Männerbewegung: Kleinere, umsetzbarere Ziele vs. Maximalforderungen, die die Gesamtbetrachtung verändern

Eine interessante Frage, die neulich kurz in den Kommentaren angesprochen wurde, ist die Frage, mit welcher Art von Forderungen die Männerbewegung ins Rennen gehen soll:

  • Kleine Ziele setzen, die dann als eigener Erfolg verkauft werden können
  • Maximalforderungen stellen, in der Hoffnung, dass man so zumindest kleine Sachen durchbekommt.

Ich glaube man sollte in seinen Zielen einen gewissen Realismus verfolgen, weil das Stellen von zu großen Forderungen lediglich erleichtert, eine eh schon mit ihrem Ruf kämpfende Bewegung abzuwerten. Ich würde es insofern sehr interessant finden, sich auf ein relativ kleines und möglichst klar gerechtes Ziel zu setzen und darauf eine Kampagne aufzubauen. Und zu versuchen damit einen gewissen Druck aufzubauen und eine Änderung zu erwirken. Nicht gleich die Einführung des Wechselmodells oder so etwas unrealistisches wie „Abschaffung des Unterhalts“, welches aus meiner Sicht keinerlei Chance hat, umgesetzt zu werden.

Ich glaube, dass viele zu radikale Forderungen vertreten („Auflösung des Jugendamtes“) oder ähnliches. Ich würde eher so etwas nehmen wie „Erwerbsobliegenheit der Frau  im Trennungsjahr„. Bei der Mann sich darauf berufen kann, dass es ungerecht und auch nicht mehr zeitgemäß ist, wenn man anführt, dass eine Frau, die vorher nicht gearbeitet hat, auch im Trennungsjahr nicht arbeiten muss. Bei der Mann an die Emanzipation appellieren kann und anführen kann, dass es heutzutage kein Recht auf „Nicht arbeiten“ geben darf. Bei dem man leicht darstellen kann, dass es schlicht ungerecht und nicht mehr zeitgemäß ist. Ich glaube auch, dass so eine Forderung eher aufgegriffen werden könnte und man damit Aufmerksamkeit erzielen könnte. Und sollte man eine Änderung in dem Bereich bewirken können, dann hätte man deutlich gemacht, dass man etwas bewirkt und wird damit auch für eine Mitarbeit interessanter-

Andere werden es vielleicht ganz anderes sehen und eher auf das große Bild abstellen und das schon etwas hängen bleiben wird.

Wie seht ihr es?

„Hart aber fair“, Feminismus, der Frauenrat und der Streisand Effekt

Bekanntlich ist die Sendung „Hart aber fair – Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ vom 02.03.2015 aufgrund einer Beschwerde der „Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW“ in den „Giftschrank“ gewandert, also aus der Videothek des WDR genommen worden und mit einem Wiederholungsverbot bedacht (werden „Hart aber Fair“ Sendungen wiederholt? wäre mal interessant zu wissen.)

Im Internetzeitalter bedeutet das allerdings nicht viel, das Video ist auf Youtube nach wie vor leicht zu finden:

Es war auch schon einmal hier zur Besprechung eingestellt, Eine teilweise Zusammenfassung findet sich hier in dem Kommentar von Nachtschattengewächs).qfgjdlgjDer Verfahrensgang scheint so gewesen zu sein, dass der WDR selbst der Beschwerde nicht abgeholfen hat und sie demnach dem Rundfunkrat vorgelegt worden ist, der entsprechend entschieden hat.

Das Konzept von „Hart aber Fair“ wird auf der Wikipedia Seite wie folgt dargestellt:

Wie der Name andeutet, sollte die Diskussion offen und kontrovers geführt werden. Statt ideologisch und parteipolitisch geprägter Aussagen sollen dabei sachliche Argumente im Vordergrund stehen. Deshalb gehören neben Politikern auch wissenschaftliche Experten, Vertreter anderer Organisationen und direkt beteiligte oder betroffene Personen zu den Teilnehmern der Diskussionsrunde. Die Gäste werden so ausgewählt, dass unterschiedliche Positionen vertreten werden. Die Redaktion recherchiert Informationen zum Thema der jeweiligen Sendung, um zusätzliche Argumente zu liefern und die Hintergründe für die Zuschauer verständlicher darzustellen

Es ist damit ein Talkshowformat, welches für Feministinnen, wenn man dies ernst nimmt, schlicht nicht geeignet ist. Denn diese wollen ja gerade nicht kontrovers diskutieren, sondern ideologisch und allenfalls untereinander.

