Leugnung weiblichen Aggressionspotentials

Bei Onyx werden gerade einige interessante Diskussionen geführt. Ich greife da mal zwei Kommentare raus.

Lezek führte aus:

Anne Wizorek blendet den Forschungsstand zu weiblicher Täterschaft aus, für sie sind fast ausschließlich Männer Täter und das sagt sie auch unmissverständlich. Zitat Anne Wizorek:

„Untersuchungen belegen, dass sexuelle Gewalt fast ausschließlich von Männern verübt wird und der Anteil von Frauen als Täterinnen unter ein Prozent beträgt (…)“
(aus: Anne Wizorek – Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute, Fischer, 2014, S. 115)

Hätte Anne Wizorek ernsthaft in der wissenschaftlichen Literatur zum Thema recherchiert, wäre schnell deutlich geworden, dass das nicht stimmt und dass der Anteil an weiblichen Tätern höher ist als in der pseudowissenschaftlichen radikal- und gender-feministischen Literatur behauptet.
Anne Wizoreks Unsichtbarmachung weiblicher Täter ist ein Schlag ins Gesicht für männliche und weibliche Opfer sexueller Gewalt durch weibliche Täter.

An anderer Stelle des Buches heißt es:
„Bei Vergewaltiger_innen sind zu über 90 Prozent keine psychologischen Auffälligkeiten zu finden. Es gibt keine biologische, psychische oder physische Ursache, die dafür sorgt, dass gerade Männer ihr Sexualverhalten nicht im Griff haben könnten – davon abgesehen, ist das „Argument“ der hilflosen „Triebgesteuerten“ diskriminierend gegenüber Männern.“
(aus: Anne Wizorek – Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute, Fischer, 2014, S. 117)

 

Leszek dann weiter:

“Du kannst Feministinnen vorwerfen, dass sie sich teilweise nicht von dieser Vorstellung gelöst haben. Es ist aber keine Position die primär dem Feminismus anzulasten wäre.”

Niemand außer Geschlechtertraditionalisten und Mainstream-Feministinnen hat solche Schwierigkeiten damit weibliche Täterschaft anzuerkennen.
Konservative Geschlechtertraditionalisten sind aber wenigstens so ehrlich, dass sie ihre stockkonservativen Positionen nicht noch versuchen als “progressiv” und “emanzipatorisch” zu verkaufen

Marget antwortete:

Ich dagegen beobachte, dass das Leugnen weiblichen Aggressionspotenzials ein ganz wesentlicher Bestandteil antifeministischer Diskurse ist. Keine Diskussion um Frauen in Führungspositionen oder auch nur Frauen im Beruf, in der nicht behauptet wird, Frauen würden gerne und freilwillig auf Beruf und Karriere verzichten, weil sie eben nicht “mit der Ellenbogengesellschaft” zurechtkämen.

Nein, ich präzisiere: Weibliche Agressionen werden dort anerkannt und thematisiert, wo es zu ungunsten von Frauen ausfällt: Im Täterkontext. Sie werden aber dort geleugnet oder heruntergespielt, wo es um Gleichstellungsfragen geht. Ich würde dies als zutiefst frauenfeindlich bezeichnen.

Das regt ja zu einem selbstkritischen Hinterfragen an:

Ist es ein Problem Frauen einerseits den „Schneid“ abzuerkennen, weil man meint, dass sie Wettbewerb meiden und ihnen ansonsten, wenn es für sie ungünstig ist, eine Täterrolle zuzuweisen?

Ich würde sagen nein, denn beides sind durchaus verschiedene Positionen: Man kann einen Wettbewerb meiden aber dann, wenn man sich sicher ist, dass der andere sich nicht wehrt, dennoch die Konfrontation suchen.

Ein klassischer Fall wär körperliche Gewalt der Frau, bei der sie auf den eigentlich stärkeren Mann einschlägt und sich dieser nicht wehrt.

Dazu auch:

Man kann das auch noch anders betrachten, nämlich dann, wenn man Täterschaft als Verantwortung sieht und nicht nur als Täterschaft im Sinne von körperlicher Gewalt. Wenn man Frauen also einen Anteil an gesellschaftlichen Strukturen und Anforderungen an andere Menschen zurechnet und sie nicht nur als Spielball von „struktureller Diskriminierung“ oder „gesellschaftlichen Rollen“ sieht, die alleine von Männern oder einer patriarchischen Gesellschaft errichtet werden, sieht. Wenn man sie selbst als planend, aktiv Ziele verfolgend und ihre Interessen umsetzend ansieht. Sprich: Wenn man sie als Subjekte und nicht als Objekte sieht, mit denen die Gesellschaft etwas macht, die durch Geschlechterrollen gesteuert sind.

Das kommt mir im Feminismus zu kurz.

Vgl auch:

Nirgendwo sind Frauen passiver als im Feminismus. Was eigentlich schon erstaunlich ist, weil er sich ja genau dagegen ausspricht.