Der „Einer aus der Gruppe muss doch auch mal was für X machen“-Effekt

Ich hatte schon einmal in einem Artikel ausgeführt, dass kleine Unterschiede große Auswirkungen haben können. Ein andere Effekt, der häufig nicht beachtet wird, ist, dass es sich häufig nicht lohnt, seine Wahl auf Minderheiten auszurichten, sondern – gerade wenn die Kosten hoch sind – alle sich an den Gruppen orientieren, die ihnen den meisten Profit bringen. Eine dies nicht beachtende Fehlvorstellung ist der „Einer aus der Gruppe muss doch auch mal was für X machen“-Effekt. Demgegenüber steht das „Nischenprodukt“.

Dies spielt stark in etwas rein, was im Feminismus und anderen poststrukturalistischen Theorien unter „Heteronormativität“ oder anderen „Normativitäten“ diskutiert wird:

Wenn man beispielsweise dort anführt, dass die Hauptdarsteller meist heterosexuell sind und eine klassische Liebesgeschichte in einen Plot eingebaut wird und große Blogbuster nicht andere Gruppen, etwa Homosexuelle einbeziehen, dann liegt dem eben dieser Aspekt zugrunde. Ein heutiger Blockbuster kostet zumindest zweistellige, meist sogar dreistellige Millionenbeträge. Er muss sich demnach an ein Publikum richten, dass diese Beträge wieder reinbringen kann. Das ist eben aufgrund der Häufigkeit der Homosexualität die klassisch heterosexuelle Liebesgeschichte.

Und wenn eine Geschichte sich um eine Minderheitengruppe geht, dann lohnt es sich dennoch, den gesamten Film eher auf ein heterosexuelles Publikum auszurichten. Vielleicht auch der Grund, warum „Queer as folk“ eine Hauptfigur hat, die eher nicht den Klischees entspricht.

Ähnlich ist es mit gutem Aussehen. Klar kann man auch Filme mit hässlichen Menschen drehen, aber die meisten Leute schauen sich eben lieber hübsche Menschen an, gerade wenn es um Filme geht, die sich um Liebe und Attraktivität drehen. Demnach machen solche Besetzungen es eben wahrscheinlicher, dass man sein Geld wieder reinbekommt.

Natürlich gibt es Nischenfilme, die meist entweder mit geringeren Kosten produziert worden sind oder eben auf da besondere setzen und dies in eine spezielle Geschichte einbinden, aber eben gerade nicht Filme sind, in denen dies nicht weiter thematisiert wird, in denen also zB ohne das dies eine besondere Rolle spielt eine Transsexuelle vorkommt.

Es ist also in gewisser Weise kein Wunder, dass sich Nadine Lantzsch in diesen Filmen und Serien nicht wiederfindet:

Bis auf L-Word und Orange Is the New Black konnte ich mich bisher weniger für queere (in den verschiedenen historischen und ahistorischen Bezugnahmen und Bedeutungen des Begriffs) Serien begeistern, weil die Darstellung von Identität, Begehren, Sexualität und Beziehungen in diesen oft klischeebehaftet und für ein hetiges und anderweitig privilegiertes Publikum gemacht ist. Ja, auch L-Word zählt mitunter dazu, aber als die Serie vor genau zehn Jahren auf Pro7 in deutscher Synchronisation anlief, war es genau das, was mein von Homophobie und Kleinstadt-Mief und ausschließlich von Heten geprägtes Herz begehrte: Das Gefühl von Identifikation. Dennoch müssen sich Begehren, Sexualität und Beziehungen in Serien mit „LGBT-Fokus“ in ein hetiges, zweigenderkonformes, rassifiziertes, ableisiertes, klassenprivilegiertes Körper- und Performancebild einpassen, weil die „Masse“ der Zuschauer_innen in der Film- und Fernsehwelt als eine solche definiert wird. Umfassend privilegierte Menschen scheinen die Mehrheit der Weltbevölkerung und damit Zuschauer_innen zu stellen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Außerdem geht es häufig um ökonomische Ausbeutung und Verwertbarkeit queerer/widerständiger Körper und Geschichten für ein umfassend privilegiertes Publikum und je höher die angenommene oder tatsächliche Kaufkraft des antizipierten „Masse“-Publikums, desto vermarktbarer und diskriminierender die Figuren und Erzählungen.

