Kritik an Intersektionalität

Dies ist ein Gastartikel von Maddes8cht. Der Artikel nimmt Bezug auf eine Diskussion mit einem anderen Kommentator, Lightyear2000, der feministische Positionen vertritt. 

Mein perönliches Problem und meine Hauptkritik am Konzept der Intersektionalität, so, wie sie überall beschrieben wird, liegt in der Annahme, dass Diskriminierungen hierarchisch angeordnet sind, und dass diese Hierarchie in einer bestimmten Gesellschaft gewissermaßen fest gegeben ist.

Mit pseudowissenschaftlichem Eifer arbeiten sich Leute daran ab, welche Kategorien in dieses Hierarchiesystem noch hineingehören, welche wichtiger und welche weniger wichtig sind, aber immer scheint dabei klar sein zu müssen, welche Seite die diskriminierte und welche die privilegierte ist.

Das Problem mit Dogmen ist meistens, dass das Dogma selbst gar nicht bewusst ist.

Es wird alles mögliche daraus abgeleitet, in Frage gestellt, umgeordnet. Allein das Dogma selbst nicht.
Es wird nicht deshalb nicht in Frage gestellt, weil das jemand verbietet, sondern weil man gar nicht mehr wahrnimmt, dass es in Frage gestellt werden könnte, dass es angreifbar ist.

Für Feministen scheint lediglich die Richtung angreifbar zu sein. Das sieht man übrigens wunderschön an LJ2k, er nimmt an, wir möchten Frauen die Position als Diskriminierte streitig machen und sie als die privilegierten betrachten. Dass man es auch so sehen könnte, dass es keine in allen Punkten eindeutig gültige Diskriminierungshierarchie gibt, und Frauen in bestimmten Dingen diskriminiert, in anderen aber privilegiert sein könnten, hat in der Intersektionalität keinen Platz.

Das Denken ist so stark von diesem Gedanken besetzt, dass es offenbar nur ein entweder – oder geben kann. Und damit ist der Gedanke unausweichlich, dass Männerrechtler an dieser Stelle die Polarität wohl umkehren wollen und sich selbst als die diskriminierteren sehen oder darstellen „wollen“.

LJ2k gibt zwar an, dass auch in seinem Weltbild Männer zu Opfern werden können – aber nur im Rahmen des intersektionalen Glaubensbildes:
Aufgrund der Diskriminierung durch andere Faktoren, wie Soziale Klasse, Hautfarbe, sexulelle Orientierung, Behinderung, etc.
Niemals aber ALS MANN.
Das erlaubt LJ2k, zu behaupten, dass er auch Männer als Opfer und Frauen als Täter sehen kann.
Es ändert nichts daran, dass in seinem Bild Männer IMMER das grundsätzliche Privileg als Mann haben und Frauen IMMER als Frau diskriminiert sind.

Der Gedanke, dass Männer ALS MÄNNER diskriminiert sein können wäre im Gedankengebäude der Intersektionalität gleichbedeutend damit, Frauen ihre originäre Diskriminierung ALS FRAU abzusprechen. In diesem System gibt es keinen Platz für die Vorstellung, dass in einer Kategorie von Diskriminierung die Diskriminierung Situationsabhängig mal in die eine, mal in die andere Richtungen wirken kann. Diskriminierung für die „privilegierte“ Position gibt es nur durch einen Anteil an einer anderen Diskriminierungskategorie.

Die ganze Vorstellung einer festen Hierarchie ist aber Quatsch.
Sie mag an gewissen Stellen halbwegs stimmen, aber nicht grundlegend.
Wer als Weißer in Harlem in einen Laden geht, kann dort durchaus als weißer diskriminiert werden. Wer als bekannter Hetero in eine Schwulenbar geht, kann erleben, dass er als Hetero diskriminiert wird.
Und wer als Mann unter Feminstinnen oder auch in einen Frauenzirkel gerät (z.B. als Vater unter Müttern auf dem Spielplatz) kann als Mann diskriminiert werden.
Dies alles sind keine Ausnahmen, denn auch die umgekehrte (in dem Fall also die „gewohnte“, vom Intersektionalismus als Norm behauptete ) Diskriminierung ist meist Situativ. Weil Diskriminierung an sich eine individuelle und situative Erfahrung ist.

Intersektionalität könnte ich erst akzeptieren, wenn dieses hierarchische Denken beendet wird.
Diskriminierungserfahrungen können immer in beide Richtungen wirken. Es mag Kategorien geben, in denen es eine deutliche Gewichtung gibt und eine Seite sehr deutlich diskriminiert wird, die andere dagegen nur in Ausnahmefällen.
Aber Möglich sind immer beide Richtungen. Selbst Schwerstbehinderte können sich zu einer Ingroup solidarisieren, innerhalb derer sie nichtbehinderte diskriminieren.
Es wäre wichtig, dass Intersektionalität diesen Umstand anerkennt, die eigentlich eine Binsenweisheit sein sollte.
Denn erst dann wäre sie auch offen für die Möglichkeit, dass in bestimmten Kategorien sogar recht gleichgewichtig in beide Richtungen Diskriminiert wird.
Oder sich das Gewicht in einer Diskriminierungskategorie langsam verschiebt.
Oder am erstaunlichsten: Zu erreichen, dass Diskriminierung langsam verschwinden und sich auflösen kann.
Denn bei aller emotionaler Kampfrethorik im angeblichen Kampf „gegen“ Diskriminierung scheint genau das innerhalb des Gedankengebäudes „Intersektionalität“ gar nicht möglich zu sein.

Ich kann mir vorstellen, dass vieles von der vehementen Abwehr und Aggressivität der Feministinnen von dieser absurden Hierarchisierungsfantasie des Intersektionalismus herrührt. Viele der Unterstellungen gegen alles aus der modernen Männerbewegung hat in diesem Denken ihre logische Wurzel.
Es gibt da keine Grautöne. Die Illusion von „Differenziertheit“ wird allein durch eine Vielzahl von Diskriminierungskategorien erzeugt. In sich ist die Hierarchie jedoch starr. Die Idee, dass jemand in einer Kategorie in der Position des angeblich „privilegierten“ Diskriminierungserfahrung geltend machen will ist immer gleichbedeutend mit einem Angriff auf die Hierarchie, denn die einzig mögliche Sichtweise im Intersektionalismus ist ja, dass die Hierarchie dann anders herum sein müsste.
Sehr schön zu beobachten ist das regelmäßig an den Unterstellungen gegen Männerrechtler, genau das zu betreiben. Es wird dann behauptet, für Männerrechtler seien „immer die Männer Opfer und die Frauen immer Täter“, also eine Umkehrung dessen, was Feministen behaupten.

Interessanterweise „fordert“ Intersektionalismus zwar für alle Kategorien Gleichberechtigung oder Gleichstellung ein, doch im Grunde ist das Konzept einer erreichten „Gleichberechtigung“ mit der hierarchischen Intersektionalität unvereinbar: Die Hierarchie selbst kann nicht angezweifelt werden, und innerhalb der Hierarche gibt es immer eine klare Zuordnung in privilegierte und diskriminierte.

Das ist praktisch, denn so kann „Gleichberechtigung“ immer nur gefordert, Theorieimmanent jedoch niemals erreicht werden. Ein perfekter Selbstläufer.

Ich finde es bedeutsam, darauf hinzuweisen, dass dabei eine Gleichberechtigung nicht einfach deshalb nie erreicht wird, weil Feminismus „nie genug“ bekommt. Eine Gleichberechtigung kann nicht erreicht werden, weil die Theorie es nicht erlaubt.
Gemäß der Theorie besteht eine 100% einseitige Diskriminierung, solange die Kategorie überhaupt besteht. Da möglicherweise die Auswirkungen der Diskriminierung subtil sind (und subtiler werden, je mehr dagegen angekämpft wird…), muss man eben danach suchen. Und wenn man nach „Diskrimnierungen“ sucht, kann man eigentlich immer was finden, was man so sehen möchte.
Intersektionalismus liefert also die Begründung dafür, immer neue Diskriminierungsformen suchen und finden (oder besser „erfinden“) zu müssen.

Intersektionalität errichtet dabei ein moralisches Kastensystem mit einer nur scheinbar umgekehrten hierarchischen Pyramide.
Angeblich soll der weiße heterosexuelle Mann an der privilegierten Spitze dieser Pyramide stehen.
Betrachtet man jedoch die Zahlenverhältnisse, so ist leicht zu sehen, dass jede weitere Diskriminierungsebene die Anzahl der Betroffenen einschränkt.
Die angebliche „Spitze“ der Hierarchie wird, weil unverdient privilegiert, als der Moralische Abschaum dargestellt.
Die moralische „Königsklasse“, die super-diskriminierte, ist die schwarze, lesbische, dicke, alte und (idealerweise mehrfach, mindestens physisch und psychisch) behinderte Frau.
Sie ist Zahlenmäßig deutlich kleiner als andere Klassen in diesem System, wie zum Beispiel Schwule Männer.
Wie in allen Kastensystemen ist der „Bodensatz“ die Zahlenmäßig größte Gruppe: Die WHM. Die moralische Überlegenheit erlaubt den höheren Kategorien, auf sie herabzusehen und sie zu beschimpfen. Die angemessene Reaktion der Pariahs ist die Demutsgeste, mit der die eigene moralische Unterordnung dokumentiert wird. Die Verneigung vor dem Feminismus und der Überlegenheit der Frau. Wer vom Bodensatz diese Demutssgeste nicht leistet, wird bestraft.

Intersektionalität ist keine „differenzierte“ Sichtweise, wie sie gerne für sich in Anspruch nimmt. Intersektionalität ist schwarz/weiß denken in Reinform. Die Kategorisierung von schwarz/weiß denken. Eine pseudowissenschaftliche Implementierung eines moralischen Kastensystems.

Das absolute Gegenteil von „differenzierter“ Denkweise.

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95 Gedanken zu “Kritik an Intersektionalität

  1. Das ist ja alles unwissenschaftlich hoch drei; nur Ideologie.
    Gibt es denn einen Beweis, dass es diese Intersektionalität in echt gibt? Also vorstellen kann ich mir das nur innerhalb der Rechtswissenschaften, ob ein Gesetzt vorsieht, dass bspw. ein Schwarzer kein Recht auf Hundehaltung hat und man dann als schwarzer Blinder ohne Blindenhund auskommen muss.
    Aber soziologisch? Was ist denn der evolutorische Sinn von Diskriminierung? Doch der, dass Mitglieder einer Gruppe ihre individuelle Position in der sozialen Hackordnung auf Kosten der Mitglieder einer anderen Gruppe verbessern können. Aber als Individuum ist die Diskriminierung doch nur Mittel zum Zweck, Hauptsache ich bin ganz oben.
    Also: Intersektionalität dekonstruieren!

  2. Nun wird ja z.B. behauptet, es gäbe keinen Rassismus gegen Weiße:

    „Now to „Reverse Racism.“ It’s crucial to maintain the distinction between the above three terms, because otherwise white people tend to redefine „Discrimination“ as „Racism“. Their main argument is that because both blacks and white can discriminate against each other, that „Reverse Racism“ is possible. But the truth of the matter is that black people: 1) have far less opportunity to discriminate against whites than whites have to discriminate against blacks, overall; and 2) black people lack a system of institutionalized support that protect them when they discriminate against whites.
    It took black and white people working together for one hundred years to get programs like Affirmative Action installed in the U.S., but it took one white man (Alan Bakke) only a single Supreme Court case to get those programs dismantled because he felt he didn’t gain entry into medical school based on his white race.

    „Reverse Racism“ would only describe a society in which all the rules and roles were turned upside down. That has not happened in the U.S., however much white right wing ideologues want to complain that they’re being victimized by the few points of equality that minorities and women have managed to claim. White people who complain about „Reverse Racism“ are actually complaining about being denied their privileges, rather than being denied their rights. They feel entitled to be hired and not to be discriminated against, even though the norm is white people discriminating against blacks. If, in a rare instance, a black employer discriminates against a white job applicant, that’s not „reverse“ anything — it’s simple discrimination. It’s to be condemned on principle, but it’s not evidence of some systematic program by which whites are being deprived of their rights.„

    http://www.dailykos.com/story/2010/07/15/884649/-Why-there-s-no-such-thing-as-Reverse-Racism

    Demnach gibt es alss „Strukturen“ oder „Normen“ in der Gesellschaft, die bestimmte Gruppen privilegieren und andere diskriminieren. So argumentierte ja auch die Frau, die Weißen das Erscheinen bei einer antirassistischen Vernatsaltung verbieten wolle (in England glaube ich), sie als Angeörige einer Minderheit könne garnicht diskriminieren.

