Selektion bezüglich sozialer Interaktionen

Geht man davon aus, dass Verhalten über das Gehirn ebenfalls erheblich durch evolutionäre Selektion geprägt wird, dann stellt sich auch die Frage, welchen Regeln menschliche Interaktionen in dieser unterliegen könnten.

Der Selektionsdruck müsste insoweit nach der Frage „welche folgen hat eine mögliche Art und weise der Interaktion auf meinen potentiellen Fortpflanzungserfolg? (oder den meiner Gene im Wege der Verwandtenselektion“ ausgerichtet sein.

Ein Verhalten, welches im Schnitt den Fortpflanzungserfolg behindert hat eine Selektion gegen sich, ein Verhalten, welches zu einer Verbesserung der Fortpflanzungswahrscheinlichkeit oder Qualität führt, würde eine Selektion für sich haben.

Dabei ist „Fortpflanzung“ nicht einfach nur zu verstehen als Penis in Vagina, sondern viel allgemeiner, es geht um alle Faktoren, die eine Fortpflanzung über mehrere Generationen begünstigt, was bei Überleben anfängt, aber auch die Anhäufung von Ressourcen, das Schließen von Bündnissen und die Wertung von anderen über das Verhalten. Es wäre also eine klassische Situation, bei der evolutionäre Spieltheorie greifen könnte:

Welche Informationen entnehmen Leute meinem Verhalten, was Signalisiere ich, wenn ich mich auf eine bestimmte Weise verhalte und wie beeinflusst dies das Verhalten der anderen und wie sollte ich darauf reagieren?

Ich Brainstorme mal etwas dazu: Es kämen beispielsweise folgende Regeln in Betracht

  • Personen des anderen Geschlechts  mit hohen eigenen Fortpflanzungswert möglichst gut behandeln.
  • Personen, deren Wertung hohen Einfluss darauf haben kann wie andere mich sehen besonders gut behandeln.
  • In Situationen in denen andere mich besonders wahrnehmen und mich werten vorsichtig sein, wenn es auf ihre Wertung ankommt und die Gefahr der Missbilligung besteht oder man einen geringen wert darstellen könnte
  • Negative Wertungen anderer vermeiden
  • Signale von Anderen über deren Wert aufnehmen und berücksichtigen und im eigenen Verhalten berücksichtigen
  • Bedenken, das das eigene Verhalten gegenüber andere Rückschlüsse über den eigenen Wert zulässt, wer Leute mit geringen Staus mit hohen Status behandelt der wird sich selbst wohl einen niedrigen Status zuweisen.

Zu berücksichtigen wären wohl auch Geschlechtsunterschiede. Für Männer kann es sich allgemein lohnen, Frauen gut zu behandeln und ihnen Vorrechte einzuräumen: Um so mehr Frauen in der Nähe sind, um so höher die Fortpflanzungsmöglichkeiten. Gleichzeitig kann ein zu starkes Einschmeicheln eher einen geringen Wert verdeutlichen.

Eine Frau diese Vorzugsbehandlung nicht zukommen zu lassen kann dann ein Zeichen sein, dass man selbst genug Frauen um sich herum hat, also anscheinend begehrt ist.

In der Pickup-Reihe wurde mal das Beispiel verwendet, dass man sich vorstellen solle, wie eine Person mit besonders hohen Status, der als sexy angesehen wird, reagieren würde. Wie also zB Brad Pitt sich in der entsprechenden Situation verhalten würde. Für ihn wäre es etwas vollkommen anderes, wenn eine schöne Frau ihn anlächelt, weil er es gewohnt ist und er dem Vorfall insoweit keine besondere Wertigkeit zuweist (oder zumindest eine andere als ein normaler Mann). Sein Verhalten ist insoweit ein Hinweis darauf, wie sich sonst Frauen ihm gegenüber verhalten.