Leider habe ich die Beschwerde im Wortlaut nicht gefunden, wenn sie irgendwo im Netz ist, dann wäre ich für einen Linkhinweis in den Kommentaren dankbar. Die Seite des „Deutschen Frauenrates“ zitiert die Zusammenfassung des WDR wir folgt:

Im Schreiben an Tom Buhrow, den Intendanten des WDR, dessen Sender verantwortlich für die Talkshow zeichnet, heißt es:

„Hiermit legt die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros/ Gleichstellungsstellen NRW förmliche Programmbeschwerde gegen die Sendung „Hart aber fair“ vom 2.3.2015 ein. Die Sendung von Frank Plasberg lief unter dem Titel: „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ Bereits in der Anmoderation verließ Herr Plasberg den Standpunkt des neutralen Moderators, indem er 190 Genderprofessuren als „Alltagswahnsinn“ bezeichnete.

Die Auswahl der Gäste war nicht dazu geeignet, eine faire Diskussion über Geschlechterforschung zu führen. Fachfrauen bzw. Fachmänner aus Wissenschaft oder Verwaltung fehlten vollständig. Dies war bewusst so geplant, wie Herr Plasberg im Verlauf der Sendung mit Überzeugung vertrat. Manipulativ wurden polarisierende Beispiele ausgewählt.  Ampelmännchen,  Unisextoiletten und brünftige Hirsche werden herausgestellt, um das gesamte Themenspektrum um Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik gezielt lächerlich zu machen.

Das finde ich schon einmal interessant. Ich würde es ja auch gut finden, wenn „Fachfrauen und Fachmänner aus der Wissenschaft“ zur nächsten Sendung geladen werden und einmal ausführlich über feministische Theorie erzählen. Vielleicht könnte Plasberg sie einmal folgende Theorien erläutern lassen:

  • soziale Konstruktion der Geschlechter unter Darlegung inwiefern es biologische Anteile gibt (und wenn ja welche) unter Nennung der Studien, auf die sie sich dazu stützen
  • Rape Culture und wie Männer davon profitieren
  • Die Verantwortung von Männern und Frauen an den Geschlechterrollen
  • Was der Gender Pay Gap eigentlich genau bedeutet
  • etc

Aber weiter in der Beschwerde:

Herr Plasberg stellte seine Fragen ebenso manipulativ. Beispiele: Er fordert Frau Wizorek auf, die Welt über die Nützlichkeit von Unisextoiletten aufzuklären, dabei liegt ihre Fachlichkeit auf dem Gebiet des Alltagssexismus. Sie wird in die Ecke gedrängt und genötigt, Thesen zu vertreten, die sie nicht selbst aufgestellt hat.

Fachlichkeit ist ein schönes Wort. Meines Wissens nach hat Wizorek ein Buch über allgemeinen Feminismus geschrieben und sollte insoweit ohne Probleme in der Lage sein auch etwas zu Unisextoiletten zu sagen. Ansonsten hätte es sich ja auch angeboten, dass Wizorek auf die Anfrage hin, ob sie an Sendung zum Thema „Nieder mit den Ampelmännchen“ teilnehmen möchte einfach angibt, dass das nicht ihre Thema ist und auf andere Fachfrauen im Feminismus verweist. Anscheinend hat sie das aber nicht – verständlicherweise, sie muss ja auch im Gespräch bleiben und ihre Buch verkaufen.