    Wie ist das in die Kritk einzubauen? Gibt es den institutionellen bzw, strukturellen Rassismus (bzw. Sexismus) wirklich?

    • @el Mocho

      „Wie ist das in die Kritk einzubauen? Gibt es den institutionellen bzw, strukturellen Rassismus (bzw. Sexismus) wirklich?“

      Aus meiner Sicht ist das wesentliche, dass die Betrachtung auf der Gruppenebene wenig bringt. Es geht zwar um In-grouping und Out-grouping, aber aus der Sicht des Individuums. Das ist ähnlich wie bei dem egoistischen Gen.

      Deswegen geht auch der Machtaspekt fehl. Rassismus kann zwischen allen Gruppen in jede Richtung aufkommen, Macht verändert nur die Auswirkungen des Prozesses, ist aber nicht bestimmend an sich. Und sie besteht eben nicht per se für die Gruppe, sondern hängt von der Umgebung und der Situation ab. wenn 4 schwarze einen weißen zusammenschlagen, weil er weiß ist, dann haben sie schlicht aufgrund der zahlenmßigen Überlegenheit Macht etc. Damit kann sich ihr Rassismus auch nachhaltig auswirken. Und wenn eine Regierung ungerechtfertige Programme zugunsten von Minderheiten verabschiedet, dann kann sich der dortige Rassismus gegen eine andere Gruppe eben auch über die Macht der Regierung auswirken

      • Ich sehe das ganz genau so wie du, ich frage mich aber, wie man der entsprechenden Argumentation begenen sollte?

        „the norm is white people discriminating against blacks.“ OK, stimmt wohl in den USA, aber woher kommt das? Einmal weil Schwarze die Minderheit sind, in Afrika ist das anders; wenn du als Weißer irgendwo ein taxi nimmst, bezahlst du grundsätzlich ein Vielfaches von dem, was einheimische Schwarze bezahlen. Die wissen natürlich, dass fremde Weiße a) mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Geld haben und b) sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auskennen, und nutzen das entsprechend aus. Nun könnte man sagen: Dass die dort arm sind und du als weißer Europäer (relativ) reich, liegt am Kolonialismus, ist also Schuld der Weißen, in sofern kann man das nicht kritisieren. Nun ist die Frage: welche Rolle spielt der Kolonialismus im Verhältnis zwischen dir als Individuum und dem Taxifahrer als Individuum? Weder du noch er haben sich ausgesucht, wo sie auf die Welt kommen, und es fragt sich halt, ob du als heutiger Europäer eine moralische Verpflichtung hast wegen irgendwelcher Untaten deiner Vorfahren vor Jahrhunderten? Bzw. nicht deiner Vorfahren, sondern nur von Menschen deiner Hautfarbe (die du dir genauso wenig ausgesucht hast, wie der andere seine).

        Spieltheoretisch gesagt: In das Spiel (Tit for tat) zwischen dir und dem Taxifahrer tritt die Geschichte nicht als Mitspieler ein. Menschen, die dich einmal übers Ohr hauen misstraust du in Zukunft. Wenn wir in Kolumbien sind und ein taxi brauchen, stelle ich mich an die Hauswand und meine Frau winkt ein Taxi herbei und fragt, was er für die Fahrt nach X haben möchte? Wenn der Preis klar ist, nähere ich mich und wir steigen zusammen ein. Nix mit Gringos abziehen.

        Sprich: es existiert hier eine moralische Drohkulisse, die nicht hinreichend rational begründet ist. Sicher hat der Kolonialismus Afrka geschadet, aber für die aktuelle Armut sind auch noch andere, interne faktoren verantwortlich. Südkorea war vor 70 Jahren genauso arm wie Afrika und ist es heute nicht mehr. Warum?

        Das gilt auch in der Diskussion um Flüchtlinge: wir sind moralisch verpflichtet, möglichst viele aufzunehmen, aber die Fluchtursachen müssen wir nicht bekämpfen (bzw. das wäre Einmischung in innere Angelegenheiten), A ist moralisch geboten, B nicht. Hier wird inkonsisten argumentiert, und ich denke, das gilt für das gesamte Phänomen „Intersektionalität“.

        • „“the norm is white people discriminating against blacks.”

          Warum soll das ausschließen, dass es andere Formen des Rassismus gibt? Der Verweis auf die Norm ist auch gerade aus einer Richtung, die sich sonst gegen jede Normierung wendet, wenig überzeugend. Warum sollte man eine „Diskriminierungs-Normativität“ einführen?

          “ OK, stimmt wohl in den USA, aber woher kommt das? Einmal weil Schwarze die Minderheit sind, in Afrika ist das anders; wenn du als Weißer irgendwo ein taxi nimmst, bezahlst du grundsätzlich ein Vielfaches von dem, was einheimische Schwarze bezahlen.“

          Rassismus entsteht, wenn Gruppen negative Eigenschaften pauschal zugewiesen werden. Da viele Schwarze ärmer sind, als solche in der Kriminalitätsstatistik einen höheren Anteil haben und zudem noch die alte Geschichte der Sklaverei besteht bieten sie sich als Gruppe an.
          Im gegenzug bieten sich bei weißen die Vorurteile als Ausbeuter, unterdrücker, rassisten, die sich für etwas besseres halten an.

          Beides gibt Anlass für gruppenbezogene Feindseligkeit. Beides kann man insofern als rassistisch bezeichnen.

          Und das wichtigste: In beiden Fällen wäre es besser, wenn man nicht rassistisch wäre, da es zusammenarbeit erschwert

          (in deinem Taxifahrerbeispiel könnte man anführen, dass es „fair“ wäre, wenn auch reiche schwarze mehr zahlen würden und arme weiße weniger, dann wäre es zumindest nicht mehr rassistisch, sondern nur noch „leistungsorientiert“)

    • Gibt es den institutionellen bzw, strukturellen Rassismus (bzw. Sexismus) wirklich?

      Ich denke zwar, dass es durchaus strukturelle Diskriminierung gibt, aber den Begriff „struktureller Rassismus“ finde ich reichlich irreführend: „Die Struktur“ hat keine eigenen Antriebe und ist kein handelnder Agens, also kann sie für sich gar nicht rassistisch sein.

      Natürlich werden Strukturen von Menschen gestaltet und getragen, und rassistische Antriebe können dazu beitragen, dass Rassismus in die Struktur eingebettet ist. Dann sollte man allerdings lieber von rassistischen Strukturen sprechen, anstatt das Konstrukt „Strukturen“ zu reifizieren.

      Die zweite Folge dieses logischen Fehlers der Reifikation ist, dass man „DieStrukturen“ plötzlich als Monolith betrachtet. Strukturen sind aber keine monolithische Einheit. Schon in meinem Verhältnis zu meinem Nachbarn entstehen Strukturen, die natürlich nicht gesellschaftsweit wirken und die auch in weiten Strecken unabhängig von der Gesellschaft ausgehandelt und ausgestaltet werden.

      But the truth of the matter is that black people:
      1) have far less opportunity to discriminate against whites than whites have to discriminate against blacks, overall

      Es stimmt natürlich, dass Minderheiten weit weniger Möglichkeiten haben, Strukturen zu gestalten. Das Schadpotenzial von Rassismus ist natürlich gegenüber Minderheiten großer. Allerdings ändert das leider wenig daran, dass auch Minderheiten rassistisch sein können. Rassismus ist für meine Begriffe erstmal ein System von Haltungen und Einstellungen.

      2) black people lack a system of institutionalized support that protect them when they discriminate against whites.

      Das kann, muss aber nicht so sein. Und auch hier ist „institutionalized support“ weder ein Agens noch ein Monolith.

      In einer Gesellschaft, die sich den Kampf gegen Rassismus auf die Fahnen geschrieben hat kann es leicht auch mal anders herum laufen.

      It took black and white people working together for one hundred years to get programs like Affirmative Action installed in the U.S., but it took one white man (Alan Bakke) only a single Supreme Court case to get those programs dismantled because he felt he didn’t gain entry into medical school based on his white race.

      Das besagt nur, dass das Gleichbehandlungsgebot nicht einfach über Bord geworfen werden darf, weil es gerade irgendwie „gerecht“ erscheint. Sry: Kindergarten.

      • @nick

        „Das kann, muss aber nicht so sein. Und auch hier ist „institutionalized support“ weder ein Agens noch ein Monolith.“

        In der Tat. Ein schwarzer, der etwas klischeehaft Mitglied in einer Gang ist, aber im von dieser Gang beherrschten Ghetto wohnt, hat in diesem Bereich natürlich auch institutionalisierten Support. Wenn er einen weißen anmacht, der sich in die Gegend „verirrt“ hat, dann kann das auch rassistische Gründe haben und er macht es auch gerade, weil er einen Support im Rücken hat.

        Und Barack Obama und Colin Powell einfach in die Gruppe einzuordnen, die keinen Support hat, zeigt auch nur, wie unbeweglich so eine Theorie ist.

        Und dabei sind Machtstrukturen wie die Gefahr als Rassist oder Sexist geoutet zu werden oder zumindest in diesen Ruf zu geraten – Tim Hunt ist ein gutes Beispiel – noch gar nicht berücksichtigt. Hier bilden sich Machtstrukturen, die in dieser Struktur gar nicht erfasst werden können, die aber natürlich auch institutionalisiert sind.

      • @Chris und Nick
        „Es stimmt natürlich, dass Minderheiten weit weniger Möglichkeiten haben, Strukturen zu gestalten. Das Schadpotenzial von Rassismus ist natürlich gegenüber Minderheiten großer. Allerdings ändert das leider wenig daran, dass auch Minderheiten rassistisch sein können. Rassismus ist für meine Begriffe erstmal ein System von Haltungen und Einstellungen.“

        Ähm nein – das Schadenspotential gegenüber Minderheiten ist ja begrenzt.

        Dass eine Minderheit durchaus effektiv die Möglichkeit hat, diskriminierende Strukturen zu schaffen, belegt doch schon mal das Apartheidsregime der weißen Minderheit gegenüber der schwarzen Mehrheit in Südafrika.

        Beispiele für Diskriminierung einer ethnischen Mehrheit gegenüber einer ethnischen Mehrheit gibt es in der Geschichte zu Hauf, man nehme das ehemalige Jugoslavien.

        Wenn ich es nicht auf „Rassismus“ begrenze, ist so ziemlich jedes Totalitär System oder Diktatur ein Beispiel für die effektive Diskriminierung einer Mehrheit durch eine Minderheit.

        Das Sändesystem in Europäischen Staaten war natürlich diskriminierend.

        Die Idee, Minderheiten könnten nicht diskriminieren, ist historisch derart unsinnig und widerspricht jeder Erfahrung, dass man sich fragt, wieso das nicht jedem sofort einfällt. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich selber darauf reingefallen, als ich die ersten Male auf diese Idee gestoßen bin.

        Ebenso zeigen sowohl das Apartheidsregime in Südafrika, das Ständesystem (frz. Revolution), sowie jede Militärdiktatur, wie schnell ein solches Diskriminierendes System durch ein umgekehrt diskriminierendes ersetzt werden kann, gerade WEIL auch die andere Seite diskriminiert.

        Südafrika ging im Vergleich zu vielen anderen vergleichsweise gut, weil BEIDE SEITEN (mit Mandela UND de Klerk) Ressentiments beseitigt und AUFEINANDER zugegangen sind. Es hätte auf keinen Fall genügt, wenn das Apartheidsregime von sich aus auf die Schwarzen zugegangen wäre. Mit einer militanten Winnie Mandela hätte es keine friedliche Revolution geben können. Gegenüber radikalisierten rassistischen Schwarzen wäre dem Apartheidssystem nichts anderes übrig geblieben, als es weiter zu verteidigen, um nicht selbst gelyncht zu werden.

        Ich betone das, um zu belegen, wie notwendig es ist, das auch die „diskriminierte“ Seite ihren „Rassismus“ (oder was auch immer für eine Diskriminierungsform – Sexismus etc.) ablegt, um Veränderung zu erreichen – andernfalls mündet sie entweder in Festigung der Diskriminierung oder eskaliert in Gewalt. Die (tatsächlich oder mutmaßlich) „privilegierte“ Seite allein kann eine konstruktive Lösung gar nicht leisten.

          • Z.B. Radikalfeminsta, die ein Programm „Gender Mainstreaming“ ohne jegliche demokratische Legitimierung als verbindliche „Querschnittsaufgabe“ des Staates durchdrücken, und darauf aufbauend Milliarden an Staatsgeldern in ihnen genehme Richtungen lenken, Gefolgsleute in Institutionen und Ministerien platzieren, Einfluss auf Gesetze nehmen, einseitige Gesetze durchdrücken, Kritiker diffamieren und Mundtot machen, etc.

            Nur um mal ein konkretes Beispiel zu erwähnen, wie sowas aussehen könnte, wenn man annehmen würde, Feministinnen hätten irgendwelchen Einfluss und wären nicht eine unterdrückte Minderheit.

        • Südafrika ist da das beste Beispiel. Dort wurden weisse getötet, die sicherlich nicht alle diskriminiert haben. Und selbst wenn sie es getan hätten, rechtfertigt das weder die tat noch macht das den reverse Rassismus der schwarzen Mörder unsichtbar.

        • Ähm nein – das Schadenspotential gegenüber Minderheiten ist ja begrenzt.

          Im schlimmsten Fall wird die Minderheitengruppe ausgelöscht. Mehrheiten auslöschen geht eher nicht. Aus der Perspektive des Individuums ist also das Schadpotenzial größer.

          Dass eine Minderheit durchaus effektiv die Möglichkeit hat, diskriminierende Strukturen zu schaffen, belegt doch schon mal das Apartheidsregime der weißen Minderheit gegenüber der schwarzen Mehrheit in Südafrika.

          Ein Schadpotenzial bedeutet ja nicht immer, dass es auch verwirklicht wird. Eine solche herrschende Minderheit kann allerdings auch schnell überworfen werden – dann Gnade ihr Gott.

          Wenn ich es nicht auf “Rassismus” begrenze, ist so ziemlich jedes Totalitär System oder Diktatur ein Beispiel für die effektive Diskriminierung einer Mehrheit durch eine Minderheit.

          Jedes System hat eben Eliten, und diese haben eine inhärente starke Tendenz zu in- und outgrouping. Insofern ist die Aussage „Minderheiten sind immer vunerabler“ natürlich falsch. Man muss es wohl um sowas wie „marginalisiert“ erweitern.

          Ich betone das, um zu belegen, wie notwendig es ist, das auch die “diskriminierte” Seite ihren “Rassismus” (oder was auch immer für eine Diskriminierungsform – Sexismus etc.) ablegt, um Veränderung zu erreichen – andernfalls mündet sie entweder in Festigung der Diskriminierung oder eskaliert in Gewalt. Die (tatsächlich oder mutmaßlich) “privilegierte” Seite allein kann eine konstruktive Lösung gar nicht leisten.

          Ja, das sehe ich auch so. Die Kategorie (hier: Hautfarbe) ist das eigentliche Problem, sie muss ihrer Bedeutung beraubt werden. Und das geht niemals nicht, wenn „Gegenrassismus“ abgefeiert wird.

          „Gegenrassismus“ sollte als „auch nicht besser als Rassismus“ gelten und damit seine Legitimation als „Systemkritik“ verlieren.

          • @Nick

            „Jedes System hat eben Eliten, und diese haben eine inhärente starke Tendenz zu in- und outgrouping.“

            man könnte sogar sagen, dass Grouping eine Voraussetzung dafür ist, dass man eine erkennbare Elite bilden kann

          • „Mehrheiten auslöschen geht eher nicht. Aus der Perspektive des Individuums ist also das Schadpotenzial größer.“

            Es „geht“ zwar „eher“ nicht im Sinne, dass die „“Auslöschung“ faktisch erfolgreich ist, wird aber dennoch immer wieder versucht.
            Wurde in Jugoslavien mit dem Völkermord versucht.
            Hitler wollte nicht nur die Jüdische Minderheit auslöschen, sondern auch die polnischen Untermenschen, die den „Raum im Osten“ blockierten.
            Und es gibt real exisiterende Feministinnen, die nicht nur „ironisch“ fordern, alle Männer umzubringen, sondern konkret auf ca. 10% einzudampfen.

            Auch bei nicht vollständigem Erfolg ist das Schadpotential gegenüber einer großen Gruppe größer als gegenüber einer kleinen…

            Abgesehen davon beschränkst Du grade „Schadpotential“ auf die Auslöschung. Die Diskriminierung selbst enthält jedoch eine Vielzahl von Schadwirkungen, lange bevor auch nur ein einziger umgebracht wird. Insbes. können sich Betroffene angesichts einer unerträglichen Situation erst mal selbst das Leben nehmen. Auch sowas kann eine Schadwirkung sein. Du verstehst, worauf ich hinaus will?.

            „“Gegenrassismus” sollte als “auch nicht besser als Rassismus” gelten und damit seine Legitimation als “Systemkritik” verlieren.“

            „Gegenrassismus“ sollte als Begriff vermieden bzw. zurückgewiesen werden. Es ist einfach nur Rassismus.
            So wenig wie der linksfaschist besser ist als der rechtsfaschist ist der schwarze Rassist besser als der Weiße. Allein das zu denken wäre ja erneut Rassismus.

        • Ich mag mich irren, aber meines Wissens wurde der aktuelle US-„Antirassismus“ stark von Feminismus beeinflußt. In den 1960ern war man sich noch einig, dass „Gegenrassismus“ genauso falsch sei wie Rassismus.

        • Lustigerweise, und hier kommt wieder der Historiker, waren es die Minderheiten die die Massen terrorisiert und ausgelöscht haben.

          Adel.
          Sekten.
          Ideologen.
          Diktatoren.

          Die Auslöschung von Minderheiten musste immer (!) Abgesichert werden durch ebenso harte Repression gegen die mehrheit. Das wird immer leicht vergessen. Klar. Die intersektionalitalisten haben das Konzept der kollektivschuld ja auch internalisiert.

        • Die Auslöschung von Minderheiten musste immer (!) Abgesichert werden durch ebenso harte Repression gegen die mehrheit.

          Ja. Die Reichskristallnacht beispielsweise löste bei breiten Bevölkerungsschichten eine starke Ablehnung aus. Trotz weitverbreitetem Antisemitismus war die breite Masse ziemlich angewiedert. Die Nazis mussten ihr Vernichtungsprogramm fortan kaschieren und mit großer Brutalität eine erhebliche Menge kritische „Arier“ einschüchtern und ausschalten.

          Nach dem Krieg war „Kollektivschuld“ ein Propagandatool der Altnazis, um jede Thematisierung zu diskreditieren. Opferverbände wehrten sich damals vehement gegen die Vorstellung von einer Kollektivschuld, weil sie genau wußten wie fatal falsch das ist.

        • Es “geht” zwar “eher” nicht im Sinne, dass die “”Auslöschung” faktisch erfolgreich ist, wird aber dennoch immer wieder versucht.

          Das mag zwar sein, aber es ist bedeutend leichter eine kleine Bevölkerungsgruppe outzugroupen, zum Sündenbock zu machen, zu entsmenschlichen und tatsächlich zu vernichten.

          Auch bei nicht vollständigem Erfolg ist das Schadpotential gegenüber einer großen Gruppe größer als gegenüber einer kleinen…

          Na gut, wenn du einen „body count“ machst. Zur NS-Zeit wäre ich aber lieber Pole als Jude gewesen.

          Und es gibt real exisiterende Feministinnen, die nicht nur “ironisch” fordern, alle Männer umzubringen, sondern konkret auf ca. 10% einzudampfen.

          Ich behaupte gewiß nicht, dass das harmlos wäre. Besonders fatal ist eine solche Hetze für Männer, die zusätzlich aufgrund irgendwelcher anderer Kriterien leicht ausgegrenzt werden können. Man sucht dann geradzu nach solchen Kriterien, durch eine solche Hetze produziert man erst Minderheiten, die dann das volle Programm abkriegen. Feminismus hat nmE durchaus sehr viel mit der Masseneinknastung von Männern in den USA zu tun. Oder mit der institutionalisierten Empathielosigkeit gegenüber Scheidungsvätern.

          Abgesehen davon beschränkst Du grade “Schadpotential” auf die Auslöschung. Die Diskriminierung selbst enthält jedoch eine Vielzahl von Schadwirkungen, lange bevor auch nur ein einziger umgebracht wird.

          „Schadpotenzial“ ist wohl ein unglücklicher Begriff, der leicht in die Irre führt. Ich meinte eigentlich sowas wie „Hetze gegen Minderheiten hat ein größeres Potenzial, „erfolgreich“ zu sein. Es ist leichter, gegen Minderheiten zu hetzen. Minderheiten sind vunerabler als Mehrheiten – was nicht heißt, dass Mehrheiten unverwundbar wären.

          Die Auswirkungen „erfolgreicher“ Hetze können tatsächlich auch für Mitglieder großer Bevölkerungsgruppen schwerwiegend sein.

          “Gegenrassismus” sollte als Begriff vermieden bzw. zurückgewiesen werden. Es ist einfach nur Rassismus.

          Ich habe ja deshalb den Begriff in Anführungszeichen gesetzt. Aus einer ethischen Perspektive ist es tatsächlich egal.

          So, wie es egal ist ob ein Schwächerer einen Stärkeren mit Gewalt angreift oder umgekehrt. Der Schwächere kann dabei durchaus den Stärkeren erheblich verletzen, auf jeden Fall aber bricht er den Frieden.

          Aber große Bevölkerungsgruppen sind eben stärker als kleine Bevölkerungsgruppen. Es ist sozusagen „besonders feige“, gegen Minderheiten zu hetzen.

          • Je länger hier kommentiert wird, um so mehr fällt auf, dass die Diskriminierung von Mehrheiten durch Minderheiten in der Geschichte sogar ein ausgeprochen gängniges Muster ist. Darauf hat auch Teardown grade hingewisen.

            „Lustigerweise, und hier kommt wieder der Historiker, waren es die Minderheiten die die Massen terrorisiert und ausgelöscht haben.

            Adel.
            Sekten.
            Ideologen.
            Diktatoren.“

            Es ist in nahezu allen Gesellschaft so, dass Eliten gegen Mehrheiten diskriminieren.

            Und in den meisten Gesellschaften funktioniert das nur, wenn die Elitenminderheit dies irgendwie so legitimiert, dass die Mehrheit das auch als legitim empfindet.

            Um sich da Vorurteilsfrei zu nähern, ist es schon nützlich, nach objektiven Kriterien zu suchen.

            Dinge wie Obdachlosenzahlen, Selbstmordraten, Inhaftierungen, Lebenserwartung, zur Verfügung stehendes Geld (=Anteil am Konsum ! ) sind da schon sehr wesentliche Hinweise.
            Legt man die an irgend eine Gesellschaft an, bei der wir heute anerkennen, dass dort diskriminiert wurde oder wird, schneiden stark diskriminierte Gruppen in einer Mehrzahl bis allen diesen Kriterien schlecht ab.

            Jede solche Gesellschaft wird jedoch sofort anfangen, rationalisierte Begründungen vom Muster „die sind halt so“ bzw. „sind selbst schuld“ zu produzieren.

            Die Rationalisierungen von diesem Muster sind insofern ein eigenständiger Hinweis auf Diskriminierung. Die Argumentationsmuster sind dabei immer gleich.

            P.S. „Zahlenmäßige Über- oder Unterrepräsentanz“ in irgendwelchen angeblich privilegierten Bereichen sind dagegen ein besonders schlechter Indikator für oder gegen Diskriminierung.

            Beispiele , wo das schief geht wären die Juden im Finanzsektor (sie wurden gradezu notgedrungen dort stark, weil aus vielen anderen Bereichen ausgeschlossen), die argwöhnische Haltung gegenüber „Zollleuten“, die sich an den Reisenden bereichert haben, oder ähnliches. Jede Gruppe, an der sich eine Neidhaltung konkretisieren kann, kann dafür auch diskriminiert werden.

            Das sind durchaus bevorzugt Gruppen, die irgendwelche sichtbaren Privilegien innehaben.

            Zahlenmäßige unter -oder Überrepräsentanz kann insofern geradezu zum Marker werden, an dem sich Diskriminierung entzündet – aber als Indikator taugt sie nicht.

            Auch das begegnet uns gegenwärtig im Kontext von Männerdiskriminierung.

        • Es ist in nahezu allen Gesellschaft so, dass Eliten gegen Mehrheiten diskriminieren.

