Hinweis: Evolutionäre Theoriewoche

Hier ein Hinweis auf die

Evolutionäre Theoriewoche

Ich möchte auch dieses dritte große Thema des Blogs einmal in dieser Form besprechen und werde daher in der Woche vom 15.06-20.06 jeden Tag ein bestimmtes Konzept aus der evolutionären Theorie zur Diskussion stellen.

Ich werde es diesmal etwas anders machen und jeweils etwas dazu schreiben, was ich mit den jeweiligen Theorien meine, also quasi kleinere Artikel dazu. Insofern ist es diesmal nicht einfach nur ein Stichwort, sondern auch Artikel dazu. Es wird also etwas weniger Abstrakt sein als die letzten beiden Theoriewochen.

„Game of Thrones“, Sansa und die Vergewaltigung als das ultimative Böse

Die Vergewaltigung hat einen sehr wichtigen Platz in der feministischen Theorie. Dazu trägt sicherlich bei, dass es ein Verbrechen mit besonderen Geschlechterbezug ist, denn abseits von Gefängnissen werden eben meist Frauen von Männern vergewaltigt. Die Vergewaltigung wird aber über ihre Schrecklichkeit hinaus dort zu einem Verbrechen, welches in der Schrecklichkeit über aller anderer Staftaten liegt und so schrecklich ist, dass es in keiner Weise irgendwie anders als schrecklich sein darf.

Es ist also letztendlich eine Tabuisierung von allem, was der Vergewaltigung den Status des besonderen Verbrechens gibt.

1. Game of Thrones

Das sieht man insbesondere an der Kritik an Game of Thrones. Der erste Fall, der hochkochte war der hier ausführlich besprochene Sex von Cersei und Jamie neben dem toten Sohn.

In einer der letzten Folgen SPOILER wurde nun Sansa Stark an Ramsay verheiratet und dieser hatte natürlich in der Hochzeitsnacht mit ihr Sex, der wie bei Ramsay, einem Sadisten, zu erwarten, pervers ist, aber mehr oder weniger nicht gezeigt, sondern nur angedeutet wird wird. Meiner Meinung nach muss Sansa klar gewesen sein, dass es zum Sex kommen muss, wenn sie Ramsay heiratet, schließlich muss die Ehe vollzogen werden, damit sie wirksam ist und man den Titel hat. Insofern wäre es hier schon fraglich, ob man überhaupt von einer Vergewaltigung sprechen kann, selbst wenn sie den Sex nicht als Sex wollte.

Im Buch ist es nicht Sansa, sondern „Jenny Poole“, eine Mädchen, welches als Arya Stark ausgegeben wird und die auch der Grund ist, warum die Boltons Theon/Reek brauchten, der als Zeuge bei der Hochzeit auftreten sollte, damit mit der Hochzeit auch ein Anspruch auf den Norden gerechtfertigt werden kann. Im Buch ist die Hochzeitsnacht auch wesentlich perverser und selbst HBO hätte sich wohl kaum getraut, das umzusetzen.

Der Austausch Jenny gegen Sansa überrascht, weil sie im Buch an ganz anderer Stelle ist. Allerdings ist ein Buch eben auch ein anderes Medium und eine Jenny wäre uns, da man in einer Serie keine Zeit hat, sie lange aufzubauen, auch relativ egal gewesen. Sie wäre nichts weiter als eine weitere Frau gewesen, der Ramsay übel mitspielt. Zudem ist zu bedenken, dass die Showproduzenten wissen, wie die Serie weiter geht, George Martin hat ihnen ja ungefähr verraten, wie sich die Sache entwickelt. Wenn Sansa letztendlich eh dort landet, wo Theon ist und Jenny zB stirbt oder aus anderen Gründen keine Rolle spielt, dann wäre es in der Tat eine logische Verkürzung, gleich Sansa für die Szene zu verwenden. Ob man so plant oder die Serie einfach in eine andere Richtung geht, bleibt abzuwarten.