Herrn Kubicki wird die Antwort auf die Frage, ob man Geschlechtergerechtigkeit bei der Hirschbrunft braucht, direkt in den Mund gelegt. Herr Hofreiter wird abgekanzelt und belehrt, als er auf die Unwichtigkeit dieser Beispiele in Bezug auf die Gesamtproblematik hinweisen will. Frau Thomalla wurde anscheinend eingeladen, um Spott und Häme zu verbreiten, die Fragen die sie erreichten, hatten keinen anderen Zweck, als das Thema unbeleckt jeder Fachlichkeit lächerlich zu machen. Frau Kelle wirkte wie die Anwältin des Moderators, bei dem er seine Meinung bestätigt bekam.

Das wäre erst einmal aus meiner Sicht ein Ansatzpunkt für eine Beschwerde, die nicht den Inhalt rügt, sondern eine unfaire Parteinahme. Ich bin allerdings sicher, dass die Gleichstellungsbeauftragten gegen vergleichbare Konstellationen im ungekehrten Fall wenig gehabt hätte. Tatsächlich meine ich nicht, dass Plasberg einseitig war. Er hat eher ein Mittel eingesetzt, welches ich für durchaus zulässig halte: Den Platzhirsch bzw. die herrschende Meinung unter Druck setzen. Der Feminismus ist eben die Meinung, die hier den stärkeren Rückhalt hat, die sich auf „Genderforschung“ berufen können sollte, an der Kritik eher gerechtfertigt werden muss. Also ist es auch die, die für eine kritische Sendung abgeklopft werden muss, bei der man den Druck ansetzt und die hinterfragt wird. Das muss nicht per se unfair sein, wenn man die passenden Argumente zur Hand hat. Beispielsweise wäre es hier ja ein leichtes gewesen zu sagen „Ja, bestimmte Sachen gehen etwas weit und erscheinen als Einzelfall sinnlos, da stimme ich ihnen zu. Aber das ist in vielen Gebieten so. Wir sollten hier auf eine gewisse Kontrolle hinarbeiten, aber gleichzeitig nicht mit extremen Einzelfällen ein wichtiges Thema herunterreden.“

Es handelt sich um einen ungeheuerlichen Machtmissbrauch des „Moderators“, die neutrale Position zu verlassen und auf diese Art und Weise ZuschauerInnen manipulieren zu wollen. Es schien so, als solle der „gesunde Menschenverstand“ beschworen und bedient werden, der sich seit Monaten montags auf der Straße zeigt.

Derart unfaire Sendungen mögen vielleicht im Pay-TV hinnehmbar sein, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen dürfen sie unseres Erachtens keinen Platz haben. Die Sendung von Herrn Plasberg hat unseres Erachtens gegen die Programmgrundsätze („Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness zu entsprechen“) des WDR verstoßen.

Aus solchen Bagatellen einen Verstoß herzuleiten, der eine Aufnahme in den „Giftschrank“ rechtfertigt, finde ich etwas viel. Wobei es aus meiner Sicht durchaus auch als Beschwerde wiederum nicht unbedingt die Grenzen der Lobbyarbeit verlässt, die dieses Gremium ja letztendlich leistet. Da beschwert man sich eben gegen alles, was gegen die eigene Richtung geht.

Wollen Sie auf diese Art und Weise mehr Frauen und junge Menschen für den WDR begeistern? Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.“

So heißt es in der Programmbeschwerde der LAG der nordrheinwestfälischen Gleichstellungsbeauftragten.

Als Lobbyist/Gebührenzahler zu protestieren und ein faireres Diskussionverhalten einzufordern ist erst einmal auch nichts falsches. So erleichtert man zukünftigen Interessenvertretern die Arbeit in weitern Talkshows. Es wäre interessant, ob es ihnen eher darum oder tatsächlich um den „Giftschrank“ ging.