          Ein Minderheitenstatus ist eine absolut unausweichliche Voraussetzung für eine Elite oder Herrscherkaste. Wobei das mit der Elite in modernen Gesellschaften gar nicht so einfach gestrickt ist, es gibt parallel verschiende Kasten.

          Und in den meisten Gesellschaften funktioniert das nur, wenn die Elitenminderheit dies irgendwie so legitimiert, dass die Mehrheit das auch als legitim empfindet.

          Meistens funktioniert es doch nach dem Motto „primus inter pares“. Die jeweilige Elite muss dann Abgrenzungskriterien finden, die sie als „gleicher“ (frei nach Orwell) erscheinen lassen. Besser: „am gleichsten“, denn „gleicher“ ist ja schon der Mittelbau. Dieser Mittelbau ist unverzichtbar, denn sonst funktioniert das „selbst schuld“ für die „gleichen“ und „nicht gleichen“ nicht.

          Für alle außer den „nicht gleichen“ muss es als eine win-win-Situation erscheinen, sonst spielen sie nicht mit. Weil es als eine win-win-Situation erscheint, sind auch alle dabei wenn es darum geht, dass die jeweils tiefere Kaste „selbst schuld“ ist.

          In diesem Schema muss man, denke ich, Männerbashing sehen. Sie schafft ein Kriterium zur Hierarchisierung von Männlichkeit. „Alle Männer sind Phöse, aber manche Männer sind weniger, und andere so richtig Phöse“

          • Hm – ist zwar witzig zu lesen, aber ich hab da meine 2fel

            Einmal denke ich, dass die Idee, dass Eliten sich durch Gleichheit und am besten besonders gleiche Gleichheit legitimieren müssen eine recht moderne Idee ist.
            Die gabs zwar schon bei Augustus mal, hat aber in derzeit dazwischen nur marginal eine Rolle gespielt. Die Kaiser, Fürsten und Könige, der Adel und der Klerus des Mittelalters und der Neuzeit waren sich schon sehr bewusst, was besseres zu sein, und haben das auch raushängen lasen.
            Augustus musste sich halt einer res publika gegenüber legitimieren, nicht etwas besseres sein zu wollen, also die Idee mit dem Primus inter pares, in diesem Sinne der gleichste.
            Es war schon immer viel praktischer, sich nicht vom Volk her zu legitimieren, sondern den Willen Gottes zu verkörpern – die ganzen Herrschergenerationen dazwischen haben sich daher weider lieber darauf bezogen. Da gibts keinen Grund, mit dem Fußvolk einen Wettkampf ums Gleichsein liefern zu müssen.

            Gegenüber Männern sehe ich einen anderen Mechanismus, der es ermöglicht, dass Männer das Männerfeindliche System mittragen:
            Das ist die Botschaft: Alle Männer sind Phöse – Aber ich kann zeigen, dass ich der (einzige – zumindest einer der wenigen) guten bin, indem ich mich für die „gute Sache“ engagiere, gegen die phösen Männer einzugreifen.

            Damit schafft man sich eine Armee williger loyaler Mitläufe, die jederzeit bereit sind, selbst jeden der anderen Mitläufer in einer Notschlachtung zu opfern, wenn es notwendig sein sollte.

        • “Zahlenmäßige Über- oder Unterrepräsentanz” in irgendwelchen angeblich privilegierten Bereichen sind dagegen ein besonders schlechter Indikator für oder gegen Diskriminierung.

          ..kann man jedenfalls als Indikator nur mit äußerster Vorsicht genießen. Familien beispielsweise sind ja Wirtschaftsgemeinschaften. Die Ehefrau partiziert am materiellem und auch am sozialem Status ihres Mannes. Frauen sind also nicht deshalb die Paria, weil sie als Geschlecht nicht in hohen öffentlichen Positionen repräsentiert sind.

          • Jep. Habs aber mit Absicht nicht darauf konkretisiert. Ich denke auch die Repräsentanz von schwarzen in irgendwelchen Gremien sagt kaum etwas über rassismus aus.
            Ich denke, da hat USA wohl so manchen „Quotenneger“, um internen Rassismus zu kaschieren.
            Solche Vorzeigeneger sagen genauso viel oder wenig über Rassismus wie vorhandene oder nicht vorhandene Quotenfrauen über Sexismus aussagen.

            Zahlenmäßige Repräsentanz kann ein Anzeichen sein oder auch nicht. Es kann von Diskriminierung herrühren oder von etwas anderem . Es kann alles Aussagen oder eben nichts.
            Und damit sagt es eben letztlich nichts aus.

            Ich denke schon, dass z.B. Obdachlosen- oder Selbstmordzahlen oder die Lebenserwartung da erheblich aussagekräftiger sind.
            Ich denke, dass selbst eine Gruppe, gegen die u.A. wegen (echter oder eingebildeter) Privilegien diskriminiert wird, wie z.B. gegen die finanzstarken Juden, die Diskriminierung sich dann eben niederschlägt zumindest in Teilbereichen wie Selbstmordraten und Lebenserwartung, trotz „privileg“.
            Und sind wir uns einig, dass gegen Juden diskriminiert wurde?

            Vor allem natürlich, weil am vermeintlichen „Gruppenprivileg“ der Juden, dem Reichtum, ja nur ein kleiner Teil der Juden partiziperen konnte. Diskriminiert wurde aber gegen „die Juden“ allgemein.

        • Einmal denke ich, dass die Idee, dass Eliten sich durch Gleichheit und am besten besonders gleiche Gleichheit legitimieren müssen eine recht moderne Idee ist.

          Mag sein. Im Zeitalter der (post-)Demokratie kommt das „einer von uns“ allerdings durchaus gut an, denke ich.

          Es ändert sich allerdings auch wenig, wenn die Elite eben „die Besten“ sind und der Mittelbau „gut“, der Plebs „befriedigend“ und die Paria „ungenügend“ ist.

          Das ist die Botschaft: Alle Männer sind Phöse – Aber ich kann zeigen, dass ich der (einzige – zumindest einer der wenigen) guten bin, indem ich mich für die “gute Sache” engagiere, gegen die phösen Männer einzugreifen.

          Auch das läuft nmE mehr oder weniger auf’s Gleiche hinaus.

          Die Kirche hat nmE ihre Rolle als Zentralbank der Währung „Moral“ verloren. Die Konservativen haben leider komplett darin vesagt, eine in der modernen Gesellschaft konvertierbare Währung anzubieten. So konnten dann die „Progressiven Bildungsbürger“ sich als neue Zentralbank und neue Elite für dieses spezielle Marktsegment etablieren.

          Aber es scheint zu kippen. In den USA entdeckt man plötzlich die männliche Paria in den Knästen – „bipartisan“. Seit den 1990ern haben die GOP und die Liberals darum gewetteifert, wer „tougher on crime“ ist – also letztlich: wer FrauenUndKinder besser vor der männlichen Paria beschützt. Das wird nun langsam zu teuer und irgendwie doch zu offenkundig unmoralisch bzw. inhuman. Mit 25% der Weltknastbevölkerung alleine in den USA scheint es Schlimmeres zu geben als das schröckliche Schicksal US-Mittelschichtfrau.

        • Ich denke auch die Repräsentanz von schwarzen in irgendwelchen Gremien sagt kaum etwas über rassismus aus.

          Nicht unbedingt, weil solche Repräsentationspöstchen auch sonst nicht unbedingt (statistisch) repräsentativ sind. Es sind eben ganz bestimmte Bevölkerungsschichten, die in der Öffentlichkeit besonders sichtbare Positionen (z.B. Politiker) anstreben.

          Wenn es allerdings keine nennenswerte schwarze Mittelschicht gibt, dann ist offenbar etwas faul. Das muss auch nicht zwangsläufig an Rassismus liegen, es genügt bereits eine geringe gesamtgesellschaftliche soziale Mobilität. Es gibt in den USA auch eine recht große (wachsende) weiße Paria, die wenig Chancen darauf hat, dass es ihren Kindern besser geht.

          • Schon richtig, dass solche „Repräsentanz“ etwas aussagen kann oder auf etwas sonstiges hinweisen kann.
            Aber bestenfalls so, dass man halt gucken muss, wie das zu Stande kommt, und nicht als Indikator oder beleg für irgend was, wie es vom Feminismus betrieben wird.

            Andersrum wird ein Schuh draus.

        • Aber bestenfalls so, dass man halt gucken muss, wie das zu Stande kommt

          Ja, es sollte eher ein Anlass sein, sich das mal genauer anzuschauen – und eben nicht: Die Sache damit als „aufgeklärt“ zu betrachten.

    • @El_Mocho

      >>“Blacks have far less opportunity to discriminate against whites than whites have to discriminate against blacks, overall;“

      A kann gar nicht B angehen, da A WENIGER Möglichkeiten dazu hat. Daher folgt, dass es zwar Fälle gibt in denen A B zwar angeht und es gibt sie gleichzeitig (!) nicht. Wenn A jetzt MEHR Möglichkeiten bekommt zu diskriminieren, dann KANN A auch den B diskriminieren.

      >>“and 2) black people lack a system of institutionalized support that protect them when they discriminate against whites.“

      A kann gar nicht B angehen, da ihm ein instututionalisiertes (Hier auch gerne eine Definiton was der Autor meint, gibt es einen rassistischen Code?) Schutzsystem fehlt. Wenn A sich ein instutionalisiertes Schutzsystem aufbaut, dann KANN A den B diskriminieren.

      Wir sehen, diese „Argumente“ belegen, dass A (noch) nicht die MÖGLICHKEIT hat, B gegenüber rassistisch zu sein. Das belegt nicht, dass A es NICHT KANN. Es ist tautologisch zu sagen: Er ist nicht, weil er nicht kann.

      Also die Nazis vor 1933 waren keine Rassisten, die konnten ja gar nicht, hatten ja auch gar nicht die Institutionen auf ihrer Seite…erst ab 1933 waren die Rassisten…

      Wo hast du denn die Leuchte ausgegraben? 🙂

    • @El_Mocho
      Dein Text ist ja gerade ein Paradebeispiel für das, was ich kritisiere:
      Jede Diskriminerung, die der behaupteten Hierarchie widerspricht, wird negiert, heruntergespielt, begründet, warum sie nicht zählt, die „richtige“ Diskriminierung ist „strukturell“, die „umgekehrte“ sind „Einzelfälle“, die nicht zählen, und letztlich werden die Betroffenen selbst als die eigentlichen Rassisten (sexisten, ableisten, etc.) diffamiert, weil sie die „eigentliche“ Diskriminierung leugnen und in illegitimer Weise „herumzudrehen versuchen“.

      Diese Sichtweise ist ganz eindeutig unversöhnlich und hetzerisch. Sie verhindert jede Annäherung.
      So gesehen würde genau eine Aufgabe der Hierarchieannahme nämlich Annäherung und gegenseitigen Respekt möglich machen. Intersektionalität im beschriebenen hierarchischen Sinne verhindert das zuverlässig – mit den von Dir beschriebenen Argmentationsmustern.

      • Ich fürchte auch die unglaubliche Moralisierung der Probleme von Rassismus, Migration usw. erschwert eine für alle akzeptable Lösung und bringt die Menschen nur immer mehr gegeneinander auf.

        Jeder, der rational argumentiert, der fordert, nicht nur die Flüchtlinge zu sehen, sondern auch die Wirkung auf die Herkunftsländer (die fatal ist) und die westlichen Gesellschaften zu bedenken (wie etwa Paul Collier) , wird zum Rassisten, Fremdenfeind usw. erklärt.

        Einer der besten texte zum Thema von Collier ist dieser:

        http://www.newstatesman.com/global-issues/2013/11/new-exodus

  3. @ Maddes8cht

    Mal wieder ein lesenswerter Beitrag.

    Völlig richtig, eine tatsächlich wissenschaftliche, nicht-ideologische Form von Intersektionalitätsforschung und -theorie müsste jede dogmatische Voreingenommenheit aufgeben, müsste Diskriminierungen stets auf beiden Seiten jeder Kategorie als Möglichkeit einräumen und in diesem Sinne forschen und somit die Kontextspezifität von Diskriminierung sehr viel stärker berücksichtigen.

