Flirten als Kampf

Auf dem Blog „der lange Weg zum ersten Mal“ wird ein Buch über Onlinedating besprochen und daraus auch etwas daraus zitiert (wobei die Autorin es wohl wiederum selbst zitiert, wenn ich es richtig verstehe:

Die Idee, dass flirten etwas mit Kampf zu tun hat, ist den meisten Männern verloren gegangen.

Nimm nie zurück, was du gesagt hast, kein Kompliment, keinen Scherz.

Rechtfertige dich nicht dafür, wer, wie oder was du bist.

Wer Frauen alles recht macht, tut ihnen unrecht.

Ich würde Flirten nicht als tatsächlichen Kampf bezeichnen, aber durchaus als spielerischen Wettbewerb um den Rahmen, den Frame, in den man das Gespräch stellt.

Und da ist das Zitat als Grundregel durchaus hilfreich. Flirten ist in der Hinsicht durchaus etwas, bei dem man viel gewinnt, wenn man „seinen Mann steht“ und eben nicht immer klein bei gibt.

Es hat aus meiner Sicht eine sehr positive Wirkung, sich nicht zu verteidigen sondern dazu zu stehen, wie man ist und was man gesagt hat. Es verändert vieles auch wenn man etwas Shittesten aushalten muss.

Es einer Frau zu sehr recht machen zu wollen bedeutet eben, sie auf das Podest zu stellen, was schnell in die Friendzone führen kann. Genauso wer versucht die Gunst von Frauen mit Geld zu kaufen, indem er sie teuer ausführt oder ihnen Geschenke macht. Statt dessen einfach sein, wer man ist, am besten eine gute Version von einem selbst, und dazu stehen. Das hat eben auch etwas mit der eigenen Einstellung zu tun und dem Gefühl, dass man selbst etwas wert ist.

Meiner Erfahrung nach genießen Frauen den Flirtteil, wenn er gut gemacht ist, sehr. Das hin und her, das spielerische Ausbremsen und Steine in den Weg legen, welches das Gefühl des Erobertwerdens vertieft (was auch ein Grund ist, warum das „Yes means Yes“ und das enthusiatic consent- Konzept viele Frauen nicht begeistert). Es ihnen zu recht zu machen nimmt genau diesen Teil, der erotische Spannung aufbaut, weg und macht einen zu einem Bittsteller.

Es als spielerischen (wett-)Kampf zu sehen macht aus meiner Sicht einfach auch viel mehr Spass.

Das Ausblenden der Unlogik im radikalen Feminismus als Costly Signal

Fefe hat einen interessanten Ansatz dargestellt, warum eine Ideologie mit einer starken Identitätspolitik schnell ins Extreme abdriftet.  Er nimmt dabei auf diesen Artikel hier Bezug.

Die wesentliche These ist, dass man extremer werden muss, wenn man in solch einer Ideologie die Gruppenzugehörigkeit demonstrieren will, weil man seine Loyalität mit normalen Verhalten nicht hinreichend darstellen kann.

Fefe dazu:

Dann geht die Argumentation weiter über Vergewaltigungsfälle. Von denen Fällen, die in den Medien groß aufgebauscht wurden, weil Feministen aufsprangen und die Story viral machten, haben sich krass überproportional viele als falsche Anschuldigungen herausgestellt. Feministen greifen sich also extra die am offensichtlichsten schwachen Fälle raus und springen auf die auf, um ihre These zu verbreiten, dass es egal ist, wie schwach der Fall aussieht, wichtig ist nur, dass das Opfer sich als Opfer wahrnimmt. Der Effekt ist wie bei PETA. Viel Kontroverse und am Ende haben die Feministen ihren Thesen mehr Schaden zugefügt als neue Anhänger gewonnen. Warum machen die Feministen das?

