Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 18. Juni 2015

Evolutionäre Theoriewoche: Genpool und Variation, Kosten der Spezialisierung (4. Tag)

Dieser Beitrag ist Teil der evolutionären Theoriewoche

Das heutige Thema ist:

Genpool und Variation, Kosten von Spezialisierungen

Wenn man evolutionäre und biologische Theorien verstehen will, dann muss man auch verstehen, dass sie in den allermeisten Fällen nicht absolut und essentialistisch zu verstehen sind, sondern dass es sich um Aussagen im Schnitt handelt.

Denn weil Evolution eine Selektion von bestimmten Genen ist, die über Fortpflanzung weitergegeben wird und nicht eine Veränderung der Gruppenmitglieder an sich bedeutet Evolution, dass es Variation gibt und das eine Anpassung auf verschiedenste Umweltbedingungen oder Fortpflanzungsstrategien vorliegen kann.

Aus einem Übersichtsartikel:

  • Die Gene einer Spezies sind (auch innerhalb der Geschlechter) nicht gleich und innerhalb einer Spezies können verschiedene Strategien für die Fortpflanzung praktiziert werden.Häufig gibt es eine Hauptstrategie und verschiedene Nischenstrategien, die entweder für bestimmte Zeiten (Hunger, Krieg, Frieden) oder für bestimmte Risiken optimiert sind (zB Chance auf viele Nachkommen mit hohem Risiko, Chance auf wenig Nachkommen mit geringen Risiko).
  • Gene funktionieren in einem Zusammenspiel. Auch unterschiedlichen Optimierungen für ein Zusammenspiel unterschiedlicher Gene können sich ebenfalls Unterschiede ergeben.
  • Damit eine neue Eigenschaft sich umfassend in einer Spezies durchsetzt müssen alle Genträger, die diese Eigenschaft nicht besitzen sterben ohne die Gene, die diese Eigenschaft nicht haben, weitergegeben zu haben.
  • Ob ein Gen unter bestimmten Konstellationen Nachteile für die Weitergabe bringt ist unwesentlich, wenn die Vorteile für die Weitergabe in einer anderen Konstellation diese Nachteile aufwiegen. Ein Gen bleibt im Genpool vorhanden, wenn es über alle Genträger die gleiche Anzahl von Nachkommen bringt wie der Schnitt der sonstigen Individuen innerhalb dieser Spezies

So gut wie alle Optimierungen haben Kosten. Etwa bedeuten viele Muskeln, dass man auch viel Nahrung braucht, ein leistungsfähiges Gehirn benötigt ebenfalls Kalorien, Flugfähigkeit bedeutet, dass man Gewicht an anderen Stellen sparen muss, ein Panzer bietet Schutz, macht aber auch langsam und kostet Ressourcen. Vorsicht bedeutet, dass einem Gelegenheiten entgehen. Risiken bedeuten, dass man mehr Ressourcen erhalten, aber auch mehr Kosten im Kampf um diese eingehen kann ohne sie zu bekommen etc. Kooperation bedeutet, dass man Arbeit für andere macht, aber auch andere Arbeit für einen.

Wer Evolution verstehen will, muss verstehen, dass alles Kosten hat und eine Optimierung in einem Bereich damit eine Optimierung in einem anderen Bereich verhindern kann.

Des weiteren sind die Kosten für evolutionäre Schritte interessant: Evolution erfordert, dass eine Kette von kleinen genetischen Veränderungen, die jeweils selektiert worden sind, und deswegen immer vorteilhaft gewesen sein müssen, nach vielen, vielen Schritten zu einer größeren Veränderung führen kann. Beispielsweise müsste für ein drittes Auge am Hinterkopf eine Vielzahl von Veränderungen entstehen, die mehr Vorteile als Nachteile bieten und deren Vorteile zB nicht durch eine Kopfdrehung oder ein verbessertes Gehör eher erreicht werden könnten.

 


Responses

  1. Aus meiner Sicht auch ein sehr wichtiges Thema, weil es hier darumn gehtgeht, warum es in der Biologie so häufig um „im schnitt“ geht und es in der Regel viele viele Zwischenformen oder Abweichungen gibt.
    HierHier liegt durchaus die Quelle vieler Missverständnisse und auch der Grund warum Kritik häufig ins leere geht.
    Das Entwicklungen kosten haben und andere Entwicklungen daher nicht verwirklicht werden können oder eine Entwicklung nicht bis ins kleinste weiter stattgefunden hat, weil der Zusatznutzen gering war ist auch für das Verständnis wichtig

  2. Alles hat Kosten. Das ist das, was die politische Linke nicht akzeptieren will. Weshalb sie sich auch so für Sozialismus oder Feminismus begeistert, Ideologien die eine Welt frei von Kosten (und Verantwortung) versprechen.