    Wir hatten das Thema übrigens hier schon mal andiskutiert:

    https://allesevolution.wordpress.com/2013/11/28/intersektionalitat-vs-in-group-out-group/

    Allerdings setzt du Intersektionalität m.E. etwas zu stark mit dem feministischen Verständnis von Intersektionalität gleich. Intersektionalität wird aber z.T. auch im linken Maskulismus verwendet und zwar im Bewusstsein, dass Diskriminierungen auf beiden Seiten einer Kategorie vorhanden sein können. So enthält z.B. Arne Hoffmanns Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ einige Passagen zu Intersektionalität bei männlichen Diskriminierungen.

    So unwissenschaftlich, unzulänglich und schädlich die gegenwärtige gender-feministische bzw. (vulgär-)poststrukturalistische Auffassung von Intersektionalität auch ist, irgendeine Form von Intersektionalitätstheorie ist für die sozialwissenschaftliche Diskriminierungsforschung unvermeidbar. Intersektionalitätsmodelle sollen die Funktion haben die Erforschung von Mehrfachdiskriminierung zu ermöglichen und da das Phänomen der Mehrfachdiskriminierung nun einmal möglich ist, muss es eben auch sozialwissenschaftlich erforscht werden können.

    Wie ich in einem anderen Zusammenhang mal bemerkte ist die Analyse von Mehrfachdiskriminierung im Kontext einer sozialwissenschaftlichen Diskriminierungsforschung quasi sowas wie ein Äquivalent zur Erforschung von Komorbiditäten innerhalb der Klinischen Psychologie.

    Wenn die feministischen bzw. (vulgär-)poststrukturalistischen Intersektionalitätsmodelle unwissenschaftlich sind und der Verzicht auf Intersektionalitätsmodelle ebenfalls unwissenschaftlich ist, kann die Alternative ja nur in der Entwicklung von besseren und realitätsgerechteren Intersektionalitätsmodellen liegen, die eben das leisten können, was die feministischen bzw. (vulgär-)poststrukturalistischen Intersektionalitätsmodelle nicht leisten können, nämlich Diskriminierungen bei jeder Kategorie potentiell auf beiden Seiten berücksichtigen zu können, die Kontextspezifität von Diskriminierungen stärker herauszuarbeiten und in diesem Sinne Forschung und Theoriebildung zu gestalten.
    Zudem könnte ein in diesem Sinne modifiziertes und realitätsgerechteres Intersektionalitätsmodell auch einen Beitrag dazu leisten, der Realität männlicher Diskriminierungen zu wissenschaftlicher Anerkennung zu verhelfen.

    • @Leszek

      Vielleicht kann man kurz sagen:

      Den Umstand, dass Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen zusammenkommen können und sich dann auch anders auswirken können, ist eigentlich keine große Theorie. Natürlich ist das so und das ist denke ich etwas, was niemand groß bestreiten wird.

      Im Feminismus bzw. in der poststrukturalistischen Intersektionalismustheorie wird das aber aufgeblasen um das unsinnige Konzept, dass die Diskriminierung anhand eines Merkmals immer nur zwischen Gruppen zu betrachten ist und nur in eine Richtung verlaufen kann. Hinzu kommen die Konzepte von Definitionsmacht und Deutungshoheit.

      Dies sind letztendlich zu einem nicht geringen Teil Hierarchiekonzepte, bei denen dem Diskriminierten die höhere Position zugewiesen wird und der andere dessen Ansicht akzeptieren muss.

      Es ist wichtig, dies zu verstehen, weil das aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Grund ist, aus dem diese Konzepte so erfolgreich sind: Sie errichten ein simples schwarz-weiß-Schema, wie im Artikel angeführt.
      Damit verhindern sie teilweise Kämpfe oder überdecken diese und erleichtern so das „gutsein“. Eine weiße Feministin darf Männer für schlecht halten, muss aber akzeptieren, wenn schwarze sich durch sie diskrimiert fühlen. Damit wird vermieden, dass in den Bereichen starke Spannungen auftreten und man kann die Gruppenidentität als „Gut“ waren. Gruppen, die diesen Waffenstillstand (hier bin ich gut, da bist du noch besser, aber ich immerhin auch noch gut, weil ich das anerkenne) nicht anerkennen, indem sie zB Blackfacing betreiben, führen dann zu Kriegen wie bei der Mädchenmannschaft.

      Die intersektionalisten sehen dort den Waffenstillstand in Gefahr und bekennen sich ausdrücklich zu diesem. Die anderen erkennen diesen nicht und wollen nur innerhalb der Schiene „Sexismus“ tätig sein. Die Hierarchie ist angegriffen genauso wie bei anderen Hierarchien, bei denen eine Neuer zur Gruppe kommt, sich mit den Positionen 4, 5 und 6 verbündet und plötzlich etwas macht, was den Status von 1 gefährdet. Natürlich müssen sich 4,5 und 6 sofort deutlich 1 und seiner Position unterordnen. Denn machen sie es nicht, dann droht das Ende des Bündnisses, hier dann der Vorwurf Rassist zu sein und damit nicht mehr gut.

      Man darf auch in dieser Hinsicht die Bedeutung der Definitionsmacht nicht unterschätzen: Um die Definitonsmacht über Diskriminierungen im Bereich Sex zu behalten muss man die Definitonsmacht im Bereich Rasse auch anerkennen. Und die Defintionsmacht alleine zu haben erfordert zwingend, dass Diskriminierung nur in eine Richtung erfolgen kann. Denn sie macht am Opferstatus fest, der damit nie aus de Hand gegeben werden darf.

      Könnten Männer Opfer sein, dann hätten sie in dem Bereichen Definitionsmacht oder die Frauen (und die PoCs und die Behinderten) hätten auch keine Definitionsmacht mehr. Ein Zusammenbruch des gesammten Systems und eine Aufkündigung des Waffenstilstands wäre die Folge.

      In dem System darf darf darf daher eine Diskriminierung nur in eine Richtung innerhalb erfolgen, alles andere ist der Zusammenbruch des gesamten Systems.

      • “ das unsinnige Konzept, dass die Diskriminierung anhand eines Merkmals immer nur zwischen Gruppen zu betrachten ist“

        Wichtige Bemerkung. Diskriminierung findet nur zwischen Schwarzen und Weißen (bzw. Frauen und Männern) statt, niemals zwischen Taxifahrer und seinem Kunden, sprich: zwischen Individuen.

        Menschen sind aber Individuen und nicht nur Teile von Gruppen ohne Individualität. Deshalb sind diese Theorien auch so weltfremd, und deshalb leidet Nadine Lantzsch so darunter, weiß und nicht schwarz, dünn und nicht dick zu sein.

        • >>“Wichtige Bemerkung. Diskriminierung findet nur zwischen Schwarzen und Weißen (bzw. Frauen und Männern) statt, niemals zwischen Taxifahrer und seinem Kunden, sprich: zwischen Individuen.“

          Im Prinzip diskriminieren alte weiße heterosexuelle nichtbehinderte Männer?!

          Und zwar ALLE WHMs alle ANDEREN…

          Ist das nicht Intersektionalität auf den Punkt?

        • Ich hätte jetzt gedacht, dass Jung mehr Privilegien hat als Alt. War das nicht Bascha Mikas Klage, dass Alte unsichtbar werden?

          Oder … Schreck … ist das eine Wackelkategorie? Bei Männern sind alte mehr privilegiert als junge und bei Frauen andersrum?!?

          Shit, wie kricht man das denn jetzt unter?

        • „Shit, wie kricht man das denn jetzt unter?“

          Vorschlag. Frauen sind grundsätzlich immer unterprivilegiert und haben immer recht, egal was sie tun oder sagen.

        • Genau, Adrian.
          Eine Privilegierung von Frauen kann es ohnehin nicht geben.
          Die scheinbare privilegierung jüngerer Frauen ist nämlich keine privilegierung, sondern sexismus.

          Frauen sind grundsätzlich immer unterprivilegiert und haben immer recht, egal was sie tun oder sagen.
          Erweiterung:
          Scheinbare Privilegien von Frauen sind nur besonders fiese Unterdrückungsformen.

    • @Laszek
      „Mal wieder ein lesenswerter Beitrag.“
      Danke 🙂

      „Allerdings setzt du Intersektionalität m.E. etwas zu stark mit dem feministischen Verständnis von Intersektionalität gleich. Intersektionalität wird aber z.T. auch im linken Maskulismus verwendet und zwar im Bewusstsein, dass Diskriminierungen auf beiden Seiten einer Kategorie vorhanden sein können. So enthält z.B. Arne Hoffmanns Buch “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” einige Passagen zu Intersektionalität bei männlichen Diskriminierungen.“

      Das wäre dann genau das, was ich gewünscht hatte: „Intersektionalität könnte ich erst akzeptieren, wenn dieses hierarchische Denken beendet wird.“
      Wenn ich Google nach intersektionalität befrage, stoße ich auf lauter Artikel, inklusive Wikipedia, die meist völlig selbstverständlich, ohne Begründung, meist implizit und ohne es auch nur explizit zu sagen, diese Hierarchie voraussetzen.

      In meinen Augen ist die Erkenntnis, dass Mehrfachdiskriminierung eine Mehrfachdiskriminierung ist, wenn man mehrfach diskriminiert wird, für sich genommen keine Theorie und nicht einmal eine „Erkenntnis“, sondern ein Pleonasmus. Die eigentliche „Theorie“ der Intersektionalität ist die Hierarchieannahme, denn diese ist nicht trivial. Und vor allem sage ich, dass sie falsch ist.

      • Ich sags nochmal anders:
        Als „Theorie“ ist Interektionalität im Sinne von „Mehrfachdiskriminierung“ ein Pleonasmus.

        „Intersektionalität“ als Bezeichung für Mehrfachdiskriminierung sollte lediglich ein deskriptiver Begriff sein, ein Terminus technikus.
        Das, was als „intersektionale Theorie“ bezeichnet wird, ist entweder (im Sinne von Mehrfachdiskriminierung ist Mehrfachdiskriminierung“) Trivial, also lediglich ein Begriff, oder aber falsch (im Sinne der Behauptung einer Hierarchie), gefährlich, unversöhnlich und hetzerisch.

    • Ich denke auch, dass Intersektionalismus grundsätzlich ein sehr sinnvolles Konzept ist, gerade wenn es darum geht, Diskriminierungen von Männern offen zu legen.

      Eigentlich müsste man gerade aus einer intersektionalistischen Perspektive heraus die vorherrschende „Hierarchie der Normenkategorien“ in Frage stellen.

      Nehmen wir z.B. die „Norm“ (Vorannahme) „Männer sind agressiv(er)“. Diese „Norm“ ist eben nicht einfach mit „besser“ gleichzusetzen. Sie wird dem Schwarzen Mann im Kontext des Lynchmobs zum tödlichem Verhängnis. Dem „tough on crime“-Politiker wiederum verhilft diese „Norm“ zu höchstem Ansehen. Die „männliche Norm Agressivität“ wirkt eben in Intersektionen mit anderen „Normen“ mal tödlich und mal heroisierend.

      Wenn man nun Rassismus in diese Betrachtung einfließen lässt, dann muss man feststellen, dass dieser oft gerade darin besteht, dass man systematisch die jeweiligen „Normen“ zuungunsten der Opfer kombiniert. „Weißer Mann“ gilt als „aggressiv und kontrolliert“, wohingegen „Schwarzer Mann“ als „aggressiv und unkontrolliert“ gilt. Rassismus funktioniert nicht als schlichtes „weiß steht in der Norm höher als schwarz und männlich steht höher als weiblich!!11!“

      Albert Memmi:

      ..aber es ist nicht der Unterschied, der stets den Rassismus nach sich zieht, es ist vielmehr der Rassismus, der sich den Unterschied zunutze macht.

      Das Normenhierarchiegedöns stellt also Rassismus von den Füßen auf den Kopf: Es sind eben nicht die „Normen“, die Rassismus konstituieren, sondern vielmehr werden „Normen“ für den Rassismus instrumentalisiert.

      Die Intersektion von „männlich“ und „weiß“ sorgt nun für eine „Privilegierung“, wohingegen die Intersektion von „männlich“ und „schwarz“ latent eingeknastet oder gar einfach an den nächsten Baum geknüpft wird – Anhand dieser Intersektion wird also klar, dass das Normenhierachiegedöns komplett unbrauchbar ist, und nur selbst eine Grundlage für gruppenbezogenes Ressentiment ist.

      • Edit: „Die Intersektion von “männlich” und “weiß” sorgt hier(in diesem Fall) für eine “Privilegierung”, wohingegen die Intersektion von “männlich” und “schwarz” latent eingeknastet oder gar einfach an den nächsten Baum geknüpft wird“

        Man muss eben sehr genau hinschauen. Die Intersektion von „männlich“ und „weiß“ kann auch ein Nachteil sein, beispielsweise wenn ohne Ansehen der Person und der Situation angenommen wird, „määnlich+weiß“ sei „privilegiert“.