Die Entscheidung, dass die Sendung in den „Giftschrank“ kommt, wurde durch erstaunlich viele Tageszeitungen aufgegriffen (Gute Übersichten auch zu kritischen Stellungnahmen bei Genderama 1, 2, 3)  und löste jedenfalls einen Streisandeffekt aus: Seinerzeit wollte Barbara Streisand nicht, dass Fotos ihres Anwesens veröffentlicht werden und die Berichte über ihren Protest führten dazu, dass die Leute interessiert daran waren, wie ihr Anwesen nun eigentlich aussieht. Ebenso wurden wahrscheinlich viele erst durch die Meldungen über den Giftschrank erst neugierig, was da nun eigentlich schlimmes gesagt worden ist.

Es ist schwer zu sagen, wie oft das Video noch auf Youtube angeschaut worden ist, es gibt ja auch viele Versionen davon. Ich habe mir aber mal die Statistik des obigen Videos angeschaut, die eigentlich recht gut als Paradebeispiel eines Streisandeffekts nutzbar ist.

Hart aber fair Ampelmännchen

Hart aber fair Ampelmännchen

Also ein Rumdümpeln mit geruhsamen Anstieg und dann innerhalb sehr kurzer Zeit von ca. 15.000 auf 90.000 (die Statistik scheint nicht ganz aktuell zu sein, 3 Tage später am Tag des Schreibens, also dem 25.08.2015, war das Video schon bei 138.000)

Meiner Meinung nach sollte an die Kritik an der Entscheidung aber auch nicht vorschnell einer Zustimmung an Feminismuskritik zuordnen: Journalisten sind sehr verständlicherweise häufig Vertreter einer umfassenden Meinungsfreiheit und dagegen, sich Lobbygruppen zu beugen, weil das ihre Arbeit direkt betrifft.

Ein auch bei Genderama zitierter Beitrag stützt sich demnach auch genau darauf:

Mag der öffentlich-rechtliche Rundfunk sonst um den möglichst langen Verbleib seiner Beiträge im Internet heftig kämpfen, vollzieht der WDR in diesem Fall, was Lobbygruppen gerne sehen: Der Sender zensiert sich selbst, um weiteren Ärger zu vermeiden. Er stellt einen prominenten Mitarbeiter bloß und nimmt den Zuschauern die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden. Ein krasseres Versagen einer journalistischen Institution ist kaum denkbar. Der WDR verzichtet freiwillig auf die Presse- und Meinungsfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes. (…) Wo die Diskussion beginnen müsste, blendet sich der Sender aus und kniet vor denen nieder, die Andersdenken Sprechverbote erteilen wollen. So sieht ein journalistischer Offenbarungseid aus.

Und auch aus dem feministischen Lager finden sich Stimmen dazu, dass der Beitrag wieder in die Mediathek gehört, zB von Zana Ramadami auf Facebook:

„Dummer Sexismus gehört bekämpft.“ Hofreiter

Die Sendung muss wieder in die Mediathek!!!!

Egal was Frau/Mann von dieser dummen Sendung und einigen dummen Gästen halten mag, es ist lächerlich diese Show verbieten zu wollen?!

In den ersten Minuten hätte ich ebenfalls schon losschreien können!

1. ein Kompliment ist nicht = Sexismus
2. ja, wir sind ALLE unterschiedlich! Die biologischen Unterschiede sind nicht das große Problem, sondern die anerzogenen sozialen Unterschiede!
3. Gender Mainstreaming ist eigentlich ganz gut und einfach verständlich. Leider verstehen das auch sehr viele Feministinnen falsch.
4. Männer sind nicht an allem schuld! Frauen (siehe Kelle) sind auch ganz vorne dabei positive Entwicklung einer Gesellschaft zu verhindern.

Perfekter Start ins Wochenende!

schmerzerfüllt.

Und auch in verschiedenen Parteien finden sich Politiker, die dies kritisieren:

Ziemlich uncool“, nannte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, die Entscheidung des Senders. „Wenn künftig all das entfernt wird, was irgendeinem nicht gefällt, dann haben wir bald leere Mediatheken“, sagte Lischka der „Bild“-Zeitung vom Montag.“

Bei derSendung von Moderator Frank Plasberg im März hatte sich die „Genderwahnsinn“-Fraktion um FDP-Mann Wolfgang Kubicki, Publizistin Birgit Kelle und Schauspielerin Sophia Thomalla mit Grünen-Chef Anton Hofreiter und Feministin Anne Wizorek in die Haare bekommen.Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftragte kritisierten später den Sexismus der Sendung.

