Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 20. September 2015

„Wie der Poststrukturalismus die Biologie losgeworden ist“

DJAdmoros macht sich in den Kommentaren bei Schoppe Gedanken dazu, wie der Poststrukturalismus die Biologie losgeworden ist:

Weil ich mich gerade an der Fragestellung abarbeite, wie der Poststrukturalismus eigentlich die Biologie losgeworden ist:

(1) Der ursprüngliche Strukturalismus, insbesondere in Person von Claude Lévi-Strauss, hatte das Bedürfnis, die Sozialwissenschaften als »strenge Wissenschaften« zu etablieren, also als Gesetzeswissenschaften analog zu den Naturwissenschaften (frz. Objektivismus der Durkheim-Schule).

(2) Aufgrund von Ferdinand de Saussures Untersuchungen der menschlichen Sprache (dem »Urtext« des Strukturalismus) schien es, als könne man in der menschlichen Sprache Gesetzmäßigkeiten finden, die nicht aus naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten abgeleitet sind (ein Gedanke, der auch von Noam Chomsky aufgegriffen wurde). Lévi-Strauss überträgt diese Idee auf die Anthropologie (konkret: auf das Studium der Verwandtschaftsverhältnisse) und zeigt, dass Verwandtschaftssysteme eine Logik aufweisen, die sich nicht auf Zufall oder individuelle Strategien (oder, mit Seitenblick auf Christian, auf biologische Gesetzmäßigkeiten sexueller Atraktivität) reduzieren lassen.

(3) Fortan (insbesondere: 50er und 60er Jahre des 20. Jhdts.) gilt Lévi-Strauss’ Werk als Inbegriff einer »kulturwissenschaftlichen strengen Wissenschaft«.

(4) Hierauf aufbauend bildet die Psychoanalyse von Jacques Lacan eine wichtige Brücke zum Poststrukturalismus: Lacan stellt (gleichwohl beanspruchend, den »ursprünglichen« Freud gegen die anglogermanische Hauptströmung der Psychoanalyse wiederherzustellen) die Psychoanalyse von triebtheoretischen auf anerkennungstheoretische Grundbegriffe um und klammert damit genau jenen Teil Freuds aus (Freud selbst, als Neurologe und Mediziner, hat die Psychoanalyse tatsächlich als eine Art verhinderte Naturwissenschaft gesehen), der eine neurophysiologische Rehabilitierung der Psychoanalyse ermöglichen würde (wie sie von Eric Kandel verfochten wird) – und an modernen Konzepten der Hirnforschung zeigen könnte, dass naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Zugänge zum Menschen sich nicht ausschließen müssen, sondern ergänzen können.

(5) Mit der Weichenstellung Lacans, die Psychoanalyse mit strukturalistischen Mitteln zu einer »strengen Wissenschaft« zu erklären, die keiner Biologie mehr bedarf, wird eine wissenschaftsgeschichtliche Amnesie in Kraft gesetzt: während in der deutschen »hermeneutischen« Debatte die biologischen Grundlagen der Psychoanalyse (insbesondere Habermas) immerhin noch als »Positivismus«bekämpft werden, werden sie in der französischen Tradition schlicht vergessen.

(6) Wenn nun jemand wie Judith Butler wesentlich in der poststrukturalistischen Tradition akademisch sozialisiert worden ist, dann entsteht die Paradoxie, dass, um sich auf den biologischen Geschlechtsunterschied und seine kulturellen Folgen einen Reim zu machen, die Biologie überhaupt nicht mehr im legitimen Horizont der Fragestellung zur Verfügung steht. Wenn alle Realität durch symbolische Strukturen mit eigener Gesetzmäßigkeit zustandekommt und ein Element dieser Gesetzmäßigkeit die Konstruktion von binären Oppositionen ist, dann verfällt man eben auf den Gedanken, dass dies auch oder gerade für das biologische Geschlecht gilt.

(7) Dass damit eine Aporie des Poststrukturalismus erreicht ist und seine Prämissen ad absurdum geführt werden, lässt sich von innerhalb dieser Denktradition aber nicht mehr erfassen. Man kann nur, wie zum Beispiel Camille Paglia, seiner Intuition folgen und den Poststrukturalismus als »french rot« zurückweisen.

(8) Das eigentliche Problem besteht – meiner Meinung nach – nun aber darin, nicht erneut der binären Logik einer wechselseitigen Ausschließung von Biologie und Soziologie zu erliegen und mit fliegenden Fahnen ins Lager der Evolutionspsychologie überzulaufen, die die heutige Form eines naiven »Positivismus« und Psychologismus verkörpert. Das allerdings ist ein anderes Thema.

Meiner Meinung nach ist es schicht ein Verharren im „Blank Slate“ zur Sicherung der „versunkenen Kosten“, die es stark erschweren, wirklich zu wechseln, weil man plötzlich anfangen müsste, ganz erhebliche Änderungen vorzunehmen. Macht man die Tür einmal auf, dann muss man das Thema an Fachleute an einem anderen Gebiet abgeben und mehr oder weniger daneben sitzen. Man ist nicht mehr Herr im bisher eigenen Haus. Insofern geht auch DJ Admoros Satz ins Leere, denn diese Binärität wird in der Evolutionspsychologie gar nicht vertreten, sie geht von einem integrierten Modell aus,

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Responses

  1. Vielen dank für diese Darstellung, da fügt sich in meinem Kopf was zusammen.

  2. „DJ Admoros Satz, nicht erneut der binären Logik einer wechselseitigen Ausschließung von Biologie und Soziologie zu erliegen, geht ins Leere, denn diese Binärität wird in der Evolutionspsychologie gar nicht vertreten, sie geht von einem integrierten Modell aus.“

    Ein integriertes Modell heißt, du müsstest Wissenschaftsphilosophie betreiben, also systematisch die Voraussetzungen deiner Wissenschaft hinterfragen. Ich glaube, es ist zu viel verlangt, von einem Evolutionsbiologen oder -psychologen zu verlangen, gleichzeitig den Wissenschaftsgegenstand und den Gegenstand Wissenschaft zu bestimmen. Der letzte von den beiden muss von der Geisteswissenschaft erklärt werden. Die Tatsache, dass du dich damit herumschlagen musst, zeigt ihren Verfall.

    Leszek hatte mal irgendwo gesagt, dass die Methoden des Poststrukturalismus, behutsam angewendet, erkenntisfördernd sein können. Das sehe ich auch so. Die Geisteswissenschaft hätte den Butlerschen Wiedergänger eines kleinbürgerlichen Vulgäridealismus (das emotionale Schwärmen für reine Ideen, das sich um deren Objektivität nicht schert) früh in seine Schranken weisen müssen. Die Forderung der Abschaffung von Geisteswissenschaften ist das Ergebnis dieser Untätigkeit.

  3. Das sunk- cost-Modell dürfte auf den heutigen Feminismus zutreffen – in der Gründungsphase des Strukturalismus dagegen handelt es sich um initiale Investitionen, denen vorab noch nichts“versenkt“ wurde. Das Argument greift daher nicht in Bezug auf den betreffenden Zeitabschnitt. Die heute virulenten Denkfiguren wurden damals erst erarbeitet.

    • Der Feminismus hat immer auch die Möglichkeit zwischen Gleicheits- und Differenzfeminismus zu wechseln. Die Denkfiguren des Strukturalismus, die von Foucault et al. verfeinert wurden, gaben dem damaligen Differenzfeminismus (siehe Mary Daly) die Möglichkeit, seine eigene Auflösung zu verhindern und sich als unterdrücktes Produkt diskursiver Mächte zu verkaufen, dem jede weibliche Essentialität fehlt. Die daraus folgende allumfassende Konstruiertheit hat jetzt den Nachteil, immerzu die machtvolle Ursache der Konstruktion (Patriarchat) zu behaupten, während große Teile der männlichen Bevölkerung offenbar keine Macht haben, sondern trotz Arbeit in Armut abrutschen und die Familien, als Reproduzent des Patriarchats, verschwinden. Die Macht, die die Frauen unterdrückt, scheint für immer mehr Kritiker, die am Dogma der Konstruktion hängen, jetzt darin zu liegen, dass es die spezifisch weibliche Anlage gibt, sich selbst als konstruiert zu sehen, sprich die eigene Unterdrückung zu konstruieren, egal wie das objektive Gesellschaftsmodell gestaltet ist. Diese spezifische weibliche Unmündigkeit, soll nun von den gesellschaftlichen Kräften dahingehend ausgenutzt werden, diese Eigenschaft, sich selbst konstruieren zu wollen, zu verstärken. Dann wird es sogar verständlich, wenn eine Frau im Aufsichtsrat gegenüber dem Paketpostfahrer unterdrückt erscheint, weil er der Repräsentant einer Gesellschaft ist, die den Hang der Aufsichtsratsfrau, sich selbst als konstruiert zu sehen, verstärkt, indem er ihr zum Beispiel selbstbewusst und machtvoll ein Paket in die Hand drückt. Die Theorie der micro aggressions ist die Erweiterung der Theorie des Patriarchats und kommt zur Anwendung, soweit das Patriarchat ausfällt.
      Die Intersektionalität erweitert den Gedanken der Konstruktion durch Machtbeziehungen auf alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen. Alle diese Gruppen benötigen einen Verursacher dieser Machtbeziehungen. Die Sprache, durch welche die objektive Konstruktion konkret geschieht, ist der Ausdruck der Machtbeziehungen. Ein konsequentes Aufzeigen von diskriminierenden Bestandteilen der Sprache, inklusive ihrer Abschaffung (Hornscheidt) und unter der weiteren Annahme, dass alle, die sich als abgewertet fühlen, sich deshalb so fühlen, weil die weiße Gesellschaft sie dazu zwingt, sich als minderwertig zu konstruieren, was wiederum meistens nur bei Frauen gelingt, bewirkt dann den folgenden Widerspruch: durch eine konsistente Ausarbeitung und Anwendung intersektionaler Konzepte ist den Akteuren klar, dass nicht nur sie es sind, die von außen dazu animiert werden, sich als minderwertig fühlend zu konstruieren, sondern, dass sie selbst Ursache für die Konstruktionen der Minderwertigkeit anderer Frauen und Transen sind. Wenn man aber nun annimmt, dass die Protagonisten im universitären Bereich der gender studies alle insofern gleich sind, dass sie die Anlage haben, sich als minderwertig zu konstruieren, dann haben wir hier eine wissenschaftliche Spielwiese für die Untersuchung der Intersektionalität unter Gleichen. Hier entwickelt sich der Gegenstand der Intersektionalität zur Untersuchung der Konstruktion eigener Minderwertigkeit unter der Maßgabe, dass

      die Kraft,

      die die weibliche Anlage, sich als konstruiert wahrnehmen zu wollen,

      zu ihrem Nachteil ausnützt,

      nicht außerhalb von ihr zu suchen ist,

      sondern sie selbst ist es, die sich animiert, ihre eigene Anlage, sich als konstruiert wahrnehmen zu wollen, zu ihrem eigenen Nachteil auszunutzt.