Wie bereits bei der ersten Szene gab es jedenfalls auch hier erheblichen Aufruhr, weil die Vergewaltigung von Sansa als Mittel eingesetzt würde, an der ihr Charakter wächst, was niemals sein dürfe, weil Vergewaltigung eben letztendlich das absolute Böse ist, welches niemals einfach so Charakterentwicklung bewirken könne.

Mary Sue, eine feministische Seite, die insbesondere auch viele Serien bespricht, verkündete daraufhin, dass sie nunmehr die Berichterstattung über Game of Thrones einstellen werde. Aus der Begründung:

Those hopes crumbled into a million pieces last night, when Sansa was raped by Ramsay as Theon/Reek was forced to watch.

Before we dive into why we felt this was a choice which would cause us to stop promoting the show, allow us to say something very important: rape is not a necessary plot device. Really think about that before shouting “creative freedom” in our direction, please.

The show has creators. They make the choices. They chose to use rape as a plot device. Again.

In this particular instance, rape is not necessary to Sansa’s character development (she’s already overcome abusive violence at the hands of men); it is not necessary to establish Ramsay as a bad guy (we already know he is); it is not necessary to prove “how bad things were for women” (Game of Thrones exists in a fictional universe, and we already know it’s exceptionally patriarchal). Rape here, like in all instances, is not a necessary story-driving device.

Also der Wunsch, dass die Vergewaltigung als plot device nicht eingesetzt wird, obwohl er natürlich auch im Buch an dieser Stelle, nur eben mit einer anderen Person eingesetzt wird und die Serie auch ansonsten nicht gerade zurückhaltend damit ist uns deutlich zu machen, dass die Welt (und insbesondere die Boltons und ganz besonders Ramsay) gewalttätig sind.

 

Game of Thrones Vergewaltigungen

Game of Thrones Vergewaltigungen

Die Gegenüberstellung finde ich sehr gelungen, weil sie schön zeigt, welche Sonderstellung hier gefordert wird: Alle Gewaltätigkeiten sind okay, egal wie traumatisch, aber eine Vergewaltigung darf nie, nie, nie als plot device eingesetzt werden.

Wenn jemand wählen müsste, ob er in die Rolle von Theon/Reek oder Sansa schlüpfen müsste, dann würden die meisten wohl – auch wenn es natürlich beides schlechte Situationen sind – eher Sansa wählen. Denn Theon wird über Monate brutal gefoltert, entmannt, seelisch gebrochen, er ist danach ein vollkommenes Wrack. Sansa muss „nur“ Sex über sich ergehen lassen.

Das wäre aber eine Betrachtung, die mit dem strikten Gebot, dass Vergewaltigung immer die schlimmstmögliche Tat sein muss, die nicht zu überwinden ist, die nicht voranbringt, die nicht zu einer Weiterentwicklung dienen darf, die nicht überwunden werden darf, nicht in Einklang zu bringen ist.

Mary Sue weiter:

Let’s talk about what this means for Sansa, now. Many assume Sansa’s current plot is leading her to become “The Queen in the North.” Will she rise to power in that way? That seems like a given at this point, but I don’t care. Why? Because Game of Thrones just took her journey, and put it into the hands of Theon.

In Martin’s books, Theon (like Sansa) is a point-of-view character, meaning we see a chunk of the story from his perspective. The extent of Theon’s torture at the hands of Ramsay is barely covered in the show. When he meets Ramsay’s intended, he knows immediately she’s actually Jeyne. Jeyne even pleads with Theon to help her escape before she can be married off to the monster, but having been broken down so badly by Ramsay, Theon can’t bring himself to disobey. On their wedding night, Theon is forced to actively participate in the sexual assault on Jeyne, who goes on to be horrifically abused by her husband going forward. Theon reluctantly takes part in an escape plan a while after.

Using rape as the impetus for character motivations is one of the most problematic tropes in fiction. Rarely is it ever afforded the careful consideration it deserves. Was there more gravity given to the act on Game of Thrones than in the past on the series? I would say yes; however, it took Sansa from her growing place of power, cut her off at the knees, and put the focus on Theon’s ordeal, instead.

