„Im Feminismus geht es nicht um die persönliche Entscheidung, sondern die Befreiung der Frau“

Ein Richtungsstreit im Feminismus ist interessant, weil er ausgehend vom klassischen Genderfeminismus etwas mehr das totalitäre deutlich macht und klarstellt, dass es nicht darum geht, dass die freie Entscheidung der Frau im Forderung steht („Choice Feminism“), sondern die Auflösung der Geschlechterrollen und damit das „richtige Verhalten“ im Sinne der feministischen Theorie.

Anita Sarkeesian etwa fasst es wie folgt:

„Feminism is about the collective liberation of women as a social class. Feminism is not about personal choice“

„Im Feminismus geht es um die kollektive Befreiung der Frauen als soziale Klasse. Im Feminismus geht es nicht um die persönliche Verhaltenswahl der Frau“

Der dort verlinkte Text schreibt dazu:

First of all, the choice arguments are fundamentally flawed because they assume a level of unmitigated freedom for women that simply doesn’t exist. Yes, we make choices, but these are shaped and constrained by the unequal conditions in which we live. It would only make sense to uncritically celebrate choice in a post-patriarchal world.

Also der Gedanke, dass die patriarchale Welt die Parameter so gestaltet hat, dass die Frau keine freie Entscheidung trifft, sondern eben nur die beste Entscheidung innerhalb einer für sie nicht freien Welt, also innerhalb der für bestehenden Einschränkungen. Hier wirkt sich wieder aus, dass es im Feminismus eigentlich nur unmündige Frauen gibt, jedenfalls keine, die die Gesellschaft mitgestalten. Das die Gesellschaft ein Produkt der Wünsche und Möglichkeiten beider Geschlechter ist, ist in der feministischen „Alles oder nichts“-Gruppentheorie nicht vorgesehen. Wer mehr Macht hat, gestaltet alles. Und das muss eben der Mann sein. Womit eine freie Entscheidung nicht mehr frei ist, sondern nur noch die Entscheidungen innerhalb des Patriarchats erlaubt.

Second, the idea that more choices automatically equate to more freedom is a falsehood. This is essentially just selling neo-liberalism with a feminist twist. Yes, women can now work or stay at home if they have children, for example, but this “choice” is fairly hollow when child-rearing continues to be constructed as “women’s work”, there is insufficient state support for childcare, and childless women are decried as selfish.

Hier wird noch einmal betont, dass Frauen in ihren Rollen gefangen sind und daher ebenfalls keine freie Wahl haben. Und auch noch einmal ausgebaut, dass das Patriarchat leider keine umfassende Freiheit bietet, in der die Entscheidung in jedem Fall von dem Staat und der Gesellschaft unterstützt wird. Das ist natürlich auch schon eine sehr merkwürdige Vorstellung: Wahre Freiheit ist es, wenn ich nur die Entscheidung treffen muss und mich mit den Konsequenzen nicht auseinandersetzen muss. Es ist ja etwas strohmännig. Denn natürlich gibt es viele Zwischenstufen, bei denen die Frau nicht allein auf staatliche Unterstützung angewiesen ist und eine Frau ohne Kinder kann ihre Selbstbestätigung dann eben aus anderen Bereichen ziehen.

Third, the focus on women’s choices as the be-all and end-all of feminism has resulted in in a perverse kind of victim-blaming and a distraction from the real problems women still face. If you’re not happy with the way things are, don’t blame misogyny and sexism, the pay gap, entrenched gender roles, women’s lack of representation on boards or in parliament, or an epidemic of violence against women. Blame yourself. You obviously made the wrong choice.

Auch eine interessante Aussage: Wir wollen keine eigene Verantwortung übernehmen, wir wollen Opfer sein dürfen! Quasi ein Recht auf Jammern statt der Einstellung, dass man eben die Sache anpacken und sein Leben so gestalten muss, wie man es möchte. Das sie in dem Zusammenhang natürlich auch den Gender Pay Gap erwähnen, der ja gerade einen sehr hohen Anteil persönlicher Entscheidung enthält, ist da innerhalb ihrer Denkweise, die dies gar nicht wahr nimmt, vielleicht folgerichtig, aber ansonsten eher unfreiwillig komisch

As sociologist Natalie Jovanovski points out in her Freedom Fallacy chapter, it is not surprising this kind of liberal feminism has risen to prominence. In privileging individual choice above all else, it doesn’t challenge the status quo.

It doesn’t demand significant social change, and it effectively undermines calls for collective action. Basically, it asks nothing of you and delivers nothing in return.

Instead of resistance, we now have activities that were once held up as archetypes of women’s subordinate status being presented as liberating personal choices. Sexual harassment has been reframed as harmless banter that women can enjoy. Marriage is reconstructed as a pro-feminist love-in.

Labiaplasty is seen as helpful cosmetic enhancement. Pornography is rebranded as sexual emancipation. Objectification is the new empowerment.

Feminismus ist eben der Kampf gegen die Unterdrückung der Frau. Auch wenn sie gar nicht unterdrückt ist, sondern tatsächlich in vielen Bereichen eine bewusste Wahl trifft. Und Frauen eine individuelle Wahl zu lassen, wie sie ihr Leben gestalten können und sie dann auch für diese Wahl verantwortlich zu machen, das ist keine Revolution. Und es passt auch nicht in den IDPOL rein, wenn der Opferstatus durch Verantwortung eingeschränkt wird.

Bei Feministin schreibt man zu dem Thema:

I am certainly not fond of the idea that we should consider every choice a woman makes “feminist” — it puts us well on the road to completely devaluing any affirmative meaning feminism may have. But the real problem with “choice feminism” is its fixation on individual choices, and so the answer to this is not feminist criticism that tries to assign those same choices a negative political value. That’s merely buying into the same binarist, neoliberal logic you criticize.

Conversely, the individual fixation which, as Tyler correctly suggests, renders women invisible as a class is a real issue. But the ideological roots of this, in classical liberalism, capitalist ideologies and so on, are found not in beauty culture or heterosexual marriages but in an antipathy to regarding classes of persons as political subjects unto themselves. The Supreme Court case Wal-Mart Stores, Inc. v. Dukes which ruled that female employees of Wal-Mart could not sue for discrimination as a class, and therefore precluded the possibility of a class-action suit, is typical of this tendency that is now pervasive in our society. This was in spite of overwhelming evidence of a structural problem at the retailer that needed to be addressed by a legal case that pitted a collective against a collective, rather than one woman at a time against the nation’s largest corporation.

This fetish for individualism uber alles is indeed a problem, but it is not best explained — or combated — by attacking women who, say, get married or really enjoy wearing makeup.

The real death of a collective feminist politics lies there, surely, fiddling the same piddling few notes while our society burns.

Das finde ich auch schön: Letztendlich ja die Meinung, dass alles irgendwie gleichzeitig möglich sein muss: Die Meinung, dass Frauen machen können, was sie wollen, verbunden damit, dass sie dennoch ein Spielball der Gesellschaft und der diskriminierenden Strukturen sind. Also letztendlich die Auflösung des Kausalzusammenhanges zwischen den Entscheidungen der Frauen und ihren Folgen. Was auch immer sie machen, auch wenn alle Frauen sich für das Hausfrauendasein entscheiden würden, wäre es nicht die Entscheidung der Frau, sondern nur eine Folge der Strukturen.

Es passt zur „weiblichen Unterveranwortlichkeit“ und dem feministischen Doppeldenk, das letztendlich immer eine Opferstellung der Frau erfordert.