnig.
          Schätze mal. das diente dazu, die damalige Popularität des Marxismus zu nutzen, um damit ganz andere Ideen zu verkaufen, wie zB Adornos Kritik an der „Kulturindustrie“, die somit auch als irgendwie „marxistisch“ gelten konnte.

        • @Alex

          „Insofern wäre eigentlich jede Gesellschaftkritik “marxistisch”, was natürlich den Begriff “Marxismus” ungeheuer erweitert.
          Ich halte das für unsinnig.
          Schätze mal. das diente dazu, die damalige Popularität des Marxismus zu nutzen, um damit ganz andere Ideen zu verkaufen,“

          Exakt.

          Was ist der Hauptjob des Feminismus?
          *Verschiebe den Torpfosten und erfinde neue Regeln.*

          Wofür Marxisten in diesem Fall haben büßen müssen war, dass der Besitz an Produktionsmitteln komplett „gender neutral“ ist.
          Liz Mohn, Friede Springer, Susanne Klatten, Alice Schwarzer – es ist egal, wer die Produktionsmittel besitzt.

          D.h. der Marxismus gibt nicht her, was Feministinnen von ihm erwarten.
          Sie müssen zwangsläufig auf der Ebene der *Erscheinung* operieren, dem *Wesen* nach hat der Besitz an Produktionsmitteln kein Geschlecht.

          Es ist völlig egal, ob Axel oder Friede Springer Besitzerin der „Bild“-Zeitung ist – die Klasseninteressen sind da, völlig unabhängig vom Geschlecht.

          Gruß, crumar

      • @elmar

        „Wie ihr sehe ich die Sache so, daß der Feminismus keine eigenes Konflikttheorie entwickelt hat und sich stattdessen zu seiner nachträglichen Rechtfertigung und Akademisierung bestehender Theorien bedient hat.“

        Exakt.
        Die primäre Theorie ist aber m.E. keine feministische.
        Sondern eine feminine – hört sich erst einmal steil an.
        Es gibt m.E. eine männliche Form von Welterklärung und eine weibliche.

        Ich, *crumar*, kann dir, *Elmar*, folgendes erklären:

        „In der klassischen Mechanik ist die Gravitation oder allgemeine Massenanziehung eine Eigenschaft aller Materie, die nur von deren Masse abhängt, nicht aber von deren Art oder Bewegung. Die Gravitation drückt sich in der Gravitationskraft oder dem Gravitationsfeld aus, das von einer jeden Masse erzeugt wird, auf jede andere Masse anziehend wirkt und unendliche Ausbreitungsgeschwindigkeit und Reichweite besitzt. Das newtonsche Gravitationsgesetz gibt die Kraft F_{G} an, die zwischen den zwei Massen m_1 und m_2 im Abstand r wirkt.“

        *Wir* nehmen an, weder Masse, noch das Verhältnis der Massen, noch deren Entfernung voneinander hätten irgendetwas mit uns zu tun.
        Stell dir für einen Augenblick vor, du müsstest in dieser Gleichung als *Individuum* vorkommen. Genauer gesagt, alle diese Gleichungen wäre böse, bezögen sie sich *nicht* auf *dich*.
        Stell dir eine Theorie vor, in der du von den Massen von m_1 und von m_2 abstrahierst/ignorierst, um deren *Relation* zu betrachten – ist sie dann nicht einfach unfair?

        Es gibt klar eine klare „male dominance“ für das massereichere m_1 und eine „female submission“ von m_2.
        Die *Relation* zwischen den beiden Massen kann also nur beweisen das maskuline m_1 ist *privilegiert* gegenüber m_2.

        Weil die Relation selbst schon verfälscht ist.
        Und auch die Abwesenheit einer Relation beweist die Existenz der Relation.

        Und prompt bewegt man sich im weiblichen Denken.

        Grruß, crumar

  4. Jegliche Identitätspolitik ist als kollektivistisch und die Freiheit des Einzelnen negierend abzulehnen!

    • „Jegliche Identitätspolitik ist als kollektivistisch und die Freiheit des Einzelnen negierend abzulehnen!“

      Wow,

      das klingt gut.
      Hätte Karl Marx nicht besser ausdrücken können 😀

      • @carnofis
        „Karl Marx“

        Das war doch der, der mit „dem Proletariat“ Identitätspolitik betrieben hat. Der und seine kommunistischen Vollstrecker.

        Oder meinst du nicht, dass Kommunismus Identitätspolitik reinsten Wassers ist?

        • Für die späteren Vollstrecker kann man Karl Marx nicht verantwortlich machen, so wenig, wie Richard Wagner für den Holocaust, nur weil Hitler ihn so mochte.

          Klar ist Kommunismus – oder vielmehr „betreibt“ er – Identitätspolitik. Aber das tun alle politischen Gruppierungen. Erst die Abgrenzung macht ihre Wählbarkeit aus.

          Aber mit meinem Einwurf hätte ich lieber Rudi Dutschke nehmen sollen und nicht Karl Marx. Dutschke war ein Meister der Rhetorik und brilliant im Aufbau von Schachtelsätzen mit zahlreichen Fremdwörtern. Alles was er sagte, klang hochwissenschaftlich.