Oder man solle sich in bestimmten Situationen vorstellen, wie unterschiedlich man reagieren würde, wenn einem sein Chef eine bestimmte Frage stellt oder eine gänzlich unwichtige Person. In der einen Situation wäre man vielleicht angespannt, weil von der Meinung des Chefs einiges abhängen kann, in der anderen vollkommen entspannt.

Diese unterbewußten Wertungen über Wichtigkeit der anderen Person und den sich daraus ergebenden richtigen Verhalten unsererseits aber auch den Wertungen anderer stellt nach dieser Betrachtung unser Gehirn in jeder sozialen Situation an.

Droht eine Gefahr für unsere Reputation, unseren Status und unser Ansehen, dann werden wir eben nervös. Beispielsweise, wenn besonders viele Personen oder besonders wichtige Personen einen bewerten werden.

Gleichzeitig entwickeln wir eine gewisse Abneigung gegen Personen, die einen (zu) niedrigen Status oder einen zu geringen Wert haben und uns „runterziehen“.

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34 Gedanken zu “Selektion bezüglich sozialer Interaktionen

  1. Interessante und wichtige Überlegungen.

    Denke aber, @ Christian, dass das spieltheoretische Regelwerk nicht funktionieren wird, wenn du nicht Parameter der individuellen, biografischen Erfahrung berücksichtigst.

    Denn je nach individueller Biografie sieht das Regelwerk anders aus. Beispiel, du schreibst:

    Droht eine Gefahr für unsere Reputation, unseren Status und unser Ansehen, dann werden wir eben nervös.[…]

    Nicht so Personen, die Hochstatuserfahrung haben. So schleppen Affen mit hohem Status weniger – und nicht mehr – Stresshormone mit sich herum. Eine Person mit Hochstatus wird also auch in dieser Situation ziemlich gelassen bleiben.

    Anderes Regelwerk für andere Erfahrung.

    Noch eines; es gibt ja Optimierungsstrategien (auch in der Spieltheorie), die irgendwann überoptimieren und entgleisen. Beispiel: eine Optimierungsstrategie für Cool Bleiben in sozialen Situationen, die irgendwann zu einer bestimmten Form der Persönlichkeitsstörung führen kann.

  2. Diese Wertung passieren nicht unbedingt unterbewußt, Menschen können sich für diesen oder jenen Wert entscheiden – sagen wir mal Gesundheit (oder Freundlichkeit), weil das z.B. attraktiv macht.
    Erst dann, können sie vergleichen, wie weit ihr Verhalten mit ihren Werten übereinstimmt, was eventuell mit einer Verhaltensänderung verbunden ist.
    Was aber nicht unbedingt die folge sein muss – Viele Leute wissen das eine gesunde Lebensführung sich positiv auswirkt – sie nehmen trotzdem nicht ab oder treiben Sport, sondern entscheiden sich z.B. vor dem Computer zu sitzen.

    Zu den Regeln: Starre Regeln schränken das eigene Verhaltensreportoir ein. Man sollte eher schauen was funktioniert und was nicht. Es gibt nun mal Menschen, die wollen schlecht behandelt werden, legen vielleicht selber eher Wert auf Ehrlichkeit anstatt Heuchelei. Auf was die Leute persönlich Wert legen, was sie mögen und was nicht, kann man imho. gar nicht so allgemein sagen.

    • @Christian

      Menschen lassen sich durch die angaben von Gründen in ihren Entscheidungen beeinflußen. Das unterscheidet den Menschen vom Tier, das natürlich nicht in der Lage ist, Gründe verbal zu artikulieren.
      Die Handlungstrategien die aus diesen Entscheidungen erwachsen, könnten dann stabiler sein, auch wenn das Umfeld sie bestraft oder nicht irgendwie belohnt.

      Und nebenbei, ich denke darauf kommt es im Leben an. Sich nicht primär danach zu richten, was andere nun am eigenen Verhalten gut oder belohnenswert finden.

      • @Leser

        Menschen können durchaus rational entscheiden, aber viele Entscheidungen erscheinen uns auch nur rational, weil wir bestimmte biologisch geprägte Vorlieben oder Abneigungen haben. Es kostet willenskraft sich gegen diese zu entscheiden und diese wollen wir häufig gar nicht aufbringen.

        Die Unterscheidung zwischen Mensch und tier ist schwieriger als du denkst. Wir Menschen sind ja Tiere, nur mit etwas mehr ausgeprägteren bestimmten Gehirnregionen. Menschenaffen sind durchaus auch relativ intelligent und der Aufbau ihres Gehirns unterscheidet sich nicht wesentlich von unserem. Wie sie sind wir auch unser Natur zum Teil noch unterworfen

        • @Christian

          Im Gegemsatz zu Menschenaffen haben Menschen aber einen gewaltigen Entwicklungsstand erreicht.
          Bedeutet konkret, äußere Natur in massiven Außmaß unter Kontrolle gebracht zu haben, wie es heute der Fall ist.

          Was Menschen dazu motivieren kann, Willenskraft aufzubringen und enorme Anstrengungen auf sich zu nehmen, ist ihre Fähigkeit Werte verbal zu konstruieren.
          Der einfache Satz (die einfache Regel) ‚Wenn Du auf Deine Gesundheit achtest, wirst Du attraktiv für potentielle Geschlechtspartner.‘ nimmt eine Zukunft vorweg, also positive Konsequenzen (ob sie nun eintreten oder nicht, oder ob diese Regel für immer gültig ist, sei mal dahingestellt) auf die man hinarbeiten kann, trotz Rückschlägen.
          Das ist der zweite Unterschied, verbale Konditionierung ist nur Menschen möglich und ermöglicht die biologische Prägung Unanehmlichkeiten zu vermeiden und kurzfristige Belohnungen vorzuziehen, außer Kraft zu setzen.

        • @leser

          Wir kontrollieren da recht wenig. Unsere Natur ist mit unser Gesellschaft nicht im Widerspruch, wir haben diese Gesellschaft auf der Basis unserer Natur geschaffen und sie ist daher auch nur auf deren Basis und sich der daraus ergebenden Probleme – von Egoismus bis Gemeinschaftsgefühl, also GEfühlen, die Bienen vollkommen fremd wären – zu verstehen.

          Und auch unsere Fähigkeit, verbal zu konstruieren, ist nicht gegen unsere Natur gerichet, sondern dient häufig genug zu deren ausleben.

          Der Satz ist dabei die eine Sache.
          Die ganz andere Sache ist die Frage, warum man dann attraktiv für potentielle Geschlechtspartner wird. Versuch das mal genau aufzuschlüsseln und dabei nicht einfach bestimmte Gefühle und Einstellungen vorauszusetzen. Dann siehst du vielleicht, dass viele dieser Gefühle und Einstellungen aus unserer Biologie stammen und daraus dann der Satz logisch folgt, dessen aussprechen aber auch egal wäre, weil es uns quasi instinktiv einleuchtet-

          Kurzfristige Belohnungen außer kraft zu setzen ist auch häufig nicht so einfach. Wer schon mal binge-watching trotz Arbeiten am nächsten Tag betrieben hat oder sich Süssigkeiten reingehauen hat, obwohl es besser für ihn gewesen wäre er hätte es nicht gemacht oder auch nur der Verlockung nachgegeben hat schnell noch einmal aufs smartphone zu schauen, weil dort eine Neuigkeit vorliegen könnte, dem ist das bewußt.

          Ich verstehe nicht, warum Leute diesen absoluten Sieg über die Natur postulieren, wenn wir in vielen Fällen recht deutlich und eindeutig gerade nicht in der Lage sind unsere Kurzzeitpläne zurückzustellen.
          Und ich verstehe auch nicht, warum die Langzeitziele als anscheinend rein sozial begründet angesehen werden. Hier spielt problemlos ebenfalls biologisches hinein

        • @Christian

          Niemand postuliert den Sieg über die Natur und niemand leugnet die biologische Grundlage unserer Werte und Vorlieben. Es geht darum, wie gut oder schlecht man diese Natur ‚handhabt‘.