      Die Teilnehmer der Seminare von Lann Hornscheidt müssen also, wollen sie nicht an dieser Schizophrenie zugrunde gehen, JEDEN Anlass nehmen, um diese Kraft bei den anderen aus der Gruppe zu identifizieren, um sich nicht selbst als Ursache der eigenen Minderwertigkeit wahrzunehmen. Das führt zwangsläufig zu einem jakobinischen Vernichtungswillen des anderen oder aber die Suche nach einer externen Kraft wird außerhalb der Gruppe verlagert. Daher MUSS der aktuelle Feminismus permanent die kleinsten micro aggressions aufbauschen, um sich nicht selbst vor die Füße kotzen zu müssen.

    • @djd
      „…. in der Gründungsphase des Strukturalismus dagegen handelt es sich um initiale Investitionen, denen vorab noch nichts”versenkt” wurde.“

      Die ganze Willensphilosophie (wenn ich das mal so nennen darf) hat mit dem 2. WK einen katastrophalen Schiffbruch erlitten und unmittelbar danach wird sie mit dem „Strukturalismus“ einfach weiter geführt als sei nichts gewesen. Wenn das nicht als „double down“ auf „versunkene Kosten“ verstanden werden kann!

      Der Strukturalismus ist nichts anderes als ein fader Neuaufguss der antidemokratischen Geistestradition, die in den 2. WK führte.

      • @Alex

        Widerspruch!
        Es gibt einen französischen „strukturalistischen Marxismus“, namentlich Althusser und Lecourt, die mit dieser Geistestradition nichts zu tun haben!

        Gruß, crumar

        • @crumar, ich seh auch erhebliche Probleme mit dem ganzen Marxismus et al diesbezüglich. Aber ich wollte wirklich nicht so unfair sein, hier wirklich alle in einen Sack zu stecken.

          Als reines Werkzeug der Analyse mag das Ganze mit dem „Dekonstruieren“ ja ganz interessant sein, wobei die Machtphilosophie ohnehin willkürlich aufgepropft ist. Es ist eigentlich die letztere, die ich hier verurteile.

        • @ Alex

          Der Strukturalismus hat nichts mit „Willensphilosophie“ zu tun – ganz im Gegenteil, er ist ahistorisch und subjektlos, interessiert sich nur für die Erforschung der Strukturen des menschlichen Geistes und menschlicher Gesellschaften, die wirksam sind, ohne dass es den Subjekten bewusst ist. Die strukturale Methode bei Claude Levi Strauss fällt in den Bereich des klassischen Strukturalismus.

          Der Poststrukturalismus entstand u.a. aus der Kritik des klassischen Strukturalismus. Foucaults Machttheorien (die durchaus ihren Wert haben und sich auch kritisch gegen den Genderismus wenden lassen) oder die Methoden der Diskursanalyse oder der Dekonstruktion (die auch ihren Wert haben, wenn sie innerhalb ihres Geltungsbereichs verbleiben und nicht auf empirisch zu behandelnde Fragen angewendet werden) sind etwas völlig anderes als der ursprüngliche Strukturalismus als Methode bei Claude Levi Strauss (den ich als Ethnologen schätze).

        • @leszek, mit den Präfixen da nehm ich´s da nicht so genau. Was interessiert schon die Feinheiten der Doktrin oder der hehren Wissenschaft, wenn man ein schönes, fettes Endprodukt auf dem Tisch hat: eine willkürliche, absurde und massenwirsame Pseudo-Philosophie, die schon jetzt eine Geschichte geschrieben hat, was höchst bemerkenswert ist für ein derart absurdes Geistesprodukt.
          Welches du mit deinem intellektuellen Relativismus regelmässig so gut es geht in Schutz nimmst und kleinredest.

        • @ Alex

          „Welches du mit deinem intellektuellen Relativismus regelmässig so gut es geht in Schutz nimmst und kleinredest.“

          Es ist das GEGENTEIL von intellektuellem Relativismus, Alex – Bemühen um Objektivität.
          So läuft das, wenn man ernsthaft geistes- oder sozialwissenschaftlich arbeitet.
          Dazu seid ihr Naturwissenschaftler – wenn es um geistes- und sozialwissenschaftliche Themen geht – in der Regel weder willens, noch fähig.

        • @leszek

          Das ist natürlich nicht von einem „wissenschaftlichen“ Standpunkt aus, sondern von einem ethischen aus argumentiert.

        • @ Leszek

          „Bemühen um Objektivität.“

          Der ist gut, gefällt mir.

          Wer ist objektiver, der linke oder der rechte Sozialwissenschaftler?

        • @ ddbz

          „Wer ist objektiver, der linke oder der rechte Sozialwissenschaftler?“

          Ein konservativer Sozialwissenschaftler kann genauso um Objektivität bemüht sein wie ein linker oder liberaler Sozialwissenschaftler.
          Ob und inwieweit ein Sozialwissenschaftler um Objektivität bemüht ist oder nicht muss anhand seines Werkes beurteilt werden, nicht anhand der politischen Weltsicht.

    • @Christian

      1. Nun müsstest du jedoch bitte anfangen, dich mit der Kritischen Psychologie auseinanderzusetzen, deren biologische Grundlage auf der Evolutionstheorie aufbaut.
      Das ist nichts mit blank slate; insofern gehen deine generalisierenden Vorwürfe ins Leere.

      Allerdings müsstest du dich dann auch mit solchen Artikeln auseinandersetzen, die deine eigene Theorie eher kritisch sehen:
      Wolfgang Maiers – Der Etikettenschwindel der Evolutionären Psychologie, in Forum Kritische Psycholgie 45

      Und nein, es reicht nicht aus, einen Artikel auf der Basis eines abstracts zu kritisieren.

      2. Es ist keinerlei Problem, poststrukturalistische Theorien anzugreifen, weil sie a. keinerlei Biologie zulassen ODER 2. feministisch gewendete Biologie.

      Einige dieser feministischen Kritiken sind m.E. jedoch durchaus nachvollziehbar:
      http://www.amazon.de/Das-Geschlecht-Natur-Feministische-Naturwissenschaften/dp/3518117270
      Besonders aus historischer Sicht – also der Entwicklung der Biologie zur Wissenschaft.

      Auch eine Sprachkritik in der Verwendung von Metaphern in der Wissenschaft von Evelyn Fox Keller (eine theoretische Physikerin von der Ausbildung her) z.B. finde ich weniger abwegig, als du vielleicht denkst.

      Der geradezu inflationäre Gebrauch von „hard-wired“ z.B. in „Brain Sex“ (ein übrigens richtig schlechtes Buch), also „fest verdrahtet“ stellt eine Analogie zwischen Gehirn und Computer her. Dieser Vergleich ist nicht nur unpassend, er ist unstatthaft. Eine CPU ist unplastisch und Resultat des Prozesses seiner Entwicklung selbst, ein Gehirn ist es nicht; ein Transistor, ist ein Transistor, ist ein Transistor.
      Die Analogie sagt hier also mehr über das Subjekt (und sein Selbstverständnis) aus, der sie verwendet, als über das Objekt seiner Forschung.

      Fox Keller fragt berechtigt, ob solche Analogien und Metaphern nicht eher die Technisierung der Forschung beschreiben, die wiederum als Grundüberzeugung in den Forschungsprozess selbst eingehen und deren Resultate determinieren.

      Nimmt man die feministischen Übertreibungen aus der Kritik, ist das *Anliegen* der Kritik durchaus sinnvoll.

      Von der feministischen Methode, der Biologie Aussagen nur zu unterstellen, um sie dann manipulativ zu falsifizieren, halte ich selbstverständlich gar nichts.

      Schönen Gruß, crumar

      • Crumar

        Was sind den die wesentlichen Argumente von maiers?

        Ich füge schon mal den abstrakt ein

        Wolfgang Maiers: Der Etikettenschwindel der Evolutionären Psychologie / The bogus claim of Evolutionary Psychology
        Die Evolutionäre Psychologie (EP) zielt wissenschaftlich darauf ab, das für grundlegend fehlerhaft erachtete sozialwissenschaftliche Bild vom menschlichen Verhalten und Bewußtsein durch evolutionsbiologische Bestimmungen der conditio humana abzulösen. Im Zentrum des Beitrags steht eine kritische Überprüfung der methodologischen Prinzipien, theoretischen Voraussetzungen und empirischen Belege der EP. Deren Erkenntnisansatz erweist sich als zutiefst unhistorisch: Irregeführt durch einen genetisch-deterministischen Reduktionismus mündet er in ein eindimensionales und statisches Konzept menschlicher Natur ein. Die kritisch-psychologische Anwendung der Evolutionstheorie auf die Psychophylogenese zeigt die Möglichkeit eines alternativen Verständnisses der Anthropogenese – als eines qualitativen Umwandlungsprozesses von der evolutionär-stammesgeschichtlichen zur gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung – auf. Die einzelwissenschaftliche Auflösung des scheinbaren Paradoxons einer „gesellschaftlichen Natur“ des Menschen ist unhintergehbar, wenn die EP als eine pseudowissenschaftliche, ideologisch begründete Ausdehnung des Geltungsbereichs biologischer Erklärungen auf die qualitativ verschiedene Ebene gesamtgesellschaftlich vermittelter menschlicher Existenz wirksam widerlegt werden soll.