„Mehr als irritierend“, findet es die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner, „wenn ein Fernsehsender daraufhin reflexartig eine Sendung aus der Mediathek löscht“.

Mike Mohring, Parteikollege aus dem Thüringer Landtag sieht das ähnlich. „Mir fehlt jegliches Verständnis für die Zensur durch den WDR“, sagte Mohring der „Bild“ und fügte an: „Auf der Höhe der Zeit scheint beim WDR auch niemand zu sein, denn auf YouTube erfreut sich die Zensursendung größerer Beliebtheit.“

Plasberg hat angekündigt, dass ihn die Kritik nachdenklich gemacht hat und das es eine weitere Sendung zum Thema geben wird. Hier wird es interessant: Wird er ein Rebell sein oder nicht?

Er kann die Sendung neu auflegen und diesmal zurückhaltender in der Moderation sein, aber doch zum gleichen Ergebnis kommen oder er kann einen Kniefall machen und eine Diskussionsrunde starten, bei der es kein echtes Kontra gibt, allenfalls eine Diskussion darum, wie man es richtig bzw. besser macht. Dann hätte die Beschwerde – Streisandeffekt hin oder her – durchaus etwas erreicht: Diese Sendung wäre dann zwar noch einmal kurz im Spotlight, aber zukünftige Sendungen wären sicherer.

Interessant wäre, ob die gleiche Konstellation noch einmal zusammenkommt. Die „Antigender“-Seite hat meine ich bereits angekündigt, dass sie erneut teilnehmen würde, die Frage ist, wie die Bereitschaft auf der anderen Seite wäre.

Wen soll man einladen um die „Fachlichkeit“ auf der Gender-Seite zu erhöhen? Ich vermute mal, dass sich neue Gäste genau versichern lassen, was diesmal in der Sendung passieren soll. Und ob ein Professor aus den Gender Studies Lust hat, sich der Kritik auszusetzen. Interessant wäre es natürlich einmal einen Experten für Geschlechterbiologie auf die andere Seite zu setzen.

Falls das Plasberg-Team erneut eine kritische Sendung machen möchte und zufällig auf diese Seite stoßen sollte, verweise ich hier noch einmal auf meinen Artikel „Diskussionsstrategien mit Feministinnen

Farbensehen als Verbesserung der sozialen Kommunikation

Auf dem Blog „was wissen“ stellt die Autorin eine Theorie zum Farbensehen dar, die darauf abstellt, dass es insbesondere wichtige Informationen im sozialen Zusammenleben bot:

Wir erkennen Gemüts- und Gesundheitszustand ganz ohne Erklärung, Gestik oder Mimik: ein großer Vorteil im sozialen Leben. Vielleicht ist unsere Farbwahrnehmung sogar deswegen entstanden. Das ist zumindest die Theorie des Neurobiologen Dr. Mark Changizi. Seine Erklärung: Unser Farbsehen ist perfekt auf die Farbspektren unserer Haut abgestimmt.

Denn die farblichen Untertöne unserer Haut entstehen durch den Sauerstoffgehalts des Bluts und der Blutmenge. Je mehr Sauerstoff vorhanden ist, desto röter erscheint die Haut, je weniger, desto grüner. Und: Je stärker durchblutet, desto bläulicher, je weniger Blut, desto gelblicher

(…)

Tatsächlich sind die Augen aller Trichromaten perfekt, um den Unterschied zwischen sauerstoffreichem und sauerstoffarmen Blut zu erkennen. Das heißt den Unterschied zwischen roter und grün-bläulicher Hautfarbe, die sich je nach Affenart entweder im haarlosen Gesicht oder dem blanken Hintern zeigt. Changizi folgerte daraus, dass die Evolution das Farbsehen nicht etwa hervorbrachte, damit die Tiere reife rote Früchte an grünen Bäumen erkennen und essen können. Sondern, da die in sozialen Verbänden lebenden Tiere eine neue Ebene der Kommunikation aufgebaut haben. Ein Beispiel dafür sind Weibchen, die ihre Paarungsbereitschaft mit einem feuerrot gefärbten Hinterteil anzeigen – etwa bei Pavianen oder Schimpansen.

