Zu den Zerwürfnissen im Feminismus (Katrin Rönicke)

Katrin Rönicke schildert die Zerwürfnisse und das vergiftete Klima im Feminismus:

Was dann passierte ist rückblickend schwer in Worte zu fassen, zumal ich keine objektive Beobachterin bin, sondern eine am Konflikt Beteiligte. Das Ergebnis ist jedenfalls, dass der Netzfeminismus in viele kleine Teile zerfallen ist, dass Konflikte schwelen und viele Leute miteinander nicht nur nicht reden, sondern sich aktiv aus den fraktionierten Bereichen der ehemals gemeinsam agierenden Szene ausschließen. Barbara, Susanne und ich verließen 2011 wegen eines extrem groß gewordenen Misstrauens gegen uns die Mädchenmannschaft, die seither komplett andere Wege geht. War sie einst ein auf den Mainstream gerichtetes Medium, so ist sie nun davon abgekommen. Sprache, Stil und Themen orientieren sich stark an einer linken, radikalen Zielgruppe. Lange Zeit setzte man vor allem auf Angriff, statt Dialog – wie es heute ist, kann ich nicht beurteilen, da ich schon lange nicht mehr mitlese.

Es ist auch nicht so sehr von Bedeutung, wer was genau wann gegen wen gesagt hat und wo die Konfliktlinien verlaufen. Interessant ist, dass dieses Phänomen kein Einzelfall ist – die Geschichte passierte auch in den USA. Laut einem Artikel in The Nation mit dem vielsagenden Titel „Feminism’s Toxic Twitter Wars“ betraf es die Vorreiterinnen von Feministing genauso wie die Gründerin der unglaublich tollen Plattform Jezebel, Anna Holmes, genauso wie frische Gesichter und marginalisierte Gruppen. Schwarze und transgender Bloggerinnen schilderten darin, dass sie vor jedem Blogpost Angst hätten, dass andere Feministinnen wegen einer Ungenauigkeit oder einer unbedachten Ausdrucksweise darüber herfallen könnten. Anna Holmes, die Jezebel2010 verlassen hat, gibt darin zu Protokoll, dass sie heute keine solche Webseite mehr gründen würde, da die weibliche Blogosphäre sich „sehr viel mehr wie eine abgeschottete, abwehrende und morsche Umwelt anfühlt“. Was es ziemlich gut trifft – auch hierzulande.

Es ist schon passend, dass die Feministinnen da nicht analysieren können, was genau eigentlich passiert ist: Sie sind Opfer der beständigen Abwärtsspirale von IDPOL bzw einem Nicht-Gut-Genug-Feminismus geworden, der immer zu einer Selbstzerfleischung führen muss. Diejenigen, die direkt bestimmte Ziele verfolgen und sich dort an anderen abarbeiten können, mögen davon weniger betroffen sein, aber der gesamte theoretische intersektionale Feminismus wird immer über sich herfallen.

Ich vermute, dass zu der Zeit der Intersektionalismus an Gewicht gewonnen hat, denn er ist besonders zerstörerisch, da er die Privilegientheorie noch deutlich in die eigenen Reihen trägt und damit noch mehr Ansätze bietet, wie der jeweilige Artikel „Nicht gut genug“ sein kann. Und auch die Auswirkungen eines Fehlverhaltens sind dann deutlicher, weil es bedeutet, dass derjenige zB rassistisch ist, also zum anderen Lager gehört. Das dagegen der sehr untheoretische, eher an der zweiten Welle orientierte Feminismus der Mädchenmannschaftgründerinnen nicht gegenhalten konnte ist eigentlich klar. Sie waren allein schon nicht fanatisch genug dafür.

Katrin schildert demzufolge auch weiter:

Spricht man mit Feministinnen aus der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre, dann schlagen diese nicht selten die Hände über den Kopf, wenn man ihnen von diesen Entwicklungen erzählt. Eine Bekannte von mir ist Gründerin und Geschäftsführerin eines größeren Frauenkultur- und Bildungszentrums einer großen Stadt. Sie meinte kopfschüttelnd, sie habe gehofft, die Zeiten in denen sie vor jeder Rede in der Szene sich habe entschuldigen müssen, dass sie heterosexuell und weiß und Mittelschicht und was nicht alles sei, seien vorbei. Aber genau diese Zeiten sind wieder da. Unter dem sogenannten „Privilegien“diskurs verstehen manche, dass jene, die man als „privilegiert“ ausmacht, nicht das gleiche Recht zu sprechen hätten, wie jene, die man als „marginalisiert“ kennzeichnet. Die Grenzziehungen hier können ziemlich willkürlich verlaufen. Entscheidend ist, dass diese „Identitätenpolitik“ vor allem darauf abzielt, die sozialen, psychischen und ethnischen Hintergründe schwerer wiegen zu lassen, als das was eine zu sagen hat. Die Mädchenmannschaftschmiss aufgrund dieser Logik eine Autorin raus: Auf dem fünften Geburtstag des Blogs, eine Veranstaltung, die ein Mix aus Workshops und Party war, gab es einen Workshop von einer der Autorinnen derMädchenmannschaft, Hannah Wettig. Sie ist professionelle Journalistin und als solche regelmäßig in Nord-Afrika unterwegs. Die arabische Revolution hat sie vor Ort miterlebt und so bot sie einen Workshop zur Rolle der Frauen in den Arabischen Revolutionen an. Im Nachhinein warf man ihr vor, dass eine Weiße hier über die (nicht anwesenden) arabischen Frauen geredet habe. Dies sei Rassismus.