        Gibt es den Artikel im Volltext irgendwo frei verfügbar?

        Und warum muss ich aus den Aufsatz eines unbekannten Professors eingehen der in einer unbedeutenden Zeitschrift für marxistische Psychologie (!) veröffentlicht? (Ich habe noch nicht mal einen impact factor für sie gefunden)

        Mach in natürlich trotzdem gerne, wenn ich den original Text habe, aber es macht nicht gerade Hoffnung.

        Er hat mit seinen Thesen recht offensichtlich kein gehör gefunden in der Literatur.
        Dawkins und co hingegen schon

        • @Christian

          Ich habe keine Ahnung, ob du es nicht verstehen willst oder kannst: Die Psychologen haben der kompletten „Kritischen Psychologie“ NIE verziehen, dass diese ihnen methodologische BELIEBIGKEIT vorgeworfen haben.

          DESHALB haben sie auch keinen „impact factor“.

          „Impact factor“ ist ein Belohnungssystem innerhalb einer Disziplin, deren normative Voraussetzungen du *teilst*.
          Wer kategoriale Arbeit leistet, welche gegen diese Voraussetzungen argumentiert hat logischerweise keinen „impact factor“.

          Impact factor ist hier die Umschreibung von: „Selbstbestätigung“.
          Impact factor zu Zeiten der katholischen Kirche haben alle Theorien, die auf ein geozentrisches Weltbild hinauslaufen.

          Du hast eine bessere Theorie für Epizyklen, dann sei mein Gast!

          Die ketzerische Theorie einer heliozentrischen Weltsicht hatte eher KEINEN impact factor.
          Wenn wir anfangen, so Theorien zu bewerten, dann ist das reaktionär. Als wäre ihre NÜTZLICHKEIT in einem historischen Kontext gleichbedeutend mit ihrer Wahrhaftigkeit.

          Ich nehme es einfach als ein Zeichen, dass du zum zweiten Teil meines Argumentes nicht zu sagen hast.
          Es existieren Kritikpunkte in der feministischen Argumentation, die sind berechtigt – selbst wenn ich sie von den Übertreibungen befreie.

          Schönen Gruß, crumar

        • Es spricht vieles dafür, dass sure keinen impact factor haben, weil sie diejenigen sind, die dem geozentrischen Weltbild anhängen. Das alle einen doof finden ist eben gerade kein Zeichen dafür, das man recht hat.

          Aber wir können den Streit ja in der Materie führen.
          Liste seine Argumente auf oder sag mir, wo es die Zeitschrift in Netz kostenfrei in Volltext gibt.

          Welche konkreten Argumente hältst du den für berechtigt?
          Das Problem bei vielen Kritikern ist:
          -sie verstehen nicht warum evolution genzentriert sein muss und Gruppenselektion nicht funktioniert
          – sie haben sich nicht mit sexueller Selektion beschäftigt und häufig auch von natürlicher Selektion allenfalls rudimentäre Ahnung (survival oft the fittest)
          -sie stellen auf die falschen Zeiträume ab
          – sie überbewerten verschiedene Ausformungen evolutionärer Grundlagen und meinen damit bereits eine Widerlegung zu haben.
          – sie klammern auch an unwichtigen fest, weil sie das Grundgerüst hat nicht verstehen wollen

          Das Computer Beispiel zB ist da sehr bezeichnend:

          Das soll also falsch sein, weil Computer heute anders arbeiten? Wie dämlich ist das denn? Es geht darum, das ein Gehirn Berechnungen durchführt und das auf eine und noch nicht gänzlich bekannte weise. Natürlich kann man so etwas
          dennoch mit einem Computer, dann eben noch unbekannter Bauart vergleichen. Es hat auch niemand behauptet, das auf unserem Gehirn Windows läuft.
          Die Analogie macht hier lediglich deutlich, dass das Gehirn Daten verarbeiten muss und Ergebnisse aufwirft und insbesondere, dass da eben nicht eine Seele dahinter steckt, sondern eben schlicht ein sehr kompliziert biocomputer.
          Einen besseren Namen haben wie dafür nun einmal nicht
          Allerdings ist das eben auch nur wieder ein aufhalten an unwesentlichen, weil es relativ egal ist, ob man unser Gehirn Computer nennen darf, auch wenn es keine Transistoren hat. Das ist ein sprachliches Glasperlenspiel ohne Bedeutung.

        • @Christian

          „-sie verstehen nicht warum evolution genzentriert sein muss und Gruppenselektion nicht funktioniert“

          Und ich finde, du wärmst immer wieder Debatten auf, die niemand außer DIR führt.
          Aus welchen Quellen entnimmst du, die KP hätte JEMALS in der Sache Gruppenselektion argumentiert.
          Das unterstellst du mir auch, habe ich aber nie.

          „– sie haben sich nicht mit sexueller Selektion beschäftigt und häufig auch von natürlicher Selektion allenfalls rudimentäre Ahnung (survival oft the fittest)“

          Hmmm.
          Vielleicht hast du von solchen Fragestellungen einfach einen falschen Eindruck?

          „Dazu erläutert Vanessa Lux zunächst den aktuellen Stand der genetischen Forschung und zeigt, dass das zentrale Dogma der Molekulargenetik: „DNA makes RNA, RNA makes Protein, makes all the rest“, revidiert werden muss. Denn nach jahrzehntelanger genetischer Forschung ist eindeutig: Die meisten phänotypischen Eigenschaften des Organismus werden nicht von Genen oder Basenpaaren, sondern von der zellulären Umgebung der DNA bestimmt, also von Phänomenen, die den Proteinen nachgelagert sind. Die Genetiker nennen diese Phänomene epigenetisch. Damit können einige komplexe, bisher unverstandene biologische Eigenschaften erklärt werden. Doch dieser Stand der Forschung, so Lux’ Kritik, werde in der Psychologie nicht rezipiert. Hier gelte weiterhin der genetische Determinismus. Die Autorin versucht deshalb, die am weitesten entwickelten biologischen Konzepte der Molekulargenetik für die Psychologie fruchtbar zu machen. Dazu diskutiert sie verschiedene epigenetische Entwicklungstheorien und untersucht deren Vereinbarkeit mit – wie sie es nennt – „subjektwissenschaftlichen“ Ansätzen.“

          http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/GID/220/rezension-genetik-und-psychologie

          Eventuell bist DU einfach nicht auf dem Stand der Technik?

          „Das soll also falsch sein, weil Computer heute anders arbeiten? Wie dämlich ist das denn?“

          Ich lasse diesen, DEINEN Satz einfach einmal so stehen.

          Schönen Gruß, crumar

        • Crumar

          Ich hatte ganz allgemein häufige Fehl Vorstellungen angeführt.

          Dabei hatte ich allerdings doch allgemeine Hinweise vergessen das man irgendwie was neues habe und das ändere alles ohne das konkret gesagt wird, welche Studien da was belegen und was genau das ändert.

          du bezieht deine Kritik hauptsächlich aus dem Heft oder? Ich meine Epigenetik hättest du mir schob mal entgegen gehalten und ich hatte dich schon mal darauf hingewiesen, dass das so ein sehr schwächer Einwand ist.

          Was Werk er damit überhaupt sagen? Das der Aufbau des Gehirns keinen regeln folgt? Bei einem derart komplexen Organ wie dem Gehirn, bei dem kleinste Fehler dazu führen können, das es nicht funktioniert?
          Mitunter habe ich das Gefühl die Leute sehen epigenetische Effekte wie so eine Art freie Magie oder eine Instanz mit eigener Intelligenz, die das Gehirn nach belieben umbauen kann. Wie soll das denn gehen? Damit da ein funktionierendes Gehirn bei rauskomnt kann da nur in sehr engen Bereichen etwas verändert werden.

          Und wo genau soll dieser Vorgang gegen evolutionäre Theorien sprechen? JC Denton hat ja schon was dazu gesagt.

          Was solche eher dilettantischen versuche der Kritik auch immer ausblenden ist, das es unzählige Studien und Forschungen gibt, die gegen solche Thesen sprechen. Unser Gehirn ist in Linien einzuordnen, über Säugetiere und Primaten und funktioniert im wesentlichen wie diese
          Soweit epigenetische Fälle gefunden worden sind, fügen sie sich gut ein, zB als Schutz vor Homosexualität (siehe Artikel im blog).

          Aber du kannst ja gene noch zitieren, auf welche konkreten Effekte er sich stützt, die nicht vereinbar sein sollen. Trotz niedrigrankiger Publikation wird er ja wissenschaftlich gearbeitet und seine Ergebnisse durch Forschung und Studien belegen können.
          Was hat er den da?

        • „Denn nach jahrzehntelanger genetischer Forschung ist eindeutig: Die meisten phänotypischen Eigenschaften des Organismus werden nicht von Genen oder Basenpaaren, sondern von der zellulären Umgebung der DNA bestimmt, also von Phänomenen, die den Proteinen nachgelagert sind. Die Genetiker nennen diese Phänomene epigenetisch. Damit können einige komplexe, bisher unverstandene biologische Eigenschaften erklärt werden. Doch dieser Stand der Forschung, so Lux’ Kritik, werde in der Psychologie nicht rezipiert. Hier gelte weiterhin der genetische Determinismus.“

          Eine Kritik, die der Psychologie genetischen Determinismus vorwirft, kann man wohl kaum ernstnehmen. Ich kenne jedenfalls keine verhaltensgenetischen Studien, die Heritabilitätswerte von 100% produzieren. Der Verweis auf die Epigenetik ist auch wieder typisch, als ob Gene dadurch plötzlich unwichtig werden.

