Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 9. August 2015

Jessica Valenti und warum keine Belästigung auch irgendwie sexistisch ist

Jessica Valenti, die Gründerin des großen feministischen Blogs „Feministing“ wird alt und merkt das:

Being on the subways and streets of New York while female used to mean walking through a veritable gauntlet of harassment and catcalls. But lately, a curious thing has happened – my world is a much quieter place. The comments and lascivious stares from men have faded away the older I’ve gotten, leaving an understandable sense of relief. But alongside that is a slightly embarrassing feeling of insecurity that, with every year that goes by, I become more and more invisible to men (…)

There’s a freedom to that – I wouldn’t trade my quiet morning walks for the hellishness of my teen years for anything. But when you’re brought up to feel that the most important thing you can be is attractive to men, the absence of their attention – even negative attention – can feel distressing. (…)

I realize the most properly-feminist response to all of this would be to proudly declare that I don’t care, that being too old to catcall is glorious freedom. But that would be a lie. I do care in some way that sits uncomfortably with my politics – enough that it worries me to wonder how I’ll feel when I’m 45, or 65.

Es erscheint vollkommen bizarr, dass sie erst eine Hölle beschreibt, durch die Frauen beständig gehen müssen, und dann sagt, dass sie diese vermisst, weil sie sich nicht mehr schön fühlt.

Ihre Schlußfolgerung:

I know that my reaction is normal, considering the culture I’ve grown up in, as much as I know that my self worth does not depend on what strangers think. But I do wish there was more nuance in conversations about aging, beauty standards and feminism – room enough to admit without shame the complicated feelings we can have about it all.
Being harassed on the street is not a compliment, and it surely has never felt like one. For most, if not all women, it can be scary and sometimes dangerous to deal with. But I can admit that – even as a seasoned feminist – sexism is a powerful enough force to still reside my head. Maybe by acknowledging as much I can begin to let it go (hopefully, long before I turn 45).

Sie sagt hier also, dass sie es falsch findet, dass Frauen nach ihrem Äußeren bewertet werden, dass diese Wertung aber, weil sie unsere sexistische Gesellschaft so nachhaltig vertritt, so sehr Bestandteil ihres Denkens geworden ist, dass sie sie nicht abschalten kann.

Diese Wertung finde ich sogar – innerhalb ihres Denksystems – nicht vollkommen unlogisch. Ich habe mal darüber nachgedacht, ob man es übertragen kann:

Wäre ein Sklave, der immer wieder verkauft worden ist, nicht auch zumindest entsetzt, wenn keiner ihn mehr kaufen würde und er deswegen als unbrauchbar freigelassen würde?

Oder wäre ein Mann, der sich immer darüber aufregt, dass Männer auf die Versorgerrolle reduziert werden und danach bewertet werden, wie viel sie verdienen, nicht auch etwas besorgt, wenn er seinen Job verliert und er deswegen nicht mehr als starker Versorger wahrgenommen wird?

Der Wunsch, als attraktive und wertvolle Person wahrgenommen zu werden, ist insofern sehr verständlich. Das Heuchlerische kommt meiner Meinung nach dadurch herein, dass dies ansonsten im Feminismus kaum anerkannt wird. Es spielt keine Rolle, dass ein gewisser Teil des Cattcalling durchaus gern gesehen wird, wenn er sich in bestimmten Grenzen bewegt. Es wirkt unehrlich, wenn sonst jede Form der Wahrnehmung als Mikroaggression gewertet werden kann. Und auch etwa auf Seiten der Männer beim Aufbau von Status etc wird es nicht wahrgenommen. Sie schiebt hier die Veranwortung für etwas so schlichtes, wie gerne als attraktiv wahrgenommen zu werden auf das Patriarchat oder den Sexismus.

Anscheinend gesteht sie sich so etwas normales selbst gar nicht mehr zu, weil es nicht in ihre Ideologie passt.

 


Responses

  1. Das ist traurig. Valenti wird nicht mehr so oft gevögelt wie früher. Lasst uns in ihren Tränen baden.

    • Während ich in ihren Tränen bade, denke ich, dass in „… to still reside my head.“ doch eine Präposition fehlt, oder nicht? Und natürlich schiebt sie ihre Kümmernis auf die Gesellschaft, also aufs Patriarchat.

      • „Lasst uns in ihren Tränen baden.“

        Ekelhafte Vorstellung in solchen Körperflüssigkeiten zu baden … Taugt wohl nichtmal als Dünger, das Zeug?!

        • Das Original „I bathe in male tears“ ist wohl auch nicht mehr ganz so beliebt in feministischen Kreisen, nachdem das Gerücht rumgeht daß „Male Tears“ in manchen Kreisen eine euphemistische Umschreibung für ‚Sperma‘ ist.

          Völlig egal ob das nun ein Gerücht ist oder nicht, ich kann mir ein gewisses Grinsen nicht verkneifen wenn ich eine Feministin an einer „Male Tears“ Tasse nuckeln sehe. Wohl bekomms!

        • @SB

          Ich habe noch nie gehört, dass das in irgendeiner Weise im Feminismus thematisiert wurde.

          Ich halte es nach wie vor für einen recht zwecklosen Versuch einer Abwertung dieses Begriffs. Er wird nur von sehr radikalen Feministinnen Feministinnen verwendet, denen dieser Gehalt angesichts der sonstigen Problematik dieses Begriffs eher egal sein dürfte.
          Wenn es vermindert gebraucht wird, dann wohl eher, weil der „Backlash“, dass es sich dabei um unempathisches Männerbashing handelt, zu nachhaltig war und die Ausrede, dass es nur ironisch ist, ebenso häufig angegriffen und als wenig überzeugend entlarvt worden ist

  2. „Being on the subways and streets of New York while female used to mean walking through a veritable gauntlet of harassment and catcalls.“

    Ich würde im Übrigen schon das für eine Übertreibung (Lüge) halten.