Seine These ist, dass Menschen ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen signalisieren wollen. Dazu gehört, die moralischen Werte der Gruppe zu vertreten. Wenn man jetzt den moralischen Wert „Tiere sollten gut behandelt werden“ bei einem Fall von offensichtlicher Tierquälerei vertritt, dann gucken sich die Passanten das an und sagen: ja, klarer Fall von Tierquälerei, das muss beendet werden. Als Signal für die Gruppenzugehörigkeit eignet sich das daher nicht. Wenn du dich allerdings aus dem Fenster lehnst und die moralischen Werte in völlig überzogenen Fällen vertrittst, dann schreckst du damit zwar Außenstehende ab, aber um die ging es ja auch gar nicht. Es ging darum, innerhalb der Gruppe zu signalisieren, dass du so moralisch gefestigt bist, dass du die Prinzipien der Gruppe auch in unter Selbstaufgabe und Inkaufnahme von Schaden für den eigenen Ruf auf völlig abwegige Fälle anwendest.

Damit wäre etwas flapsig ausgedrückt Idiotie hier eine Costly Signal (ja, mal wieder)  für die eigene Verbundenheit mit der Gruppe. Man übertreibt die Verteidigung der Gruppenwerte so weit, dass es einen dumm dastehen lässt, weigert sich aber das wahrzunehmen, weil man es als Einstehen für die Gruppenwerte darstellt.

Das finde ich eine interessante Theorie: Danach brauchen Feministen letztendlich einen übermächtigen Feind gegen den sie sich stemmen können und müssen lächerlich wirkenden Benachteiligungen aufzeigen, weil sie nur so deutlich machen, dass sie die Gruppeninteressen tatsächlich ernst nehmen. Wie ich hier bereits einmal dargestellt habe entsteht dadurch etwas, was man in der Spieltheorie ein Prisoners Dilemma in der Form des“Race to the bottom“ also ein „Abwärtswettlauf“ nennt. Ich schrieb damals:

Im Privilegienfeminismus geht es darum, sich mit dem Opferstatus weitestgehend zu identifizieren und immer weitere Privilegien der anderen Gruppe zu entdecken. Da derjenige das Spiel gewinnt, der immer weitere Privilegien aufdeckt und Benachteiligungen ausmacht wird sich beständig unterboten, bis schließlich die normalsten Punkte – sich küssenden Heterosexuelle oder Babies – Privilegien und damit auch gleichzeitig Benachteiligungen sind.

Ein Ausbruch wäre damit nur dann möglich, wenn innerhalb des Feminismus “kooperiert” wird und man sich auf eine Untergrenze einigt. Das ist allerdings in einem so fließenden Bereich und aufgrund des Gewinnes für den Einzelnen, der eine neue Benachteiligung darlegen kann nicht zu erwarten.

Der Feminismus befindet sich insoweit bezüglich seiner Privilegientheorien in der derzeitigen Form in einem klassischen Prisoners Dilemma.

Fefe schreibt weiter:

Man könnte also im übertragenen Sinne davon sprechen, dass man sich über solche Klogriffe als Märtyrer inszeniert. Märtyrern geht es ja auch nicht darum, den Gegner umzustimmen, sondern innerhalb der eigenen Gruppe Ansehen zu gewinnen. Und die Gruppe hat einen Anreiz, Märtyrer zu feiern, weil das den anderen gegenüber die Botschaft festigt, dass ihr eigenes Verhalten noch nicht weit genug geht (in unklaren Situationen sind Menschen immer versucht, ihre eigene Position in der Mitte des Spektrums zu suchen, und Märyrer treiben das Aktivismus-Extrem des Spektrums weiter nach außen, was auch die Mitte verschiebt).

Das Money Quote dazu ist:

In the same way, publicizing how strongly you believe an accusation that is obviously true signals nothing. Even hard-core anti-feminists would believe a rape accusation that was caught on video. A moral action that can be taken just as well by an outgroup member as an ingroup member is crappy signaling and crappy identity politics. If you want to signal how strongly you believe in taking victims seriously, you talk about it in the context of the least credible case you can find.