          „Eventuell bist DU einfach nicht auf dem Stand der Technik? “

          Eventuell hat der Kritiker noch nie was von Verhaltensgenetik gehört, sonst würde er nicht mit diesen Strohmännern „genetischer Determinismus“ und „Epigenetik“ ankommen.

        • Kann ich auch nicht nachvollziehen. In der Psychologie spricht man seit je her von „Prädispositionen“, diese sind doch bestens mit den Erkenntnissen der Epigenetik vereinbar?

          Auch die Kritik am biopsychosizalen Modell kann ich nicht nachvollziehen. Rein materielle Faktoren? Quatsch. Leider gibt sie kein konkretes Beispiel, wie genau eine Störungsdefinition den aussehen solle?
          Der Abstract ist für mich leider nur Geschwurbel und weckt keine Lust, mich mit dieser Kulturwissenschaftlerin (Genderistin?) von der Humbug-Uni zu befassen.
          Kommt da denn etwas raus, was man wirklich anwenden kann, und nicht wieder durch den nächsten Relativismus zerredet wird?

      • „Eine Kritik, die der Psychologie genetischen Determinismus vorwirft, kann man wohl kaum ernstnehmen.“

        „Biologischen Determinismus“ hätte man auch allgemein vorwerfen können. Oder das Ausspinnen von Theorien, die sich biologisch oder genetisch ausnehmen, aber eben nie experimentell nachgewiesen wurden. Auf molekularer Ebene, versteht sich. Sonst ist eh alles fragwürdig.
        Wir wissen nichteinmal wie das Gedächnis funktioniert und dann sollen viel komplexere Vorgänge, wie Verhalten, Instinkte und Lenen „verstanden“ sein, oder gar genetisch zu erklären? lol

        Übrigens ist das mit der Epigenetik hier leicht missverständlich. Gemeint ist die Vererbbarkeit zellulärer Strukturen, die eben nur als Struktur und nicht als „Blaupause DNA“ vererbbar sind. Das haben die „alten Biologen“ immer schon gewusst, bis der Fokus auf die DNA als „heiliger Gral“ der Vererbung fiel.
        Erst in der neueren Zeit hat man diese Art der „anderen“ Vererbung wiederentdeckt.

      • Crumar schrieb:

        „Allerdings müsstest du dich dann auch mit solchen Artikeln auseinandersetzen, die deine eigene Theorie eher kritisch sehen:
        Wolfgang Maiers – Der Etikettenschwindel der Evolutionären Psychologie, in Forum Kritische Psycholgie 45“

        Habe ich zufällig, aber den Artikel bisher nur überflogen.
        Hatte ich mir ursprünglich übrigens gekauft, weil diese Ausgabe von „Forum Kritische Psycholgie“ auch einen interessanten Artikel zur Auseinandersetzung zwischen Piaget und Vygotsky enthält. Da ich Fan von Piaget bin fand ich es übrigens schön, dass der Autor einige Kritikpunkte von Vygotsky an Piaget überzeugend entkräften konnte.

        Werde mir den Artikel zur Kritik der Evolutionären Psychologie, den Crumar empfohlen hat, später mal durchlesen.

  4. Da Admoros ein intelligentes Kerlchen zu sein scheint, sei hier auf folgenden Text von mir verwiesen:

    http://www.gender-ideologie.de/artikel/warum-ist-unsere-geschlechtlichkeit-ausschliesslich-biologisch-bedingt.html

    Darin versuche ich zu zeigen, daß Geschlecht nur biologisch bedingt sein kann. Und zwar natürlich nicht, weil es keine psychosozialen Einflüsse gäbe, sondern weil der Begriff einfach nichts anderes zuläßt, wenn man ihn denn mal wirklich ernst nähme und ihn begriffe.

    Der Geschlechtsbegriff macht nur als ein rein biologischer Sinn.

    Genau diese Auffassung erklärt auch sehr vieles im Zusammenleben von Mann und Frau viel schlüssiger als dieses elende Herumgedoktere mit der Frage, wie stark unsere „Geschlechtlichkeit“ denn nun sozial bedingt sei.

    Natürlich sind wir sozial bedingt. Unsere Geschlechtlichkeit ist es nicht, wie man leicht mit einem Blick in die Geschichte der Menschheit oder auch nur die letzten hundert Jahre feststellen kann.

    Bis zu dieser „kopernikanischen Wende“ wird es aber wohl noch ein paar Jahrzehnte dauern. Im Gender-Zeitalter ist der Geschlechtsbegriff ein Fetisch für die politischen Ziele von Feministinnen. Daher wird er hemmungslos deformiert.

    Es gibt da gewisse symbolische Parallelen zum Rasse-Begriff der Nazis.

    Ein psychologisches Moment hat Admoros meines Erachtens ausgelassen: Man muß auch die unbewußten Bedürfnisse von Gender-Forschern analysieren. Denn diese fühlen sich ja ganz offenkundig in ihrem Geschlecht nicht wohl. Da ist es relativ unwichtig, wie nun genau die Entwicklung ihrer Theorien wissenschaftshistorisch einzuordnen sei.

    Entscheidend sind die persönlichen psychischen Bedürfnisse und die traumatischen Hintergründe. So ist es z.B. leicht vorstellbar, daß ein kleines Mädchen, daß sexuell mißbraucht wird, später als erwachsene Professorin ellenlang

    – über das Inzesttabu schwadroniert
    – lesbisch lebt
    – die männliche sexuelle Aktivität als gesellschaftliches Konstrukt beschreibt
    – ein Unbehagen der Geschlechter konstatiert
    und meint, so etwas wie biologisches Geschlecht könne es ja gar nicht geben. Meine Weiblichkeit ist zu meinem eigenen Leidwesen (von meinem Vater) konstruiert.

    Nur mal ein paar psychologische Gedanken zu der Sache. 🙂

    http://alice-miller.com

    • @JTK

      Nichts gegen deine Ansatz, die „persönlichen psychischen Bedürfnisse und die traumatischen Hintergründe“ der Individuen zu untersuchen, aber wir schlagen uns hier damit herum, dass dies ein universitäres und mediales Massenphänomen mit gehörigen politischen Auswirkungen ist.

      Wenn ich nun allen Genderisten oder genderistisch/poststrukturalistisch Argumentierenden zu Gute halte, ihre Theorien wären insofern plausibel, da sie als ein „kleines Mädchen, daß sexuell mißbraucht“ geworden ist zu anderen Denkweisen nicht mehr in der Lage sind, dann wäre es schlüssig zu erklären.

      Dann hätten wir allerdings Missbrauchsraten von kleinen Mädchen, die noch erheblich höher wären als jedes feministische Schauermärchen erzählt. Und das halte ich für unwahrscheinlich.

      Insofern gibt es bestimmt „unbewusste Bedürfnisse“; ich glaube aber nicht, dass diese Resultat solcher (!!!) traumatischen Erfahrungen waren.

      Von daher wäre es hilfreich, wenn du auch `*andere* psychische Bedürfnisse in Erwägung ziehen würdest und diese hier vorstellst.

      Schönen Gruß, crumar

  5. Hm… ob es nur der „Blank State“ ist

    Ich halte das für komplizierter. Bei manchen wird es der Wunsch sein.
    Es ist kein wunder, dass auf ein Übergewicht an Rationalität (Aufklärung) ein übergewicht an Emotionalität (Romantik) folgt.

    Die Frage ist auch, wie sehr die eigene Interpretation der „Gegenposition“ „bekämpft“ wird.
    Ich erleb das immer wieder, dass Menschen nicht das verneinen, was ein anderer sagt, sondern was er aus dessen Text herausgelesen hat.
    (Da ist man dann wieder in den Theorien rund um Sprache und Informationsvermittlung verbunden mit psychologischen Mechanismen).

    Zudem denke ich, dass auch im Poststrukturalismus nicht alle einer Meinung sind (die Theorien betonen ja eher die Subjektivität der Menschen). Und in den gesamten Theorien werden die unterschiedlichen Positionen immer auch kritisiert. Sei es, um herauszuarbeiten was sie „meinen“ und was sie nicht meinen. Oder auch einfach um auf Lücken der Theorie hinzuweisen.
    Bevor man Theorien „falsifizieren“ kann um Wissen zu schaffen, muss man sich ja erstmal viele „Krücken“ bauen, um den Weg „des Wissens“ zu laufen.

    Auch in den Naturwissenschaften werden immer wieder Theorien verworfen, sobald es Theorien gibt die das Ganze besser und widerspruchsfreier erklären. Das gestehe ich den Geisteswissenschaften auch zu.

    Der aktuelle Stand (der Wissenschaft) ist nur ein Momentausschnitt.
    Dadurch, dass man es als „der Weisheit letzter Schluss“ feiert, geht man unkritisch damit um. Und das gilt sowohl für Gegner wie Befürworter.

    (die meisten Menschen denken lieber in klaren und abgegrenzten „Zahlen und Werten“, lieber in Ergebnissen als in Prozessen oder Übergängen. Das hat vermutlich psychologische Gründe. Die Struktur wie das Hirn Wissen wahrnimmt und organisiert(?). Ich meine das Problem wird auch irgendwo in der Philosophie und der Mathematik diskutiert.)

  6. ät Djadmoros:

    Interessanter Überblick.

    „Evolutionspsychologie überzulaufen, die die heutige Form eines naiven »Positivismus« und Psychologismus“
    – Psychologismus gibt es heute de facto nicht mehr, genauso wie Biologismus.
    Warum extrem politisierte Gelehrte aus bestimmten Disziplinen das behaupten, liegt auf der Hand.

    Das Problem an den heutigen Hochschulen ist der Soziologismus, das heißt, die Erklärung des Menschseins auf einer hohen Ebene unter Mißachtung der grundlegenden Biologie.

    Leider gibt es auch in der Psychologie, bei den dortigen Linksradikalen, einen Trend zu soziologistischen Erklärungsmodellen (Gender), die dann einfach in die Psychologie kopiert werden.

  7. ät Evochris:

    „Meiner Meinung nach ist es schlicht ein Verharren im “Blank Slate” zur Sicherung der “versunkenen Kosten”, die es stark erschweren, wirklich zu wechseln, weil man plötzlich anfangen müsste, ganz erhebliche Änderungen vorzunehmen. “

    – Das ist auch die Ansicht von Robert Trivers.
    Mag nicht ganz falsch sein. Ich halte diese Erklärung aber für beileibe nicht ausreichend, um die extrem linke Ideologie des unbeschriebenen Blattes zu erklären.

    Steven Pinker definiert „links“ nicht von ungefähr als Überzeugtheit, den Menschen völlig frei formen zu können.

    Außerdem gibt es gerade im DACH-Raum eine linke Tradition der Ablehnung von Naturwissenschaft und Technik, siehe Grüne.
    Jan Fleischhauer meinte dazu gerade, daß einer wie Anton Hofreiter nur deswegen seinen Posten bekommen habe, weil er Blümchen-Ökologe ist. Wäre er Molekularbiologe, hätte er erst mal Abbitte leisten müssen, indem er sich gegen Gentechnik engagiert etc.

    Habe es vor Ort live erlebt, daß linke Philosophiestudierixes den Atheismus von Dawkins ablehnten, weil er stark evolutionsbiologisch orientiert ist.
    Da ging es sofort mit „Rassebiologie“ etc. los.

    Daß es außerhalb der M-MINT reichlich phantastisch zugeht, ist ja nun bekannt. Warum sollten die Menschen im linken Uni-Milieu daher nicht grundsätzliche Weißblatt-Fans sein?
    Da gibt es noch weit dümmere Theorien.

    • @ Axel

      „Ich halte diese Erklärung aber für beileibe nicht ausreichend, um die extrem linke Ideologie des unbeschriebenen Blattes zu erklären.
      Steven Pinker definiert “links” nicht von ungefähr als Überzeugtheit, den Menschen völlig frei formen zu können.“

      Tut er das wirklich oder ist das nur deine vereinfachende Interpretation? Das wäre wirklich eine drastische Propagandalüge, die sich rufschädigend für Pinker auswirken könnte.
      Es gehört ja nicht viel Recherche dazu um zu sehen, dass es viele linke Theorien gibt, die nicht von einem Blank-Slate-Menschenbild ausgehen:

      Die Frühsozialisten glaubten an eine universelle menschliche Natur.

      Anarchisten glauben an eine universelle menschliche Natur.
      Im Gegenwartsanarchismus waren es vor allem Paul Goodman und Noam Chomsky, die das Blank Slate-Menschenbild immer wieder kritisierten.

      Marx und Engels glaubten an eine universelle menschliche Natur:

      http://www.bol.de/shop/home/suchartikel/marx_and_human_nature_refutation_of_a_legend/norman_geras/EAN9780860910664/ID14922433.html?suchId=1d12f3ae-4348-492f-a66b-933b991e5b04&jumpId=13104968

      Einige – aber nicht alle – bedeutende marxistische Theoretiker, die nach Marx kamen, glaubten an eine universelle Natur, z.B. einige Vertreter der Strömung des marxistischen Humanismus.

      Insbesondere der neomarxistische Psychoanalytiker und humanistische Psychologe Erich Fromm war ein beständiger Kritiker des Blank Slate-Menschenbildes – und Erich Fromm ist einer der meistgelesensten linken Autoren.

      Gerald Cohen, einer der bekanntesten Vertreter des analytischen Marxismus und ein bedeutender marxistischer Moralphilosoph bezog sich sogar positiv auf Dawkins Schrift „Das egoistische Gen“.

      • „Gerald Cohen, einer der bekanntesten Vertreter des analytischen Marxismus und ein bedeutender marxistischer Moralphilosoph bezog sich sogar positiv auf Dawkins Schrift “Das egoistische Gen”.“

        Dann müsste er aber, wenn er es verstanden hat und zuende denkt, eigentlich zu den Schluss kommen, dass Marxismus nicht klappen kann.

        • ät Leszek und Evochris:

          „eigentlich zu den Schluss kommen, dass Marxismus nicht klappen kann.“
          – Eben. Wer eine menschliche Natur akzeptiert, und das OHNE irgendwelche rosaroten Fantastereien, kann kein Linksextremer mehr sein.

          Die angesprochenen Superlinken mögen schlauer gewesen sein als die heutigen Linken, sie sind aber tot. Ihre Schlauheit mit ihnen.

          Außerdem sind Marx, Chomsky et al. echte Ausnahmen im linken Universum.

        • @ Christian

          „Dann müsste er aber, wenn er es verstanden hat und zuende denkt, eigentlich zu den Schluss kommen, dass Marxismus nicht klappen kann.“

          Glücklicherweise kam er nicht zu diesem Schluss.
          Außerdem bezieht sich der Begriff Marxismus nicht nur auf bestimmte Gesellschaftssysteme, sondern beinhaltet auch spezifische methodische und analytische Vorgehensweisen.

          Und diesbezüglich schrieb auch der konservative Marxismuskritiker Kolakowski, (den El_Mocho unten zitierte):

          “Das alles bedeutet jedoch nicht, dass die von Marx vorgeschlagenen Grundsätze der Geschichtsforschung nutz- oder bedeutungslos wären. Im Gegenteil! Marx hat unser Geschichtsverständnis maßgeblich beeinflusst, und man kann nicht leugnen, dass die Geschichtsforschung ohne Marx nicht nur anders wäre, sondern auch ärmer und schlechter. Es ist in der Tat ein wesentlicher Unterschied, ob man beispielsweise die Geschichte des Christentums als Geschichte der Dogmenstreite, als eine Gruppe von Argumenten für oder wieder verschiedene Kanoninterpretationen, ob man alle diese Prozesse als einen Kampf der Geister behandelt oder ob man sie als Erscheinungsformen des Lebens der christlichen Gemeinschaften untersucht, die allen geschichtlichen Gebrechen unterworfen waren, abhängig vom Gesamt der gesellschaftlichen Kämpfe und Konflikte ihrer Zeit. Es darf daher gesagt werden, dass Marx, (…) eine Arbeit geleistet hat, die von immenser Bedeutung für die Kultur ist. Er hat die ganze geschichtliche Denkweise verändert.”

          (Leszek Kolakowski – Die Hauptströmungen des Marxismus Band 1, Piper, 1976, S. 418)

          @ Axel

          „Die angesprochenen Superlinken mögen schlauer gewesen sein als die heutigen Linken, sie sind aber tot. Ihre Schlauheit mit ihnen.“

          Es ist irrelevant, ob einige dieser Leute tot sind, wenn ihre Werke immer noch gelesen werden und ihre Ideen innnerhalb von Teilen der Linken weiterhin präsent sind.

          „Außerdem sind Marx, Chomsky et al. echte Ausnahmen im linken Universum.“

          Nein, bezogen auf das Blank Slate-Menschenbild sieht die Sache z.B. folgendermaßen aus, ich beschränke mich jetzt mal auf Anarchisten, Marxisten und Poststrukturalisten:

          Anarchisten – vertreten in der Regel kein Blank Slate-Menschenbild.

          Marxisten – hier kommt es auf die jeweiligen Strömungen und Theorien an, manche Marxisten vertreten ein Blank Slate-Menschenbild, andere nicht.

          Poststrukturalisten/Postmodernisten – vertreten in der Regel ein Blank Slate-Menschenbild, jedenfalls formal.
          Bei tieferer Analyse zeigt sich allerdings, dass ihr Menschenbild doch konstante bzw. essentialistische Merkmale aufweist, auch wenn dies offiziell bestritten wird.

        • @lesz
          „Er hat die ganze geschichtliche Denkweise verändert.“

          Ja, und die Teleologie in die Geschichte eingebracht, Ziel dabei der Sieg des „Proletariats“. Man muss natürlich sagen, dass dies politisch äusserst praktisch war.

          Du hast natürlich vollkommen recht, dass „politisch links“ bei weitem nicht synonym ist mit „unschuldiger Mensch“. Dass die Idee von der „menschlichen Natur“ ein Konsenz unter allen Rechten ist, heisst ja noch lange nicht, dass die Linken das andere Extrem besetzen würden.

        • @ Alex

          „Ja, und die Teleologie in die Geschichte eingebracht, Ziel dabei der Sieg des “Proletariats”. Man muss natürlich sagen, dass dies politisch äusserst praktisch war.“

          Ja, große Denker reden eben manchmal auch Unsinn.
          Aber Marx Geschichtsdeterminismus ist von Anarchisten von Anfang an kritisiert worden.

          Der Geschichtsdeterminismus hat sich auch insofern negativ ausgewirkt als dass klassische Marxisten u.a. deswegen keine explizite marxistische Ethik entwickelten. Dahinter stand der Gedanke, dass man keine explizite Ethik brauche, wenn sich die Geschichte ohnehin gesetzmäßig zur Verwirklichung des Sozialismus hinentwickelt.
          Entsprechend spielen ethische Reflektionen insbesondere bei solchen marxistischen Denkern, die Marx Geschichtsdeterminismus ablehnten, eine Rolle.

          Aber das ändert nichts am Wert von marxistischen methodischen und analytischen Vorgehensweisen, solange diese innerhalb ihres Geltungsbereichs verbleiben und nicht zum Dogma erhoben werden.

          „Du hast natürlich vollkommen recht, dass “politisch links” bei weitem nicht synonym ist mit “unschuldiger Mensch”. Dass die Idee von der “menschlichen Natur” ein Konsenz unter allen Rechten ist, heisst ja noch lange nicht, dass die Linken das andere Extrem besetzen würden.“

          Also linke Vertreter der Idee einer universellen menschlichen Natur haben für diese Sichtweise schon gute Argumente:

          Noam Chmosky:

          „Die Theorie, wonach der menschliche Geist, anfänglich unstrukturiert und beliebig formbar ist, und wonach die menschliche Natur ganz und gar ein gesellschaftliches Produkt darstellt, wurde oft mit progressiven, ja sogar revolutionären Vorstellungen in Verbindung gebracht, während Spekulationen über den Instinkt des Menschen, oft einen konservativen und pessimistischen Beigeschmack hatten. Man kann leicht sehen, warum Reformer und Revolutionäre radikale Verfechter der Umwelttheorie werden, und es besteht kein Zweifel daran, dass die Auffassung von einer unveränderbaren menschlichen Natur zur Errichtung von Barrieren gegenüber jeglicher gesellschaftlicher Veränderung wie auch zur Verteidigung etablierter Privilegien dienen kann und auch tatsächlich gedient hat.
          Bei näherer Betrachtung werden wir jedoch sehen, dass der Begriff eines „leeren Organismus“, eines Organismus, der beliebig formbar ist und noch keine Struktur besitzt, nicht nur falsch ist, sondern naturgemäß auch als Stütze für die reaktionärsten Gesellschaftsdoktrinen fungiert. Wenn der Mensch tatsächlich beliebig formbar ist und keine wesentliche psychologische Natur besitzt, warum sollte er dann nicht von denen kontrolliert und unterdrückt werden, die Autorität, spezielles Wissen, sowie ein unvergleichlich gutes „Augenmaß“ für das in Anspruch nehmen, was für die weniger Aufgeklärten angeblich am besten ist? Die empirische Lehre lässt sich ohne weiteres in eine Ideologie für eine elitäre Partei umformen, die sich die Autorität anmaßt, die Massen in eine Gesellschaft zu führen, in der die „rote Bürokratie“ am Ruder ist, (…) – genauso leicht aber auch in eine Ideologie, für die liberalen Technokraten oder die Verwaltungsmanager, die die wichtigsten Entscheidungen in den Institutionen der kapitalistischen Demokratie monopolisieren (…).
          Das Prinzip, dass die menschliche Natur in ihren psychologischen Aspekten nichts weiter ist, als das Produkt der Geschichte und gegebener gesellschaftlicher Verhältnisse, dieses Prinzip öffnet einer jeden Anwendung von Gewalt sowie einer jeden Manipulation von Seiten der Mächtigen Tür und Tor. Auch dies dürfte m.E. ein Grund dafür sein, dass dieses Prinzip für intellektuelle Ideologen, welcher politischen Couleur auch immer, eine derartige Anziehungskraft besitzt.“

          (Noam Chomsky – Reflexionen über die Sprache, Suhrkamp, 1977, S. 159 f.)

          Erich Fromm:

          „Zunächst einmal führt die Auffassung der unbegrenzten Formbarkeit der menschlichen Natur leicht zu Folgerungen, die genauso wenig befriedigen, wie jene Auffassung, die eine starre und unveränderliche Natur des Menschen annimmt. Wäre der Mensch nämlich unbegrenzt formbar, dann könnte er tatsächlich durch Normen und Institutionen, die seinem Wohlergehen entgegenstehen, für immer geformt werden, ohne dass es eine Möglichkeit gäbe, die der menschlichen Natur innewohnenden Kräfte zu mobilisieren, um eine Veränderung der Verhältnisse zu erreichen. In diesem Fall wäre der Mensch nur eine Marionette irgendwelcher gesellschaftlicher Zustände und nicht – wie er im Laufe der Geschichte unter Beweis gestellt hat – ein tätiges Wesen, dessen innere Eigenschaften heftig reagieren, wenn sie durch ungünstige gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen unter Druck gesetzt werden. Wäre der Mensch nichts anderes als eine Widerspiegelung kultureller Verhältnisse, dann könnte keine Gesellschaftsordnung vom Standpunkt des menschlichen Wohlergehens aus kritisiert und beurteilt werden, weil es keine Vorstellungen vom „Wesen“ Mensch gäbe.
          Ebenso wichtig wie die politischen und moralischen Rückwirkungen der Theorie von der Formbarkeit sind theoretische Folgerungen. Wenn wir annehmen, es gäbe keine andere menschliche Natur (als die in Begriffen grundlegender physiologischer Bedürfnisse definierte), dann wäre die einzig vertretbare Psychologie ein radikaler Behaviorismus, der lediglich unzählige Verhaltensweisen beschreibt, oder eine Psychologie, die nur quantitative Aspekte menschlichen Verhaltens misst. Psychologie und Anthropologie hätten keine andere Aufgabe, als die verschiedenen Arten zu beschreiben, in welcher gesellschaftliche Institutionen und kulturelle Verhältnisse den Menschen formen.
          Die besonderen Erscheinungsformen des Menschlichen wären nichts anderes als der Ausdruck davon, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Menschen eingewirkt haben. In diesem Fall könne es nur noch eine einzige Wissenschaft vom Menschen geben, nämlich die vergleichende Soziologie. Wollen jedoch Psychologie und Anthropologie gültige Behauptungen über die Gesetze aufstellen, die das menschliche Verhalten bestimmen, dann müssen sie auch von der Voraussetzung ausgehen, dass etwas, nennen wir es X, auf Einflüsse seiner Umgebung in einer feststellbaren Weise reagiert, die sich aus der Eigenart von X herleitet. (…) Zwar kann sich der Mensch unzulänglichen Verhältnissen anpassen, aber in diesem Prozess entwickelt er bestimmte seelische und emotionale Reaktionen, die aus den besonderen Eigenheiten seiner Natur heraus entstehen.
          Der Mensch kann sich der Sklaverei anpassen, doch reagiert er darauf mit dem Nachlassen seiner intellektuellen und moralischen Fähigkeiten. Ebenso kann er sich eine Kultur anpassen, die von gegenseitigem Misstrauen und Feindseligkeit erfüllt ist, aber seine Reaktion auf diese Anpassung besteht darin, dass er schwach und unschöpferisch wird. Der Mensch kann sich auch kulturellen Verhältnissen anpassen, die von ihm die Verdrängung seiner Sexualität verlangen, aber seine Anpassung hat die Entstehung neurotischer Symptome zur Folge, wie Freud aufgewiesen hat. Der Mensch kann sich fast allen kulturellen Verhältnissen anpassen, stehen diese aber im Widerspruch zu seiner Natur, dann stellen sich seelische und emotionale Störungen ein, die ihn allmählich zwingen, diese Verhältnisse zu ändern, da er seine Natur nicht ändern kann.
          Der Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, auf das erst die Kultur ihren Text schreibt. Er ist ein Wesen, das mit Energien ausgestattet und in besonderer Weise strukturiert ist. Er passt sich an und reagiert dabei in spezifischer und feststellbarer Weise auf äußere Bedingungen.“

          (Erich Fromm – Den Menschen verstehen. Psychoanalyse und Ethik, DTV, 2004 S. 27 f.)

          Paul Goodman:

          “Häufiger jedoch wird die Sache im Unklaren gelassen: der Mensch ist am Anfang ein unbeschriebenes Blatt, und wird am Ende ein “sozialisiertes” und kultiviertes Wesen. (…) In beiden Fällen folgt, dass man den Menschen alles beibringen kann; man kann sie an alles anpassen, wenn man nur die richtigen Techniken der “Sozialisierung” oder der “Kommunikation” anwendet. Das Wesen der “menschlichen Natur” wäre demnach fast unendlich formbar. “Der Mensch” ist nach Ansicht von C. Wright Mills das, was einem bestimmten Gesellschaftstyp auf einer historischen Stufe entspricht. Friedrich Nietzsche sagt: “Der Mensch ist…unfestgestellter als irgeindein Tier sonst”, “das noch nicht fesgestellte Tier”.
          (…)
          Ganz anders aber ist die Ansicht der Sachkenner, die es mit dem Menschen auf einer weniger hochorganisierten Stufe zu tun haben. Wer mit Menschen in kleinen Gruppen direkt und nicht nur als statistischen Objekten umgeht, um ihnen und nicht irgendwelchen statistischen Zielen zu dienen – Eltern und Lehrer, Ärzte und Psychotherapeuten, Polizisten und Gefängniswärter, Werkmeister und Betriebsräte – der wird wahrscheinlich hartnäckig daran festhalten, dass es eine “menschliche Natur” gibt. Diese Sachkenner sagen, dass man den Menschen nicht beliebige Dinge beibringen oder sie in beliebiger Weise ändern kann, und wenn man es doch versucht, dann bekommt man Ärger. Wenn man ihnen andererseits bestimmte Dinge vorenthält, dann füllen sie die Lücke mit verrückten Ersatzdingen aus.”

          (aus: Paul Goodman – Aufwachsen im Widerspruch. Über die Entfremdung der Jugend in der verwalteten Welt, Verlag Darmstädter Blätter, 2. Auflage, S. 34 f.)

        • ät Leszek:

          „Leszek Kolakowski „. – Ach daher. Dein Steven Pinker sozusagen?

          „Anarchisten – vertreten in der Regel kein Blank Slate-Menschenbild. “
          – Ach, wieder die Anarchie-Heilslehre.
          Allerdings, wieviele gebildete Anarchos wie Dich gibt es denn? Ich kenne nur einen; wobei ich schon den Verdacht hatte, daß Du der bist.
          Die meisten (jüngeren) Linken, die ich kenne, sind gar nicht mehr so dogmatisch oder stringent – sie sind meist irgendwie systemkritisch, antikapitalistisch, Antifa – und natürlich genderistisch, muß ja sein. Aber Du kennst Dich natürlich viel besser aus, nicht wahr. Meine Erfahrung zählt hingegen gar nichts.