Das Unverständnis der nichtintersektionalen Feministinnen ist ja schon fast etwas lustig. Sie erkennen anscheinend die dortigen Mechanismen nicht und verstehen nicht, dass diese Theorien Fanatismus begünstigen und keinen Spass verstehen. Ich vermute allerdings auch, dass sie auf eine entsprechende Auseinandersetzung nicht wirklich vorbereitet gewesen sind, was erstaunlich naiv ist, aber zu ihrem vergleichsweise untheoretischen Feminismus passt.

Es zeigt auch, dass eine kritische interne Auseinandersetzung und Aufarbeitung des Konflikts nach wie vor nicht wirklich erfolgt ist. Oder einfach gescheut wird. Eine wirkliche Kritik am Intersektionalismus und der dabei entstehenden Abwärtsspirale ist innerhalb des Feminismus wohl nicht zu erwarten.Es ist auch schwierig, weil dort eben der Rassismusvorwurf lauert. Und weil man weiß, dass die andere Seite zu allem bereit ist und nur darauf wartet, die anderen als Abtrünnige bezeichnen zu dürfen.

Im zweiten Teil geht es wie folgt weiter:

Wer feministisch agieren will und diese Haltung in seine Arbeit hinein trägt, begibt sich häufig allein deswegen auf glattes Eis, weil andere sich nicht widergespiegelt sehen. Aussehen, Alter, Herkunft und Bildung – das sind nur einige Kategorien, entlang derer sich ja auch wirklich einige Ausgrenzungen in der Gesellschaft abspielen. Es wird aber zu einem Dilemma, wenn man überall nur noch absichtliche Ausgrenzungen sieht. Das jüngste Beispiel ereignete sich auf dem Chaos Communication Camp 2015. Ich lache mittlerweile über diese ganzen Geschichten. Diese hier geht so: Auf dem CCCamp2015 gab es einen Vortrag der „Women on Waves“, eine Aktivistinnengruppe, die Frauen aus Ländern, in denen Abtreibung illegal ist ermöglicht, auf dem Meer, also an einem Ort, wo es nicht verboten ist, sicher abzutreiben. Eine tolle Sache, könnte man denken. Aber nein: Die Gruppe muss sich via Twitter vorwerfen lassen, „cis-sexistisch“ zu sein. Weil sie sich nicht an Transmänner wende. Und wo wir gerade beim Camp sind: Es sind die gleichen Annahmen und es ist die gleiche Herangehensweise, wie die der Gruppe, die zum 29C3, also dem 29. Congress des Chaos Computer Clubssogenannte „Creeper Cards“ schleppte, voraussetzend, dass die Hacker-Community ein Haufen Sexisten sind, die solcherlei Behandlung dringend brauchen. Dabei ich persönlich noch nie eine offenere und inklusivere Szene erlebt, als diese

Auch hier leider noch keine Einordnung in die Privilegientheorie, die ja – auf die eigenen Reihen angewendet – den ganzen Zirkus bewirkt. Wo es vorher einen Feind gibt, nämlich den Mann, gibt es nun weitere Kriterien vielerlei Privilegierungen, die man alle beachten muss. Und wer bei einer Abtreibung nicht Transmänner bedenkt – etwas was schlicht und ergreifend ein so seltener Fall ist, dass man ihn in der Tat ausblenden kann – der hat eben seine Privilegien nicht hinreichend reflektiert und eine Gruppe ausgegrenzt.

Der Netzfeminismus ist zu einer sehr zersplitterten Bewegung geworden. Es spaltet sich entlang verschiedener Konflikte. Das eine ist die Frage nach der „Calling Out Culture“ – also wie sehr basiert das Handeln und der Aktivismus darauf, auf andere mit dem Finger zu zeigen und sie bloßzustellen? Wie viel ist echter Dialog ist gewollt? Viele hantieren mit dem Wort „Intersektionalität“ – schreiben aber gleichzeitig Bücher, die voll mit so vielen Unterstrichen sind, dass sie das Gegenteil von leichter Sprache sind und selbst ich für das Lesen von 80 Seiten eine Zugfahrt von 8 Stunden dafür brauchte. Das Problem ist nicht, dass es solche Bücher gibt – das ist an sich sogar ziemlich witzig eigentlich. Das Problem ist, dass die eigenen Definitionen zum Standard erhoben werden sollen. Koste es, was es wolle. So wird unglaublich viel kaputt gemacht.

