Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 21. Juni 2015

Evolutionäre Theoriewoche: Kulturelle Ausgestaltungen biologischer Grundlagen (7. Tag)

Dieser Beitrag ist Teil der evolutionären Theoriewoche

Das heutige Thema ist:

Kulturelle Ausgestaltungen biologischer Grundlagen

Evolutionäre Theorien erkennen natürlich an, dass es nicht die Biologie allein ist, die das menschliche Leben bestimmt. Vielmehr geht man von einem „integrierten Modell“ aus, in welchem es biologisch-evolutionär geprägte Grundlagen gibt, aber auch kulturelle und soziale Faktoren sich auswirken.

Zum einen können soziale und kulturelle Faktoren dazu führen, dass bestimmte biologische Programme interessanter werden, etwa die Faktoren einer Kurzzeitstrategie in der Partnerwahl der Frauen, wenn die soziale Kontrolle aufgrund der Pille zurückgeht statt Enthaltsamkeit.

Ein anderes Beispiel wäre, dass gerade Männer, biologisch auf Statusaufbau und Ressourcenaufbau ausgerichtet sind, gleichzeitig aber auch auf Kooperation und Zusammenarbeit in einer Gruppe. Wie groß die Gruppe wird und wen man in die Gruppe einbeziehen kann, dass ist natürlich auch wesentlich von der „Zivilisationsstufe“ abhängig. Während Jäger und Sammler nur kleinere Gruppen bilden können, weil sie irgendwann in zu großer Konkurrenz um Wild und Früchte stehen ist die Gruppengröße in der heutigen Welt beliebig groß, weil wir weltweite Zusammenarbeitsmöglichkeiten haben. Wir können auch, weil wir einen effektiven Staat haben, friedlich kooperieren, weil die Kosten dafür, sich Sachen mit Gewalt anzueignen, in vielen Bereichen zu groß geworden sind. Dennoch konkurrieren viele Männer eben nach wie vor durch Statusobjekte, Positionen in der Hierarchie etc.

Gerade der Bereich, in dem wir unsere Stärken darstellen und unsere Schwächen verbergen, also Bereiche des Signalling, erfordern an die jeweilige Lage angepasste Verhaltensweisen. In einer Welt, die Kooperation betont und betonen kann ist ein Schrumpfkopf am Gürtel allenfalls der Beweis, dass man verrückt und gefährlich ist, aber kein Statussymbol, die teure Rolex, der Sportwagen oder eine erfolgreiche „Ich mache die Regeln und bin der Anführer“-Haltung kann dennoch ein entsprechendes Signal sein.

Auch die Verfälschungsmöglichkeit hat gleichzeitig zugenommen, von früher ehrlichen Signalen wie schönen Brüsten, die man heute mit Silikon aufpeppen kann bis zu Statussignalen im Verhalten.

Auch in diesem Bereich interessant: Wie haben evolutionär geprägte Zeichen oder Verhaltensweisen sich in unsere Zeit „gerettet“? Wie wurden sie über andere Zeiten verschieden ausgestaltet und welche grundlegenden Regeln lassen sich dabei erkennen?

Advertisements

Responses

  1. Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt.

  2. Solange die Notwendigkeit einer Fortpflanzung besteht, sollen die Frauen ihre Weiblichkeit bewahren; und die Männer ihre Männlichkeit. Frauen sollten z. B. mehr in sozialen Berufen tätig sein, Männer mehr in handwerklichen Berufen.
    Im Übrigen ist der prognostizierte Bevölkerungsrückgang in Europa etwas Positives. So können immer mehr Europäer an der Mittelmeerküste angesiedelt werden, ohne dass es dort eine Überbevölkerung gibt. Es ist für jeden Menschen sinnvoll, in eine Region mit menschenfreundlichem Klima auszuwandern. Zudem ist es sinnvoll, in der Nähe eines Waldes zu leben, in dem es relativ viele Wildfrüchte gibt.

    • „Zudem ist es sinnvoll, in der Nähe eines Waldes zu leben, in dem es relativ viele Wildfrüchte gibt.“

      Für einen, den man offensichtlich erst kürzlich mit einer Banane aus eben diesem Wald gelockt hat, durchaus nachvollziebar.

      • 😀

    • Nascht du öfter mal irgendwelche Pilze?

  3. Wenn keiner so richtig ernsthaft sein will, bin ich es mal:

    Eine Tatsache, die Kritiker der Evolutionären Psychologie gern ignorieren (oder schlicht nicht kennen), ist der turmartige Aufbau des menschlichen Gehirns:
    Unten und in der Mitte die nicht oder kaum lernfähigen Teile, sehr alt; und ganz oben die Großhirnrinde, sehr lernfähig, kulturschaffend und plastisch.

    Aus der Existenz der Großhinrinde wird gern geschlossen, wir Menschen seien „unbeschriebene Blätter“ und können kulturell-sozial zu allem erzogen werden.

    Weit gefehlt: Etliche Teile der menschlichen Psyche werden von tieferen Hirnteilen prozessiert. Gerade der Handlungsantrieb (Motivation) kommt aus dem limbischen System an der Grenze von Mittel- und Großhirn. Entscheidungen werden NICHT in der „bewußten“ Großhirnrinde gefällt.