          Was mich verwundert ist Deine skeptische Einstellung, letzendlich auch gegenüber den Erungenschaften von Wissenschaft und Technik, das mit dem Hinweis, der Mensch sei doch eher das beschränkte Tier geblieben das er schon immer war.

        • @leser

          „Niemand postuliert den Sieg über die Natur und niemand leugnet die biologische Grundlage unserer Werte und Vorlieben“

          Es freut mich, wenn du das nicht machst. Allerdings gibt es leider genug „Blank Slater“. Welche biologischen Grundlagen unserer Werte und Vorlieben siehst du denn?

          „Es geht darum, wie gut oder schlecht man diese Natur ‘handhabt’.“

          Ich glaube der tatsächliche Unterschied ist, dass du etwas ganz anderes unter der Natur verstehst. Du siehst es als etwas, was man „handhabt“. ich eher als etwas, was man ist. Wie handhabst du 2 Arme zu haben? Natürlich gibt es kulturelle Ausformungen, die darauf beruhen, dass man diese hat und vieles ist zB bei einem Auto so angerichtet, dass wir es eben gerade mit zwei Armen bedienen. Aber damit „Handhaben“ wir die Natur nicht. wir sind einfach ein zweiarmiges Wesen.
          Genauso ist es mit vielen psychischen Punkten. Du siehst sie außerhalb des Menschen als etwas, was er niederringt. Ich sehe es eher als etwas, was ebenfalls Teil seiner Person ist, was er als Teil seiner selbst ansieht und was er zu einem Teil akzeptiert, mit dem er aber auch zu einem Teil in Konflikt liegt. Wir sind so, dass wir Nahrungsvorräte anlegen wollen und daher kohlenhydrate und Fette lieben. Teilweise ist das unproblematisch und wir essen gerne. Weil aber Essen kulturell problemlos zu besorgen ist und ein Überangebot im Westen besteht, führt dies auch zu Problemen. Muss man dann aber nicht den Mensch als jemanden wahrnehmen, der eben Kohlenhydrate und Fette mag und insoweit wünsche und Bedürfnisse wie jedes Tier hat oder muss man sagen, dass er dies „gehandhabt“ hat? Ich finde eine Betrachtung als Tier, in dem unterschiedliche Wünsche bestehen, der Spass am Essen und das Ziel gut auszusehen und Schönheitsvorstellungen zu entsprechen, viel passender. Man muss die Natur nicht externalisieren. Man muss auch nicht leugnen, dass wir insoweit in einem Konflikt liegen, der nicht rein logisch entschieden wird. Ja, wir sind Tier. Ja, wir sind ein Tier mit einem außergewöhnlich gut funktionierenden Bereich für logisches Denken. Aber das lässt den anderen Teil des Gehirns nicht verschwinden, wir haben immernoch den gleichen Gehirnaufbau wie andere Säugetiere auch.

          Aus meiner Sicht sind unsere biologisch bedingten Wünsche und Wertungen nicht verschwunden. Wir speisen diese Wünsche und Wertungen nur in ein intelligenteres Denksystem ein, welches dann versucht sie umzusetzen, sie aber auch mit der Gesamtsituation und höheren Zielen abgleicht. Damit werden sie gerade nicht obsolet oder sind dem freien Willen unterworfen. Vielmehr wird unser Willen durch diese Abwägung geprägt. Wir können machen, was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.

          Was mich verwundert ist Deine skeptische Einstellung, letzendlich auch gegenüber den Erungenschaften von Wissenschaft und Technik, das mit dem Hinweis, der Mensch sei doch eher das beschränkte Tier geblieben das er schon immer war.