        • @carnofis
          „Für die späteren Vollstrecker kann man Karl Marx nicht verantwortlich machen“

          Entgegen deinem zweiten Beispiel (welches weit hergeholt scheint, nimm Nietzsche, das passt besser), den Marx schon. Denn er betonte eine Art Schicksalshaftigkeit und die geschichtliche Logik der Machtübernahme, die seine „Vollstrecker“ nur animieren konnte, mit der Rechtfertigung alle Vernunft beiseite zu legen.
          Diese Verantwortung ist natürlich eine intellektuelle und keine im Sinne eines direkten Anstiften zu einem Handeln.

          „Identitätspolitik. Aber das tun alle politischen Gruppierungen“

          Der Begriff kann nicht einfach auf jede spezielle Interessenvertretung angewendet werden. Die Formung und Selbstüberhöhung der Gruppe selbst zeichnet die Identitätspolitik aus. Also sowas wie der Fokus der Vertretung der Arbeiterinteressen der SPD (aber bitte vor längerer Zeit) war keine Identitätspolitik, während die der kommunistischen Parteien immer eine war. Noch übler natürlich die Nsdap oder auch die späten Nationalisten.

          „hätte ich lieber Rudi Dutschke nehmen sollen … … klang hochwissenschaftlich.“

          Die „Freiheit des Einzelnen“ hat mit Wissenschaftlichkeit gar nichts zu tun. Sie ist ein rein intellektueller Wert. Wenn du jetzt böse bist, würdest du das als als ein Dogma bezeichnen, welches genauso ein Dogma wäre wie das vom Kollektivismus. Der Wert des Individualismus über den Kollektivismus liegt aber in der Wahrung der Gerechtigkeit, die am angemessensten und am besten auf das Individuum bezogen verwirklicht werden kann.

          Der neue Angriff des Kollektivismus jetzt ist übrigens insofern bemerkenswert, als dass er erstmals ausdrücklich im Namen der Gerechtigkeit (die sonst immer abgetan wurde) erfolgt, während vorher dieser Begriff der anderen Seite überlassen wurde.
          Man sieht also, sie haben dazugelernt.

    • „Jegliche Identitätspolitik ist als kollektivistisch und die Freiheit des Einzelnen negierend abzulehnen!“

      Dummerweise funktioniert Identitätspolitik ganz gut. Es wäre sinnvoll, wenn sich auch die Individualisten als ein Kollektiv begreifen würden, um ihre gemeinsamen Überzeugungen gegen andere Kollektive zu verteidigen.

      • @Denton
        „Es wäre sinnvoll, wenn sich auch die Individualisten als ein Kollektiv begreifen würden“

        Jetzt willst du es aber wissen 😉

        Sich zu einer Gruppe, politischen Partei oder Lobby oder wie auch immer zusammenzuschliessen hat mit Identitätspolitik aber gar nichts zu tun. Es geht also nicht um den Zusammenschluss zu einer Gruppe mit gleichen oder ähnlichen Meinungen (meinetwegen „Kollektiv“ genannt) gegenüber anderen „Kollektiven“ bzw Gruppen.

        Es geht vielmehr darum, ob eine Politik überwiegend oder ausschliesslich Kollektivgruppen und deren (angebliche) Verschiedenheit zur Grundlage nimmt: dies ist Identitätspolitik.

        Die Identitätspolitik führt regelmässig zur irrationalen Selbststilisierung und zur Selbstverherrlichung. Dies haben Nationalismus, „völkische Bewegung“, Kommunismus und auch der Feminismus hinreichend unter Beweis gestellt. Das brauch man wie einen Kropf.

        • @ Alex

          „Es geht vielmehr darum, ob eine Politik überwiegend oder ausschliesslich Kollektivgruppen und deren (angebliche) Verschiedenheit zur Grundlage nimmt: dies ist Identitätspolitik.“

          Dann müsstest du auch konsequenterweise Männerpolitik ablehnen.

        • @Denton
          Richtig, das wäre eine Schlussfolgerung. Allerdings habe ich selbstverständlich nichts dagegen, wenn eine Männerpolitik reale Missstände auf sachliche Weise angeht und jede Selbstverherrlichung („Männer sind besser“) strikt meidet. Also jene Exzesse, die mir für „Identitätspolitik“ charakteristisch erscheinen.

  5. Interessant wäre in diesem Zusammenhang vor allem die Verknüpfung von In-Group Bias und Identitätspolitik, wobei da die Verbindung relativ einfach sein wird. Ich glaube gewisse Effekte davon sind bereits in der Parteilandschaft sichtbar (http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2011-04/artikel-2011-04-die-frauen-marschieren-nach-links.html ; http://www.profil.at/oesterreich/europawahl-2014-warum-frauen-maenner-375649) und werden sich noch weiter verstärken, solange die wirtschaftliche Situation nicht zusammenbricht.

    Grundsätzlich wird IDPOL eine absolut natürliche Ausformung des In-Group Bias sein, was natürlich erklärt, warum diese Strategie nicht beim Männern als Geschlecht funktionieren kann, aber sehr wohl bei nationalistischen Gruppierungen und Frauen. Man wird es schwer haben IDPOL bei Gruppen zu finden, die keinen In-Group Bias besitzen, selbst bei Konstrukten wie dem „Proletariat“ waren natürlich Sachen wie die geographische Distanz und äusserliche Ähnlichkeiten trotz aller Rhetorik immer die einigenden Elemente.


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