        Soziale Gefüge sind eben komplex – das wollen aber unsrere Bessermenschen lieber nicht hören, sie brauchen einfache Feindbilder.

      • @Nick
        „Die Intersektion von “männlich” und “weiß” sorgt nun für eine “Privilegierung”, wohingegen die Intersektion von “männlich” und “schwarz” latent eingeknastet oder gar einfach an den nächsten Baum geknüpft wird – Anhand dieser Intersektion wird also klar, dass das Normenhierachiegedöns komplett unbrauchbar ist, und nur selbst eine Grundlage für gruppenbezogenes Ressentiment ist.“

        Die Intersektion von “männlich” und “weiß” sorgt für die “Privilegierung”, dass bei uns WHM neben dem Generalvorwurf der auch Schwarze trifft, allesamt potentielle Vergewaltiger zu sein, wir auch für die Wirtschaftskirese, die Kriege der Welt, den Kapitalismus, den Kolonialismus, Umweltzerstörung und vieles mehr kollektiv verantwortlich sind.

        Das „Normenhierachiegedöns“ zeigt auch in diesem Beispiel, dass es vor allem extem einseitig ist.

        Und dass es unversöhnlich und Respektlos ist und jedes aufeinander zugehen verhindert.

        • Das “Normenhierachiegedöns” zeigt auch in diesem Beispiel, dass es vor allem extem einseitig ist.

          Ja, natürlich: Der „WHM“ kann, gerade unter Zuhilfenahme eines solchen reduktionistischen Verständnisses von Intersektionalität, ohne Weiteres zum Sündenbock gemacht werden.

        • ..es ist eben nicht so, dass „Normen“ einfach nur „positiv“ oder „negativ“ sind. So _können_ „Normen“ nicht die Funktion erfüllen, Komplexität zu reduzieren. Dysfunktionale „Normen“ sind nur sehr schwer aufrecht zu erhalten.

          Gruppenbezogenes Ressentiment funktioniert meistens „schlauer“: Es werden durchaus funktionale „Normen“ so kombiniert und abwertend gedeutet, dass sich eine kollektive Anschuldigung daraus stricken lässt.

    • ad „Mehrfachdiskriminierung“: Diesen Begriff finde ich ziemlich unglücklich. Er impliziert eine einfache additive Wirkung von Diskriminierungen und leistet so dem Normenhierachiegedöns vorschub.

      Intersektion meint eigentlich Schnittmenge. Wenn schwarze Männer diskriminiert werden, dann heißt das nicht zwangsläufig dass die Diskriminierung von Männern und die Diskriminierung von Schwarz einfach nur zusammenwirkt. Die Schnittmenge Männlich und Schwarz entwickelt eine eigene Qualität.

      • @ Nick

        „ad “Mehrfachdiskriminierung”: Diesen Begriff finde ich ziemlich unglücklich. Er impliziert eine einfache additive Wirkung von Diskriminierungen und leistet so dem Normenhierachiegedöns vorschub.“

        Ja, vielleicht wäre „Verwobenheit von Diskriminierung“ besser?
        Oder fällt dir eine angemessene Alternativbezeichnung ein?

        • @Leszek:
          Ja, vielleicht wäre “Verwobenheit von Diskriminierung” besser?

          ..schon besser, oder: „verstrickte Diskriminierung“.

          Allerdings verschleiern auch diese Begriffe, dass eine Kategorie für sich alleine alles andere als eine Diskriminierung bedeuten, aber in der Schnittmenge mit einer anderen fatal sein kann.

          Beispiel: Reich+Jüdisch

    • @ Christian

      „Den Umstand, dass Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen zusammenkommen können und sich dann auch anders auswirken können, ist eigentlich keine große Theorie.“

      @ maddes8cht

      „In meinen Augen ist die Erkenntnis, dass Mehrfachdiskriminierung eine Mehrfachdiskriminierung ist, wenn man mehrfach diskriminiert wird, für sich genommen keine Theorie“

      Die Idee der Intersektionalität selbst ist natürlich keine Theorie.
      Aber ein konkretes Intersektionalitätsmodell (es gibt ja mehrere) auf dessen Grundlage Forschung zu Mehrfachdiskriminierung betrieben werden soll, setzt bereits eine Reihe theoretischer Vorannahmen voraus, die begründungsbedürftig sind, z.B. welche Kategorien (Gender, Race, Class etc.) wichtig sind und einbezogen werden sollten und wie viele und zu welchen gesellschaftlichen Aspekten diese konkret in Beziehung gesetzt gesetzt werden sollen (Makoebene: Sozialstrukturen und/oder Mikoroebene: Identitätskonstruktionen und/oder kulturelle Ebene: symbolische Repräsentationen). Auch ein bestimmtes soziologisches Gesellschaftsmodell muss dabei bereits vorausgesetzt werden
      Die jeweiligen Forschungsergebnisse, die nun wiederum aus einen bestimmten Forschungsprojekt auf Grundlage eines Intersektionalitätsmodells hervorgehen, können dann eventuell wieder in die Theoriebildung zur Mehrfachdiskriminierung einfließen, vielleicht sogar zu einer Veränderung des Intersektionalitätsmodells führen.

      „und nicht einmal eine “Erkenntnis”“

      Doch, ideengeschichtlich waren die ersten Intersektionalitätsmodelle ja als Alternativen zu Haupt-Nebenwiderspruchsmodellen konzipiert. Intersektionalität ist aus einer Kritik an klassisch-marxistischen oder radikalfeministischen Haupt-Nebenwiderspruchsmodellen hervorgegangen. (Deshalb habe ich auf diesem Blog auch mehrfach die falsche Behauptung kritisiert, der US-amerikanische Poststrukturalismus bzw. der Gender-Feminismus würden eine feministische Haupt-Nebenwiderspruchstheorie vertreten wie es in einem ein Teil des klassischen Radikalfeminismus der Fall war).

      Eine Haupt-Nebenwiderspruchstheorie geht davon aus, dass eine bestimmte Herrschafts- oder Diskriminierungsform (z.B. Klassenherrschaft im klassischen Marxismus oder Patriarchat im Radikalfeminismus) urspünglicher und wichtiger ist als alle anderen und die anderen Formen von Diskriminierung und Herrschaft mehr oder weniger stark determiniert. Sie ist quasi wie ein großer Knoten, an dem das ganze Netz hängt und wird dieser Knoten aufgelöst, löst sich auch das Netz mehr oder weniger auf. Die Beseitigung des Hauptwiderspruchs zieht also die Beseitigung der Nebenwidersprüche mehr oder weniger automatisch nach sich.
      Genau diese Sichtweise lehnen Intersektionalitätsmodelle ab – m.E. zu Recht.

      Intersektionalitätsmodelle gehen stattdessen davon aus, dass es verschiedene Herrschafts- bzw. Diskriminierungsformen gibt, die zwar bis zu einem gewissen Grad miteinander verwoben sein können, aber bei denen keine ganz auf eine andere zurückgeführt werden kann. Hier haben wir es also eher mit der Idee eines Netzes mit mehreren Knoten zu tun und wenn ein bestimmter Knoten gelöst wird kann dies zwar auch gewisse Auswirkungen auf andere Knoten haben, es führt aber nicht automatisch zur Auflösung der anderen Knoten bzw. des ganzes Netzes. Jede Form von Diskriminierung und Herrschaft muss hier also gesondert angegangen werden, (aber auch im Zusammenhang mit anderen analysiert werden).

      In dieser Hinsicht war Intersektionalität an sich durchaus ein theoretischer Fortschritt gegenüber Haupt-Nebenwiderspruchsmodellen.
      Dass sich leider beschränkte, einseitige und unwissenschaftliche Konzepte von Intersektionalität durchgesetzt haben, bei denen Diskriminierung nur in eine Richtung laufen kann, macht die heute vorherrschenden Intersektionalitätsmodelle unbrauchbar und dringend revisionsbedürftig, sie werden z.T. selbst zu Instrumenten der Diskriminierung.
      Trotzdem ist die Idee der Intersektionalität an sich ein theoretischer Fortschritt gegenüber einseitigen Haupt-Nebenwiderspruchsmodellen.

      • @Leszek

        Das mit dem „Haupt- / Nebenwiderspruch“ war m.E. Mao und nicht Marx.
        Und dieses Theorem von Mao wurde bereits von Friedrich Tomberg 1969 in „Basis und Überbau“ S. 50ff als unmarxistisch kritisiert.

        Seitdem hat sich aber hartnäckig das Gerücht gehalten, man würde Marx kritisieren, wenn die Aufteilung von Haupt- und Nebenwidersprüchen kritisiert wird, die er meines Wissens nie vorgenommen hat.
        Wer hat das eigentlich in die Welt gesetzt?
        Nur so aus reiner Neugier.

        Wenn man die Verwendung von Geschlecht=Klasse a la Radfem kritisieren kann, dann m.E. mit der Frage, wo und seit wann ein *antagonistischer* Widerspruch zwischen Mann und Frau existiert?!

        Schönen Gruß, crumar

    • @Leszek: „….ein in diesem Sinne modifiziertes und realitätsgerechteres Intersektionalitätsmodell …“

      … müßte mMn vor allem klar zwischen Nachteilen und Diskriminierungen (s. hier) unterscheiden. Eine Diskriminierung unterstellt begrifflich eine verantwortliche Instanz, die einen Nachteil für eine bestimmte Gruppe erschafft und der man die Verantwortung für die Behebung bzw. eine Strafe zuerkennen kann.

      Viele Nachteile haben keine solche Verantwortlichen.

      Verschiedene Nachteile können verschiedene Schuldige haben, d.h. wenn jemand intersektionell von den Nachteilen A, B, C und D betroffen ist, diese aber unterschiedliche oder gar keine Verantwortliche haben, bestraft man dann den alphabetisch ersten?

    • @ Adrian

      „Antirassismus ist der Rassismus der Linken.“

      Nein, schon deshalb nicht, weil es mehrere Rassismusdefinitionen und antirassistisch-theoretische Ansätze gibt. Antirassismus innerhalb der Linken beschränkt sich keineswegs auf den pseudo-antirassistischen anti-weißen Rassismus der Critical Whiteness-Spinner, Critical Whiteness ist in antirassistischen und antifaschistischen Kreisen in Deutschland sehr umstritten.

      • Die akademische Linke is seit dem Ende des real existierenden Kommunismus eine Ansammlung von Gehirnwichsern und Pseudorevoluzzern, die mit der Tatasache nicht klar kommen, dass ihre Religion Kommunismus auf ganzer Linie gescheitert ist.

        • BÄH!

          Der Homo argumentiert wie ein alter weißer heterosexueller Mann, wie einer aus dem Bible-Belt. Top!

          Hier ist der Fortschritt 🙂

          (Adrian hat bestimmt nur Angst seine Priviligien zu verlieren)

        • „Adrian hat bestimmt nur Angst seine Priviligien zu verlieren“

          Ich habe in der Tat in gewisser Weise Angst. Die Infantilisierung des öffentlichen Diskurses und die Emotionionalisierung der Politik macht mir Angst. Es geht einher mit einer völligen Verantwortungsverschiebung und einem narzisstischen Wahn, seine eigenen Gefühle als das Nonplusultra und jedwede Kritik an einer Meinung als Angriff auf sich selbst zu betrachten.

          Meine einzige Hoffnung ist, dass ich in der Tat einfach nur zu einem alten Sack werde, der ohne Substanz von der Schlechtigkeit der Jugend von heute labert, wie es seit Anbeginn der Geschichte jede ältere Generation tut.

  4. „Meine einzige Hoffnung ist, dass ich in der Tat einfach nur zu einem alten Sack werde, der ohne Substanz von der Schlechtigkeit der Jugend von heute labert, wie es seit Anbeginn der Geschichte jede ältere Generation tut.“

    Dem sehe ich für mich auch entgegen. 🙂

  5. Vielleicht fasse ich meinen Text einmal versuchsweise zu folgender Essenz zusammen:

    Das Problem der Annahme einer hierarchischen Diskriminierungsstruktur liegt darin, dass es zu einer zwanghaftem und reflexhaften Leugnung aller Diskriminierungsformen führt, die in dieser Struktur keinen Platz haben, weil sie umgekehrt zur behaupteten Hierarchie stattfinden.