Das es gerade Serien sind, die im übrigen eher aus dem Schema ausbrechen können, liegt daran, dass sie schlicht mehr Zeit haben, Charaktere zu entwickeln und damit auch einen Bedarf an besonderen, teilweise eben auch an stereotypen Charaktern haben, die man in einer größeren Gruppe dennoch schnell einordnen kann und deren Besonderheit man zu Handlungssträngen verarbeiten kann, gerade im Zusammenhang mit den Besonderheiten anderer. Bei Serien wie „How I met your Mother“ gibt es eben den Romantiker, den Aufreißer (der gleichzeitig Comic Relief ist um das abzufangen und sozial verträglicher zu machen), das Paar mit dem netten Beziehungsmann und der unkomplizierten Traumpartnerin, die auf die Beziehung ausgerichtet geradezu nymphoman ist, und den Loveinterest, der etwas dadurch aufgepeppt wird, dass sie Kanadierin ist. Diese Charakterzeichnungen und Besonderheiten kann man sich auch aus anderen Bereichen holen und entsprechend variieren und um so größer die Gruppe um so interessanter wird es eben auch Randthemen einzubauen. Bei einer Serie in einem Frauengefängnis bietet es sich zudem natürlich auch an, Homosexualität einzubauen, weil man dann andere Beziehungen ausbauen kann und gleichzeitig mit ein paar Nackt- und Sexszenen auch andere Interessen bedienen kann.

Auch in anderen Bereichen wirkt sich der Fehlschluss aus, er spielt beispielsweise bei einem allgemeinen „Entitlement“ herein, zB bei der Vorstellung, dass einen doch eine Frau mögen muss, dass die Gruppe der Frauen eine Frau abstellen muss, die einen mag und das sonst den Frauen anzulasten ist.

Auch die Entscheidung, mit wem man in einer exklusiven Partnerschaft leben will ist eben eine kostenintensive Frage, da sie wesentlich das Leben bestimmt. Dabei setzen die meisten Personen in bestimmten Bereichen gewisse Mindestwerte voraus, unter denen sie eine Beziehung oder eben auch nur ein näheres Kennenlernen als Vorstufe der Beziehung interessant finden. Wenn jemand wie zB Rodger Eliot als Extrembeispiel in diesem Bereich deutlich macht, dass er sich extreme Probleme hat, kein Selbstbewußtsein und einen entsprechenden Frauenhass entwickelt hat bzw eben meint, dass die Gruppe ihm etwas schuldet, dann erfüllt er diese Mindestkriterien bei den meisten Frauen nicht, genau wie umgekehrt wohl die meisten Männer an einer  Beziehung mit einer Radikalfeministin nicht interessiert wären.

Es gibt eben keinen Grundsatz, dass einer aus der Gruppe das schon übernehmen muss, sondern jedes einzelne Mitglied der Gruppe möchte für seine Situation die Lösung finden, die für ihn jeweils die Beste und Sicherste ist. Es gibt keinen Anlass, dass eine Person aus der Gruppe davon abweicht und eine suboptimale Entscheidung trifft, um Einzelinteressen einer anderen Person zu genügen. Insbesondere gibt es keinen Anlass, wenn dieser jemand erhebliche Defizite in wichtigen Bereichen mit sich bringt und man die Aussicht hat, in Zukunft einen besseren Fang zu machen, der einem nicht möglich ist, wenn man sich bereits jetzt darauf einlässt, mit dieser anderen Person etwas anzufangen.

Ein anderes Beispiel wäre die Auffassung „eine von diesen Frauen muss doch mit mir schlafen wollen, ich würde ja auch mit jeder von ihnen schlafen“. Das bewertet nicht, dass Frauen zum einen ein geringeres Interesse an Sex einfach so haben und wenn sie diesen haben eben etwas anderes brauchen als reine Verfügbarkeit und hinreichendes Aussehen, sie brauchen eben jemand, der ihre Lust weckt, ihnen ein Gefühl der Sicherheit gibt etc. Es berücksichtigt auch nicht, dass Frauen nicht das gleiche Nachfrageproblem haben wie Männer sondern eben eher ein Luxusprodukt mit hoher Nachfrage anbieten und deswegen zu ihren Bedingungen (oder jedenfalls wesentlich besser) verkaufen können. Auch hier wird die Asymmetrie des Markes und die daraus erfolgende individuelle Entscheidung nicht wahrgenommen, wenn man einfach darauf abstellt, dass die Gruppe schon groß genug ist als das einer davon bereit sein müsste (zumal „einer davon“ da auch sehr relativ ist: Meist wird auch derjenige es einengen auf „eine von den hübscheren“ oder etwas in der Art).