Ist Opfer-Feminismus mit starken, selbstbewußten Frauen denkbar?

Der Jüngling haut in einem erfreulichen Tempo sehr interessante Beiträge raus, gerade wieder einen, in dem es darum geht, ob starke Frauen mit dem gegenwärtig praktizierten Genderfeminismus, der auf Privilegien, Benachteiligungen und Diskriminierungen abstellt, kompatibel sind.

Im Text heißt es:

Welche dieser beiden Frauen ist selbstbewusst, stark? Diejenige, die auf einen Hinterherpfeiffer losgeht und zusammenstaucht, oder diejenige, die die direkte Anfrage auf den Beischlaf eben als das auffasst, was es ist: Eine Frage, auf der sie jede Möglichkeit hat so zu antworten, wie sie will. Die damit entspannt umgehen kann, und zu guter Letzt sogar mit Neugier reagiert? Die sich nicht bedroht fühlt oder sexuell belästigt, die als sexuell reife Frau mit der Sexualität des Mannes erwachsen umgehen kann und keinen neuerlichen #Aufschrei produziert?

In derselben Liga spielt Frau Thomalla, die ebenfalls zu Protokoll, gab, dass sie selbst damit umgehen kann, wenn ihr ein Kerl dumm kommt: „Da reicht ein Blick, und das war’s dann!“ Die also keine feministische Unterstützung nötig hat.

Und genau das ist der Punkt, warum das, was sich Feministinnen wünschen, nämlich starke Frauen, der Todesstoß für den Feminismus sind. Denn starke Frauen benötigen keine feministischen Anwältinnen, die einen #Aufschrei inszenieren oder Frauenquoten durchsetzen – weil selbstbewusste Frauen solche Situationen selbst regeln können, und selbst in Führungspositionen aufsteigen können, wenn sie es denn wollen.

Es geht also darum, dass eine „starke Frau“ sich nicht beständig als Opfer sehen kann und ein Opfer keine „starke Frau“ sein kann.

So einfach scheint mir die Frage nicht zu beantworten zu sein. Denn gerade die Frage, wie man auf eine doofe Anmache reagiert hängt natürlich auch davon ab, wie man diese bewertet und wahrnimmt. Man kann hier sowohl einen Ansatz sehen, bei dem man diese in ein Verhältnis zu sich selbst setzt und selbstbewußt genug ist, um sie abzutun, man kann sie auch unter dem Aspekt sehen, dass ein solches Verhalten nicht gut für die Gesellschaft ist, weil man nicht will, dass Frauen generell auf diese Weise angesprochen werden und er damit nicht „durchkommen“ soll, man würde also darauf abstellen, dass man selbst eine Verantwortung trägt und sozusagen die „Bestrafungskosten“ auf sich nehmen muss, die ihn in Zukunft von so einem Verhalten abhalten sollen.

Interessanterweise ist die ruhige Betrachtung, bei der man eine solche Situation so einschätzt, dass derjenige ungefährlich ist und es irgendwie interessant findet, nahe dran an einer von mir mal zitierte Definition des Alphamannes:

This is where I come to ‘The Alpha Male’, this is not a man that is controlling and over bearing, it is a man that is self-assured physically and emotionally within himself, not having to dominate externally as his confidence seeps through automatically. He is in control of himself therefore in control of his surroundings, he is not easily flustered and is willing to take risks and if they do not bare fruit he will quickly bounce back and move on to the next challenge. Obviously this can be translated into interactions with females but equally it could be situations at work, leisure activities and with family and friends.

 Auch in dem Beispiel von Jüngling behält die von ihm bevorzugte Frau die Kontrolle, sie ist nicht geschockt, sie ist sich ihrer Sache sicher und muss ihm ihren Willen nicht aufdrängen, dass dieses Verhalten falsch ist. Sie ist nicht leicht zu erschrecken und geht das Risiko ein, dass er ein komischer Kerl und nicht eine interessante Erfahrung ist, weil sie weiß, dass sie damit umgehen kann. Sie ist insofern mehr „Alpha“ als diejenige, die sich bedroht fühlt, die sich beschwert, die sich als Opfer sieht, weil sie damit nicht klar kommt, dass ein Mann sie so direkt auf Sex anspricht.

Und in der Tat kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen, dass eine solche Frau, die in dem oben beschriebenen Sinne „Alpha“ ist, wirkliche poststrukturalistische Genderfeministin sein kann, denn dazu müsste sie sich viel zu sehr als fremdbestimmt ansehen, müsste sich viel unsicherer sein, weil alle um sie herum privilegiert sind und könnte damit auch nicht die Selbstsicherheit ausstrahlen, die eine solche Haltung erfordert. In ihrer Welt ist sie eben der Bestimmer und irgendwelche alten Männer, die noch immer Chauvinisten sind, sind etwas, mit dem sie fertig wird.

Die klassische feministische Erwiderung ist vielleicht, dass genau dafür der Feminismus kämpft, dass Frauen sich eben in einer Welt bewegen können, in der sie sich frei entfalten können und im „feministischen Paradies“ Frauen eben so wären.

Ich glaube aber – neben der Unmöglichkeit des feministischen Paradieses – dass die Denkhaltung im Feminismus es kaum – jedenfalls solange man sich nicht in einer strikten Filterblase reiner Feministen bewegt – möglich macht, eine solch unabhängige Haltung zu entwickeln. Wer immer nur sucht, wie andere ihn diskriminieren, der sieht sich selbst zu wenig als handelndes Subjekt, er ist ein Spielball der anderen, die dann die Kontrolle haben. Es bleibt ihm nur das wütende Verlangen, dass sie diese an ihn abgeben. Was aber wenig souverän wirkt.