    Diese Leugnung fördert und verstärkt die geleugneten Diskriminierungen und verhärtet Fronten.

  6. Wahre Worte!
    Es geht mir jetzt nicht um Labels wie Intersektionalität, aber es gibt da in der Linken gerade eine erschreckend laute Fraktion, die eben dieses starre und grobe Gruppendenken hat. Individuen existieren nicht und was im Inneren eines Menschen vorgeht, ist ebenfalls egal. Es zählen nur äußerlich einteilbare Gruppen. – Eine tragikomische Parallele zum Feind, der ja auch öfters nur auf Hautfarbe oder Herkunft sieht.

    Dieses pure Gruppendenken verunmöglicht daher auch differenzierte Betrachtungsweisen und offene Diskussion. Wie du sehr richtig ausführst, kann es schlicht einzelne Situationen geben, in denen jeder diskriminiert werden kann – und das sagt nichts über Dritte aus.
    Der weiße Heteromann, den schwarze Frauen nicht in ihrer Elterngruppe haben wollen, widerlegt ja nirgendwo die Chefetagenmachos, die keine Frauen sprechen hören wollen. Beides gibt es, beides ist falsch und beides muss verschieden bekämpft werden.
    Aber in dieser Denkrichtung geht das nicht. Da ist die Minderheit der Mächtige und die Mehrheit entrechtet, egal, wie die konkrete Situation aussieht.

    Wie gesagt, es war für mich so ein einprägsames Erlebnis, als eine feministische Bekannte, die ich durchaus schätzte, mir offen und direkt erklärte, dass nur Weiße rassistisch sein KÖNNEN. Weil man nur rassistisch sein kann, wenn man Macht hat und die eben nur die Weißen als Gruppe haben. Ich brachte ihr direkt das Beispiel Barack Obamas und eines beinamputierten weißen Obdachlosen, die den anderen jeweils wegen seiner Hautfarbe verachten und sie bestätigte mir, dass der POTUS in dem Fall zwar Vorurteile hätte und auch das schlimm sei, Rassist sei aber nur der Tippelbruder, weil der zwar nicht individuell, aber per Rasse die Macht hat, die dem Mann mit den ABC-Waffen-Abschusscodes per Rasse fehlt.
    Da ahnte ich, dass irgendwas schief läuft…

    • „all white people are racist“
      Sie bewertet eine Gruppe, nämlich alle weißen, ohne Ausnahem, allein und ausschließlich aufgrund ihrer Hautfarbe mit einer moralischen Wertung.
      Das ist exakt die „dictionary definition“ von Rassismus.

      Und alle ihre Rationalisierungen,um diese rassistische Idee zu „begründen“, bestätigen ihren Rassismus.

      „Die sind nicht unbedingt schlecht oder böse, aber sie sind Rassisten“, und dann fährt sie fort, sie durchgängig moralisch negativ zu bewerten – stellt sie also als schlecht oder böse dar.

      „und solange SIE (betont) nicht …“
      Das ist alles standard-Rassistensprech.
      Durchgängiges Gruppendenken und Zuordnung ausschließlich am Merkmal der Hautfarbe.

      Gedanken, die ähnlich klingen wie das was sie äußert, wäre nur legitim und nicht-rassistisch, wenn sie sagen würde, dass ALLE Menschen einen Hang zu Rassismus haben. Dann machen ihre Aufforderungen Sinn, eigenen Rassismus anzuerkennen und eigene (möglicherweise unbewusste) rassistische Positionen zu hinterfragen.
      Das würde jedoch einschließen, dass sie ihren eigenen Rassismus dabei nicht ausklammert.
      Stattdessen ist sie selbstgefällig und ignorant.
      Das unterscheidet sie z.B. von einem Martin Luther King, der in seiner „i have a dream“ Rede eben nicht ausschließt, sondern von einem gemeinsamen Miteinander von schwarzen und weißen träumt.

      Martin Luther King war auf Miteinander und Versöhnung ausgerichtet. Sie exkludiert, ist unversöhnlich und spaltend.
      Ein „miteinander“ ist mit jemandem wie ihr gar nicht möglich – weil sie das ausschließt, aufgrund ihres Rassismus.
      Ohne dass sie ihren Rassismus hinterfragt, kann man ihr gegenüber Rassismus auch nicht beenden. Egal was man tut. Man bleibt ja als Weißer definitionsgemäß ein „Problem“.
      Eine typische Rassistin.

      „I’m going to make a video about privilege…“
      Yes, mehr von derselben Soße.

      • Nach der „Critical Whiteness-Theorie“ hat schwarz und weiß nichts mit Hautfarbe zu tun.

        Noah Sow schreibt: „Schwarze sind alle, die sich als Schwarz definieren, … alle anderen sind Weiße. Schwarz zu sein ist nichts, was man wirklich ist, sondern steht eher für gemeinsame Erfahrungen, die man in der Gesellschaft gemacht hat. Weiße können daher nicht bestimmen, wer Schwarz ist, und wer nicht.“

        Da geht natürlich alles durcheinander, denn sie reden ständig von weißen und Schwarzen (erstere klein, letztere groß geschrieben), und bestimmen das ganz selbstverständlich nach der Hautfarbe. Oder vielmehr: von weißen und Persons of Color, wozu auch Asiaten und Araber gehören.

        Das ist ein einfacher rhetorischer Trick, um die Diskurshoheit zu gewinnen; wir bestimmen, wer was zu sein hat. Dabei dürfte mancher Türke protestieren, wenn man ihm sagt, dass er kein Weißer sondern zusammen mit den Afrikanern eine Person of color ist.

        • @el mocho

          „Nach der „Critical Whiteness-Theorie“ hat schwarz und weiß nichts mit Hautfarbe zu tun. Noah Sow schreibt: „Schwarze sind alle, die sich als Schwarz definieren, … alle anderen sind Weiße. Schwarz zu sein ist nichts, was man wirklich ist, sondern steht eher für gemeinsame Erfahrungen, die man in der Gesellschaft gemacht hat. Weiße können daher nicht bestimmen, wer Schwarz ist, und wer nicht.

          Da hat es dann doch wieder was mit der Hautfarbe zu tun. Alle außer die weißen, es sei denn ein Schwarzer sagt, dass sie Schwarz sind.

          Wäre interessant, ob sie das in Bezug auf „Transracial“ noch mal so formulieren würde.

        • Ja klar.
          „Schwarze sind alle, die sich als Schwarz definieren“.
          Aber weiß sind zumindest alle, die … weiß sind.
          „You can’t opt out of the System“ – zumindest nicht als schuldbeladener Weißer.
          Mag also sein, dass so mancher mit afrikanischer Herkunft bzw. dunklerer Haut sich in diesem Sinne nicht als Schwarz „definieren“ mag und daher aus der Ingroup ausgeschlossen wird.
          Wesentlich für Rassismus ist aber weniger die Selbstbeschreibung, sondern die Fremdzuschreibung:
          Und danach sind „Weiße“ in dem Video als auch bei deinem Noah in jedem Fall Leute, die über ihre „rassische Herkunft“ und ihr Merkmal Hautfarbe determiniert sind, und denen auch nicht zugestanden wird, sich selbst der Ingroup zuzuordnen.
          Wird das dennoch versucht, ist das ein Skandal. Eine Anmaßung.
          Eine Weiße, die sich selbst als Schwarze zu adeln versucht, das geht absolut gar nicht.
          Ich glaube, einen prominenten Beleg dafür brauche ich nicht extra zu verlinken, oder?

        • In de Südstaaten der USA gab es die „One Drop Rule“, nach der jeder, der auch nurn einen Tropfen schwarzes Blut (Gene) in sich hat, ein Schwarzer ist, egal wie er aussieht. Es gibt da den Roman „The Light in August“ von Willam Faulkner, über einen Mann, der ein Weißer ist, aber irgendwie entfernt auch mit Schwarzen verwandt ist. Da man es ihm nicht ansieht, behandeln ihn alle wie einen Weißen, aber als es herauskommt, ist er plötzlich ein „Nigger“ und wird umgebracht (weil er bezihungen zu weißen Frauen hatte). Das ist genau die gleiche Denke.

          https://en.wikipedia.org/wiki/Light_in_August#Race_and_sex

        • Wikipedia bricht sich im Abschnitt „Legitimierende Erklärungsmodelle“ des Artikels „Fremdenfeindlichkeit“ fast einen ab, um auf keinen Fall etwas un-PC interpretierbares denkbar zu machen.

          Im Grunde geht es um weitere Erklärungsmodelle, wie man Fremdenfeindlichkeit erklären kann. An einer biologistischen oder gar an einer ökonomischen Erklärung ist aber nichts mehr oder weniger „legitimierend“ als an einer sozialpsychologischen.

          Als Erklärungen sind sie zuerst einmal nur deskriptiv. Ansonsten tragen sie zum Verstehen der Fremdenfeindlichkeit bei und können insofern auch zu deren Abbau genutzt werden.

          „legitimierend“ wird eine Erklärung erst durch eine legitmierende Argumentationsform bzw. legitimierenden Gebrauch.

          Am Schluss des Absatzes steht der Satz „Gemeinsam sind diesen Erklärungsmodellen, dass geschichtliche und gesellschaftliche Konstruktionsprozesse für Selbst- und Fremdbilder nicht untersucht werden, sondern als quasi natürliche Gegebenheiten akzeptiert werden“
          Der Satz ist typisch für ein monokausales Denkmuster, das allein eine „richtige“ denkbare Erklärungsmöglichkeit voraussetzt. Mehrdimensionale Sichtweisen sind dem Autor offenkundig fremd. Dass eine Erklärung, die biologische Aspekte untersucht und dabei „geschichtliche und gesellschaftliche Konstruktionsprozesse“ nicht untersucht (weil sie nicht Thema sind) diese gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse durchaus nicht negiert versteht er nicht.
          Dass die biologistischen oder ökonomischen Erklärungen eigenständige Fragestellungen, eigenständige, unbhängige und komplementäre Erklärungen liefern können auch nicht.

          Insbesondere fühle ich mich als Leser dieser überkorrekten PoV-Vermeidung, die selbst schon wieder Mega-PoV ist, nicht für voll genommen, selbst entscheiden zu können, ob ich eine Erklärung als angemessen, legitim oder „legitimierend“ empfinde.
          Es wirkt gängelnd.

    • Klingt sehr katholisch. Alle Weißen (Menschen) werden als Rassisten (Sünder) geboren und müssen Buße tun, um gute Weiße (Menschen) zu werden.

      Hab es mal gemeldet, ist schließlich Rassismus.

    • Hier mal eine Gegenstimme der farbigen vLoggerin Patty Politics anhand des MTV Trailers.

      Sie bezeichnet sich selbst als „Young Black Conservative“, eine Republikanerin.

      • Natürlich, die geben immer vor, für alle Schwarzen zu sprechen (oder für alle Frauen usw.), dabei sprechen sie nur für ihre kleine Sekte.

        Wenn man sich mal den Vorstand der „Initiative Schwarzer Deutscher anschaut:

        http://isdonline.de/verein/isd-vorstand-stellt-sich-vor/

        dann sieht man, dass das bis auf einen alles Mischlinge sind, keine Schwarzen. Das ist ihr Problem: In Afrika würden die Leute sie auch nicht als Ihresgleichen ansehen und würden fragen, wo sie herkommen.

        Die sind ein spezifisches Phänomen westlicher Gesellschaften, sie berufen sich auf westliche Theorien. Sie haben mit Afrikanern oder Flüchtlingen nichts gemein. Ich kenne eine ganze Reihe, und die sind eigentlich alle wenig an Politik interessiert, religiös (richtig religiös mit Tischgebet vor dem Abendessen und Gottesdienst jeden Sonntag), und wenn sie studiert haben, dann etwas, von dem man leben kann; sind Arzt oder Ingenieur, nicht Soziologe oder Philosoph.

        Es ist im Grunde alles ein Witz!

      • Sie hier (Patty Politics) spricht aber nun nicht speziell für Schwarze und nimmt eher einen libertären und rationalen Standpunkt ein.

        Außer, dass sie sich zu den Republikanern bekennt, kann ich auch nichts sektenmäßiges erkennen. Ergibt eher viel Sinn was sie sagt.

  7. In dem Zusammenhang auch interessant:

    https://tomowolade.wordpress.com/2015/07/04/thoughts-on-political-correctness-and-sjw/

    An ideology that exists primarily in university campuses and online activism is gaining greater prominence. This ideology is distinguished by its starkness: conferring absolute power to those without privilege; and fomenting hostility to those who, by accident of birth, assume the status of oppressors.