Die Studie dazu:

We investigate the hypothesis that colour vision in primates was selected for discriminating the spectral modulations on the skin of conspecifics, presumably for the purpose of discriminating emotional states, socio-sexual signals and threat displays. Here we show that, consistent with this hypothesis, there are two dimensions of skin spectral modulations, and trichromats but not dichromats are sensitive to each. Furthermore, the M and L cone maximum sensitivities for routine trichromats are optimized for discriminating variations in blood oxygen saturation, one of the two blood-related dimensions determining skin reflectance. We also show that, consistent with the hypothesis, trichromat primates tend to be bare faced.

Quelle: Bare skin, blood and the evolution of primate colour vision

Aus der Studie:

We should emphasize that the idea that colour vision is important for colour signalling is not new (e.g. Hingston 1933; Wickler 1967; Regan et al. 2001; Liman & Innan 2003; Waitt et al. 2003; Zhang & Webb 2003), except that typically it is assumed that colour vision was originally selected for some other reason. One of the main contributions we make here is the argument that colour vision is near-optimal for discriminating skin colour modulations, something that increases the prima facie plausibility of the hypothesis that trichromacy was originally selected for the perception of skin colour signalling. Other adaptive explanations have been put forth to explain primate colour vision, including advantages for frugivory (Allen 1879; Mollon 1989; Osorio & Vorobyev 1996; Regan et al. 2001; Surridge & Mundy 2002), and for folivory (Lucas et al. 2003). Our discussion here provides no answer as to which of these may more likely have been the original selection pressure for trichromacy, or whether all these hypotheses may be important contributors (Regan et al. 2001). One advantage of the skin colour-signalling hypothesis is that, whereas there is a wide variety of trichromat frugivory and folivory behaviour, skin colour modulation is due to fundamental properties of blood shared by all primates, and this could be key in understanding the universal M and L cone sensitivities of routine trichromats. There are other phenomena that colour signalling can explain but these others cannot, including the high degree of perceptual discriminability and colour-uncategorizability of skin tones (see electronic supplementary material, §2), the bareness of trichromat faces, and the close affinity of colour to blood, skin colour and emotional states

Finde ich durchaus interessant. Natürlich können auch schlicht eine Vielzahl von Faktoren zusammengespielt haben. Zu Geschlechtsunterschieden im Bereich des farblichen Sehen verweise ich noch auf diesen Artikel hier

 

Das „Junge Männer Syndrom“

Ein Artikel ordnet ein bei jungen Männern häufig anzutreffendes Verhalten unter der Bezeichnung „Young male Syndrom“ evolutionär ein:

Sexual selection theory suggests that willingness to participate in risky or violent competitive interactions should be observed primarily in those age-sex classes that have experienced the most intense reproductive competition (fitness variance) during the species‘ evolutionary history, and in those individuals whose present circumstances are predictive of reproductive failure.

Homicidal conflicts in the city of Detroit in 1972 are reviewed in the light of the above perspective. Homicide in Detroit, as elsewhere, is overwhelming a male affair. Victim and offender populations are almost identical, with unemployed, unmarried, young men greatly overrepresented. The most common conflict typologies are described, and it is suggested that many, perhaps most, homicides concern status competition.

Other manifestations of “taste for risk,” such as daredevilry and gambling are briefly reviewed. The evidence suggests that such a taste is primarily a masculine attribute, and is socially facilitated by the presence of peers in pursuit of the same goals.

Such dangerous, competitive acts as the classic “trivial altercation” homicide often appear foolhardy to observers. However, it remains unknown whether the typical consequences of such acts are ultimately beneficial or detrimental to the perpetrators‘ interests.