        • @Christian

          Im Auto handhabst Du Deine Beine, nämlich indem Du Dir die Belastung ersparst zu laufen. Genauso wie Menschen ihren biologischen Körper handhaben, durch Medikamente im Falle einer Krankheit. Die Psychologie, handhabt eventuell die ‚innere Natur‘ des Menschen, also Gefühle, Gedanken, Konditionierungen & Verhalten.
          Andere Natur wird durch Computer oder Baumaschinen gehandhabt, eben alles Dinge, die menschliche Konstrukte sind.

        • @leser

          Aber damit habe ich doch nicht den Kampf gegen meine Beine gewonnen. Damit bin ich doch nicht plötzlich Beinlos und meine Beine spielen keine Rolle mehr. ich habe meine beine auch nicht gehandhabt.
          Die Psychologie „handhabt“ auch nicht unsere Gefühle und Gedanken. Und insbesondere ist sie kein Auto in das wir uns setzen und zack schon haben wir keine Gefühle und keine anderen Wünsche mehr

          Natürlich erweitern wir unsere Möglichkeiten mit Technik und Kultur. Aber innerhalb dieser Ausweitungen bleiben wir eben ein sehr intelligentes Tier.

        • „Das ist der zweite Unterschied, verbale Konditionierung ist nur Menschen
          möglich und
          ermöglicht die biologische Prägung Unanehmlichkeiten zu vermeiden
          und kurzfristige Belohnungen vorzuziehen, außer Kraft zu setzen.“

          Zu diesem Thema findet man viel Material unter dem
          Begriff: Delayed Gratification.
          Diese menschliche Fähigkeit ist sowohl individuell
          wie auch als Durchschnittswert bei verschiedenen
          Gruppen unterschiedlich ausgeprägt.
          Neben Kultur und Umwelt gibt es aber auch
          biologische/genetische Faktoren was halt der
          Weltsicht der flacherde Gutmenschen.

  3. „Es kostet willenskraft sich gegen diese zu entscheiden und diese wollen wir häufig gar nicht aufbringen.“ Aber mensch kann es grundsätzlich bzw./oder potenziell. Und wenn es einem Menschen wichtig ist, dann kann er das trainieren und sich u.a. – wie ich es auf Kantianischer Basis empfehle – in ein vernünftigeres Erkennens-Muster/-Brille (teilweise beim ersten, teilweise beim zweiten [gedanklichen] Blick) selbst-„sozialisieren“ und sich die Mühe machen, ein höheres Empathielevel mit Wahrheit und psychischer Energie zu versorgen.

    • @kosinsky

      „Aber mensch kann es grundsätzlich bzw./oder potenziell“

      Sicher. Aber warum sollte er?

      Wie viele Leute trainieren sich ganz bewußt Lampenfieber ab?
      Kannst du dir abtrainieren Frauen mit schönen, symmetrischen wohlgeformten Brüsten einen höheren Partnerwert zuzuweisen als Frauen und mit unsymmetrischen Hängebrüsten?
      Können sich Frauen abtrainieren große Männer sexuell interessanter zu finden?

      • @ Christian

        „Wie viele Leute trainieren sich ganz bewußt Lampenfieber ab?“

        Zumindest Männer die Game lernen wollen müssen sich
        ziemlich viel ab trainieren. Und Angst eine fremde Frau
        anzusprechen kommt doch Lampenfieber ziemlich nahe.

        • @Red Pill

          Durchaus, ich sage ja auch nicht, dass man sich nichts abtrainieren kann. und gerade Ansprechangst ist in der Tat ein verbreitetes Problem. Wobei es dadurch abgemildert werden kann, dass man heute quasi anonym in einer größeren Stadt sein kann, dass es kaum einer mitbekommt als die Frau und auch, dass man sich ganz bewußt in einen anderen Modus versetzt, indem es zB peinlicher wäre, wenn man sich nicht traut sie anzusprechen (vor Freunden) oder in dem man die Ziele neu definiert („Ich werde 100 Sets brauchen, bis ich das kann, Ablehnung gehört dazu“).

      • „Wie viele Leute trainieren sich ganz bewußt Lampenfieber ab?“

        Also da bin ich doch tatsächlich verwundert. Nicht sofort verängstigt oder nervös zu erscheinen, weil alle Augen auf einen gerichtet sind (oder zumindest die wichtiger Leute) ist doch eine ganz wichtige Eigenschaft, um souverän zu erscheinen!

        Das braucht man beim Flirten wie im Beruf. Aus meiner Erfahrung als jemand, der ab und zu auf der Bühne steht, kann ich nur sagen: Es bringt unglaublich viel, das Lampenfieber zu drosseln, indem man immer wieder diese Gelegenheiten sucht. Klar, ein wenig aufgeregt darf man sein. Aber diese lähmende Nervosität, die einem den Verstand vernebelt, die ist überflüssig.

        Jeder auch nur halbprofessionelle Künstler oder mittlere Manager muss ständig solche Situationen ertragen. Insofern gibt es genug Leute, die ein elementares Interesse daran haben, kein Lampenfieber zu bekommen.

    • @kosinsky
      „Und wenn es einem Menschen wichtig ist,“
      dann scheint es da doch schon eine gewisse prädisposition zu geben, oder?
      Grundsätzlich sind wir als Sozialwesen für Leben im Gruppenverband ausgestatte, und soziales Verhalten ist deshalb biologisch prädisponiert. dieses soziale Verhalten als langfristige überlebensstrategie konkurriert dabei mit kurzfristigenegoistischen interessen, aber beide sind biologisch vorgegeben.
      Die von Dir offenbar gedachten Entscheidungen sind also lediglich welche zwischen unterschiedlichen prädispositionen, zwische kurz- und langfristigen, zwischen egoistischen und altruistischen – aber beide möglichkeiten sind biologisch sinnvoll.

      Eine „echte“ Entscheidung gegen die biologische Prädisposition, die Willenskraft Anstrengung und Energie benötigt, wäre hingegen, sich z.B. als Mensch mit homosexueller Prädisposition zu entscheiden, dennoch hetereosexuell zu leben, um Familie gründen und Kindr haben zu können – eine Entscheidung, die unter entsprechendem moralischem Druck vor allem in früheren Zeiten sicherlich häufig getroffen wurde.
      Gälte natürlich auch umgekehrt: sich als Heterosexueller aus ideologischen überlegungen heraus zu entscheiden, homosexuell zu leben. Halte ich in Genderkreisen mittlerweile auch nicht mehr für unmöglich, dass sich jemand dazu moralisch veranlasst sieht.

      Eine „echte“ Entscheidung gegen biologische vorgabe könnte auch sein, seine Kinder nicht nur nicht selbst zu erziehen, sondern an eine ansonsten unbekannte Großgruppe (also nicht die eigene Großfamilie oder Stammesgemeinschaft, sondern „den Staat“) zur Erziehung zu geben.

      Das wären, nach meinem Verständnis, Entscheidungen gegen das biologische Programm.
      Die Frage, warum jemand das tun sollte, finde ich sehr berechtigt, in den Beispielen geht das mit einem gewissen sozialen Druck einher. Unsere eigentlich ursprünglich tiefsten moralischen Werte, die uns zu Nächstenliebe und Kooperation anhalten, sind durchaus in unserer Biologie verankert und uns deshalb sehr nahe.

    • @Kosinsky
      P.S.
      „Und wenn es einem Menschen wichtig ist,“

      wie Du vielleicht an meinen Beispielen siehst, sind das Fälle, in denen eben grade nicht das, wofür sich entschieden wird, demjenigen wichtig ist, denn etwas, das einem primär moralisch wichtig ist, ist in der Regel etwas, das auch biologisch prädisponiert ist – sonst wäre es nicht primär wichtig.
      Sie machen es, weil etwas anderes wichtig ist. Sie nehmen es in Kauf für etwas anderes.
      Also weiterhin die Frage, warum jemand so etwas tut – einen hehren Ethos kann ich darin eher nicht erkennen.