  3. Sehen das alle genauso?
    Oder einfach keine Ideen zu dem Thema?

    Hier spielen ja auch viele Theorien zur Homosexualität mit rein: Homosexualität kann dann einer herausselektion entgehen, wenn die passenden gene an anderer stelle, etwa bei verwandten Vorteile bringen, die die geringere Fortpflanzung der homosexuellen ausgleichen

    • Es geht nicht primär um Feminismus, also langweilig 😉

      Ich sehe es übrigens genau so. Aber ich stimme Dir eh immer zu 🙂

      • Anscheinend muss ich es kontroverser formulieren:

        Folgt aus dem Genpool und den Variationen zwischen Mann und Frau zzügl Zwitter, transsexueller, genderfluiden etc das es keine zwei Geschlechter gibt und die feministischen Theorien damit teilweise recht haben?

        • Btw, haben die Femis eigentlich mal genau festgelegt, was denn nun Geschlecht ist?

        • Klar, siehe Butler und co. Eine gesellschaftliche Konstruktion, die an bestimmten körperlichen Gegebenheiten ansetzt

        • Damit hat sich Deine Frage ja erledigt, oder wollen wir versuchen einen Pudding an die Wand nageln?

          Aber ich wette, wenn es um Frauenförderung und Frauenquoten geht, wissen die ganz genau was Geschlecht ist … 🙂

        • Nein, sie leugnen ja nicht, dass es verschiedene Körper gibt, sie sehen nur keinen Grund für unterschiedliche regeln und wollen diese für eine Übergangszeit mit gegenregeln bekämpfen (positive Diskriminierung)

        • „… wollen diese für eine Übergangszeit mit gegenregeln bekämpfen“

          Wollen sie das? Na, wenn Du meinst. 🙂

          Ähhh … wo gibt es denn Frauenkörperwesen benachteiligende staatliche oder gesetzliche Regeln?

          Und noch einmal, was ist denn nun GENAU Geschlecht für Femis, diese Gegenregler?

          Bisher haben wir hier ja nichtmal den, oben erwähnten, Pudding zum Nageln gefunden!? 😦

        • Wer hat von staatlichen oder gesetzlichen regeln gesprochen?

          Im übrigen: die regeln zum Unterhalt oder Sorgerecht bei verheirateten oder dem Umgangsrecht sind auch Geschlechts neutral formuliert

        • Mit anderen Regeln, als den genannten, positiv diskriminieren?

          Da will ich bei sein … 🙂

          Im Übringen, was bitte habe ich mit Unterhalt zu schaffen? Von mir bekommst’e keinen! :mrgreen:

          Und was bringtt’s? Haben das Femigeschlecht immer noch nicht gefunden.

  4. Gerade ein Essay mit Verbindung zum Thema auf den Selbermach Mittwoch 13 (17.06.2015) Seiten.

    Sexual Selection
    A Tale of Male Bias and Feminist Denial
    Griet Vandermassen
    GHENT UNIVERSITY

  5. […] 18.06 Genpool und Variation, Kosten von Spezialisierungen […]

  6. […] Evolution bei den Genen des Einzelnen ansetzt. Eine Spezies ist nicht gleich, sondern hat einen Genpool, mit einer Vielzahl von Unterschieden, die in Konkurrenz zueinander stehen. Damit können […]

  7. […] Natürlich variert auch die Stärke von Tendenzen unter den Menschen, vergleichbar mit vielen anderen biologischen Faktoren. Aber was soll das Aussagen? Körpergröße ist zB ein Wert mit einer gewissen Schwankungen und starker Vererbbarkeit, dennoch sehen wir gewisse Korridore: Wenige Menschen sind unter 1,40 oder über 2,20, die meisten Menschen bewegen sich um einen gewissen Durchschnitt und Männer sind im Schnitt größer als Frauen. Ebenso gibt es bei Verhaltensausprägungen bestimmte Verteilungen mit gewissen Häufungen und Normalverteilungen, nach denen große Abweichungen eher selten. Das alles ist in der Biologie auch nicht ungewöhnlich, denn verschiedene Ausprägungen können eben für besondere Lagen oder Situationen Vorteile bieten. Beispielsweise kann ein Mann eher auf eine Kurzzeitstrategie ausgerichtet sein, also darauf, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen und keine exklusiven Bindungen einzugehen. Dies ist eine riskantere Strategie, die aber viel Erfolg bringen kann etc. Ich hatte dies in dem ersten Artikel auch bereits an dem Beispiel der Tauben und der Falken dargelegt und es war auch innerhalb der evolutionären Theoriewoche ein eigenes Thema unter den Stichwörtern „Genpool, Variation und Kosten der Spezialisierung„ […]


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