Quelle: Competitiveness, risk taking, and violence: the young male syndrome

Eine kurze Zusamenfassung des Syndroms findet sich hier:

Young men take higher levels of risks than other people, as insurance companies and law officers are well aware. This can be dangerous, but has developed with clear evolutionary purpose.

Risk-taking
Young men tend to take far more significant risks than others. The drive faster, indulge in extreme sports and otherwise seem to seek thrills in ways that endangers life and limb.

In fact whilst risk-taking can indeed be thrilling, there are other benefits that have distinct evolutionary value.

Aggression
Young people tend to be more susceptible to strong emotions where there is the thrills of risk and power in aggression. Young men are more prone to anger and are more likely to get into fights and violent arguments in which there is a risk of them being harmed. In fact American men in their mid-twenties are 20 times as likely as women of a similar age to be murdered.

Male bonding
Whilst young men compete with one another for women, they also take risks together, egging each other on. Men are more likely to join groups and gangs n which risks are taken on a regular basis. These are often ritualized, such as in gang entry rites and otherwise follow a common process of dares, encouragement and celebration.

Collaborative risk-taking allows the young men to sort out status issues. Those who take greater risks are also sending a message to others about how hard they would fight if they fell into conflict with one another.

This shared danger and resolution of status issues has an effect of bonding the young men together. They hence become friends and learn to collaborate, for example when competing against other groups or in hunting for food and gaining other resources. This has significant evolutionary benefit for the survival of a tribe.

Mating display
The fundamental underlying driver of young male syndrome is the search for a mate. A key criterion for women in choosing a mate is the ability of the male to feed and protect her and their offspring. Males who are bold hence get extra consideration. High status is also a significant benefit.

Developing a reputation in the male boding and shared risk-taking activities helps this as the women hear about the stories of derring-do.

So what?
When working with young men, accept that they may well be relatively extreme risk-takers. This means they are susceptible to dares and other risk-based provocation. They may also be prone to anger and other emotions.

Das sind aus meiner Sicht alles sehr klassische Elemente, die evolutionär zusammenspielen:

Risikos einzugehen dient sowohl der Darstellung des Wertes als Partner, in dem es costly Signals sendet, dass man solche Risiken übersteht. Es zeigt auch innerhalb der Gruppe der Männer, dass man zum einen ein ernst zunehmender Konkurrent ist, auf dessen schlechte Seite man sich besser nicht stellt und zum anderen auch, dass man auch für die Gruppe Risiken eingehen würde und Fähigkeiten hat, die einen das überstehen lassen, also auch ein wertvoller Verbündeter ist. Das gerade in dieser Zeit „das Revier abgesteckt wird“ dürfte auch daran liegen, dass hier eben eine frühe Hierarchie etabliert wird, die unter steinzeitlichen Bedingungen dann lange anhielt und das Leben in der Gruppe bestimmt hat. Das Männer mehr Risiken eingehen führt dazu, dass sie weit aus häufiger sich verletzen, sterben, gefährliche Sachen machen,scheitern,  aber es führt eben auch dazu, dass sie größer herauskommen, Wagnisse eingehen, die sich dann auszahlen. Es trägt insofern auch dazu bei, dass Männer eher selbständig sind, sich eher trauen ein Unternehmen zu gründen, eher bereit sind geschäftliche Risiken einzugehen und sich dem Wettbewerb zu stellen. Es wird auch häufig schief gehen, aber im Gegenzug kommt es dadurch eben auch dazu, dass die die oben sind eher Männer sind als Frauen. (Exkurs: Weiter gefördert wird dies durch kapitalistische Instrumente wie die haftungsbeschränkte Gesellschaft, etwa die GmbH oder die AG in Deutschland, die es einem erlauben, mit einem Geschäft zu scheitern und danach ein neues Risiko einzugehen (was wieder dadurch eingeschränkt wird, dass zumindest die Banken eine persönliche Haftung des Gesellschafters wollen, aber andererseits erfordert eine GmbH heute nicht unbedingt einen hohen Kapitaleinsatz für die Gründung, zur Not eben in der Form der Unternehmergesellschaft))