      Weiteres Beispiel wäre ein Mann, der eine ältere und unattraktve Frau heiratet, obwohl da wirklich nichts ihn anzieht (dass es tatsächlich Männer gibt,die ältere Frauen amziehend finden, sei davon mal unbenommen), weil er sich entweder
      1) ihr gegenüber aus irgend einem Grund verpflichtet fühlt oder
      2) weil sie reich ist und er es auf ihr Erbe abgesehen hat, er also ein Heiratsschwindler ist.

  4. Interessanter Beitrag, bei dem ich Überschneidungen zu meinem kürzlichen Artikel über Freundlichkeit sehe. Ich stelle daran angelehnt mal einige eigenen Überlegungen auf:

    – Nur Personen, „bei denen es sich lohnt“, gut zu behandeln (hübsche Frauen, einflussreiche Leute), wird doch schnell durchschaut und wirkt zurecht anbiedernd bzw. mit Hintergedanken.
    – In Situationen mit viel Aufmerksamkeit souverän aufzutreten ist ein viel stärkeres Signal; (über)vorsichtig kann willens- oder charakterschwach rüberkommen.
    – Negative Wertungen in Kauf nehmen, wenn sie fast unvermeidbar sind und sie im Zweifelsfall sogar ausdrücklich ansprechen, wirkt stark („Ich wusste, dass man mir X vorwerfen würde, aber mein Ziel Y war mir wichtig, deswegen habe ich mich so entschieden und bin meinen Weg gegangen“).
    – Sich von Leuten, deren Meinung man großen Wert beimisst, gelegentlich korrigieren zu lassen, zeigt Einsicht.

    Ich finde, es gibt einen sehr großen Unterschied zwischen „weit oben“ und „an der Spitze“. Leute, die wirklich ganz oben in einer Hierarchie sind, können es sich nämlich leisten, auf viele Regeln zu pfeifen und demonstrieren damit erst recht, dass sie ganz oben sind. Der Firmenboss kann ganz ruhig mit der Putzfrau reden und muss sich dafür gegenüber niemandem trotz vollem Terminkalender rechtfertigen.

    Das Brad-Pitt-Beispiel kann ich mir in verschiedenen Variationen ganz anders bewertet vorstellen. Nehmen wir eine „normal“ aussehende Frau, gepflegt, lächelnd, und er ignoriert sie völlig. Da wird doch jeder, der das mitbekommt, sagen: Boah, was für ein arroganter Sack, die war doch nett! Zumindest ein freundliches Zurücklächeln (beim Vorbeigehen) oder ein freundlicher Umgang (etwa bei Personal) sollte schon drin sein.

    • Ich schrieb zu dem Brad Pitt Beispiel:

      „Wie also zB Brad Pitt sich in der entsprechenden Situation verhalten würde. Für ihn wäre es etwas vollkommen anderes, wenn eine schöne Frau ihn anlächelt, weil er es gewohnt ist und er dem Vorfall insoweit keine besondere Wertigkeit zuweist (oder zumindest eine andere als ein normaler Mann). Sein Verhalten ist insoweit ein Hinweis darauf, wie sich sonst Frauen ihm gegenüber verhalten.“

      Da steht also gar nicht, dass er unfreundlich ist. Es geht mir eher darum, dass er, wenn ihn eine schöne Frau mit sexueller Absicht anlächelt, nicht glaubt im Lotto gewonnen zu haben oder Angst bekommt, es zu vermasseln. Eher denkt er vielleicht „schob wieder eine, die mich anhimmelt“ und es wäre für ihn vollkommen normal, dass sie mit ihm schlafen will. Wie er sich dann verhält, ob freundlich oder desinteressiert, wäre eine andere Frage. Es würde ihm auch keiner vorhalten, wenn er nicht mit jeder Frau spricht und sie in wesentlichen ignoriert oder ihr kurz eine autogrammkarte unterschreibt und dann geht. Der Kontakt mit ihr ist ihm nicht wichtig. In der nächsten bar wäre eine andere heiße Frau, die ihn auch wollen würde