Vergewaltigung durch einen Mann an einer starken Frau, die dann evtl einen anderen Mann veranlasst, die vergewaltigte Frau zu retten. Das verstößt gleich gegen zwei Grundsätze:

  1. Vergewaltigung als das ultimative Böse, siehe oben
  2. Die Frau hat sich gefälligst selbst zu retten und soll nicht „Damsel in distress“ sein.

Beides sind aus feministischer Sicht große Sünden, die Kombination beider aber der noch größere Verstoß.

Mary Sue dann weiter

I honestly did have hope Benioff and Weiss wouldn’t go there, especially after the huge and thoughtful discussion by countless journalists and fans surrounding last year’s controversy. But looking at what has taken place this season so far — from Ramsay’s promise to Littlefinger, “I’ll never hurt her. I swear,” to Sansa’s friends at Winterfell, Brienne keeping close watch, and Stannis close to arriving — I assumed Sansa would not go down the same path as Jeyne, especially when you consider Sansa’s own inner strength. As the scene played out, I though she might pull a dagger out of her wedding gown and end Ramsay once and for all.

Einen der am sorgfältigsten aufgebauten Schurken einfach so umbringen, damit sie keine Damsel in Distress ist und man keine Vergewaltigung zeigen muss? Unwahrscheinlich.

After the episode ended, I was gutted. I felt sick to my stomach. And then I was angry. My next thought was, “I’m going to have to spend part of the next six months explaining why this was a bad move over and over.” Not only will there be those who hand-wave the scene simply on the basis of artistic integrity, there will be those who still don’t consider it rape. Which, when you think about the last time we had this conversation, is going to make it all the worse. The cast and creators couldn’t decide if it was rape last time. (They’restill debating it as recently as March of this year.) There are those who won’t call it rape this time. Why? Because she didn’t say no. Because they are husband and wife. Because any of the other hundreds of reasons rape is justified in the real world every single day.

Dass das im feministischen besonders negativ aufgenommen wird, ist verständlich. Denn es kratzt an der Deutungshoheit und stellt etwas in Frage, was zu schrecklich ist, um in Frage gestellt werden zu dürfen.

Ein interessanter Kommentar dazu auch bei Breitbart:

If these aggrieved Tumblrinas took a minute to think, they might figure out why violence against female characters seems so shocking: it’s because on-screen violence against men is so common that it doesn’t surprise us, and that in turn makes on-screen violence against women stand out.

It isn’t hard to figure out, but it does require you to question and interrogate your feelings with reason, which, as we all know, is basically the same as misogyny. (Reality has a well-known patriarchal bias.)

The outrage also misses another point: it isn’t even clear if Sansa was raped. The scene in question is her wedding night, and while she is clearly repelled by the brutal Ramsay Bolton, she also, it could perfectly well be argued, reluctantly consents to all of his requests. It would have been perfectly obvious to Sansa that her new husband was not a beta orbiter satisfied with a Dr Who marathon on his wedding night. (…)

 

But it isn’t just their intolerance for “triggering” plot devices that makes social justice warriors so tedious. It’s their perfectly transparent hypocrisy. On the one hand, they demand more “strong female characters” like Imperator Furiosa. Yet they throw their toys of of the pram whenever female characters are subjected to the same level of brutality as men

As well as exposing modern feminism’s fixation on “trivial bullshit” (to use the words of Ayaan Hirsi Ali, one of the last serious feminists), incidents like this also expose… well, what can we call it, besides sexism? These people will sit through hours of male characters – and even babies – being maimed and mutilated without even noticing, yet fly into a frenzy of moral outrage at the mere suggestion of a rape scene.

Is it any wonder that no-one pays attention to feminists any more? I note with interest that the show’s producers and even the actress who plays Sansa have all dismissed these concerns out of hand. Little wonder: give an inch, and you get run off Twitter, as Joss Whedon discovered recently.