Das mit den Märtyrern steht nicht bei Slate Star Codex, das habe ich extrapoliert, das ist meine Deutung.

Innerhalb dieses Systems folgt es also durchaus einer inneren Logik, dass Feministinnen auch dann, wenn sonst jeder davon ausgeht, dass der Fall deutlich widerlegt ist oder zumindest sehr plausible Zweifel an der Tatschilderung bestehen, ein „#IStandwith…“ Hashtag herausgeben. Es erklärt auch, warum man in deren Welt Erzählmirnix eindeutig ablehnen muss: Wenn sie in einem Bereich gegen die Regeln verstößt, etwa weil sie sagt, dass Fett gesundheitschädlich ist, dann kann man mit ihrer Ablehnung auch wenn sie eigentlich recht hat und das durch Studien belegt eben zeigen, dass man auch an dieser unlogischen Position festhält. Ist man erst einmal in dieser Scheinlogik gefangen, in der es um Anerkennung innerhalb der Gruppe geht, dann ist das anerkennen irrationaler Positionen und die fehlende Bereitschaft sie zu hinterfragen plötzlich etwas gutes, ebenso wie das Ablehnen aller Andersdenkenden. Wer mehr Ungläubige geblockt hat, der zeigt nur wie sehr er solche Abweichler hast. Religionen bauen insofern auf einem ähnlichen Prinzip auf, weswegen ich auch dort schon einmal angeführt habe, dass der Glaube an dortige besonders aberwitzige Konzepte gerade besonders die Hingabe betonen können. Poststrukturalismus eignet sich insofern besonders für solche Identitätspolitik, weil man hier nahezu die gesamte Wirklichkeit ignorieren kann – sie ist eben nur konstruiert. Deren Irrationalität wird auf diese Weise von einem Nachteil zum Feature – nur wahre Gläubige können sich hier hineindenken und sich damit würdig erweisen.

Fefe weiter:

Nun, was kann man dagegen tun? Nicht viel. Man kann die Gegenseite nach rationalen Argumenten fragen, aber die gibt es natürlich nicht. Das war ja gerade der Punkt. Wenn es rationale Argumente gäbe, hätte sich derjenige einen anderen Fall für das Signalisieren der eigenen moralischen Überlegenheit gesucht.

Aus einer solchen Konstruktion auszubrechen kann in der Tat schwierig sein – den Kaiser in Kleidern zu sehen zeigt ja nur die Liebe zum Kaiser. Die rationalen Gegenargumente aufzuzeigen wird allerdings bewirken, dass der Einstieg in das Spiel schwieriger ist, weil gleich Zweifel verbleiben, über die man sich erst selbst belügen muss. Und es führt dazu, dass die „Schwachen“ (also die nicht so gläubigen und rational Denkenden) ausgesiebt werden und demnach die Ideologie zunächst radikaler wird. Ein Prozess der so aus meiner Sicht im Feminismus bereits begonnen hat.

Selbermach Samstag 159 (24.10.2015)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Bitte keine Debatten zur Flüchtlingskrise.

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

„Gender Performance Gap“ am Beispiel von Rechtsanwälten

Eine interessante Studie behandelt die unterschiedlichen Leistungen von Männern und Frauen als Rechtsanwälte:

This paper documents and studies the gender gap in performance among associate lawyers in the United States. Unlike other high-skilled professions, the legal profession assesses performance using transparent measures that are widely used and comparable across firms: the number of hours billed to clients and the amount of new client revenue generated. We find clear evidence of a gender gap in annual performance with respect to both measures. Male lawyers bill ten percent more hours and bring in more than twice the new client revenue than do female lawyers. We demonstrate that the differential impact across genders in the presence of young children and differences in aspirations to become a law firm partner account for a large share of the difference in performance. We also show that accounting for performance has important consequences for gender gaps in lawyers’ earnings and subsequent promotion. Whereas individual and firm characteristics explain up to 50 percent of the earnings gap, the inclusion of performance measures explains a substantial share of the remainder. Performance measures also explain a sizeable share of the gender gap in promotion.

Studie: Gender Gaps in Performance: Evidence from Young Lawyers (PDF, Volltext)

Männliche Rechtsanwälte hängen sich also mehr rein, sie stellen 10% mehr Stunden in Rechnung und bringen doppelt soviel Umsatz mit neuen Mandanten in die Firma. Nach der Kurzzusammenfassung sind Gründe dafür die unterschiedlichen Auswirkungen von Kindern und die unterschiedliche Hoffnung Partner zu werden.

Gegeneinwände wären hier: Die Frauen haben es schwerer neue Mandanten anzuwerben, weil man ihnen als Frauen nicht zutraut und deswegen begraben sie auch gleich ihre Pläne jemals Partner zu werden, weswegen sie sich eher auf die Kinder konzentrieren. Das wäre dann aber gleichzeitig eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, da es dann nur folgerichtig wäre, die männlichen Kollegen vorzuziehen. Allerdings ist der Unterschied so groß eben auch nicht und die unterschiedlichen Ambitionen bestehen weit vorher.

Aus der Besprechung:

Conclusion
We examined gender differences in performance among high-skilled individuals. Our focus was on the legal profession, which allowed us to draw on well-defined and homogeneous measures of workplace performance. We found large gender gaps in workplace performance and that these gaps were consequential for the gender gaps in earnings and career advancement.

We also explored three main hypotheses to explain gender gaps in performance:

  • (i) factors correlated with possible discrimination in the workplace;
  • (ii) the presence of children in the household, particularly young children; and
  • (iii) career-concern factors.

Possible channels of discrimination in law firms —whereby, for instance, senior lawyers (i.e., law-firm partners) could interfere with performance— do not seem to explain the performance gaps. While the presence of pre-school children in the household contributes, in part, to the gaps in performance, it is not the only key determinant. Aspirations to become a partner, which are likely to capture more general career concerns, explain an important share of the gender gap. This continues to hold even after taking into account contemporaneous reverse causality concerns by predicting current aspirations to become a partner using measures that are correlated with aspirations but pre-date the lawyers’ time in the firm or in the legal profession.

Gender differences exist in other dimensions, such as area of specialization, time spent networking, and time spent working on weekends. While these factors influence performance, they do not appear to explain the gender gaps in performance. The gender gaps in performance have substantial consequences for gender gaps in earnings and promotion. Traditionally, the lack of data on workplace performance, especially in skilled or non-manual jobs, would leave it to speculation whether gender gaps in career outcomes might be explained by difference in performance. We demonstrate that a considerable share of gender gaps in earnings and promotion to partnership in the legal profession can be explained by including direct measures of workplace an important omitted variable: performance.

One potential implication of these results is that gender-based inequality in earnings and career outcomes might not decrease in the near future and could even increase due to the growing number of high-skilled workers who are explicitly compensated based on performance.
We demonstrate that a number of factors potentially reflecting discrimination within the firm do not seem to be important determinants of gender gaps in performance. However, there may be effects of social norms that affect workers’ aspiration early in their lives. An important next step would therefore be to examine in greater detail why career aspirations and the effects of raising children differ across gender and affect even the most elite professional men and women.

Die einfache Antwort „es sind eben die männlichen Privilegien und die Diskrimierung der Frauen“ scheint mir hier insofern nicht zu ziehen. Die Männer zeigen mehr Einsatz und wollen auch eher Karriere machen, die Frauen scheinen eher eine gewisse Work-Life-Balance anzustreben.

Was macht die Radikalität des Feminismus aus?

LoMi kommentiert bei Erzählmirnix:

Mein Unbehagen am Feminismus bleibt, solange die Theorie selbst radikal ist. Was macht die Radikalität der Theorie aus? Es geht dabei nicht um das Auftreten von Protagonisten, sondern um den Anspruch, die Wahrheit zu kennen.
Die These des Patriarchats z.B. ist schon deswegen so hochproblematisch, weil sie behauptet, unsere ganze Gesellschaft sei bis in den letzten Winkel durchsystemisiert und alles, auch jedes kleinste Handeln und Fühlen, leite sich daraus ab. Das ist eine ungeheure Behauptung, die in der Regel in den Sozialwissenschaften so nie zu halten ist, weil man einfach niemals genug Beweise dafür findet, nie finden kann und weil es auch widersprechende Erkenntnisse gibt.

Das ist auch der Grund, warum diese Begriffe eher vorausgesetzt als hinterfragt werden und das in einer Ideologie, die sich gerade als kritisch hinterfragend ansieht. Es ist dabei auch relativ egal, welche Art von Feminismus man nimmt, es wird zwar verschiedentlich das Konzept leicht ausgetauscht, aber es bleibt letztendlich immer die große sexistische Struktur, die das ganze Leben beherrscht, sei es „das Patriarchat“ oder die „hegemoniale Männlichkeit“ oder welches anderes Konstrukt auch immer gerade verwendet wird. Die genauen Grundlagen davon bleiben im Nebel. Sie sind irgendwie da und irgendwie supermächtig und unbesiegbar, obwohl die meisten Leute oder zumindest alle Frauen nur Nachteile davon haben, aber das merkt irgendwie keiner weil alle einer Gehirnwäsche unterzogen sind und nicht mehr klar denken können, am wenigsten Frauen (da sie die Gruppe sind, die bei freien geheimen Wahlen bei der sie die Mehrheit der Wähler bilden in einer Hölle sitzen, in der jede Dritte vergewaltigt wird und sie weniger Geld für gleiche Arbeit bekommen und in der sie von allen Machtpositionen ausgeschlossen sind)

Zweitens wird die Vorannahme der sozialen Konstruktion überdehnt und zur Tatsache erklärt. Dabei ist die “Konstruktion” letztlich nur eine Forschungsperspektive. Sie ist selber nicht beweisbar. In der aktuellen Ausgabe von “Soziologie” kritisiert Thomas Luckmann (einer, der eigentlich als Urvater des sozialen Konstruktivismus gilt) diese Überdehnung der Konstruktionsannahme. Nicht alles sei beliebig konstruierbar.

Das die Vorannahme der absoluten sozialen Konstruktion falsch ist, dazu habe ich hier bereits sehr viel sowohl für Menschen allgemein als auch für die Geschlechter geschrieben. Poststrukturalismus geht da schlicht bereits von falschen Grundlagen aus, die dann auch zu falschen Ergebnissen führen müssen. Interessant wäre zu sehen, was Luckmann da für Argumente vorbringt, es handelt sich wohl um diesen Artikel: „Thomas Luckmann, Hans-Georg Soeffner und Georg Vobruba im Gespräch: »Nichts ist die Wirklichkeit selbst.«“ Kommt da jemand ran und kann was dazu sagen?

Drittens fehlt mir in der feministischen Theorie ganz grundsätzlich die Einsicht in die Begrenztheit jeder sozialwissenschaftlichen Theorie. Niemand besitzt allgemeingültige Erkenntnisse. Jeder kann sich irren. Aber das sehen Feministinnen selten so.

Das Absolut-Setzen der eigenen Theorie bei Fehlen jeglicher Belege für deren Grundlagen und deren erheblicher Lücken und das Abwerten aller, die diese Thesen nicht teilen ist ja ebenfalls hier bereits häufiger diskutiert worden. Es ist eben weniger eine sozialwissenschaftliche Theorie als ein nichthinterfragbares Dogma, über das nicht diskutiert werden kann und auf dessen Infragestellung mit Ausgrenzung und Abwertung reagiert werden muss. Der radikale Feminismus hält es nicht mehr nötig zu begründen, er erklärt allenfalls.

Viertens wird in der Gender-Theorie die Sprache ins Extreme vergegenständlicht und ihr wird eine realitätsprägende Macht zugeschrieben. Man glaubt tatsächlich, dass ich mit einem falschen Wort bereits Machtverhältnisse setze und durchsetze. Sprache ist aber nicht allmächtig, sie ist interpretierbar und Kommunikation ist ein mehrseitiger Prozess, der auch Interpretation beinhaltet. Worte haben keine absolute Bedeutung, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben. Gendertheorie verabsolutiert die Bedeutung von Worten und auf dieser Basis verurteilt sie gewisse Worte als inhärent “sexistisch” oder “rassistisch” oder “transphob” und zwar über die Köpfe der Sprecher und deren Interpretationen hinweg. In diesem Punkt ist die Theorie bereits bevormundend.

Das erscheint mir auch ein großer Fehler des Poststrukturalismus: Die übertriebene Kraft die Kleinigkeiten zugesprochen wird, die Vorstellung, dass alles besser wird, wenn Lehrer „Schülerinnen und Schüler“ sagen (und das dann doch nur mit SuS abkürzen), das Diskriminierung verschwindet, wenn es nicht mehr Studentenwerk, sondern Studierendenwerk heißt etc. Gut zu sehen, wie sehr sich die Bedeutung ändert ist dies auch bei der Kette von Bezeichnungen, die zB bei einer Volksgruppe erst neutral sind und dann zu einer Beleidigung werden und durch einen anderen Begriff ersetzt werden müssen, und so weiter. Worte erzeugen nicht einfach nur eine Realität bzw die Kultur, diese erzeugen vielmehr üblicherweise die Bedeutung der Worte.

Wenn die Frau Unterhalt zahlen muss

Gerade ist mal wieder eine Prominente, Kaley Cuoco in der Zeitung, die Unterhalt an ihren Mann zahlen muss:

Sweeting verlangt Ehegattenunterhalt von dem „Big Bang Theory“-Star, wie das Magazin „People“ unter Berufung auf Gerichtsunterlagen berichtet. Demnach will der 28-Jährige außerdem erreichen, dass er wiederum keinen Unterhalt an die Schauspielerin zahlen muss. Die 29-Jährige ist derzeit eine der bestbezahlten TV-Darstellerinnen in den USA.

Warum er, wenn sie einer der bestbezahltesten TV-Darstellerinnen ist, überhaupt Unterhalt zahlen müssen sollte leuchtet mir nicht ein, aber natürlich habe ich auch keine Ahnung vom amerikanischen Familienrecht

Solche Forderungen werden gern besonders hervorgehoben wenn es ein Mann ist, der mit einer gut verdienenden Frau zusammen ist, dann wird auch thematisiert, dass dies unfair sei, es schwingt mit, dass er dadurch kein „ganzer Mann“ ist und das das ganze eine Unverschämtheit ist.

Bei der Unterhaltsforderung des Mannes der Schauspielerin Neugebauer beispielsweise heißt es:

Christine Neubauer soll Luxus ihres Ex finanzieren

Golfausrüstung, Kosmetik, Designeranzüge und einen Gärtner – alles Dinge, dieChristine Neubauers Noch-Ehemann Lambert Dinzingeroffenbar dringend braucht, um seinen Lebensstandard nach der Trennung weiter zu halten. (…)

Obwohl er als freiberuflicher Journalist und Nachtclubbesitzer eigene Einkünfte hat, scheint es, als komme Dinzinger mit seinem Geld nicht aus, schreibt „Bunte“. Zum Lebensstandard, den er offenbar bewahren will, sollen unter anderem der Fuhrpark vor seiner Villa und ein Ferienhaus in Spanien gehören.

Neubauers Noch-Ehemann argumentiert dem Bericht nach, er habe während der 20 Jahre währenden Ehe seine eigene Karriere vernachlässigt – zugunsten seiner Frau. Während sie einen Film nach dem anderen gedreht habe, habe er sich um den gemeinsamen Sohn Lambert gekümmert.

Diese Punkte sind für das deutsche Unterhaltsrecht jetzt nicht ungewöhnlich, der Bedarf richtet sich nach den ehelichen Lebensverhältnissen und kann damit bei hohem Einkommen auch Luxusausgaben umfassen. Das dies bei Unterhaltsansprüchen der Frau in der Klatschpresse thematisiert wird ist mir jedenfalls noch nicht aufgefallen. Dort wird allenfalls die Summe genannt, warum ihr diese zusteht wird eher nicht thematisiert (oder ist das eher aus der ausländischen Presse und bei deutschen Scheidungen wird es auch thematisiert? Wäre mir jedenfalls nicht aufgefallen).

Gerade zum Fall Neugebauer erinnere ich mich auch an ein Interview mit anderen Promis, bei denen häufig eine gewisse Verachtung mitschwang, dass der Mann überhaupt Unterhalt verlangt und nicht für sich selbst sorgt. 

Die Normen sind in dieser Hinsicht natürlich geschlechtsneutral formuliert. Ein Mann kann genauso auf nachhehelichen Unterhalt klagen wie eine Frau, gerade wenn er ehebedingte Nachteile hatte oder die Ehe länger angehalten hat. Dabei gilt der Grundsatz:

  • ehebedingte Nachteile sind auszugleichen solange sie bestehen
  • Ansonsten gilt unabhängig von Nachteilen die Faustformel, dass Ehejahre geteilt durch 3 Jahre nachehelicher Unterhalt dem üblichen entspricht

Bei einer Ehe von sehr langer Dauer, was meist ab 25 Jahren angenommen wird, kann dieser Anspruch auch dauerhaft werden. Natürlich muss er sich seine eigenen Verdienste und Verdienstmöglichkeiten entsprechend anrechnen lassen.

Der Mann, der Unterhalt verlangt erleidet damit auch einen Imageverlust. Hier zb ein Artikel dazu:

Mr. Garnick used the alimony to earn a mathematics degree from a community college. But he has returned to his old job selling toilets, where he earns only half what he did before quitting. „Society thinks that just because you are a man you can pick up a career after you have dropped it for 10 years and jump right back,“ he says. „That’s just not the case.“

Still, relatives of his former wife continue referring to Mr. Garnick as a „deadbeat,“ he says. And Ms. Garnick herself says, „In some instances, alimony has become akin to a social-welfare program provided by working women to their ex-husbands.“
Some feminists say cases such as Mr. Garnick’s show progress of a sort. „We can’t assert rights for women and say that men aren’t entitled to the same rights,“ says the famous feminist lawyer, Gloria Allred.

But the women who have to pay it are sounding a different chord. „I feel financially raped,“ says Rhonda Friedman, the former wife of Mr. Castellanos. So distasteful are the monthly payments she makes to him that after filling out the check she used to spit on it. Especially galling, she says, is that she was required to pay a substantial portion of the legal fees he racked up while securing a lucrative divorce agreement.

To be sure, some men don’t want alimony, viewing it as an embarrassment. Others are just as high-powered as their wives.

Das Gefühl, das man „finanziell vergewaltigt wird“ haben sicherlich auch einige Männer, es hat als Äußerung einer Frau aber sicherlich noch eine andere Bedeutung.

Oder hier:

How many women out there are (or were) paying loser men alimony?
I live in Southern California. I am not rich. I am not a movie star.

Is there a way to stop this nightmare??? I’m getting ripped off to the tune of about a grand a month. He may have been born with a penis and testicles but he is definitely NOT A MAN.

Before we were married he was making a salary equal to mine. About two years later, he was laid off and sat on his butt for the next six years. He has a college degree but claims he can’t find a job.

I don’t understand how the court is letting him get away with this. The divorce has been going on for over 3 years!!! We have two little girls. They have to endure going back and forth between mom and dad every other week. All he cares about is the child support money (another $1,500). I pay for everyone’s medical, dental, vision. I have no money left to live on. I’m charging groceries and car insurance on my VISA every month. Is this fair?

Emanzipation hat eben ihren Preis.