      • @ Christian

        Frauen, die Brad Pitt ansprechen wollen, gibt es Tausende. Das kann von jedem beobachtet werden, das ist die Norm. Frauen, die Christian ansprechen wollen, gibt es .. nun ja, ich hoffe doch die eine oder andere. Aber es ist nicht die Norm.

        Brad Pitt kann es sich allein aufgrund der großen Zahl leisten, anders zu reagieren, als Christian.

        Natürlich kann Christian, um hohen Status zu demonstrieren, gelegentlich ein dosiertes Brad Pitt-Mimikry in die Runde werfen. Aber er wird nie die ganze Bandbreite Brad Pitts ausreizen können.

        • Es ist ein Beispiel um das Prinzip zu erläutern. Es lohnt sich, die verschieden Reaktionen einmal gedanklich durchspielen.

          Und es kann einem auch gerade in bezug auf Frauen helfen. Denn eine sehr hübsche Frau befindet sich in einer ähnlichen Lage wie Brad Pitt. Alle Männer um sie herum wollen ebenfalls mit ihr schlafen.

          Und sich dann zu überlegen, ob sich Brad Pitt lieber mit jemanden unterhält, der vier Bewunderung kaum ein Wort herausbringt oder mit jemanden, der ebenfalls einen entsprechenden wert hat

      • Ok, da habe ich den sexuellen Bezug nicht wahrgenommen. Einfach nur lächeln kann für mich alles sein. Ansonsten wäre ich seit einiger Zeit fast nur von Frauen umgeben, die mit mir Sex haben wollen. 😛

    • @ Graublau

      Gute Überlegungen.

      Quod licet Jovi, non licet povi.

      Und das alles sind selbstverstärkende Regelkreise. Nicht nur der bibelfeste Leser kennt das unter dem Begriff „Matthäus-Prinzip“.

      Nur Personen, “bei denen es sich lohnt”, gut zu behandeln (hübsche Frauen, einflussreiche Leute), wird doch schnell durchschaut und wirkt zurecht anbiedernd bzw. mit Hintergedanken.

      Naja, Kriecher gibt’s ja genug. Und wenn alle um den König herumscharwenzeln, dann hat dieses Verhalten sogar größte Chancen, kulturprägend zu werden.

      So entstand die „courteoisie“ oder „Höflichkeit“.

      • Es sagt ja auch niemand, dass man nur diese gut behandelt, die ganz oben stehen. Es ist eben fließend. Wenn wir einen star treffen sind wir vielleicht vollkommen überbemüht (der Lieblingstar kommt zum essen vorbei) bei einem Penner sind wir einfach nur genervt, wenn er einen Euro will und und deswegen aufhält.

        • Es sagt ja auch niemand, dass man nur diese gut behandelt, die ganz oben stehen.

          Hab ja auch ich nicht gesagt. Aber es gibt besondere kulturelle Settings (z.B. der Hof im Versailles), da kommen die Leute diesem Ideal ;–) schon ziemlich nahe.

        • War auch mehr auf graublau bezogen.

          In der tat: der Hof von Versailles wäre ein gutes Beispiel, indem status alles ist. Aber auch ansonsten ist es zu beobachten.

          Man ziehe sich einfach mal einen schicken Abzug an und gehe in einen laden. Schon behandeln einen viele anders

        • „Man ziehe sich einfach mal einen schicken Abzug an und gehe in einen laden. Schon behandeln einen viele anders“

          Das ist eines der Themen, über das ich noch bloggen will. Eigene Erfahrung: Unglaublich!

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