    The oppressors are defined as such because they are privileged, and consequently benefit from institutional oppression. This is not material or economic privilege, but the privilege of being a white, heterosexual, cisgendered male. To be powerful is possess all these characteristics; and so to challenge inequity is to attack those who possess these characteristics.

    This ideology is justified by social justice, and thus its advocates are colloquially known as social justice warriors. But its consequences for justice – or for the principles that underpin justice, such as equality – have been dire. It doesn’t have an egalitarian ethos. It is anti-humanist. It doesn’t see each person as an individual. Instead, it sees each person as either oppressed or oppressor, and defines its norms from this pure dichotomy: the oppressed should be treated with lower moral scrutiny, exempt from the rule of law, and free to enforce censorship. Whereas the oppressors, stained by the original sins of patriarchy and colonialism, can never be victims but only victimisers, and a transgression of their rights should consequently not concern us.

    Ultimately, this ideology, known to many as ‘political correctness’, subordinates the principles underpinning a free society – freedom of speech, rule of law, rationality, and an egalitarian ethos – to power relations. What’s important is not supporting individual liberty and equality, but focusing on who is privileged, and acting accordingly to undermine their privilege. And thus, under the banner of social justice, illiberal politics are excused in places that should be bastions of freedom.
    (…)

    Anything resembling dissent, such as questioning trans identity or, say, arguing western values are better than Islamist ones, is met with hostility. Ideological deviation is a crime. It is not an open and critical place for debate but a palace of conformity. Like all radical politics, political correctness is easy to caricature but harder to break. Its main attraction is, I posit, the peculiar sense of belonging that comes with being part of a partisan movement. Their power proceeds from their status as victims of oppression. They don’t need argument but forceful assertion.

    Appealing to argument may, therefore, not be the best way to the dissuade its followers. What makes it appealing is tribalism and power.

    You have your enemies, and you have your righteousness. You have a narrative of passionate grievances. This makes it receptive to people bored by liberal values. Such values have been withered away by relativism: universal rights and egalitarianism now look distinctly unsexy. It is seen as the thing “white, privileged men” defend rather than transbi-centric, über-radical Activists. This is silly for multiple reasons. This disregard for liberalism and portrayal of earnest liberals as staid or, worse, oppressive, undermines a key feature of progressive activism – universalising values. In many communities, and many cultures, both here and around the world, liberals – those who believe in choice and freedom and equality – desperately plead for the values enjoyed by the West to be extended to them. If you denigrate liberalism as unsexy, you brush away values that are genuinely emancipatory, and impair the possibility of forging links with those who live in unfree cultures and consequently seek these values more intensely.
    (…)
    Another distinctive feature of political correctness is the hodgepodge of critical race theory and identity politics. Discrimination is excused under the banner of liberation. Discrimination is not only being excused, but also conferred an attractive righteousness. Thus, individuals can say “kill all white men”, or declare white people are trash, or argue white people should be banned from events, without anything resembling compunction. Their justification is simple: their prejudice against whites isn’t racist, and doesn’t carry the peculiar stigma of racism, because racism is prejudice married with power. With an ugly sleight of hand, they pollute the conventional meaning of a term to absolve themselves from the scrutiny this term rightly merits. It doesn’t actually redress power balance, but reverses it. By suggesting power is an inherent feature of whiteness, where it ultimately resides, political correctness removes the possibility of non-white people exercising power and being fully responsible for their actions: the concept of moral autonomy is undermined. This means that the non-white advocates of political correctness are free to act however they please without the moral scrutiny that attends white people – and should attend every human.

    The power-powerless concept is toxic because power is more fluid than assuming to be brown is too be powerless; a brown Islamist may be more powerless than a Jew because his skin is visibly darker, but when he murderously re-enacts the oldest hatred of our civilisation on the streets of Europe, who dares dilute the significance of his racism?

    This power-powerless concept is faulty because it enables someone like Bahar Mustafa to assert she can’t be racist, after saying and endorsing perfectly racist things. It enables articles after articles after articles to be written that invert reality and reproduce something that should be consigned to history: one set of standards for one group of people, another set for another. The way to challenge inequality is not by reproducing the conditions of inequality – but, rather, by proceeding from an egalitarian basis: viewing each individual as deserving of equal dignity. The identity politics of Bahar Mustafa are a consequential challenge to this premise because they separate rather than stress our common humanity. Political correctness is a fundamentally anti-egalitarian movement.

    The term ‘wolf in sheep’s clothing’ captures an important truth: an effective way to leverage power is by assuming the status of a victim. A culture of victimhood is inherent to political correctness. It is through this victimhood, ultimately, that the tribal hatred of its advocates are nourished, and the dignity of its opponents are undermined.

    (…)
    Two problems attend this. Firstly, is the right to be protected from supposedly dangerous ideas an adequate tradeoff for individuals fully expressing their personality? I posit a definite not. Secondly, if speech and actions are indistinguishable, rather than asking what should be considered for censorship, the question should be: what shouldn’t be considered for censorship? Some say no limits, a lot say up to incitement to violence, others say up to incitement to hatred. Conflating speech with actions means that there is no secure basis for freedom of speech at all. There is no up to anywhere because there is no spring to bounce from.

    Another consequence of the culture of victimhood is its impact on the rule of law. The presumption of innocence – the bedrock of a civilised society – is being attacked by those who confer perfect status to victims. The Rolling Stones case was eye opening. Sabrina Erdely, a journalist now thoroughly discredited, wrote a story of mass campus rape against a young woman called Jackie and presented it as fact. The uncritical acceptance of Jackie’s story crystallised the manifold problems of this culture. The most obvious of which is the subordination of facts and evidence to ideology. And the most salient of which is the trivialisation, the utter exploitation and embellishment, of a very serious and very important issue – sexual assault.

    The culture of victimhood inherent to political correctness poisons the twin principles of freedom of speech and presumption of innocence. These two principles are the organs of an enlightened society, guaranteeing equality under law and individual conscience. Those who imperil them, therefore, through victimhood and deceit, urgently deserve rebuttal.

    Political correctness is a problem because it nourishes reactionary values. On top of that, in aggressively enforcing codes of behaviour and correct language use, it betrays the spirit of liberalism: freedom to do, freedom from coercion, and an assumption of equality. That political correctness features most prominently in a place traditionally viewed as an incubator of liberalism – universities – should concern all who value freedom.

    Der Autor ist schwarz und bekam natürlich sofort Kritik, in der auch seine Authentizität angezweifelt wurde:

  8. Menschen setzen sich manchmal auf einen Thron, der das Nebenprodukt (oder Hauptprodukt, aber das wäre von vorneherein nicht erkenntnisorientiert) von Theorien oder Theorieschulen und Perspektiven ist. Aber aus einer interessanten, kritisierbaren und produktiven Theorie eine Lorbeere zu machen, heißt, sie als Sozialstatus-Instrument zu benutzen und zu Gunsten der eigenen Positionssicherung (auch innerlich psychologisch: zur Identitäts- oder Standpunktsicherung) auf argumentative Weiterarbeit zu verzichten. Das kommt in/mit allen Theorien vor.

    Auch Intersektionalistinnen von denen ich gelesen habe, sprechen sich gegen „Oppression Olympics“ aus, also gegen Fixierung von Benachteiligungen anhand von eingeteilten Gruppen. Solche Gruppen können analytisch sinnvoll und kritisierbar eingeteilt werden. Aber normativ Gruppen pauschal festzulegen (à la „Das ist immer so“ oder „Es besteht eine Benachteiligung von 23,2%“) wird auch von den von mir gelesenen Intersektionalisten nicht vertreten.

    Intersektionalismus ist, zurückgeführt auf seinen Ansatz, die Einbeziehung von (möglichst allen bzw. allen forschungsrelevanten etc.) strukturellen Faktoren, die die strukturelle Position von Gruppen (und, hier gilt es aber eben weiter zu differenzieren, individuellen Subjekten innerhalb der Strukturen) ko-konstituieren. Das ist ein komplexerer Ansatz als anhand von einem Strukturphänomen (wie ökonomische Analyse, kulturelle Analyse etc.) zu analysieren. Und es erfordert gute Methodenarbeit und Transparenz/Nachvollziehbarkeit. Auch hier kann man gegebenenfalls eventuelle Mängel oder Voreingenommenheiten kritisieren. Aber das gilt ja grundsätzlich auch für andere, weniger breit angelegte Ansätze.

    • „Auch Intersektionalistinnen von denen ich gelesen habe, sprechen sich gegen “Oppression Olympics” aus, also gegen Fixierung von Benachteiligungen anhand von eingeteilten Gruppen.“

      Sprechen sich dagegen aus, betreiben es aber trotzdem.

      Die Hierarchische Ordnung von Diskriminierung wird seltenst bis nie explizit erwähnt, sondern implitzit angenommen. Sie erscheint dort so selbstverständlich, dass sie nicht in Frage gestellt wird, aber auch nicht mehr erwähnt.
      Direkt darauf angesprochen, wird das möglicherweise verneint. Aber es kommt eindeutig zum Vorschein, wenn die hierarchie tatsächlich in Frage gestellt wird. Positionen wie „es gibt keinen reverse reacism“ sind auf diesem Mist gewachsen. Nein, es gibt tatsächlich keinen „reverse racism“. Es gibt nur Rassismus – und der kann jeden treffen und in beliebigen Richtungen gehen.
      Und der Rassismus gegen WHM ist grade sehr populär

  9. Der Begriff des Rassismus ist, wie so vieles, zunächst eine Frage der vorherigen Defintion, also in einer Debatte die am besten vorher – mit der Offenheit, seine Definition auch begründet zu verändern – klargemachten Frage: Wie verwende ich den Begriff?
    Der Rassismusbegriff wird, empirisch, so viel ich weiß, hauptsächlich in zwei Weisen definiert:
    a) Als persönliche Positionierung und Handlung (mehr oder weniger bewusst, ideologisch oder erlernt etc.) von Individuen und evtl. konkreten Gruppen.
    b) Als gesellschaftlich-strukturelles Phänomen.

    Struktureller Rassismus bzw. Ungleichbehandlung geschieht mit bestimmten Konstruktionen und Interpretationen, beim Rassismus einer gesellschaftlich verbreiteten, und bewusst oder unbedacht geteilten und reproduzierten Wertungs-Zuschreibung von Hautfarben und Aussehen und ggf. kulturellen Merkmalen. Das geschieht zur und von der gesellschaftlichen Ebene, also abstrakter als bei face-to-face Beziehungen (aber sich effektiv und gesellschaftlich auswirkend). Es bestehen und reproduzieren sich gesellschaftlich ungleichberechtigende Verhältnisse zwischen abstrakten (konstruierten, gesellschaftlich zusammengefassten) Gruppen. Diese Verhältnisse sind, wenn struktureller Rassismus vorliegt, institutionalisiert (normiert, informell, kulturell und in formellen Institutionen). In einem oder mehreren der Bereiche des Ökonomischen, Politischen, Kulturellen etc.

    Strukturell ist der weiße Mann in den europäischen Staaten auch heute weiterhin der Repräsentant Nr. 1 – das liegt an verschiedenen Dingen (von u.a. Frauen haben weniger Bock drauf, über Sozialisation, bis eingespielte Ämterweitergabe). Strukturellen Rassismus gibt es also gegen Weiße (Männer wie Frauen) im vorwiegend weißen Europa nicht.
    Ein vereinfachtes „weiße Männer sind das Problem“ sind als Aufruf zum Nachdenken und als protestierender Ausdruck der Ungerechtigkeit aus der Emotion verständlich (wenn es nicht von ebenfalls privilegierten weißen Männern oder Frauen kommt). In einer weitergehenden Debatte sollte es aber einen Handlungsbezug geben (anders handeln, nicht jemand anderes „sein“). Weiße Männer sind ein oftmals (aber nicht immer, z.B. in der Sorgerechtsfrage jahrelang nicht, da waren es eher weiße Frauen) privilegierter Teil der europäischen gesellschaftlichen Strukturen. Strukturen, die besser sind als zu manchen anderen Zeiten, aber weiterhin Ungerechtigkeit und rechtlich-effektive Ungleichberechtigung aufweisen. Und auch weltweit sind wir, alle Bewohnerinnen des systemisch-wohlstandsproduzierenden Teils Europas und des Westens, privilegiert.

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