        • @Leszek

          Das sind natürlich extrem interessante Zitate, die du dankenswerterweise hier beigesteuert hast und die mitten in die Problematik gehen, besonders Chomsky.

          (Und klar: diese Teleologie von Marx ist recht leicht umgehbar, das hat bestimmt schon jemand gemacht (wer?))

          Dies hier von Fromm passt übrigens gut zur Tendenz heute:
          „Ebenso kann er sich eine Kultur anpassen, die von gegenseitigem Misstrauen und Feindseligkeit erfüllt ist, aber seine Reaktion auf diese Anpassung besteht darin, dass er schwach und unschöpferisch wird.“

          Jeder, der sich mit der „Natur des Menschen“ befasst hat, sollte einsehen, dass dies eines der grossen, ungelösten Rätsel ist. Und da dies derzeit wieder einmal auf breitester Front politisiert und instrumenatalisiert wird, kann der vernünftige Umgang damit nur darin bestehen, die Verteidigungsstellungen auszubauen und mit radikalem Skeptizismus den Angriff dieser Idee abzuwehren, wir wüssten da ja eigentlich schon alles…

        • zum Thema dies hier noch:

          „Das Leugnen der menschlichen Natur war die Ideologie des 20. Jahrhunderts“
          http://www.heise.de/tp/artikel/45/45905/3.html
          von von Heiseler

          Wobei da manches etwas fragwürdig ist, völlig falsch zum Beispiel dies hier:

          „Wir unterscheiden uns von einem Schimpansen genetisch mehr als ein Schimpanse von einer Maus….“

      • Lesztek Kolakowski schreibt in seiner Geschichte des Marxismus über Marx:

        „Das bezeichnende Ergebnis des Marxschen Prometheismus ist die Abneigung, die natürlichen Bedingungen der menschlichen Existenz zur Kenntnis zu nehmen, ist die faktische Abwesenheit der menschlichen Physis in seinem Menschenbild. In diesem Weltbild ist der Mensch gänzlich durch sein gesellschaftliches Sein bestimmt; die leiblichen Grenzen seines Daseins sind nahezu unkenntlich. Im Marxismus fehlen fast gänzlich solche Aspekte des Lebens wie die Tatsache, daß die Menschen geboren werden und sterben, daß es junge und alte Menschen gibt, daß sie männlich oder weiblich, gesund oder krank sind, daß sie in genetischer Hinsicht ungleich sind und daß alle diese Gliederungen Einfluß auf ihre gesellschaftliche Entwicklung nehmen können, unabhängig von den Klassengliederungen, und das sie den menschlichen Projekten zur Vervollkommnung der Welt Schranken setzen.

        Marx glaubt nicht an die fundamentale Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen, nicht an die prinzipiellen Grenzen seiner Schaffenskraft.

        Das Böse und das Leid erscheinen bei ihm als die Hebel der künftigen Emanzipation, sie besitzen keinen eigenen Sinn, sind keine notwendigen Bestandteile des Lebens, gehen völlig darin auf, gesellschaftliche Fakten zu sein. …

        Im Gegensatz zu den Sozial-Darwinisten und den Philosophen des Liberalismus leitet Marx die soziale Bindung nicht von den biologischen Bedürfnissen ab, sondern begreift die biologischen Bedürfnisse und biologischen Bedingungen des menschlichen Daseins als Elemente der gesellschaftlichen Bindung. Die »vergesellschaftete Natur« ist keine Metapher. Für den Menschen ist alles gesellschaftlich, seine natürlichen Funktionen, Verhaltensweisen und Eigenschaften haben den Kontakt mit ihrer tierischen Provenienz fast gänzlich verloren.

        Daher will Marx auch kaum zur Kenntnis nehmen, daß der menschliche Körper oder die natürlichen, vorfindlichen geographischen Bedingungen den Menschen grundsätzlich restringieren können. Daher glaubt er auch nie, daß es eine absolute Übervölkerung geben könne, d. h. eine Übervölkerung, die ganz einfach Folge der Begrenztheit der Erdoberfläche oder der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen wäre; die Übervölkerung, die er meint, ist ausschließlich ein gesellschaftliches Phänomen, abhängig von den besonderen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise, welche allein aufgrund des technischen Fortschritts und der Ausbeutung die relative Übervölkerung unausweichlich schaffen muß, d. h. die industrielle Reservearmee. Für Marx zählt die Demographie nicht als ein selbständiger Faktor, sie ist nur eines der Elemente des gesellschaftlichen Systems und muß als solches bewertet werden.

        Diese Abwesenheit von Körper und Tod, die Abwesenheit von Geschlecht und Aggression, die Abwesenheit von Geographie und Fortpflanzung, die Umstülpung aller dieser Fakten in rein gesellschaftliche stellt einen der charakteristischsten und am wenigsten beachteten Bestandteile der Marxschen Utopie dar. Sie ist auch dafür verantwortlich, daß die häufig aufgestellten Analogien zwischen der Marxschen Soteriologie und der christlichen Tradition (die Idee des Proletariats als Retter, die Idee der totalen Erlösung, die Idee des auserwählten Volkes, die Idee der Kirche usw.) in einem entscheidenden Punkt verfehlt sind: Die Erlösung ist ein rein menschliches Werk, ist Selbsterlösung, sie ist weder das Werk Gottes noch das der Natur, sondern ausschließlich das Werk des kollektiven Prometheus, der grundsätzlich fähig ist, über alles seine Herrschaft auszuüben und die eigenen Existenzbedingungen gänzlich in seine Gewalt zu bringen. In diesem Sinn ist die Freiheit des Menschen sein kreatives Schaffen, der Siegeszug eines Konquistadoren, der die Natur und sich selbst erobert.“

        BD 3, S. 472f.

        Mehr ist zu Marx eigentlich nicht zu sagen. Aus meiner Sicht hat er fertig.

        • @ El_Mocho

          „Lesztek Kolakowski schreibt in seiner Geschichte des Marxismus über Marx (…)“

          Das schrieb Kolakowski nachdem er vom Marxismus zum Konservatismus und Christentum konvertiert war und ist schlicht eine falsche Darstellung des Menschenbildes von Marx.

          Eine zutreffende Darstellung von Marx Menschenbild findet sich in: Norman Geras – Marx and Human Nature: Refutation of a Legend, Verso, 1985.

          Dieser beendet seine Analyse mit den Worten:

          „Marx did not reject the idea of a human nature. He was right not to do so.“

          http://www.bol.de/shop/home/suchartikel/marx_and_human_nature_refutation_of_a_legend/norman_geras/EAN9780860910664/ID14922433.html?suchId=1d12f3ae-4348-492f-a66b-933b991e5b04&jumpId=13104968

          Eine weitere fundierte Darstellung von Marx Menschenbild findet sich in:

          Erich Fromm – Das Menschenbild bei Marx, Ullstein, 1982.

        • @elmocho

          Ist es nicht genau diese Unmenschlichkeit, die dann in der ganzen Bevölkerungspolitik der Marxisten / Kommunisten zum Tragen kam? (Umsiedelungsprogramme, Kulturrevolution, killing fields). Die Apologeten des Marxismus haben das ja immer gerechtfertigt, als Opfer für die Geschichte osä.
          Insofern darf man sich schon fragen, inwiefern hier sowas wie ein „blank slate“ angenommen worden ist, wenigstens implizit.

        • p.s. die Parallelen zur feministischen Ideologie sind natürlich auch immer ins Auge stechend.

        • Ja natürlich, wer glaubt, Menschen könnten ihr Geschlecht frei wählen, der versucht auch, Ströme in die Wüste umzulenken um dort Baumwolle anzubauen.

        • Selbst wenn man akzeptiert, daß der gute Marx und andere Genossen die menschliche Natur anerkannten, stellt sich die Frage, was genau sie darunter verstanden.

          Ist es die Natur des Menschen, zum Guten erzogen werden zu können? Ha! Das wäre verkappter Konstruktivismus.

          Ein Linksextremist, der die Sündigkeit des Menschen als gegeben und unabänderlich hinnimmt, kann nicht ernsthaft davon ausgehen, den „Neuen Menschen“ zu erziehen.

          Er kann nur davon ausgehen, mit Gewalt und Zwang Disziplin sicherzustellen.
          Dafür braucht man aber keine große Ideologie, weil jedes Staatswesen mit Polizei, Gesetzen und Knästen kriminelle Neigungen seiner Bürger unterdrückt.

        • „Ein Linksextremist, der die Sündigkeit des Menschen als gegeben und unabänderlich hinnimmt, kann nicht ernsthaft davon ausgehen, den “Neuen Menschen” zu erziehen.

          Er kann nur davon ausgehen, mit Gewalt und Zwang Disziplin sicherzustellen.“

          Die sozialkonstruktivistischen sog. „Progressiven“.

          Genau war es schon immer und genau so ist es heute.

          Hierzu z.B.

          Wall Street und der Aufstieg Hitlers von Anthony C. Sutton – Vorwort bzgl. Sozialismen

          Man beachte die Zeilen „Jedes dieser Ereignisse etablierte eine Form des Sozialismus ein einem bestimmten Land …“

          Heutzutage ist die „Demarkationslinie“ eher global-lokal und poststrukturalistisch (willkürliche Absolut-/Hinwegsetzungen gegenüber exitistierender Relität, absoluter Relativismus, Solipsismus, …) eingelagerter Kulturmarxismus mit der Demarkationslinie Geschlecht und (wieder) Rasse: eben Sozialkonstruktivismus in einer gesteigerten entgrenzten Form, der danach trachtet sich allem zu bemächtigen, und so wieder in sich natürlich totalitär ist.