Fictional rapes are indeed a growing problem that demands society’s attention. But it’s not the ones on Game of Thrones we ought to be worried about.

Auch ein berechtigter Gedanke: Vergewaltigung ist eine der wenigen Brutalitäten, deren Ausübung gegen Frauen überhaupt gezeigt werden. Hier könnte also das allgemeine Verbot der Gewalt gegen Frauen fortwirken und in diesem besonderen Verbrechen noch gesteigert werden.

 

2. Bestrafung von Falschbeschuldigungen

Zu dem Punkt „Vergewaltigung als das schlimmste Verbrechen“ fand ich diesen Dialog auf 9Gag ebenfalls noch interessant. Ausgangspunkt war folgendes Bild:

Falschbeschuldigung und deren Strafe

Falschbeschuldigung und deren Strafe

Darunter fand sich in den Kommentaren folgender Dialog:

Kommentar 1:
I agree they should be severely punished e.g. the same jail time the man would have received, but I don’t think they should be registered as sex offenders. A liar is not quite the same as paedophile or a violent attacker
Kommentar 2:
If you think about impact that such lie has on a victim, it is actually much worse I think. I’d sure as hell would prefer to take solid beating and cock in my ass than 20 years of prison, and I’m pretty sure most women would choose the same.
Kommentar 3:
Ok let’s make a new category called: lying sociopaths m. When they enter a new neighborhood after their jail time they should go from door to door and say: I am legally required to inform you that I was a lying sociopath.

 

 

Auch hier wird in dem zweiten Kommentar ein vergleich vorgenommen, der so viele Feministen aufregen wird, weil er eben auch die Stellung der Vergewaltigung als unvergleichbar böse, als das Schlimmste, was einem überhaupt passieren kann, angreift. Natürlich ist eine Vergewaltigung auch in der tat ein schlimmes Verbrechen, aber auch hier wäre die Wahl interessant: Eine Vergewaltigung wie Emma Sulkowicz sie angegeben hat (sie wird hier denke ich gemeint sein) oder 20 Jahre unschuldig im Gefängnis? Vermutlich würden nicht so wenige lieber den Part in Emmas Geschichte übernehmen.

3. Abstufungen von Vergewaltigungen und ihren Folgen

Der Gedanke, dass es sehr schlimme und nicht so schlimme Vergewaltigungen geben kann ist ebenfalls etwas, was an diesem Denkverbot bzw. Verharmlosungsverbot kratzen kann und damit nicht hinnehmbar ist.

Ich erinnere mich an ein Interview einer Frau, die eine Situation schilderte, in der ihr Freund irgendwann etwas zu heftig stieß und sie sauer wurde, weil es ihr nicht gefiel und meinte, er solle aufhören und er dennoch weitermachte, bis er nach kurzer Zeit kam. „Technisch“ meinte sie „war es eine Vergewaltigung, aber ich fühlte mich nicht vergewaltigt, ich dachte einfach, dass er gerade ein Idiot war und warum er so was machte“.

Von dort bis zur brutalen, traumatisierenden Vergewaltigung gibt es verschiedenste Abstufungen und es kommt vor, dass Frau nach einer Vergewaltigungsanzeige wieder mit dem Partner zusammenkommen und die Beziehung fortsetzen (ein großes Hindernis in der Strafverfolgung, da sie die einzige Zeugin ist, wenn sie verheiratet ist, hat sie ein Zeugnisverweigerungsrecht, sonst verlobt man sich eben kurz).

In der feministischen Version gibt es diese Abstufungen aber nicht: Eine Vergewaltigung muss immer unaussprechlich böse sein.

Vielleicht auch ein Grund, warum „folgenlose Vergewaltigungen“ oder „Vergewaltigungen, an denen der Charakter wächst“ so negativ aufgenommen werden (und es gleichzeitig egal wäre, wenn Reek wieder Theon wird und ebenfalls gewachsen wäre).