    • Natürlich, sie wird auch eine halbe Sekunde Blickkontakt als mentale Vergewaltigung deuten oder davon ausgehen, dass alle Männer sie wie gebannt anstarren, wenn sie sich nicht gerade aktiv „verteidigt“.

    • nein, das ist keine Lüge, das ist weibliches Wunschdenken. Sie lechzen geradezu nach sexueller Belästigung um damit den Anlass zu haben sich über die Männer aufzuregen und dabei wahnsinnig gut zu fühlen. Das ist gleich doppelte Befriedigung: sexuelle Aufmerksamkeit bekommen zu haben, Attraktivität bestätigt bekommen zu haben und gleichzeitig Männer moralisch niederzumachen, was will Frau mehr.
      Das fühlt sich doppelt gut an, sexuell attraktiv und moralisch überlegen.

      Zur nachlassenden Belästigung im Alter:
      Man sollte den Frauen vielleicht mal erklären, das die Natur für sie eine relativ kurze Phase sexueller Hyperattraktivität vorgesehen hat, danach verliert sie mehr oder weniger ihre Figur, ihre Straffheit, ihren Duft. Das hat Sinn, weil sie ja dann normalerweise Kinder hat und einen Mann der sie als konkrete Person liebt, und nicht mehr unbedingt die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich ziehen soll, damit sie gerade nicht mehr belästigt wird, sondern sich in Ruhe um Kinder und Mann kümmern kann.

      Wenn man als Feministin oder Frau allgemein natürlich in dem Wahn lebt, die Teenagerphase mit der absoluten Macht über Männer (wenn man denn nur einigermaßen attraktiv ist) bis ins Rentenalter ausdehnen zu können, dann muss das natürlich in Enttäuschung enden.

  3. „Wäre ein Sklave, der immer wieder verkauft worden ist, nicht auch zumindest entsetzt, wenn keiner ihn mehr kaufen würde und er deswegen als unbrauchbar freigelassen würde?“

    Nein – ich würde schon sagen, dass in den allermeisten Fällen ein Sklave darüber sehr froh wäre.
    Vorausgesetzt, er würde dadurch nicht in seiner Existenz gefährdet, weil ja zuvor in Kost und Logis, danach nicht mehr.
    Andererseits um so mehr, je arroganter und herablassender der Besitzter war. Also das, was im patriarchalen Catcalling ja so entsetzlich schrecklich gewesen sein soll.

    Durch das fehlende Catcalling wird ihre Existenz nicht bedroht.

    Auch wer aus einem unangenehmen, belastenden Arbeitsverhältnis in Rente geht (ich möchte lieber dieses Beispiel, weil im Gegensatz zur Entlassung eben keine Existenzbedrohung damit verbunden ist), wird durchaus vor allem darüber froh sein. Es ist zwar so, dass bei manchem da ein Loch auftaucht, das erst einmal gefüllt sein will. Aber: Dieses Loch ist eben dort groß, wo auch die Arbeit erfüllend und positiv wahrgenommen wurde. Je mehr sie vor allem eine Last war, um so leichter wird es fallen, sie hinter sich zu lassen, um so mehr werden von ganz alleine Vorstellungen da sein, was man stattdessen tun möchte.

    Die Beispiele zeigen mMn viel mehr, dass diese „Hölle“ eben maßlos überzeichnet war, und dahinter eben ein sehr ambivalentes Verhältnis dazu da ist – und schon immer gewesen sein wird.
    Wie Du schreibst: sie versucht eben wie immer, sämtliche Verantwortung für diese Ambilvalenz von sich wegzuschieben auf das Patriarchat ™.

    Sie schreibt:
    „Maybe by acknowledging as much I can begin to let it go“
    Sie wird sich vor allem diese EIGENE ambivalenz eingestehen müssen, um es „gehen zu lassen“. Ihre EIGENE Verantwortung dafür anerkennen, anstatt sie wegzuschieben.
    Das wird sie als Feministin jedoch niemals können.

    • Im alten Rom lebten einige der Sklaven gar nicht so schlecht und Freilassungen waren sogar recht üblich.

  4. Hatte es ja schon mal an einem Selbermach-Sonntag verlinkt, aber amüsant auch, wie kurz nach der Veröffentlichung der Kolumne wohl der Titel geändert wurde:

    https://pbs.twimg.com/media/CKXbf68UMAAEQaK.png:large

    (Disclaimer: Nie im Original gesehen. Kenne auch nur diese Montage.)

    • Ich selbst habe das Orginal gesehen (ich like den Guardian bei FB, da ich mir öfter solche Artikel zu Feminismus anschaue, spendiert mir der Algoritmus diese regelmäßig). Es ist kein Fake, die Überschrift wurde geändert, als Kommentatoren auf diesen früheren Artikel von Valenti verwiesen…

      • Ah, sehr schön!
        Ich hatte es schon für echt gehalten, aber es von einem Augenzeugen bestätigt zu hören ist trotzdem angenehm.

  5. Sexismus: Welche Sprüche sich Joggerinnen anhören müssen

    „Okay, ich muss zugeben: Diese Szene habe ich mir ausgedacht.“

    http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/anna-achilles-ueber-sexistische-kommentare-beim-laufen-a-1045675.html

    • Wenn ich an Frauengruppen vorbeilaufe, dann kommt eher abfälliges wie „Schneller!“….

      *schnief*

      PS: Die ein oder andere Männergruppe kommentiert auch, waaaas solls?


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