Auch hier spricht aus meiner Sicht erstaunliches Unwissen aus dem Artikel. Call out Culture? Wer Rassismus/Cissexismus/was auch immer an Privilegien duldet, der ist selbst der Feind. Dialogbereitschaft? Ein Dialog kann nur mit jemanden stattfinden, der selbst Intersektionalität akzeptiert: Und die möglichen Formen eines „Dialogs“ sind:

  • Einer erzählt, was der andere falsch gemacht hat und der andere bereut zutiefst und bedankt sich
  • beide reden darüber, was andere falsch gemacht haben und was für ein Skandal das ist.

Wenn ihr der Text zu schwer ist, dann ist es eben ihr Problem, man muss nicht den Erklärbären für Selbstverständlichkeiten spielen. Es ist nicht Sache der Opfer anderen zu erklären, was sie falsch machen.

Etwa zeitgleich gründete sich auf twitter die sogenannte „Blockempfehlung“. Eigentlich sollte der Account nur die eigene (feministische oder antirassistische oder beides) Peergroup vor Accounts warnen, die misogyn, rassistisch, was weiß ich seien. Damit man die gar nicht erst ertragen muss. Dann aber gab es wieder einen kleinen Disput um eine Detailfrage – ich lasse jetzt mal weg, warum. Es ist egal geworden. Jedenfalls empfahl der Account, der sich wohl einer Seite zugehörig fühlte, schwupps Maike von Wegen zu blocken, engagierte Kämpferin für die Rechte Alleinerziehender und klare Feministin.

Auch wieder erstaunlich naiv: Selbst kleinste Formen von Fehlverhalten sind nicht zu ertragen. Denn über die kleinsten „Mikroaggressionen entsteht ja das ganze System. Wer Kleinigkeiten durchgehen lässt, der ist damit der Feind. Und Feinde in den eigenen Reihen aufzuspüren war schon immer befriedigender, da man damit viel eher zeigen kann, wie kompromisslos man für die richtige Sache kämpft.

Und so können die Maskulisten, das sind diejenigen Kerle, die der Meinung sind, der Feminismus sei böse und die Emanzipation der Frau schon viel zu weit gegangen, einfach zugucken, wie sich die „Femis“ selbst ausknocken

Vielleicht, liebe Katrin, ist dieser Teil des Feminismus auch tatsächlich böse. Lies dir doch mal deine eigene Beschreibung davon durch: Ein Klima der Angst, in dem man nichts mehr falsches sagen darf, Hetze gegen jeden der es macht. Kleinigkeiten werden übertrieben hochgeschaukelt. Leute werden fertig gemacht, die eigentlich nichts gemacht haben. Das ist böse.

Und der Strohmann, dass die Emanzipation zu weit geht, da hätte ich nach deiner eigenen Kritik auch etwas mehr von dir erwartet. In der Tat geht es auch zu weit, wenn dieser Teil des Feminismus sich verhält wie auf der 29C3 verhält, das sagst du ja selbst.

Und auch ihre Vorschläge, wie man die Kriese beendet sind interessant:

Als drittes und wichtigstes bleibt dazu zu ermutigen, einander zu verzeihen. Wenn man merkt, dass man selbst Gräben gegraben hat und andere vor den Kopf gestoßen, dann kann man sich auch entschuldigen. Um zu verzeihen müssen wir uns fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der unsere Verbindungen sich durch Absolutismus nach innen und absolutes Misstrauen nach außen kennzeichnen. Oder ob wir lernen wollen, einander zuzuhören und unsere Unterschiede auszuhalten. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir in die Extreme verfallen. Wer nicht verzeihen kann, kann in der Regel auch nicht gut kritisieren. Und am Ende haben wir nichts gewonnen.

Katrin, die wollen dir gar nicht zuhören. Entweder du schließt dich dem Intersektionalismus an oder du bist der Feind. Das sind Fanatiker, die im Gegensatz zu dir sehr wohl gewinnen wollen – Einigkeit ist unwichtig, wenn man dafür Kompromisse machen muss, die gegen IDPOL verstoßen.

Sie endet mit einem Appell:

Wissen Sie, ich will den Feminismus gar nicht gewinnen“, schnaubt sie. „So viele Feministinnen werden irgendwie in feministischen Kriegen gefangen und sie denken, der einzige Weg zu gewinnen wäre, die Hauptfeministin zu killen. Aber was wird davon gewonnen, wenn wir eine andere Feministin attackieren? Verdammt nochmal gar nichts. Immer, wenn du etwas runtermachst, bist du nur eine Frau, die auf den Trümmern steht und sagt: ‚Aber wir haben die Zukunft noch nicht gestaltet!‘ Geht weg von den Kriegen. Schafft etwas Neues.“

Dazu habe ich oben gerade eigentlich schon alles gesagt. Sie versteht nicht, dass es eben nicht einfach nur um Macht geht, sondern um den einzigen richtigen Weg aus Sicht der Fanatikerinnen eine bessere Welt zu schaffen: Wenn sie Intersektionalität aufgeben und Kompromisse machen, dann sind sie aus ihrer Sicht die Bösen, eben Rassisten, Sexisten und was es da noch alles gibt. Sie wollen nicht die Hauptfeministin killen, sondern eine Rassistin und cissexistin. Natürlich könnt ihr euch jederzeit anschließen. Darunter ist es ihnen ziemlich egal, ob ihr Feministinnen seid.