        • @pp
          „…Anthony C. Sutton ..“

          Das ist aber verschwurbelte Verschwörungstheorie, „Wall Street“ wäre direkt für Hitler und Lenin (anderes Buch) verantwortlich. Ist zwar kaum aus dem Werk direkt zu ennehmen, aber das ist eigentlich nur Antisemitismus. Da gibt es eine ganze Bibliothek ähnlicher Werke.

        • … nein.

          Übliche Entwertungs- und Behauptungspolemik.

          Hier ist etwas dran. Und es ist auch keine Verschwörungstheorie. Oder gar Antisemitismus … was du hier gerad bringst („Nazikeule“).

          Es ist wohl eher umgekehrt. Auch das wird so langsam sichtbar. Stark Ideologisiertes, im Mainstream Verankertes ist wohl eher dem zuzurechnen. Hierzu gehört auch der ganze überzogene Schuldkomplex, mit dem eben genau immer ideologisch und religiös gearbeitet wird.

          „Da gibt es eine ganze Bibliothek ähnlicher Werke.“

          Und hier gibt es eigentlich noch mehr (Märchengesülze) davon, aber eben in diesem Sinne. Überhaupt kein „Argument“:

          Eine typische ideologische Abwehrreaktion, weil man sein ideologisches Baby an dem fetischistisch genuckelt wird nicht gefährden will.

          Die Aussagen über die (Entwicklung der) Sozialismen sind eher bestechend zutreffend.

        • @pp

          „Die Aussagen über die (Entwicklung der) Sozialismen sind eher bestechend zutreffend.“

          Ja, diese Erklärungsmuster sind immer „bestechend zutreffend“, das ist ein Stilmittel von denen. Sonst würden sie auch nicht so geglaubt werden.
          Sutton will dem Leser weismachen, „Wall Street“ würde diese sozialistischen(!, allein das ist absurd) Revolutionen aktiv und voller Inbrunst vorangetreiben haben, und wohl nur die. Das ist alles so monokausal, klandestin … und absurd. Echter Kokolores.

        • @ Axel

          „Echter Kokolores.“

          Ja.
          Und absurd auch, dass Petpanther den Nationalsozialismus, der auf einer Ideologie des Rassenkampfs beruhte in Zusammenhang mit „Sozialkonstruktivismus“ bringt.
          Außerdem war der Nationalsozialismus in Wahrheit natürlich anti-sozialistisch und betrieb die Niederschlagung der sozialistischen Arbeiterbewegung.

          @ Petpanther

          „eingelagerter Kulturmarxismus mit der Demarkationslinie Geschlecht“

          Wir versuchen es mal mit einer Empathieübung:

          Stell dir mal vor, du hättest Kinder. Und jetzt stell dir vor, diese wären bei den Anschlägen von Breivik ums Leben gekommen – getötet, auch weil Leute wie du Lügen-, Hetz- und Dämonisierungspropaganda verbreiten.

          Fändest du es dann immer noch in Ordnung die Lügen-, Hetz- und Dämonisierungspropaganda zu betreiben, die mitverantwortlich für ihre Ermordung war?
          Oder findest du das nur o.k., wenn es um die Kinder anderer Leute geht?

        • @ Alex

          war hier natürlich gemeint, nicht Axel

        • @El Mocho und @petpanther

          Ich habe eine Menge Unsinn über Marx gelesen, der bei weitem das übersteigt, was ihr jemals VON Marx gelesen habt.
          Denn ich mutmaße, euer Leseverständnis wird sich auf maximal zwei Zeilen des Originals beschränken und da bin ich bereits sehr großzügig.

          Again:

          „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird.

          Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion.

          Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!“

          Karl Marx

          Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

          Das ist RADIKALER HUMANISMUS – zu dem habt ihr euch zu verhalten und nicht zu irgendeinen Unsinn, den ein beliebiger Papst (Herrscher eurer Scheibenwelt) von sich gegeben hat.

          Welche kosmischen Ausflüchte ihr mir präsentiert, interessiert mich nicht.

          Entweder zu diesem hier argumentiert:

          „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

          oder gar nicht.

          Schönen Gruß, crumar

        • Crumar, lies mal den Kolakowski. Dann verstehst du auch den Weg von Marx über Lenin zu Stalin, der völlig folgerichtig ist. Von der radikalhumanistischen Rethorik sollte man sich nicht blenden lassen.

        • @ El_Mocho

          „Crumar, lies mal den Kolakowski.“

          Ich habe ihn gelesen. 🙂

          „Dann verstehst du auch den Weg von Marx über Lenin zu Stalin, der völlig folgerichtig ist.“

          Kolakwoski sagt, dass es in Marxs Werk AUCH Elemente gibt, die sich für autoritäre Interpretationen eignen. Das stimmt, ist aber nichts Neues, das haben Anarchisten schon lange vorher gesagt.
          Das ändert aber nichts daran, dass mit Marx Werk in seiner Gesamtheit und ohne Mißinterpretationen Leninismus und Stalinismus nicht legitimiert werden können.
          Nur wenn man einzelne Zitate von Marx vom Rest von Marx Werk isoliert, also den Gesamtzusammenhang seiner Auffassungen zerreißt, ist es möglich autoritäre Systeme damit zu legitimieren.
          Es gibt aber natürlich auch Marx-Zitate, mit denen man autoritäre Systeme kritisieren kann.

          „Von der radikalhumanistischen Rethorik sollte man sich nicht blenden lassen.“

          Man kann wohl kaum glaubwürdig darauf verweisen, dass es auch Elemente in Marx Werk gibt, die sich für autoritäre Interpretationen eignen, wenn man nicht ebenfalls anerkennt, dass es dort auch Elemente gibt, die sich für humanistische Interpretationen eignen.

          Die radikalhumanistischen Elemente sind wichtige Bestandteile von Marx Werk und verdeutlichen einen wesentlichen Aspekt von Marx Intention.

          Dass Leninismus und Stalinismus Marx Intentionen widersprachen, erwähnte übrigens auch Kolakowski:

          „Als Antwort auf solche Einwände lässt sich leicht anführen, dass Marx (ausgenommen vielleicht die Zeit nach der Revolution von 1848) die demokratischen Regierungsgrundsätze nicht nur nicht in Frage stellte, sondern als den selbstverständlichen Bestandteil der Volksherrschaft ansah; dass er, auch wenn er die Wendung „Diktatur des Proletariats“ zweimal (im übrigen ohne nähere Erläuterung) gebrauchte, diese im Sinne der Betonung des Klassencharakters der Herrschaft, nicht aber wie es Lenin wollte, im Sinne der Liquidierung der demokratischen Institutionen verstand.So verhält es sich in der Tat. Daher kann der historisch verwirklichte Sozialismus oder der despotische Sozialismus nicht als Verkörperung der marxschen Intentionen angesehen werden.“

          (Aus: Leszek Kolakwoski – Die Hauptströmungen des Marxismus Band 1, Piper Verlag, 1977, S. 479)

          „Es ist leicht zu sehen, dass Marx niemals etwas in der Richtung geschrieben hat, dass das sozialistische Königreich der Freiheit in einer despotischen Ein-Partei-Herrschaft bestehen werde; dass er demokratische Formen im sozialen Leben nicht ablehnte; dass er vom Sozialismus die Beseitigung des ökonomischen Zwangs in Ergänzung und nicht im Gegensatz zur Beseitigung des politischen Zwangs erwartete usw.“

          (Aus: Marxistische Wurzeln des Stalinismus, in: Leszek Kolakowski – Leben trotz Geschichte. Lesebuch, dtv, 1980 , S. 258) Das Zitat stammt aus einem Artikel aus der gleichen Zeit, wie der erste Band von „Hauptströmungen des Marxismus“.

        • @lesz
          „Daher kann der historisch verwirklichte Sozialismus oder der despotische Sozialismus nicht als Verkörperung der marxschen Intentionen angesehen werden.“

          Direkt natürlich nicht. Aber man muss sich schon nach der Verantwortung fragen, die es den praktischen Kommunisten erlaubte sich auf Marx zu berufen.
          Wie ich es verstanden habe, sah Marx das Proletariat als diejenige Klasse an, die im Industriezeitalter alleinig übrig bleiben wird, da sie analog einer Bakterienkultur alle anderen „überwächst“. Und da kann man sich nicht wundern, wenn seine praktischen Ausleger hier weniger auf das Wirken der Geschichte selbst vertrauen und ein wenig „nachhelfen“ wollen…

          „Leszek Kolakowski …“ daher dein nick? 😉

  8. Frage ist ziemlich OT:

    Wird eigentlich Slavoj Zizek in irgendeiner Art und Weise im Bezug auf die Gender Studies rezipiert?

    Ich kann den Typen allgemein schwer einordnen. Laut Wikipedia sieht er sich als „Theoretiker der lacanianischen Psychoanalyse“ und „distanziert sich von seiner Einordnung als Poststrukturalist“.

    • Würde mich nicht wundern; ich halte ihn für einen Spinner, genau wie Judith Butler.

    • @ Slavo

      „Wird eigentlich Slavoj Zizek in irgendeiner Art und Weise im Bezug auf die Gender Studies rezipiert?“

      Im Allgemeinen nicht, höchstens als Einzelfall.

      „Ich kann den Typen allgemein schwer einordnen. Laut Wikipedia sieht er sich als “Theoretiker der lacanianischen Psychoanalyse” und “distanziert sich von seiner Einordnung als Poststrukturalist”.“

      Er ist definitiv kein Poststrukturalist, sondern Marxist. Er vertritt eine Synthese aus klassischem Marxismus und strukturaler Psychoanalyse nach Lacan. Den Poststrukturalismus lehnt er überwiegend ab.

      Manchmal sagt Zizek etwas Kluges und Interessantes, manchmal labert er Müll.


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