    Da wundert es nicht, daß Menschen sich eben nicht nach kultureller Großwetterlage entscheiden, sondern nach ihrer (zB geschlechtlichen) Programmierung.

    Anders ausgedrückt: Kulturelle Artefakte wie Steinhäuser, Mondraketen, Autos, Krebsmedikamente usw. und so fort sind tatsächlich vollständig von der kulturellen Umgebung abhängig, weil von der Großhirnrinde erdacht.

    Grundlegende Verhaltensweisen wie soziale Dinge, Sexualität, Altruismus, Gruppenbildung, Feindbilder, Nepotismus sind allenfalls kulturell modifizierbar.

    Ein typisches Beispiel: Einstein meinte sinngemäß, eine Vergrößerung der symbolischen Gruppe eines Bürgers verhindert Kriege zwischen den ehemals kleineren Gruppen.
    Bringe ich einem Deutschen zB bei, daß Deutschland seine größte Bezugsgruppe sei, ist damit ein Krieg zwischen Schwaben und Bayern ausgeschlossen.

    Das funktioniert, weil wir darauf programmiert sind, uns einer symbloschen Gruppe zugehörig zu fühlen, der unsere Solidarität gilt.
    Läßt sich leider nicht unbegrenzt fortführen: Symbole wie Sprache oder Gebräuche sind schon notwendig.
    Da Italiener anders sprechen und leben wie wir, ist echter EU-Patriotismus weitgehend ausgeschlossen.

    • Spannendes und wichtiges Thema.

      Die Idee, dass sich die Evolutionsgeschichte im funktionalen Aufbau unseres Gehirns widerspiegelt, stammt ja schon aus den 50er-Jahren und wurde von Paul MacLean mit der Triune Brain-Hypothese formuliert. MacLean postulierte ein dreieiniges Gehirn, das mit Reptiliengehirn, limbischem System und Großhirnrinde die evolutionären Entwicklungslinien von Reptilien und Vögeln zu niederen und höheren Säugetieren nachzeichnet.

      MacLeans Theorie wurde vielfach als zu vereinfachend kritisiert und verworfen. Das Grundkonzept der evolutionären Entwicklungslinien wurde jedoch immer wieder aufgegriffen.

      In jüngster Zeit von Neurowissenschaftlern wie Joseph LeDoux, Jaak Panksepp oder Gerhard Roth.

      Roth teilt in seinem lesenswerten Buch „Wie das Gehirn die Seele macht“ das Gehirn in vier funktionale und entwicklungsgeschichtliche Ebenen, welche von sechs psychoneuronalen Grundsystemen in Anspruch genommen werden. Diese Grundsysteme sind funktionale Regelkreise, die zur Lösung von evolutionären Anforderungen wie z.B. Stressregulation, Verhaltensmotivation usw. entwickelt und verfeinert wurden. Nach dem Ökonomieprinzip der Evolution (-> Energiehaushalt des Organismus) werden viele dieser Anforderungen auf den evolutionär älteren Ebenen des Gehirns abgearbeitet und bleiben unbewusst. Endhirn und Grosshirnrinde werden aufgrund des dann wesentlichen höheren Energieaufwandes nur zugeschaltet, wenn eine kognitive Verarbeitung unbedingt erforderlich ist.

      • ät Zip:

        Ah, schöne Infos, danke. Den Panksepp kenn ich doch von Wikipedia. Soll ein Gegner der Hirn-Computer-These sein, der gegen Pinker auftritt.

        Die Roth-These finde ich spannend:
        „Endhirn und Grosshirnrinde werden aufgrund des dann wesentlichen höheren Energieaufwandes nur zugeschaltet, wenn eine kognitive Verarbeitung unbedingt erforderlich ist.“

        – Eine der besten Erklärungen der Freudschen Unbewußtheits-These, die ich kenne. Kahneman sagt das ja auch: Das räsonierende, analytische Denken frißt Energie wie Sau.
        http://www.amazon.de/Schnelles-Denken-langsames-Daniel-Kahneman/dp/3886808866

        Daher bevorzugt das Hirn ohne Druck lieber das „schnelle“ billigere Denken. Könnte ein Grund sein, warum viele Menschen lieber auf das bequeme mystische oder ideologische Denken zurückgreifen, das schon vorgekaut serviert wird. Würde zudem eine Verbindung der häufig zitierten Faulheit von Ideologen herstellen.

        • @axel (AE)

          Es ist auch interessant, wenn man sieht, bei wie vielen Handlungen Gewohnheiten eine Rolle spielen, die quasi komplett ohne solche Denkvergänge auskommen.

        • Das könnte ein Quasi-Kreationist aber unter „ferner liefen“ abtun. Zähneputzen usw.
          Geschlechtstypisches Verhalten hingegen wäre dann natürlich „sozial-kognitiv“.

        • @ Axel

          „Geschlechtstypisches Verhalten“, beispielsweise die geschlechtsspezifische Reaktion auf sexuelle Attraktionsmerkmale, ist hinsichtlich dessen, was sich da im Gehirn abspielt, oft nur halb so komplex wie Zähneputzen ;–D

  4. […] 21.06. Kulturelle Ausgestaltungen biologischer Grundlagen […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: